Vergleichende Märchenforschungen (Rezension Krohn)

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Textdaten
Autor: Kaarle Krohn
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Titel: Vergleichende märchenforschungen
Untertitel:
aus: Anzeiger der Finnisch-ugrischen Forschungen, Band 9, S. 1–10
Herausgeber: Kaarle Krohn, Emil Nestor Setälä, Yrjö Wichmann
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Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Red. der Zeitschrift; Otto Harrassowitz
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Erscheinungsort: Helsingfors; Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Princeton-USA*, Commons
Kurzbeschreibung:
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[1]
Vergleichende märchenforschungen.
Antti Aarne, Vergleichende Märchenforschungen. Mémoires de la Société finno-ougrienne XXV. Helsingfors 1908. XVIII + 200 p. 8:o. Preis: 6 Fmk. (Auch als akademische abhandlung 23/11 1907 erschienen.)

Die »vergleichenden Märchenforschungen» von Antti Aarne behandeln drei märchen: 1) vom zauberring, 2) von den drei zaubergegenständen und den wunderbaren früchten, 3) vom zaubervogel. Bei jeder untersuchung gibt der verfasser erst alle volkstümlichen varianten in einer möglichst kurzgefassten form, dann analysiert er jeden einzelnen zug, um die urform festzustellen, ferner behandelt er die älteren buchvarianten und ihr verhältnis zu dem volkstümlichen märchen, schliesslich versucht er die heimat des märchens und die wege seiner verbreitung festzustellen.

Das märchen vom zauberring ist mit 82 finnischen, 30 slavischen, 23 sonstigen europäischen, 16 asiatischen und 2 afrikanischen aufzeichnungen aus dem volksmunde vertreten. Zu den p. 57 angeführten verworrenen exemplaren könnte eine deutsche aufzeichnung aus der grafschaft Mark (J. W. Wolf Zs. f. d. Myth. I p. 338 von Fr. Woeste) hinzugefügt werden.

Die urform des märchens stellt sich folgendermassen dar:

Ein verarmter junge kauft für sein weniges geld einen hund und danach eine katze los, die getötet werden sollen. Befreit mit hülfe der ihrem wohltäter folgenden tiere eine von feuersgefahr bedrohte schlange. Dankbar führt ihn diese zu sich nachhause, wo ihm ihr vater einem durchlochten stein gibt. Vermittels dieses zaubergegenstandes schafft sich der junge ein prächtiges schloss und erhält sodann eine königstochter zur frau. Der stein wird ihm aber durch betrug von einem fremden entwendet und durch [2] die zaubermacht desselben sowohl das schloss als die frau, die wider wissen und wollen das vorhaben des diebes begünstigt, weitweg entrückt. Er selbst wird vom könig ins gefängnis geworfen. Da machen sich seine dankbaren tiere auf, um den zaubergegenstand zu holen. Über den fluss, an dessen entgegengesetztem ufer der dieb wohnt, schwimmt der hund, die katze auf dem rücken tragend. Vor dem schlosse fängt die katze eine maus und droht sie zu töten, wenn sie ihr nicht den stein verschaffe, welchen der dieb im munde trägt. Die maus kitzelt in der nacht mit ihrem schwanze die lippen des schlafenden diebes. Dieser speit den stein auf den boden aus. Die katze erhält denselben und trägt ihn im munde weg. Auf dem heimweg über dasselbe wasser verlangt der hund den stein, um ihn zu tragen, lässt ihn aber aus dem maule ins meer gleiten, wo ein fisch ihn verschluckt. Sie bekommen indes den fisch in ihre gewalt, nehmen den stein aus ihm heraus und bringen ihn schliesslich zu ihrem herrn. Der junge zaubert sich sofort sein schloss und seine frau wieder herbei.

Dass der ursprüngliche besitzer des zaubergegenstandes eine schlange gewesen, ist unzweifelhaft. Der teufel als ihr stellvertreter ist auf eine anzahl finnischer varianten beschränkt und wahrscheinlich durch missverständliche auffassung von russ. zmija ‘schlange’, welche in den karelischen märchen als böser drache erscheint, entstanden. – Dass der held des märchens als ein armer junge gedacht worden, ist auch richtig, wenn es vielleicht nicht noch richtiger wäre ihn als verarmt aufzufassen, wie in einer indischen variante (Ja 2) und in den beiden erzählungen des Pentamerone (vgl. auch den ungeratenen Aladdin). – Die form der errettung vom tode lässt der verfasser unnötigerweise unentschieden, obgleich er gültige beweise für die ursprünglichkeit der rettung aus dem feuer vorführt. Zu gunsten dieser spricht auch der natürliche umstand, dass eine schlange aus dem feuer nicht selbst herauskommen kann. – Dass der zauberring sich aus einem zaubersteine entwickelt hat, hat der verfasser bewiesen. Und zwar ist die vertauschung nicht bloss derart vorsichgegangen, dass der erzähler zuerst den zauberstein mit einem ring verknüpfte, sondern vielmehr durch die vermittlung eines durchlochten steines, was auch der verfasser für möglich hält, indem er auf die finnischen varianten hinweist. Runde ringartige schlangensteine hätte er in unserem ethnographischen museum mehrere vorfinden können. – Ob die gefängnisepisode ursprünglich im märchen vorhanden gewesen ist, braucht kaum in frage gestellt zu werden. Nicht bloss [3] ihr auftreten sowohl in Europa als in Hinterindien (und in Arabien) spricht für ihre ursprünglichkeit, wie der verfasser richtig bemerkt. Durch ihr fehlen wäre die haupthandlung gewiss geschädigt, denn die hülfe des hundes und der katze wird gerade durch die gefängnisstrafe des jungen unentbehrlich. – Bei der bestimmung des wassers, über welches die tiere schwimmen, müsste der vorzug dem flusse, welcher in Indien, dem wahrscheinlichen heimatslande der märchens (Ja 1, 2, Tb 2), und im Pentamerone vorkommt, gegeben werden. Das schwimmen übers meer ist in hinsicht auf die geographische situation des landes dem indischen erzähler kaum eingefallen, dagegen hat dieser am sundreichen Mittelmeere natürliche gedanke in Europa leicht eindringen können. – Das kitzeln der lippen des diebes mit dem schwanze der maus, ein charakteristischer und einmal erfundener zug, ist zuweilen durch das aufnagen einer truhe ersetzt worden. Dieser spätere zusatz setzt aber kaum ein ursprüngliches nagen eines loches in das zimmer voraus, welches in bloss zwei verworrenen varianten vorkommt. In der einen (Tb 1) nagt die ratte der katze den weg durch den drahtvorhang; in der anderen (Dd) zwingt die katze eine maus ein loch in die tür zu nagen, aber eine andere kleine maus geht hinein. – Die art, wie der zaubergegenstand ins meer fällt, ist nicht völlig überzeugend bestimmt worden. Für das fallen aus dem munde bei einer äusserung zeugt ausser finnischen und slavischen varianten auch das Siddhi-Kür. Dagegen jedoch spricht die möglichkeit, dass sie aus einem anderen märchen entlehnt sein könnte (vgl. z. b. die fabel vom raben mit dem käse), ähnlich wie das gelegentliche fallen des gegenstandes auf den boden des meeres und das heraufholen desselben (vgl. das märchen vom verborgenen herzen).

Der verfasser hat augenscheinlich das richtige getroffen, wenn er die heimat des märchens vom zauberring nach Indien verlegt. Eine zeitbestimmung könnte in diesem märchen die zahme katze liefern.

Was die verbreitung des märchens in Europa betrifft, ist der einfluss des russischen märchens in vielen finnischen varianten augenscheinlich. Ob in diesen auch skandinavischer einfluss angenommen werden kann, ist schwerer zu beantworten. Die einzige gut erhaltene variante aus Norwegen will der verfasser als aus osten (über Finnmarken?) gekommen erklären. Da jedoch sowohl [4] in Schweden als in Dänemark spuren vom märchen vorhanden sind, muss dieser schluss für voreilig angesehen werden. Aus den westfinnischen aufzeichnungen wäre es somit vielleicht möglich eine skandinavische märchenform zu konstruiren.

Das sog. Fortunatusmärchen von den drei zaubergegenständen und den wunderbaren früchten weist in die entgegengesetzte richtung. Vertreten mit 66 finnischen, 32 slavischen, 56 sonstigen europäischen aufzeichnungen und einer arabischen variante aus Ägypten[1], ist sie sichtlich in Westeuropa entstanden.

Die urform des märchens kann folgendermassen festgestellt werden.

Drei brüder, soldaten, erlösen verzauberte jungfrauen, indem sie während je einer nacht misshandlungen ertragen, und erhalten von ihnen als belohnung: der eine einen geldbeutel, der niemals leer wird, der zweite ein horn, das ein heer hervorzaubert, und der dritte einen mantel, der den besitzer bringt, wohin er will. Der eigentümer des geldbeutels beginnt ein so grossartiges leben zu führen, dass er am königshofe bekannt wird. Die königstochter lässt sich den beutel zeigen und entwendet ihn. Mit dem zweiten gegenstande, welchen derselbe junge von seinem bruder erhält, geht es ebenso. Mit dem vom dritten bruder erhaltenen mantel geht der junge nochmals zur königstochter und entführt sie vermittelst desselben auf eine ferne insel. Dort betrügt ihn das mädchen wieder und entflieht auf dem zaubermantel nachhause. Der junge findet auf der insel einen apfelbaum und isst von den äpfeln, bemerkt aber mit entsetzen, dass ihm hörner am kopf gewachsen sind. Später trifft er andere äpfel an, und als er davon verzehrt, verschwinden die hörner. Unerkannt kommt er zum königshofe zurück, und es glückt ihm von den ersteren äpfeln der königstochter zu verkaufen, die ohne schlimmes zu ahnen von ihnen isst und hörner an den kopf bekommt. Dann tritt er als fremder arzt auf und bietet seine hülfe an. Nachdem er die königstochter gezwungen, die entwendeten gegenstände zurückzugeben, reicht er ihr vom guten apfel, dass die hörner verschwinden.

Von der einleitung des märchens finden wir drei hauptformen vor, zwischen welchen dem verfasser die entscheidung schwer fällt. Halten wir uns aber daran, dass die drei brüder ursprünglich soldaten gewesen sind, so scheidet die form, in welcher die zaubergegenstände einfach geerbt werden und die brüder nie als soldaten [5] auftreten, als eine durch vergessen eines charakteristischen zuges entstandene verkürzung aus. Somit bleibt uns andererseits das abwechselnde wachehalten, während dessen ein jeder seinen zaubergegenstand lediglich als geschenk von einer herzutretetenden person erhält, andererseits das erlösen verzauberter jungfrauen durch ertragen von misshandlungen während je einer nacht und das erhalten von zaubergegenständen als belohnung. Letztere form ist sichtlich besser motiviert als die erstere, aus ihr kann sich die erstere gebildet haben und nicht umgekehrt, schliesslich ist sie gerade bei den kelten im westlichsten Europa, dem wahrscheinlichen entstehungsorte dieses märchens vertreten. – Dass das prunkende leben, durch welches der besitzer des unerschöpflichen geldbeutels die aufmerksamkeit des hofes auf sich lenkt, ursprünglich ist, wird durch die literarische variante des Fortunatus bestätigt. Dieses wird nicht ausgeschlossen durch das kartenspiel mit der königstochter, welches ein bekanntwerden voraussetzt (beide ausdrücklich in Dd 1) und an und für sich ein in der ökonomie des märchens nicht unentbehrlicher zug ist.

Auch wenn dies kartenspiel als eine spätere zutat nicht in betracht gezogen wird, bleiben in der urform genug begriffe übrig, welche von ihrer entstehung in geschichtlicher, kultureller zeit zeugen: soldat, könig und arzt, geld und apfel. Es ist möglich, dass dies märchen erst im mittelalter in Europa verfasst wurde, vielleicht im anschluss an orientalische märchen, in welchen der verfasser ähnliche bestandteile einzeln nachweist. Dieselbe zeitstellung gilt für die nordische tiermärchenkette, in welcher eine zahme katze als helferin des fuchses und als erschreckerin der waldtiere (auch mit dem zahmen hahne) auftritt.

Das märchen vom zaubervogel ist wiederum im Orient entstanden. Es ist mit 43 finnischen, 37 slavischen, 25 anderen europäischen, 12 asiatischen und 4 afrikanischen aufzeichnungen aus dem volksmunde vertreten. Es enthält drei zusammengehörende episoden: die vorgeschichte vom zaubervogel und die ereignisse der beiden brüder.

Die urform der einleitungsepisode lautet:

Das schicksal macht einen armen mann zum besitzer eines goldeier legenden wundervogels. Der mann verkauft die kostbaren eier und wird reich. Während seiner abwesenheit kommt der käufer der eier zu der frau und verlockt sie durch ein liebesverhältnis [6] ihm den vogel zur mahlzeit zuzubereiten. Der vogel birgt nämlich eine wunderkraft derart, dass, wer den kopf ist, herrscher wird, und dass dem, der das herz verzehrt, während des schlafes gold im bette erscheint. Der zugerichtete vogel kommt durch zufall den beiden söhnen des verreisten hausherrn in die hände. Diese essen, ohne von der wunderbaren eigenschaft des vogels zu wissen, der eine den kopf und der andere das herz. Der liebhaber, welcher davon erfährt, weiss, dass ein braten, der aus den verzehrern des vogels zubereitet wird, dieselbe wirkung hat, und verlangt, dass die jungen geschlachtet werden, worein auch die mutter einwilligt. Die jungen entrinnen aber durch die flucht dem mordanschlag.

Dass der käufer der eier die frau des verkäufers verleitet und dass sie am mordversuche beteiligt ist, ist kaum in frage zu stellen. – Dass neben dem kopfe das herz des vogels als sitz der wunderkraft ursprünglich ist, hätte unzweifelhaft festgestellt werden können. Von den übrigen körperteilen könnte noch die leber in frage kommen; unter den 14 fällen erscheint er jedoch bloss in zweien (F 4, Ja 5) neben dem kopfe, in sechs neben dem herzen, welches dann gewöhnlich die rolle des kopfes übernommen hat, und in einem neben kopf und herz, welches eine besondere kraft besitzt und einen dritten bruder erfordert.

Das abenteuer des einen bruders besteht einfach darin, dass er in ein reich gelangt, wo nach dem ableben des alten herschers gerade ein neuer gewählt wird. Der verfasser hat gewiss recht, dass die erklärung, wie der junge als herrscher anerkannt wird, kein späteres beiwerk im märchen sei. Da er den kopf des vogels gegessen hat, muss man ein zeichen an seinem kopfe erwarten und dann wohl am konsequentesten durch einen vogel. Dass ein steigen gelassener vogel sich auf seinen kopf niedersetzt, ist auch der in dem weitesten gebiete (in Italien, Rumänien, Ungarn, Russland, Sibirien, Arabien und Nubien) verbreitete zug. Diesen entspricht im Siddhi-Kür das werfen einer teigfigur beim streuopfer: auf wessen haupt dieses baling trifft, der wird gewählt. Ferner ist die variante der zigeuner in der Bukovina (Jg), in welcher eine krone in der kirche auf den kopf fällt, hierher zu rechnen. Schliesslich ist zu beachten, dass das entzünden der kerze in den finnischen und russischen varianten nicht immer, wie natürlich, in der sie haltenden hand, sondern auch über dem kopfe in der kirche (Ap 4, 8) oder am tore (Ad 2, »heiligen t.» Ha 4) geschieht.

[7] Das abenteuer des anderen bruders hat dem verfasser die grössten schwierigkeiten bereitet, weil es sich mit der schlussepisode des Fortunatusmärchens vermischt hat.

Der zweite bruder, welcher das herz des vogels gegessen hat, erhält die fähigkeit gold hervorzubringen, und diese fähigkeit wird ihm betrügerischerweise von einem mädchen entwendet. Dies geschieht sehr allgemein so, dass der junge veranlasst wird das stück, das er vom zaubervogel gegessen hat, zu erbrechen. Dieser zug kann, wie auch der verfasser zugibt, sehr wohl ursprünglich sein. Es liegt auch kein widerspruch darin, dass der nachstellende im ersten teil des märchens nicht weiss, dass die mit dem vogel verbundene zauberkraft durch ein so unschuldiges mittel zu erlangen sei (doch bloss aus dem einen der brüder), sondern den tod der beiden brüder fordert, da auch das betrügerische mädchen gewöhnlich des rates eines alten zauberkundigen weibes bedarf. Ist aber das erbrechen ein zum märchen gehörenden zug, so muss auch das hervorbringen des goldes durch speien ursprünglich sein. Diese annahme wird durch die literarische variante des Siddhi-Kür bestätigt, in welcher eine tochter und eine mutter beide goldspeienden brüder betrunken machen, sie viel gold speien (< erbrechen) lassen und dann wegjagen. Das erscheinen des goldes unter dem kopf während des schlafes oder überhaupt im bette unter dem schlafenden braucht nicht notwendig ein gegensatz zum ausspeien des goldes zu sein, sondern könnte als eine folge desselben gedacht werden, welche die ausdrückliche erwähnung des ausspeiens entbehrlich gemacht hat. – Dass die entwenderin eine königstochter ist, wird auch von der syrischen und einer indischen (Ja 2) variante bezeugt; in diesen fällen kann sie kaum aus dem in Asien wenig bekannten Fortunatusmärchen eingedrungen sein. Von geringerer herkunft wird sie schwerlich sein, da sie der held doch nach ausgestandener strafe wohl geheiratet hat. – Die bestrafung der betrügerin durch die verwandlung in einen esel und die verschärfung der strafe durch misshandlung gehört sichtlich zum märchen. Dass die verwandlung durch salat oder überhaupt durch gras geschieht, ist nachweisbar. Die mit diesem abwechselnde frucht lässt sich unschwer als aus dem Fortunatusmärchen stammend erkennen, da dann gewöhnlich das wachsen der hörner die verwandlung in das pferd ersetzt und auch in dem fall, dass die letztere [8] form erhalten ist, meistens andere aus dem Fortunatusmärchen entlehnte züge mitgefolgt sind.

Die urform der abenteuer der beiden brüder könnten wir somit folgendermassen feststellen:

Derjenige bruder, welcher den kopf des wundervogels gegessen hat, gelangt in ein reich, wo nach dem ableben des alten herrschers ein neuer gewählt wird. Ein steigen gelassener vogel lässt sich auf seinen kopf nieder, und er wird als herrscher anerkannt. Der andere bruder, welcher das herz des vogels gegessen und die fähigkeit des goldspeiens erhalten hat, wird von einer königstochter auf den rat eines zauberweibes zum erbrechen des gegessenen stückes verleitet. Er rächt sich an der betrügerin, indem er sie durch ein zaubergras in eine eselin verwandelt, die durch harte behandlung geplagt wird. Schliesslich trifft er seinen bruder, gibt der eselin wieder menschliche gestalt und heiratet sie. Die mutter der brüder wird von ihnen bestraft.

Dass das märchen im Orient entstanden ist, ist sicher. Es bleibt bloss die frage übrig, ob seine heimat in Indien, Persien oder Arabien zu suchen ist. Eine derart genaue bestimmung kann beim heutigen stand der märchenforschung wohl heikel sein. Doch ist das, was gegen Indien angeführt worden ist, nicht überzeugend. Dass die bis jetzt aufgezeichneten indischen varianten meistens eine vermischung mit anderen märchenstoffen aufweisen, ist wenig beweisend, da doch eine gut erhalten variante (Ja 2) angetroffen ist. Für Indien spricht auch die literarische mongolische variante des Siddhi-Kür. Die wanderung nach Europa, auch nach Russland, hat wohl über die Balkanhalbinsel stattgefunden. Die variante der sibirischen tataren (Cb 1) zeugt keineswegs von einer verbreitung dieses märchens über Zentralasien nach Russland, da sie, wie auch der verfasser bemerkt, deutliche spuren russischen einflusses und somit russischer herkunft trägt.

Die zeit der entstehung des märchens setzt die kenntnis des goldes und die anwendung des zahmen esels oder pferdes voraus. Eine noch nähere zeitbestimmung würde die inschrift am flügel des vogel liefern; da sie aber bloss in den europäischen und einer von ihnen beeinflussten sibirisch-tatarischen variante vorkommt, kann über sie vorläufig nur der schluss gezogen werden, dass sie in Europa nicht vor der kenntnis der lese- und schreibekunst bekannt gewesen ist. Die russische form, worin vom anzünden einer kerze in der kirche die rede ist, kann erst in christlicher zeit entstanden [9] sein. Dies bezeugt auch das schlachten zweier hunde statt der beiden jungen und die bereitung einer mahlzeit aus ihnen, ein späterer zusatz in derselben form wie überhaupt die hülfe bei der flucht. Wie gräulich die vorstellung vom essen des hundefleisches[WS 1] beim griechisch-orthodoxen volke ist, erhellt aus einer russisch-karelischen Variante (Ap 6 im finn. original), wo der liebhaber durch essen der eingeweide des hundes den verstand verliert und von hunden aufgefressen wird.


Die arbeit des verfassers ist in allen details musterhaft. Ihre bedeutung geht weit über die grenzen der behandelten drei märchen hinaus. Sie beweist, dass nicht nur die kleineren fabeln und sagen, sondern auch die eigentlichen märchen ungeachtet ihrer länge von anfang an logisch zusammenhängende und ästhetisch einheitliche phantasiegebilde sind, deren kleinste einzelheiten in ihrer urform festgestellt werden können, wenn nur eine genügende anzahl volkstümlicher varianten aus den verschiedenen ländern zusammengebracht worden ist. Ferner erhellt aus ihr, wie ein märchen noch heutzutage im volksmunde ursprünglichere züge aufweisen kann als sogar die ältesten literarischen dokumente. Schliesslich erweist sich, dass die märchen keine von ort und zeit unabhängige primitive, sondern sowohl geographisch als historisch bestimmbare erzeugnisse der menschlichen phantasie sind.

Die unterscheidung und feststellung der verschiedenen märchengerippe ist die der vergleichenden märchenforschung am nächsten liegende aufgabe. Bevor diese grosse arbeit durchgeführt ist, muss alles operieren mit den einzelnen zügen als voreilig angesehen werden. Diese sog. incidents haben ihren bestimmten platz in einem bestimmten märchen, mit welchem sie gewandert und aus welchem sie in andere märchen übergangen sind.

Untersuchungen, wie die hier rezensierte, erfordern aber leider jahrelange vorarbeiten für die aufsuchung der varianten eines in der ganzen welt geläufigen märchenthemas. Es ist heutzutage selbst für den noch so sprachkundigen forscher fast unmöglich alles schon entdeckte und aufgezeichnete, aber in schwer zugänglichen publikationen oder bloss handschriftlich vorhandene material zu sammeln. Deswegen hat der neu gegründete internationale folkloristische forscherbund »FF» (Folklore Fellows) als eine seiner ersten aufgaben die ausarbeitung von variantenkatalogen der nach [10] typen geordneten märchen angesehen. In nächster zeit wird hoffentlich der katalog der finnischen märchen, dessen kosten von der Finnischen Literaturgesellschaft und der Finnischen Akademie der Wissenschaften bestritten werden, in den mitteilungen des »FF» erscheinen. Diese wichtige arbeit ist dem verfasser der hier besprochenen arbeit, herrn dr. Aarne anvertraut worden.

Suviranta. Kaarle Krohn.

  1. Die p. 125–6 angeführten asiatischen märchen sind nicht varianten dieses, sondern des folgenden, dritten märchens.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: hundefleisses