Ueber die Einführung des Chores auf unserer Bühne (Kreuser)

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Autor: Johann Kreuser
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Titel: Ueber die Einführung des Chores auf unserer Bühne
Untertitel: I.
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 5, S. 18–20.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Zeiter Teil: Ueber die Einführung des Chores auf unserer Bühne (A.)
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[18]
Ueber die Einführung des Chores auf unserer Bühne.


I.
Von J. Kreuser.


Kann der Chor bei den Deutschen seyn oder nicht? Diese Frage muß zuerst entschieden werden. Ohne Bedenken vernein’ ich es, wenn man unter dem Chor den griechischen versteht; denn ob auch die griechische Form vollendet in Allem, uns nicht und keinem andern der jetzigen Völker kann sie anpassen, denn aus sich selber muß das Volk sich herausbilden, was ihm eigenthümlich werden soll, und was es bewahre als ein Angedenken seiner selbst, und nimmer kann es lieben, noch sich rühren lassen von dem, was ihm zugekommen aus fremder Quelle. – Der Hellenen schöne Formen, von uns nachgeäfft, verlieren nicht nur ihr blühendes Leben, sondern, ganz ohne Sinn und Bedeutsamkeit, dienen sie nur, uns uns selber zu entfremden, und dem Volke seine eigne Gefühls- und Anschauungsweise vorzuenthalten. Soll im Drama sich die Menge erheben an den Großthaten, die geschehen, bewundern die Tugend, so gelitten, Scheu empfinden vor dem erdrückenden Laster, so darf dieß nicht in fremder Weise geschehen, denn gaffend und kalt wird der Zuschauer sagen: das versteh’ ich nicht, das rührt mich nicht, denn ich kenn’ es nicht. – Ihm muß das Bild gebracht werden in seiner offnen, hellen Farbenmischung, nicht in Umrissen, wo er das Leben erst suchen muß; dieß muß hervortreten von selbst und seinem Blick schon begegnen, eh der Forschende es sucht. Auch können wir ja nicht mehr glauben noch hoffen wie der Hellene, und wenn der Gelehrte sich gleichsam einbürgern kann der Hellas, so verdankt er dieß nur seiner langen Forschung, und immer bleibt es eine gewisse Künstlichkeit, sich in Anderer Gefühlsweisen zu denken. Diese aber will und mag das Volk nicht.

Schon früher hat unser großer Schiller es versucht, den Chor auch auf die deutsche Bühne zu übertragen; doch wäre sein Geist auch noch gewaltiger gewesen, der Versuch mußte verunglücken, denn wie gesagt, der Deutsche kann es sich nicht aneignen und im Glauben sehen, wie das Schicksal den dunkeln Faden spinnt, und der gewaltige Chor die Mitte hält zwischen ihm und dem Unglücklichen.

Das vorausgeschickt, woraus folgt, daß der Dichter, wenn er nicht einsam stehen will mit sich selber, das Wirken seiner Zeit und das Gesammtleben seines Volkes klar erfasse, will ich nur kurz Geschichtliches über den Chor einwerfen, der aus ganz andern Ansichten müßte behandelt werden, wenn der Deutsche sich etwas Aehnliches aneignete. – Noch hatte Griechenland nicht die herrlichen Bilder seines Lebens, Aeschylos der gewaltige hatte das Gespräch, das Sophokles vollendete, noch nicht geordnet, aber schon lange vor Thespis, Epigenes oder wer sonst der Hellenen erster Dramatiker war (s. Suidas), hatte der Chor sich völlig ausgebildet in traurigen Klag- und Liebessängen, die der Kyklope seinen Meergeliebten sang, oder in freudigen Weisen, die tanzende Satyrn dem Wonnengeber Dionysos brachten. An den herrlichen Chor reihte sich das Zweigespräch, und ohne den vollendeten Chor wäre es unmöglich gewesen, daß schon so schnell die dramatische Kunst in Sophokles ihre Blüte erreicht. Das Drama der Griechen entfaltete sich also aus dem Chor. Hingegen unser Drama, wie das aller neuern Völker, trat in die Welt vollendet, abgerundet, seiner selbst bewußt im weitem Umfang, der keines Wachsthums mehr fähig, als daß er männlicher werde; denn die Alten hatten großgesäugt das Kind der neuen Zeit, daß es auftrat der Leitung nicht mehr bedürfend, und nicht mehr rückgehen kann in die Tage der Kindheit. Dem Griechen war sein Schauspiel [19] undenkbar ohne den Chor, so wie ein Baum ohne Stamm, und das übrige war gleichsam eine Zierde, die lieblichen Blätter und Blüten, zum wenigsten anfangs. Wir aber müssen uns erst gewöhnen, den Chor dabei zu denken; daher kann unser Chor – den wir auch Fantasie, Lied, Romanze oder anders nennen könnten, wie es dem Stoff der Handlung anpaßt – nichts Aehnliches haben mit jenem der Griechen. Bei uns war das Drama vollendet ohne Chor, erst aus jenem kann dieser für uns entstehen. Wir müssen also sinnen, etwas Anderes zu schaffen, was unserm Volke ähnlicher sieht, und seinem Geiste näher liegt. Denn jeder von uns wird empfinden, wie bei jeder dramatischen Darstellung die Zwischenräume, die nur zu oft mit leerer Musik, übertäubendem Logengeschwätz, oder Gestampf und Gepfeife der Erwartenden ausgefüllt werden, nicht nur höchst langweilig sind, sondern uns immer hindern, einen vollendeten Eindruck zu empfangen, indem das Bild stets zerstückelt, und bei dem letzten Akte schon verwischt ist, was wir beim ersten empfingen. Nöthig scheint es mir, daß diese Zwischenränme wegfallen wie es auch geschehe, und das Drama ein ununterbrochenes Ganze bilde, vom Anfange fortwährend, ohne Unterlaß und Niederfallen des Vorhangs, bis zum Ende. Manche würden nun sagen, etwas Chorähnliches sey dazu gar nicht nöthig, und füglich könne die Handlung in Einem fortlaufen vom Beginn bis zum Ende. Aber ich behaupte, daß eine Erholung – nicht eine müssige, sondern eine beschäftigende, nicht eine abspannende, sondern eine sanft in’s Folgende überlenkende – nöthig sey, den gefesselten Geist der Schauer in etwas zu lösen. Als passende Uebergänge und Einleitung in das Folgende gebraucht, dürften aber diese Chöre nicht selbst handelnd seyn, sondern nur ruhend und die Handlung vorbereitend; eben so darf dieß, wenn ich so sagen kann, Zwischenraumsfüllsel nicht ganz fremdartigen Inhalts seyn, indem wir, abgelenkt, dann neuer Einleitung benöthigt wären, oder, ohne diese, uns nur mühsam in die folgende Handlung würden finden können. Eine leise Verbindung muß daher bestehen zwischen dem Stoffe des Drama und dem Chorliede, sey dieses auch nur in dem Gedanken begründet, der die Handlung erzeugt, oder in einer Erzählung, die rund in sich abgeschlossen, wieder vom Geist des Ganzen durchdrungen wäre, oder in einem ein, zwei, drei oder vierstimmigen Liede zu erkennen gäbe, was eigentlich die Handlung bezwecke; Betrachtungen, Lehren, reine Begriffe des Gefühls könnten darin walten, wie eben der Geist es dem Dichter eingäbe. Auch ein freundliches Mährchen könnte die Brücke seyn, und es liegt im Gemüte des Deutschen, daß er sinnig horche, und dann mit Freude zurückdenke an die stillen Knabenjahre, wo er manchen Abend so verhorcht. Mich dünkt, es müsse dem Deutschen gefallen eingefaßt in dem lieblichem Reim, der Deutschland angehört; nur mit dem Trimeter und andern, unserm Volke fremden Dingen bleibe man fern.

Dieser Chor – dem der Name eigentlich nicht gehört – sey also nichts Anderes, als ein stiller, friedlicher Uebergang aus einer Handlung in die andere, düsteren, freudigen, belehrenden, romantischen Inhalts, wie es die Sache selbst fodert, gleich einer Fantasie nach einer gewaltigen Cadenz, die still oder rauschend sich fortwälzt, wie der Geist des vorigen sie treibt. – Daß diese Chöre musikalisch vorgetragen seyn müssen, versteht sich von selbst. Sogar könnte es ein einfaches Andante ohne Worte seyn; z. B um den Gegensatz dem Laster zu bilden, könnte man in einer ruhigen Landschaft einen Frommen schlummern lassen, dessen Träume der seelige Friede der Töne durchsäuselte. –

Doch weiter hierüber zu reden wäre unnütz, nur im Beispiel kann ich zeigen, was ich gewollt, auch ist es genug, wenn ich nur eine Idee geweckt habe, die einmal ein Dichter schöner in’s Leben gestaltet, als ich es vermag. – Wenn daher gleich, aus dem Zusammenhang gerissen, die folgenden Chöre ihre wahre Bedeutung nicht völlig erhalten, so will ich doch nicht zögern, sie als Proben frommen Versuches meinen lieben Brüdern vorzulegen.


(Aus einer ungedruckten Tragoedie).
1.
Chor zwischen dem 1. und 2. Akt.

 (Einsame Landschaft; Einige beten vor einem Kruzifix).

 Erster Chor.
In des Menschen Herzen walten stille, wunderbare Mächte,
Bis es Ruh’ im Grabe findet, und kein Sturm es mehr bewegt.
Oft befreundet es sich frommem, gläubigem Geschlechte,
Und zur hohen, seel’gen Wohnung Gottes zarte Kinder trägt,
Doch sich selbst befeindet wild es, wenn die Sünde mit ihm rechtet.
Andre tragen seel’gen Frieden, wenn es in den Stürmen irrt,
Frei sind Gottes fromme Kinder von der Sünde Höllenmächten –
Nur von diesen Gottes Abbild schauerlich gefesselt wird.

Fleht demütig stets hienieden
Um den reinen Gottesfrieden!
Wem das eine Gut beschieden,
Wandelt sicher, wandelt fest
Ob die Welt im Sturm sich lößt.

 Zweiter Chor.
Wer im seeligen Gemüte
Zarte, reine Liebe trägt,
Dem hat Gott des Himmmelsblüte
In sein sterblich Herz gelegt.

[20]

Hier von allem Schmerz geschieden
Schwindet Erde ihm und Zeit,
Und er hat den ew’gen Frieden,
Kämpft auch seine Menschlichkeit.

 Beide.
Fleht demütig stets hienieden etc.


2.
Chor zwischen dem 2. und 3. Akt.

 Alfred der Knabe.
Ein armer Knabe saß auf Steinen,
Er sucht’ ein stilles Grab für sich;
Nicht lächeln konnt’ er mehr, noch weinen,
Seit alles in die Steine wich –
Gestorben war Mutter und Vater.

Er wußt’ es nicht, wo sie gelegen,
Er scharrte manches Grab heraus,
Die Fremden wollten ihn nicht hegen,
Er wollte gehn und hatt’ kein Haus –
Gestorben war Mutter und Vater.

Nicht beten konnt’ er mehr und hoffen,
Da sah er eine weiße Hand,
Und eine Grube ward ihm offen,
Darin er die Bekannten fand –
Gefunden war Mutter und Vater.


3.
Chor zwischen dem 3. und 4. Akt.

Was von außen schleichend nahet,
Dessen hat der Mensch nicht Macht,
Unabwendbar es ihn fahet,
Wirst ihn in des Jammers Nacht.
Doch der Starke kennt kein Leiden,
Was nicht in ihm heimisch ist,
Und Geklag weiß er zu meiden,
Weil er nicht sich selbst vergißt.
Fest und ohne Wank vergehen
All die Erdending’ er sieht,
Ruhig weiß er fortzugehen
Ob’s ihn auch vom Wege zieht.
Grausenhaft doch sind die Qualen,
Die der Mensch sich selber schafft,
Wenn er in den Sündenthalen
Ganz verarmt an Herz und Kraft.
Nimmer kann er von sich schütten
Seiner Sünden Felsenlast,
Und in frohen Lebens Mitten
Ihn des Todes Arm erfaßt.
Erde eine Sündengrube,
Bleich die Sonne ihm erscheint;
Durch die Sünde ward er Bube
Ob er sich auch stark noch meint.
Weh drum, wer am Herzen leidet!
Zeit und Menschheit ihn nicht heilt:
Froh die Sünd’ an sich sich weidet,
Und die eigne Angst beheult.
 (Im Sange ab).