Thilde Evers

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Textdaten
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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Thilde Evers
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 857–859
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[857]
Thilde Evers.
Ein Weihnachtsbild.
Von Ernst Ziel.


Lang’, lang’ ist’s her.

Die See war weit hinaus, wohl eine Meile landabwärts, mit einem glitzernden, schimmernden Eismantel überdeckt. Darüber standen die Sterne an dem wolkenlosen Nachthimmel, groß und hell. Vorn Dorfe herüber, aus dem verwitterten kleinen Gotteshause, klang es Hall auf Hall in die klare Luft hinaus – schwebendes, schwellendes Weihnachtsgeläute.

Sonst kein Laut – Strand und Düne waren kirchenstill. Nun aber knirschte der Schnee auf dem schmalen Fußwege wie von nahenden Schritten, und aus dem eisumkrusteten Gestrüppe, das sich zwischen den Steinen des Ufers dürftig angesiedelt hatte, schreckte ein Strandvogel scheuen Fluges empor und schnitt mit den langen Flügeln schwirrend durch die kalte Winterluft. Der einsame Wanderer, der, in einen groben, zottigen Seemannsrock gehüllt, langsam daherschritt, eine hohe, kräftige Nordmannsgestalt, trug den Kopf gesenkt. Aus seinen mannhaft ernsten Zügen sprach etwas, wie ein zorniger Schmerz, aber es schien ein Schmerz zu sein, über den das Gras von manchem Jahr gewachsen, nicht mehr leidenschaftlich und wild, nur dumpf und nagend. Die Bewegungen des Mannes waren unstät und hastig, obgleich er mehr schlenderte als ging. Er mußte wohl einen weiten Weg zurückgelegt haben; denn sein langer struppiger Bart war dicht bereift und vereis’t, und als er nun mit schneller Hand die Eiszapfen daraus entfernte, die sein heißer Athem mit der schneidigen Kälte erzeugt hatte, und sie ärgerlich von sich schleuderte, da war er in seiner wüsten Schroffheit anzuschauen, wie Einer, der eine tiefe Wunde in der Brust trägt aber sie stolz verachtet und nur darüber grollt, daß sie nicht heilen und verharschen will.

Das Dorf zieht sich hart am Strande hin; es bildet nur eine einzige lange Häuserreihe, die den Blick auf die See hat, und an diesen Häusern schritt der düstre Fremde entlang. Was kümmerten ihn die hellen Fenster, hinter denen Christbaum an Christbaum strahlte? Finster ging er fürbaß, den Blick am Boden, und seine Gedanken schienen eine längst verschollene Zeit zu suchen. – Inmitten des Dorfes steht der Leuchtthurm, ein verfallenes, zerklüftetes Gemäuer. Geborstene Böte und rostige Anker, verworrenes Tauwerk und zerrissene Segel bilden ein buntes Durcheinander um den Thurm, und an den Flanken des Hügels, auf dem er sich erhebt, hängen die Fischer die braunen Netze zum Trocknen auf. Hier hemmte der Mann seine Schritte; hier erhob er sein wettergebräuntes Gesicht und blickte mit seinen wasserblauen Augen bald auf den alten Thurm, bald auf das Schiffsgetrümmer zu seinen Füßen.

„Es war vor dreißig Jahren,“ sagte er nachdenklich vor sich hin. „Wir waren Beide Kinder. In den Fensterhöhlen des Thurmes saßen wir und hatten unsere Lust daran, hinaus zu blicken in die weite Welt voll Wasser und Wellen. Sie war ein trautes, liebliches Kind, und wenn auf unserm lustigen Platz der Zugwind ihr die langen goldigen Ringellocken in’s Gesicht trieb und sie fröstelte, dann nahm ich sie in den Arm und tröstete sie und erzählte ihr die schaurig süße Geschichte von dem armen Ullrich – dem Ullrich aus dem Märchen – der hinausgefahren war über die See, dort westwärts, in ein fernes, fernes Land und dem da draußen das Herz gebrochen war vor langem, bangem Heimweh. Dann weinte sie wohl – und das kam von dem scharfen Seewind, der ihr in die Augen blies.“ Er schwieg einen Moment. „Ach, das Heimweh!“ stöhnte er dann leise. „Wilhelm, Wilhelm, wohin sind die Tage!“ Nun stampfte er mit dem Fuße auf, und „thörichte Weichheit!“ lachte er. „Die Welt ist’s nicht werth. Schäme dich, hart gewordene Theerjacke, und trolle dich weiter!“

An der Mole vorüber, welche den kleinen Hafen vor dem Anprall der Wellen schützt, vorbei an Werft und Krahn ging er langsam straßaufwärts. Hier macht die Häuserreihe eine Biegung nach hinten, und die Straße weitet sich zu einem kleinen Platz, wo die Leute ihre Waaren feil bieten und den Bedarf für den Herd einkaufen; die Wohnung des Vogts und das Pfarrhaus liegen daran, und wo zwischen Apotheke und Bäckerladen die enge Gasse mündet, blickt die Kirche über die schneebeladenen Dächer herüber, die alte Kirche mit dem kurzen, dicken Thurm, den blechumrahmten Fenstern und der schweren plumpen Thür aus Eichenholz.

„O, ich kenne ihn noch,“ flüsterte der Fremde, „den Markt mit den freundlichen Häusern daran. Hier sah ich sie Sonntags, das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche gehen. Jeden grüßte sie freundlich und unschuldsvoll; denn sie war ein Kind geblieben, ob sie gleich eine Jungfrau war. So gut damals – und heute?“ Wieder stöhnte er schwer auf. „Wer hätte das gedacht! – Alle hatten sie gern, mir aber lachte das Herz in der Brust, wenn ich sie sah – denn Thilde war mein. Da kam ein Sonntag – und wir standen am Altar, Mann und Weib. Glück des ersten Angehörens! O, wäre sie treu und gut geblieben!“

Nur wenige Schritte noch, und er stand vor einem niedrigen, kleinen Hause, dem einzigen in der Reihe, dessen Fenster nicht weihnachtlich hell waren. „Hier war es, hier,“ klang es beklommen von seinen Lippen, „ob sie wohl daheim ist?“ und vorsichtig wie ein Dieb, damit der Schnee nicht unter seinen Füßen knirschte, schlich er in den tiefen Schatten des vorspringenden Daches und dicht an die kleinen grün gestrichenen Fensterläden hinan. „Alles dunkel, wo mein helles Glück geblüht – dunkel am Weihnachtsabend? Gott hat sie gerichtet.“ [858] Ein leichter Lufthauch kam von der See herüber und strich durch das blätterlose Geäst der Linde vor der Thür des Hauses. Und der Mann seufzte, und es war, als seufzte auch die Linde. „Ob sie fortgezogen ist?“ fragte er sich und lauschte einen Moment – vielleicht, daß sich etwas rege in dem stillen Häuschen. Alles stumm! Nun stützte er den Arm auf die Fensterbrüstung und legte das müde Haupt in die Hand: „Oder gestorben?“ Die Weihnachtsglocken klangen in seinen Schmerz; sie klangen ganz wie vor Zeiten, und Erinnerung, herb süße Erinnerung, entrückte ihn in die Tage von ehedem. Es dünkte ihn, als lege eine weiche Hand sich mild und kühlend auf seine heiße Stirn; zwei sanfte Arme umschlangen ihn, und „Wilhelm! Wilhelm!“ klang es, wie bittend, von einem lieben Munde – seine Seele wußte nichts mehr von Weh, dann aber, wie er so weiter träumte, fühlte er einen jähen tiefen Stich im Herzen, und es war ihm, als lebte er das Leid von Jahren noch einmal durch; er sah sich hinausgetrieben in entlegene Meere, und er kämpfte mit Stürmen und Gefahren, um den Schmerz zu vergessen, den Natterstich im Herzen, und die Natter – war sein Weib. So stand er sinnend eine Weile; dann auf einmal, wie erwachend, schluchzte er auf: „Ach, und der Knabe! Ihn noch einmal sehen, nur einmal noch – –! Er ist doch mein, mein – –“

„Ob’s wohl wiederkommen wird, Jacob?“ fragte plötzlich eine rauhe Stimme neben ihm, daß er aus seinen Gedanken erschrocken auffuhr.

„Doch wohl!“ antwortete eine andere, und zwei ältere Männer in hohen Stiefeln und Matrosenjacken kamen des Wegs. „Seit sechs Jahren hat man’s an jedem Weihnachtsabend gesehen, Niklas. Wird auch wohl heute nicht ausbleiben.“

„’s ist doch ein seltsam Weib!“ sagte wieder der Erste, „so ein Aufsehen zu machen – und mitten auf dem Eise!“

„Unglück und Armuth macht die Menschen absonderlich, Niklas,“ gab der Andere zurück. „Aber was die Leute auch reden mögen, gut muß sie doch sein, weil sie das Andenken des Todten so beharrlich ehrt, mag sie’s auch närrisch genug anfangen. Meinst Du nicht auch?“

„Meiner Treu! Das mein’ ich auch,“ entgegnete der Gefragte. „Gut trotz aller bösen Nachrede und aller Sonderlichkeit. – Aber sieh’ doch, Jacob!“ sagte er lebhaft und zeigte auf die Eisfläche hinaus, „da ist es schon.“

Auf der schimmernden weißen Decke leuchtete ein gelbes Licht auf, winzig und im Winde flackernd; nun waren es deren zwei, nun drei und mehr und immer mehr, neben einander und über einander, kreisförmig und pyramidenartig sich aufbauend – ein Christbaum auf dem Eise.

„Niklas, da ist sie selbst. Siehst Du sie sich bewegen? Sie hat alle Lichte angezündet. Gieb Acht! nun wird sie gleich niederknieen.“

„Wahrhaftig! ich seh’ sie. Und da ist ja auch der Knabe. Der arme Junge – er steckt die Hände vor Frost tief in die Taschen.“

„Und nun nimmt sie ihn bei der Hand.“

„Ja, und jetzt knieen sie Beide nieder, Jacob.“

„Wer kniet?“ sahen die Sprechenden sich plötzlich angeredet, und der einsame Träumer, der bisher noch immer an den grünen Läden des kleinen Hauses selbstverloren gelehnt hatte, war zu ihnen getreten und fragte tonlos und gleichgültig: „Was treibt das Weib?“

„Sie betet,“ antwortete der Eine.

„Für ihren Mann,“ ergänzte der Andere. „Der ist vor mehr als sieben Jahren, ich weiß nicht in welchem Winkel des Oceans, verschollen und ertrunken. Am Weihnachtsabend – Ihr wißt es ja – stellen wir Christbäume auf die Gräber unserer Todten. Die See ist auch ein großes Grab.“

„Wie heißt das Weib?“ fragte der Fremde weiter. Erlegte die Hand wie ein Dach über die Augen und lugte in die See hinaus.

„Nun, Ihr müßt von weit her sein,“ war die Antwort, „daß Ihr die Thilde nicht kennt.“

„Die Thilde?“

„Freilich, die Thilde – Mathilde Evers.“

Der Adler in der Luft, wenn er am Firmament etwas Unerhörtes sieht, einen riesigen Stern, ein Meteor, schießt erschrocken in die Tiefe – so blitzschnell war der Mann von ihrer Seite. Ueber den Schnee des Weges, über das Gerölle des Strandes hinweg war er fortgestürzt, wie ein Rasender, den flimmernden Lichtern auf dem Eise zu.

„Thilde, meine Thilde, Du betest für mich – Du liebst mich noch.“

Die beiden Männer blickten ihm erstaunt nach.

„Das kann nur Er sein,“ sagten sie und schüttelten verwundert die Köpfe. „Die Todten leben.“ Dann wandten sie sich eilig, um im Dorfe das Wunder zu berichten.

„Wilhelm,“ klang es, indem sie gingen, vom Eise zu ihnen herüber, „Wilhelm, ist es denn möglich? Du lebst.“

Das Dorf war schnell in Alarm. Von den Festtischen hinweg waren sie an den Strand geeilt, und was sie da sahen auf dem glitzernden, schimmernden Eise, das war ein Bild wie ein Märchen: drei Menschen knieeten im Schnee, hell beleuchtet von dem Lichte des Christbaumes. Der Mann hatte die mächtige Gestalt tief in sich zusammengekauert und das Gesicht mit den Händen bedeckt; die Frau schmiegte sich dicht an ihn, und ihr langes blondes Haar flatterte leicht im Winde, der Knabe aber trug das Lockenköpfchen aufgerichtet und hob die gefalteten Hände empor zu den Sternen. Die Drei regten sich nicht. Nun aber kam Leben in die Gruppe; es war, als würde die kleine Lichtpyramide leise in die Höhe gehoben, und jetzt bewegte sie sich fort – die drei Gestalten schritten dem Lande zu. Und als sie nun den Strand betraten und den versammelten Dorfbewohnern sich näherten – wer beschriebe das Schauspiel! Sie gingen Hand in Hand, Beide schweigend, tiefernst und langsamen Schrittes, der Knabe aber trug ihnen das strahlende, leuchtende Bäumlein voran und sang mit heller Kinderstimme dazu:

„O, du selige,
O, du fröhliche,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!“

Niemand sprach zu ihnen; nur ein leise staunendes Gemurmel ging durch die Menge. Scheu und ehrfurchtsvoll wich Alles zurück, wie vor etwas Heiligem, Fremdem, dem man nicht zu nahen wagt. Wer wollte auch die Liebe stören, die mit sich selbst versöhnte, in ihrem ersten Wiedererwachen? Weiter schritten die Drei, wie stille, fromme Pilger. Dann – vor dem kleinen Hause – raschelte es über ihnen heimlich durch die Linde; die Hausthür knarrte; das Glöcklein daran klingelte hell, und zwischen den grünen Läden verschwand der schimmernde Christbaum, verschwand der Knabe, verschwanden Mann und Weib. –

Draußen tönten voll und feierlich noch immer die Weihnachtsglocken – drinnen im engen, kleinen Zimmer klang leises Weinen – war es das Weinen der Freude? Ein finsterer, bleicher Mann hielt ein schluchzendes Weib in den Armen, und ihre Thränen rannen ihm in den wüsten, wilden Bart.

„Wilhelm, ich habe Dich wieder,“ flüsterte sie und umschlang ihn leidenschaftlich. „O Gott, was trennte uns so lange?“

Er rang mit sich – die Stimme versagte ihm, und vorwurfsvoll und doch mit unendlicher Liebe ruhte sein Blick auf dem zitternden Weibe. Dann endlich, halb wie der Fluch eines Rächers, kalt und hohl, halb wie die Klage eines Sterbenden, weich und mild, brach es hervor aus seiner Brust:

„Adam Jürß!“

„Was soll der Name?“ fragte sie ruhig, „der Name zu dieser Stunde? Es ist eine längst vergessene Geschichte. Du weißt es ja: ich gab Dir an demselben Tage das Jawort, wo ich ihn abgewiesen, den reichen ränkevollen Schiffsherrn.“

„Ich weiß,“ sagte Wilhelm dumpf, „das ist es nicht.“

Er setzte sich müde auf die ärmliche Bank in der Wandnische, wo sie in früheren Tagen so glücklich gewesen.

„Das ist es nicht,“ wiederholte er finster und zog Thilde zu sich nieder. „Es war heute vor acht Jahren. Ich war Steuermann aus dem 'Nordstern'. Wir lagen im Hafen von Calcutta, bereit nach Rio Janeiro in See zu gehen. Capitain und Matrosen hatten ein deutsches Weihnachtsfest am Bord veranstaltet, ich aber dachte der Heimath, und die Unruhe trieb mich auf die Post. Ich fand zwei Briefe vor, einen von Dir: Du warst gesund und hattest dem Jungen die ersten Höschen gekauft, aber die Noth klopfte an die Thür – meine letzte [859] Geldsendung mußte verloren gegangen sein. Der andere Brief war von Adam Jürß. Himmel und Hölle! Der Mensch goß glühendes Blei in meine Adern. Er sei mein Freund, schrieb er, und es sei nicht gut, daß der Mann so lange von Hause; denn das Weib – eines wie das andere – sei wankelmüthig –“

„Das hat er geschrieben?“ unterbrach ihn Thilde und sah ihn mit ihren blauen Unschuldsaugen groß und klar an. „Geschrieben, daß – –“

„Daß der Korb, den Du ihm gegeben,“ fuhr Wilhelm fort, „Dich zu reuen scheine. Du habest ihm Andeutungen gemacht, Andeutungen –“

„Ist es möglich? Du konntest ihm glauben?“

„Ich mißtraute seinen Worten, aber, der Wurm saß mir im Herzen. Am liebsten wäre ich gleich mit dem ersten Schiff nach Europa gesegelt. Aber – mein böses Schicksal! – ich war bis New-York in Heuer. Was thun? Ich raffte mein Bischen Geld zusammen und sandte es Dir. Dann schrieb ich an meinen alten Freund Fritz Ohlerich – Du kennst ihn ja, den Vogt unseres Dorfes – er solle mir melden, wie man daheim über Dich spräche, und ein wachsames Auge haben. In Rio Janeiro würde ich seine Antwort erwarten. Thilde, was litt ich auf der langen Reise bis Rio! Dort angekommen, eile ich auf die Post. Zwei Briefe! Wieder einer von Adam Jürß, der andere vom Vogt. Da stand es wirklich mit klaren Worten in dem Briefe des Vogts – und meine Augen waren nicht blind und mein Kopf war klar und frei – da stand es: Du seiest zwar ein braves Weib, aber, so schwer es ihm würde, er müsse es sagen: im Dorfe ging ein böses Gerede über Adam und Dich. Besuche des Morgens, Besuche des Abends –“

„O die schlechten, nichtswürdigen Menschen!“ fiel ihm Thilde in’s Wort, „ich hatte nicht Brod noch Salz im Hause; denn die Arbeit war knapp; Keiner erbarmte sich meiner, und der Junge weinte und wollte essen. Da kam Adam – ich sehe noch heute sein gleißnerisches Gesicht – er sagte, daß er mich noch immer gern habe, sprach von seinen Schiffen auf See und dem guten Ertrag, den sie brächten. Ach! ich war schwach genug, seine Hülfe anzunehmen, denn, Wilhelm, der Junge schrie nach Brod und mein Herz wollte sich wenden vor Schmerz. – Adam ging aus und ein bei uns, wie viel ich ihn auch bat, mich zu meiden; denn ich wußte wohl, die Dirnen im Dorfe schwatzen so leicht. O, ich schwöre Dir, mein Herz war rein, und nur um des Kindes willen –“

„Höre mich weiter!“ fiel Wilhelm ein. „Nun las ich auch Adam’s Brief. Jammer und Gram! Mein Bild, mein eignes Bild, dasselbe, das ich Dir als Bräutigam geschenkt und so oft an Deinem Halse gesehen, Thilde – mein Bild fiel aus den Blättern, Er hatte es heraus gebrochen aus dem Medaillon, und nun lag es vor mir, wie jetzt in meiner Hand – sieh her!“

Und er zog ein Taschenbuch hervor und nahm das Bild heraus.

„Auch das noch!“ sagte sie schluchzend. „Wilhelm, er hat es mir abgerungen als Pfand für meine Schuld, wie er schmeichelnd sagte; er wollte durchaus keine andere Bürgschaft – und der Junge schrie wieder nach Brod, und ich gab es hin unter Harm und Thränen.“

„Du habest es ihm aufgedrungen,“ sprach der bleiche Mann weiter, und seine Stimme zitterte vor innerer Erregung, „aufgedrungen, schrieb er. Ich solle kommen, schnell kommen; denn er sei doch auch nur ein Mensch, und sein Herz fange an schwach zu werden. Kommen sollte ich, Thilde. Ich kommen, und schnell kommen! Ha, wußte er denn nicht, daß ich bis New-York gebunden und verheuert war?! Ich antwortete nichts. Aber es blutete in mir, als müßte ich sterben an so viel quellendem, heißem Herzblut. Die Reise war lang. Und dann – was fand ich in New-York? Keinen Brief, Thilde. Nein, aber ein Kästchen. Die Adresse war von seiner Hand geschrieben. Und darin? Nichts Geschriebenes, nein! Tod und Teufel! Darin lag nur – dies.“

Er nahm etwas aus der Brusttasche und warf es auf den Tisch, daß es klirrte und rollte.

„Mein Ring,“ rief sie, „mein Trauring!“ und Thränen erstickten ihre Stimme. „Mir abgelistet, Wilhelm, mir abgelistet durch Versprechungen und Drohungen. Ach, der Hunger und das Kind!“ Sie warf sich ihm zu Füßen. „O, glaube mir, bei Allem, was Dir heilig ist – –“

„Laß’ das!“ wehrte er ab, und ein Zug von Güte und Milde ging über sein bleiches, ernstes Gesicht, indem er sie aufhob. „Nun war ich in New-York,“ sagte er nach kurzer Pause, „nun war ich frei und konnte heimkehren nach Europa. Heimkehren? Ich hatte keine Heimath mehr. Alles dahin, Alles! Denn mein Herz war todt. Ich verfluchte Gott, die Welt, mein Leben; ich verfluchte Dich und mein Kind. Auf einem fremden Schiffe verdingte ich mich nach China. Dann war ich an der Küste von Guinea und in den Gewässern des Stillen Oceans. So schwanden die Jahre, und die Jahre, Thilde“ – ein Klang schmelzender Wehmuth mischte sich in seine Worte – „die Jahre führen Balsam in ihren leise rauschenden Fittigen. Oft wenn ich in der Sternennacht des Südens auf Deck saß und hinauf blickte in die Tiefen des Himmels, dann kam es über mich, als lebe hier“ – und er zeigte auf die Brust – „noch ein armes, schiffbrüchiges Gefühl, weich und innig – o, Du kennst es nicht – Heimweh, Thilde, Heimweh!“ Er fuhr sich über die Augen, als blende ihn das Licht des kleinen Christbaumes, der zu seinen Füßen auf dem steinernen Boden des ärmlichen Zimmers stand. „Und nun bin ich hier,“ sagte er nach einer Weile. „Ich konnte es nicht lassen; ich mußte ihn noch einmal sehen – meinen Jungen, meinen Hans – –“

Und er nahm den Knaben, der von einem Winkel des Zimmers aus der erregten Scene verwundert zugesehen, er nahm ihn auf die Kniee und drückte ihn leidenschaftlich an’s Herz. Das Kind schlang die Arme um den Hals des Vaters. Es war ein rührendes Bild – und alles Leid und alles Weh der Jahre, nun löste es sich allgewaltig – der starke Mann weinte.

„Mein Junge, mein Hans, mein Sohn –“

„Und hier Dein Weib!“ sagte Thilde schüchtern; sie hatte abwärts gestanden, und nun kam sie leise daher und umschlang ihn innig. Eine bange, unausgesprochene Frage stand in ihren Mienen.

„Vergieb!“ rang es sich von seinen Lippen. Er ließ den Knaben aus den Armen und zog sie an seine Brust.

„Jahre lang hast Du um mich getrauert. Thilde, ich glaub’ an Dich; denn ich sah Dich beten für den todten Gatten.“

„O, Du guter, lieber Mann!“ – –

Sie sprachen lange kein Wort. Es war still in dem kleinen Zimmer. Durch die Linde vor der Thür aber wehte der Athem der Nacht, der heiligen Nacht, und dann und wann klopfte ein dürrer Ast verstohlen an’s Fenster.

„Und Adam?“

„Such’ ihn an der Friedhofsmauer,“ antwortete Thilde, „im Winkel, wo keine Kreuze stehn – nur Steine ohne Namen! Der Sturm einer einzigen Nacht hat seine Schiffe zerschellt. Man fand ihn, die Kugel im Herzen.“

„Gott hat ihn gerichtet,“ sagte Wilhelm. Dann hob er den kleinen strahlenden Christbaum von der Diele auf und setzte ihn mitten auf den Tisch.

„Ist das ein Weihnachtsabend!“ flüsterte er, innerlich bewegt; er legte die Rechte auf das Haupt des Knaben und hielt mit der Linken sein Weib umschlungen. „Laßt uns vertrauen und arbeiten! Laßt uns gut bleiben bis an’s Ende!“ –

Draußen zog es daher, klingend und singend, die Gasse entlang – sie hielten nach Vätersitte den Weihnachtsumzug durch’s Dorf. Wilhelm öffnete das Fenster und stieß den Laden auf, und als sie näher kamen, brennende Kerzen und Tannenzweige in den Händen, da sang auch er, wie die Andern alle, hell und kräftig in die Mitternacht hinaus. Und vom Eise herüber antwortete das Echo: „Nun danket Alle Gott!“