Litteratur (Wünschelruthe Nro. 38)

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Autor: Friedrich Wilhelm Valentin Schmidt
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Titel: Litteratur
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aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 38, S. 152
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Litteratur.




Die Kronenwächter. Von L. A. v. Arnim. Erster Theil. Berlin, 1817. In der Maurerschen Buchhandlung.

(Verspätet.)

Liebe und Kenntniß der deutschen Vorzeit, ihres Lebens, ihrer Sitte und ihrer Kunst, verbunden mit einer gewissen ganz eigenthümlichen Gemüthlichkeit haben die Schriften des Verfassers schon längst den Freunden des besseren lieb und ehrenwerth gemacht. Wenn wir nun bis jetzt mit Gewißheit voraussahen, er werde gediegene und harmonisch zusammenhangende Kunstwerke schaffen, sobald er seine vielfachen Gaben und Kenntnisse concentrirte: so sehen wir diese Ahndung durch vorliegendes Buch auf das schönste bestätigt, ja uhertroffen. So sehr der Spruch des Götheschen Faust:

Die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeilen sich bespiegeln –

auf die meisten unsrer jetzigen Romane und Märchen paßt, welche in die nordische, spanische oder deutsche Vorzeit hinein gespielt werden: um so mehr wünschten wir die ächt künstlerische Selbstentäußerung anerkannt zu sehn, mit welcher unser Verf. nur Charaktere und Begebenheiten derselben dargestellt hat, und nicht sich selbst in ihnen. Dafür sehn wir aber nun auch hier ein wahrhaft lebendiges Bild. Im bunten Gewühl gehen an uns vorüber die höchsten Erscheinungen des politischen Lebens, die häuslichen Leiden und Freuden, der Gewerbtreibende Bürger mit seinem Kunstfleiß und seinem Neide, und das geheim schleichende Gift unerlaubter zerstörender Liebe und Eifersucht. Und diesem allen ist von kunstfertiger Hand sein Maaß und sein Platz angewiesen. Von der Krone des Barbarossa an, auf dessen Wiederkehr so viele Deutsche in einfältigem Glauben gehofft haben und noch hoffen, bis auf den guten Meister Fingerling herab, ist jedes einzelne nicht nur wahr, es ist auch bedeutend, es ist auch Symbol einer Gattung. Sollten wir auf etwas einzelnes besonders aufmerksam machen, so würde es die Behandlung des Faust sein (wie es scheint nach den geschichtlichen Nachrichten des Wier, Manlius und Tritheim): sie zeigt, daß in jedem ächten Märchen der Keim zu verschiedenartigen Entwicklungen liegt.

Sehr begierig sind wir auf den zweiten Theil, ja wir hätten gewünscht, daß er zugleich mit dem ersten gegeben wäre: denn zu trostlos stehn wir am Grabe Bertolds und Antons, und bei der über alles hülflosen Anna. Doch wollen wir dem Verf. daraus keinen Vorwurf machen, da wir wohl wissen, wie oft der Schriftsteller gebunden und beengt ist durch äußere Bedingungen, von denen der Leser nichts ahndet: so daß ihm nur die Wahl bleibt einiges zu geben oder gar nichts. Und wir haben alle Ursach dem Verf. zu danken, daß er das erste vorzog.

Zum Schluß noch eine Bemerkung. Wenn wir dieses Werk mit den früheren v. Arnims vergleichen, und außer den andern Vorzügen auch noch die besondere Ruhe und Klarheit rühmen müssen, welche selbst die erschütterndsten Auftritte wie eine milde Musik begleitet: so glauben wir, daß das reifliche Studium der Götheschen Werke, besonders der Wahlverwandschaften, einen so erfreulichen Einfluß, vielleicht unbewußt, gehabt hat. Nur wer Göthe und Arnim gar nicht kennt, wird glauben, daß hier von nachahmen die Rede ist. Wir meinen vielmehr das segensreiche Einwirken des Genius, der als Mittelpunkt deutscher Kunst und Art, Licht und Wärme in jedes reine empfängliche Gemüth wohlthätig ergießt. Wir wissen wohl, daß, nachdem die alten Gegner jenes Heros ausgestorben sind, jetzt ein andres Geschlecht derselben in neuen Modekleidern vorhanden ist; aber auch dies wird vorüberschwimmen im Strom der Zeit, und bestehen wird, was geschaffen ist im Geist und in der Wahrheit.

Schmidt.