Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/298

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aufgeopfert werden müssen, wenn das Mühlengeklapper des Jambischen Rhythmus ein Erstes und das Hauptgesetz bleibet.

Und wozu diente im Grunde dieser einförmige Rhythmus? Nehmen Sie ein Gedicht, das am schulmäßigsten skandirt ist, und wollen es lesen; wirds nicht unerträglich, wenn man im Lesen skandiret? Sie müssen also erst zerstören, was der Prosodiker hineinzwang, damit nur im lebendigen Gange der Gedanken das Gedicht Geberde und Antlitz zeige – schöne Kunst! schöne Mühe! Griechen und Römer konnten lesend skandiren und skandirend lesen, Metrum und das lebendige Gemälde der Worte mischten sich, und der Sinn folgte. Wo geschieht dies bei unsern eintönigen Jamben? Wer mag sie singen und skandiren, daß sie noch Jamben blieben? Das feine Ohr der südlichen Nationen Europens, die der römischen Sprache näher sind, verließ also ein Gesetz, das weder die Sprache noch der

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 282. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/298&oldid=- (Version vom 1.8.2018)