Seite:Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin IV.djvu/143

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

flüchten, indem sie die ihnen verbliebenen Kostbarkeiten ihren Nachbarn, den ehrlichen Kalmücken, zur Aufbewahrung übergaben. Vergebens ging der alte Burambai, der den rothen Knopf an der Mütze trug und folglich einen bedeutenden Titel unter den Chinesen führte, die chinesischen Behörden um Hülfe an, diese hatten schon seit einigen Jahren die üblichen Inspectionsreisen zum Issyk-Kul eingestellt und wollten von den dortigen Händeln nichts wissen. So blieb dem alten Lehnsmanne China’s nichts übrig, als sich in die Arme der Russen zu werfen; die Bogu sind seitdem Unterthanen des weißen Zars, der durch sie sein Reich an das Ostufer des Issyk-Kul ausdehnte.

Seine Familie mußte der hartgeprüfte Patriarch für schweres Lösegeld freikaufen. Nur die Schwester wollte Umbet-Ala nicht wieder einer Familie zurückgeben, welcher der Mörder seines und ihres Vaters angehörte. Anders jedoch dachte das heldenmüthige Weib selbst, welches durch treue Erfüllung seiner Pflichten den Vater besser zu ehren meinte, als durch Untreue gegen den Stamm, dem doch der Vater selbst es zugeführt hatte. Nach einigen Monaten, als die Aufsicht weniger streng geworden war, entfloh die Gefangene in Gesellschaft einer Stammgenossin, welche ebenfalls das Weib eines Bogu-Mannes gewesen war. Die armen Frauen nahmen als Speise nur eine Schüssel voll Hirse mit, schlugen sich sofort in die Gebirge am Südrande des Issyk-Kul, wanderten hier 17 Tage zu Fuß durch die wildesten Thäler und Schluchten des Thian-Schan, indem sie sich nur von ihrer Hirse und Wurzeln nährten und gelangten endlich bleich, abgezehrt, barfuß und mit zerrissenen Füßen an den Tekes, zu den Jurten ihrer Männer. Die muthige Tochter Urman’s bot nachher alles auf, um der blutigen Fehde der beiden Stämme ein Ende zu machen, erreichte ihren Zweck jedoch nicht eher, als bis die Ssara-Bagisch – wir wissen nicht, ob gezwungen, oder vielleicht klugerweise freiwillig – sich ebenfalls dem weißen Zaren unterwarfen, was zwei Jahre nach Ssemenof’s Reise, also im Jahre 1858 geschah.

Wenden wir uns zu dem Reisenden selbst zurück. In seinen Unterredungen mit dem alten Oheim Umbet-Ala’s erfuhr er, daß dieser schon einmal am Ende des vorigen Jahrhunderts in Peking gewesen war, um den Tribut seines Stammes zu überbringen, daß die Ssara-Bagisch im zweiten Viertel dieses Jahrhunderts in die Unterthanenschaft Chokands getreten und mit dieser wegen der Erpressungen der Beamten sehr unzufrieden waren. – Am Morgen des 8. October, früh 7 Uhr zeigte das Thermometer in der Luft +3,2 Gr. C, im See +5,3 Gr. Daß die Temperatur aber vorher unter 0 gestanden haben

Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Vierter Band. Dietrich Reimer, Berlin 1869, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zeitschrift_der_Gesellschaft_f%C3%BCr_Erdkunde_zu_Berlin_IV.djvu/143&oldid=- (Version vom 1.8.2018)