Vollmondzauber/Drittes Kapitel

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[27]
Drittes Kapitel.

Einen anspruchsloseren, gutmütigeren Kameraden, – einen, der rascher bereit gewesen wäre zu helfen, wo er konnte, – schneidiger wo es sein mußte, oder geduldiger, wo es sein durfte, hatte das Regiment nicht gesehen.

Dabei mit Männern sehr lustig, – kein Spaßverderber, – wenn auch etwas sensitiv veranlagt. Rohe Witze waren ihm widerwärtig! – Ein sehr heller Kopf!

Der Oberst fand täglich mehr Gefallen an seinem jungen Schützling, und da sein Adjutant noch immer nicht hergestellt war, der Rittmeister Gerhart aber um einen Urlaub nachgesucht hatte, so fragte er Swoyschin, ob er nicht an seine Stelle treten, provisorisch den Adjutantenposten ausfüllen wolle.

Swoyschin war mit Freuden dabei. Im Regiment schüttelte man natürlich ein wenig den Kopf über diese Vereinbarung. Die Adjutanten wählte man [28] gewöhnlich nicht aus den Reihen der Hochgeborenen, besonders nicht im Frieden. Der Posten ist mit viel zu viel Schererei und Schreiberei verbunden, um einem jungen Kavalier wünschenswert zu erscheinen. Aber Swoyschin füllte ihn vorzüglich aus, hielt sich auch tapfer mit der leidigen Schreiberei. Seine Neider – natürlich hatte er deren im Regiment – behaupteten, der Oberst mache es ihm leicht. Das mochte sein – jedenfalls vertrugen sich die beiden sehr gut, auch ganz abgesehen von dienstlichen Angelegenheiten.

Der Oberst klimperte ein wenig Klavier, der Adjutant kratzte ein wenig auf der Geige. Wenn der Abend kam, sperrten sie die Thür zu und musizierten bis Mitternacht. Beide hatten denselben ruhigen, klassische Musik vorziehenden Geschmack. Sie spielten Mozart und Bach und hie und da ein Andante von Beethoven. Und wenn sie nicht spielten, so verloren sie sich in endlosen Gesprächen über Gott, die Menschen und die Weltordnung – oder vertieften sich in ein interessantes Buch, das Swoyschin dem Obersten vorlas.

Die Adjutantenwohnung stieß an die des Vorgesetzten, und so waren Oberst und Adjutant von früh bis abends beisammen.

Man lachte im Regiment über diese intime Freundschaft – nannte die beiden Wallenstein und Max –, [29] aber man ließ sie gewähren. Der einzige im Regiment, der sich unermüdlich über Swoyschin den Mund zerriß, war der schöne Märzfeld.

„Ein netter Bursch,“ pflegte er zu näseln, „immerhin ganz gut fürs Regiment, – aber daß der ein Don Juan sein soll! … Er fürchtet sich vor allem, das einen Unterrock trägt.“

Worauf ihm Bärenburg erwiderte: „Mein preußischer Vetter bei der Garde würde sagen: ‚Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste‘ – auf österreichisch: ‚Das gebrannte Kind scheut ’s Feuer!‘“ – Aber auf deutlichere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht ein.

Es war übrigens wirklich merkwürdig, daß Swoyschin ein Don Juan sein sollte. Selbst der Oberst fing an, sich darüber zu wundern, wie er zu dem Ruf gekommen war. Er fragte sich, ob Bärenburg sich nicht einfach einen Spaß mit ihm und dem ganzen Offizierscorps erlaubt hatte. Dafür, daß er solcher lustiger Nichtsnutzigkeiten fähig war, kannte er ihn.

Einigermaßen mußte man dem schönen Märzfeld recht geben; es machte thatsächlich den Eindruck, als fürchte sich Swoyschin vor jedem Weiberrock. Bei den Damenabenden im Offizierskasino, die der Oberst zur Belebung der Geselligkeit in Scene gesetzt hatte, erschien er selten – immer nur, wenn er vom Obersten besonders aufgefordert worden war –, drückte sich gegen die Wand und sprach mit keinem weiblichen Wesen.

[30] Manchmal wurde bei diesen Abenden getanzt. Swoyschin tanzte vorzüglich, machte aber den denkbar geringsten Gebrauch davon. – Die Damen erklärten ihn für hochmütig, aber diesen Verdacht, von dem er gewiß nie etwas ahnte, schlug er rasch und siegreich aus dem Feld.

Einmal nämlich hatte sich die Frau des Regimentsarztes in eine dieser Elitegesellschaften hineingewagt. Die Damen spotteten über ihre unmögliche Toilette – sie war in ihrem Brautkleid aus lilagefärbter, dünn raschelnder Seide erschienen. Auch die Herren spotteten über sie, besonders die ganz jungen Lieutenants, die bekanntlich gern mit ihrer up to date-Weisheit in Bezug auf weiblichen Tand prahlen. Einige lachten über den verjährten Schnitt ihrer Ärmel, und andre behaupteten, sie könnten den Benzingeruch ihrer frischgereinigten Handschuhe nicht vertragen. Nur Swoyschin bemerkte, daß sie wunderschöne Augen habe. Er ließ sich ihr sofort vorstellen und tanzte im Laufe des Abends mehrmals mir ihr, zum Schluß sogar den Lancier. Als er sich zu dieser komplizierten und exotischen Quadrille mit ihr anstellte, heftete Bärenburg, der zufällig nicht mittanzte, einen langen, kuriosen Blick auf ihn, dann sich gegen den Obersten wenden, der sich zufällig neben ihm befand, sagte er leise: „Passen Sie auf, Herr Oberst, jetzt fängt’s an!“

[31] Und der Oberst paßte auf. Er sah nichts, was seinen Sympathieen für Swoyschin hätte Eintrag thun können. Im Gegenteil …

Kaum irgend etwas wirkt demütigender auf die Menschen als das Zartgefühl, wenn es sichtbar wird. Bei Swoyschin wurde es nicht sichtbar. Eine Prinzessin von Geblüt, die ihn zum Tanz befohlen, hätte er nicht mit freundlicherer Ritterlichkeit durch alle Verwickelungen des Lanciers hindurchpilotieren können als die verschmähte, kleine Regimentsärztin. Dabei sah er gänzlich unbefangen, sehr vergnügt, in seine Beschäftigung vertieft aus, als mache ihm das Tanzen wirklich Spaß.

Als der Lancier seinem Ende zuging, war die Frau Emmi Swoboda vor lauter Glückseligkeit und innerer Aufregung hübsch geworden. Aber sie hatte sich auch mit einem Schlag grenzenlos in ihren schönen Kavalier verliebt.

„Hab’ ich’s Ihnen nicht gesagt, Herr Oberst?“ flüsterte Bärenburg dem Vorgesetzten zu. „So fängt es an! … Nun, ich will nicht sagen, daß es immer gerade so anfängt, denn schließlich stammen Zdenkos Opfer nicht alle aus so bescheidenen Verhältnissen. Manches Mal fängt’s auch mit ein wenig Eitelkeit an – aber irgendwie tritt die Gutmütigkeit schließlich mit ins Spiel. Mir ist’s herzlich leid um meinen alten Zdenko, denn er ist ein Goldmensch, und es [32] ist sehr schade, daß er sich trotz all seiner guten Vorsätze immer wieder dort einpantscht, wo kein Pläsier und viel Verdruß zu holen ist. Sie werden sehen, ohne Verdruß wird’s auch in diesem Fall nicht abgehen!“

Der Oberst zuckte die Achseln. Was sollte schließlich da für ein Verdruß herauskommen – die Sache war doch ganz harmlos.

Kurz darauf gab die Gattin des schönen Märzfeld eine Soiree. Sie war eine sehr gebildete Dame aus einer hohen Wiener Beamtenfamilie. Hübsch, kalt, gefallsüchtig, ebenso stolz auf ihre Tugend als auf ihre Schönheit, kokettierte sie mit jedem vornehmen Offizier im Regiment, da es ihr darum zu thun war, so viele Verehrer als möglich hoffnungslos zu ihren Füßen schmachten zu sehen.

Obwohl ihr Swoyschin von Anfang an geflissentlich ausgewichen war, wurde sie es nicht müde, ihn, wo sie nur konnte, bei den Haaren zu sich heranzuziehen, worauf sie ihn dann mit allerhand geistvollen Bemerkungen zu verblüffen und neben sich festzuhalten trachtete. Aber er ließ sich nicht halten; trotz aller seiner berühmten Gutmütigkeit legte er in der Kunst, sich ihren Zudringlichkeiten zu entziehen, ein großes Geschick an den Tag.

Eine Weile machte es den Eindruck, als ob Frau von Märzfeld ihrer fruchtlosen Anstrengungen ihm [33] gegenüber müde geworden sei. Aber die Freundlichkeit, die er der armen, unansehnlichen Doktorin bewiesen, reizten natürlich die Eitelkeit der schönen und vielbewunderten Frau auf das äußerste.

Swoyschin wußte, daß er bei dem Fest, zu dem er natürlich mit dem ganzen Offizierscorps geladen worden war, einiges von ihr zu bestehen haben würde. Dennoch hielt er sich nicht für berechtigt, sich fernzuhalten, besonders da es in Breznitz, wo jeder von dem Thun und Lassen der Kameraden wußte, schwer gewesen wäre, einen triftigen Vorwand dafür zu erfinden.

So erschien er denn mit den andern bei der Märzfeldschen Soiree, wo er aber dann der Hausfrau gegenüber die äußerste Zurückhaltung bewies.

Nach dem obligaten Diener, den er ihr pflichtschuldigst hatte machen müssen, bekümmerte er sich nicht weiter um sie, sondern plauderte fast ausschließlich mit ein paar schüchternen Freiwilligen, denen er gutmütig das Selbstgefühl zurückzufinden half, das ihnen in dieser glänzenden Umgebung verloren gegangen war.

Frau von Märzfeld kokettierte indessen auf Leben und Tod mit Bärenburg, der sich jederzeit bereit zeigte, einer hübschen Frau alle Huldigungen zu bieten, die sie von ihm verlangte. Da er es sehr dick hinter den Ohren hatte, wußte er ganz genau, weshalb sie sich ihm eigentlich an den Kopf warf, und humoristisch [34] veranlagt, wie er war, fand er Vergnügen daran, das Interesse für seinen Vetter, das sie nur mühsam hinter gehässigen Bosheiten verbarg, durch allerhand Mitteilungen aufs äußerste zu reizen. Erst erzählte er ihr Räubergeschichten von Zdenkos fabelhafter Schneidigkeit, dann begann er Zdenkos Eroberungen aufzuzählen.

Das Büffett war glänzend, mit Champagner wurde nicht gespart, und Bärenburg hatte demselben freimütig zugesprochen. Gegen Mitternacht hatte er einen kleinen Spitz, in welchem Zustande er immer geneigt war, Indiskretionen zu begehen. Die unglaublichsten Dinge von Zdenkos Unwiderstehlichkeit erzählte er ihr und setzte schließlich mit verdächtigem Augenblinzeln hinzu, das Merkwürdige bei der Sache sei: Zdenkos Liebesabenteuer endigten alle hochtragisch. Er könnte ihr mehr als eine Frau aufzählen, die sich umgebracht – aber thatsächlich umgebracht hatte für ihn! „Er ist nun einmal ein homme fatal!“ seufzte Bärenburg.

„Es ist zu komisch! Dieser arme, gute Swoyschin … ein homme fatal!“ lispelte affektiert die Märzfeld. „Ich kann nichts an ihm finden. Mir ist er zu lang und zu schwarz – mir haben von jeher nur blonde Männer gefallen!“ Dies sagte sie mit einem schmachtenden Blick auf Bärenburg, – der war nämlich blond.

[35] Er kassierte diese feine Huldigung mit einem Schmunzeln ein und bestätigte den Empfang mit einem Handkuß. Im Grunde seines Herzens war es ihm vollständig gleichgültig, ob Frau Helene von Märzfeld an blonden oder schwarzen Männern Gefallen fand.

Sie hatte indessen ihr langstieliges Lorgnon an die Augen gesetzt, um Swoyschin dadurch zu fixieren. Er flüchtete sich vor ihren musternden Blicken in ein Nebengemach. Kaum hatte er sich entfernt, so setzte sich Bärenburg ans Klavier, wo er erst auf allgemeines Verlangen ein paar ganz neue komische und zeitgemäße Couplets vorzutragen begann und zwar mit der Verve von Alexander Girardi in seiner guten Zeit.

Sehr begabt, wie viele junge Österreicher, die ihre Talente häufig aus dem Grunde nie entdecken, weil sie das Leben auch ohne Zuhilfenahme derselben genügend kurzweilig finden, war er unter anderm fabelhaft musikalisch, viel mehr als Swoyschin, ohne jedoch, wie dieser letztere, mit einer Neigung für das Klassische behaftet zu sein. Er vermochte jede Melodie, die er einmal gehört, nachzuspielen und sie mit einer Begleitung zu versehen. Ja zuweilen, wenn ihm irgend ein Vers Spaß machte, erfand er sich die Melodie dazu selbst.

Nachdem er auf die Girardi-Couplets den berühmten Walzer „Nur für Natur!“ hatte folgen lassen, [36] modulierte er mit den ergreifendsten Mollaccorden in einen Trauermarsch hinüber, dann sich seinem Publikum zuwendend, schleuderte er ihm die Worte zu:

L’homme fatal![WS 1] Gedichtet von einer geknickten Lilie.“ Worauf er anfing, eine uralte Pariser Bänkelsängerballade zu gröhlen, mit der ihn einmal seine Base Nita Sankjewitsch bekannt gemacht hatte.

Der Refrain der Ballade lautete: „Ne m’aime pas, infortunée, car mon amour donne la mort![WS 2] und der letzte Vers ging folgendermaßen:

„Arthur était au cimetière,
Les yeux fixés sur un tombeau,
Ses larmes tombaient sur la pierre,
Son visage était pâle et beau.
Il dit: Adieu, infortunée,
En m’aimant, tu subis ton sort,
Tu n’as pu fuir ta destinée,
Car mon amour donne la mort!“
[WS 3]

Die gezierte Sentimentalität, mit der er diese Elegie zum besten gab, spottete jeder Beschreibung. Alles, was im Salon französisch kannte, wand sich in Lachkrämpfen.

Swoyschin trat aus dem Rauchzimmer, um zu sehen, worum sich der Spektakel handle.

„Was Sie wieder für ein Gesicht machen, Graf Swoyschin!“ redete ihn die Hausfrau an. „Wissen Sie, gerade so, als ob Sie in der Romanze des Grafen Bärenburg eine Anspielung witterten! Ha! ha! ha!“

[37] Der junge Mann wurde sehr blaß. „Eine Anspielung, – auf was?“ fragte er, die Brauen zusammenziehend und mit dem leisen Nasenrümpfen, das den Obersten manchmal an seine alte Flamme erinnerte. Nur, daß es bei ihr einfach Hochmut bedeutet hatte, während es bei Zdenko ein sensitives Ablehnen alles ihm gegen den Strich gehenden Kleinlichen und Gemeinen verriet.

Frau von Märzfeld verlor an diesem Punkte ihre Sicherheit. Ihr Gatte aber, der sich indessen nicht nur einen kleinen Spitz, wie Bärenburg, sondern einen gehörigen Rausch angetrunken hatte, in welchem Zustand er seine Familiarität mit allen Hochgeborenen des Regiments ganz besonders hervorzukehren pflegte, klopfte Swoyschin auf die Schulter und sagte affektiert:

„Na, meine Frau meint halt Anspielungen auf deine eigene Unwiderstehlichkeit, mein lieber Swoyschin!“

„Auf meine … was?“

„Auf deine Unwiderstehlichkeit. Wie’s scheint, muß deine Eroberercarriere parallel laufen mit der des bel Arthur – ha! – ha! – ha!“

Swoyschin warf den Kopf ein wenig zurück und stierte den eleganten Märzfeld in einer so zurechtweisenden Art an, daß Märzfeld sich aufrichtig nach dem Anblick der Medusa zu sehnen begann. Dann, [38] ohne ein Wort zu sagen, drehte Zdenko sich auf dem Absatz um und verließ die Soiree.

Bärenburg, der das Feuer gelegt, war natürlich von der Brandstätte geflohen, sobald es gefangen hatte. Er unterhielt sich im Nebenzimmer mit einem ganz jungen Mädchen. Sie tauschten ihre Meinungsverschiedenheiten über Gefrorenes aus. Er schwärmte für Himbeer und Schmankerln – sie erklärte Himbeer für fad und zog Ananaseis vor.

Nichtsdestoweniger gab es den nächsten Tag zwischen den beiden Vettern eine heftige Auseinandersetzung. Bärenburg gestand sofort, er sei angeheitert gewesen, und meinte, daß man einen Menschen nicht verantwortlich machen könne für die Dummheiten, die er in diesem Zustande gesagt oder gethan haben mochte. Er lieferte auch noch außer diesem Geständnis die rührendsten Beweise einer reumütigen Gesinnung. Zum Schluß erklärte er sich bereit, dem Vetter alle mögliche Satisfaktion zu geben, außer derjenigen, sich ihm mit der Pistole in der Hand gegenüberzustellen. Denn das eine stehe fest: so wenig ihn vorläufig der Selbstmord locke, möchte er doch noch viel lieber sich selber als seinen alten Zdenko erschießen. Da es Swoyschin im Grunde ebensowenig darum zu thun war, seinem leichtsinnigen Vetter eines seiner sehr kurz geschorenen Haare zu krümmen, so löste sich die Sache in Wohlgefallen auf. Die Freundschaft zwischen [39] beiden erwärmte sich sogar noch um einige Grade, wie es sich bei Menschen, die sich gegenseitig sympathisch sind, fast immer ereignet nach einem Zank.

Zwischen Märzfeld und Swoyschin hatte sich indessen die Spannung bis zu einem für die Regimentskameraden recht unerquicklichen Grade gesteigert. Nicht nur, daß Swoyschin die Schwelle des Märzfeldschen Hauses nie mehr überschritt – selbst in dem Verkehr, der durch die Regimentsangelegenheiten geboten war, verriet sich die feindliche Stimmung der beiden. Man sah, daß es nicht mehr lange so dauern konnte. Der Zweikampf schwebte in der Luft.

Eine Person war rasend erfreut über die Wendung, welche die Dinge genommen hatten: die kleine Frau Regimentsarzt Swoboda, die so oft von dem bornierten Hochmut der schönen Märzfeld verletzt worden war. Kurz nach der prunkvollen Märzfeldschen Soiree lud sie den Obersten, Bärenburg und Swoyschin zu einem einfachen bürgerlichen Mittagessen ein.

Der Oberst und Bärenburg wunderten sich einigermaßen über den Einfall und äußerten dies gegen Swoyschin.

Dieser wurde etwas verlegen und meinte: „Ach, sie hat ein Pockerl (einen Truthahn) von Hause bekommen, und da sie und ihr Mann dies Geflügel unmöglich allein verzehren können, so fragte sie mich, ob sie sich erlauben dürfe, die Herren einzuladen. Ich [40] – verzeihen Sie, Herr Oberst – ich sagte ja. So einen armen Hascher stößt man doch nicht vor den Kopf!“

„Natürlich,“ erwiderte der Oberst, „Sie haben ganz recht gethan, Swoyschin.“ Er war sehr gutmütig, der Oberst von Stahl, und ein Gentleman vom Scheitel bis zur Zehe. Aber sehr schlau war er nicht.

Bärenburg kratzte sich ein wenig an seinem kleinen, eng am Kopf anliegenden Ohr. „Hm, Zdenko, siehst du die Swoboda so oft, daß du von ihr in ihren häuslichen Angelegenheiten zu Rate gezogen wirst?“

Swoyschin runzelte ungeduldig die Stirn. „Ich musiziere manchmal mit ihr, sie spielt wunderhübsch Klavier.“

„Ach, meine Begleitung genügt Ihnen nicht mehr, Swoyschin!“ beklagte sich gutmütig der Oberst. „Sie hatten Angst, mich zu kränken, darum beichteten Sie mir nie, wo Sie Ihre Zeit außer dem Hause verbrachten. Na, mir ist’s lieber so. Ich hatte Ihnen schon allerhand Schwerenötereien zugemutet. Die kleine Swoboda wird Ihnen nicht gefährlich werden.“

„Das glaube ich auch,“ erklärte mit etwas feierlicher Betonung Bärenburg, dabei suchte er den Blick des Obersten, ohne ihn jedoch finden zu können. Der Oberst sah gerade aus dem Fenster und ärgerte sich über ein Dragonerpferd, das vorübergeführt wurde [41] und das schlecht beschlagen war. Darüber hatte er Swoyschins milde Flirtation mit der Frau Doktorin Swoboda vollständig vergessen. Übrigens maß er der Angelegenheit wirklich keinerlei Wichtigkeit bei.

An dem bewußten Tag erschienen richtig die drei Herren bei dem Ehepaar Swoboda, um den Truthahn zu verzehren. Der Oberst verwunderte sich darüber, wie hübsch die Frau Swoboda geworden, wie nett ihre kleine Häuslichkeit eingerichtet, wie gut das Essen war. Dazu ein herzlicher Willkomm – keine Spur von dem gewissen „Wir wissen, daß Sie’s besser gewohnt sind!“-Gethue, das den Wohlgesinntesten unter den Vornehmen so häufig die Gastfreundschaft ihrer minder bemittelten Mitmenschen verleidet.

So wenig Spürsinn der Oberst auch in dieser ganzen Angelegenheit bekundet hatte, merkte er doch, daß die junge Frau nicht nur viel geschmackvoller als sonst, sondern auch in Swoyschins Lieblingsfarbe gekleidet war; er merkte auch, daß sich Zdenko gut auskannte in dem Hause, und daß die beiden Kinder, die nach dem Essen für einen Augenblick hereingebracht wurden, ihm gegenüber eine Zutraulichkeit bekundeten, die Kinder nur gegen Menschen zeigen, die sie oft sehen und von denen freundschaftlich behandelt zu werden sie gewohnt sind. Das war beunruhigend. Er fing an, Swoyschin und die Doktorin schärfer zu beobachten. Aber seine Beobachtungen trugen nichts [42] dazu bei, ihn in der plötzlich aufgekommenen Vermutung zu bestärken, daß Zdenko aus Garnisonslangeweile und faute de mieux sich in ein Verhältnis mit der armen Doktorin eingelassen habe. Der Ton, den er ihr gegenüber anschlug, war aufmunternd freundlich, das war alles. Von ungewöhnlicher Familiarität ebensowenig eine Spur als von jener betonen Zurückhaltung, mit der zwei heimlich Liebende ihr Verhältnis vor der Welt zu decken trachten. Dabei bewies Swoyschin der kleinen Frau noch immer, wie an jenem ersten Abend, da er den Lancier mit ihr getanzt hatte, die vollendetste Achtung. Nach wie vor nichts, was die Sympathieen des Obersten für den jungen Menschen hätte vermindern können. Und doch war ihm etwas bei dem Ganzen nicht recht.

Eine kleine Episode hatte besonders dazu beigetragen, ihn zu verstimmen. Nachdem die Doktorin den schwarzen Kaffee eingeschenkt hatte, zog sie sich zurück, um die Herren ungestört dem Genuß des vorzüglichen Weichselschnapses zu überlassen, den sie selber zu bereiten pflegte, und dem der russischen Cigaretten, die ihr Mann von einem nach Rußland ausgewanderten Kollegen geschenkt bekommen hatte. Ehe sie das Zimmer verließ, war der Doktor auf sie zugekommen, hatte ihre kulinarischen Leistungen gelobt und ihr einen Kuß auf die Wange geben wollen. Sie schrak zusammen, mit einer Bewegung, als ob jemand [43] ausgeholt hätte, um sie zu schlagen, und verschwand eilig.

Der Doktor machte, um die Situation zu decken, einen derben Witz über die Ziererei der Weiber, worauf er zwei Gläser Slivowic hinuntergoß und sofort unvermittelt anfing, jene starkgewürzten Anekdoten zu erzählen, für die er im ganzen Offizierscorps berühmt war und denen die Herren sonst keineswegs ihre Anerkennung versagten. Diesmal lachte keiner der drei so recht von Herzen über die auf dem Altar der Gastfreundschaft dargebrachten Zoten. Dem Obersten waren sie geradezu unangenehm.

Es war etwas faul im Staate Dänemark, das stand fest. Zum erstenmal sprang es dem Obersten in die Augen, wie schlecht die beiden Swobodas zusammenpaßten. Er wunderte sich darüber, daß ihm der Umstand nicht schon früher aufgefallen war. Auch konnte er sich’s nicht verhehlen, daß das Verhältnis zwischen den Gatten ein unerquickliches war – und doch hatte das Ehepaar Swoboda bis dahin für ein verhältnismäßig glückliches gegolten.

Ehe die Herren den Heimweg antraten, erschien die Hausfrau noch einmal, um ihnen adieu zu sagen. Swoyschin küßte ihr die Hand, und nicht nur Bärenburg, sondern auch der Oberst folgten seinem Beispiel.

„War ganz nett heute!“ begann der Oberst draußen auf der Straße.

[44] „Sehr nett,“ versicherte Bärenburg. „Gute Bewirtung und keine Flausen, – mehr kann man nicht erwarten.“

„Letzteres, der Mangel an Flausen, wunderte mich am meisten,“ bemerkte der Oberst. „Ich hatte keine Ahnung, daß die Swoboda eine so gebildete Person ist; sie hat etwas fast Vornehmes, das ich früher gar nicht an ihr bemerkt hatte.“

„Es war auch längst in ihr eingeschlafen. Die Neubelebung dieser Eigenschaft ist gewissen Einflüssen beizumessen, die ich nicht näher bezeichnen will,“ brummte Bärenburg.

„Einflüsse, die gute Eigenschaften ans Tageslicht fördern, müssen immer als lobenswert bezeichnet werden,“ versicherte der Oberst, der in der Bemerkung Bärenburgs sofort eine unfreundliche Beurteilung seines Lieblings Swoyschin witterte und dieselbe übelnahm.

Swoyschin schwieg. Bärenburg hingegen fing sofort wieder an: „Finden Sie nicht, Herr Oberst, daß die Derbheit des Mannes heute etwas unangenehm gegen die Feinheit der Frau abgestochen hat?“

„Ja, der Mann war mir heute zuwider,“ murmelte der Oberst. „Er verwildert und verbauert schrecklich.“

„Verzeihen Sie, daß ich Ihnen widerspreche, mein verehrtester Herr Oberst,“ entgegnete Bärenburg, „der Mann ist ganz genau so, wie er immer war, [45] aber die Frau ist anders geworden. Neben der Frau muß er gemein wirken – es spürt’s keiner besser als sie selbst, das ist das Unglück.“

„Vielleicht haben Sie recht,“ meinte der Oberst. Die freistreichende Winterluft, die aus dem schwarzblauen, wolkenlosen Himmel herausblickenden Sterne, ja selbst das leise Geräusch des unter seinen Füßen knirschenden festgefrorenen Schnees wirkten belebend auf sein Denk- und Urteilsvermögen. Ihm war’s zu Mute, als erwache er langsam aus einem hypnotischen Dusel.

„Ja, eigentlich haben Sie recht, Bärenburg.“

„Hm! Und unter den Umständen werden Sie den fördernden Einflüssen, welche die innere und äußere Verfeinerung der Doktorin zur Folge gehabt haben, vielleicht auch nicht mehr unbedingt Lob sprechen.“

Der Oberst stand perplex vor der neuen Auffassung der Dinge, die sich ihm aufzwang. Er blickte nach Swoyschin. Dieser war in tiefes Nachdenken versunken und schien dem Gespräch der beiden andern keine Aufmerksamkeit gewidmet zu haben.

„Ich glaube, wir stehen alle im Begriff, der armen Person den Kopf zu verdrehen,“ murmelte der Oberst.

„Wer ist schuld?“ erwiderte Bärenburg achselzuckend, mit einem Blick auf den Vetter.

Jetzt brauste Zdenko auf. „Deine Anspielungen [46] fangen an, mir herzlich zuwider zu werden,“ fuhr er den Vetter an. „Jeder Mensch, der die Verhältnisse kennt, muß Mitleid haben mit der armen Frau. Es ist wirklich nur einfach anständig, zu trachten, ihr Los ein wenig zu erleichtern. Sie hat eine ganz gute Erziehung genossen, – sie ist eine Polin und stammt von vermögenden Eltern, die plötzlich verarmt sind. Später bildete sie sich zur Pianistin aus, absolvierte das Konservatorium glänzend. Zwei Tage, ehe sie das erste Mal öffentlich spielen sollte, fühlte sie einen rasenden Schmerz in der rechten Hand. Es stellte sich heraus, daß sie sich den vierten Finger ‚verspielt‘ hatte – daß sie allenfalls noch zu ihrem Vergnügen musizieren, aber keineswegs mehr an eine künstlerische Carriere denken konnte. Die Not starrte ihr ins Gesicht, ihre sterbende Mutter redete ihr zu – und so heiratete sie den Swoboda. Mir ist einfach leid um sie – verstehst denn du das nicht? Sie ist gar so ein armer Hascher!“

„Hm,“ murmelte Bärenburg gedehnt, „und du glaubst vielleicht, daß deine Freundschaft sie reich machen wird?“




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Übersetzung: Der verhängnisvolle Mann
  2. Übersetzung: Liebe mich nicht, Unglückliche, denn meine Liebe bringt den Tod!
  3. Übersetzung:
    Arthur war auf dem Friedhof,
    Die Augen auf ein Grab fixiert,
    Seine Tränen fielen auf den Stein,
    Sein Gesicht war blass und schön.
    Er sagt: Adieu, Unglückliche,
    Da du mich liebtest, erfährst du dein Los,
    Du hast deinem Schicksal nicht entfliehen können,
    Denn meine Liebe bringt den Tod!