Seite:Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben.pdf/102

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sichtbare Form oder Farbe das Wunder des Unsichtbaren, den Glanz des nie Gesehenen wiederzugeben. Es ergibt sich natürlich, daß ihre Bilder unerträglich öde sind. Sie haben die sichtbaren Künste zu Künsten des Selbstverständlichen gemacht; und ein Ding ist nicht wert angesehen zu werden: das Selbstverständliche. Ich sage nicht, daß Dichter und Maler nicht denselben Gegenstand behandeln können. Sie haben es immer getan und werden es immer tun. Aber während der Dichter nach Belieben malerisch sein kann oder nicht, muß der Maler immer malerisch sein. Denn ein Maler ist nicht auf das beschränkt, was er in der Natur sieht, sondern was auf Leinwand gesehen werden kann.

Und so, lieber Ernst, werden Bilder dieser Art den Kritiker nicht wirklich anziehn. Er wird sich von ihnen zu solchen Werken wenden, die ihn brüten und träumen und phantasieren lassen, zu Werken, die suggestive Kraft in sich bergen und die einem zu sagen scheinen, daß es selbst von ihnen noch eine Flucht in eine weitere Welt gibt. Man hat manchmal gesagt, das sei die Tragödie des Künstlerdaseins, daß er sein Ideal nicht verwirklichen könne. Aber die wirkliche Tragödie, die die meisten Künstler ohne Ende verfolgt, ist die, daß sie ihr Ideal zu völlig verwirklichen. Denn, wenn das Ideal verwirklicht ist, ist es seines Wunders und seiner geheimnisvollen Schauer beraubt, und es wird aus ihm lediglich ein neuer Ausgangspunkt für ein anderes Ideal. Dies ist der Grund, warum die Musik der vollendete Typus der Kunst ist. Die Musik kann nie ihr letztes Geheimnis enthüllen. Das ist auch die Erklärung dafür, wie wichtig die Beschränkung in der Kunst ist. Der Bildhauer verzichtet freudig auf die nachahmende Farbe und der Maler auf die tatsächlichen Dimensionen der