Udalrich und Wendelgart und der ungeborne Burkard

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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Udalrich und Wendelgart und der ungeborne Burkard
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 258-261
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
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[258]
525.
Udalrich und Wendelgart und der ungeborne Burkard.
Ekkehardus monachus (ap. Goldast I. p. 40. 41.)


Udalrich Graf zu Buchhorn (am Bodensee) abstammend aus Carls Geschlecht, war mit Wendilgart, Heinrich des Voglers Nichte, vermählt. Zu seiner Zeit brachen die Heiden (Ungarn) in Baiern ein, Udalrich rückte aus in den Krieg, wurde gefangen und weggeführt. Wendilgart, die gehört hatte, daß er todt in der Schlacht geblieben, wollte nicht wieder heurathen, sondern begab sich nach St. Gallen, wo sie still und eingezogen lebte, und für ihres Gemahls Seele den Armen Wohlthaten erwies. Weil sie aber zart aufgezogen [259] war, trug sie immer große Lust nach süßen Speisen. Sie saß eines Tages bei Wiborad, einer frommen Klosterfrau im Gespräch, und bat sie um süße Äpfel. „Ich habe schöne Äpfel, wie sie arme Leute essen – sprach Wiborad – die will ich dir geben“ und zeigte ihr wilde Holzäpfel. Wendilgart nahm sie gierig und biß darein; sie schmeckten so herb, daß sie ihr den Mund zusammen zogen, warf sie weg, und sagte: „deine Äpfel sind sauer, Schwester; hätte der Schöpfer alle so erschaffen, so würde Eva keinen gekostet haben.“ Mit Recht führst du Even an – sprach Wiborad – denn sie gelüstet gleich dir nach süßer Speise. Da erröthete die edle Frau, und that sich hernach Gewalt an, entwöhnte sich aller Süßigkeiten, und gedieh bald zu solcher Frömmigkeit, daß sie vom Bischof den heiligen Schleier begehrte. Er wurde ihr gewährt, und sie ließ sich einkleiden, lebte auch fortan in Tugend und Strenge. Vier Jahre verflossen, da ging sie am Todestage Udalrichs ihres Gemahls nach Buchhorn, und beschenkte die Armen, wie sie alljährlich zu thun pflegte.

Udalrich war aber unterdessen glücklich aus der Gefangenschaft entronnen, und hatte sich heimlich unter die übrigen verlumpten Bettler gestellt. Als Wendilgart hinzutrat, rief er laut um ein Kleid. Sie schalt, daß er ungestüm fordere, gab ihm aber doch das Kleid, als dessen er bedurfte. Er zog die Hand der Geberin mit dem Kleide an sich, umfaßte und küßte sie wider ihren Willen. Da warf er seine langen [260] Haare mit der Hand hinter die Schulter, und sprach – indem einige Umstehende mit Schlägen droheten: verschont mich mit Schlägen, ich habe ihrer genug ausgehalten, und erkennt euren Udalrich! Das Volk hörte die Stimme des alten Herrn, und erkannte sein Gesicht unter den wilden Haaren. Laut schrie ihm alles zu. Wendilgart war, gleichsam beschimpft, zurück getreten: jetzt erst empfinde ich meines Gemahls gewissen Tod, da mir jemand Gewalt zu thun wagt. Er aber reichte ihr die Hand um sie aufzuheben, an der Hand sah sie eine ihr wohlbekannte Wundennarbe. Wie vom Traum erwachend, rief sie: „mein Herr, den ich auf der Welt am liebsten habe, willkommen mein liebster Gemahl!“ Und unter Küssen und Umarmungen „kleidet euern Herrn und bereitet ihm ein Bad zu!“ Als er angezogen war, sagte er: „laß uns zur Kirche gehen.“ Unter dem Gehen sah er ihren Schleier und fragte: wer hat dein Haupt eingeschleiert? Und als sie antwortete „der Bischof in der Kirchenversammlung“ sprach Udalrich zu sich selbst: nun darf ich dich erst mit der Kirche Erlaubniß umarmen. Geistlichkeit und Volk sangen Loblieder; darauf ging man ins Bad und zur Mahlzeit. Bald versammelte sich die Kirche, und Udalrich forderte seine verlobte Gemahlin zurück. Der Bischof löste ihr den Schleier, und verschloß ihn im Schrein: damit, wann ihr Gemahl früher verstürbe, sie ihn wieder nehmen sollte. Die Hochzeit wurde von neuem gefeiert, und als Wendilgart sich nach [261] einiger Zeit schwanger befand, ging sie mit dem Grafen nach St. Gallen, und gelobte dem Kloster das Kind, wenn es ein Knabe wäre. Vierzehn Tage vor ihrer Niederkunft erkrankte plötzlich Wendilgart, und starb. Das Kind aber wurde lebendig aus dem Leichnam geschnitten, und in eine frisch abgezogene Speckschweinschwarte gewickelt. So kam es auf, wurde Burkhart getauft, und sorgsam im Kloster erzogen. Das Kind wuchs, zart von Leib, aber wunderschön; die Brüder pflegten ihn den ungebornen (Burcardus ingenitus) zu nennen. Seine Haut blieb immer so fein, daß jeder Mückenstich Blut heraus zog, und ihn sein Meister mit der Ruthe gänzlich verschonen mußte. Burkard der ungeborne ward mit der Zeit ein gelehrter, tugendhafter Mann.