Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/333

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die Gebehrden des Sängers, die Reize der Sängerin nicht mit ihr verbinden! Wie oft trennen wir einen Gesang des Herzens von der ganzen Scene, in der er gesungen ward und nehmen ihn als ein Privat-Eigenthum mit uns! Hat endlich die wahre Musik sich nicht sogar über alle Instrumente ergoßen, und mit jeder Situation des menschlichen Lebens gleichsam familiarisiret, ohne daß sie weder hier noch dort als Drama erscheinet? Warum müßte sie denn im Tempel dramatisch werden?

„Also ist doch, wird man sagen, die wahre Musik dem Tempel jetzt ziemlich entflohen? und wird sie je in denselben zurückkehren?“ Ganz entflohn ist sie daraus nicht; und es ist wahrscheinlich die Schuld der Tempel mit gewesen, wenn sie daraus hie und da entfliehen mußte. In andern Tempeln wohnet sie noch, obzwar unerkannt der theatralischen Welt; und wenn sie sich aus ihnen in den Meisterwerken der älteren Zeit weit verbreitet hat, so werden diese Meisterwerke von

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 317. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/333&oldid=- (Version vom 24.4.2018)