Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/101

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Geschmacks, zu Schärfung und Veredlung unsres poetischen Urtheils. Dem guten Andreä kommt dabei nichts zur Last; er wollte, wie er konnte und durfte, über einzelne Fälle seiner Zeit, besonders seines Landes, sein Herz ausschütten, und sein moralisches Urtheil äußern, mit nichten aber ein Lehrer oder ein Stern der Dichtkunst werden.

So fort ergiebt sich, warum ich, wenn ichs auch gekonnt hätte, seine Dichtungen in Absicht der Composition nicht habe ändern mögen. Ich wollte, als ich in jüngern Jahren diese Stücke übersetzte, gewiß keine Satyre meiner Zeit schreiben, und mag es jetzt noch minder; ich wollte den alten Andreä zeigen, wie er ist. Warum sollte sich unsre Zeit nicht freuen dörfen, daß viele Laster und böse Gewohnheiten, die er mit harten, dunkeln Farben schildert, in ihr nicht mehr, wenigstens nicht in der scheußlichen Blüthe herrschen, in der sie damals stolzirten? Warum sollten wir uns nicht freuen dürfen, daß die Unduldsamkeit der Theologie, der Scholasticismus der Philosophie,

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/101&oldid=- (Version vom 1.8.2018)