Simon schläfst du?

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Simon schläfst du?
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung) S. 122–125
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Bild
De Zerstreute Blätter V (Herder) 144.jpg
Bearbeitungsstand
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Simon schläfst du?


A. Wie wunderbar ists, daß zur Zeit der grössesten Gefahr die meisten Menschen am sichersten sind!

B. So sollte man ihnen das Simon, schläfst du? beständig ins Ohr rufen.

A. Wer weiß nicht, daß Deutschlands Ansehen und Stärke durch die Uneinigkeit seiner Stände verächtlich werde? daß unser Vaterland an Gut und Zier verarme?

B. Simon, schläfst du?

A. Ist nicht die Religion zum Waarenhandel worden?

B. Simon, schläfst du?

A. Was ist der Richterstuhl, als eine Saat von Processen? Die Curie ein Labyrinth, der Hof ein geheimes Gemach?

B. Simon, schläfst du?

A. In den Schulen, was thut man häufiger, als Ziegenwolle scheren?

B. Simon, schläfst du?

A. Und die Gesetze sind Phantastereien eiteln Wahnes.

B. Simon, schläfst du?

A. Die Priester füttern sich. Und die Obrigkeit tanzt. Das Volk belacht, worüber es weinen; es beweint, worüber es lachen sollte.

B. Simon schläfst du?

A. Die Künstler gebähren Tand.

B. Simon, schläfst du?

A. Und die Jugend entehrt sich.

B. Simon, schläfst du?

A. Unglückliche Erde! wo die Sinnlichkeit Lehrerin, die Heuchelei Rath, Eitelkeit die Gesellin, Meinung der Schmeichler, die Sicherheit unsre Gefährtin, Bosheit unsre Dienerin ist.

B. Schläfst du, Simon? vermagst du nicht diese Stunde zu wachen?

A. Wie sollte wachen, dem der Bauch Gott, sein Wille Gesetz, Ehrsucht die Führerin, Verwegenheit Kunst, Gewohnheit die Regel, ein Dunst Lohn, Possen Delicatessen, die Knechtschaft ein Ehrentitel, starre Trägheit das Ruhekissen, das Ende Verdammniß ist?

B. Erwache, Simon, wenn du nicht im Todtenschlaf träumest.

A. Im Todtenschlafe. Denn den so offenbaren Gott läugnen, eine feindliche Welt lieben, einen unförmlichen Zustand der Dinge loben, des so ungewissen und dennoch gewissen Todes vergessen, sich an dicker Finsterniß vergnügen und die unüberwundene Wahrheit abläugnen; einen sterblichen Ruhm anbeten, ein gegenwärtiges Unglück wegheucheln, und sich der schändlichsten Ketten rühmen; unser selbst in unsrer Brust stupid-unwissend seyn – das ist nicht Todesschlaf, es ist Erstarrung.

B. Erwache, wenn dein Ohr nicht Fels ist; erwache dem Schall der Trommete, die dich zum Licht, zum Tage, zur Unsterblichkeit rufet.

A. Vergebens rufst du einer Zeit zu, in welcher so viele schlafen, in welcher fast niemand wacht.