Um Paris herum. IV. Die Brücke von Sèvres

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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Um Paris herum. IV. Die Brücke von Sèvres
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 183-186
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Um Paris herum. I.
Um Paris herum. II.
Um Paris herum. III. Auf dem Mont Valerien
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[183]

Um Paris herum.

Von Friedrich Gerstäcker.
IV. Die Brücke von Sèvres.

Das vernichtende Granatfeuer um Paris her, das schon anfing, der Hauptstadt selber, trotz der sie schützenden und umgebenden Forts, verderblich zu werden, schwieg. Jules Favre verbrachte den größten Theil seiner Zeit auf dem Wege zwischen Paris und Versailles, und schon die Ueberzeugung, daß ein Waffenstillstand geschlossen sei, trug die Zuversicht eines jetzt unausbleiblichen Friedens in alle Herzen und diese wuchs von Tag zu Tage. Den Parisern wurde verstattet, den bis dahin streng und unerbittlich eingeschlossenen und fast ausgehungerten Platz zu verlassen – wobei sie jedoch noch eines Passirscheins bedurften – und Tausende von ihnen machten Gebrauch davon, um sich theils einmal wieder in den benachbarten Orten wirklich satt zu essen, theils aber auch selber Provisionen mit zurück und zu den Ihrigen zu nehmen.

Der Verkehr, der noch insofern ein höchst einseitiger war, als die Pariser wohl für sich das Recht erlangt hatten, aus- und einzuwechseln, den Fremden, und besonders uns Deutschen, das aber noch hartnäckig weigerten, war überdies dadurch außerordentlich erschwert worden, daß die guten Pariser gleich zu Anfang der Belagerung den größten Theil ihrer Seinebrücken selber gesprengt und jetzt erst nothdürftig wieder hergestellt hatten, aber man konnte doch herüber und hinüber kommen, und das genügte vor der Hand.

Mir war schon gesagt worden, daß an diesen Brücken gegenwärtig ein so interessanter wie bedeutender Verkehr stattfände; ich beschloß deshalb, diese Plätze zu besuchen, und habe es wahrlich nicht bereut.

Am Sechsten Morgens nach dem Frühstück – denn daß unterwegs nur wenig Eßbares zu bekommen sei, wußte ich schon – wanderte ich also den Boulevard St. Cloud hinab aus Versailles zum Thor hinaus und gerade auf das Schloß St. Cloud zu. Der Weg dahin, der zum großen Theil durch schattiges Gehölz führt, mag in früheren und friedlichen Zeiten auch wohl belebt genug gewesen sein – jetzt lag er still und öde. An dem völlig zu Ruinen zusammengeschossenen Garches vorbei, erreichte ich endlich das kleine Städtchen St. Cloud und mit ihm eine Verwüstung, die ich entsetzlicher noch an keiner Stelle Frankreichs wahrgenommen hatte.

Das Schloß St. Cloud war vom Mont Valerien aus in Trümmern geschossen worden, die Stadt selber hatten unsere Truppen angezündet, weil sie dem Feinde eben stete Deckung gewährte – und sie brannte noch. Da und dort züngelte und prasselte die Flamme in den der Zerstörung preisgegebenen Gebäuden empor, aber Niemand kümmerte sich darum – keine Spritze war thätig, keine Hand suchte zu retten. Wozu auch? – die Gebäude waren schon demolirt und geplündert, und wo gierige Burschen noch da und dort zwischen den Trümmern nach irgend einer bisher übersehenen Beute umhersuchten, thaten sie es mit eigener Lebensgefahr, denn die schon von dem Verband gelösten Mauern konnten jeden Augenblick über ihnen zusammenbrechen und sie unter ihren Trümmern begraben.

Vorbei – ich hatte schon zu viel des Elends in diesem unglücklichen Lande gesehen, um mich länger als irgend nöthig bei solchen erneuten Schauerbildern aufzuhalten. Man sagt freilich, daß man zuletzt auch gegen das größte Elend abgestumpft werde, aber bei mir war das noch nicht der Fall. Ich suchte das Freie, d. h. das Ufer der Seine zu gewinnen, und dort fesselte zuerst der fast wunderbar schöne Anblick von Paris meinen Blick.

Da lag die ihrem Geschick verfallene stolze und übermüthige Stadt. Die goldene Kuppel des Invalidendoms funkelte im Licht der heute zum ersten Mal wieder hervorbrechenden Sonne – da lag Notre Dame – da lagen all die mächtigen Kuppeln und Kirchen, umgeben von dem endlosen Häusermeer dieses neuen Sodoms, und nicht satt konnte ich mich sehen an dem wahrhaft prachtvollem Schauspiel.

Paris – unwillkürlich fiel mir der Phrasenmacher Victor Hugo ein, mit seiner bodenlos dummen Proclamation an die Deutschen – da lag seine „Hauptstadt der Welt“ – das „heilige“ oder besser gesagt heillose Paris, beherrscht von unseren Forts, auf denen ringsum die Bundesflagge wehte, ausgehungert, beschossen, gedemüthigt und trotzdem noch voll Phrasen und Größenwahnsinn, und drüben über der Brücke von St. Cloud standen am anderen Ufer der Seine die neugierigen Bewohner der Stadt und konnten für zwei Sous, mit Hülfe der dort von Speculanten aufgestellten Teleskope, nicht allein die Verwüstung betrachten, welche die deutschen „Barbaren“ in der unmittelbaren Nähe ihrer Hauptstadt angerichtet, sondern auch unsere Pickelhauben mit ihren Zündnadelflinten auf der Schulter, behaglich auf den sie umschließenden Wällen spazierengehen sehen, die gebaut waren, um ihr Paris zu schützen, und es jetzt, unter dem Druck unserer Geschosse, gefangen hielten.

Allerlei Volk hatte sich dort versammelt – Blousenmänner und feingekleidete Damen, Kinder und alte Leute, und Nationalgarde in Uniform hielt die Ordnung aufrecht. Mitten auf der dort querüber führenden Barricade aber stand ein kleiner falstaffähnlicher Bursch, die Arme in die Seite gestemmt und von außergewöhnlichem Leibesumfang. Sollte er eine Demonstration sein, und hatten sie ihn vielleicht wattirt und ausgestopft, um uns zu zeigen, daß Paris noch keinen Mangel leide, so lange es solche Exemplare aufzuweisen habe?

Auf dieser Brücke fand übrigens gar kein Verkehr statt; sie war auf beiden Seiten abgesperrt und durfte weder von Franzosen noch von Deutschen betreten werden. Desto lebendiger sollte es aber dafür an der Sèvresbrücke, die etwas weiter unterhalb lag, sein, und ich wandte mich dorthin, nachdem ich vorher zu dem rechts vom Wege ab und auf einer leisen Anhöhe liegenden Schloß St. Cloud hinaufstieg.

Zerstörung überall hier, wohin man den Fuß setzt – aber daß das Schloß Napoleon’s selber von seinen eigenen Granaten verwüstet worden war, was that es hier, wo so mancher brave und tüchtige Bürger sein Eigenthum diesem Menschenschlächter zum Opfer fallen sah! Der Anblick ließ mich vollkommen kalt, und ich freute mich sogar des Bildes, das die alte Schloßruine bot, in der noch einzelne Beutesucher über den Schutt umherstiegen und mit eisernen Haken kratzten und wühlten, ob sie nicht doch noch vielleicht etwas aus der allgemeinen Verwüstung für sich herausfischen könnten. – Es waren das französische Republikaner – Republikaner wenigstens für den Augenblick, oder so lange es ihnen paßte. Was liegt solchem Gesindel an einer Regierungsform? Nur so lange sie darunter rauben und plündern können, hängen sie an derselben und jauchzen ihr zu.

Und gleich dort drüben, kaum ein- oder zweitausend Schritte davon, lag das wegen seiner Porcellanfabrik berühmte Sèvres, und dort spannte sich die allerdings ebenfalls gesprengte, aber doch für Fußgänger wieder hergerichtete Brücke über die Seine nach Paris hinüber. Dort schien auch Leben, denn über die Brücke herüber und hinüber strömten die Leute, und besonders an unserer Seite zeigte sich ein nicht unbedeutendes Gedränge, aus dem nur die Bajonnetspitzen unserer wackeren Landwehr emporragten.

Die Sprengung der Brücke lag nahe dem jenseitigen Ufer, und man hatte dort nur einen schmalen Holzsteg darüber gelegt, um eine Passage für Fußgänger zu erhalten, aber einen merkwürdigeren und eigenthümlicheren Anblick, als diesen nur zeitweilig eröffneten Verkehr zwischen den beiden feindlichen Lagern, habe ich im Leben nicht gehabt.

[184] Um diesem Gedränge nur einigermaßen Einhalt zu thun und für die Aus- und Einpassirenden eine einzige enge Bahn frei zu lassen, damit sie controlirt werden konnte, hatte man von dem gar nicht fernen Mont Valerien sogenannte „spanische Reiter“ heruntergeschafft und hier quer über die Brücke gestellt, so daß sie nur an der linken Seite einen Zugang offen ließen.

Spanische Reiter sind Balken, in welche etwa vier Fuß lange spitze Hölzer so eingefügt sind, daß sie wie Radspeichen von der Nabe in vier entgegengesetzten Richtungen von einander abstehen.

Auf zwei Reihen derselben vermögen also die Balken selbst zu ruhen, während sich die beiden anderen Reihen palissadenähnlich nach innen und außen strecken und so besonders bei der Erstürmung einer Festung den Stürmenden ein sehr häßliches und schwer zu beseitigendes Hinderniß entgegenwerfen. Hier auf der Brücke waren sie alle vollkommen an ihrem Platze, denn sie gestatteten einen freien Durchblick und zwangen die Pariser Bevölkerung, den Raum innezuhalten, der ihr von unseren Truppen gewährt worden.

Die Gartenlaube (1871) b 184.jpg

Diedenhofen am Tage nach der Capitulation am 26. November 1870.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

Es sollten nur Solche diese Linie passiren dürfen, die einen Erlaubnißschein von Paris aus hatten, die Umgegend zu besuchen, um theils nach ihren Wohnungen zu sehen, theils Lebensmittel für die Ihrigen anzukaufen, und der dort an der Passage aufgestellte Officier hatte wirklich einen schweren Stand. Nicht einzeln kamen sie nämlich, sondern zu Zehn und Zwanzigen – Manche in fieberhafter Hast, um hinauszugelangen aus der beschossenen, halbverhungerten Stadt – aber erst mußte ihr Geleitschein untersucht werden, und lautete der auf einen Ort hinter Versailles, so wurden die Herren sowohl wie die Damen so lange zurückgehalten, bis sich ein kleiner Transport zusammenfand. Dann gab man ihnen eine Wache bei und ließ sie vorsichtig durch Versailles durch, aber auch sicher wieder an der andern Seite und durch die überall besetzten Thore hinaus geleiten. Es bestand ein Verbot, keinen Zuzug mehr von Paris nach Versailles zu gestatten, und zwar zum Schutz unserer deutschen Truppen und Behörden, da die Pariser sonst gerade Versailles überfluthet hätten. Waren doch die Preise der Lebensmittel schon in den wenigen Tagen ganz enorm gestiegen.

[185]
Die Gartenlaube (1871) b 185.jpg

Rue Royale in der Stadt St. Cloud, am 16. Februar 1871.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.




Diese Controle konnte aber kaum für einen Moment meine Aufmerksamkeit fesseln, denn Interessanteres bot sich da draußen an den spanischen Reitern, die jetzt von der ärmeren Bevölkerung im wahren Sinne des Wortes belagert wurden.

„Brod!“ schrieen die Menschen unseren Soldaten zu, „gebt uns Brod – nur ein Stück Brod – wir haben so lange keins gehabt!“ und dabei klammerten sie sich an die starren Hölzer, ja die Kinder steckten den Kopf hindurch und klemmten sich dazwischen hinein, nur um den bis dahin so gefürchteten Preußen ein klein wenig näher zu sein und ein Stück Brod von ihnen zu erlangen.

Ich hatte nie so recht geglaubt, daß die Noth in Paris wirklich schon so groß gewesen sei, um eine solche Scene zu

[186] ermöglichen. Es mag auch sein, daß die wohlhabende Bevölkerung sich noch eine ganze Weile gegen Mangel, ja selbst schlechte Nahrung geschützt hatte, während die Proletarier von der Regierung – mit was auch immer – genährt werden mußten, wenn sie nicht in offene Empörung ausbrechen sollten. Aber der ärmere Mittelstand muß schon schwer zu tragende Noth gelitten haben, oder der Mangel hätte sich hier nicht so offenkundig und am hellen Tage gezeigt, denn hier gab es kein Verheimlichen mehr, und der Schrei nach Brod tönte von allen Lippen.

Viele bekamen auch Brod, aber in einer Weise, wie ich es nie gewünscht hätte, von unseren Soldaten zu sehen, denn Einzelne von ihnen, Gott sei Dank nur wenige, machten sich die Noth der armen Menschen zu Nutze und eröffneten ein Wuchergeschäft mit der Gottesgabe. Die langen, aber sehr leichten Laibe Weißbrod, ohne die nun einmal der Franzose so wenig existiren kann, daß er lieber Fleisch und Gemüse entbehrt, wenn er nur solches Brod und Wein bekommen kann, wurden zu zwei, drei, ja vier Franken an die Hungrigen verkauft, und wer das Geld hatte, gab es, o so willig! hin. Hunderte aber hatten es nicht. Ein altes Mütterchen mit einem bleichen jungen, recht krank aussehenden Mädchen neben sich, drängte sich vor und streckte die Hand nach einem der Brode aus, die wie zur Schau mitten zwischen den Zinken der spanischen Reiter lagen.

„Was kostet das Brod?“ fragte sie schüchtern.

„Drei Franken – trois Franken,“ sagte ein dabei stehender Soldat und hob, zu besserem Verständniß, drei Finger empor. Die Alte zog scheu die Hand zurück – wo hatte sie drei Franken? – im Nu aber war sie von Anderen, wohl nur ebenso Hungrigen, aber Stärkeren zurückgedrängt und eine kecke Hand streckte sich sogar hinter der Schulter eines Anderen vor, um sich das Brod womöglich ohne Bezahlung anzueignen. Damit war es aber Nichts, denn die Leute hatten darin wahrscheinlich schon Erfahrungen gemacht und paßten wacker auf, und es dauerte auch nicht lange, so war dieses Brod, wie manches andere nachfolgende, an Leute verkauft worden, die keinen Passirschein aufweisen und deshalb auch nicht nach Sèvres hinein konnten, um Lebensmittel dort zu menschlichen Preisen einzuhandeln.

Und immer mehr des Elends drängte sich herbei – Knaben und Mädchen, Männer und Frauen – wildes, ruppiges Gesindel dazwischen, aber auch manches bleiche, abgemagerte Gesicht – Frechheit und Jammer, Rohheit und still duldendes Elend, das nur der Hunger an die deutschen Vorposten trieb, um dort eine Linderung zu finden. Das schwärmte auf und ab, das wogte herüber und hinüber, und wurde zuletzt so arg, daß unsere Soldaten schon den Moment kommen sahen, wo die wahrhaft verzweifelte Menge den Versuch machen würde, die spanischen Reiter bei Seite zu werfen und den Durchgang zu forciren, was sie dann hätten mit den Waffen in der Hand zurückweisen müssen.

Aber der französischen Wache da drüben konnte der hier entstehende Unfug ebensowenig entgehen, und da sie ganz besonderen Auftrag haben mochte, jeden Friedensbruch in dieser Zeit des Waffenstillstandes zu vermeiden, so kam plötzlich ein kleines Commando von Nationalgarde die Brücke entlang und trieb das Volk von den spanischen Reitern fort, und dann einfach zurück nach der französischen Linie an der anderen Seite der Brücke.

Neben mir stand ein alter Landwehrmann, der bis dahin kein Wort geäußert und sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Nun erst, als das hungrige Volk zurückgetrieben wurde, sagte er, indem er langsam mit dem Kopf schüttelte:

„Ich wollte, ich hätte das hier nicht gesehen, denn ich werde es mein Lebtag nicht vergessen. Hol’ der Teufel den Krieg!“

Der Mann hatte vollkommen Recht – auch mir war es bei dem Anblick eisig kalt über den Rücken herunter gelaufen und trotzdem – haben es die Pariser besser gewollt? ja fühlen sie selbst in diesem Augenblick, der sie thatsächlich gedemüthigt zu des Siegers Füßen steht, ihre Niederlage? – Nein und abermals nein, denn wo sich ein Deutscher in Paris, gerade in dieser Zeit, blicken ließ und als solcher erkannt wurde, da konnte er von Glück sagen, wenn ihn die Polizei oder die Nationalgarde in Gewahrsam nahm und in Haft brachte, denn dem Volk überlassen, hätte ihn dieses gesteinigt ober zerrissen. Und trotzdem sandten gerade die Deutschen in jenen Tagen Zug nach Zug mit Lebensmitteln in die schon fast zur Verzweiflung getriebene Stadt, um dem bleichen Hunger zu wehren, der an die Pforten pochte.

Der Abend war inzwischen angebrochen, die Sonne neigte sich wenigstens dem Horizont zu und schien voll und klar noch auf die goldene Kuppel des Invalidendoms, auf welchen die Sèvres-Brücke in schnurgerader Linie zulief. Und nun trafen ganze Schaaren Pariser, die wahrscheinlich Morgens die Stadt schon verlassen hatten und jetzt ihrer Heimath wieder zueilten, an der Brücke ein, um durchgelassen zu werden. Viele davon waren Leute aus den Vorstädten mit blauer Blouse und noch ziemlich gesund aussehenden Gesichtern, die sämmtlich einen Doppelsack über den Schultern trugen und die daheim sehnlichst erwarteten Lebensmittel mitbrachten. Aber auch sehr viele Herren in schwarzen Fracks, mit Cylinderhüten und Glacéhandschuhen sah ich, die den schmutzigen Weg nothgedrungen zu Fuß zurückgelegt hatten – aber Alle, ohne Ausnahme, tragen wenigstens eins der langen schwammigen Weißbrode (an deren Genuß ich mich selber nie habe gewöhnen können) unter dem Arm. Viele thaten das ganz offen und machten sich nichts daraus, wenn ihnen das Mehl am Frack klebte und wenn die Leute sahen, was sie heimbrachten, ja sie waren vielleicht stolz darauf. Andere transportirten ihre Beute, zwei oder drei Brode zusammen, sorgfältig in Papier eingepackt und mit Bindfaden umschnürt. Ja, ich sah sogar ganz anständig gekleidete junge Leute, die sonst vielleicht mit Kneifer und Spazierstock auf den Boulevards flanirten mit einem gewöhnlichen hölzernen Schiebkarren vor sich, in dem sie eine größere Quantität von Lebensmitteln im Triumph heimführten.

Dahin ist es mit den Parisern gekommen, und trotzdem haben noch Pariser Zeitungen die Frechheit, von dem gesetzgebenden Körper zu verlangen daß er entscheiden solle, ob der Krieg weiter geführt, oder Friede geschlossen werde. Sie schwindeln sich vor, daß die Welt mit Bewunderung auf sie blicke, während sie es doch nur mit tiefem Bedauern thut – sie sind immer noch das erste Volk der Welt und halten sich, weil sie Kabylen, Mexikaner und Chinesen besiegt, für die größten Helden der Erde.

Da drüben lagen die Kuppeln der großen prachtvollen Stadt im scheidenden Sonnenlicht – da drüben lag Glanz und Pracht einer Stadt, in die Jahrhunderte ihre Schätze gehäuft, während hier draußen die Kinder derselben um ein Stück Brod bettelten oder elegant gekleidete Herren, den langen Laib Brod unter dem Arm, scheu und verdrossen der preußischen Wache ihren Legitimationsschein vorzeigten, um wieder auf ihr eigenes Terrain gelassen zu werden.

Die Brücke von Sèvres war, wie gesagt, nur für Fußgänger passirbar, auf der von Neuilly dagegen kreuzten die verschiedenen Fuhrwerke aus und ein, und der Verkehr war dort ein viel bedeutenderer, aber gerade hier bei Sèvres zeigte sich das in der Stadt herrschende Elend auch in viel schärferem Grade, und wie sehr auch die französischen Phrasen versuchen mögen es zu übertünchen oder gar wegzuleugnen – wer Zeuge dessen war, was hier geschah, wird es, wie jener Landwehrmann – „nie im Leben vergessen.“