Ueber neuere Radirungen

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Textdaten
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Autor: Johann Heinrich Menken
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Titel: Ueber neuere Radirungen
Untertitel: Fragment aus einem Briefe
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 35, S. 151.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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Ueber neuere Radirungen.
Fragment aus einem Briefe, vom Maler Dr. J. H. Menken in Bremen.

Die jetzige Weise zu radiren gefällt mir nicht, weil sie abgeartet ist. Die radirten Blätter der Alten bringen uns ihrem verehrten Wesen eben so nahe, als es ihre Originalzeichnungen thun. Noch vertrauter als durch ihre Gemälde werden wir mit ihnen, wir erblicken sie ganz ungeschmückt, und was sie für sich selbst entwarfen, wird uns ohne Umstände mitgetheilt; Altes und Neues aus dem Schatz des Herzens, was dieser vermochte. Das Eigenthümliche des Künstlers, wie er es für sich äußerte, wie er es hinwarf, Gedanken, natürlich gestaltet, ohne Decke, aufrichtig herzugeben, aus der Tiefe der Seele, war der älteren Künstler Absicht und Zweck. Geputzt und gestutzt durfte dieses nicht seyn; nicht für jedermann, – für den Geweihten waren diese Herzensergießungen nur berechnet. Solcherart Künstler neuerer Zeit verwandeln ihre Produkte in Mode- und Decorationsartikel. – Dahintretende Menschheit, leicht umworfen, oder auch in ihrer Nacktheit, schöne Glieder unverhüllend, oder großes Gewand voll Falten zur Decke, wo des Leibes schöne Theile nicht verholen bleiben, was es auch sonst für Gestalten seyn mochten, sollten den inneren Sinn oder den Kennerblick ansprechen, der Meinung vorzeitiger Künstler zufolge. Jetzt soll ein radirtes Blatt mir einem sogenannten englischen Kupferstich eine Vergleichung aushalten.

Solche Idee, dem Kupferstecher in’s Amt zu fallen, kam wol noch[WS 1] keinem bedeutenden Maler in den Kopf. Die wahren Kupferstecher laufen jedoch Gefahr, von den jetzigen Führern feiner Nadeln geschlagen und aus der Welt gekritzelt zu werden, oder sie werden Ueberläufer und verlassen ihre Fahne.

Wollen wir in den Gefilden, die dem Himmel angränzen, welches die Region der Künstler seyn mag, Adam und Eva nicht lieber allenfalls mit Feigenblättern bedeckt erblicken, wenn’s doch bedeckt seyn soll, oder können sie besser gefallen, wenn sie ans Watteau’s oder Boucher's Schneiderbude heraustreten? Und so verhalten sich ungefähr die fleißigen neueren Radirungen gegen die der Alten.

Die feine Nadel eines Rembrandt nachzuahmen, trachtet man mit unermüdetem Fleiß. Man strebe nicht länger! Man war in diesem Fall ihm längst vorbei. Erreiche man mit gröberer Nadel doch lieber seinen Geist, seine Individualität. Mit Wenigerem den angestammten Künstlersinn treu abgedruckt zu sehen, ist unser Verlangen. Der Handwerker hat seine Bahn und seinen Preis besonders. Und erst wenn jenes zum Grunde liegt, wenn jenes erreicht ist, dann treibe der Fleiß sein Spiel.

Die neueren Manieren, als Aquatinta, u. s. w., sind Zeichen des sinkenden Kunstbestandes, Zeichen der Niederlage der Künstler gegen ihr Publikum, elende Capitulationen. Dieser Sclavenzustand zwang die Künstler, alles zu versuchen, sich dem Begehren der Unwissenheit zu accommodiren, und ihre (wenn der Nachwelt es gelten soll) heilige Existenz für – ein Stück Brodt hinzugeben. Können Priester der Seele Sorgen wegweihen und scheidende Seelen entbinden, warum wollen die Künstler der Herzen ästhetischen Sinn nicht lockten und in’s schöne Gefilde hinausführen, wo der Gedanke an Zeit ein sich verlierender Traum ist.

Der Künstler sei in diesem Gefilde Gebieter und Priester, aber! der Künstler sei würdig! nicht Name, nicht Ruf, nicht Ehre und Preis der Gegenwart, und elender Zeitungen Lob sei ihm behaglich, – der Göttin bewegender Blick lohne ihm, es genüge ihm Eichel[WS 2] und Quelle.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nach. Siehe Druckfehler S. 188.
  2. Vorlage: Eiche. Siehe Druckfehler S. 188.