Vier in einer Woche

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Titel: Vier in einer Woche
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 698
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[698] Vier in einer Woche! Der Tod feiert ein Erntejahr unter den Veteranen der Ritter des deutschen Geistes; jetzt hat er uns vier der Besten der Nation im Verlaufe einer Woche entführt: drei Siebenziger und einen Sechsundsechsziger. Der Aelteste ist Ernst von Bandel. Wir haben ihn an seinem höchsten Ehrentage, einem Siegesfeste siebenunddreißigjährigen Kampfes gegen die Hemmnisse seiner Arbeit, den Glücklichsten der Alten preisen können, aber das Leben in diesem Glücke hat er kaum über ein Jahr ertragen. Mit dem sechszehnten August 1875 war seine Sendung erfüllt; er brauchte nicht, wie Anastasius Grün, im Hinblick auf ein unvollendetes Werk seinen Tod zu beklagen; er konnte noch im Sterben glücklich sein.

Neben dem Sechsundsiebenzigjährigen liegt ein Dreiundsiebenzigjähriger auf der Bahre der Todeswoche: Franz Ziegler, der Streitgenosse eines Waldeck, Taddel, Twesten und Hoverbeck, der unerschütterliche „Demokrat aus Patriotismus“, ein Mann von unantastbarer Reinheit als Bürger, Beamter, Politiker und Dichter. „In Franz Ziegler“ – so ruft F. Mehring in der „Magdeburger Zeitung“ ihm nach, „ist der letzte Repräsentant jener altpreußischen Demokratie dahingegegangen, welche ihre Traditionen nicht aus den Ideen von 1789, sondern aus dem Allgemeinen Landrechte, aus der Stein’schen Gesetzgebung schöpfte, welche unfähig war, einen Gedanken zu denken, der nicht organisch aus der historischen Entwickelung des preußischen Staats emporwuchs. Ein abstractes Freiheitsideal fand in der Brust dieser Männer kein Echo; ihre Liebe zur Freiheit war die schöne Blüthe patriotischer Einsicht. Nur weil ihr Staat, so wie er nun einmal war, einzig durch freie Entfesselung aller Volkskräfte gedeihen und wachsen konnte, verlangten sie diese freie Entfesselung, nur um Patrioten zu bleiben, wurden sie Demokraten.“ – Als Volksbote in Frankfurt und Berlin hat Ziegler drei Worte gesprochen, die in der Geschichte fortleben. Mitten in das Toben der Paulskirche gegen stehende Heere fuhr seine Mahnung: „Die Disciplin ist die Mutter des Siegs.“ – Als Tausende 1866 in Parteihader schwankten, rief er dem preußischen Volke zu: „Das Vaterland ist in Gefahr; das Herz der Demokratie ist stets da, wo die Fahnen des Landes wehen.“ Und als noch Alles denselben Gedanken nur flüsterte, sprach er ihn laut im Abgeordnetenhause aus: „Der Minister von Mühler muß fort von seinem Platze.“ Das sind drei Thaten zu ihrer Zeit gewesen. Die „Gartenlaube“ verdankt ihm die tiefergreifende Erzählung „Der Bettler vom Capitol“ im Jahrg. 1864.

Der jüngste der heimgegangenen drei Siebziger ist Adolf Stahr. Hat er dem Tageskampfleben nicht unmittelbar so nahe gestanden, wie Ziegler, war von Haus aus die Studirstube sein liebster Aufenthalt und geschichtliches Forschen und kritisches Prüfen seine liebste Beschäftigung, so trat er doch später durch seine Reiseschilderungen und dadurch, daß er in anmuthigen Darstellungen den Einblick in das Leben und Treiben geschichtlicher und literarischer Größen erschloß, dem Volke näher und ist auf diesen Wegen ihm oft ein freundlicher Führer gewesen.

Als der jüngste der vier todten Veteranen sank ein Held mit der Pritsche in’s Grab: Adolf Glaßbrenner, das echte Berliner Kind, dessen Witz mächtig genug war, alle Menschen zum Lachen und die Polizei zur Verzweiflung zu bringen. Durch ihn zuerst wurden von Berlin aus Humor und Satire wieder eine Macht im öffentlichen Leben. Was zur Censurzeit Niemand im Ernst zu sagen wagte, das fand in der Form des Scherzes den Weg in’s Volk. Die kleinen Hefte „Berlin wie es ist und – trinkt“ gingen von Hand zu Hand durch alle Schichten des Volkes und säeten Gedanken aus, die später aufgingen und Früchte trugen. Er hatte bereits auf diese Weise politisch Außerordentliches geleistet,[1] als das Jahr 1848 ihn, wie Tausende, verführte, das so keck Gelehrte nun praktisch auszuführen. Als der Sturm vorüber war, kehrte er, der die Fahne seines Witzes gen Mecklenburg getragen hatte, nach Berlin zurück und lebte und wirkte dort als einer der beliebtesten Menschen und Schriftsteller, bis endlich dem Tod auch nach diesem frohen Gesellen gelüstete. So stand in dem sechsundsechszigjährigen Körper das gute lustige Herz still. Die Tausende, die er erfreut, werden dankbar um ihn trauern.

  1. Vorlage: „gegeleistet“