So verschieden ist es im menschlichen Leben –!

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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: So verschieden ist es im menschlichen Leben –!
Untertitel:
aus: Lerne lachen ohne zu weinen, S. 347-360
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1932 (EA 1931)
Verlag: Ernst Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Andere Version: So verschieden ist es im menschlichen Leben! in: Die Weltbühne vom 14. April 1931
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[347]
So verschieden ist es im menschlichen Leben –!

Diese abgerissenen Sätze stehen in geheimer Verbindung und sind aus der Gehirnloge als Brüder hervorgetreten. Ich hätte sie und die Leser ebenso leicht an eine gemeinschaftliche Galeerenkette der Langeweile schmieden können.

Börne
In der Politik

Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit. Es schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.

*

[348] Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.

*

Ein General in Uniform –: das ist wie ein Kommerzienrat in gebügelter Heizer-Kluft.

*

Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.

*

Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg … das ist eine der dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht unvollkommenen Institution und für sie geführt wird.

*

„Er lebte wie Gott in Frankreich.“ Man sollte das abändern und sagen: „Er lebte wie ein deutscher Divisionskommandeur in Frankreich.“

*

Die Deutschen haben zwar nicht das Pulver erfunden, wohl aber die Philosophie den Pulvers.

*

Das Fett, mit dem der mittlere deutsche Parteiführer das Wort „Berufsbeamtentum“ ausspricht … wenn doch nur jeder Arbeitslose so viel Fett auf seinem Brot hätte!

*

[349] Scharfe Sozialkritiker sind in ihren Nicht-Vaterländern sehr beliebt, nur dürfen es grade keine Kommunisten sein. Sonst aber hat es der Deutsche gern, wenn der Amerikaner die amerikanische Kultur demoliert; wir haben uns immer sehr für die Freiheit der andern interessiert.

*

Der Angestellte hat keine marxistische Erkenntnis; er ist nur persönlich beleidigt. Ein denkender Arbeiter sieht in seinem Schicksal das Schicksal seiner Klasse; ein Angestellter sieht im andern nur den Konkurrenten. Im Augenblick, wo er selber eine Zulage oder gar die Handelsvollmacht bekommt, ist die Frage des Klassenkampfes für ihn entschieden.

*

Der Angestellte lebt von seinem kärglichen Gehalt sowie von der durch nichts zu erschütternden Überzeugung, daß es ohne ihn im Betriebe nicht gehe.

*

Ratschlag für Ehrgeizige. Willst du „richtig liegen“? Dies, mein Sohn, ist die Konjunktur des Tages: pazifistische Terminologie, national-sozialistischer Inhalt, vorgetragen im Ton eines lyrischen Universitätsprofessors, der noch nicht genau weiß, ob er Soziologie oder Philosophie lesen soll. Dergleichen schließt alle Möglichkeiten in sich, verpflichtet zu gar nichts, und du hast es gleich gesagt. Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an. Nicht zu eng – aber schließ dich an.

*
Im Geiste

Der Druckfehler. „Und Faust stieg hernieder zum Ursprung aller Dinge, zum Tiefsten und zum Höchsten, darin die ganze [350] Natur und das menschliche Leben eingeschlossen sind: zu den Matern.“

*

Es gibt Schriftsteller, die rasen sehr exakt. Sie dichten aus dem Reinen ins Unreine.

*

Man kann jeden schreibenden Menschen bis ins Mark daran erkennen, wie er das Wort „ich“ setzt. Manche sollten es lieber nicht setzen. Hitler setzt es. „Wenn ich in Deutschland spreche, so strömen mir die Menschen zu …“ Der Ton ist vom Kaiser entlehnt, und das Ganze hat etwas Gespenstisches: denn dieses „ich“ ist überhaupt nicht da. Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.

*

Ein Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.

*

Manche Schriftsteller sammeln große Männer. „Haben Sie schon Mussolini? Ich habe ihn doppelt!“

*

Bert Brecht hat einen schönen Dreh gefunden: das kleine Einmaleins in getragenem Sing-Sang vorzulesen, wie wenn es die Upanishaden wären. Banalitäten feierlich aufsagen: das bringt vielen Zulauf.

*

Der trockne Pedant hat gewöhnlich ein Ideal: den falschen Abenteurer.

*

Welche Hochachtung hat doch der Franzose vor der Sprache! „Il a trouvé ce mot …“ Das Wort war vorher da, der Autor hat es nur gefunden.

*

[351] Das Englische ist eine einfache, aber schwere Sprache. Es besteht aus lauter Fremdwörtern, die falsch ausgesprochen werden.

*

Früher sagte ein Kunstwerk etwas über die Geistesverfassung seines Schöpfers. Heute zeigt es etwas andres an: die Geistesverfassung des Kunstkaufmanns, der es vertreibt. Selbe ist nicht immer sehr interessant.

*

In der jetzigen Vorkriegszeit herrscht zwischen den Geistigen aller Staaten eine Pen-Club-Atmosphäre, die der Luft in einer sehr guten Kinderstube gleicht: nie reden mehr zugleich als drei, es herrscht gesittete Fröhlichkeit, und zwischendurch schmieren sie sich den Bildungsbrei um die Münder. Die Papas stehen dabei und lächeln und lassen die Kindlein gewähren. Sie wissen: wenns los geht, gehts los, da ist nichts zu befürchten. Sie werden sich schlagen, wie sich ihre Väter geschlagen haben, oder sie werden still und vornehm ins Zimmer stilisieren.

*

Manche Zeitschriften halten sich nur durch die Freiabonnenten.

*

Jede Filmkritik müßte eigentlich so anfangen: „Der vorliegende Film enthält als maßgebliches Element die Kunstanschauungen eines zweiundsechzigjährigen Stiftfräuleins, zweier kunstfremder Oberregierungsräte und eines schwunglosen Malers. Auf deren Zensur hin ist der Film gemacht worden.“

*

Jede Theaterkritik müßte eigentlich so anfangen: „Soundsoviel Prozent der gestrigen Premiereneinnahmen flossen als [352] Pacht in die Tasche des Herrn Direktors Soundso. Er lebt davon.“ Das Theater stirbt daran. Diese wahnwitzige Theaterpacht ist wichtiger als jede Dramaturgie. Denn die Pausen zwischen den Fälligkeitsterminen der Hypothekenzinsen werden durch die Stücke ausgefüllt.

*

Manche Kritiker haben zu Hause so schreckliche Frauen. Und deshalb haben manche Schauspielerinnen so hohe Gagen.

*

Er besuchte alle Premieren – nicht aus Liebe zur Kunst, sondern um als Erster Nein sagen zu können.

*

Die meisten berliner Theater- und Kabarett-Abende gehören dem einen oder dem andern Typus an: jüdische Hochzeit oder münchner Atelierfest.

*

Die Katholiken sitzen vor ihrer Hütte. Ein Heide geht vorbei und pfeift sich eins. Die Katholiken tuscheln: „Der wird sich schön wundern, wenn er mal stirbt!“ Sie klopfen sich auf den Bauch ihrer Frömmigkeit, denn sie haben einen Fahrschein, der Heide aber hat keinen, und er weiß es nicht einmal. Wie hochmütig kann Demut sein!

*

Manchmal fröstelt die Literatur. Dann läuft ihr eine katholische Gänsehaut den Rücken herunter. Protestantische Gänsehäute aber gibt es nicht.

*

Wenn sehr kultivierte, sehr feine, sehr gebildete Schriftsteller grimmig für die Kirche fechten, dann wirkt das, wie [353] wenn reiche Leute ihre Briefe mit einem alten Matrosenmesser aufschneiden. Sie könnten sich natürlich einen guten Brieföffner kaufen … aber um sie herum ist alles so fein, so reich, so vollkommen und so vernickelt: da macht sich das alte verrostete Messer hübsch pittoresk. Mit dem Matrosen hat das gar nichts zu tun. Sie würden sich schön bedanken, es so zu gebrauchen wie er, nämlich im Ernst. Sie gebrauchen es in Anführungszeichen.

*

Neulich habe ich alte Jahrgänge des ‚Brenner‘ gelesen, einer Zeitschrift, die in Innsbruck erschienen ist und wohl noch erscheint … Das war eine merkwürdige Lektüre.

Es gibt eine Menge verhinderter Katholiken, meist sind es Juden, denen ist die katholische Kirche nicht katholisch genug, oder sie erscheint ihnen überhaupt nicht als katholisch. Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinandersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer Anschauungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich hat schützen lassen. Mit so unhonorigen Gegnern trete ich nicht gern an. Was aber jene verhinderten Katholiken angeht, die es gern sein möchten, es aber nicht sein können und die darunter leiden, wie nur ein Mensch leiden kann: es sind das nicht nur die forschen Konvertiten, die da toben. Es ist noch etwas andres.

Da ist eine ganze Literaturgattung, die schlägt der Welt ununterbrochen das Neue Testament auf den Kopf und wundert sich, daß es nicht gut klingt. Das höchste Pathos blüht hier; kaum einer kann gewaltigere Töne finden als der, der aufzeigt: Siehe, die Welt lebt nicht, wie Christus es gelehrt hat. Es gibt nur noch ein Pathos, das höher ist: das ist das Pathos über Christus hinweg.

[354] Im ‚Brenner‘ nun, dessen Sauberkeit, Tapferkeit und Reinheit nicht bezweifelt werden kann, gehts hoch her. Und dabei ist mir etwas aufgefallen.

Da ist zum Beispiel Theodor Haecker, ein Schriftsteller von beachtlichem Format, wenn man nicht genau hinsieht. Wenn man aber genauer hinsieht, dann zeigt sich unter dem Lärm der donnernden Moralpauken ein kleiner Mann, der es dem Hermann Bahr aber ordentlich gibt, und, auf einmal, Hosianna, Amen und Ite missa est, sind wir mitten im fröhlichen Gezänk eines Literaturcafés. Frommer Schwannecke. Es scheint, als ob diese Schriftsteller sich erst religiös sichern müssen, bevor sie loshacken. Sie haben nie begriffen, daß es christlich, mehr: daß es philosophisch wäre, zu schweigen und vorüberzugehn. Ja, wenn ein Gläubiger aufschreit und dem Wahnwitz der Welt einen Spiegel entgegenhält, von dem jene nachher sagt, es sei ein Zerrspiegel, weil sie nicht glauben kann, daß sie so gemein aussehe! Wer dieses aber allmonatlich, regelmäßig und mit hitziger Wonne tut: der ist kein Christ, und wenn er zehnmal den ganzen Kierkegaard übersetzt hat. Der ist genau dasselbe wie Hermann Bahr, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Und schließlich ist psychopathische Lebensuntüchtigkeit noch kein Christentum, und „das Böse“ ist kein Schimpfwort. Wenn einer mit seinem Leben und nun gar mit dem Leben nicht fertig wird, so wird solch ein Anblick dadurch nicht schöner, daß er sich auf die Bibel beruft. Die geheime Wonne, dem andern aber ordentlich eins zu versetzen, wird hier durch Moralinsäure legalisiert und durch eine verfälschte Himmelssüßigkeit, die nach Sacharin schmeckt und durchaus von dieser Erde stammt. Das Ziel ist vielleicht gut; die Kämpfer sind es mitnichten. Und die Hälfte ihrer Religion besteht in der Verachtung der Ungläubigen; das hält warm und ist ein schönes seelisches Unterfutter.

[355] Viel Rauch um diesen Brenner. Schade um die reine Flamme.

*

Man stelle sich vor, Friedrich Nietzsche wäre gestorben, ohne Angehörige zu hinterlassen. Und man stelle sich vor, Freunde hätten sein Werk in Obhut genommen. Und es käme nun eine Frau gegangen, eine Frau Foerster, Lieschen Förster, die sagte: „Ich möchte das Nietzsche-Archiv verwalten. Und die Einleitung zu seinen Werken will ich auch schreiben!“ – Was hätten die Freunde gesagt? Nichts hätten sie gesagt. Man hätte die Achseln gezuckt und geschwiegen: eine arme Person …

Nun aber ist Lieschen die Schwester. Und nun darf sie. Sie darf die Werke Nietzsches einleiten, sie darf den Nachlaß Nietzsches, seine Briefe und seine Zettel verwalten, und sie verwaltet sie so, wie wir wissen. Genutzt hat es ihr nichts. Nietzsche, nicht das Brüderchen, der wahre Nietzsche ist, hauptsächlich durch Andler, bekannt geworden – trotz dieses Archivs.

Aber ist ein solches Urheberrecht nicht eine Schande, ein Recht, das geistige Werke wie alte Socken vererbt? Es ist eine Schande.

*

Wenn ich das schön gedruckte Buch eines mit Buchweizengrütze gefütterten Philosophen aus Amerika lese, hinter seinen Brillengläsern blitzen fröhlich die jungenhaften Augen, die sich so optimistisch mit dem Elend der andern abfinden, alles ist gut und schön, wir haben eine gute Predigt gehabt, Breakfast auch, ja danke, auf welch unbefleckten Wege wohl so ein Wesen zur Welt gekommen sein mag, die Amerikanerinnen sind doch unterhalb des Nabels alle aus Celloloid –

wenn ich so einen fröhlichen Professor lese: dann weiß [356] ich endlich, wie einem gebildeten Chinesen zu Mute ist, der europäische Touristen sieht.


Bei den Damen

Der Kerl versteht nichts von Frauen. Den feinen Damen bietet er Geld an, und auf die Huren macht er Gedichte. Und damit hat er auch noch Erfolg!

*

Von der Eifersucht. Ich sagte zu Germaine: „Heute nacht habe ich von dir geträumt – aber wie!“ Sie zog die Stirn kraus. „Alors tu m’as trompée avec moi!“ sagte sie.

*

Von der Verliebtheit. Von ihr nichts zu bekommen, ist immer noch hübscher, als mit einer andern zu schlafen.


*

Mit dem nackten Körper stets den Begriff der Erotik verbinden: das ist ungefähr so intelligent, wie beim Mund stets an Essen zu denken. Mit dem Mund ißt man nicht nur; man spricht auch mit dem Mund. Durch die nackte Haut atmet man.

*

Sie sprach so viel, daß ihre Zuhörer davon heiser wurden.

*

Die Frauen haben es ja von Zeit zu Zeit auch nicht leicht. Wir Männer aber müssen uns rasieren.

*

Die beste Übersetzung für puella publica, die mir bekannt ist, heißt: Vorfreudenmädchen.

*

[357] Er trug sein Herz in der Hand. Und ruhte nicht, bis sie ihm aus der Hand fraß.

*

„Wozu noch Lust? Ich liebe ihn doch!“ Da war sie neunzehn Jahre. „Wozu noch Liebe? Sie belustigt mich doch!“ Da war er vierzig Jahre. Als sie fünfzig wurden, kam er in die zweite Jugend und liebte, wieder. Sie hatte nie aufgehört, zu lieben.

*

Karlchen ist derartig hinter den Mädchen her! Er hat den Coitus tremens.

*

(Aus den Sprüchen des Pfarrers Otto): „Die Frauen sind die Holzwolle in der Glaskiste des Lebens.“

*
Und überhaupt

Wenn man einen Menschen richtig beurteilen will, so frage man sich immer: „Möchtest du den zum Vorgesetzten haben –?“

*

Sie ließ sich beizeiten von ihm scheiden, weil er Witze um die entscheidende Nuance zu langsam erzählte.

*

Wenn man nach fünftägiger Bekanntschaft zu einem Menschen sagt: „Sie haben etwa den und den Charakter – also werden Sie wohl das und das Schicksal haben“: das glaubt er nicht.

Wenn man ihm aber dasselbe aus der Hand weissagt: das glaubt er.

*

[358] Er ist ebenso dumm, wie er ehrlich ist. Und er ist der ehrlichste Mensch, den ich jemals gesehen habe.

*

Ich reiste im Traum nach Kottbus und ließ dortselbst meine Handtasche stehen. Jetzt muß ich zurückträumen und sie holen.

*

Er kaufte sich eine Hundepeitsche und einen kleinen dazugehörigen Hund.

*

Lungenhaché … das sieht aus wie: „Haben Sie das gegessen, oder werden Sie das essen?“

*

In Ascona, wo die Verdrehten wild vorkommen, fragte einst ein Fremder einen Tessinesen, wer denn diese blassen Fresken an der Kirchhofsmauer geschaffen habe. „Ein vegetarischer Maler“, sagte der Mann.

*

Vom Mitleid. Da war ein Mann, der war ganz gelähmt und lag im Bett. Sprechen konnte er nicht mehr; er hatte eine kleine Buchstabiertafel, auf der fuhr er schwach mit dem Finger herum. Jeden Nachmittag besuchte ihn seine Schwester und erzählte ihm die Neuigkeiten der Welt, auf daß er sich zerstreue. „Denke dir“, sagte sie eines Nachmittags, „der Rudolf! Da hat er doch erst neulich das Pech mit seiner Frau gehabt, und jetzt ist sein kleiner Junge die Treppe heruntergefallen und hat sich das ganze Gesicht zerschlagen!“ Da nahm der Kranke seine Tafel und buchstabierte:

„n – e – b – b – i – c – h – !“

*

[359] Das Äußerste, was ich jemals an Perversität gehört habe, hat mir meine Freundin Grete Walfisch erzählt. Die hat in ihrer Jugend einen alten Hofhund abgerichtet: wenn der einem Menschen schmeicheln sollte, dann mußte er knurren.

*

Die Balten sind die Apotheker Europas – sie haben durchweg einen Sparren. In Ascona wohnte einer, der hatte nie eine Uhr im Haus. In einem Dörfchen, vier Kilometer davon, war eine Turmuhr, die konnte man mit bloßem Auge kaum erkennen. Da kaufte sich der Balte für teures Geld ein Fernrohr und las die Zeit ab.

*

Der dicke Assistenzarzt sagte zu mir: „Es ist doch ein großer Vorteil für mich, fünf Sprachen zu sprechen. Damit kann man überall Hotelportier werden.“

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Da wurde ein dicker Curé aus der Bretagne jüngst von einem seiner Beichtkinder vor einem recht zugänglichen Hause mit einer großen Hausnummer betroffen. „Aber Herr Curé,“ sagte der Gläubige, „Sie gehen in solche Häuser –?“ „Wie können Sie so etwas von mir denken!“ erwiderte der fromme Mann. „Ich habe da nur meinen Regenschirm vergessen.“

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Der schwedische Zeichner Albert Engström hat von einer seiner Figuren gesagt: Er schielte so, daß er Mittwochs beide Sonntage zu gleicher Zeit sah.

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Wenn die Maschinen, die die Menschen so im Lauf der Zeit erfunden haben, nun auch noch funktionierten: was wäre das für ein angenehmes Leben –!

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[360] Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben.

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Manchmal fahren zwei Eisenbahnzüge neben einander her, in derselben Richtung. Die Insassen des schnellern Zuges machen dann fröhliche Gesichter, sehen genau forschend hinüber, ein ganz klein wenig mitleidig. Die des langsamen Zuges schauen gleichgültig drein oder gucken gleichgültig fort. Schnellere Züge interessieren nicht sehr.

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Alles ist richtig, auch das Gegenteil. Nur: „Zwar … aber“ – das ist nie richtig.

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Der schönste Augenblick am Tag ist doch der, wo man morgens unter der Brause hervorkriecht und das Wasser von einem abtropft. Was dann noch kommt, taugt eigentlich nicht mehr viel.

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Der Zustand der gesamten menschlichen Moral läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: We ought to. But we don’t.

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Dies ist, glaube ich, die Fundamentalregel alles Seins: „Das Leben ist gar nicht so. Es ist ganz anders.“