Sommer-Eisbahnen auf wirklichem Eis

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Textdaten
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Autor: C. St.
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Titel: Sommer-Eisbahnen auf wirklichem Eis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 610
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[610] Sommer-Eisbahnen auf wirklichem Eis. Zu den wesentlichen Eigenthümlichkeiten der auf die Spitze getriebenen sogenannten Civilisation hat es jederzeit gehört, die Natur auf den Kopf zu stellen und in einem Leben wider die Natur die höchsten Genüsse zu suchen. Man denke an die alten Römer in den Kaiserzeiten, an die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten – oder besser, man fange bei sich selbst an! Die höchste Unnatur im Kopfputz und in der Kleidung ist „Mode“, ein Kleiderzuschnitt, als ob die Hottentotten-Venus unser Ideal wäre; ohne falsche Haare geht es nicht mehr, und sollten die Todten darum geplündert werden. Die Bäume im Garten werden zurechtgestutzt, die Pferde grausam verstümmelt, die Hunde als Löwen geschoren. Die schöne Landschaft kommt nur noch auf Gemälden zur Geltung und der Sonnenaufgang im Theater. Im Ballete erfreuen wir uns an dem künstlichen Sonnenschein, der durch Leinwandwolken herabglitzert, ja die Schlittschuhläufer in Meyerbeer’s „Propheten“, die uns durch ihre drolligen Künste amüsiren, sind von den Brettern, welche die Welt bedeuten, heruntergestiegen, und Tausende, welche nie ein gefrorenes Wasser betreten haben, finden ein Vergnügen daran, im Sommer Schlittschuh zu laufen.

Aber was für Stümper bleiben wir Deutschen in Sport-Angelegenheiten doch stets gegen die Engländer! Wir begnügen uns mit Cement und fahren auf häßlich schnarrendem Räder-Cothurne, während man dort, auch im Juli und August, für wirkliche Eisflächen zu sorgen weiß, über die man mit echten Stahlschlittschuhen dahingleiten kann. So eine echte Sommer-Eisbahn, wie sie unter anderem in Chelsea besteht, kostet freilich mehr Geld zu unterhalten, als eine Cementbahn, aber dann hat man doch wenigstens einmal gründlich der Natur eine Nase gedreht, während man sich auf der letzteren nur selbst betrügt. Der Fußboden in den diesem neuesten Raffinement gewidmeten Räumen ist dicht mit einem Schlängelwerk dünner Metallröhren bedeckt, in denen beständig Salzwasser circulirt, welches ungefähr bis auf sieben Grad unter dem Gefrierpunkte abgekühlt ist. Die intensiv kalte, nicht selbst gefrierbare Flüssigkeit dieses Röhrensystems bringt die darübergegossene dünne Wasserschicht sehr schnell zum Gefrieren und bewahrt das Eis bei der größten Sommerhitze vor dem Abschmelzen, während der bedeckte und angemessen decorirte Raum angenehm abgekühlt wird. Dem Salzwasser entzieht man, beiläufig bemerkt, seine über –7 Grad weit hinausgehende Sommerwärme durch die rapide Verdunstung flüssiger schwefliger Säure, einer Flüssigkeit, die man durch Zusammenpressen des bekannten stechenden Dampfes von brennendem Schwefel gewinnt. Die Arbeit des „gestrengen Herrn Winters“, den einst Moritz Schwind so schön gezeichnet, „wie er mit emsigem Fleiße die Eisdecke über den Fluß spannt und glättet“, besorgt in letzter Instanz eine Dampfmaschine, welche auf der einen Seite die schleunige Verdampfung der das Salzwasser kühlenden schwefligen Säure, auf der andern die Wiederverdichtung des dabei durch gewöhnliches Brunnenwasser gekühlten Dampfes bewirkt. Man hat nämlich in neuester Zeit diese Flüssigkeit als das beste und billigste Medium erkannt, Kälte fabrikmäßig zu erzeugen. Was würde wohl der alte weise Seneca, der schon darüber eiferte, daß die römischen Schwelger ihren Wein mit weit hergeholtem Gebirgsschnee kühlten, zu unseren mit Dampfmaschinen betriebenen Sommer-Eisbahnen sagen?
C. St.