Teckel auf Reisen

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Autor: Hans Arnold i.e. Babette von Bülow
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Titel: Teckel auf Reisen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17–18, S. 288–291
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Teckel auf Reisen.

Eine Hundegeschichte von0 Hans Arnold.

„Darf er mit?“

Mit diesen Worten stürzte Karl, der älteste Sohn des Landgerichtsrats Bergmann, fast täglich nach der Schule ins Zimmer, völlig die eisige Gleichgültigkeit verleugnend, mit der ein Sekundaner sonst naturgemäß die Vorgänge des täglichen Lebens anzusehen pflegt. Karl war im ganzen abgestorben für „Gefühlsduselei“, für die Vorzüge der Damenwelt und für den Glauben an die Menschheit im allgemeinen; aber zwei Dinge erweckten doch noch einen leisen Wiederhall in dem ausgebrannten Krater seines Herzens, erstens Chokoladenpralinees – selbstverständlich nicht mit weichlichem Fondant, sondern mit männlich bitterer Mandelfüllung, und zweitens Männe – derjenige, auf den die oben erwähnte Frage: „Darf er mit?“ sich bezog.

Männe war ein Teckel – oder besser der Teckel – ein entzückendes Geschöpf, besonders schön gezeichnet, seelenvoll, klüger als die meisten Menschen, und geschickt – über alle Worte geschickt! Männe sprang sogar, was unter tausend Teckeln kaum einer zustande bringt, er sprang über Schirme, Stöcke, Tennisrackets, ja, er sprang wie eine graziöse Cirkusdame über breite Papptafeln, mit einem Worte – Manne war unvergleichlich!

Von dem Tage an, wo er als drei Wochen altes Teckelbaby in einer blauen Glanzpapierdüte, die mit einem rosa Schleifchen gebunden war, seinen Einzug in das Haus und in die Familie gehalten hatte, war Männe zum erklärten Liebling von jung und alt geworden. Nachdem er sich durch das entsetzliche Stadium der ersten Monate durchgefressen hatte – im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gab kein Heiligtum im Hause, von des Vaters Schlafschuhen bis zum Tigerfellteppich im Boudoir der Mutter, was der jugendliche Verbrecher in Hundegestalt nicht auf- oder wenigstens angefressen hätte – nachdem also diese Zeit überwunden war und Männe den Sturm von Verwünschungen und Klapsen überdauert hatte, die von früh bis spät auf seinen geschmeidigen Rücken niedersausten, konnte seine Erziehung für beendet und Männe als ein Musterteckel in jeder Richtung betrachtet werden.

Männe war augenblicklich etwas über ein Jahr alt – also, da das Hundealter, mit sieben multipliziert, dem betreffenden Menschenalter entsprechen soll, ein siebenjähriger Schlingel, voll Uebermut und Beweglichkeit, zu jedem dummen Streich auf zehn Meilen in der Runde aufgelegt, unvernünftig, fidel und sympathisch. Sein Erdenwallen war bisher in der ungestörtesten Behaglichkeit [288] verflossen; er ging mit spazieren, er hatte ein weiches Kissen, er bekam alle Koteletteknochen und man nahm ihm sofort vor der Stadt den Maulkorb ab – kurz, Männe hatte es ausgezeichnet!

Da, im zweiten Sommer seiner bewußten Existenz, trat ein Ereignis ein, oder warf doch seinen Schatten voraus, das Männe und seine Besitzer, den oben erwähnten Sekundaner Karl und dessen um sechs Jahre jüngeren Bruder Ludwig, in fieberhafte Aufregung versetzte.

Landgerichtsrats wollten nämlich die Ferien benutzen, um eine gemeinsame Reise zu machen. Der Ausführung derartiger Pläne pflegen ja immer mehr oder weniger stürmische Debatten im Familienkreise voranzugehen; das Ziegeltragen zum Luftschlösserbau setzt zunächst alle Hände in Bewegung; das Kunstwerk wächst, immer höher, immer schwindelnder; dann fängt es an zu wackeln, ein paar besonders kühne Türmchen und Erker fallen um, die oberste Etage wird abgetragen und aus Aladins Zauberpalast mit den vierundzwanzig Fenstern und dem Vogel Rock-Ei wird im günstigsten Falle – und das war der bei Landgerichtsrats eingetretene – eine Pension in einem Nordseebad.

Die letzte Zeit vor der Reise hatte naturgemäß den Stempel gestörten Behagens getragen, den die Ausrüstung für solchen Massenausflug unvermeidlich an sich trägt, und die Hausfrau versicherte bei jeder neuen, damit zusammenhängenden Schwierigkeit oder Ausgabe: „Na, an die Zeit vor der Reise werde ich denken!“ was sich der Mensch bekanntlich nur in Bezug auf unangenehme Zustände fest vorzunehmen pflegt.

Nachdem aber die Wasch- und Schneiderzeit glücklich überstanden, nachdem der stille, aber verzweifelte Kampf mit Karl um einen weißen Tennisanzug, den seine Seele stürmisch verlangte, ausgetobt hatte und durch das Wort „Unsinn!“ kurz und vernichtend entschieden worden war, begann die Vorfreude, die ja meist ebensoviel und mehr wert ist als die Freude selbst.

Die Eltern dachten an die Nordsee und an ihre Naturschönheiten; die Mutter wiegte sich noch mit besonderm Behagen in den Gedanken, daß sich die Inhaberin der „Pension Paula“ nun mal vier Wochen lang für sie den Kopf zerbrechen durfte, was auf den Mittagstisch kommen sollte, und daß der Schreckensruf: „Der Fleischer ist da!“, von dem die Hausfrau behauptete, er könnte einem Kalbe auch nicht viel fataler sein als ihr, für die nächste Zeit von erquicklichem Meeresrauschen übertönt werden sollte.

Die Jungen, oder vielmehr – wir bitten Karl sehr um Entschuldigung! – der Jüngling und der Junge, freuten sich auf Muschelsammeln, auf Segelfahrten und Seehundsjagden, die durch den Umstand, daß keiner von ihnen je ein Schießgewehr in die Hand nehmen durfte, noch den Reiz besonderer Schwierigkeit haben würden – kurz, alles befand sich in erwartungsfrohester Stimmung.

Alles – nur Einer nicht und dieser Eine war Männe. Die Frage: „Darf er mit?“, die noch nicht ganz verneinend entschieden und, wie erwähnt, für Karl zum Leitmotiv der täglichen Unterhaltungen geworden war, hatte sich in Männes braungeflecktem Busen zuerst als leises Unbehagen, dann als eine mit jeder Stunde wachsende Seelenangst eingenistet, die das Gegenteil von angenehm für ihn war. Wer denken konnte, daß Männe nichts von dem merkte, was im Hause vorging, wer ihn auch nur ansehen konnte, ohne zu gewahren, daß er von der Nase bis zur Schwanzspitze vor Unruhe und Besorgnis zitterte, der hatte eben kein Verständnis für Männe und that besser, sich gar nicht um ihn zu kümmern!

Männe ahnte Furchtbares. Ihm dämmerte es, daß er für die Zeit, wo die Familie – seine Familie – auf Sommerfrische an die See ging, zu Hause bleiben, und zwar – o verschärfter Jammer! – zu Portiers in Pension gegeben werden sollte! Portiers besaßen außer anderen unleugbaren Vorzügen einen Emil und einen Bruno, welche Männe nicht umsonst mit herzlichstem Abscheu betrachtete; denn diese Buben hatten ihm schon mal eine Kasserolle an den Schwanz gebunden, sie zeigten ihm die Zunge und gingen selten oder nie an ihm vorbei, ohne mit den Füßen in aufreizender Weise vor ihm herum zu trampeln oder sonst gesellige Scherze von zweifelhaftem Wert mit ihm zu treiben. Gar nicht zu erwähnen, daß sie ihn öfters durch den trügerischen Ruf: „Such Katz’!“ zu atem- und erfolglosen Treibjagden auf die kohlschwarze Erbfeindin seines Seelenfriedens ermunterten und unter höhnischem Gelächter beobachteten, wie Männe sich dann, angegriffen und blamiert, auf sein Kissen zu einer beleidigten Kugel zusammenrollte.

Und zu denen sollte Männe in Pension gegeben werden – es war hart!

Von dem Augenblick an, da die Koffer bei Landgerichtsrats vom Boden geholt und somit die Reisepläne in ein gewissermaßen greifbares Stadium getreten waren, hatte sich Männe aus einem springenden, flotten, scharf bellenden, vor Lebenslust und Gefräßigkeit strotzenden Teckel in ein tief unglückliches, sich vor beständiger Angst platt am Boden windendes, appetitloses Krokodil verwandelt, welches seine Anwesenheit nur durch ein sanftes, bescheidenes Schwanzklopfen auf den Boden zu verraten wagte.

Jeder ermutigende Zuruf der Seinigen von: „Na, Männe!“ bis zu der tröstlichen Versicherung der Kinder: „Wir bringen dir auch was Schönes mit!“ nahm der Angeredete mit dumpfer Ergebung und häufigem sich Verkriechen unter dem Sofa entgegen, wobei er noch öfter die beleidigende Frage: „Ob er wohl was davon versteht?“ in Kauf nehmen mußte. Kurz, Männe lebte nach dem Wahlspruch des bekannten Verses:

„O Isis und Osiris, o wüßtet Ihr, wie mir is!
Osiris und o Isis, ich bin in einer Krisis!“

Die Kinder erklärten schließlich, vom Jammer über diesen Seelenzustand ihres krummbeinigen Gefährten zerrissen, es dürfte überhaupt in Gegenwart des Männe nicht mehr von der Reise gesprochen werden, und suchten ihn durch die trügerische Versicherung: „Wir reisen ja gar nicht, Männe, wir bleiben alle bei dir!“ zu sanguinischen Hoffnungen zu verleiten. Die Gespräche bei Tisch, so oft sie sich um die Reisezukunft und die Wahl des Seebades bewegten, was naturgemäß fast täglich der Fall war, wurden daher beständig durch angstvolle Zwischenrufe „Der Männe ist hier!“ oder „Nicht vor dem Männe!“ unterbrochen und die Eltern nebenbei unaufhörlich auf besonders reizvolle und interessante Stellungen des Teckels aufmerksam gemacht: „Ach, wie er daliegt! Er sieht so traurig aus! Er seufzt – er legt sich das Pfötchen unter den Kopf“ – bis der Vater sich, zu Tode gelangweilt durch die ewigen Dachsunterhaltungen, zu dem drakonischen Ausspruch hinreißen ließ: „Wer Männe bemerkt, wird hinausgeworfen!“ und die darin enthaltene Verheißung sogar schon zweimal zur Ausführung gebracht hatte.

In dieser Gemütsverfassung war denn der Tag vor der Abreise herangekommen. Der Abend vorher hatte noch einen letzten Sturm erlebt, den die Söhne des Hauses, von einem guten Bekannten und Teckelgönner offen – von der Mutter heimlich unterstützt, Männes halber gewagt hatten, und der durch die Erkundigung eingeleitet worden war, ob Männe sich schon einen Lodenpaletot bestellt und schon Eisenbahnfieber habe.

Der Vater erwiderte kurz: „Nein, Männe bleibt hier! Er wird zu Portiers in Pension gegeben! Es wird mir ja selbst nicht leicht,“ setzte der brave Hausherr mit bewegter Stimme hinzu und klopfte das glänzende Fell des schmerzlich aufgeregten Männe.

„Eben!“ wagte die Mutter bei dieser unerwartet weichen Regung des Familienoberhauptes zu bemerken. „Nehmen wir ihn doch mit!“

„Ach ja, Vater – nehmen wir ihn mit!“ kreischte Ludwig in den höchsten Tönen, und auch Karl ließ ein flehendes Brummen seines „noch wie neuen“ Basses hören. – Der Vater schob den Stuhl zurück – ein gefürchtetes Symptom.

„Schön – nehmt ihn mit!“ sagte er mit unheimlicher Ruhe, „aber dann laßt mich hier! Ihr wißt, daß in der Pension Paula Hunden ebenso wie Kindern unter einem Jahr statutenmäßig der Zutritt verboten ist – wir haben da gemietet, also wollt Ihr für den Männe in einem andern Hotel die Beletage nehmen – meinetwegen! Bezahlt das Hundebillet – macht, was Ihr wollt – die Reise kostet ja so wie so nichts! Ich bleibe ganz gern zu Hause – dem Männe mag ja die Erholung nötiger sein als mir!“

Angesichts dieser mit tödlicher Bitterkeit hervorgestoßenen Erklärung, die nur dadurch etwas von ihrer ergreifenden Wirkung verlor, daß sich im Hause alles um den Vater drehte und nur in Kleinigkeiten, die man kaum mit der Lupe sah, etwas gegen seinen Willen geschah – wie gesagt, angesichts dieser Wendung schwieg alles beschämt.

Der gute Freund des Hauses empfahl sich, da ihm die allseitige Stimmung keinen Abend „zum Totlachen“ zu verheißen schien, die Eltern lehnten, mit Bädeker und Landkarten in den Händen, in zwei verschiedenen Sofaecken und Männe, in dessen umdüsterter Seele sich während der berichteten Unterhaltung ein leiser Hoffnungsschimmer geregt hatte, kroch als geistig und moralisch vernichtetes Geschöpf unters Sofa, wo er den Rest seiner [290] Tage verleben zu wollen schien. Karl und Ludwig, durch die verbindliche Wendung des Vaters: „Ihr könnt jetzt für ein paar Stunden spurlos verschwinden!“ ermutigt, zogen sich in das Zimmer des ältesten Bruders zurück. Sie schwelgten in dem für die Kindheit und Jugend entzückenden, für das reifere Alter tief verstimmenden Bewußtsein, daß es sich nicht lohnte, zu Bett zu gehen, da man, der verschiedenen Dampferverbindungen wegen, nachts um halb drei Uhr abfahren mußte.

Die Brüder saßen friedlich – nicht der tägliche Zustand! – nebeneinander auf dem Schlafsofa an der Mittelwand, unter der Dekoration von verschiedenen Mützen, die Karls Aufrücken von der Sexta bis zur Untersekunda in den Farben des Regenbogens versinnbildlichten, bis die rote Mütze der Obersekunda nebst drei Kotillonorden die Höhe des bisher Erreichten und Erlebten anzudeuten hatte. Karl brach zuerst das gedankenvolle Schweigen. „Er darf nicht mit!“ sagte er düster.

Ludwig schüttelte betrübt den Kopf – er fühlte, wie ihm der Jammer schon in der Kehle saß, und sprach nicht mehr, um nicht in ein Wehmutsgeheul auszubrechen.

„Wenn er es sich nur nicht zu sehr zu Herzen nimmt!“ fuhr Karl mit auch bereits etwas bebender Stimme fort, „wenn er die ganze Zeit nicht frißt – wenn er verhungert!“

„Ach, hör’ doch auf!“ flehte Ludwig mit den Gurgeltönen mühsam bekämpften Schluchzens.

„Wenn er verhungert – ausstopfen lasse ich ihn aber nicht!“ fügte Karl mit dem letzten Rest seiner männlichen Energie hinzu, „das finde ich gräßlich!“

Aber dieser Gedanke war zu viel für Ludwigs Fassung.

„Stille bist Du!“ brach er los, und indem er, seiner Rührung sich schämend, mit beiden kleinen Fäusten auf den Bruder losdrosch, brüllte er geradezu vor Jammer: „Ich lass’ ihn nicht hier – und ich lass’ ihn nicht hier – er frißt nicht bei Portiers, und das kann er ja gar nicht vier Wochen aushalten!“

Das Resultat dieser Unterhaltung war, daß Karl sämtliche Taschen seines Portemonnaies umdrehte und darin zwei Zehnpfennigstücke, ein gepreßtes Vergißmeinnicht und ein Fünfzigpfennigstück fand – für seine gewöhnlichen Geldumstände noch ein ganz solider Befund. Ludwig erfreute sich dagegen durch den Besitz einer thönernen Sparbüchse von geizigem Charakter, die nichts wieder hergab, was ihr schiefes Maul einmal verschlungen hatte, eines beträchtlichen moralischen und pekuniären Uebergewichts über seinen Bruder. Ein Fußtritt gegen die Hüterin des Kapitals und sie lag klirrend in Scherben – was aber über ihren Inhalt beschlossen wurde, das werden wir im Verlauf dieser wahren Geschichte erfahren.

Der nächste Tag dämmerte herauf. Die sehr überwacht dreinschauende Familie fand sich in der angenehm schaurigen Morgenkühle zusammen, die letzten Gegenstände wurden noch in die Koffer gesteckt. Die Köchin, hocherfreut, ihre Herrschaft auf vier Wochen los zu werden, hatte mit dem Rest der vorhandenen Kaffeebohnen einen heißen, starken Göttertrank gebraut und entließ die Abreisenden mit viel Gefühl, indem sie sich mit dem Schürzenzipfel wenigstens über ein Auge fuhr, um doch etwas zu thun.

Der Vater war nach der Bahn vorausgegangen, um für sich und die Seinigen in dem stark überfüllten Ferienzuge Plätze zu suchen – der Rest der Familie folgte mit dem Gepäck.

Dieses letztere hatte sich übrigens noch um einen großen, geheimnisvoll aussehenden Spankorb vermehrt, der mit Zeitungspapier verbunden war und von Ludwig getragen wurde. Auf die halb zerstreute Frage der Mutter: „Was hast Du denn da?“ hatte der glückliche Besitzer etwas Unverständliches gemurmelt, und da im selben Augenblick der Droschkenkutscher erschien und wie ein Stoßvogel über den Koffern schwebte, gingen Ludwig und sein Spankorb in der allgemeinen Aufregung unter und man fuhr in die Morgenkühle hinaus.

Im letzten Augenblick auf dem Bahnhof hatten sich die Jünglinge noch einmal „verkrümelt“ und wurden vom Vater unter einigen Kraftwendungen gesucht, bis sie sich endlich in etwas verstörtem und verlegenem Zustande einfanden und mit ihren Lieben in ein Coupé gestopft wurden. Daselbst befanden sich schon verschiedene Mitreisende, da es keiner der bekannten Zellenkäfige, sondern ein „Abteil“ mit Wandelgängen und lauschigen Plätzen war, was den Eindruck des Inhaftiertseins wohlthuend abschwächte.

Die Coupégenossen der Familie Bergmann bestanden zunächst aus einem Ehepaar, welches sich schon auf dem Perron dadurch auffällig gemacht hatte, daß es das ganze Menschengewühl, das Expedieren der Koffer und sonstige trennende Lebensverhältnisse Arm in Arm durchlebt hatte. Im Augenblick des Einsteigens mußte ja der Herr, der in seinem Aeußern etwas von einem Geistlichen hatte, seine Lebensgefährtin loslassen – aber kaum saßen beide, als er ihr von neuem den Arm bot, so daß sie die Eisenbahnfahrt in eingehaktem Zustande zurücklegten.

Die Jungen hatten mit ihrem Spankorb ihre Plätze dem Ehepaar gegenüber gefunden. Beide, Mann und Frau, sahen unendlich gutmütig aus und nickten unserem Freund Ludwig liebevoll zu, der sich nach Jungenart dadurch unsäglich blamiert vorkam und sofort zum Fenster hinausguckte. Bald aber wendete er, ebenso wie Karl, seine Blicke wieder auf das unentwegt eingehakte Paar und beide betrachteten dies Naturschauspiel mit so unbegrenzter Belustigung und Neugier, daß der Vater sie in eine andere Ecke des Wagens verwies.

Dort blieb ihnen nur der Trost, daß sie den ihnen so wohlwollend gesinnten Ehemann mit dem Namen „der eingehakte Pastor“ bedachten und mit fieberhafter Aufregung aufpaßten, ob er sich etwa aushaken werde, was er aber nicht that.

Die Platzveränderung sollte sich als folgenschwer erweisen.

Der ganze Sitz, dem gegenüber Karl und Ludwig sich niedergelassen hatten, war von einem Herrn eingenommen, der sich beim Nahen der landgerichtsrätlichen Familie durch ein dumpfes Knurren als ungesellige Natur zu erkennen gegeben hatte.

Es war ein großer, hagerer Mann Mitte der fünfziger Jahre, mit einer Nase, die aussah, als wenn sich einmal jemand aus Versehen oder Bosheit darauf gesetzt hätte, und mit einem groben Munde, über dem ein grauer Schnurrbart herabhing wie schlecht gekämmte Fransen an einer Theeserviette.

Hatte also der Geist sich diesen Körper gebaut, so mußte es unbedingt ein häßlicher Geist sein. – Schon als unsere Reisenden mit der gebührenden Bescheidenheit des erzogenen Menschen einstiegen, offenbarte sich die betrübende Thatsache, daß die Anmutlosigkeit des alten Herrn sich nicht nur aufs Aeußere erstreckte. Er wachte auf, rieb sich die Augen was schon bei jungen und schönen Leuten kein kleidsamer Augenblick ist – und rief, als er Ludwig erblickte, mit einem so wütenden Entsetzen aus: „Ach, ein Junge!“ als wenn das ein Geschöpf wäre, von dem er wohl in schauerlichen Sagen gelesen hätte, das ihm aber in Wirklichkeit nie zu Gesicht gekommen wäre.

Dann lieferte er den feinen Zug zur Charakteristik unausstehlicher Reisender, daß er seine Gehwerkzeuge wie Schlagbäume vor den Zugang zu den Plätzen seiner augenblicklichen Lebensgefährten einstemmte und erst durch wiederholtes flehentliches Bitten sich so weit rühren ließ, daß er sie einige Centimeter weit beiseite schob.

Hierauf zählte er laut und vorwurfsvoll das Handgepäck mit der Randbemerkung: „Acht Stück Handgepäck – das ist echt!“ eine Wendung, die er zu lieben schien. Das Unterbringen dieser acht Stück oberhalb seines Kopfes schien ihn mit grenzenloser Angst zu erfüllen, er stierte zornig und verschlafen um sich, und sowie eine Tasche oder Schachtel hinauf befördert wurde, schrie er mit so furchtbarer Stimme: „Na na!“ oder „Vorsicht!“ als wenn eine Dampfwalze ins Hutnetz gehoben würde.

Auch machte er jeden, selbst wer nicht die entfernteste Neigung zum Rauchen bezeigte, mit großer Energie darauf aufmerksam, daß hier ein Nichtraucher-Coupé wäre und daß er sich unbedingt beschweren würde, sobald jemand eine Cigarre auch nur in die Hand nähme. Kurz, wenn sich der alte Herr auf der Badereise befand, so konnte man mit Fug und Recht annehmen, daß er sich in einen Kurort begäbe, der gegen Unausstehlichkeit verordnet wird, und ihm von Herzen guten Erfolg wünschen.

Da dem bösen alten Wicht aber niemand den Gefallen that, sich ordnungswidrig zu betragen, da sogar der gefürchtete „Junge“ sich sehr gesittet – für den Kenner unheimlich gesittet! – verhielt, so schlief der Alte, von der Enttäuschung angegriffen, sofort wieder ein und schnarchte während der nächsten Stunden so laut und so gewissermaßen krachend, daß die Mitreisenden von Zeit zu Zeit aus ihren Nickerchen mit dem dumpfen Gefühl emporfuhren, daß ein Centner Steinkohlen auf das Coupé ausgeschüttet würde.

Mit der aufsteigenden Sonne – wenn auch nicht so schön wie sie – erwachte der Schnarchkünstler übrigens, warf dann einen wilden Blick umher, um zu erkunden, ob ihn etwa während seiner Morgenruhe jemand ohne sein Wissen angefallen oder umgebracht habe, und begann dann seine Morgentoilette zu machen. Er bearbeitete zu diesem Zweck die paar Haare, die den Rest seines einst gewiß ansehnlichen Vermögens an Locken bildeten, wütend und [291] krampfhaft mit zwei Bürsten und betrachtete das Resultat dieser Arbeit dann minutenlang in einem Handspiegel.

Sonderbarerweise hatte ihm der Anblick augenscheinlich nicht jede Eßlust verdorben, denn er entnahm einem Frühstückskorbe mehrere belegte Brötchen, die er erst mit der grimmig vor sich hin gemurmelten Bemerkung: „Leberwurst! Echt! Als wenn meine Frau nicht wüßte, daß ich die nicht so gern esse!“ auf- und zuklappte, dann aber mit solcher Energie und solchem Gesichtsausdruck vertilgte, als wenn jede Semmel sein erbitterter Todfeind wäre.

In dem Augenblick begab sich etwas Unerwartetes und Schreckliches.

Ludwigs Spankorb geriet in geheimnisvolle Bewegung; das Papier knisterte und raschelte – und zum allgemeinen Entsetzen, an dem selbst die Wissenden, Schuldigen, die Jungen, tiefsten Anteil nahmen, schob sich ein glatter, dunkelbrauner Kopf durch das Papier, dem der ganze Männe mit aalglatter Gewandtheit folgte.

Der Geruch der Butterbrötchen hatte den unseligen blinden Passagier aus seinem Inkognito hervorgelockt und er wand sich, von dem sichtlich unangenehmen Eindruck, den seine Persönlichkeit hervorbrachte, bewältigt, in tödlicher Verlegenheit am Boden des Coupés.

Der Landgerichtsrat, was nur menschlich war, vergaß bei diesem überraschenden Ereignis sämtliche Forderungen der guten Lebensart und die Anwesenheit von Fremden, er tobte gradezu, beschuldigte seine Frau, um die Hinterlist gewußt zu haben, wollte umkehren, Jungen und Hund auf der nächsten Station aussetzen – kurz, der sonst so wohlgesittete Mann machte einen solchen Mordsspektakel, daß seine Gemahlin sich ihres Gebieters bis zu Thränen schämte und sich nur innerlich mit dem Erfahrungssatz tröstete, daß heftige Gewitter am schnellsten auszutoben pflegen.

Der alte Herr, hocherfreut, endlich eine Gelegenheit zum Zanken zu haben, erhob nun auch ein Zetergeschrei. Er fürchtete sich mit Ostentation vor Männe, als wenn dieser kein bescheidener Dachshund, sondern ein ausgewachsener Tiger wäre.

„Hier ist ein Menschencoupé!“ rief er mit markerschütternder Stimme, „hier ist kein Hundecoupé! Und die Bestie hat nicht mal einen Maulkorb – die soll einen hier wohl zerreißen!“

Alles sprach laut durcheinander, der Vater räsonnierte auf die Jungen, der alte Herr drohte, die Notleine in Bewegung zu setzen, die Mutter entschuldigte und beschuldigte immer abwechselnd sich, ihre Söhne, ihren Hund und ihren Mann. Der „eingehakte Pastor“ und seine Gattin, die natürlich nicht losließ, flehten um Frieden und klopften Männe vierhändig, kurz, die Situation war ganz so, wie man es von einer ungestörten Nachtruhe verlangen kann.

Schließlich hatte sich alles müde und heiser gesprochen, die Mutter stellte sich schlafend, „Pastors“ schliefen wirklich und der Vater guckte zornig bald nach seinen Jungen, bald in den Morgen hinaus. Der alte Herr brummte noch eine Weile in sich hinein, wie ein abziehendes Unwetter, schneuzte sich so donnernd, als wenn er einen Tusch blasen wollte, und gab sich dann zufrieden. Männe schien als vollendete Thatsache vorläufig acceptiert und als Unvermeidliches mit Würde getragen zu werden. Aber – leider muß es zugestanden werden – er benahm sich bei dieser Gelegenheit nicht richtig. Er hätte als geduldeter Eindringling still und bescheiden unter den Sitz kriechen und seine Anwesenheit möglichst vergessen machen müssen, doch hatte er in der Eile und Hast der Abreise kein Frühstück bekommen. Er ertrug es nicht länger, und als eben der allgemeine Skandal etwas beschwichtigt war, beging Männe die Taktlosigkeit, sich vor dem zu seinem Frühstücke zurückgekehrten alten Herrn steil auf die Hinterfüße zu setzen und flehentlich zu bitten.

Der Eigentümer der Butterbrote warf aber dem Unbescheidenen nichts zu wie einen haßerfüllten Blick. „Rufen Sie doch den Hund weg!“ herrschte er den Landgerichtsrat an, „ich kann nichts essen, wenn er mir so jeden Bissen beneidet!“

Der Vater bekam vor Aerger und Blamage fast Nasenbluten, und als der Wagen an der nächsten Station hielt, stieg er zu seiner und der Seinigen Erleichterung aus und begab sich mit den verheißungsvollen Worten an seine Söhne: „Na, laßt uns nur erst dort sein!“ in ein anderes Coupé.

Die Situation gestaltete sich übrigens für die Zurückbleibenden erträglicher als zu erwarten stand. Die Mutter, eifrig um den lieben Frieden bemüht, brachte es über sich, auf die Eigenart des alten Murrkopfs duldsam einzugehen, und warb so lange um seine Gunst, bis er sie durch eine endlose Beschreibung seiner rheumatischen Schmerzen fast bis zur Ohnmacht langweilte. Er zeichnete förmliche Pläne auf, aus denen die Landgerichtsrätin ersehen konnte, wo die Schmerzen jetzt säßen, wo sie vor anderthalb Jahren gesessen hätten, und wo sie später sitzen würden.

Da bekanntlich Leute seines Schlags sich nur gut amüsieren, wenn sie von ihren Leiden oder Gewohnheiten erzählen und jemand finden, der mit einem Schein von Interesse zuhört, so war der alte Querulant besänftigt und betrachtete unsere Hausfrau mit milderen Blicken.

Der Gedanke, diese Reisebekanntschaft während des ganzen Badeaufenthaltes mit sich herumschleifen zu müssen, lastete allerdings wie Blei auf den Nerven der Landgerichtsrätin. Als aber eine Station erreicht war, von der verschiedene Bahnen sich abzweigten, begann der alte Herr mit großer Umständlichkeit seine Gepäckstücke zu sammeln und rücksichtslos über die Köpfe der Mitreisenden heruntersausen zu lassen.

„Hier steige ich aus!“ bemerkte er dann, „ich muß noch zwei Stunden mit dem Dampfer fahren – seekrank werden – hübsches Vergnügen!“ Damit trat er, ehe der Zug völlig still stand, an die noch geschlossene Coupéthür und begann mit größter Wut daran zu rütteln und an die Fenster zu trommeln.

„Lassen Sie mich hinaus, Schaffner – werden Sie wohl gleich aufmachen!“ schrie er zornig. „Hier soll man wohl sitzen bleiben! Das ist echt! Der Kerl macht nicht auf!“

Zum Glück erschien ein Bahnbeamter, der gänzlich ungerührt von dem Toben des alten „Unausstehlius“ die Thür öffnete und ihn heraus ließ, während seine Reisegefährten ein stilles Dankgebet zum Himmel sandten, daß sie ihn los geworden waren.

Sie beobachteten ihn noch, wie er sich in der Ferne wütend mit einem Kofferträger zankte, und sahen ihn dann, von einer jauchzenden Menge geleitet, in den andern Zug steigen, der ihn seinem Ziele zuführte.

Auch unsere Reisenden – es hatte sich herausgestellt, daß die „eingehakten Pastors“ ebenfalls Gäste der Pension Paula zu werden im Begriff standen – waren an dem Endpunkt ihrer Eisenbahnfahrt gelangt. Eine kurze Dampfertour über das Wattenmeer wäre ereignislos verlaufen, hätte nicht Männe für Abwechslung gesorgt. Er, den man vor den Mitreisenden wieder zu verheimlichen bestrebt war, jagte plötzlich unter wahnsinnigem Gebell rund um das Deck, um eine Möwe zu erhaschen, die aber in ironischer Ueberlegenheit dicht an seiner schnüffelnden Nase vorbei strich und die Sache ganz belustigend zu finden schien.

Der Gesellschaftswagen der Pension Paula erwartete die Reisenden an der Landungsbrücke. Männe wurde wieder in den Wagen geschmuggelt, wo er als bebender Knäuel zwischen Ludwigs Füßen saß und innerlich erwog, ob es nicht bei Portiers ebenso hübsch gewesen wäre.

Die Wirtin der Pension Paula lächelte berufsmäßig und hold jedem Aussteigenden entgegen, verzerrte sich aber sichtlich beim Anblick des hausordnungswidrigen Männe und erklärte, sie könnte ihn unmöglich unter irgend einer Voraussetzung als Pensionär aufnehmen, da sie „nervöse Herrschaften“ im Hause habe, die sich nie mit der Anwesenheit eines Hundes einverstanden erklären würden. Der zwecklose Wunsch, daß Männe nie geboren wäre, tauchte flüchtig in der Brust des Landgerichtsrates auf – er stand mit den Seinigen ratlos vor der Thür, während der „eingehakte Pastor“ samt Frau schon längst im Hause verschwunden war.

Da fühlte der Fuhrmann des Hotels ein menschliches Rühren und erklärte sich bereit, den obdachlosen Männe für die Nacht in Quartier zu nehmen. Am Tage konnte er ja mit den Kindern am Strande sein und für seine Leibesnahrung mußte eben irgendwie Rat geschafft werden, da der Fuhrmann ein Junggeselle war und auswärts speiste. – Männe wurde denn mit einem Kofferriemen am Wagen festgeschnallt und von seinem neugewonnenen Pflegevater davongefahren. Sein Geschrei spottete jeder Beschreibung, und bei der absoluten Stille der Insel hörte man dasselbe noch erschallen, als der Tonkünstler selbst längst nicht mehr zu erblicken war.

Karl stand kreideweiß vor Mitgefühl und sah dem Entschwundenen nach, Ludwig machte es gar wie der Zöllner in Bürgers „Lied vom braven Mann“ – „er heulte noch lauter als Strom und Wind“ um seinen Männe, und die Familie hielt im Zustand äußerster Blamiertheit ihren Einzug in die Pension Paula.

Der Vater war zum Glück zu angegriffen von der Reise, um die seinen Jungen zugedachte Strafe sogleich zu vollziehen, und diese ließen schweigend und widerspruchslos alle zoologischen Ehrentitel über sich ergehen, was den Landgerichtsrat rührte und entwaffnete.

[302] Es schien übrigens, als wenn sich Männes Leben im Seebad erträglicher gestalten sollte, als es zuerst den Anschein gehabt hatte.

Jeden Morgen wurde er von den Jungen aus seiner Pension – einem leeren Schuppen – abgeholt und losgebunden; er mußte leider die Nacht über an einem Strick schlummern, da er sonst weggelaufen wäre.

Wurde die unwürdige Fessel gelöst, so benahm sich Männe jeden Morgen ungefähr wie ein Mensch, der zweimal hintereinander das große Los gewonnen hat – er sprang seinen Besitzern bis an die Nasenspitze und gebärdete sich, als wenn er sie seit vielen Jahren nicht gesehen hätte.

Dann lief er mit ihnen an den Strand, wo er sich herrlich amüsierte, mit rasendem Eifer Quallen ein- und ausgrub, die Wellen anbellte oder unter dem brausenden Beifall einer großen Zuhörerschaft eine wilde, oft viertelstundenlange Treibjagd auf seinen eigenen Schwanz zum besten gab.

Hatte er sich dann müde gespielt, so legte er sich platt vor dem Strandkorb seiner Eigentümer oder vor demjenigen nieder, in dem der „eingehakte Pastor“ und seine Frau gemeinsam der Lektüre irgend eines Buches oblagen.

Dann sah Männe mit der Kennermiene eines tiefen Sachverständigen zu, wie Karl und Ludwig mit gleichgesinnten Freunden die schönsten Burgen und Bauten im Sande errichteten, und fühlte sich behaglich.

Nur eine entsetzliche Stunde hatte jeder Tag für Männe, und das war diejenige, wo seine beiden Herren badeten und in den hochaufspritzenden Wellen auf Sekunden verschwanden. Dann heulte Männe jedesmal wie eine Windsbraut und rang, nach Ludwigs Versicherung, am Ufer die Pfoten vor Angst um die [303] beiden Seehunde in Menschengestalt, bis sie triefend und seelenvergnügt wieder auftauchten und ihn tröstend in ihre Arme schlossen.

Vermöge seiner zahllosen guten Eigenschaften und geselligen Vorzüge war es Männe nach und nach gelungen, sich in der Pension Paula vom schief angesehenen Eindringling zu einer sehr angesehenen Persönlichkeit aufzuschwingen.

Die Gesellschaft war im Augenblick aus lauter Hundefreunden – die meisten anständigen Menschen sind ja Hundefreunde! – oder aus Hundeduldern zusammengesetzt, und wer sich etwa nicht dazu rechnete, der nahm aus Freude an den beiden netten, frischen Bengeln Karl und Ludwig teil an Männe und amüsierte sich über ihn.

Der Landgerichtsrat und seine Frau söhnten sich angesichts dieser Verhältnisse mit dem dummen Streich ihrer Jungen aus und hatten sogar für den Fall, daß der Teckel sich bis zuletzt gesittet betragen würde, in verlockende Aussicht gestellt, daß sie, wie sich der Vater ausdrückte, „ins saure Portemonnaie beißen“ und die Hundereisekosten erstatten würden.

Männe war allmählich immer öfter in der Pension. Die dicke Köchin fütterte ihn mit Abfällen von der Table d’hote, bis er die Bezeichnung „wandelnde Schlummerrolle“ durch seine Korpulenz gebieterisch herausforderte. Ueberdies hatte Männe das unverdiente Glück – er hatte überhaupt Glück bei Damen! – daß sich ein altes Fräulein sterblich in ihn verliebte und sich den kalten Aufschnitt und den Zwieback für ihn vom Munde absparte.

Als diese Dame sich stark erkältete und einige Tage das Zimmer hüten mußte, lud sie sogar Männe zu sich ein, um ihr die einsamen Stunden zu kürzen.

Es muß leider hier zugestanden werden, daß Männe sich bei dieser Gelegenheit sehr undankbar, ja fast gemein benahm. Erstens wollte er nie freiwillig zu seiner Verehrerin gehen, sondern mußte, so oft sie seine anregende Gesellschaft wünschte, strampelnd und unwillig auf dem Arm zu ihr getragen werden. Dann war er so lange liebenswürdig und verbindlich, als sie ihn mit Albert–Cakes fütterte – gähnte aber sofort nach dem Versiegen dieser Genußquelle bis zum lauten Quietschen und entschlüpfte bei erster Gelegenheit wieder an den Strand, was sehr egoistisch genannt werden muß!

Abends – denn soweit hatte Männe es noch nicht gebracht, daß er in der Pension schlafen durfte – abends wurde er von einer zahlreichen Gesellschaft, die diese Gelegenheit zum Spaziergang benutzte, nach seinem Schuppen gebracht. Sogar „Pastors“ – natürlich eingehakt! – wohnten öfter dem schmerzlichen Augenblicke des Anbindens bei. Diese Schlafverhältnisse waren ja nicht sehr behaglich, aber da in Sommerwohnungen sogar der Mensch auf manchen Komfort verzichten muß, so fand sich Männe auch mit Seelengröße in diesen Zustand, um so mehr, als er bei dem Fuhrmann einen Standesgenossen, einen kleinen Spitz Namens Max, gefunden hatte, mit dem er viel verkehrte.

Kurz, Männes Himmel im Seebad war im ganzen wolkenlos, was den Liebhaber poetischer Gerechtigkeit, in Anbetracht der gesetzwidrigen Art, wie Männe an die See gelangt war, stutzig machen sollte.

Und bald zeigte es sich, daß das Verhängnis nur geschlummert hatte und der Friede für Männe sowie der Friede in der Pension nur ein Waffenstillstand gewesen war!

Die Gesellschaft saß eines Abends fröhlich vor dem Hause auf der Freitreppe zusammen, die zu malerischer Gruppierung sehr geeignet war.

Man wartete auf das Eintreffen des Dampfers, was täglich ein aufregender Augenblick war. Die Pensionsmutter, die Hand über die Augen gelegt, spähte nach dem Gesellschaftswagen aus. „Wir bekommen heute noch neue Gäste, meine Herrschaften!“ verkündete sie mit gastfreiem Lächeln, „Frau Schulze, eine Mama mit Töchterchen, und dann ein einzelner Herr, Direktor Langentrott – ich habe ein Tischchen ansetzen müssen!“ Erwartungsvoll spähte alles nach dem Wagen, der schon näher rückte und aus dem von weitem ein Geschrei ertönte, wie man es sonst nur hört, wenn Hühner geschlachtet werden, und welches Männes Leistungen in dieser Hinsicht in den tiefsten Schatten stellte.

„Na“, meinte der Landgerichtsrat, „nun bin ich bloß neugierig, ob das Töchterchen so schreit oder der Direktor – das scheint ja ein belebender Zuwachs zur Geselligkeit zu werden!“

Der Wagen hielt und ihm entstieg eine Mama, die ein sehr kleines, sehr dickes und entsetzlich schreiendes Kind auf dem Arme hielt und es mit dem beständigen Zuruf: „Sei gutchen, Brunhilde!“ zu freundlicherer Auffassung der Situation zu ermutigen suchte. Brunhilde war aber nicht „gutchen“, sondern namenlos „böschen“ und kreischte sich braun, so daß eine Verständigung mit der Pensionsmutter vorläufig nur durch leidenschaftliche Pantomimen möglich war. Wurde unsere Gesellschaft schon durch diesen Vorgang peinlich berührt, so stieg der Schrecken wenigstens einiger Anwesenden bis zu schwindelnder Höhe. Das waren unsere Landgerichtrats, die „eingehakten Pastors“ und Männe! Denn als zweiter Gast entstieg der angekündigte Direktor dem Wagen, ebenso kirschbraun vor Wut wie Brunhilde, wenn auch nicht schreiend, und das war kein anderer als der brummige Reisegefährte von vor vierzehn Tagen!

„Der Unausstehlius!“ brachte der Landgerichtsrat, gegen seine Frau gewandt, tonlos hervor, „Luise, wollen wir nicht abreisen?“

Luise winkte beschwichtigend, während Männe, von düsteren Erinnerungen beim Anblick des alten Herrn bewältigt, sich hinter den Luftkegelpfahl verkroch und nicht mehr zu sehen war.

Der Direktor begrüßte kurz und mürrisch die Anwesenden und führte sich mit der reizenden Wendung ein: „Hier scheint’s ja stopfvoll zu sein! Ich bin von N. abgereist, weil man da keinen Schritt gehen konnte, ohne auf Menschen zu treten, und hier ist’s noch schlimmer! Das ist echt! Das kann auch nur mir passieren!“ Dann nickte er dem Landgerichtsrat wütend zu.

„Wir kennen uns! Ich will mich übrigens beschweren! Kleine Kinder brauche ich hier nicht zu dulden – wo kann ich mich beschweren?“

Damit ging er ins Haus.

Die Eigentümerin der schreienden Brunhilde hatte inzwischen diesem Götterweibe ein Papagenoschloß in Gestalt eines Fläschchens mit Gummipfropfen vor den Mund gelegt und vertrat wortreich ihr gutes Recht.

Kindern unter einem Jahr war der Zutritt verboten und Brunhilde war vor acht Tagen ein Jahr alt geworden! Es hätte demnach ein neuer Gesetzesparagraph für die Pension Paula gemacht werden müssen, und bis ein solcher in Wirksamkeit trat, konnte Brunhilde nach juristischen Erfahrungen schon sechzehn Jahre alt geworden sein und einen Siegfried gefunden haben.

Brunhilde wurde also als notwendiges Uebel von den Einwohnern der Pension angesehen und, da sie, von ihrer Brüllerei abgesehen, ein niedliches Kind war, auch freundlich behandelt. Nur der Direktor hatte ihr Rache geschworen, was zum Glück seine Aufmerksamkeit zunächst von Männe ablenkte.

Der Direktor – man mochte über ihn denken, wie man wollte – war in einem Punkt anzuerkennen, insofern jemand für achtungswert und interessant gelten muß, der eine Spezialität bis zur Vollendung ausgebildet hat. Der Direktor hatte dies gethan – er war Virtuose in der Unliebenswürdigkeit und wußte ihr immer neue Seiten abzugewinnen.

Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft, als alles friedlich beim Thee saß und sein Nachbar, ein schüchterner Student, ihm mehrfach von den Speisen der Abendtafel anbot und schließlich die Butter hinreichte, schnob der alte Herr ihn an: „Ich bin hier ja nicht bei Ihnen zu Gast; ich werde mir schon nehmen, wenn ich Hunger habe! Außerdem darf ich keine Butter essen und da halten Sie mir sie gerade vor die Nase – das ist echt!“ setzte der liebe Mann knirschend hinzu. Und er warf zwischen jedem Bissen, den er in den Mund steckte, seinem armen Nachbar solche Wutblicke zu, daß dieser unmittelbar nach dem Thee zur Pensionsmutter ging und, an allen Gliedern schlotternd, um einen andern Tischplatz bat.

Der Direktor, dessen Beiname „Unausstehlius“ sich bald in der ganzen Pension eingebürgert hatte, bekam auf diese Weise ein recht abwechslungsreiches Leben. Einen Tag beschwerte er sich über einen Tischnachbar und wurde weggesetzt – den nächsten Tag beschwerte sich ein Tischnachbar über ihn und er bekam einen neuen. So hatte er bald neben jedem gesessen und, wie das Mädchen aus der Fremde, jedem eine Gabe, aber an Grobheit, ausgeteilt; nur die Mutter mit Brunhilden war bisher ausgenommen. Sie saß in dem tief beschämenden Gefühl, daß sie ein Kind unter zwei Jahren besaß, bescheiden und gedrückt mit der Kleinen an einem Nebentisch und beschwor Brunhilden zwischen jedem Löffel Suppe, „gutchen“ zu sein – leider oft vergeblich.

[304] Der Unausstehlius lebte namenlos unglücklich mit diesem Kinde. Das tückische Schicksal hatte das kleine Wesen neben sein Zimmer quartiert und man kann sich die Folgen ausmalen. Brunhilde nahm öfter schon morgens um fünf Uhr – bisweilen sogar nachts um zwei irgend etwas tödlich übel und pflegte dann in ein schmetterndes Geschrei auszubrechen. Dies währte so lange, bis ihre Mutter sich mit ihr in Trab setzte und etwa eine halbe Stunde lang mit der eintönigen und beruhigenden Versicherung, daß Gänschen gewöhnlich keine Schuhe tragen, Brunhilden und den Direktor zugleich einsang. Nach einer solchen Nacht – wie sie eben heute gewesen war – war die Laune des letzteren geradezu unbeschreiblich und er versicherte jedem, der ihm begegnete, daß er am liebsten den Kalk von den Wänden kratzen möchte, eine Zerstreuung, die ihm mit einem kühlen „Bitte!“ widerspruchslos zugestanden wurde.

Es hatte sich schon eine gewitterschwüle Atmosphäre um den Direktor gebildet, der die allgemeine Gemütlichkeit so arg beeinträchtigte, und erst vorsichtig und leise, dann immer unverhohlener begann die Ansicht Platz zu greifen, daß man aus Gründen der Selbsterhaltung etwas gegen diesen Störenfried thun müßte. Aber was?

Man hatte erst den Versuch gemacht, den alten Brummbär, wie eine knarrende Thür, durch Liebenswürdigkeit zu ölen – da dies aber absolut nicht gelang, tauchte der Wunsch, ihn aus den Angeln zu heben, immer deutlicher auf.

Die Unterhaltungen über diesen zarten Punkt wurden schließlich immer unvorsichtiger und öfter in Gegenwart von Männe geführt, der sie sich hinter seine Schlappohren schrieb und seine Entschlüsse demgemäß faßte. Am heutigen Morgen hatte, wie gesagt, der Direktor seinen bösesten Tag. Gleich nach dem Frühstück erschien er bei Landgerichtsrats am Strande und quetschte sich mit einem brummend hingeworfenen: „Ist’s erlaubt?“ in ihren Strandkorb – ein Verfahren, das schon bei sympathischen Menschen von zweifelhaftem Wert ist.

„Schauderhaft sitzt sich’s hier!“ bemerkte er liebenswürdig.

„Dann gehen Sie wo anders hin!“ meinte der Landgerichtsrat kurz.

„Nein!“ erwiderte der Unausstehlius zartfühlend, „allein mag ich nicht sitzen – das ist noch schauderhafter!“

Der Landgerichtsrat zuckte die Achseln und vertiefte sich in seine Zeitung.

„Die ganze Nordsee ist schauderhaft!“ fuhr der alte Herr fort, „und dafür schwärmen die Leute nun! Das ist echt! Was kann sie denn? Entweder ist Ebbe – da kriecht sie so feige weg wie ein geprügelter Hund – oder es ist Flut – da macht sie ‚Buu!‘ und kommt wütend auf mich zugerannt!“

Dieses letztere schien der Sprecher als einen Eingriff in seine heiligsten Rechte anzusehen, die er sich, allem Anschein nach, als Spezialität vorbehalten hatte.

Der Landgerichtsrat legte resigniert seine Zeitung zusammen.

„Ich will Ihnen einen guten Rat geben,“ sagte er dann, „wenn Sie wieder einmal an die See gehen, dann gehen Sie an die Ostsee – die gefällt Ihnen vielleicht besser, und Sie ihr auch! Komm, Luise – wir wollen spazieren gehen!“

Damit ließ er den Direktor im Genuß seines Strandkorbes, und dieser, im frohen Bewußtsein, den rechtmäßigen Eigentümer hinweggeekelt zu haben, ließ es sich für eine Weile wohl sein.

Dieser heutige Tag sollte übrigens das Verhältnis zwischen Brunhilde und dem Unausstehlius krönen und zugleich die Feindseligkeiten mit Männe offiziell eröffnen.

Der Unausstehlius saß bei Tisch wie ein wutschnaubender Robinson Crusoe an einem Tischeckchen, wo noch ein Platz frei war. Da fügte es sich durch eine besondere Schiebung, daß die Mutter mit Brunhilden an dieselbe Ecke wie an eine unwirtliche Küste verschlagen wurde, und daß Brunhilde an diesem Tage in Bezug auf gesellschaftliche Umgangsformen entschieden nicht ihren glücklichen Tag hatte, haben wir schon erfahren.

Sie griff mit den Händchen erst in den mütterlichen Suppenteller, dann ins Salzfaß, fiel zweimal vom Stuhl, schrie, sollte angebunden werden, wollte sich nicht anbinden lassen und mußte von der verzweifelten Mutter zwischen jedem Gange hinausgetragen und beschwichtigt werden.

Der Direktor, in dieser allerdings unliebsamen Weise in seinen Speisefreuden gestört, nachdem ihm Brunhilde schon den Schlummer geraubt hatte, befand sich infolge dieser Zwischenfälle begreiflicherweise in einer Stimmung, daß er ohne weiteres als Ehrenmitglied in ein Komitee für den bethlehemitischen Kindermord hätte gewählt werden können, und kam aus dem Fletschen überhaupt nicht mehr heraus. – Männe hätte nun auf diese heut’ wirklich entschuldbare Gemütsverfassung des Unausstehlius Rücksicht nehmen können, aber er war durch die allgemeine Duldung so verwöhnt, daß er sich schon allerlei kleine Freiheiten herausnahm und bisweilen sogar während der Mahlzeiten in der Pension erschien.

Heute – es gab Kotelette, sein Leibgericht, wie ich als mildernden Umstand für Männe anführen möchte – hatte er sich wieder eingefunden und die Unbescheidenheit sogar so weit getrieben, daß er sich einen Freund eingeladen hatte, den vorerwähnten Spitz Max, mit dem er sich nun unter Karls Stuhl – in unmittelbarer Nachbarschaft des Unausstehlius – aufhielt, wo er auch schon ein Stückchen Fleisch erschnappt hatte.

Da entdeckte die unselige Brunhilde das Freundespaar und machte es mit dem jauchzenden Ruf „Wauwau“ kündbar! Ein Gemurmel „Der Hund ist hier – zwei Hunde!“ durchlief die Tafelrunde; der Direktor trat wild um sich und verabfolgte Männe mit seinem Absatz einen wohlgezielten Puff.

Männe entfloh unter lautem Aufheulen, Max hinterher – und der Unausstehlius erklärte, unbekümmert um die vorwurfsvollen Blicke der Anwesenden, „wenn er in eine Hundehütte gehen wollte, brauchte er nicht fünfunddreißig Mark Pension zu bezahlen!“

Karl, als verantwortlicher Redakteur, stürzte nun auf den gestattenden Wink des Vaters hinter den Hunden her, beförderte Max mit einem Tritt in die freie Natur hinaus und band Männe, bis man ihn mit an den Strand nehmen könnte, an den Luftkegelpfahl, der unweit des Hauses stand. Männe fühlte sich daselbst unglücklich und brach sofort in ein langgezogenes, mißtönendes Geheul aus, das er mit einer Ausdauer fortsetzte, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre.

Landgerichtsrats thaten natürlich so unbefangen, als ob sie gar nichts hörten, und das Gespräch der Tischgesellschaft, das den bedauerlichen Vorfall mit mehr oder weniger Humor behandelte, wurde für die nächste Zeit so lebhaft, daß Männe sich wieder einmal als maître de plaisir für die allgemeine Unterhaltung hätte betrachten können, wozu ihm in seiner augenblicklichen Lage nur leider die nötige Objektivität fehlte. Unmittelbar nach Tisch begab man sich zum Kaffeetrinken auf die Veranda. Der Direktor erlöste die Gesellschaft für eine Weile von seiner Gegenwart, indem er sofort auf sein Zimmer ging, um ein Schläfchen zu thun.

Die anderen atmeten erleichtert auf.

„Wie ideal könnte der Aufenthalt hier sein,“ nahm einer der Badegäste das Wort, „wenn man diesen Kerl weggraulen könnte! Herr Landgerichtsrat – Sie sind Jurist – fällt Ihnen kein gesetzmäßiges Mittel ein?“

Der Angeredete schüttelte den Kopf.

„Ich bin Partei – wegen Männe!“ sagte er lachend, „ich muß den Direktor ertragen!“

„Wenn wir ihn ersäuften!“ schlug ein anderer nachdenklich vor.

„Es wäre das Einfachste,“ meinte der Landgerichtsrat, „aber es könnte am Ende darüber gesprochen werden!“

„O, wie böse sind die Herrschaften!“ warnte der „eingehakte Pastor“, dessen Ehehälfte mit unsäglichen Schwierigkeiten an seinem Arm Kaffee trank, „wir sollten doch lieber in Güte versuchen, durch die, wie ich gern zugebe, rauhe Schale des alten Herrn zu dem vielleicht sehr edlen Kern durchzudringen!“

Während alle noch beschämt diesem Uebermaß von Menschenliebe gegenüber in Schweigen verharrten, ertönte lautes Stimmengeräusch und der Direktor, mit einem vom Schlaf geröteten Bäckchen, das Sofakissen wurfbereit in der Hand, erschien und erklärte, fast erstickt vor Zorn, er könnte kein Auge zuthun. „Der Hund der Herrschaften“ – mit einem Wutblick auf den Landgerichtsrat – „ist unter meinem Fenster angebunden und heult, daß man rasend werden möchte! Wenn ich die Bestie nicht eines schönen Tages vergifte, kann sie von Glück sagen,“ setzte der alte Herr fauchend hinzu, dessen Seelenzustand übrigens in diesem Fall erklärlich war.

Der tief beschämte Landgerichtsrat stürzte ohne ein Wort der Entgegnung nach dem Thatort und schnitt Männes Strick durch, [306] um möglichst rasch der Situation ein Ende zu machen. Der Direktor verlangte mit Entschiedenheit eine Tracht Stockprügel für den Heulmeier und Karl und Ludwig rasten hinter Männe her, der seine Fessel nachschleifte und in großen Sätzen in der Ferne verschwand.

Von diesem Tage an begann der Guerillakrieg zwischen Männe und dem Direktor. Männe, der genau merkte, daß die Sympathien der Pension auf seiner Seite waren, wurde immer frecher. Er war des Abends nicht zu finden, als man ihn nach seiner Pension bringen wollte, und mußte bis um 12 Uhr mit der Laterne und dem Nebelhorn in den Dünen gesucht werden. Als man ihn da auch nicht fand, triumphierte der Unausstehlius bereits, in der Hoffnung, daß die See am Ende mal energisch „Buu!“ gemacht und seinen Feind verschlungen hätte.

Als aber die landgerichtsrätliche Familie zu Bett war, nachdem sie zuvor die ganze Pension für die Verzögerung der Schlafenszeit flehentlich um Entschuldigung gebeten hatte, hörte Karl unter seiner Lagerstätte tiefes, regelmäßiges Atmen. Er griff zu; da packte er Männes weiches Fell und zog den Uebelthäter hervor, der sanft und süß da geschlafen hatte, während alles nach ihm die Dünen abrannte.

Beide Jungen, die sich in diesem unvorhergesehenen Fall nicht zu benehmen wußten, tappten nun im Nachtkostüm aus den Betten und weckten die Eltern mit der Frage: „Was sollen wir machen?“

Der Landgerichtsrat weinte fast vor Empörung. Er sah aber die Unmöglichkeit ein, den Teckel jetzt, nachts um Zwölf, in seinen Schuppen zu bringen, und beförderte Männe und Jungen mit der ingrimmigen Versicherung: „Dazu bin ich nicht in Ehren grau geworden, um wie ein Schmuggler in beständiger Angst zu leben,“ in ihre Schlafkammer.

„Beschwert sich morgen jemand über den Männe,“ setzte er mit großer Entschiedenheit hinzu, „so reist Ihr beide ohne Gnade mit dem Hunde ab und kommt zum Ordinarius in Pension!“

Karl und Ludwig wankten bei dieser Aussicht als an Leib und Seele gebrochene Männer davon. Die Nacht verging aber soweit ruhig, nur gegen Morgen, als sich Schritte dem Hause nahten, stieß Männe ein kurzes, zorniges: „Wuff!“ aus. Die Jungen, mit dem glücklichen Schlaf der Jugend, hatten nichts gehört – hingegen war die Mutter im Nebenzimmer erwacht und lag, in Angstschweiß gebadet, mit wild schlagendem Herzen da in der Sorge, daß jemand den gesetzwidrigen Laut gehört hätte. Es war nicht geschehen, aber die Landgerichtsrätin versicherte am nächsten Morgen, sie wäre in dieser Nacht um Jahre gealtert.

Männe empfand mit seinem ganzen Feingefühl, daß seine Stellung durch die Vorgänge der letzten Zeit erschüttert war. Er hatte sogar gesehen, daß der Landgerichtsrat auf einem gemeinsamen Spaziergang einen der wenigen auf der Insel gedeihenden Sträucher um eine biegsame Gerte geschädigt hatte, über deren Zweck er sich nicht näher aussprach und die in Männe die dumpfe, peinigende Ungewißheit hervorrief, ob sie für ihn, oder für Ludwig, oder für sie beide bestimmt sei! In jedem Fall empfand Männe die Notwendigkeit, etwas zu thun, um sich zu rehabilitieren. Er hatte wohl bemerkt, daß er bei kleinen Angriffen gegen den Direktor zwar öffentlich getadelt, aber nachher öfter mit der unvorsichtigen Wendung: „Das war recht, Männe!“ von einigen Gästen ermutigt worden war. Der Gedanke, den allgemeinen Störenfried wegzuärgern, nahm daher mehr und mehr von Männes Seele Besitz und wurde nun mit Zähigkeit ins Werk gesetzt.

Der Direktor war, neben seinen anderen angenehmen Eigenschaften, ein grenzenloser Pedant, der alles gern zur selben Stunde und nach denselben Grundsätzen ausführte und Störungen in seinen Gewohnheiten über alles haßte. Er blieb zum Beispiel immer abgezählt so lange im Wasser, bis ihm gerade drei Wellen über den Kopf gegangen waren, und lebte der festen Ueberzeugung, daß eine vierte ihm den Erfolg der ganzen Kur streitig machen würde! Ferner ging er jeden Nachmittag, „stumm und alleine“ wie das unglückselige Weib in dem Heineschen Liede mit dem Dichter am Fischerhaus saß, spazieren, und zwar in einem Tempo, als wenn er für die Meile von Staatswegen fünf Pfennig bezahlt bekäme.

Neuerdings schloß sich Männe zur namenlosen Empörung des alten Herrn öfter seinen Spazierenrennereien an und erwies sich bei dieser Gelegenheit als Besitzer eines so dicken Felles, daß ihn jedes Nilpferd hätte mit Thränen darum beneiden können. Er lief zunächst anscheinend harmlos neben dem Direktor her, und wenn dieser sich anschickte, ihn fortzujagen, machte Männe ein so unbefangenes Gesicht, als wenn er sagen wollte: „Was haben Sie denn eigentlich, verehrter Herr? Ich amüsiere mich hier auf eigne Hand und das kann mir am Strande niemand verbieten!“

Mit der Zeit wurde Männe aber dreister. Er schien die rasche Gangart des Unausstehlius als eine Aufforderung zu geselligen Scherzen zu betrachten – er rannte bellend und fröhlich hinter ihm drein und wollte ihn fangen.

Alsdann begann er aus seelisch unaufgeklärten Gründen eine Art kunstvoller Polonaise um die Beine des Direktors herum und zwischen denselben hindurch auszuführen, so daß der Beklagenswerte ein paarmal fast hingestürzt wäre und es als eine neue raffinierte Niederträchtigkeit der Nordsee auffaßte, daß der Seesand keine großen Steine enthielt, mit denen er Männe hätte „erwerfen“ können. Er raffte daher, in äußerster Wut, Fäuste voll Sand und Muscheln auf und warf sie nach dem Teckel, der das als einen allerliebsten Spaß auffaßte und jauchzend zur Wiederholung einer so netten Unterhaltung aufforderte.

Die Zuschauer waren im höchsten Grade belustigt durch das Schauspiel des zornigen Direktors und des fidelen Männe, der sich recht wie ein unartiger Junge benahm und sich vor Vergnügen über den ohnmächtigen Aerger des allgemeinen Unlieblings nicht zu lassen wußte.

Dem Direktor entging es natürlich nicht, daß die Badegesellschaft sich über den Zweikampf von Mensch und Teckel königlich amüsierte, und seine Widerwärtigkeit steigerte sich von Tag zu Tag, so daß man sich mit jedem neuen Morgen staunend davon überzeugte, daß man immer noch beim Komparativ sei und den Höhepunkt noch nicht erreicht habe.

Schließlich war man aber auf dem Höhepunkt wenigstens des Ertragens angekommen und erwog allseitig die fast unwiderstehlich sich aufdrängende Notwendigkeit, den Direktor auf gemeinschaftliches Risiko hinaus zu werfen.

Männe sah ein, daß ein solches Unternehmen für die ihm so wohlwollenden Menschen sehr peinliche Folgen – für ihn aber höchstens eine Tracht Prügel nach sich ziehen könnte, die er im Interesse der guten Sache mit heldenmütiger Selbstlosigkeit hinzunehmen beschloß.

Er überlegte sehr ernstlich und reiflich und er handelte schließlich nach der Eingebung des Augenblicks – stets das sicherste Verfahren für ein Genie, wenn es zum Ziele kommen will!

Der Direktor badete, wie erwähnt, immer nur ganz kurze Zeit, mochten Sonne, Wasser und Luft noch so verlockend sein, und faßte jede Verzögerung seines Hinaussteigens sowie seiner Toilette als ein wahres Majestätsverbrechen auf, so daß man, mit dem anerzogenen Respekt des Menschen vor der Unausstehlichkeit, schon förmlich Spalier bildete, um ihn auf dem Wege nach dem Badekarren ja keine Sekunde aufzuhalten. Der alte Herr erfreute sich eines Paars sehr auffällig gelb und schwarz geringelter Socken, die aussahen, als wenn sie eine fleißige Tigerin an langen Winterabenden für ihren Mann gestrickt hätte. Diese Strümpfe hatte Männe schon öfter bei seinen Zweikämpfen mit dem Direktor mit Mißbilligung als geschmacklos bemerkt. Um den ihm gehörigen Badekarren zu rascher Wiederauffindung zu kennzeichnen, pflegte der Besitzer der Tigersocken dieselben auf der ersten Treppenstufe des Karrens niederzulegen. Heute, an einem besonders schönen, durch kräftigen Wellenschlag sich auszeichnenden Tage befanden sich die männlichen Mitglieder unserer Gesellschaft noch im Wasser. Karl und Ludwig, die ihr Bad eben hinter sich hatten, rollten noch ein wenig im sonnendurchwärmten Sande umher und spielten mit Männe, der sich schon an das fremde Element gewöhnt hatte und kleine Wellen zu beißen versuchte.

Der Direktor hüpfte wie ein bissiger Flußgott unweit der Jungen umher und schickte sich eben an, nach der vorschriftsmäßigen dritten Welle das feste Erdreich wieder zu gewinnen. Da erblickte ihn Männe, und die Gelegenheit freudig ergreifend, vertrat er seinem Feinde den Weg und bellte ihn an. Der Direktor stieß wütend mit dem Fuß nach Männe und wollte ihm ausweichen – Männe war aber flinker, stellte sich wieder vor ihn hin und kläffte laut und energisch, der alte Herr schrie außer sich vor Entrüstung auf die Jungen ein, die sich vor Lachen über den Anblick der beiden Kämpfer im Sande krümmten und vergeblich Männe zu rufen [307] versuchten. Da kam eine neue, meterhohe Welle – die vierte! die überzeugt zu sein schien, daß der Unausstehlius noch nicht zufrieden sei, und schlug ihn sehr freundschaftlich auf die Schultern und über den Kopf. Der Direktor, empört über dies kurwidrige Verfahren, wußte nun nicht, ob er sich gegen Männe oder gegen die Wellen zuerst verteidigen sollte. Männe aber hatte beim Anblick des Elementes sein Heil in der Flucht gesucht und war dem Badekarren zugerannt.

Dort die gelbgeringelten Socken des Direktors erblicken und mit dem linken Exemplare davon rennen, war Eins für Männe! Ohne sich umzusehen, jagte er in wahren Hechtsätzen davon, nach dem sogenannten „neutralen Strand“ zu, wo ein großer Teil der Badegesellschaft sich in Strandkörben und auf Plaids beschaulich niedergelassen hatte.

Der Anblick des wohlbekannten Männe mit der wohlbekannten Siegestrophäe wirkte so erheiternd auf alle Anwesenden, daß ein Sturm von Gelächter ertönte, wie bei einer Clownvorstellung im Cirkus. Sogar der „eingehakte Pastor“ lachte bis zu Thränen mit, und der alte Herr, der in der eiligsten Toilette, seine vier Haare gen Himmel gesträubt, hinterher gerannt kam, um seinen Strumpf wieder zu holen, wurde mit ungeteilter Heiterkeit empfangen, was ihm nicht oft passierte.

Diese Heiterkeit sollte, wie es dem echten Gelächter zukommt, erlösend wirken. Der alte Herr hatte es so übelgenommen, daß nicht allein Männe seinen Strumpf eskamotiert hatte, sondern daß seine Mitmenschen so herzlos waren, sich darüber zu amüsieren, daß er auf dem Absatz Kehrt machte, in die Pension Paula lief, seine Rechnung verlangte und mit dem nächsten Dampfer die Insel verließ. Er war schmählich von Männe aus dem Felde geschlagen und nahm noch das niederdrückende Bewußtsein mit sich fort, daß ein liebenswürdiger Hund es viel leichter hat, sich eine Stellung im Leben zu erobern und zu behaupten, als ein unliebenswürdiger Mensch.

Männes Badeaufenthalt aber gipfelte von da an in großartigen Erfolgen. Er wurde durch allgemeine Abstimmung der Gesellschaft aus Dankbarkeit für seine That und ihre Folgen zum Ehrenmitglied der Pension Paula ernannt, brauchte nicht mehr im Schuppen zu schlafen, sondern wohnte im Hause wie andere Badegäste und durfte sich sogar manchmal den Max einladen. Und am ersten Tage, den man ohne den Unausstehlius in der Pension verlebte mit dem Gefühle eines Menschen, den der Alp nicht mehr drückt, wurde für Männe, den Befreier der Insel, eine allgemeine Ovation veranstaltet, die ihresgleichen suchte.

Die ganze Gesellschaft trat mit ihren Schlafstubenleuchtern in der Hand an und brachte Männe einen Fackelzug, den dieser erst mit königlichem Anstand entgegen nahm; dann aber legte er leider sehr bald unmanierliche Langeweile an den Tag und gähnte wie ein Abgrund. Da die Feier jedoch mit Ueberreichung einer Knackwurst schloß, so war der Held des Abends hochbefriedigt, und noch heute sagen Landgerichtsrats, wenn sie von ihrem Inselaufenthalt erzählen: „Die gefeiertste Schönheit der Saison war aber doch Männe im Seebad!“