Sidonia Borken

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Sidonia Borken
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 289–292
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[289]
246. Sidonia Borken.

Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte einmal in Pommern ein adliges Fräulein aus einem alten und vornehmen Geschlechte, Sidonia von Borke geheißen. Von der sagen die Leute, daß sie eine arge Hexe und Zauberin gewesen sey. Einige behaupten zwar, dies sey nicht wahr, und sie sey unschuldig gewesen, aber es ist doch nicht zu läugnen, daß sie zu Stettin vor dem Thore als Hexe öffentlich verbrannt ist. In ihrer Jugend soll sie ganz ausnehmend schön gewesen seyn, und weil sie auch reich und vornehm war, begab sie sich an den Hof der Herzoge von Pommern zu Wolgast und Stettin. Schon da soll sie angefangen haben zu hexen; denn der Herzog Ernst Ludwig zu Wolgast entbrannte dergestalt in Liebe zu ihr, daß er sie mit aller Gewalt heirathen wollte. Die Stettinschen [290] Fürsten wollten dies aber nicht zugeben, brachten es vielmehr zu Wege, daß der Herzog das schönste Fräulein heirathete, so dazumalen in Deutschland war, nämlich die Prinzessin Hedwig von Braunschweig. Darüber gerieth Sidonia Borken in einen großen Zorn, und sie fuhr in ihren bösen Künsten nun dadurch fort, daß sie die sechs jungen Fürsten, welche in damaliger Zeit zu Stettin waren, und sämmtlich junge Gemahlinnen hatten, also verzauberte, daß sie ohne Erben sterben mußten. Darauf ging sie aus Verdruß in das Jungfrauenkloster zu Marienfließ zwischen Stargard und Freienwalde in Hinterpommern.

Hier soll sie nun einen sehr ärgerlichen, boshaftigen Lebenswandel getrieben haben, und sie hat fast nichts gethan, als sich mit Zauberei abzugeben. Insbesondere hat sie Bekanntschaft gemacht mit einer alten Zauberin, Wolde Albrechts; von dieser hat sie einen kleinen Zaubergeist, Namens Chim, gekauft, der ihr nun zu allen ihren Teufelskünsten geholfen. Derselbe hat für gewöhnlich die Gestalt einer Katze gehabt; er hat aber auch manchmal sich als ein dreibeiniger Hase mit einem weißen Ringe um den Hals gezeigt. Sie hat ihn überall hingeschickt, wenn sie ihre Feinde hat quälen oder ums Leben bringen lassen. So hat sie ihn auch insbesondere einmal nach dem Dorfe Boek gesandt. Dort war ein Prediger, Namens Lüdeke, der hatte öffentlich auf der Kanzel über ihr ärgerliches Leben geschimpft; dafür schickte sie flugs ihren Chim zu ihm, daß er ihm den Hals umdrehen mußte, wovon der arme Mann eines gar schrecklichen und erbärmlichen Todes gestorben ist. Wenn sie nun so Jemanden hat tödten oder martern lassen, dann hat sie sich die Hände gerieben und den Spruch gethan: So krabben und kratzen meine Hunde und Katzen! Auch hatte sie immer grüne Besen kreuzweise unter ihrem Tische liegen, und soll die Gewohnheit [291] gehabt haben, sich drei Donnerstage nach einander in demselben Wasser zu baden. Wenn ihr Gesinde zu Bette gegangen, hat sie sich gewöhnlich hingesetzt, und den Judas-Psalm gebetet. Als ihr Chim auf die Letzt etwas schwach geworden und nicht Alles, was sie gewollt, mehr hat ausführen können, hat sie sich von der Wolde Albrechts deren Geist, welcher Jürgen geheißen, zur Hülfe geben lassen.

Solche Zauberkünste hat sie getrieben, bis sie an die achtzig Jahre ist alt geworden. Da hat man zuerst die Hexereien der Wolde Albrechts entdeckt, und diese hat darauf, als man sie auf der Folterbank peinlich gefragt, auch von der Sidonia Borken Alles bekannt. Man hat sodann auch diese Letztere vor Gericht gezogen. Anfangs hat sie hartnäckig geläugnet und sich für unschuldig erklärt. Zuletzt aber, als man auch sie peinlich gefragt, hat sie alle ihre Gräuelthaten zugestanden, deren dann eine Menge an den Tag gekommen. Sie ist darauf, im Jahre 1620 vor dem Mühlenthore zu Stettin enthauptet und ihr Körper verbrannt worden. Man sagt, daß dabei aus dem Scheiterhaufen eine Elster in die Höhe geflogen sey. Ihre Seele soll man in Gestalt dieses Vogels noch jetzt oft in der Abenddämmerung vor dem Mühlenthore herumfliegen sehen.

Selbst während ihres Hexenprozesses hat sie das Zaubern nicht unterlassen können. So lebten zu damaliger Zeit zwei Herren von Mellenthin, die reiseten eines Tages zwischen Schlötenitz und Schellin; und wie sie dabei über den Prozeß der Sidonia Borken sich unterredeten, erhob sich urplötzlich ein so gräuliches Stürmen und Brausen in der Luft, daß die Pferde vor dem Wagen sich losrissen und davon liefen. Sie wurden erst bei Stargard ganz verschüchtert wiedergefunden.

Das Zauberwesen, wodurch sie die sechs Fürsten zu [292] Stettin, und wahrscheinlich auch deren Gemahlinnen unfruchtbar gemacht, soll sie, ihrem eigenen Geständnisse nach, in ein Schloß festgeschlossen und dann in den See zu Mariafließ versenkt haben. –

Viele Leute halten die Sidonia Borken aber auch noch für ganz unschuldig. Sie soll keifischer und neugieriger Natur gewesen seyn, und dabei abergläubisch, so daß sie sich gern mit alten Wahrsagerinnen abgegeben. Darum habe man denn die unwahren Anklagen gegen sie erhoben, daß sie selbst eine Zauberin sey, welche von ihr nur durch die grausamen Qualen auf der Tortur mittelst Geständnisses bestärkt worden sind.

Dähnert, Pommersche Bibliothek, Bd. 4. St. 7. S. 233-251., Bd. 5. St. 4. S. 127-130., St. 5. S. 426-434.
Ferner alle Pommersche Geschichtschreiter, und
Mündlich.