Seite:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin II.djvu/163

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Bis zum 9. Jahrhundert herrschte in dem ganzen Gebiet von Türkestan der Buddhismus, der von Tibet hierher sich verbreitet hatte. Seitdem kamen die Apostel des Islam von jenseit des Bolor und des Thian-Schan; ihren Anstrengungen gelang es, beinahe ganz Türkestan, vollständig wenigstens den westlichen Theil desselben, zum Islam zu bekehren. Unter den Glaubenspredigern von Türkestan befinden sich manche in der muhamedanischen Welt hochberühmte Namen. Einer von ihnen war der Chodscha (Nachkomme des Muhamed) Machtuma-Asam, der in der türkestanischen Stadt Kaschgar, so lange er lebte, die größte Verehrung genoß. Nach asiatischer Sitte wurde diese Verehrung auf seine beiden Söhne Ischan-Kalan und Isaak-Wali übertragen; aber die beiden Brüder wurden uneins, und die Verehrer des Machtuma-Asam spalteten sich in zwei Parteien. Die, welche es mit Ischan-Kalan hielten, nannten sich die Weißberger oder Weißmützen, die Anhänger von Isaak-Wali hießen die Schwarzberger oder Schwarzmützen. Bald schied sich die ganze muhamedanische Bevölkerung von Alty-Schähär, der türkestanischen Hexapolis, in diese beiden Parteien: die nördlichen Städte Kaschgar, Usch-Turi fan und Aksu traten für die Weißmützen ein, Jarkand, Chotan und Janyssar für die Schwarzmützen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde der Einfluß der Chodschi im Alty-Schähär so mächtig, daß sich die Linie der Weißmützen der weltlichen Herrschaft in Kaschgar und Jarkand bemächtigen konnte. Dieses Ereigniß gab den Anstoß zu einer Reihe blutiger Kämpfe zwischen den Weiß- und den Schwarzmützen, bis endlich, wie so häufig in Bürgerkriegen, eine fremde Macht sich einmischte, die Kalmüken, und schließlich ganz Alty-Schähär unter die Herrschaft derselben gerieth. Das Kalmükenland aber, die alte Dsungarei, verfiel seinerseits im Jahre 1757 nach furchtbaren Schlächtereien der Herrschaft der Chinesen und eben derselben drei Jahre später auch Alty-Schähär.

Damals waren von der einst zahlreichen Familie der Chodsch nur noch zwei Vertreter übrig, Ssarym-Ssak von den Weißmützen und Nasyr-Chodscha von den Schwarzmützen. Beide fanden nach langen Irrfahrten eine Zuflucht in dem Chanat von Chokand, ohne indeß im Mindesten von dem alten gegenseitigen Familienhaß selbst im Exil abzulassen. Von hier aus zettelten sie und ihre Nachkommen mit chokandscher, keineswegs uneigennütziger Unterstützung mehrmals Aufstände in Alty-Schähär gegen die Chinesen an. Durch solche sind bezeichnet die Jahre 1827, 1829, 1847 und 1857; alle endigten, nicht ohne Schuld der verrätherischen Politik Chokands[1], für die Prätendenten


  1. S. diese Zeitschrift 1867, No. 1, 8.
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Zweiter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1867, Seite 148. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_II.djvu/163&oldid=- (Version vom 1.8.2018)