Victoria Woodhull, der größte Humbug Amerika’s

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Otto von Corvin
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Victoria Woodhull, der größte Humbug Amerika’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 223–227
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[223]
Victoria Woodhull,


der größte Humbug Amerika’s.


Die Zeit der Erfindungen und namentlich der die Nationen einander nähernden Erfindungen ist noch durchaus nicht vorüber, und da ist denn in der That gar nicht abzusehen, welche Gestalt die Zustände der menschlichen Gesellschaft nach tausend Jahren haben werden. Welche Veränderungen aber auch sich vollziehen mögen, ein Element wird, weil es unsterblich ist, noch ebenso mächtig sein wie heute: der Humbug. Civilisation und Humbug sind unzertrennlich, und da wir nie und nimmermehr zum Naturzustande zurückkehren werden, so wird der Humbug das die Menschenwelt regierende Princip bleiben, so lange es eben Menschen giebt.

Entstanden ist der Humbug bekanntlich in Nordamerika und dort ist er denn auch am echtesten zu Hause. Ich denke nicht daran, eine ausführliche Geschichte dieses nordamerikanischen Humbugs zu schreiben; ich hätte dieselbe vor zwanzig Jahren anfangen müssen, um sie vollenden zu können; ich will nur eine in Deutschland noch seltene Specialität leicht skizziren und schließlich eine besonders charakteristische Repräsentation desselben auf meine Stahlfeder spießen.

Ohne weitere Vorrede: Die amerikanischen Damen sind entschlossen, sich von den Fesseln zu befreien, in welche die selbstsüchtigen Männer, die einst die Gesetze der Republik und der Gesellschaft überhaupt machten, das weibliche Geschlecht geschlagen haben. Sie sind nicht mehr mit ihrer indirecten, gewissermaßen heimlich ausgeübten Herrschaft zufrieden; sie wollen keine der Schwachheit des stärkeren (!) Geschlechtes abgerungene Concessionen, sie wollen gleiche staatliche und gesellschaftliche Rechte, und da sie damit das nicht verlieren, „was ihnen der liebe Gott gegeben hat“ und was ihnen bis dahin die große im Stillen ausgeübte Herrschaft erwarb, so ist es klar, daß sie damit umgehen, uns Männer in die Stellung zu zwingen, welche sie bis dahin einnahmen. Wenn Semiramis, Elisabeth von England, Katharina von Rußland und Maria Theresia von Oesterreich Kaiserinnen sein konnten, deren Ruhm den der meisten männlichen Kaiser überstrahlt; wenn noch in unserer Zeit die unschuldige Isabella und die treffliche Victoria Königinnen sein können: warum soll nicht ein Weib, warum soll nicht Victoria Woodhull Präsident der Vereinigten Staaten werden? – So fragen die Amerikanerinnen und Victoria Woodhull bewirbt sich ernsthaft um diese Stelle. Doch von ihr nachher. Sie ist gerade das Specimen, welches ich zu näherer Betrachtung den Lesern der Gartenlaube vorführen will.

Die Frauen, welche in Amerika für die Gleichstellung (die Heuchlerinnen!) beider Geschlechter in erster Linie fechten, theilen sich in drei Classen: Journalisten, Lobbyisten und Lecturers. Man muß mir fremde Ausdrücke verzeihen; für ausländische Begriffe findet sich nicht immer gleich ein inländisches Wort. Nennen wir doch auch die Cigarre noch immer Cigarre und nicht Glimmstengel. Wer in England einen Namen gewinnen will, muß nach London gehen, wie der Franzose nach Paris geht. Das London und Paris der Amerikaner ist New-York, das denn auch von Kämpferinnen für die Rechte der Frauen wimmelt, die mit der Feder, oder ihrem angeborenen Schwert, der Zunge, oder anderen von Gott gegebenen Gaben in dieser Richtung hin wirken. Mit der Feder arbeiten die zahlreichen Journalistinnen, mit der Zunge die Lecturers und mit „den anderen Gaben Gottes“ wuchern die Lobbyistinnen. Die letzteren will ich zuerst abfertigen, denn sie gehören eigentlich nicht in die Classe, von der ich hauptsächlich reden will.

Lobby nennt man die Zimmer im Parlamentshause, in welchen sich Leute aufhalten, die irgend welches Geschäft mit den Deputirten oder Senatoren haben. Damen, welche das Geschäft als Lobbyistin ergreifen, müssen sehr hübsch, sehr gewandt und vor allen Dingen nicht zu tugendhaft sein. Sie halten sich weniger in New-York als in Washington auf, wo sie, gegen gute Bezahlung, schwache Senatoren oder Abgeordnete des Hauses, oder galante Minister, oder den Präsidenten selbst für ihre Clienten interessiren und deren Wünsche durchsetzen. Ihr Geschäft ist ein sehr einträgliches und ich kenne eine Dame, der man als Honorar fünfzehntausend Dollars anbot, und die es zurückwies, indem sie sagte: „Auf solche kleine Geschäfte lasse ich mich nicht ein. Fünfzehntausend Dollars! Das brauchen meine Kinder jährlich für Schuhe!“ –

Die achtungswerthesten Schriftstellerinnen und Journalistinnen in New-York gehören einer geschlossenen Gesellschaft an, die einen griechischen Namen führt – es klingt wie „Ceroses“, doch will ich dafür nicht bürgen – und in der Männer niemals und weibliche Gäste auch nur mit Vorsicht zugelassen werden. Diese Gesellschaft hat ihre Statuten, regelmäßige Versammlungen und parlamentarischen Apparat. In ihr werden die Rechte der Frauen discutirt und Beschlüsse gefaßt, die indessen nie zu praktischer Ausführung kommen. Die Blaustrümpfe, meistens unfreiwillige Jungfrauen in reiferen Jahren, erschöpfen sich hier in Zornausbrüchen [224] gegen die bösen tyrannischen Männer, die ihrerseits sich dadurch rächen, daß sie die Gesellschaft und ihr Treiben lächerlich machen. Das öffentliche Organ der Gesellschaft ist die von Baddy Stanton redigirte „Republik“, in welcher der auch in Europa bekannte halbverrückte Francis Train Artikel über die Prostitution schrieb, welche Husarenunterofficiere und selbst Kammerherren hätten roth machen können,

Viele der Schriftstellerinnen sind zugleich auch Lecturers, das heißt, sie machen aus dem Halten von öffentlichen Vorträgen ein oft sehr einträgliches Geschäft. Es giebt nämlich im Norden von Nordamerika fast keine Stadt, in der nicht eine Art von literarischer Gesellschaft existirt, welche sich bestrebt, die geistigen Bedürfnisse der Bewohner zu befriedigen, zu welchem Zwecke solche Lecturers für eine bestimmte Anzahl Vorträge engagirt werden. Weibliche Lecturers machen indessen nur Glück, wenn sie entweder sehr hübsch, sehr dreist, oder besonders excentrisch entweder in ihrem Aeußern oder in ihren Vorträgen sind.

Eine der geachtetsten und achtungswürdigsten Damen dieser Art ist eine über siebenzig Jahre alte Quäkerin, Lucretia Mott, eine ebenso talentvolle als eifrige Vertheidigerin der Rechte der Frauen. Sie spricht ausgezeichnet, klar und verständig und stets aus dem Stegreif, da sie von ihrem Gegenstande vollständig durchdrungen ist.

Zu den interessantesten Erscheinungen unter diesen weiblichen Lecturers gehört Anna Dickenson, ein hübsches und gescheidtes Mädchen, welche sehr besuchte politische Vorlesungen schon während des Bürgerkriegs hielt. Diese Vorlesungen sind so beliebt, daß sie nicht selten tausend Dollars für den Abend erhält und für Jahre voraus engagirt ist. – Anna Dickenson war ein ganz armes Mädchen aus Philadelphia, die einen ungeheuren Drang hatte, sich zu belehren. Um die Vorlesungen von Wendell Philipps besuchen zu können, der über die Sclavenemancipation so beredt sprach, fegte sie in den Straßen die Trottoirs, wodurch sie das Eintrittsgeld verdiente.

Miß Midy Morgan ist eine der interessantesten Erscheinungen von New-York. Sie ist eine Jungfrau von über sechs Fuß Größe, welche sich immer in höchst excentrischer Weise kleidet, so daß alle Leute in den Straßen stehen bleiben und ihr lächelnd nachsehen. Sie ist eine Irländerin, die viel gereist ist und mehrere Sprachen geläufig spricht. Sie ist Redacteur der Agricultur-Abtheilung der New-Yorker „Times“, einziges weibliches Glied des Ackerbau-Vereins und auch des Jockey-Clubs und versteht mehr von Pferden als irgend ein anderes Mitglied dieses Clubs. Sie ist in der That eine hippologische Autorität und mit König Victor Emanuel in einer Pferdeverbindung, das heißt, sie besorgt ihm Pferde für seinen Privatgebrauch. Obwohl sie persönlich für Vermehrung der Welt nicht gesorgt hat – sie ist übrigens keine Feindin der Ehe –, so ist sie desto eifriger bemüht, die Vermehrung der Thiere zu befördern. Sie hat in der That eine Farm, auf welcher Rindvieh, Pferde, Schafe etc. gezüchtet werden. Alle Viehhändler und Viehtreiber kennen und respectiren sie wegen ihres gesunden Menschenverstandes und praktischen Sinnes. Sie hat auch interessante Vorlesungen, zum Beispiel über Italien, gehalten und zeigt durch ihr Leben und ihre Thätigkeit in ganz praktischer Weise, daß man den Wirkungskreis der Frauen nicht blos auf das Haus und die Mutterpflichten zu beschränken braucht.

Wenn ich deshalb auch keineswegs wegwerfend oder spottend auf die wohlberechtigten Freiheitsbestrebungen – anders kann ich es gar nicht nennen – der Frauen sehe, so hindert das durchaus nicht, daß ich herzlich über Thorheiten lache, die bei dieser Bewegung zu Tage treten. Wer nur irgend Sinn für Humor hat, kann sich dessen gar nicht wehren, und wenn ich mich über exaltirte, närrische Emancipationsapostelinnen lustig mache, so bin ich überzeugt, daß vernünftige Damen das ebenfalls thun.

Der Närrinnen und Humbugs giebt es nun unter den Emancipations-Priesterinnen eine große Menge, und zur Erbauung der Leser der Gartenlaube will ich hier die Biographie von Victoria Woodhull geben, welche als Candidatin für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten auftritt und jetzt Haupt der Banquiersfirma „Woodhull, Clafflin und Compagnie“ und gegenwärtig der größte Humbug Amerikas ist, was in der That etwas sagen will.

Gegen Niemand sind Zeitgenossen undankbarer, als gegen Propheten, Religionsstifter und Reformatoren, und gerade diejenigen sind am lautesten und bittersten in ihrem Spott, mit welchen sie es am besten meinem und die sie aus irgend welcher geistigen Knechtschaft erlösen wollen. Victoria Woodhull, die Prophetin der freien Liebe – welche Louise Aston übrigens schon 1848 predigte – die Verfechterin der Frauenrechte, welche ihre Eingebungen direct aus der andern Welt erhält, die sich nicht durch weichliche Scham und andere irdische Erbärmlichkeiten abhalten läßt, ihren gepredigten Grundsätzen gemäß zu leben: sie auch hat die bittere Erfahrung zu machen, daß man sich nicht ungestraft auf den Prophetenstuhl setzen kann und daß noch immer die Menschheit es liebt, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen“.

Während aber gerade Weiberzungen den Ruf der Prophetin zerfetzen und flachköpfige männliche Spötter ihnen beistehen, hat endlich ein allgemein geachteter Mann, ein frommer, ein religiöser Mann es unternommen, für die Verhöhnte und Geschmähte in die Schranken zu treten, und wenn Spötter behaupten, daß er dafür gut bezahlt sei, so ist das sicherlich eine Lüge. Theodor Tilton, der Herausgeber der religiösen Zeitschrift „Golden Age Tracts“ (Goldne-Zeitalter-Tractate), hat in derselben der Welt die wahre Biographie der Prophetin gegeben und sie mit seinem frommen Lichte beleuchtet. Mit dieser Beschämung erkennt man seinen Irrthum und stellt Victoria Woodhull an die Seite der heiligen Therese, der heiligen Katharina von Genua, der heiligen Clara, der heiligen Katharina von Siena, der heiligen Agnes, Paula, Brigitta, Rosa von Lima und anderer gleichfalls von Ketzern verkannter Frauen, deren in den Legenden der römischen Kirche enthaltene Lebensgeschichte, wie ein Ei dem andern, der von St. Tilton geschriebenen ähnlich sieht und gewiß und wahrhaftig denselben Glauben verdient.

Victoria ist das siebente von den zehn Kindern von Roxana und Buckman Clafflin und in dem Orte Homer im Staate Ohio am 23. September 1838 geboren. In diesem Jahre wurde Königin Victoria von England gekrönt und die Eltern nannten das Kind nach ihr Victoria, es sich nicht träumen lassend, daß dies kleine Mädchen einst nach einer erhabeneren Stelle streben würde, als es der Thron von England ist.

Der Vater war ein verdorbener Advocat, der sich mit Landspeculationen befaßte, die ihm eine Zeitlang trefflich glückten; allein ehe noch Victoria drei Jahre alt war, verlor er sein ganzes Vermögen und setzte sich wie ein Bettler in den Staub der Verzweiflung. Die Mutter, die in ihrem ganzen Leben nicht lesen lernte, war die verwöhnte Erbin einer der reichsten deutschen Familien in Pennsylvanien; leider weiß ich ihren Mädchennamen nicht.

Armuth sucht Trost in den Armen der Religion. Roxana Clafflin hatte indessen schon in ihrer üppigen Jugend religiöse Talente; der fromme Biograph nennt sie zu meinem Erstaunen eine religiöse Närrin, die, ohne daß sie es selbst wußte, eine Spiritualistin war, noch ehe man diesen Namen erfunden hatte, und schon vor Victoria’s Geburt an Visionen und Träumen litt.

Der Vater, obwohl kälter und verbissener, war auch ein Spiritualist, doch habe ich ihn stark in Verdacht, den Geist in flüssiger Gestalt zu lieben. „Er schätzte Witz und Epigrammenkürze in eines Schnapses kraftdurchhauchter Würze“, würde Sallet von ihm gesagt haben.

Als Armuth in das Haus kam, nahm die Religion beider Eltern eine sehr düstere Färbung an. Viele behaupten, daß der Vater verrückt wurde. Er rannte oft ohne Zweck und Ziel fünf, sechs Meilen in die Welt hinein und kam mit blutenden Füßen todtmüde nach Hause. Die Mutter, in deren Kopf es niemals richtig war, wurde ganz verrückt. Tiefe Melancholie, dick wie ein Seenebel, umhüllte die Seelen Beider. Man kann sich das Familienleben in diesem Hause denken. Manchmal floß die Mutter von Zärtlichkeit gegen ihre Kinder über, sie herzte und küßte sie wie toll und bat Gott stundenlang mit heißen Thränen sie zu schützen, und zu andern Zeiten quälte und schlug sie ihre Kinder, bis sie Krämpfe bekamen, was ihr eine teuflische Freude zu machen schien, denn sie schlug in die Hände und schrie vor Lachen. Dieselben Lippen, die stundenlang beteten, fluchten zur Abwechselung ebenso inbrünstig.

Der Vater war einseitiger. Er hatte keine Anfälle von Zärtlichkeit. Er hatte stets frische Ruthen im Wasser liegen und [225] hieb damit seine zehn Kinder zusammen wie kalt Eisen. Manchmal nahm er auch, was ihm gerade in die Hand kam, sei es ein Scheit Holz oder eine Handsäge. Kam er spät Abends vom Geist ergriffen nach Hause, so prügelte er seine Kinder aus dem Schlaf, und Heulen und Zähneklappen tönte durch die Nacht. Das Haus war eine Hölle. Einer der Jungen hielt es nicht aus; als er dreizehn Jahr alt war, lief er davon und wurde ein Seemann.

Die Folgen solcher Erziehung blieben nicht aus. Die zehn Kinder lebten unter einander wie so viele Hunde und Katzen; wurden sie nicht von den Eltern geprügelt, so prügelten, kratzten und bissen sie sich untereinander. Die ganze Brut war verrückt; nur bei Victoria und ihrer Schwester Tennie nahm diese Verrücktheit eine mildere Form an.

Victoria war ein lebhaftes, intelligentes Kind. Ihre ganze Schulzeit erstreckte sich nicht über drei Jahr, zwischen ihrem achten und elften Jahr; allein sie lernte mit wundervoller Leichtigkeit. Las sie eine Seite einmal, so konnte sie dieselbe auswendig. Sie war der Liebling sowohl der Lehrer als der Mitschüler, immer bereit und erfreut, Andern gefällig zu sein.

Während ihrer Schulzeit lebte sie bei einer verheiratheten Schwester, die bereits eine zahlreiche Familie hatte und der sie als Aschenbrödel diente. Sie machte Feuer, sie wusch und bügelte, buk Brod, hieb Holz, bearbeitete den Garten, besorgte Ausgänge, sorgte für die Kinder, kurz that Alles. Vom ersten Hahnenschrei bis zum Abend hieß es fortwährend Victoria! Victoria! und die „kleine Dampfmaschine“, wie sie genannt wurde, that Alles mit fröhlichem Gesicht und war Jedermanns Liebling. Nur in dem Hause ihrer Eltern behandelte man sie mit herzloser Grausamkeit.

Was Victoria vollbrachte, ging natürlich nicht mit natürlichen Dingen zu. So viel wird jeder Leser bereits vermuthet haben, und es wird denselben daher zufrieden stellen, wenn ich bestätige, daß es nicht mit natürlichen, das heißt nicht mit irdischen Dingen zuging. Schon in ihrem dritten Jahre hatte Victoria mit der Geisterwelt in Verbindung gestanden. Zu jener Zeit starb nämlich Rachel Scribner, ihre Amme, ein junges Frauenzimmer von fünfundzwanzig Jahren, und ihre abscheidende Seele nahm die Victoria’s unter den Arm. Während dieser Zeit lag das Kind, nach Aussage der Mutter, drei Stunden lang wie todt da. Die Geister zwei früh gestorbener Schwestern waren stets bei ihr und die Kleine sprach mit ihnen, wie Kinder mit ihrer Puppe zu reden pflegen.

Als sie zehn Jahre alt war und an der Wiege eines kranken Kindes saß, erzählt Victoria, kamen zwei Engel, drängten sie sanft bei Seite und fächelten das kranke Kind mit ihren Händen, bis dessen Gesicht frisch und rosig erschien. Die plötzlich eintretende Mutter fand zu ihrem Erstaunen die kleine Pflegerin wie in einer Verzückung, mit dem Gesicht nach oben gerichtet, auf dem Boden liegend, während das Kind in der Wiege frisch und gesund war.

Der spiritus familiaris Victoria’s, der sie seit frühester Kindheit am häufigsten besuchte, war indessen ein stattlicher Mann in reiferen Jahren in altgriechischer Kleidung. Er verschwieg lange seinen Namen, aber prophezeite ihr einstweilen, daß sie in der Welt große Auszeichnung erlangen, daß sie aufhören werde arm zu sein und daß sie einst in einem stattlichen Hause leben werde; daß sie in einer Stadt mit vielen Schiffen großen Reichthum erlangen, daß sie eine Zeitschrift herausgeben und endlich die Herrscherin ihres Volkes werden würde. Wie er heiße, das versprach der spiritus familiaris ihr erst später zu sagen.

Von ihrem zwölften bis zu ihrem vierzehnten Jahre litt sie schwer an Fieber und Rheumatismus und war körperlich sehr elend. Ein gewisser Dr. Canning Woodhull wurde zu Rathe gezogen und seiner Geschicklichkeit gelang es, das junge Mädchen herzustellen. Warum das der spiritus familiaris nicht selbst besorgte, weiß ich nicht. Dr. Woodhull war ein Taugenichts von der leichtesten Sorte; er hatte das Leben bis auf die Hefe durchgekostet und nichts Gewöhnliches konnte ihn reizen. Im Hause der Clafflins scheint man von dem Privatcharakter des Doctors nichts gewußt oder denselben übersehen zu haben, da sein Vater ein sehr geachteter Richter und sein Onkel Mayor (Bürgermeister) von New-York war.

Der blasirte Doctor fand Gefallen an dem vierzehnjährigen Mädchen, und als er ihr einst in der Straße begegnete, sagte er: „Du kleines Dingelchen sollst mit mir zum Picnic gehen“, zu einem Picnic nämlich, welches zur Feier des 4. Juli stattfinden sollte.

Die Mutter gab die erbetene Erlaubniß, aber der Vater knüpfte sie an die Bedingung, daß sie erst so viel Geld verdienen müsse, ein Paar Schuhe zu kaufen. Sie legte sich einen Aepfelvorrath an und erfüllte die Bedingung durch vortheilhaften Verkauf derselben. Bei der Rückkehr von dem Fest sagte der Doctor plötzlich zu Victoria: „Mein kleines Kätzchen, sag’ Deinen Eltern, daß ich Dich zur Frau haben will.“ Die Eltern waren froh ein Kind los zu werden und Victoria, die anfangs gar nicht wußte, wie ihr geschah, ließ sich auch durch die Aussicht verlocken, vermittelst der Ehe mit dem Doctor den elterlichen Mißhandlungen zu entgehen. Die Hochzeit fand vier Monate später statt.

Das scheint eine wunderbare Ehe gewesen zu sein. Victoria entdeckte bald, daß sie einen unverbesserlichen Taugenichts und Gewohnheitssäufer geheirathet hatte. Sie erfuhr unter andern erbaulichen Dingen, daß ihr Mann am Tage ihrer Hochzeit eine Geliebte aus dringenden Gründen aufs Land geschickt hatte und daß er beständig die Gesellschaft der berüchtigtsten Frauenzimmer besuchte. Gefoltert von Eifersucht schlich sie ihm oft nach, wurde ungesehen Zeuge seiner Nichtswürdigkeiten, betete für seine Besserung und consultirte ihre Geister; allein vergebens: das Unglück dieser Ehe war dazu bestimmt, sie auf den richtigen Weg zu bringen; die Geister mischten sich nicht ein.

Fünfzehn Monate nach ihrer Hochzeit, sie wohnte damals in einem kleinen Häuschen in Chicago, mitten im Winter, gebar sie mit Hülfe ihres halb betrunkenen Mannes ihr erstes Kind, worauf sich der Vater weder um dieses noch die schwache Mutter bekümmerte, bis sich Beider eine mitleidige Nachbarin annahm.

Als sie von einem Besuch in ihrem elterlichen Hause zurückkehrte, erhielt sie die kränkendsten Beweise von der Liederlichkeit ihres Mannes, der sie einen ganzen Monat lang fast ohne Geld allein ließ, während er mit einem Frauenzimmer, das er für seine Frau ausgab, in einem fashionablen Boardinghause lebte, und ging mitten im Winter dorthin, im leichten Kattunkleide, in Gummigaloschen ohne Strümpfe und Schuhe, da sie dieselben nicht besaß. So erschien sie plötzlich vor der beim Mittagessen versammelten eleganten Gesellschaft des Boardinghauses und erzählte ihre leidenvolle Geschichte. Die empörten Gäste zwangen das schamlose Frauenzimmer, ihre sieben Sachen zu packen und die Stadt zu verlassen, während der Doctor wie ein begossener Hund in sein Haus zurückkehrte.

Zu dem Allen kam bei Victoria noch der Schmerz, daß ihr Kind unheilbar blödsinnig war.

In der Hoffnung, ihren Mann auf bessere Wege zu bringen, veranlaßte sie ihn, mit ihr nach Californien zu gehen. Er blieb aber auch dort ein Lump und Beide verkamen beinahe im Elend. Als sie in St. Francisco waren, sah Victoria in der Zeitung, daß in einem Tabaksladen ein Cigarrenmädchen gesucht werde. Sie wurde sogleich angenommen; allein die kaum sechszehnjährige Frau war die groben Scherze der Kunden nicht gewöhnt; sie zitterte und erröthete fortwährend und schon am Abend des ersten Tages sagte ihr Principal: „Meine kleine Dame, Sie sind nicht, was ich brauche, Sie sind zu zimperlich; ich muß Jemand haben, der etwas derber ist.“ Als er mit Erstaunen vernahm, daß sie Gattin und Mutter sei, begleitete er sie zu ihrem Manne, in welchem er einen Bruder Freimaurer entdeckte, was ihn veranlaßte, Victoria ein Zwanzig-Dollar-Goldstück zu schenken.

Victoria versuchte es nun, als Nähterin sich und ihren Mann zu unterhalten, und wurde als solche mit der Schauspielerin Anna Cogswell bekannt. Als sie derselben ihre Noth klagte, rieth ihr die Künstlerin, ebenfalls Schauspielerin zu werden. Sie folgte dem Rath, gefiel und schon sechs Wochen nach ihrem ersten Auftreten verdiente sie zweiundfünfzig Dollars die Woche.

Als sie eines Abends in den „Corsikanischen Brüdern“ auf der Bühne beschäftigt war, hörte sie plötzlich eine Stimme, die ihr zurief: „Victoria, komm nach Hause.“ Sie verfiel augenblicklich in somnambulen Zustand, sah ihre kleine Schwester Tennie in einem gestreiften Kattunkleid neben ihrer Mutter stehen und ihr mit dem Zeigefinger winken. Sobald sie von ihrer plötzlichen Verzückung erwachte, stürzte sie von der Bühne, ohne sich umzukleiden, nach Hause in ihr Hotel, packte sogleich [226] ihre Sachen und befand sich am nächsten Morgen mit Mann und Kind an Bord des nach New-York gehenden Dampfers. Als sie endlich in Columbus (Ohio) ankam, wo ihre Mutter sich damals aufhielt, hatte Tennie denselben Anzug an, den sie in der Vision gesehen, und bei näherem Befragen erfuhr sie, daß zur Zeit derselben die Mutter zu ihrer Schwester gesagt hatte: „Liebe, sende Deine Geister zu Victoria, sie nach Hause zu holen.“

Auf der Reise war Victoria oftmals in magnetischen Schlaf verfallen und nun geboten ihr die Geister nach Indianopolis zu reisen, dort als ein „Medium“ aufzutreten und Patienten anzunehmen. Ihr Geschäft glückte dort und in Terre-Haute über alle Erwartung. Sie curirte Lahme, machte Taube hörend, entdeckte die Räuber, welche eine Bank bestohlen hatten, löste physiologische Probleme, kurz verrichtete ganz wunderbare Dinge, von denen wohl aber das wunderbarste ist, daß sie bis zum Jahr 1869 siebenhunderttausend Dollars verdiente. Ihr Einkommen in einem Jahr belief sich auf hunderttausend Dollars und einmal nahm sie in einem Tage fünftausend ein.

Um diese Zeit löste denn auch endlich der spiritus familiaris sein Victoria schon vor so vielen Jahren gegebenes Wort. Er warf das Geheimniß von sich, welches seine Person bis jetzt umgeben hatte, er nannte seinen Namen. Victoria hielt sich nämlich damals gerade in Pittsburg auf, und während sie an einem Marmortisch saß, erschien ihr der spiritus familiaris plötzlich und schrieb mit englischen Buchstaben auf den Marmor den Namen „Demosthenes“. Die Schriftzüge waren erst schwach, wurden dann aber so hell, daß sie das ganze Zimmer mit Glanz erfüllten. Die Erscheinung, mit der sie sonst so vertraut war, erschreckte sie diesmal; der Geist des Demosthenes, das war außer Spaß! Unter Zittern hörte sie die Offenbarungen und Befehle des Geistes. Er gebot ihr, nach New-York zu gehen, wo sie Nr. 17 Great Jones Street ein für sie vollkommen eingerichtetes Haus finden werde. Sie erstaunte sehr und gehorchte, obwohl sie bis dahin nicht die Absicht gehabt hatte, nach dem Mekka des Humbugs zu wallfahrten. Sie erstaunte aber noch mehr, als sie in das bezeichnete Haus trat und darin Alles ganz genau so eingerichtet fand, wie es ihr der Geist offenbart hatte. In großer Verwirrung lenkte sie ihre Schritte nach dem Bibliothekzimmer, streckte ihre Hand nach dem ersten besten Buch aus, und als sie gleichgültig nach dem Titel blickte, überlief sie eine ehrfurchtsvolle Gänsehaut, als sie las „Die Reden des Demosthenes“. Seit jener Zeit thut sie gar nichts, als was ihr Demosthenes eingiebt, mit dem sie fast täglich Berathungen hält. Zu diesem Zwecke sitzt sie noch heute – wenn das Wetter nicht gar zu schlecht ist – auf dem flachen Dache ihres stattlichen Hauses auf Murray Hill. Der große griechische Redner giebt ihr auch alle die Reden ein, mit welchen sie noch heute die New-Yorker in Erstaunen setzt, und auch die natürlich, welche sie vor einigen Monaten hielt und deren allgemeiner Inhalt auch in allen deutschen Blättern veröffentlicht war.

Daß sie nur ein blödsinniges Kind hatte, schmerzte sie indessen damals tief, und als bei einer zweiten Niederkunft ihr halbbetrunkener Mann sie wiederum auf das Brutalste behandelte, war ihre Geduld endlich nach elfjährigen Leiden erschöpft; sie beantragte in Chicago Scheidung und erlangte sie.

Ehe das geschah, ereignete sich ein Wunder. Ihr blödsinniger Sohn war krank. Als sie von einem Besuch ihrer Patienten zurückkehrte, hörte sie, daß der Knabe seit zwei Stunden todt sei. „Nein,“ rief sie, „er darf nicht todt sein!“ Sie entblößte ihre Brust und drückte den erkalteten Körper ihres Kindes gegen denselben. So blieb sie sieben Stunden in magnetischer Verzückung. Als sie daraus erwachte, war das Kind in Schweiß und lebte. Sie glaubt fest, „daß der Geist Christi über der leblosen Gestalt brütete und einem bekümmerten Weibe zu Liebe das Wunder des Lazarus wiederholte.“

Als Victoria in St. Louis war, consultirte sie wegen seiner Gesundheit Oberst James H. Blood, Commandeur des sechsten Missouri-Regiments, der nach dem Kriege zum Stadt-Auditor von St. Louis gewählt und zugleich auch Präsident der Spiritualisten-Gesellschaft dort wurde. Oberst Blood war ebenfalls „der gesetzliche Theilhaber einer moralisch getrennten Ehe“, das heißt auf deutsch: er lebte getrennt von seiner Frau, ohne von ihr geschieden zu sein.

Kaum sah der eine Humbug den anderen, als der weibliche – Madame Woodhull – in magnetische Verzückung verfiel und in derselben dem überraschten Obersten offenbarte, daß ihr zukünftiges Schicksal mit dem ihrigen werde durch die Ehe verbunden werden. So wurden sie auf der Stelle „durch die Mächte der Luft“ miteinander verlobt. Man sagt, daß außer dieser luftigen Ceremonie auch eine irdisch gesetzlich bindende stattgefunden habe, daß die Ehe aber mit gegenseitigem Einverständniß nach den vom Gesetz des Staates Illinois erforderlichen Formen wieder aufgelöst sei. Ich denke, es kommt nicht viel darauf an. – Nach dem Beispiel berühmter Schauspielerinnen behielt sie indessen den Namen, unter welchem sie Berühmtheit erlangt hatte, und nannte sich und nennt sich noch Mrs. Woodhull.

Als das seltsame Paar, etwa ein halbes Jahr nach seiner würdigen Vermählung, in Cincinnati war, wurden Beide einst um Mitternacht geweckt und ihnen mitgetheilt, daß im Burnet-House ein Dr. Woodhull vom Delirium tremens befallen sei, der in lichten Momenten von der Frau geredet habe, von der er geschieden worden sei und die er zu sprechen wünsche.

Oberst Blood holte den Unglücklichen sogleich aus dem Hôtel ab und das spirituelle Ehepaar behielt den an zu viel Spiritus zu Grunde gegangenen Ex-Ehemann sechs Wochen bei sich; dann versah man ihn mit einigen Hundert Dollars und schickte ihn in eine andere Stadt, ihm indessen bedeutend, daß er stets als Hausfreund willkommen sein werde. Von dieser Erlaubniß machte der arme Trunkenbold stets Gebrauch, wenn sein Geld zu Ende war, und Mrs. Woodhull lebte oft und lange mit ihren zwei Quasi-Männern zusammen. Obwohl ihr solch nobles Betragen hoch angerechnet werden sollte, hat es im Gegenteil Veranlassung zu der scandalösesten Verleumdung gegeben, was Mrs. Woodhull jedoch nicht bewogen hat, ihn, dessen Namen sie trägt, in seinem Unglück zu verstoßen.

Um eine frühere Prophezeiung zu erfüllen und einen himmlischen Auftrag ausführend, gründete Mrs. Woodhull 1869 eine Bank und ein Journal, erstere unter der Firma „Woodhull, Clafflin u. Comp. Makler, 44 Broad-Street, New-York“ und die Zeitschrift wurde „Woodhull u. Clafflin’s Wochenschrift“ genannt.

Mrs. Woodhull errichtete dies Geschäft in Compagnie mit ihrer Schwester, unterstützt durch einen reichen, wohlbekannten Herrn, Commodore Vanderbilt, und man kann sich denken, welches Aufsehen die „weiblichen Makler“ erregten und wie man sich darüber lustig machte. Das Comptoir war stets voll Neugieriger und die Blätter waren gefüllt mit Carricaturen und mehr oder weniger witzigen Artikeln. Das Journal ist ein Sammelsurium des absurdesten Zeuges, welches Geister, die Verfasser der verschiedenen Artikel, nur zusammenstoppeln können, und selbst Herr Tilton, der bezahlte Bewunderer der neuen Prophetin, kann sich nicht enthalten, den mitarbeitenden Geistern etwas mehr Geist und Methode zu wünschen.

Oberst Blood ist nach seiner eigenen Aussage ein Kosmopolit oder eigentlich ein Radicaler von der radicalsten Sorte und Verehrer der Internationalen. Dreimal die Woche um elf oder zwölf Uhr Nachts, so schreibt er an einen Freund, halten Victoria und er Parlament mit den Geistern, von denen Beide Alles gelernt haben, was sie wissen. Victoria fällt in magnetischen Schlaf, während welches ihr Schutzgeist Besitz von ihrer Seele nimmt und durch ihre Lippen Gedanken und Rathschläge ausspricht, welche der Oberst niederschreibt und die ohne weitere Correctur abgedruckt werden. Auf diese Weise hat Victoria ihre gegenwärtige Stellung als Politiker und Nationalökonom erworben.

Als sie im December 1869 in tiefem Schlafe lag, setzte sich ihr griechischer Schutzgeist an ihr Bett und schrieb auf eine Rolle das merkwürdige Document, welches nun in der Geschichte als das „Memorial der Victoria Lady Woodhull“ bekannt ist. Die Worte waren so deutlich geschrieben, daß Victoria sie nicht nur lesen, sondern sogleich ihrem immer wachsamen Secretär und Vicegemahl dictiren konnte. Das Document war eine Petition an den Congreß, in welcher für die Frauen als „Bürger der Vereinigten Staaten“ das Stimmrecht verlangt wird.

Oberst Blood schien das Manifest so verrückt, daß er es für den Streich eines übelgesinnten Geistes hielt, und als dasselbe am Morgen einigen Freunden gezeigt wurde, unter denen sich ein bekannter Jurist befand, machten alle dessen Logik und Schlußfolgerungen lächerlich. Mrs. Woodhull nahm aber ihren treuen Demosthenes in Schutz, der sie noch nie im Stiche gelassen habe, [227] und reiste mit dessen Meisterstück nach Washington. Vor dem „Juristischen Comité“ des Congresses entschuldigte sie ihre Petition in einer Rede, der ersten, die sie öffentlich – im Capitol – hielt. Man kann sich denken, welches Aufsehen dieser ungewöhnliche Vorfall machte. Die Galerien waren gedrängt voll. Ob sie wie Demosthenes redete, weiß ich nicht; allein es gelang ihr, einige Senatoren und Congreßleute zu interessiren. Als das Comité ungünstig über die Petition berichtete, sicherte sich Mrs. Woodhull den Beistand einiger einflußreicher Damen in New-York, unter ihnen die schon früher genannte Lady Stanton, Paulina Wright-Davis, Isabelle Beecher-Hooker, Susan B. Anthony und andere eifrige Advocatinnen der Frauenrechte, und deren vereinigtem Einflusse gelang es, einen Minoritätsbericht von der Commission zu erlangen, welcher vom General F. Butler von Massachusetts und dem Richter Loughridge von Iowa unterzeichnet war. Die Unterschrift Butler’s erlangt zu haben, war ein bedeutender Erfolg, denn derselbe ist ein sehr einflußreicher, wenn auch mehr gefürchteter als geachteter Mann, dessen Name im großen Bürgerkriege von den Südländern nur mit Verwünschungen genannt wurde, obwohl er ihnen im Felde als General niemals Schaden that. Wenn daher Mrs. Woodhull daraus große Hoffnung schöpfte, so war sie dazu vollkommen berechtigt.

Fußend auf dem nach ihrer Ansicht in der Verfassung begründeten Stimmrechte der Frauen und um die Aufmerksamkeit der letzteren mehr zu erwecken, kündigte sie sich als Candidat für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten an und schrieb zugleich eine Reihe von Artikeln über Politik und Finanzen, die im „New-York Herald“ erschienen und seitdem unter dem Titel „The Principles of Government“ („Die Grundsätze der Regierung“) in einem Bande erschienen sind. Ich habe die Artikel leider nicht gelesen und kann daher über ihren Werth nicht urtheilen. Da sie indessen eigentlich „Demosthenes“ zum Verfasser haben, der ein mit der Zeit fortgeschrittener Geist zu sein scheint, so können sie wohl nicht ganz verrückt sein.

Die „Victoria League“, eine geheime, gewissermaßen jakobinische Gesellschaft, als deren Präsident Commodore Vanderbilt vermuthet wird, hat die Candidatschaft der Mrs. Woodhull angenommen und sie förmlich als ihren Candidaten anerkannt.

Victoria ist jetzt vierunddreißig Jahre alt, und wenn auch keineswegs schön, so ist sie doch äußerlich eine mehr angenehme als unangenehme Erscheinung. Sie ist von mittlerer Größe, weder zu stark noch zu mager, leicht und elastisch in all’ ihren Bewegungen, wahrscheinlich in Folge ihrer körperlichen Uebungen. Sie kann reiten wie ein Indianer, klettern wie ein Turner, schwimmen, rudern, Billard spielen und tanzen und ist, was sich bei den Amerikanern nicht sehr häufig findet, eine sehr ausdauernde Fußgängerin.

Sieht man ihr Portrait von der linken Seite, so erblickt man ziemlich regelmäßige Linien eines römischen Gesichts; von der andern Seite gesehen erscheinen diese Linien unregelmäßiger. Das Gesicht von vorn gesehen ist ziemlich breit mit vorstehenden Backenknochen und nicht angenehmen Linien an der Nase. Sie hatte sehr volles dunkles Haar; da sie jedoch mit dem Frisiren desselben täglich zu viel Zeit verlor, hat sie es abgeschnitten und trägt es nun wie ein Mann. – Der Ausdruck ihres Gesichts ist ein sehr veränderlicher. Zu Zeiten sieht dasselbe stumpf, gewöhnlich und selbst unangenehm aus, während es manchmal wieder den Ausdruck annimmt, den man an Fanatikern bemerkt. Ich glaube, daß sie die Mimik ziemlich in ihrer Gewalt hat und ihre kurze theatralische Laufbahn nicht ganz ohne Nutzen für sie war. – In der Unterhaltung ist sie anfangs zerstreut und stockend, äußert sich aber fließender, wenn der Gegenstand sie erregt.

Ihre politischen Ansichten sind die eines radicalen Demokraten, und in socialer Hinsicht bekennt sie sich zu ähnlichen Grundsätzen, wie sie von John Stuart Mill[WS 1] und Elisabeth Lady Stanton gelehrt wurden, nämlich zu denen, die man gewöhnlich als die der „freien Liebe“ bezeichnet. Sie hat dieselben erst kürzlich, das heißt vor einigen Monaten, in einer Rede mit wunderbarer Deutlichkeit ausgesprochen, und die deutschen Blätter berichteten darüber mit Empörung. Sie erklärt die Ehe, wenn die beiderseitige Liebe aufhöre, für Prostitution und moralisch aufgelöst, und beansprucht das Recht, neue Verbindungen einzugehen, sobald sie das Herz schließt.

Da unser ganzer Staat auf die Familie, die Ehe, gegründet ist, so liegt es auf der Hand, daß eine radicale Aenderung im Staats- und gesellschaftlichen Leben stattfinden müßte, wenn je die Principien der Mrs. Woodhull zur allgemeinen Geltung kämen. Ich bin selbstverständlich weit entfernt, als ein Advocat dieser Theorien oder der Mrs. Woodhull auftreten zu wollen, die ich, was ihre Person anbetrifft, für einen Erz-Humbug halte, wie ihn eben nur die eigenthümlichen Verhältnisse Amerikas hervorbringen und dulden können; allein diese Theorien enthalten eine Saat, die im Laufe der Zeit ganz gewiß Früchte tragen wird, und insofern sind sie und deren Trägerin der Aufmerksamkeit denkender Menschen wohl würdig.

Obwohl Mrs. Woodhull sich nun stark mit Politik und Finanzwesen befaßt, so ist das nur eine Erweiterung ihrer Thätigkeit; ihr Verkehr mit der Geisterwelt dauert nach ihrer und Oberst Blood’s Behauptung fort. Demosthenes ist immer noch ihr Schutzgeist; allein sie will auch zwei Mal der Erscheinung Christi gewürdigt worden sein, wie das ja auch von unzähligen Heiligen der römischen Kirche in den von derselben bestätigten Legenden und Heiligsprechungsbullen behauptet wird. Zur heiligen Rosa von Lima kam Christus an einem Palmsonntag und verlobte sich mit ihr. Nähte die Heilige, so setzte sich Christus auf ihr Nähkissen und scherzte mit ihr. So steht’s in der Bulle des unfehlbaren Papstes.

Freilich ist Mrs. Woodhull keine Heilige und nicht einmal eine Gläubige; sie leugnet die Göttlichkeit Christi und hält ihn nur für einen Menschen, so hoch sie ihn auch verehrt. In die Kirche geht sie niemals. Wenn sie betet und mit der andern Welt in Verbindung treten will, dann steigt sie, wie schon gesagt, auf das Dach ihres Hauses.

Die Laufbahn dieser jedenfalls merkwürdigen Person ist noch nicht beendet. Die Furchtsameren ihres Geschlechtes selbst unter ihren Anhängern entsetzen sich darüber, daß sie den Muth hat, praktisch auszuführen, was sie lehrt, obwohl Andere behaupten, daß sie, abgesehen von ihrem eigenthümlichen Verhältniß mit Oberst Blood, ein Leben führt, was man gemeinhin ein streng moralisches nennt. Wir wollen diese Verfechterin der Frauenrechte und Prophetin der freien Liebe nicht aus dem Auge verlieren und den Lesern der Gartenlaube darüber berichten, wenn ihre Laufbahn in eine neue Phase tritt.

Corvin.



Anmerkungen (Wikisource)