Der Schöpfer eines National-Denkmals

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Der Schöpfer eines National-Denkmals
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 553–555
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1875) b 553.jpg

Ernst von Bandel auf dem Wege zum Teutberge.
Für die Gartenlaube im Herbste 1874 nach der Natur aufgenommen C. Grote in Hannover.

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Der Schöpfer eines National-Denkmals.

Am Vorabend des Hermann-Festes.

Mit Abbildung.

Durch den Herbstwald nach dem Teutberge schreitend, so hat unser Künstler den Mann, den wir heute feiern wollen, gesehen und die Gelegenheit benutzt, den Schöpfer des Hermann-Denkmals für unser Blatt auf das Papier zu zaubern – den Mann, in dessen Auge man jetzt nicht ohne den Gedanken schauen kann: „Wie bist Du glücklich!“

Ja, er gehört zu den Glücklichen dieser Welt, zu den wenigen Glücklichen, die am Abend ihres Lebens ein Werk vollendet sehen, das sie am Morgen begonnen haben, und ein Werk, dessen Dauer für das, was wir Sterblichen die Ewigkeit nennen, berechnet ist.

Deutschland ist längst nicht mehr arm an öffentlichen Denkmälern, so wenig wie es je arm an denkmalwürdigen Menschen und Thaten war. Hatten aber die herrschenden Dynastien zu allen Zeiten die Kunst zur Verherrlichung ihrer Mitglieder und der Thaten ihrer Kriegs- und Staatsmänner an sich gezogen und Residenzen, Schlösser, Kirchen und Plätze mit Werken der Bildhauerei und Malerei ausgestattet – so währte es um so längere Zeit, bis das deutsche Volk sich zu der Anschauung erhob, daß auch seine Männer, seine treuen geistigen Kämpfer, Förderer und Wohlthäter dieselben öffentlichen Ehren verdient hätten, wie die Fürsten und deren Getreue. Familien, Freunde, Genossen und Zünfte waren wohl immer bedacht gewesen, auch dem Andenken der Ihrigen Monumente zu errichten, nur wagte man mit denselben sich lange nicht aus Kirchen und Friedhöfen hinaus: das Grabdenkmal blieb die letzte Ehre unserer großen Todten, wie es ja immer leidige Sitte des Volkes war, seine verdienten Männer erst nach ihrem Tode gerecht zu würdigen und zu verherrlichen.

Es mußte im deutschen Volke erst Das wieder geweckt werden, was ihm unter dem Druck der jämmerlichen politischen Zustände Deutschlands vom dreißigjährigen bis zum Befreiungskriege nahezu erstickt worden war: der Vaterlandsgedanke, das Nationalgefühl. Erst als es wieder warm in deutschen Herzen wurde, als die edelste und muthigste deutsche Jugend es wagte, dem fremden, von feindseligster Hand zur Zerreißung und Schwächung der alten Reichskraft den deutschen Fürsten erteilten Danaergeschenk der Einzelsouveränetät zum Trotze, ein Banner des deutschen Geistes in der schwarzrothgoldenen Fahne zu erheben, und als, alle Verfolgungen überdauernd, dieses Zeichen zu dem des ganzen Volkes sich aufgeschwungen hatte, erst da brach die Zeit der Denkmäler für des Volkes große Männer an. Seit den dreißiger Jahren sahen wir endlich neben den ehernen und marmornen Bildsäulen der Gefeierten der Throne, des Staats und des Kriegs auch die Gestalten der Männer, die bisher in ihren Werken der Künste, Wissenschaften und Industrien der Stolz der Nation waren, auf hohen Postamenten in Erz und Marmor vor dem dankbaren Volke aufragen.

Nur eine Idealgestalt blieb noch der Huldigung entzogen, weil sie den Souveränetäten zuwider war. Siegesgöttinnen, die ebenso gut als „Borussia“, „Hassia“, „Hannovera“ etc. gelten konnten, waren aufgestellt; eine „Bavaria“ sollte alle überragen, nur für eine „Germania“ war nirgends ein Platz in Deutschland, und darum konnte auch das Denkmal eines an des Reiches Einheit mahnenden deutschen Nationalhelden in jener Zeit kein erfreuliches Loos haben.

Ebenso war aber auch das deutsche Volk zur Einigkeit in der That, sobald sie größere Opfer erforderte, noch immer nicht reif, und nur die großen Mittel in einer Hand vermochten auch in der Denkmalkunst wahrhaft Großes auszuführen. Eines der gefeiertsten von uns soeben genannten Werke deutscher Kunst liefert uns hierfür das Beispiel. Zwei Jahre nach dem ersten Auftreten Joseph Ernst’s von Bandel für den Nationalgedanken eines Denkmals für Armin, den Befreier im Teutoburger Wald, sprach der Baiernkönig Ludwig der Erste den Wunsch aus, vor der baierischen Ruhmeshalle auf der Theresienwiese Münchens eine riesige „Bavaria“ aufzustellen. Im Jahre 1838 begann Ludwig von Schwanthaler seine Arbeit an diesem unvergänglichsten Werke seiner Unsterblichkeit, ein mit Recht beneideter Meister, denn ihm stand Alles zu Gebote, was äußerlich zur Förderung seiner Kunstschöpfung von ihm gewünscht werden konnte. Dagegen war es Bandel’s erste Aufgabe, die Mittel zur Ausführung der seinen, die an Großartigkeit jener gleich stehen sollte, aus den Beisteuern patriotischer Geber aufzubringen. Die Zeit war ihm anfangs günstig. Ein Aufruf, mit welchem eine lithographische Abbildung des von ihm schon 1834 in Berlin vollendeten Gipsmodells des Denkmals verbreitet wurde, fand Anklang und regte werkthätige Theilnahme an; ja diese wurde bedeutend erhöht, als sich mit dem Jahre 1840 der deutsche Patriotismus plötzlich durch die Kriegsdrohungen Frankreichs frisch entflammte. als Becker’s Rheinlied deutsches Nationallied wurde und der Thronwechsel in Preußen auch im übrigen Deutschland neue Hoffnungen auf das längst ersehnte Ende der Bundestagswirthschaft erweckte. Die Gaben flossen reichlich, und schon 1841 konnte der Grundstein zum Unterbau des Denkmals auf dem Teutberge oder der sogenannten Grotenburg bei Detmold gelegt [555] werden und Bandel an die Ausführung seiner Statue selbst gehen.

So ward denn nun gleichzeitig in München und im Teutoburger Wald an zwei verschiedenen und doch so nah verwandten Denkmälern gearbeitet. Während aber die Münchener Meister, Schwanthaler und auch Ferdinand von Miller, der nun von 1845 an, wo das Modell der „Bavaria“ vollendet war, den Guß der Riesenjungfrau mit dem Kopf derselben begann, keine andere Sorge und keinen andern Widerstand kannten, als welche die zu bewältigenden Elemente ihnen bereiteten, während also jene Meister sich einer kunstwürdigen Stellung erfreuten, blieb Bandel von dem Schwellen und Schwanken der öffentlichen Meinung und Stimmung abhängig. Der politische Aufschwung von 1840 ging in Preußen mit der Ernüchterung aus dem Hoffnungstraume und im übrigen Deutschland mit dem Verschwinden der Gefahr am Rheine vorüber, – und die nachfolgende Verbitterung im Volke mußte auch das Denkmal des Nationalhelden entgelten. Dennoch war es möglich geworden, 1846 den Unterbau zum Denkmal, die Tempelhalle, auf deren Kuppel der Held der ersten deutschen Befreiung stehen und sein Schwert erheben sollte, zu vollenden.

Der politische Volksfrühling, in welchem man im größten Theile von Deutschland schon im Jahre 1847 aufathmete, kam auch dem Arminsdenkmale zu Gute; desto schlimmer wurden die Folgen des großen Sturmjahres durch die gehässige und häßliche Reaction, die sich nach demselben austobte und namentlich das Jahr 1850 (nach dem von 1819!) zu einem zweiten „tollen Jahre“ unserer deutschen Geschichte machte. Das ist auch ein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum! Wer gedächte nicht heute noch mit Schaudern und Abscheu jener Tage der Strafbaiern in Hessen, der Vorgänge in Schleswig-Holstein, der Schlacht bei Bronzell und des preußischen Canossa-Gangs nach Olmütz? Wohl hätte in dem Pfuhle von Schmach die alte deutsche Ehre um so glänzender leuchten müssen, aber Schmerz und Groll fesselten die Patrioten so sehr an die Gegenwart, daß sie keinen Blick für die so weit entfernte Vergangenheit hatten. Bandel opferte sein eigenes Vermögen, um sein Lebenswerk zu retten, – und doch blieb es Stückwerk und zog kaum noch die Beachtung der Menschen auf sich – in derselben Zeit, zu welcher Schwanthaler’s „Bavaria“, das Hätschelkind der Wittelsbacher Souveränetät, vor Tausenden staunender Augen ihre Enthüllung feierte. Wohl war es dem edlen Schwanthaler nicht vergönnt gewesen, sein Werk noch mit eigenen Augen zu schauen, ihm hatte schon der Herbst jenes Sturmjahres die Blätter der Münchener Friedhofbäume auf das Grab geweht; er war in höchster Manneskraft gestorben kaum ein Vierteljahr älter, als Friedrich Schiller geworden war und dennoch – wie oft mag damals Bandel vor den Fragmenten seines Armin den gefeierten Todten als den Glücklicheren beneidet haben! –

In der ferneren Geschichte dieses Denkmals spiegelte sich die des deutschen Volks wider von der tiefsten Erniedrigung bis zum höchsten Triumphe, und seltsamer Weise liefert unsere „Gartenlaube“ in den fünf Artikeln, die sie (bis zu diesem sechsten) dem Gegenstande weihte, dazu die Belege. Gleich im ersten Jahrgange derselben, lesen wir „Das Hermanns-Denkmal bei Detmold wird aller Wahrscheinlichkeit nach für immer unvollendet bleiben.“ Man hatte damals von den fertigen Theilen desselben den Arm mit dem Schilde gestohlen; aber anstatt Entrüstung weckte die damalige jämmerliche Aehnlichkeit Deutschlands mit diesem arm- und schildlosen Armin vielmehr den Galgenhumor in dem verbitterten Volke auf. Sieben Jahre später mußte ein mit der Abbildung des Armins-Denkmals geschmückter Artikel noch die Ueberschrift führen: „Ein vergessenes deutsches Denkmal.“

Zehn Jahre lastete der politische Alpdruck auf den „Unterthanen“ des wieder mit aller diplomatische Kunst bestens zerrissenen Bundesdeutschlands, – da bildete sich, eben als in Preußen mit der Prinz-Regentschaft die „neue Aera“ begann, eine Art Männer-Burschenschaft in dem „deutschen Nationalverein“. – Das kräftig wieder erwachende politische Leben lenkte wohl auch die öffentliche Theilnahme wieder jenen Siege in der Vergangenheit zu; das Denkmal auf dem Teutberge ward wenigstens nicht ganz vernachlässigt; die Presse nahm sich seiner mehr an, und die Zeiten der großen Nationalfeste halfen ein wenig mit, aber der rechte Zug, den eine nationale Ehrensache von selbst bewirkt, fehlte doch, und dies und der neue Aerger über das Vorgehen der beiden deutschen Großmächte in Schleswig-Holstein 1864 regte den Zorn eines unserer Poeten so auf, daß er ein Gedicht, welches er sogar als „seinen Beitrag zum Hermannsdenkmale“ bezeichnete, mit den bösen Worten schloß:

„Auf, schmeißt den Hermann in den Tiegel
Und gießet euch Kanonen draus!“

Das geschah zwar nicht; aber warten mußten Bandel und sein Armin auf ihre Erlösung, bis das deutsche Volk mit seinen Fürsten durch die harte Schule politischen Kampfs und blutigen Kriegs bis zu dem Thore des Siegs vordrang, dessen Ueberschrift heißt: „Deutsche Nationalpolitik“ und „Kaiser und Reich“. – Dazu konnten die zwanzigtausend Männer des Nationalvereins nicht allein führen; der Geist vom Jahre Dreizehn mußte wieder geweckt werden; er führte Deutschlands Völker und Fürsten in den Krieg von Siebenzig, und das siegreiche Vaterland erhob nun auch Armin, den Befreier, auf die fast dreißig Jahre hoffnungslos verödete Kuppel seines Tempels. Schon 1872 konnten wir unseren Lesern „in der Geburtsstätte des Hermanns-Denkmals“ den Meister Bandel in voller Arbeit an seinem Werke zeigen, und mit solchem Eifer und Erfolg ward dieselbe nun mit der Unterstützung von Kaiser und Reich gefördert, daß wir vor wenigen Wochen in Nr. 21, das vollendete Denkmal, wie es heute seine Weihe auf dem Teutberge feiert, im Bilde vorführen konnten.

Heute, an seinem höchsten Ehrenfeste, steht Ernst von Bandel selbst vor uns, der Fünfundsiebenzigjährige, der als Vierunddreißigjähriger sein Armin-Modell zum ersten Mal an die Oeffentlichkeit gebracht hatte. Wie viel glücklicher ist nun er vor dem einst so gerecht beneideten Schwanthaler! Aber ewig werden ihre Namen beisammen stehen als die der großen, kühnen deutschen Meister, welche die zwei riesigsten Denksäulen edelster Kunst nicht blos in Europa, sondern auf der ganzen bekannten Erde geschaffen haben.

„Was hat das Denkmal gekostet?“ das ist eine nicht zu umgehende Frage, die man nicht auf Antwort warten lassen darf. Der Hermanns-Verein in Detmold berichtete am 8. September 1860 über eine Denkmal-Beitragsumme von 46,493 Thalern; beim Denkmal-Verein in Hannover waren vom 10. Mai 1862 bis dahin 1867 noch 6913 Thaler eingegangen. Rechnet man dazu die 10,000 Thaler Reichs- und noch etwa 10,000 Thaler nachträgliche Spenden, so stellt sich in runder Zahl eine Gesammtbausumme von 73,500 Thalern heraus. Davon waren bis zum 7. Juni 1846, an welchem Tage der letzte Stein in den Unterbau eingefügt wurde, verausgabt worden: für den Unterbau 37,768 Thaler, für die Grundsteinlegung 248 Thaler, für das Standbild selbst 6206 Thaler, also im Ganzen 44,222 Thaler. Hierzu kommen nun noch die Kosten der Vollendung, Befestigung und Aufstellung des Standbildes, die man auf etwa 34,280 Thaler schätzt. Die Gesammtkostensumme von 78,500 Thaler würde demnach noch eine Nachhülfe von 5000 Thalern zur Deckung des Ganzen beanspruchen. Der Meister des Werkes macht alle seine Kunst und Arbeit daran dem Denkmale zum Geschenke. Nehmen wir also die Gesammtsumme zu 84,000 Thaler an, so sind dies 147,000 Gulden; der Kostenaufwand für die „Bavaria“ wird zu 233,000 Gulden angegeben.

Die Beiträge vertheilen sich auf folgende Beitraggeber: das österreichische Kaiserhaus 1082 Thaler, die deutschen Fürstenhäuser 13,500 Thaler, das Ausland 1500 Thaler, das deutsche Volk 37,500 Thaler, der deutsche Kaiser 10,000 Thaler, das Reich 10,000 Thaler.

Das Standbild erforderte als Material 21,176 Pfund Kupfer; das nöthige Schmiedeeisen beträgt 126,153 Pfund, das Gußeisen 5873 Pfund und das Gewicht der ganzen Figur somit 153,202 Pfund.

Die Denkmalfeier selbst findet in der persönlichen Theilnahme des deutschen Kaisers, durch dessen sieggekrönte Reichs-Einigung endlich Deutschlands erster Befreier auf seinen Ruhmesthron erhoben wurde, die würdigste Verherrlichung. Die „Gartenlaube“ wird diesem Nationalfeste eine ausführliche Beschreibung mit einer Illustration nach Ekwall’s gewandtem Stifte widmen.

Fr. Hfm.