Verdienstvolle Deutsche in Amerika

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Textdaten
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Autor: August Diezmann
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Titel: Verdienstvolle Deutsche in Amerika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 159–160
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[159] Verdienstvolle Deutsche in Amerika. Unter diesem Titel gedenken wir von Zeit zu Zeit kurze Mittheilungen über einzelne ausgezeichnete Männer zu geben, welche Deutschland der neuen Welt geliefert hat und deren Namen und Verdienste im alten Vaterlande viel zu wenig bekannt sind. Die Thaten eines Sigel, Schurz, Willich u. A. erscheinen in den Zeitungen und sprechen für sich selbst; die nicht minder bewunderungswerthen Leistungen Anderer in den verschiedensten Berufsgebieten laufen Gefahr, in Amerika vergessen zu werden, weil sie von Deutschen vollbracht wurden, und in Deutschland – weil sie von deutschen Amerikanern vollbracht wurden. Wahrlich, die Welt ist oft ungerecht gegen wahres Verdienst!

Welcher Deutsche drüben – und welcher Amerikaner hüben, außer ganz Wenigen, denkt wohl im Traume daran, daß seit Jahren die große Mehrzahl aller Leuchtthürme und Baken, welche die Schifffahrt in den Gewässern der Union erleichtern, die Schiffbrüche vermindern, zahlreiche Verluste an Menschenleben verhüten und das Gefühl der Sicherheit in der Brust Tausender erwecken, welche diesen gefährlichen Küsten entlang schwimmen, daß diese zahlreichen Leuchtthürme von zwei Deutschen erbaut sind und neue von ihnen immer noch erbaut werden? Es gehört keine gewöhnliche Sachkenntniß zu solchen Bauten, sondern in vielen Fällen ein Ingenieurtalent, ein Reichthum an geistigen Hülfsmitteln und eine Hartnäckigkeit in der Ueberwindung von Schwierigkeiten, wie alles dieses nur großen Erfindern eigen ist. Es gehören außerdem, wenn der Betreffende ein amerikanischer Deutscher ist, noch, ganz besondere Stärke des sittlichen Charakters und geschäftliche Gewandtheit dazu, um eingeborne Mitbewerber um solche Aufgaben auszustechen, die Verleumdungen Brodneidischer zu entwaffnen, die oft wunderlichen Vorurtheile der Aufsichtsbehörden gegen „europäische Neuerungen“ zu besiegen und bei alledem von dem Schandfleck der Corruption unberührt zu bleiben, der fast allen amtlichen Verhältnissen hier zu Lande anhängt. Solche Männer sind die Brüder Anton und Hugo Lederle, welche im Dienste der Vereinigten Staaten und unter specieller Aufsicht der dem Flotten-Departement untergeordneten „Leuchthaus-Behörde“ zu Washington den Neu- und Umbau, Verbesserung und Unterhaltung aller Leuchtthürme und Signalfeuer – der Erstere an den fünf großen Seen des Nordwestens, der Letztere am Hudsonflusse und an der atlantischen Küste von Maine bis Florida hinab besorgen.

Geborene Badenser und durch die Revolution von 1848 nach der Union verschlagen, haben sie ihre jetzige verantwortliche und bedeutende Stellung lediglich sich selbst zu verdanken, haben sich durch ruhige Beharrlichkeit und unübertroffene Tüchtigkeit und Biederkeit die Bahn zu Posten gebrochen, welche Fremdgebornen sonst fast unzugänglich sind, und vereinigen ein Jeder in seinen Händen mehr Verwaltungsgeschäfte, als man anderweit drei oder vier Fachgenossen anvertraut. Unablässig eilen sie auf den ihnen zu Gebote gestellten Dampfern Tausende von Meilen hin und her, die Verwaltung überwachend, die Einkäufe für so viele Stationen besorgend und vertheilend, Neubaupläne entwerfend und der Behörde unterbreitend und schließlich sie sammt allen neuen Verbesserungen im Leuchthauswesen prüfend und einführend. Und doch erscheint ihr Name in keinem amtlichen Berichte!!

Bekannter schon, wenn auch lange nicht nach Verdienst, ist der Name Röbling’s, eines Preußen, des Erbauers der Niagara-Hängebrücke, welche die New-Yorker Centralbahn mit der canadischen Great-Western-Bahn verbindet, eine der Hauptverkehrsadern zwischen dem großen Osten und dem großen Westen Amerika’s. Dieses Wunderwerk der Welt ist in Abbildungen und Beschreibungen auch in Europa längst sattsam bekannt, so daß wir einer ausführlicheren Schilderung überhoben sind. Allein wer, der es nicht mit eigenen Augen gesehen und immer wieder gesehen, ohne sich daran satt sehen zu können, ahnt das Großartige des hier in’s Werk gerichteten Unternehmens? Wenn man zuerst von oben die riesigen vier Taue, an welchen der ganze Bau aufgehängt und ausgespannt ist, die gewaltigen massiven Thürme, welche die Taue tragen, und die große Länge der Brücke sammt deren Tragfähigkeit angestaunt hat – wir haben sie schon in ihrer ganzen Länge von 1280 Fuß mit schweren Eisenbahnfrachtwagen und außerdem mit Tausenden von Menschen und Fuhrwerk aller Art (im unteren Stockwerke) bedeckt gesehen, ohne daß sie merklich nachgab – dann gönne man sich das Anschauen derselben von Weitem, von unten an der Wasserfläche, von allen Seiten, wo er wie ein feines Spinnengewebe erscheint, das hoch über einem schaurigen Abgrunde und einem schäumenden, meeresgleich bewegten Strudel in die Luft hingehängt ist! Welche Leichtigkeit, Zierlichkeit, Schönheit, welches Ebenmaß in allen Verhältnissen! Man wird zweifelhaft, ob man dem großen Naturwunder zwei Meilen oberhalb, das man mit demselben Blicke ganz überschauen kann, dem riesigen Wassersturze, oder dem kühnen Wunderbau von Menschenhand mehr Staunen schuldet. Und nun lasse man sich von einem deutschen an der Brücke Angestellten, der die ganze Geschichte des Baues mitgemacht hat, dieselbe erzählen, um das hier Geleistete ganz zu würdigen.

Es war hier von Anfang bis zu Ende Alles, aus einem Menschengehirne heraus zu schaffen; nichts als der rohe Kupferdraht war gegeben, der aus England bezogen werden mußte. Die sinnreichen Maschinen, um [160] ihn erst in dünne Strähne, dann diese vorsichtig und ohne Ueberspannung oder Ungleichmäßigkeit in dickere und immer dickere Taue zu drehen, die neu zu erfindenden mechanische Mittel, um diese Taue unter der schwersten erforderlichen Belastung nachgiebig und doch zugleich so dauerhaft zu befestigen, daß eine fünfundzwanzigjährige Dauer garantirt werden konnte, und um sie in ihre Lage zu bringen, endlich um in dieser schwindelnden Höhe an den Tauen alles Uebrige aufzuhängen und zu befestigen – dieses Alles zu beschreiben, hieße die Geschichte des Feldzuges eines Einzigen gegen tausend Hindernisse der abschreckendsten Art beschreiben. Die Brücke hängt nun fünfzehn Jahre da; keine Spur einer Abnützung ihrer Tragkraft und Haltbarkeit! Es hat seitdem der Baumeister manch anderes großes Werk derselben Art in Amerika geschaffen. Ein solcher Mann würde in Europa auf seinen Lorbeeren ausruhen, reich und bewundert in hervorragender Stellung dastehen können; in den Vereinigten Staaten zieht er sich mit seinen im Verhältniß mäßigen Ersparnissen in’s Privatleben zurück und wird – Fabrikant. Herr Röbling hat in Trenton, der Hauptstadt von New-Jersey, eine Fabrik von Kupferdraht begründet und beschäftigt einige Hundert Arbeiter.

Heute nur noch einen deutschen Namen von ebenso großer Bedeutung. Am 12. Januar d. J. verstarb in Washington, der Bundeshauptstadt, Reinhold Solger, einer der geistreichsten und verdienstvollsten Landsleute, mit welchen die achtundvierziger Zeit dem neuen Welttheile ein Geschenk gemacht hat, unter den traurigsten Umständen. Auch er war nur hin und wieder in beiden Hemisphären genannt, und Wenige begriffen die ganze Größe seiner Leistungen. Der Sohn eines hochgestellten preußischen Beamten und der Neffe des bekannten philosophischen Schriftstellers desselben Namens, hatte er eine sehr gute Erziehung genossen, mußte aber bei der engherzigen Natur deutscher Verhältnisse, welche für so hervorragende Begabung keinen entsprechenden Wirkungskreis wissen, schon früh den Grund zu einem vorzeitigen Untergange legen. Schon als Student mißliebig geworden durch zwei sarkastische Heldengedichte, welche das Junkerthum und die Staatsdienerschaft mit unübertroffenem Witze geißelten, war schon vor 1848 Verbannung in Frankreich und England und später in der Schweiz und Amerika sein Loos. Frühzeitig und vor vollendeter Charakterbildung in ein abenteuerliches Leben hineingeworfen, untergrub er schon als Jüngling seine Gesundheit durch raschen Wechsel zwischen unbedachtsamem Lebensgenusse und den anstrengendsten Studien. Mit auserlesenen Gaben ebensowohl zum großen Staatsmanne, wie zum großen Dichter und zum gelehrten und scharfsinnigen Alterthumsforscher ausgerüstet, fand er dennoch durch die Ungunst der Verhältnisse seinem rastlosen Ehrgeize die Bahn zu einer Stellung in der Geschichte verschlossen, blieb sein Leben ein verfehltes, sein Ende wahrhaft entsetzlich. In Amerika unternahm er vom ersten Augenblicke seines Auftretens an das schwere Werk, bei den Eingebornen den damals noch so verachteten deutschen Namen zu Ehren zu bringen. Er wurde Lecturer, d. h. er hielt in englischer Sprache vor dem besseren Publicum Vorträge, in welchen er die Standpunkte und Leistungen der deutschen Philosophie, Sprach- und Geschichtsforschung in’s rechte Licht setzte, zahllose eingefleischte Vorurtheile der Angloamerikaner bekämpfte und entwurzelte und die Nothwendigkeit einer Ergänzung der angloamerikanischen Cultur- und Charakter-Einseitigkeiten durch die Vorzüge der Deutschen einleuchtend machte. In der Beherrschung der englischen Sprache unübertroffen, voll Witz und Geist im Vortrage und im Besitz selbstständig errungener Ergebnisse fleißiger und vielseitiger Forschungen originell, wurde er bald über das halbe Land hin bekannt und anerkannt, in Boston, wo er lange wohnte, sogar entschieden einer der „Löwen des Tages“, und seine Zukunft schien gesichert. So hat er viel, sehr viel dazu betragen, den Deutschen in Amerika eine geachtete und einflußreiche Stellung zu verschaffen und die „Germanisirung Amerikas“ einzuleiten, welche jetzt in endlicher Aussicht steht. Oft ward er gerade unter seinen hiesigen Landsleuten verkannt und angefeindet, weil er stark ausgeprägte Sonderbarkeiten an sich trug; unter den Eingebornen stieg er in Achtung und verdankte es dieser Achtung, daß er 1862 unter dem Finanzsecretär Chase das bedeutende und verantwortliche Amt einer Hauptbureau-Direction in Washington überkam, in welchem Staatsschuldscheine im Betrag von Hunderten von Millionen Dollars durch seine Hände gingen und mit seiner Unterschrift versehen wurden.

Als er im Sommer 1864 einen Ritt nach einem vier Meilen von der Hauptstadt entfernten Landsitze machte, welchen er miethen wollte, stürzte er, schon jahrelang unter furchtbarem Kopfweh leidend, vom Sonnenstich getroffen, vom Pferde, blieb stundenlang einsam in der glühenden Sonne ohne Hülfe liegen, wurde endlich von einem ärztlichen Pfuscher verkehrt behandelt und, fast vollständig gelähmt und der Sprache beraubt, auf ein anderthalbjähriges Schmerzenslager hingestreckt, gepeinigt bei völligem Bewußtsein von dem Hinblick auf eine in Armuth zurückbleibende, unversorgte Familie, bis der Tod ihn wohlthätig heimsuchte. Angloamerikaner haben bisher an derselben so viel gethan, wie für die nächste Zeit genügte, seine deutschen Landsleute noch nichts. Man hat unter diesen nur erst davon gesprochen, daß etwas geschehen müsse. Wehe dem verdienstvollen Deutschen hier zu Lande, welcher kein finanzielles Talent hat, um seine Familie rechtzeitig sicher zu stellen!

Solger hat kein schriftstellerisches Werk hinterlassen, das ihn lange überleben konnte. Seine angestrengten Studien, seine Reisen, sein Amt ließen ihn nicht zu der dazu nöthigen Sammlung kommen. Sein Roman „Anton in Amerika“, eine Art von Fortsetzung des berühmten Freytag’schen Romanes „Soll und Haben“, mißfiel sogar entschieden, trotzdem daß er die reiche Begabung des Verfassers überall glänzend zeigt. In seinen hinterlassenen Papieren muß sich vieles höchst Werthvolle finden; aber welcher Deutsche in Amerika hätte die Muße dazu, sich ihrer Herausgabe zu unterziehen?

Ein Märtyrer mehr für die Zukunft der Deutschen! Wie viele werden ihm noch in dasselbe Loos folgen müssen, ohne die Frucht ihrer Anstrengungen zu erleben?

New-York.
A. D.