Volksbühne und Theaterdekorationen

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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Volksbühne und Theaterdekorationen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 131
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[131] Volksbühne und Theaterdekorationen. Bei den Aufführungen des Hans Herrig’schen Lutherfeststückes, die in Leipzig länger als eine Woche alltäglich stattfanden und bei denen die Rollen von Studirenden gespielt wurden, waren gar keine Dekorationen zu sehen, nur Vorhänge! Allerdings stand damit im Widerspruche der Glanz der Kostüme, denn Kostüme und Dekorationen ergänzen sich gegenseitig.

Das hat natürlich die Frage nach dem Werth der Theaterdekorationen wieder in den Vordergrund gerückt. Da sehen wir auf der deutschen Bühne die entgegengesetzten Experimente. Auf der einen Seite macht das Richard Wagner’sche Kunstwerk der Zukunft von dem dekorativen Aufputz und den Bühnenmaschinerien den ausgedehntesten Gebrauch, ohne daß sich dies Kunstwerk, wenn es die Malerei mit in den Bund der Künste aufnimmt, hierin sonderlich von der bisherigen Oper unterscheidet, bei der ja der Pomp der Dekorationen stets eine Rolle spielte; wir sehen das berühmte Ensemble der Meininger dem Gesammteindruck mit geschmackvollen und stimmungsvollen Dekorationen zu Hilfe kommen, bei denen die archäologische Treue noch dazu eine große Rolle spielt; wir hören von den glänzenden Inscenirungen Shakespeare’scher Historien und Schiller’scher Tragödien an den großen Hoftheatern. Hierzu kommt die Pracht der Zaubermärchen und Weihnachtsstücke mit ihren Marinebildern, ihren unterirdischen und unterseeischen Wundern, ihren Lichtgewölken, ihrer Sternenglorie und den in Magnesialicht leuchtenden Feen- und Engelsgruppen.

Auf der andern Seite ist ebenso wenig ein der Entfaltung des dekorativen Glanzes feindlicher Zug zu verkennen. Schon der berühmte Berliner Dramaturg Ludwig Tieck wollte unser Theater zur Einfachheit der Shakespeare-Bühne zurückschrauben, wo die Phantasie allein die Kosten der dekorativen Ausstattung bestritt und nur ein Pfosten mit einem Zettel angab, ob die Handlung im Wald, auf dem Schlachtfelde oder im Salon eines Fürstenschlosses spiele. Fast bis zu dem Standpunkte Tieck’s zurück geht das neueste Volksstück. Wie stellt sich nun der gesunde Sinn des Publikums und die vorurtheilsfreie Kritik zu diesen extremen Richtungen? Die Entwicklung unseres Bühnenwesens muß hier den Ausschlag geben: unsere Schauspiel- und Opernhäuser sind, nach ihrer ganzen Einrichtung, auf Inscenirungen angewiesen, bei denen die Koulissen, Versetzstücke und Hinterwände mitwirken, bei denen die Kunst des Dekorationsmalers ihr gutes Recht verlangt. Eine Rückkehr zum ABC der Kunst, zu ihren ersten schüchternen Anfängen ist heutigen Tags unmöglich, und auch die Volksbühne, für deren Festvorstellungen man eine Ausnahme einräumen könnte, wird sich zu weiteren Zugeständnissen entschließen müssen.

Daß die Poesie der Scene den Eindruck der dichterischen Handlung nicht abschwächt, sondern hebt, ist wohl fraglos: der Zauber einer italienischen Liebesnacht in „Romeo und Julie“, die düstere, für einen Hexensabbath geeignete Nordlandscenerie in „Macbeth“ wird, mit Hilfe der malenden Kunst ausgeführt, wesentlich dazu beitragen, die rechte Stimmung des Publikums hervorzurufen und das dichterische Wort in demselben Bestreben zu unterstützen; aber dies Zusammenwirken darf eben nicht fehlen. Das ist der entscheidende Punkt: wo die Dekoration zum Selbstzweck wird und das Interesse von der Handlung und von der Dichtung ablenkt, wo sie z. B. das Studium ihrer Details und ein kunstgeschichtliches Interesse in Anspruch nimmt: da ist sie nicht mehr berechtigt und die größte Einfachheit der Inscenirung vorzuziehen.