Spuren großer Dichter

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Sigmund Kolisch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Spuren großer Dichter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 768–771
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[768]
Spuren großer Dichter.


Von Sigmund Kolisch.


Torquato Tasso in Sorrent. – Petrarca in Vaucluse. – Schiller in Jena. – Goethe in Weimar und Karlsbad.


Den Spuren großer Menschen nachzugehen, welche den armen Erdengeschlechtern Welten voll Licht, Glanz und Reichthum zum Geschenke machen und ungekannte Quellen erschlossen, aus denen sie ohne Ende Trost, Freude und Begeisterung schöpfen, gehört wohl zu den schönsten Genüssen, die ein Kind dieses Jammerthals sich verschaffen kann. Und doch – wenn wir die Stätten betreten, wo solche große Menschen gewandelt, wer kann sich des Gefühls der Wehmuth erwehren, der Wehmuth über die Hinfälligkeit alles Irdischen und über die grausame Wahrheit, daß von jeher der Zwillingsbruder des Genius der Schmerz war? Sorrent! Deine flüsternden Orangenbäume erzählen gar viel von dem Weh des Sängers des „befreiten Jerusalem“ und [769] von dem Liebesleid, das er ihnen geklagt. Man glaubt nicht anders, als man müßte die düstere Gestalt des armen Torquato durch deine duftigen Alleen hinwandeln und darüber trauern sehen, daß ihn ein feindseliges Geschick in die Nähe der stolzen Prinzessin gebracht, die er lieben mußte und doch nicht lieben durfte. Der ganze Schmerz des zerstörten Dichterlebens begleitet den Wandelnden durch Sorrents schattige Gänge. Oefters blieb ich sinnend stehen und lauschte, ob nicht das Echo den Namen „Leonore" zurücktönen lasse, den ihm die zitternde Stimme des Poeten ohne Unterlaß zugerufen. In dem Grase, das der Thau [770] befeuchtet, glaubt man die Thränen zu gewahren, die der unglückliche Poet, das Herz voll Liebe und Lieder, geweint hat, weil ihm die schönsten Früchte des Lebens und Mühens vergiftet worden. Was half dem tief Gekränkten, schwer Verwundeten, Todesmüden der verspätete Triumphzug nach dem Capitol! Was hilft es ihm, daß nun, da er im Elende verkommen, Italien seine Lieder singt und seine Gestalt als Götterbild im Pantheon der Nation aufstellt! Die nachträgliche Anbetung entschädigt nicht für all die erlittenen Verfolgungen und Qualen. Der Rückstand bleibt ungedeckt, wie viel auch gezahlt werden mag. Ungern, mühsam reißt sich der Besucher von Sorrent los, wo man dem Leben und Dichten des edeln Torquato näher zu rücken glaubt als anderwärts, obgleich die Betrachtungen, zu denen der Ort ladet, nichts weniger als heiter sind. –

Wer von Paris über Marseille nach Italien reist, nicht um Handel zu treiben, sondern um zu sehen, zu bewundern, zu genießen, macht gewiß zu Avignon, dem alten Wohnsitz der Päpste, Halt, und wäre es auch nur, um das nahegelegene Vaucluse zu besuchen. Mir erging es, wie es Anderen im gleichen Falle ergeht, als im Jahre 1854 eine erwünschte Wendung der Verhältnisse mir erlaubte, der brennenden Atmosphäre von Paris für einige Zeit Lebewohl zu sagen und den Weg nach dem gelobten Lande der Kunst und der großen Erinnerungen einzuschlagen. Zwei Tage blieb ich in Avignon und konnte eine der seltsamsten Metamorphosen wahrnehmen, die wie kaum eine andere Erscheinung das Franzosenthum kennzeichnet. Der Palast der Statthalter Christi war in eine Caserne umgewandelt. Ueberhaupt schien Alles in Verfall und Auflösung gerathen zu sein, was an die Zeiten der Wittwenschaft Roms mahnen konnte.

In Gesellschaft eines deutschen Professors, der an der Schule von Avignon deutsche Sprache und Literatur vortrug, seiner Gattin und meines Reisegefährten machte ich die Fahrt nach Vaucluse, wo Petrarca angeblich mit seiner Laura in süßer Zurückgezogenheit, fern von den Mühen und Kümmernissen der Welt, olympische Tage des Glückes und der Freude verlebte.

Unser Planet ist arg in Verruf gebracht von schwarzgalligen Weltbetrachtern, die kein Gedächtniß haben für empfundene Seligkeiten, die Finsterniß des eigenen Wesens über alle Blumen und Sterne breiten und dann klagen, daß es so glanzlos und dunkel sei auf dieser Erde. Diesen Fanatikern des Jammers erscheint der Frühling als ein Komödiant, der die Geschöpfe durch sein trügerisches Spiel berückt, zuletzt die täuschende Maske abwirft, um als Winter die Arbeit der Zerstörung zu vollbringen. Die Wiege ist ihnen ein verkappter Sarg, Jugend ein Paradies, aus dem Jeder, auch ohne daß er verbotene Frucht genossen, von bösen Geistern hinausgejagt wird, um die Mühseligkeit des Daseins um so härter zu empfinden. Die Liebe halten sie für nicht mehr als eine vorübergehende Tollheit der Begierden, die Begeisterung für eine Blase des Geistes, die in Folge eines starken Druckes platzt und als eiternde Wunde zurückbleibt. Die Glücklicheren aber, welche von jeher die Gabe besitzen, über den Werth der Dinge mit gesundem Urtheile Buch und Rechnung zu führen, sie wissen, wie reich die Erde an Herrlichkeiten jeder Art ist. Wenn sie vielleicht Gefahr laufen, von dem schwarzen Gedankenfieber angekränkelt zu werden, dann mögen sie eine Wallfahrt nach Vaucluse unternehmen, und wenn sie der Aufenthalt in der zauberhaften Stille des reizenden Thales von dem Uebel nicht befreit, dann mögen sie sich nach einem Kloster umsehen, um zu sterben.

Nach mancherlei Biegungen und Krümmungen des Weges, der sich zwischen Anhöhen hinzieht, gelangten wir in ein abschüssiges Thal, das mit seiner Ruhe und seinem Frieden sich vor den Augen der Welt zu verbergen scheint. Aus allen Richtungen, wie zu einem verabredeten Stelldichein, rieseln an die dreißig Quellen, mit sich selber plaudernd, herbei und vereinigen ohne jeden Einspruch, ohne Streit ihre Wässer zu einem Bache, der das Thal entlang wohlgemuth hinunter plätschert. Das Schauspiel dieser Eintracht, dieses gemeinschaftlichen Wandelns und Wirkens macht einen besänftigenden, rührenden Eindruck auf das Herz, und Petrarca, dem all’ die Laster und Frevel, deren Zeuge er war, nahe gingen, mochte hier Trost, Erholung und die rechte Stimmung zu den Liebesliedern finden, die noch jetzt empfindsame Seelen rühren und erquicken. –

Im Jahre 1848, nachdem Wien von den Soldaten des Fürsten Windischgräz eingenommen war, hatten sich einige österreichische Flüchtlinge, durch den Ausgang des Kampfes brod- und heimathlos, in Leipzig zusammengefunden. Der Verleger Otto Wigand erwies sich den Verbannten theilnehmend und dienstfertig. Gewiß mehr den schwer Getroffenen zu Gefallen, als von der Aussicht auf Gewinn bestimmt, ließ er sich zur Herausgabe einer Wochenschrift herbei, welche vornehmlich die österreichischen Verhältnisse in den Kreis ihrer Thätigkeit ziehen sollte und den Titel „Wiener Boten“ annahm. Als die Träger des Blattes waren angeführt: Kolisch, Gritzner, Frank, Engländer. Die Ereignisse verschlangen, wie so viele andere kaum begonnene Werke, auch diesen jugendlichen, um nicht zu sagen unreifen Versuch. Das Unternehmen glich einem Tropfen, der in’s Meer fällt.

Eines Morgens, als wir zu unserem hülfreichen Bundesgenossen kamen, um über den Inhalt der nächsten Nummer der „Wiener Boten“ die eingeführte Berathung zu halten, fanden wir ihn niedergeschlagen, sichtlich unruhig. Der sonst scharfe Ton seiner Stimme war einem gedämpften weichen Klange der Sprache gewichen. Sein Betragen, das man sonst ein ungezwungenes nennen durfte, war zurückhaltend, feierlich. Selbst im Blicke zeigte sich ein sanfter Ausdruck, der an dem energischen Manne auffallen mußte. Die seltsame Erscheinung trat uns wie ein Räthsel entgegen, wir sahen einander überrascht fragend an, die gedrückte Stimmung des Verlegers übertrug sich allmählich auf uns selbst. Nach einigen schwer gefundenen Worten der Vorbereitung, wie um unsere Gemüther zu schonen, zaudernd, mit verlegener Miene machte uns der Freund die Eröffnung, daß in Leipzig unseres Bleibens nicht mehr sei. Froh, des Zwanges ledig und von der peinlichen Zurückhaltung befreit zu sein, rief er mit der vollen Kraft seiner Stimme: „Sie müssen fort, meine Herren. Vom Polizeidirector habe ich einen Wink erhalten, der mich überzeugt, daß Ihnen hier eine ernste Gefahr droht.“

In der ersten Aufregung durch die unerwartete Neuigkeit kamen verzweifelte Vorschläge zum Ausdruck; nicht lange jedoch, so gewann die Besonnenheit die Oberhand, und wir faßten den Beschluß, daß zwei von uns nach Jena, zwei nach Frankfurt am Main sich begeben, von wo aus wir ebenso gut wie in Leipzig selbst unsere Wochenschrift mit den erforderlichen Beiträgen würden versorgen können; daß wir unter diesen Umständen mit der Abreise nicht lange gezaudert haben, läßt sich denken; unser Seelenzustand war derart, daß uns die erhitzte Phantasie die angekündigte Gefahr viel größer und näher zeigte, als sie wirklich war. Denn in der That waren nicht nur all die Schreckgestalten, die den Genossen quälten, eitel Einbildung, die Warnung selbst beruhte auf einem Mißverständniß. Der für uns besorgte Verleger hatte eine Aeußerung des Polizeileiters falsch aufgefaßt und gedeutet.

Dem getroffenen Uebereinkommen gemäß zogen Frank und ich nach Jena. Herr Otto Wigand wollte sich’s nicht nehmen lassen, uns dahin zu begleiten und mit seinen dortigen Freunden in Verbindung zu setzen. Am nächsten stand ihm Professor O. L. B. Wolf, der durch das Sammelbuch „Der deutsche Hausschatz“ den Anstoß zu den unzähligen Veröffentlichungen dieser Art gegeben, und dem Verlag unseres Freundes ein schönes Geld eingebracht hat.

Mit weltmännischer Liebenswürdigkeit zeigte sich Herr Wolf beflissen, uns nach Kräften angenehm und nützlich zu sein; der Verkehr mit den Professoren Siebert und Schleiden, welche durch politische Meinungen und Neigungen sich zu uns hingezogen fühlten, war für uns eine Quelle der Unterhaltung, der Anregung und Belehrung.

Ich brauchte diese Mittel der Zerstreuung gar nicht. Der Gedanke, daß ich auf dem Punkte mich befand, von welchem aus Friedrich Schiller auf die geistige Welt so mächtig wirkte, ersetzte mir reichlich die Vergnügungen der großen Städte. Wie bekannt, ist Jena nichts weiter, als ein Dorf mit einer Hochschule. Machten die Studenten mit ihrem Treiben und Drängen, mit ihren Trinkgelagen und jugendlichen Tollheiten nicht einigen Lärm, ich glaube, in dieser Grabesruhe entschliefen die Pulsschläge des Lebens.

Trotz der peinlichen Verhältnisse, die mich nach dem kleinen Orte verschlagen, trotz der Verhöhnung durch die Genüsse und [771] Freuden der lasterhaften Kaiserstadt an der Donau, trotz des rauhen, schmerzlichen Griffes der Wirklichkeit in die glänzenden Träume und Hoffnungen meines Herzens, war es mir ganz feierlich wohl zu Muthe in Jena, wo des Deutschen geliebtester Poet unter den kleineren Menschen gewandelt und ungestört durch Sorgen und Mühen, durch Lästerungen und Angriffe den traulichen Verkehr mit Göttern und Göttinnen unterhielt. Die Seele voll Ehrfurcht und Anbetung, suchte ich die Pfade auf, die der Hohe gegangen, die Plätzchen, welche ihn angezogen, die Stuben, welche ihn aufnahmen, die Bäume, unter deren Schatten er gesonnen und gedichtet. In diesem Geschäfte der Vertiefung in das Sein und Walten des edlen Mannes lag ein Reiz, der mir den neuen Aufenthalt verschönerte und versüßte. Noch heute, nach dreiundzwanzig Jahren ist es mir eine Wollust zu denken, wie ich in jenen Tagen schwerer Heimsuchung auf dem Wege, so zu sagen, in die Verbannung, die Fußstapfen Schiller’s aufgespürt und verfolgt habe. –

Ueber jede Schätzung werthvoll bleibt mir die Erinnerung an meinen Aufenthalt in Weimar im Jahre 1849, wo um jene Zeit der mächtige Einfluß Goethe’s an Personen und Dingen sich noch lebendig zeigte. Der herrschende Ton hatte noch etwas von der Feinheit und Bildung übrig behalten, wie sie von dem Meister ausgingen und gefördert wurden. Wenn ich Eckermann sprechen hörte, war es mir, als klänge aus den Worten eine Nachwirkung des traulichen Verkehrs mit dem Unsterblichen. Der Mann schien mir durch die Auszeichnung wirklich geadelt; aber nicht etwa wie die Industrieritter unserer Zeit, sondern im besten Sinne des Wortes. Noch andere Personen lebten um jene Zeit, die in die Nähe des hohen Dichters gekommen waren. Geh. Rath Müller, der nichts von dem frommen, milden Wesen Eckermann’s an sich hatte und in der Gesellschaft von Weimar nicht sonderlich gut gelitten war, galt mir doch als ein geweihter Mensch, weil ihn Goethe seines Wohlwollens gewürdigt. Ich konnte nicht anders, als ihn mit Theilnahme und Verehrung betrachten. Von den Bühnengestalten, die unter Goethe’s Leitung die künstlerische Laufbahn durchgemacht, war nur noch Einer in Wirksamkeit: der alte Durand. Unverbrüchlich treu den Lehren des Meisters, bewahrte sich der Schauspieler die classische Ruhe im wildesten Aufruhr der Leidenschaft, die Achtung vor dem Gesetz des Maßes und der Schönheit, neben mancherlei Verzerrungen der andersgeschulten Kunstgenossen. Ohne daß ich weiter in den Werth oder Unwerth seiner dramatischen Richtung einging, war mir Herr Durand eine kostbare Erinnerung an den unvergleichlichen Theatervorsteher. –

Vergangenes Jahr in Karlsbad, beschäftigte mich weit mehr als die Wunder der kochenden Heilquellen, als das Treiben der Gäste und die fesselnde Anmuth des Thales der Gedanke, daß Goethe vierzehnmal den Curort besucht und sich daselbst mit Vorliebe aufgehalten habe. Wie eine schöne Hoffnung schwebte mir die Möglichkeit vor, irgendwelche Personen zu entdecken, die mit dem großen Menschen in Berührung und Verkehr gestanden. Ohne mich durch die Erwägung entmuthigen zu lassen, daß gewiß schon andere Schriftsteller vor mir dieser Fährte gefolgt sein mochten, verlegte ich mich mit dem Eifer eines Schatzgräbers auf’s Nachforschen. Ich besuchte Dr. Mlawaczek, der ein werthvolles Buch über Karlsbad veröffentlicht hat und auch der wiederholten Anwesenheit des Olympiers von Frankfurt im Badeorte erwähnt, und bat den gefälligen Mann um seinen Beistand bei meinem Unternehmen. Er zuckte die Achseln und betheuerte in der aufrichtigsten Weise seines Herzens, daß ihm über Goethe’s Aufenthalt in Karlsbad nicht mehr bekannt sei, als er in der herausgegebenen Schrift mitgetheilt habe. Auch sehe er sich vergebens nach einem Anhaltspunkte um, der in dieser Beziehung zu einem erwünschten Ergebniß führen könnte. Besser erging es mir mit Dr. Bermann. Der zuvorkommende Greis wußte zwar auch nicht mehr als das Allgemeinste über den Aufenthalt Goethe’s in Karlsbad; allein er kannte die Eigenthümer des Hauses zu den „Drei Mohren“, in welchem Goethe, wenn er nach Karlsbad kam, Wohnung nahm, und erbot sich, mit mir bei den Leuten Nachfrage zu halten. Auf diesem Wege lernte ich Frau Glaser kennen, die Tochter der Heilingetters, welche das Haus zu den „Drei Mohren“ gehalten und dem Dichter die Wohnung vermiethet hatten. Die Frau treibt das Gewerbe ihrer Eltern, nur daß sie jetzt in dem Hause zum „Marktbrunnen“ Badegäste unterbringt und bewirthet. Ich fand sie vollauf beschäftigt mit Ordnen und Säubern, und ihr Anzug unterschied sie kaum von der Magd, welche ihren Befehlen gehorcht. Als Herr Dr. Bermann ihr den Zweck unseres Besuches mittheilte und einige Fragen über den hohen Inwohner ihrer Eltern an sie richtete, gab sie in der schlichtesten Weise Bescheid. Sie versicherte, daß sie sich ganz gut des stattlichen Herrn erinnere, der immer freundlich und liebevoll mit ihr und ihrer jüngeren Schwester gewesen. Sie waren damals Kinder, die Eine von neun bis zehn, die Andere von sieben bis acht Jahren. So oft der berühmte Mann eine Einladung zu Tische angenommen hatte, brachte er den beiden Kindern Gebäck oder andere Süßigkeiten in einer Düte mit. Manchmal kam er von diesen Gastereien in Gesellschaft vornehmer Herren nach Hause; doch so wie er der beiden Kinder ansichtig wurde, ging er auf sie zu, küßte sie und gab ihnen die Leckerbissen. Fast niemals sei er an den kleinen Mädchen vorübergegangen, ohne ihnen eine Zärtlichkeit zu bezeigen.

Wenn Goethe Gäste bei sich zum Essen lud, mußten die Kinder häufig dabei sein; sie saßen am Tische und er bewirthete sie mit besonderer Aufmerksamkeit. Früher hatte der Dichter drei Treppen hoch gewohnt, später jedoch ist er in den ersten Stock herunter gerückt. Einmal waren Leute bei Goethe zu Besuch, und er las ihnen etwas vor. Das klang so schön, daß die Kinder an der Thür blieben und lauschten. Nicht eher rührten sie sich weg, als bis es wieder still wurde in der Stube des Dichters, „Noch jetzt,“ sagte die gute Frau in ihrer unbefangenen Weise, „empfinde ich ein Vergnügen, wenn ich an die kräftige Stimme und den schönen Vortrag denke. Alles habe ich verstanden, so ausgezeichnet wußte unser Inwohner zu sprechen und zu betonen. Nie habe ich seitdem etwas Aehnliches gehört, auch nicht, wenn ich ab und zu einmal Zeit fand in’s Theater zu gehen.“ Bisweilen borgte sich Goethe von seinen Hausleuten die Bibel, die er mehrere Tage durch behielt.

Vierzehn Mal, wie gesagt, war der Dichter in Karlsbad, und so oft er in den Curort kam, wohnte er bei den Heilingetters, denen er bei vielen Gelegenheiten sein Wohlwollen zu erkennen gab. Nur als er zuletzt im Jahre 1823 Karlsbad besuchte, kehrte er beim „Strauß“ statt bei den „Drei Mohren“ ein. Denn diesmal war es nicht die Heilquelle, sondern das Polenfräulein Ulrike von Lebezow, die den vierundsiebenzigjährigen Dichter hierher gezogen. Natürlich quartierte der Freier sich ein, wo der Gegenstand seiner Liebe sich einquartiert hatte. Doch ermangelte Goethe nicht, die Heilingetters zu besuchen und sie wegen seiner Untreue um Entschuldigung zu bitten. Aufrichtig gestand er den Grund des Quartierwechsels und sagte ihr: „Sehen Sie, was ein Mensch mit grauen Haaren für Dummheiten machen kann. Doch an so etwas trägt Niemand Schuld.“

Noch einmal vor seiner Abreise besuchte der Dichter die Heilingetters, um Abschied von ihnen zu nehmen. Ich fragte, ob sich nicht etwa noch einige von den Gegenständen vorfänden, deren sich Goethe bedient hat, und Frau Glaser erwiderte: „Ach, Alles haben sie weggenommen, die Studenten und andere Anhänger des berühmten Mannes. Was nur irgend in Berührung gekommen war mit dem ausgezeichneten Inwohner meiner Eltern, mußte ich hergeben. Sogar eine Thür aus rohem Holze, welche zu dem geheimsten Winkel des Hauses führte. Die hat mir der Minister irgend eines Landes abgekauft, wie sehr ich mich dagegen auch sträubte. Denn sie war von der Hand des großen Mannes mit Versen und Sprüchen vollgeschrieben. Ich weiß nicht einmal, wohin sie gebracht wurde, denn ich erinnere mich weder des Mannes noch der Heimath des hochgestellten Käufers.“ Nichts als einen Spiegel, vor welchem Goethe seinen Anzug zu ordnen pflegte, hatte die Frau übrig behalten; den aber will sie um keinen Preis verkaufen, damit sie ihren Kindern und Enkeln ein Andenken an die Ehre hinterlassen kann, welche der Familie zu Theil geworden. Sie zeigte mir den Spiegel, er ist von mittlerer Größe, ganz gut erhalten, und steckt in einem Rahmen mit Spiegelglas verziert, wie er noch zu Anfang dieses Jahrhunderts in Bürgerhäusern häufig anzutreffen war.

Noch einmal besuchte ich Frau Glaser, um Abschied von ihr zu nehmen und mich für die Mittheilung zu bedanken, welche ein Stückchen des zarten Dichtergemüths enthüllte. Ich würde es für ein Verbrechen halten, den Fund der Welt vorzuenthalten.