Steppenbild (Die Gartenlaube 1856/1)

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Steppenbild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 16
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[15] Steppenbild. Nicht allein die Fieber der Regenzeit, die Musquitos, noch andere Feinde bedrohen Menschen und Thiere in den Steppen Afrika’s. Mit Sonnenuntergang hat der Nomade seine Heerden in der sicheren Serieba eingehördet. Dunkel senktsich die Nacht auf das geräuschvolle Lager herab. Die Schafe blöcken nach ihren Jungen; die Rinder, welche bereits gemolken [16] wurden, haben sich niedergethan. Eine Meute wachsamer Hunde hält die Wacht. Mit einem Male läutet sie hell auf, im Nu ist sie versammelt und stürmt in einer Richtung in die Nacht hinaus. Man hört den Lärm eines kurzen Kampfes, wüthende, bellende Laute und grimmiges, heißeres Gebrüll – sodann Triumphgeläut – eine Hyäne umschlich das Lager, mußte aber vor den muthigen Wächtern der Heerden nach kurzer Gegenwehr die Flucht ergreifen. Einem Leoparden würde es nicht besser gegangen sein. Urplötzlich scheint die Erde beben – in nächster Nähe brüllt ein Löwe. Dreimal – so sagen die Eingebornen – kündet er mit donnernder Stimme seine Ankunft, dann nähert er sich der Serieba. In dieser offenbart sich die größte Bestürzung. Die Schafe rennen gegen die Dornenhecken, die Ziegen schreien laut, die Rinder rotten sich mit lautem Angstgestöhn zu wirren Haufen zusammen, das Kameel sucht, weil es gern entfliehen möchte, alle Fesseln zu zersprengen. Und die muthigen Hunde, welche Leoparden und Hyäne bekämpften, heulen laut und kläglich und flüchten sich zu ihrem Herrn. Dieser aber wagt sich nicht hinaus in die Nacht; er wagt es nicht, nur mit seiner Lanze bewaffnet, einem so mächtigen Feinde gegenüberzutreten und läßt es geschehen, daß er mit einem gewaltigen Satze die oft zehn Fuß hohe Dornenmauer überspringt und sich ein Opfer auswählt. Ein Schlag seiner furchtbaren Pranken betäubt ein zweijähriges Rind, das kräftige Gebiß zermalmt die Wirbelknochen des Halses und damit den Lebensnerv des widerstandsunfähigen Thieres. Dumpf grollend liegt der Räuber auf seiner Beute, die großen Augen funkeln hell vor Siegeslust und Raubbegier. Dann tritt er seinen Rückweg an. Er muß zurück über die hohe Umzäunung und will auch seine Beute mit sich nehmen. All’ seine ungeheure Kraft ist erforderlich, mit dem Rind im Rachen den Rücksprung auszuführen. Aber er gelingt und nun schleppt er die schwere Last mit Leichtigkeit seinem, vielleicht eine Meile entfernten Lager zu. Alles Lebende am Lager athmet freier auf, es schien durch die Furcht gebannt zu sein. Der Hirt ergiebt sich gefaßt in sein Schicksal, er weiß, daß der Löwe seiner Heerde immer auf dem Fuß folgt, mag er sich wenden wohin er will. Der Verlust, den er durch den König der Wildniß erleidet, ist ebenso groß als die Steuer, welche er in untadelhaften Viehstücken dem Könige des Landes geben muß. Zwei Könige fordern Tribut von ihm, er muß beiden gerecht werden; beider Forderungen sind unabwendbar. Er ist froh, wenn ihn der Himmel noch vor größerem Unheil bewahrt.

Ich bin erst durch vielseitige Versicherungen der Eingebornen und eigene Anschauung überzeugt worden, daß der Löwe wirklich ein derartiges Kraftstück auszuführen vermag, wie den oben erwähnten Zaunsprung. Man hat mir am blauen Flusse eine Serieba von mindestens acht Fuß Höhe gezeigt, über welche ein Löwe mit einem Rind im Rachen gesprungen war. Wenn sich meine Leser ein Bild des Löwen der Wälder Ost-Sudahn’s machen wollen, bitte ich sie, die halberwachsenen, halbverkrüppelten Exemplare, welche man in Menagerieen sieht, nicht zum Maßstabe zu nehmen.

Man könnte das Gebrüll des Löwen einen Ausdruck seiner Kraft nennen; es ist einzig in seiner Art und wird von keiner Stimme eines anderen lebenden Wesens übertroffen. Die Araber haben ein sehr bezeichnendes Wort dafür: „raad,“ donnern. Beschreiben läßt es sich nicht. Tief aus des Löwen Brust scheint es hervorzukommen, es scheint diese zersprengen zu wollen. Furchterregend schlägt es an jedes Ohr. Die heulende Hyäne, der brummende Panther, die blöckende Heerde verstummt; der gurgelnde Affe klettert zu den höchsten Aesten der Baumwipfel hinauf; die Gazelle entflieht in eiligem Laufe; das beladene Kameel zittert, gehorcht keinem Zuruf seines Treibers mehr, wirft seine Lasten, seinen Reiter ab und sucht sein Heil in eiliger Flucht. Und selbst der Mensch, der sowohl Ausgerüstete, jedes Thier geistig so hoch Ueberragende, fragt sich, ob wohl seine moralische Kraft der höchsten Potenz der physischen die Spitze bieten könne.

„Der Mann, der nie gebebt in seinem Leben,
Der fühlet hier zum ersten Mal sein Herz erbeben.“