Ueber die Bildung der Redefreiheit in den Schulen

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Autor: Dr. Bräutigam
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Titel: Ueber die Bildung der Redefreiheit in den Schulen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 433-434, 441-443
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[444]
Ueber die Bildung der Redefreiheit in den Schulen.[1]
Von Dr. Bräutigam.

Von der Nothwendigkeit der Uebungen im mündlichen Vortrage noch zu reden, wäre überflüssig, da die Sache wohl von Niemandem in Abrede gestellt wird, und eine gewisse Fertigkeit des mündlichen Vortrages in unseren Schulen zu erzielen, zumal in jüngster Zeit, von Behörden und Schulmännern als ein nothwendiges Bedürfniß öfters anerkannt worden ist. Um so erfreulicher muß daher die Wahrnehmung sein, auch in weiteren Kreisen einen Gegenstand besprochen zu sehen, auf welchen die Aufmerksamkeit der pädagogischen Welt besonders in den letzten Jahrzehnten ungetheilt gerichtet ist. Wenn wir daher dem geehrten Hrn. Einsender und der Redaction unsern aufrichtigsten Dank für die gegebene Anregung sagen, so erlauben wir uns zugleich, einige ebenfalls auf Erfahrung gegründete Bemerkungen jenem Vorschlage hinzuzufügen.

Zunächst sei uns einleitend die Erwähnung gestattet, daß Debatten der Art, wie ihnen der Hr. Einsender in England und Amerika beizuwohnen Gelegenheit hatte, im Modernen Gesammtgymnasium zu Leipzig bereits seit mehreren Jahren stattfinden und daß hierbei zufällig außer anderen auch nicht einer der angeführten Stoffe unbesprochen geblieben ist. Jedoch nicht ohne gehörige Vorbereitung. Die Vorbereitung aber zu dergleichen Debatten geschah durch Uebung im Declamiren und im freien Vortrage. Diese beiden Seiten der Vorbereitung aber als nothwendig und zweckdienlich hinzustellen, sei uns in Folgendem gestattet.

Wenn der geehrte Herr Einsender dem Declamiren zunächst nicht allein allen Nutzen abspricht, sondern auch die „Folgen desselben“ als nachtheilig hinstellt und am Schlusse seiner Anregung das Declamiren „einzig und allein als Gedächtnißübung“ betrachtet wissen will, so können wir damit keineswegs übereinstimmen und erlauben uns zur Rechtfertigung des Declamirens auf ein Büchlein, „Der mündliche Vortrag kurz dargestellt für Lehrende und Lernende von Dr. M. Zille“, hinzuweisen. Nachdem der Verfasser die drei Haupttheile des Vortrages: die Aussprache, die Betonung und die Handlung ausführlich besprochen, sagt er über den Werth des mündlichen Vortrages weiter:

„Aus den bisherigen kurzen Bemerkungen über die Kunst des Vortrages als dessen selbst geht im Allgemeinen hervor, daß dieselbe viel Nachdenken, viel Mühe und Sorgfalt erfordert; aber man muß auch bedenken, daß dieselbe alle Mühe reichlich belohnt, daher in der That aller Mühe Werth ist.

„Die Kunst des Vortrages nimmt den ganzen Menschen, Geist und Körper, in Anspruch und betheiligt beide bei vielfältiger Kraftanwendung zur ebenmäßigen, übereinstimmenden Darstellung eines lebendigen, schönen Ganzen. Verstand, Gefühl und Vorstellungskraft müssen lebhaft thätig sein und sich sodann dem ganzen Körper und jeder seiner Bewegungen mittheilen, um das schöne Kunstwerk eines guten Vortrages zur Erscheinung zu bringen. Diese vielseitige Kraftübung erfordert große Sorgfalt und Genauigkeit im kleinsten einzelnen Stücke und muß doch auch zugleich einhellig, wohlgemessen zusammenstimmen, um ein größeres Ganze zu erzeugen. Der klare, deutliche Gedanke muß sich mit der regsten Empfindung und mit der lebhaftesten Vorstellung vereinigen; Gedanke, Empfindung und Vorstellung müssen sich sodann weiter körperlich, anschaulich gestalten; Alles muß zusammenwirken im Dienste des Schönen. Schiller’s großer Gedanke einer ästhetischen Erziehung wird bei der Kunst des Vortrages schon in der Kinderwelt zur Wahrheit. Die künstlerische Darstellung des Schönen erzieht zunächst die Menschen zur Liebe des Schönen und gibt ihnen Anleitung, das Schöne zu empfinden und es selbst auch im Leben tatsächlich darzustellen.

„Um ein Gedicht gut vortragen zu können, müssen die Kinder dasselbe allseitig durchdringen, durchdenken, durchempfinden und mit der lebhaftesten Vorstellung erfassen und sodann Alles unmittelbar anwenden und bethätigen. Je mehr sie sich den ganzen Inhalt eines Gedichtes in allen seinen einzelnen Theilen zum geistigen Eigenthum gemacht haben, desto besser werden sie es vortragen. Sie müssen den ihnen vorliegenden fremden Gegenstand ganz in sich aufnehmen, um ihn sodann ganz und vollständig wiedergeben zu können. Der Vortrag übt sie daher in der gespanntesten Aufmerksamkeit, in dem regsten Fleiße, in der strengsten Genauigkeit. Dazu übt sie der Vortrag in guter, feiner Sitte, in edlem Anstand, in maßvoller Haltung und Bewegung des Körpers. Sie lernen durch den Vortrag Befangenheit, Schüchternheit und Unbeholfenheit überwinden und sich mit Leichtigkeit und Sicherheit bewegen.

„Durch die Uebungen des Vortrages lernen sodann unsere Kinder unser mustergültiges Schriftthum in seiner Schönheit und Herrlichkeit kennen; sie werden wahrhaft in dieses Heiligthum unseres Volkes eingeweiht, da sie die vorzutragenden Gedichte genau durchforschen und dieselben selbstthätig verarbeiten und anwenden. Sie lernen sich dieser schönen Gestaltungen erfreuen und laden auch ihre Mitschüler zu solch hohem, freudigem Genusse ein. In dieser Beziehung ist der Vortragsunterricht die Blüthe des ganzen deutschen Sprachunterrichtes; er erhebt von der Betrachtung der Formen zum Genuß des geistigen Inhaltes, lehrt diesen erkennen, werthschätzen und genießen.

„Machen sodann die Kinder gute Fortschritte in der Kunst des Vortrags, so werden die Leistungen besonders der geübteren Schüler auch einen werthvollen Beitrag zur Erhöhung der geselligen Freude liefern. Im engeren Familienkreise, ja auch in größeren geselligen Kreisen wird man die kleinen Vorträger gern vernehmen und sich nicht nur an ihnen, sondern auch an dem, was sie vortragen, erfreuen.

„Ein großer Theil unseres Schriftthums, die ganze erzählende Dichtung, ist im Grunde noch ein todter Schatz, begraben in schwarzen Buchstaben, die blos gelesen werden. Lebendig wird dieser Schatz erst, wenn die erzählenden Gedichte vorgetragen, kunstgemäß erzählt werden. Darum möge die Kunst des Vortrages nicht nur in, sondern auch außer der Schule, nicht nur von Kindern, sondern auch von Erwachsenen geübt werden; man wird sich dadurch einen neuen Kunstgenuß verschaffen und über die geselligen Kreise und dadurch auch über das Leben überhaupt eine edle, erhebende Weihe ausgießen.

„Zu jeder Art öffentlicher Rede ist endlich der Vortrag die erste, unerläßlichste Vorübung. Gar manchem öffentlichen Redner merkt man es deutlich an, daß er sich wenig oder gar nicht im Vortrag geübt hat: ist auch die Aussprache so ziemlich richtig, so fehlt doch die Deutlichkeit, die verständige Hervorhebung der wichtigsten Worte, sowie der gehörige Wechsel der Töne; die ganze Rede wird in unaufhaltsamer Hast ohne Halt- und Ruhepunkte zu Ende gejagt; endlich ist zuweilen die Haltung und das ganze Gebehrdenspiel des Redners ungebehrdig. Möchten doch alle Redner stets des Demosthenes eingedenk sein, der den Vortrag für die Hauptsache der Beredsamkeit erklärte! Je mehr die öffentliche Rede unter uns gepflegt werden wird, desto mehr wird man auch der Kunst des Vortrages sorgsame Aufmerksamkeit zuwenden müssen, um leichtverständlich, wohllautend, mit anschaulicher Lebendigkeit und eindrucksvoll sprechen zu lernen!“

Soviel von der Nothwendigkeit vorhergehender Uebungen im Declamiren als Vorbereitung zum Debattiren.

Nicht minder wichtig dürfte die zweite Seite der Vorbereitung sein, die Uebung im freien Vortrage. Denn ohne eine hinlängliche Fertigkeit im mündlichen Vortrage von bereits (natürlich vom Schüler selbst) ausgearbeiteten, wohl überdachten niedergeschriebenen Aufsätzen erlangt zu haben, ist ein erfolgreiches Debattiren, für den deutschen Redner wenigstens, wohl kaum denkbar. Wohl möglich, daß betreffs der Form des Vortrags Engländer und Franzose in Folge des der Logik gemäßen Satzbaues ihrer Sprachen weit weniger Schwierigkeiten zu bekämpfen haben, als die deutsche Sprache dem mündlichen Vortrage in den Weg legt.

Hindert aber der eigenthümliche Satzbau unserer Sprache, welche dem Redner nicht so leicht jene biegsame und für das leichte, rasche Spiel der Conversation passende Constructionsweise des Franzosen gestattet, einerseits die Geläufigkeit der Rede, so bewahrt er uns eben auch andererseits vor jenem bequemen Hin- und Herreden über Dinge, das sich auch äußerlich anlernen läßt, und wodurch allzuleicht Kaffeehausschwätzer, die viel und gern sprechen, weil ihnen das Sprechen leicht und geläufig ist, gebildet werden.

Eine solche Besorgniß aber möchte wohl nahe liegen, sobald [445] ohne gehörige Vorbereitung, d. h. ohne vorhergehende Uebung im Vortrage eines bereits niedergeschriebenen Aufsatzes sogleich zum freien (extemporanen) Vortrage geschritten wird. Vor oberflächlicher Geschwätzigkeit aber soll uns eben eine ernste und gründliche Redezucht bewahren. Und eben darum kommt auch bei uns jener Grundsatz der Alten „Stylus optimus decendi magister“ zu reellster Anerkennung. Den Styl aber auf alle Weise zu üben, soll Aufgabe der Schule sein, und dieselbe soll durch Bildung des Styles eben das Möglichste beitragen zur Bildung der Redefertigkeit, zur Bildung von Rednern; wenn auch damit keineswegs gesagt sein soll, „daß die Lehrer für die Leistungen der Schule (und der künftigen Redner) in Hinsicht des mündlichen Vortrags verantwortlich sein können.“ Denn nicht gegen alle Hindernisse des Gedeihens der Beredsamkeit bei uns und in unsern Tagen mit Erfolg anzukämpfen, ist dem Lehrer möglich. Dahin aber gehört u. a. „die tiefeingewurzelte Gewöhnung unserer Zeit an die Mittheilung durch Schrift und Druck;“ und die Druiden des alten Galliens waren nachdenkende Philosophen, wenn sie nicht gestatteten, daß ihre Zöglinge das, was sie zu lernen hatten, sich aufschrieben, sondern ihnen Alles mündlich beigebracht und dem Gedächtnisse eingeprägt wissen wollten, und wenn sie dies aus dem Grunde nicht gestatteten, den Cäsar ihnen beimißt: „quod non velint eos, qui discant, literis confisos, minus memoriae studere etc.[2]

Zu jenen Hindernissen aber gehört ferner der gewaltige Unterschied unserer neueren, der Beredsamkeit weniger günstigen politischen Verhältnisse, denen des alten Griechenlands z. B. gegenüber, wo der Rhapsode:

– Mit dem lebenden Wort horchende Völker entzückt,
Der vom Himmel den Gott, zum Himmel den Menschen gesungen
Und getragen den Geist hoch aus den Flügeln des Lieds.

Zu jenen Hindernissen eines glücklichen Gedeihens deutscher Beredsamkeit dürfte wohl auch nicht mit Unrecht gerechnet werden der Mangel an eigenen Universitätslehrstühlen – oder Docenten für diesen Unterrichtszweig, welche die neuere deutsche Literatur zum Gegenstande ihrer Vorlesungen machen sollten.



  1. Vergl. „die freie Rede“ von Fr. Gerstäcker in Nr. 26. d. Bl.
  2. Selbstverständlich hielten sie wohl auch diesen Grundsatz beim Geschichtsunterrichte fest – ein beschämendes Spiegelbild für die gegenwärtige Art desselben in Frankreich!