Streifzüge bei den Kriegführenden/1. Erste friedliche Station

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Paul d’Abrest
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Streifzüge bei den Kriegführenden - 1. Erste friedliche Station
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 334–336
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[334]
Streifzüge bei den Kriegführenden.
1. Erste friedliche Station.
Von Köln zur russischen Grenze. – Russischer Zoll, russische Küche. – Auf dem Wege. – Eine reisende Menagerie. – Die Brasilianerin und der tapfere Serbe. – Ankunft in St. Petersburg. – Die Droskys. – Russisch-deutsche Gastfreundschaft. – Die Sterletsuppe. – Ein geheimer Polizist. – Eine Gastvorstellung des Winters.


Im Schlafwagen des Kölner Zuges, mit dem ich meine Reise antrat, um der „Gartenlaube“ vom Kriegsschauplatze aus meine hiermit eröffneten „Streifzüge“ zugehen zu lassen gab es schon einen kleinen Vorgeschmack kriegerischer Reibungen. Zwei biedere Spießbürger, der eine aus Düsseldorf, der andere aus Frankfurt, geriethen, als sie Beide bereits auf ihrer Hängematte – einer gegenüber dem andern – ausgestreckt lagen, in eine lebhafte politische Kannegießerei. Der Philister Nr. 1, eine stattliche Figur mit wohlgepflegten Cotelettes, entpuppte sich als warmer Russenfreund, sein Widerpart, ein dickes, glattrasirtes Männchen mit imponirendem Schmeerbauch, war guter Türke. – Sehr unterrichtet über die Tagespolitik waren die Herren nicht, denn sie stritten sich vierundzwanzig Stunden vor dem Einmarsch der Russen in Rumänien noch darüber, ob – Montenegro den Waffenstillstand annehmen würde oder nicht. Ein dritter Reisender, der im dritten Stockwerk oberhalb der Hängematte des Türkenfreundes sich in Morpheus’ Armen zu wälzen versuchte, mischte sich in das Gespräch und gab demselben als nach Rußland zurückkehrender Russe eine reellere Wendung. Als nachher in Erquelins ausgestiegen werden mußte, näherte sich der Philister Nr. 1, der mit den wohlgepflegten Cotelettes, meiner Wenigkeit. „Entschuldigen Sie,“ raunte er mir in's Ohr, „daß ich Sie aufmerksam mache: Sie setzen sich großen Gefahren aus. Der ‚Russe‘ da hat Sie schon, als Sie schliefen, mit ganz verdächtigen Blicken angeschaut. Wenn man heutzutage das Unglück hat, ein Türke zu sein, braucht man es doch nicht aller Welt zu zeigen.“

Ich blickte den Anti-Türken groß an. „Mein Herr! ich habe ja nicht das ‚Unglück‘, wie Sie behaupten, dem Stamme Osman’s anzugehören.“

Der Spießbürger mit den wohlgepflegten Cotelettes wies jedoch mit dem Zeigefinger auf mein Haupt und zuckte mitleidig die Achsel. Richtig! Ich trug ja als bequeme Reisekopfbedeckung meinen guten im Stambuler Bazar gekauften Fez, und in den Augen meines Begleiters machte offenbar die rothe Mütze mit der schwarzen Quaste den Osmanen aus. Ich lachte hell auf, und der Russe, der das kurze Zwiegespräch mit angehört, stimmte ein. Von diesem Augenblicke an benahm sich der Reisegefährte – feindselig-brummig, aber auch schweigsam, sodaß die politische Controverse verstummte.

Ich vertiefte mich in die Zeitung, die „Kölnische“, die ich vom Orte ihres Erscheinens mitgenommen; sie enthielt zweierlei Wichtiges, den Uebergang über den Pruth und Moltke’s Rede. Indem ich las, brauste der Schnellzug durch Deutschlands Gefilde. Ein Rasttag in Berlin, ein paar Freunden die Hand gedrückt, eine Flasche Sect bei Dressel geleert – und weiter, weiter geht es mit der Ostbahn dem rauhen Norden zu. Vollgepfropft ist das Coupé: Unser acht Stück lebende Colli, wie einst ein französischer Verwaltungsrath die Passagiere bezeichnete. Eine recht ungemüthliche schlaflose Nacht, durch einige Stationen auf fünf Minuten unterbrochen. In Schneidemühl begrüßt uns endlich der anbrechende Morgen – und als ein Vorbote des Nordens ein Pelz, in welchem irgend ein Grundbesitzer der Gegend steckt. „Herr Schaffner, der Waggon ist ja ganz leer.“

„Soll auch leer bleiben,“ antwortet mit ausgesprochenem polnischem Accente der Angeredete. Nun – es giebt auch Mittel und Wege, einen Zugbegleiter sarmatischer Abstammung mürbe zu machen. Ein bedeutsamer, inhaltschwerer Händedruck bewirkte das „Sesam, öffne dich!“ und bei der Abfahrt streckten wir mit Wohlbehagen die müden Glieder auf die Kissen der leer bleiben sollenden Coupés. Das müde Auge umfaßt, ehe es sich schließt, die eintönige Landschaftsdecoration – die rechts und links sich hinziehenden halb grauen, halb okerfarbigen Aecker mit den plötzlich auftauchenden Waldungen, und im Hintergrunde als schwarze Grenzlinie der Forst. Hier und da eine Gruppe wohlhabend aussehender Bauernhäuser, dazwischen eine Wirthschaft, groß angelegt mit Herrncastell, und manchmal eine Fabrik nebenan.

Obwohl es heller Tag ist, lächelt noch der Mond schalkhaft auf die ländliche Scenerie herab, aber als wir rechtzeitig aufwachen, um das Pracht- und Riesenwerk der Dirschauer Brücke über die Weichsel zu bewundern, haben wir eine angenehme Reisegesellschaft gefunden, einen seiner Heimath zueilenden Kaufmann aus Riga, der Verlockendes über das Treiben und Leben in den Ostseeprovinzen zu erzählen weiß. Meinem Gewährsmann zufolge, wäre bei allem angeborenen und beibehaltenen echt deutschen Wesen die politische Tendenz seiner engeren Landsleute aus dem Fundament russisch-patriotisch. Der Kaiser Alexander wird in Liefland, Curland etc. geradezu auf den Händen getragen, und der Krieg gegen die Türken erregt dort ebenso großen Enthusiasmus, wie in dem slavischen Rußland. Man zweifelt auch nicht, daß der Krieg mit einem Siege Rußlands endigen müsse, wenn er auch ungeheuere Opfer an Menschen erfordern wird. „Aber,“ betheuerte mein Liefländer Reisegenosse, „Rußland hat ja Menschen genug und den Willen, so viele davon zu opfern, bis das Endziel erreicht ist.“ Die Opfer werden übrigens in Rußland bei weitem nicht so schmerzhaft empfunden werden, wie in einem anderen Lande, weil es in Rußland nur von der Regierung abhängt, daß ja Niemand etwas von Verlusten erfahre. Der Czar ist Selbstherrscher; seine Minister schulden Niemandem außer ihm Rechenschaft; es können neue Truppen immer ausgehoben und neue Steuern eingetrieben werden, ohne daß darüber auch nur eine Rede gehalten wird. Der einzige Strich, welcher den Russen durch die Rechnung gezogen werden könnte – und das gestand auch mein neuer Rigaer Freund – wäre die Intervention anderer Mächte zu Gunsten der Türken.

„Königsberg, dreißig Minuten Aufenthalt!“ Zeit zum Gabelfrühstück! Auf dem Quai des Bahnhofs hat sich eine elegante Gesellschaft eingefunden, die Herren kräftige, durch ihre Lebhaftigkeit imponirende bewegliche Gestalten, die Damen und jungen Mädchen nach dem feinsten Pariser Schnitt gekleidet. Den Mittelpunkt der Gesellschaft aber bildet eine ältliche Dame mit vergilbter, fast pergamentähnlicher Gesichtsfarbe und sehr lebhaften Zügen. Ihre schmächtige Gestalt ist in einen üppigen Pelzmantel gehüllt, und um den Kopf hat sie einen Spitzenschleier nach der Methode der spanischen und creolischen Señoritas geworfen. Ein Diener in Galalivrée, der sich in angemessener Entfernung der Gruppe hält, trägt in der einen Hand ein Felleisen und in der anderen einen länglichen Käfig, der in drei vergitterte Abtheilungen getheilt ist. Darin befinden sich Kammer Nr. 1 ein niedlicher Uistitiaffe, [335] Kammer Nr. 2 ein großer weißbefiederter Kakadu mit rothem Busch auf dem Kopfe und in Kammer Nr. 3 zwei herumkriechende Schildkröten. Nachdem vielfach Adieu gesagt worden, hebt einer der Herren die Dame in’s Coupé; der Diener legt das Felleisen und die kleine Menagerie zurecht; unter Hüte- und Taschentuchschwenken geht es weiter.

Gegen vier Uhr Nachmittags war Wirballen erreicht, die erste russische Station. Der Paß ist beim Eintritt in das heilige Czarenreich ebenso unerläßlich, wie der Coupon einer Loge oder eines Sperrsitzes, wenn man als Fremder in’s Theater will. Das Reisedocument wird zunächst von einem sechs Fuß hohen Gensd’arm in Empfang genommen. Dieser untergeordnete Diener der Gerechtigkeit scheint sich übrigens um die Sache nicht besonders zu kümmern; er faltet, ohne hineinzusehen, den Paß phlegmatisch zusammen und weist mit kurzer Geberde den Passagier in den Gepäcksaal. Dieser ist ein ungeheurer, übrigens auch architektonisch tadelloser Raum, wie überhaupt die russischen Bahnhöfe der für den Verkehr wichtigen Stationen einen monumentalen Anstrich haben. Die Reisenden stellen sich um die Schranken herum auf, welche ein riesiges Viereck bilden. In der Mitte dieses Quadrats befindet sich ein Amtstisch; hier sitzen fünf bis sechs Beamte in langem, grünlichem Capotrocke, auf dem Kopfe die betreßte blaue Mütze. Die Pässe werden da gesichtet und abgeschrieben; dann steht einer der sehr höflichen und vornehm aussehenden Herren in grünem Capotrocke auf, um aus der Schaar der Reisenden den Besitzer des eben revidirten Passes auszuforschen. Nun wird zur zollamtlichen Behandlung des Gepäcks geschritten. Man hat viel, sehr viel von der Ungemüthlichkeit der moskowitischen Zollbeamten gesprochen, und ich selber kam mit gewaltigem Respect in den großen viereckigen Saal. Mir war für einige Lectüre bange, die ich vorsichtig mitgebracht hatte, als probates Mittel gegen Langeweile. Nun, der betreffende Beamte muß gut aufgelegt gewesen sein, denn er ließ Alles passiren; überhaupt hatte nur die Papagei-, Affen- und Schildkröten-Dame Schwierigkeiten; der Käfig wurde nach dem Amtstische gebracht; die Dame selbst mit der Spitzencapuze folgte; einer der Beamten stand auf und bot ihr seinen Stuhl an, bis man mit der Erledigung der Frage fertig war, ob dergleichen Thier-Import steuerpflichtig wäre oder nicht. Schließlich wurde zwar kein Zoll erhoben, aber die Dame angewiesen, die niedlichen Thiere in dem Gepäckwagen zu deponiren. Sie seufzte – freilich blieb ihr als Trost das Schooßhündchen, das sie im Arme trug und alle fünf Minuten verliebt anstierte.

Da der Aufenthalt in Wirballen wohl eine ganze Stunde in Anspruch nahm, gönnten wir uns eine Probe russischer Küche. Die National-Kräutersuppe, der sogenannte „Tschi“, bestand dieselbe vortheilhaft, und man mußte sich ordentlich Zwang auferlegen, um nicht in jede der etlichen Dutzend Sorten Imbisse, die, an ein ganzes Bataillon Wein- und Schnapsflaschen als Zubehör gelehnt, sich appetitlich den Blicken der hungrigen Reisenden darboten, „hineinzubeißen“. Von der gastronomischen Seite läßt sich Rußland nicht übel an. Auf dem ganzen weiten Wege von Wirballen bis St. Petersburg sind die Büffets weit reichhaltiger und weit besser dotirt, als auf den Bahnlinien so manches Culturstaates. Auffallend ist vor Allem die tadellose Balltoillete der Aufwärter mit blendend weißer Weste, elegantem Salonfrack, frischer Wäsche und weißer Binde. Manchmal lugt aus dieser Gentlemen-Uniform ein unverfälschtes gelbliches Tatarengesicht hervor; die extremsten Theile des russischen Reiches, Mingrelien und die an China grenzenden Districte, liefern ein ansehnliches Contingent von dienstfertigen Geistern in jedem Fache.

Lang ist die Route von der lithauischen Grenze nach der Hauptstadt Peter’s des Großen. Der Anblick der Landschaft bietet uns keine Zerstreuung; bald bricht die Eintönigkeit der Steppe herein mit der noch stark zurückgebliebenen zwergähnlichen Vegetation, den winzigen verkrüppelten Buchholzgestrüppen, den Morästen und den von elenden Bauern und schmierigen polnischen Juden bewohnten, mit Stroh bedeckten Hütten. Das Herz schnürt sich zusammen beim Anblick dieser trostlosen Oede, dieses harten unwirthlichen Bodens, der dem Menschen – der doch hier nicht schlechter ist, als anderswo – Steine bietet statt Brodes. Man vertieft sich hinter den hermetisch geschlossenen Doppelfenstern des Winterwaggons am liebsten in ein Buch.

Vom Kriege selbst bis jetzt keine Spur, mit Ausnahme etwa eines sehr bramarbasirend dreinschauenden wettergebräunten serbischen Officiers, der einen riesigen „Handschar“ mit kostbarem Griff und Gürtel trägt und bei jeder Station die Front des Zuges auf und ab patrouillirt. Da steckte auch die gelbfarbige Dame, die mit der Menagerie nämlich, den Kopf zum Fenster heraus; der Serbe mit dem Handschar hielt bei dem Anblick der Reisenden inne; er warf mit sichtlich staunender Erregung das von einem schwarzen Bart umrahmte Haupt zurück, und sein feuriges Auge ruhte auf dem Gesicht der Dame. Aber auch sie war betroffen. „Pablo! Pablo!“ rief sie und kicherte einige spanische Worte. „Señora! Señora!“ entgegnete mit großer Achtung der Handscharmann. Auf einen Wink der Dame stieg der Serbe in das reservirte Coupé, und nun klärte es sich auf. Der Streiter für den Fürsten Milan war eigentlich gar kein Serbe, sondern ein Montevideoner; die Dame, eine Deutsche – so erzählte sie uns später – in Königsberg geboren, aber durch einen mehr als dreißigjährigen Aufenthalt in Südamerika zur Creolin vergilbt, hatte den heutigen serbischen Capitain jahrelang in ihrem Dienste gehabt. Eines Tages war Pablo plötzlich verschwunden und nach manchen Reisläufereien im Hafen Milan’scher Kriegsdienste eingelaufen. – Die Episode schien nicht nur unsere Gemüther, sondern auch den bis dahin bleiernen Himmel aufgeheitert zu haben. Es war bereits acht Uhr Abends, der Tag aber schien nicht Anstalten zum Schlafengehen treffen zu wollen, wie es sich Anfang Mai um diese Stunde für einen biedern deutschen Tag geziemen würde. Es war aber eben kein biederer gewöhnlicher, sondern ein Polar-Tag, und dieser dauert bis gegen zehn Uhr; man darf ihn auch nicht vor dem Ende loben, denn die leise rosa angehauchte Dämmerung ist bei ihm gerade das Schönste. Eine herrliche Abenddämmerung begrüßte den Einzug unserer Wenigkeit in die große Halle des Warschawski Machin, des Warschauer Bahnhofs, eines der bedeutendsten Petersburgs.

Welch eine mächtige Wagenburg auf der breiten Esplanade der Ankunftsseite! Nicht nur uns, die wir an ein paar magere Droschken oder an eine anmuthig langsam hinter einander auffahrende, von fadenscheinigen Mähren gezogene Fiakerreihe gewöhnt sind, imponirt die vierfache Schlachtordnung wohlbespannter, gefällig gebauter Caleschen und zahlloser Droskys, jener niedlichen einsitzigen leichten Spielwägelchen, die ein nerviges Steppenpferd durch Straßen und Feldwege zieht, als jagten alle Teufel der Hölle hinterher. Das Gepäck erlaubte mir nicht, wie ich Lust hatte, sofort auf den Sitz eines solchen Drosky zu springen, denn das Fahren, oder richtiger das Dahintraben auf einem solchen Gefährte hat etwas magnetartig Bestechendes. Es muß ein eigener Reiz darin liegen, in dem schärfsten Trabe über Stock und Stein zu jagen, oder in Pelze eingehüllt, wenn der ausgepolsterte Schaukelsitz auf den Schlitten gesetzt wird, bei sternenheller Nacht auf dem Schnee dahin zu gleiten. Da verspürt man wohl jenes Wohlbehagen der Kälte, das Theophile Gautier[WS 1] in seiner russischen Reise so anziehend beschreibt und das er lebhaft genug empfand, um mit den auf der Newa campirenden Samojeden nach dem Lapplande fliehen zu wollen.

Es giebt wohl nichts Angenehmeres, als, wenn man in einer wildfremden Stadt ankommt, sofort offene Gastfreundschaft und zugethane Herzen zu finden. Dieses Glück wurde mir seitens unserer verehrten Collegen vom „St Petersburger Herold“ beschieden, einer der bedeutendsten und verbreitetsten Zeitungen Rußlands. Die Redaction besteht zum größten Theil aus eingewanderten Deutschen, die sich in Rußland so wohl fühlen, daß sie jeden Gedanken an Rückkehr wohl aufgegeben haben dürften. „Dieses Rußland,“ erklärte mir Dr. S., der Herausgeber des Blattes, „ist eine Mausefalle; wer einmal hineingerathen ist, geht zwar wieder hinaus, aber er kann es dann anderswo nicht mehr aushalten; er muß zurück.“ Man muß gestehen, daß die Herren Collegen von der russisch-deutschen Presse es verstehen, die „Mausefalle“ in recht verlockender Weise auszustatten. „Sie müssen, um sich von den Strapazen der Reise zu erholen, eine Sterlet-Suppe essen,“ war die sofortige Losung.

Wir verfügten uns denn – es war Mitternacht vorüber – in das echt russische Restaurant zum „Kleinen Jaroslaw“. Das Vorzimmer sah einer Pelzwaarenhandlung ähnlich: die verschiedensten, mit allerhand Thierfellen reichgefütterten Paletots hingen da der Reihe nach unter dem wachsamen Auge eines ausgedienten Soldaten. Mein unschuldiger kaffeebrauner Frühjahrsüberwurf mußte sich wohl in Gesellschaft dieser Felle sehr unbehaglich [336] fühlen. Trotz oder eben wegen der vorgerückten Stunde der Nacht war das Restaurant stark besucht, aber man sah keine einzige Dame um die kleinen runden Gesellschaftstische, auf welchen Kerzen in Leuchtern von getriebenem Silber brannten. Im zweiten Stockwerke aber bemerkte ich einen ungeheuren schwerfälligen Schrank aus Ebenholz, dessen oberster Theil durch eine Gardine von rothem Reps verdeckt war. Das seltsame Ding war eine Orgel. Mein Begleiter machte dem Aufwärter ein Zeichen; dieser öffnete eine Seitenthür des Schrankes, zog eine ungeheure Walze heraus und begann, wie bei einem Leierkasten, zu drehen; es kam eine Arie aus irgend einer Offenbach’schen Operette zu Stande. Eine solche Orgel darf in keinem großen russischen Etablissement fehlen. Sie kostet an acht- bis zehntausend Rubel, eine Kleinigkeit für Gasthäuser, wo Wein à fünfzehn Rubel die Pulle verabreicht wird.

Auf dem Gange wurde mir dann ein Reservebehälter gezeigt, wo der König der Wolga, der Sterlet, in vielen Exemplaren herumschwimmt, bis durch den Willen eines Gastes der eine oder der andere in die Pfanne gebracht wird. Mein Begleiter bezeichnete als Opfer einen der schönsten herumschwimmenden Fische, und eine Viertelstunde später wurde derselbe auch mit erforderlicher Zubereitung aufgetragen. Gepreßter Caviar, Heringssalat und Meerrettig hatten mit entsprechendem Schnapsaccompagnement für die Sterletsuppe Quartier gemacht. Ich möchte keine gastronomische Lobhymne anstimmen – aber der Sterlet ist ein königlicher Bissen. Dies der Wahrheit zur Huldigung!

Die Müdigkeit der Reise war in solch angenehmer Gesellschaft verschwunden, und zum dritten Male sah ich den Morgen anbrechen. Nach und nach wurden die Lichter ausgelöscht, und durch die Gardinen drang in den Saal die silberähnliche Morgenhelle. Das in deutscher Sprache geführte Gespräch wurde immer lebhafter – und, wie es einmal nicht anders möglich ist, man gerieth auf das Gebiet der Politik. Auf einmal winkte einer von uns mit dem Zeigefinger und deutete mit den Augen auf einen wohlgekleideten am Tische neben uns sitzenden Quidam, der anscheinend damit beschäftigt war eine Papyroscigarette anzuzünden, dabei aber die Ohren nach unserem Tische zu gewaltig spitzte. Sofort verstummte Alles. Die Furcht vor der geheimen Polizei lastet eben wie ein Alp auf dem Gemüth und den Gewohnheiten des Petersburgers.

Die Dazwischenkunft des unberufenen Horchers hatte wenigstens die gute Folge, daß das Nachtgelage aufgehoben wurde und Jedermann den Rückweg antrat, um sein Lager aufzusuchen. Draußen wurde uns eine Ueberraschung zu Theil. Während da drinnen in der warmen Stube gezecht worden, hatte der Himmel seine Schleußen geöffnet, und es schneite tüchtig. Im Nu waren die Dächer und Straßen mit einem dicken weißen Teppich bedeckt. Der eisige Polarwind wehte uns die Flocken unbarmherzig in’s Gesicht. Wohl dem, der sich im Besitze eines Pelzes befand und den Kragen bis über die Ohren hinauf thun konnte! Aber wehe dem nichts Arges ahnenden Westeuropäer, der, auf den wunderschönen Monat Mai vertrauend, sich für St. Petersburg nicht hinlänglich mit Kleidern ausgerüstet hat!

Die winterliche Hülle steht der russischen Hauptstadt übrigens herrlich, und wenn die großartige Newski-Perspektive unter Schnee steht, so gewinnt sie gewiß um hundert Procent an Originalität. Das ist’s ja eben, was der Reisende aufsucht. Drum Dank dem Winter, da er so gefällig gewesen uns diese Gastvorstellung zu geben, die er übrigens öfter wiederholt, wenn selbst die Petersburger an den Frühling glauben. Nur bitte ich schön, daß die Gastrolle sich nicht allzusehr in’s Unendliche ziehe. Es bricht bald die Zeit an, wo der Kriegsberichterstatter draußen Sonne und laue Luft wird brauchen können. Von Moskau her tönt das Echo der Jubelrufe, die den Czaren auf seiner Rückreise von Kischinew begrüßen. Bald wird sich hier Aehnliches wiederholen. Dann kommt die Maiparade, und dann heißt es trotz Schnee und Regen nach dem Süden ziehen, dorthin, wo kaum Muße und Stimmung sein dürfte, über die Sterlet-Suppe Betrachtungen anzustellen.

Paul d’Abrest.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sautier