Vom Nordpol bis zum Aequator/Die Tundra und ihre Thierwelt

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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Die Tundra und ihre Thierwelt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, 4, S. 49–52, 71–74
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[49]
Vom Nordpol bis zum Aequator.
Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm.
1. Die Tundra und ihre Thierwelt.
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Mitternachtssonne.

Rings um den Nordpol der Erde schlingt sich ein breiter Gürtel unwirthlichelt Landes, eine Wüstenei, welche nicht die Sonne, sondern das Wasser zu dem gestempelt hat, was sie ist. Nach dem Pole zu geht diese Wüstenei allmählich in eisige Gefilde, nach Süden hin in halbverkrüppelte Waldungen über; zu Schnee- und Eisgefilden aber wird sie selbst, wenn der lange Winter in ihr einzieht, wogegen krüppelhafte Bäume nur in den tiefsten Thälern, aus den sonnigsten Gehängen den Kampf um das Dasein wagen. Dieses Gebiet ist die Tundra.

Es ist ein eintöniges Bild, welches ich zu zeichnen versuche, indem ich mich anschicke, die Tundra zu schilderen, ein Gemälde Grau in Grau, und dennoch nicht aller Schönheit bar; es ist eine Einöde, um welche es sich handelt, aber eine solche, in welcher trotzdem das monatelang schlummernde, gleichsam verbannte Leben zeitweilig in wundersamer Fülle sich regt.

unsere Sprache besitzt keinen deckenden Ausdruck für das Wort „Tundra“, weil es in unserem Vaterlande solches Gelände nicht giebt. Denn die Tundra ist weder Heide noch Moor, weder Sumpf noch Bruch, weder Geest noch Dünenland, weder Moos noch Morast, an so vielen Stellen sie auch an das eine oder andere dieser Gebiete erinnern mag. „Moossteppe“ hat man sie zu nennen versucht; der Ausdruck genügt aber nur dem, welcher den Begriff „Steppe“ im weitesten Sinne aufzufassen vermag. Meiner Ansicht nach ähnelt die Tundra am meisten jenen Mooren, welche man auf breiten Sätteln unserer Hochgebirge antrifft und meidet; sie unterscheidet sich in vielem und wesentlichen Stücken aber auch von diesen versumpften Flächen, weil ihr Gepräge in jeder Beziehung eigenartig ist. Wenn man will kann man sie in Tief- und Hochtundra eintheilen; die Unterschiede zwischen dem Lande unter und über einhundert Meter unbedingter Hohe sind in der Tundra jedoch mehr scheinbar als wirklich vorhanden.

Durch flache Wellenlinien begrenzt, liegt die Tieftundra vor dem Auge; als flache Mulden senken die Thäler sich ein, als flache Hügel erweisen sich selbst die, von fern gesehen , als Berge, ja förmliche Gebirge erscheinenden Höhen, sobald man ihrem Fuße sich genähert hat. Flachheit Gleichförmigkeit , Ausdruckslosigkeit herrscht vor; ein gewisser Wechsel der Landschaft, Abänderung einzelner ihrer Theile läßt sich jedoch eben so wenig in Abrede stellen. Tagelang die Tundra durchwandern, wird man oft gefesselt durch niedliche, selbst liebliche Kleinbilder; aber nur sehr ausnahmsweise prägt sich solches Bild der Erinnerung ein, weil bei genauer Prüfung das eine doch wiederum in allen wesentlichen Einzelheiten, durch seine Umgebung und Umrahmung, seine Umrisse und Farben anderen, früher gesehenen allzu sehr gleicht, als daß man es festhalten könnte. Ungeachtet solcher Einförmigkeit ist jedoch das Gepräge der Tundra kein einheitliches und noch viel weniger ein großartiges, und eben deßhalb erwärmt man sich nicht an diesem Gelände, gelangt man nicht zu jenem Hochgefühle, welches andere Landschaften in uns wachrufen, vielleicht nicht einmal zum Vollgenusse der wirklichen Schönheiten, welche auch dieser Einöde nicht abgesprochen werden können.

Ihren größten Schmuck erhält die Tundra vom Himmel, ihren größten Reiz durch das Wasser. Ganz rein und heiter ist der Himmel selten obwohl auch hier die monatelang ununterbrochen scheinende Sonne heiß herabbrennen, drückend herniederstrahlen kann auf die flachen Hügel und in die seichten Thäler. In der Regel blickt das Blatt des Himmelsgewölbes nur an einzelnen Stellen durch lichtweiße, locker geschichtete Wolken; diese aber verdichten sich oft zu Haufenwolken, welche allmählich ringsum, auf allen Seiten des unermeßlich scheinenden Gesichtskreises auftreten fortwährend sich ändern, verschieben, neu gestalten, entstehen und vergehen, und deren wechselvolle Beleuchtung dann das Auge so bezaubert, daß man die unter ihnen liegende Landschaft fast vergißt. Droht nach heißen Tagen Regen gewitterhafter Art, dunkelt der Himmel hier oder dort bis zum tiefsten Graublau, senken sich dunstschwere Wolken unter die lichteren nieder und strahlt die Sonne doch noch rein und glänzend zwischen ihnen hindurch, so erscheint die so öde, einförmige Landschaft zauberisch geschmückt. Denn Licht und Schatten malen jetzt Hügelrücken und Thäler, und das sonst ermüdende Einerlei ihrer Farben gewinnt Wechsel und Leben. Und wenn um die Mitte der Hochsommernacht die Sonne groß und tiefroth am Himmel steht, wenn alle Wolken von unten her purpurn gesäumt werden, wenn Bergrücken welche das leuchtende Gestirn verdecken, eine aus weithin reichende, stammende Strahlenkrone tragen, wenn ein rosiger Dusthauch sich über die braungrüne Landschaft legt, wenn, mit einem Worte, der unbeschreibliche Zauber der Mitternachtssonne die Seele umstrickt: dann wandelt sich diese Wüste in ein wunderreiches Gefilde, und wonnevoller Schauer erfaßt das Herz im Tiefinnersten.

Wechsel und Leben bringen aber auch die Kleinodien der Tundra, zahllose Seen in das Gelände. Einzeln oder gruppenweise vertheilt, neben oder über einander liegend, zu meilenweiten Wasserbecken sich ausdehnend und zu kleinen Teichen zusammenschrumpfend, erfüllen sie die Mitte jedes Kessels, schmücken sie [50] jedes Haupt-, ja fast jedes Nebenthal, beleben sie sich im allerheiternden Sonnenscheine und täuschen sie, so grau und farblos sie auch sein mögen, von der Spitze eines Hügels aus gesehen, dem Auge nicht selten die Bläue tiefer Gebirgsseen vor. Und wenn dann die Sonne auf ihren spiegelnden Wellen blitzt und flimmert, oder wenn um die Mitternachtszeit auch sie von rosigem Hauche berührt werden, treten sie als so lebendige Lichter aus dem sie umgebenden Düster hervor, daß das Auge gern ans ihnen weilen mag.

Weit großartigere, wenn auch noch immer düstere und eintönige Landschaftsbilder rollt die Hochtundra dem Blicke des Wanderers aus. Jedes wirkliche Gebirge schmückt sich auch hier mit allen Reizen der Höhe. Die Berge steigen fast immer steil empor, und die Ketten, welche sie bilden, zeigen reich bewegte Linien; das schneeige Dach, welches sie deckt, vereist überall, wo die Verhältnisse es gestatten, zu Gletschern. Wirkliche Tundra bildet sich nur da, wo das Wasser nicht raschen Abfluß findet; das ganze übrige Gelände scheint von dem der Tiefe so verschieden zu sein, daß nur die hier wie in der Höhe im Wesentlichen gleiche Pflanzendecke die Tundra verbürgt. Das unten in der Tiefe mit dicken Schichten abgestorbener Pflanzenreste übertorfte Geröll tritt hier fast überall zu Tage: endlose, aus riesigen Blöcken zusammengesetzte Halden überlagern die Gehänge und erfüllen die Thäler; Geröll bildet den Untergrund weiter, beinahe ebener Flächen, über welche der Fuß des Wanderers auch aus dem Grunde zögernd schreitet, als hier selbst dem tiefblickenden Forscher Räthsel aufgegeben werden hinsichtlich der Gewalten, welche die Blöcke über weitere Flächen mit fast unabänderlicher Gleichmäßigkeit vertheilten. Dazwischen aber sickert und gleitet, rieselt und fluthet, strömt und rauscht, braust und donnert überall das Wasser der Tiefe entgegen. Von den Gehängen herab rinnt es in tropfenden Fädchen, gesammelten Adern, murmelnden Bächlein; aus den Thoren der Gletscher hervor bricht es in milchigen Bächen; in die Wasserbecken strömt es in trüben Flüßchen; den klärenden Seen entfließt es in krystallhellen Flüssen, und wirbelnd und schäumend, zischend und tobend eilt es weiter thalabwärts, einen Sturz und Tobel an den andern reihend, bis es die Tieftundra, einen Strom oder das Meer erreicht hat. Die Sonne aber übergießt auch diese so eigenartige Gebirgswelt, so oft sie durch die Wolken bricht, mit ihren Zauberfarben, trennt und scheidet Berge und Thäler, beleuchtet jedes Schneefeld, bringt jeden Gletscher, aber auch jede Schlucht zur Geltung und Wirkung, läßt jede Spitze, jeden Grat, jede Wand deutlich hervortreten, jeden See als klares, freundlich blickendes Bergesauge strahlen, legt um die Morgen- und Abendstunden den blauen Duft der Ferne als zarten Schleier über den Hintergrund des Bildes und überfluthet um Mitternacht mit ihren tiefsten Strahlen das Ganze, bis es förmlich aufleuchtet in rosigem Lichte. Gewiß, selbst die Tundra ist nicht aller Reize bar.

An einzelnen, obschon nur sehr wenigen Stellen greift auch die Pflanzenwelt gestaltend und verschönernd ein. Fichten und Föhren blieben entweder im Süden zurück oder finden sich nur in den geschütztesten Thälern. Selbst die hier und da noch auftretenden Föhren, welche aussehen, als ob eine Riesenfaust sie am Wipfel gepackt und schraubenförmig um und um gedreht habe, können in den höheren Lagen der Tundra nicht gedeihen. Auch die Birken, welche weiter vordringen als jene, kümmern und krüppeln, daß sie greisenhaften Zwergen gleichen. Einzig und allein die Lärche behauptet hier und da das Feld und wächst zu wirklichen Bäumen empor; aber auch sie kann nicht mehr als Charakterpflanze der Tundra bezeichnet werden. Als solche stellt sich vor allen anderen die Zwergbirke dar. Sie, welche nur auf ganz besonders günstigem Boden Meterhöhe erreicht, herrscht im weitaus größten Theile der Tundra so unbedingt vor, daß die übrigen Sträuche und Sträuchlein nur zwischen sie als eingesprengt erscheinen. Sie überzieht alle Strecken, auf denen sie Wurzel fassen kann, vom Ufer des Sees oder Flusses an bis zu den Gipfeln der Berge hinauf mit einer mehr oder minder dichten Decke von so gleichmäßiger Höhe, daß weite Strecken aussehen, als ob sie oben mit einer Zcheere abgeschnitten worden wären; sie tritt nur da zurück, wo der Boden so von Wasser getränkt ist, daß er zum Bruche, Sumpfe oder Moraste wurde; sie verkümmert einzig und allein da, wo fettiger, in der Sonne leicht erhärtender Lehm oder unfruchtbarer Kies die Höhen deckt; sie ringt aber noch mit dem über alle Tiefen verbreiteten Wassermoose wie mit der alle Höhen deckenden Renthierflechte um die Herrschaft. Viele Geviertkilometer neben oder nach einander werden so dicht von ihr übersponnen, um nicht zu sagen überfilzt, daß nur das unvertilgliche Wassermoos neben, beziehentlich unter ihr sein Anrecht auf den Boden noch zu behaupten wagt, wogegen an anderen, minder feuchten Stellen Zwergbirke, Lorbeerweide und Rosmarinheide gemischte Bestände bilden. Ebenso mischen sich oft verschiedene Beerengesträuche, insbesondere Moos-, Preisel-, Rausch- und Sumpfheidelbeere, ein.

Wird der Boden, indem er unter die umgebenden Flächen sich einsenkt, sehr naß, so gelangt nach und nach das Wassermoos zur Uebermacht, verdrängt allmählich die Zwergbirke gänzlich und bildet nun große, schwellende Polster, welche in Folge der raschen Vertorfung ihrer abgestorbenen Wurzeltheile fortwährend höher werden und ebenso weiter sich ausbreiten, bis endlich das Wasser ihr ferneres Vordringen hemmt oder die Polster zu kaupenartigen Hügeln zerreißt.

Ist die Einsenkung sehr flach, so bildet das in ihr zusammengeströmte Wasser nur ausnahmsweise einen See oder Teich, meist nicht einmal einen Pfuhl, durchsickert vielmehr den Boden bis zu unbestimmter Tiefe und erschafft so einen Morast, dessen dünne, wenn auch zähe, aus den verwobenen Wurzeln des Riedgrases bestehende Decke gefahrlos nur das breithufige Ren zu beschreiten wagen darf, obgleich sie auch bei dessen Schritten wie Gallerte schwankt und zittert oder unter den Kufen des von Renthieren gezogenen Schlittens tief sich einsenkt.

Neigt sich die Einsattelung zu einer kurzen, nicht ausgehenden Mulde, fließt in ihr, und sei es noch so langsam, ein Wässerchen, so geht solcher Morast unabänderlich in Sumpf und weiter unten in Bruch über. In ersterem gelangt das Ried, in letzterem die Wollweide, eine zweite Charakterpflanze der Tundra, zu üppigem Wachsthum. Obwohl nur im günstigsten Falle Manneshöhe erreichend, bildet diese Pflanze doch Dickichte, welche im buchstäblichen Sinne des Wortes undurchdringlich sein können. Mehr noch als bei den Legföhren des Hochgebirges verschlingen sich ihre Aeste uind Wurzeln zu einem selbst dem Auge unentwirrbaren Ganzen, welches man am richtigsten einen aus allen Bestandtheilen, der Weide verwobenen Filz nennen möchte. Es hält den kräftigsten Arm zurück, welcher es bis zu Pfadbreite zur Seite drängen möchte, und bereitet dem Fuße so viele Hemmnisse, daß auch der beharrlichste Mann bald von dem Versuche, es zu durchdringen, absteht und sogar dann zurückkehrt, wenn der Boden nicht, wie gewöhnlich, Morast ist oder eine kaum unterbrochene Reihe von versumpften schlammigen Lachen, deren Ergründlichkeit man ungern Prüfen möchte, zwischen den Gebüschen sich einsenkt.

Durchreist man die Tundra, so erkennt man, daß das ganze Gebiet in ununterbrochenem Wechsel und ewig sich gleichbleibender Wiederholung die geschilderten Einzeltheile vor das Auge bringt. Einzig und allein da, wo ein großer wasserreicher Fluß die Tieftundra durchströmt, können die Verhältnisse sich ändern. Ein solcher Fluß legt zeitweilig von ihm herbeigeschleppte Sandmassen auf Bänken bloß; der fast beständig und meist heftig wehende Wind thürmt diese allmählich am Ufer zu Dünen auf, und ein der Tundra fremder Boden ist geschaffen. Auf den Dünenhügeln erwächst sogar in Sibiriens Tundren die Lärche noch zu stattlichen Bäumen und kann dann im Vereine mit Weiden- und Zwergerlengebüschen zum Schmucke der Landschaft werden. Ja, es kann sogar geschehen, daß sie in der Nähe kleiner Seen zu Gruppen zusammentritt und mit den letztgenannten Gebüschen Natur parke bildet, welche auch in reicheren und lebensvolleren Gegenden nicht unbeachtet bleiben würden, hier aber so außerordentlich wirken, daß sie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Unter dem Schutze der Lärchen siedeln sich überall da, wo letztere auf Dünen wurzeln, auch andere hochstämmige Pflanzen au: spitzblättrige Weiden, Ebereschen, Faulbaum- und Geisblattgebüsche z. B.; und ebenso entsprießen dem Sande mancherlei Blumen, welche man weit im Süden zurückgeblieben wähnte. Hier leuchtet dem überraschten Südländer die rothe Blüthenpracht des Weiderichs entgegen; hier klammert die liebliche Haiderose ihre dünnen Zweiglein dicht an die mütterliche Erde, sie mit jenen und ihren Blumen schmückend; hier lacht das freundliche Vergißmeinnicht heimathlich entgegen; hier finden Nießwurz und Schnittlauch, Baldrian und Thymian, Nelke und Glockenblume, Vogelwicke und Alpenerbse, [51] Hahnenfuß und Immortelle, Schaum-, Sperr-, Finger- und Blutkropftraut und andre mehr noch eine Heimath in der Wüste.

Es gedeihen auf solchen Stellen viel mehr Pflanzen, als man erwarten konnte, aber freilich wird man auch bescheiden in seinen Ansprüchen, wenn man tage- und wochenlang immer nur dieselbe Armuth um sich her wahrnimmt, immer nur Zwergbirken und Wollweiden, Rosmarinheide und Riedgras, Renthierflechte und Wassermoos um sich sieht, schon an verkümmerten halb im Moose versteckten, halb auf dem Boden dahinkriechenden Rausch- und Preiselbeeren sich erquickt und die Moltebeeren, welche die Moos-Polster anmuthig schmücken, als Blumen hinnehmen muß, wenn man tagelang über sie hinweg, zwischen ihnen dahin schreitet, immer auf Wechsel hoffend und immer sich täuschend. Jede bekannte Pflanze aus dem Süden erinnert an glücklichere Gegenden; man begrüßt sie wie einen lieben Freund, dessen Vorzüge man erst erkannte, nachdem man fürchten gelernt, ihn zu verlieren.

Das scheinbare Räthsel, weßhalb alle die genannten und andere Pflanzen einzig und allein dem dürren Sande der Dünen

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Eisfüchse.

entsprießen, ist gelöst, wenn man weiß, daß nur der zu Dünen gehäufte Sand von der monatelang ununterbrochen vom Himmel herabstrahlenden Sonne so durchwärmt zu werden vermag, daß jene Pflanzen überhaupt gedeihen können. In der ganzen übrigen Tundra ist dies nicht der Fall. Moor und Sumpf, Morast und Bruch, selbst die mehrere Meter tief mit Wasser erfüllten Seen bilden nur eine dünne Sommerdecke des ewigen Winters, welcher in der Tundra feine ertödtende wie erhaltende Macht offenbart. Wo man auch in die Tiefe des Bodens zu dringen suchen mag, überall stößt man, meist kaum einen Meter unter der Oberfläche der Erde, auf Eis oder doch gefrorenen Boden, und gegen hundert Meter tief soll man graben müssen, bevor man die Eisrinde der Erde durchbrochen hat. Sie ist es, welche höheren Pflanzen freudiges Gedeihen verwehrt und nur solchen zu leben gestattet, welche an der dünnen im Sommer aufthauenden Bodenschicht sich genügen lassen. Erst wenn man gräbt, erkennt man die Tundra als das, was sie ist: als einen unermeßlichen und unwandelbaren Eiskeller, welcher seit Hunderttausenden von Jahren bestand und ebenso lange Zeit bestehen wird. Daß wenigstens das Erstere nicht bestritten werden kann, beweisen uns die Reste vorweltlicher Thiere, welche in ihm eingebettet und uns so erhalten wurden.

Aus dem Eise der Tundra grub Adams im Jahre 1807 das riesige Mammuth, von dessen Fleische die Hunde der Jakuten sich gesättigt hatten, obgleich es vor vielen Jahrtausenden lebte, seit unbestimmbar langer Zeit schon aufgehört hatte, zu sein. Die eisige Tundra hatte den Leichnam des Vorweltselefanten aufgenommen und durch die Jahrhunderttausende getreulich bewahrt. Viele gleichartige und sicherlich auch andere Thiere der Vorzeit hat sie in ihrem Eise eingebettet. Auch sie ist einst im Stande gewesen, eine reichere Thierwelt zu ernähren, als sie solche gegenwärtig beherbergt. Wisent und Moschusochse durchzogen sie in allen ihren Theilen noch lange nach der Zeit des Mammuth; Riesenhirsch und Elenthier haben einst ihr angehört. Heut zu Tage ist ihre Thierwelt ebenso arm, ebenso eintönig wie ihre Pflanzenwelt, wie sie selbst. Doch gilt dies nur hinsichtlich der Arten, nicht aber der Einzelwesen. Denn auch sie ist, mindestens im Sommer, die Heimath zahlreicher Thiere.

Erst spät im Jahre bevölkert sich die Tundra in ersichtlicher Weise. Von denjenigen Thierarten, welche sie auch im Winter nicht verlassen, nimmt man um diese Zeit wenig wahr. Die aus dem Meere in ihre Flüsse aufsteigenden Fische deckt das Eis, die in ihr überwinternden Säugethiere und Vögel verbirgt der Schnee, unter welchem sie leben oder dessen Färbung sie tragen. Nicht früher, als er auf den südlichen Gehängen zu schmelzen beginnt, regt sich das thierische Leben. Zögernd nur halten die Sommergäste ihren Einzug. Dem wilden Ren folgt der Wolf, den treibenden Schollen auf den Strömen das Heer der Sommervogel. Einzelne von letzteren verweilen auch jetzt noch unentschieden in südlicher gelegenen Gegenden, gebaren sich, als ob sie brüten wollten, verschwinden plötzlich aus der Herberge am Wege, fliegen eilfertig der Tundra zu, erbauen unmittelbar nach ihrer Ankunft ihr Nest, legen ihre Eier und brüten eifrig, als wollten sie die Zeit einholen, welche ihre in südlicheren Geländen lebenden und brütenden Artgenossen ihnen voraus haben. In wenige Wochen drängt sich ihr Sommerleben zusammen. Treu innig vereint, gepaart für das ganze Leben oder doch den einen Sommer, kommen sie an; das Herz erregt durch die allmächtige Liebe, singend oder doch jubelnd schreiten sie zum Nestbau; unablässig geben sie sich ihren Elternpflichten hin, erbrüten, erziehen, unterrichten die Jungen, mausern und wandern wieder in die Fremde hinaus.

Die Anzahl der Arten, welche die Tundra als ihre Heimath ansehen müssen, ist gering, noch weit mehr aber die derjenigen, welche wir als Charakterthiere des Gebietes bezeichnen dürfen. [52] Als ein solches möchte ich zunächst den Eisfuchs angesehen wissen. Ihn beherbergt die Tundra, soweit sie sich erstreckt; ihm gewährt sie mindestens im Süden neben unserem Fuchse und anderen Arten seiner Sippschaft Unterhalt und Nahrung; er trägt auch ihre Farben: im Sommer ein Felsen-, im Winter ein Schneekleid; denn felsengrau oder graulichblau entsprießen die Haare seines überaus dichten Felles, und schneeweiß färben sie sich im Winter. Schlecht und recht nach anderer Füchse Art schlägt er sich durchs Leben, und doch ist sein Wesen und Gebahren gänzlich verschieden von dem Auftreten und Treiben unseres Reineke und seiner ihm ebenbürtigen Verwandtschaft. Ihm thut man schwerlich Unrecht, wenn man ihn als ausgeartetes Mitglied einer ausgezeichneten, ungewöhnlich veranlagten, geist- und erfindungsreichen Familie bezeichnet. Von der findigen Klugheit, berechnenden List und nie versagenden Geistesgegenwart seiner Sippschaft bethätigt er kaum die Anfänge. Plumpdreist ist sein Auftreten, zudringlich sein Wesen, unklug sein Gebaren. Als frecher Bettler, als unverschämter Strolch, nicht aber als listiger, alle Umstände wohl erwägender und alle ihm irgendwie möglichen Hilfsmittel nutzender Dieb oder Räuber tritt er auf. Unbesorgt schaut er dem Jäger in das Feuerrohr; ungewarnt durch die ihm gellende, dicht über seinem Leibe dahinsausende Kugel, folgt er seinem furchtbarsten Feinde; unbedenklich dringt er in das Innere der Birkenrindenhütte des wandernden Renthierhirten; sorgenlos naht er sich des Nachts dem im Freien schlafenden Menschen, um von diesem erbeutetes Wild zu stehlen oder sinnlos nach einem entblößten Gliede desselben zu schnappen. Mir selbst ist begegnet, daß ein Eisfuchs, nach welchem ich in der Dämmerung mehrere Male vergeblich schoß, wie ein Hund meinen Schritten folgte: mein alter Jagdfreund Erik Swenson vom Dovrefjelde mußte erfahren, daß ihm ein solcher Nachts die Wilddecke, auf welcher er ruhte, aufraß, und der alte Steller berichtet wahrheitsgetreu noch von ganz anderen Streichen des Thieres, von Streichen, welche Jedermann für unmöglich erklären würde, wären sie nicht durch übereinstimmende Beobachtungen hinlänglich verbürgt. Wohl mag ungenügende Kenntniß des in der Tundra nur spärlich auftretenden Menschen eine wesentliche Ursache des wundersamen Gebarens dieses Fuchses sein; der alleinige Grund aber ist jene Unkenntniß nicht. Denn weder der Rothfuchs noch irgend ein anderes Säugethier der Tundra benimmt sich so unklug wie jener; nicht einmal der Lemming kommt ihm in dieser Beziehung gleich.

[71] Ein absonderlicher Gesell ist auch der Lemming, gleichviel, um welche Art seiner Sippschaft es sich handeln mag. Ihn oder wenigstens seine Spuren gewahrt man überall in der Tundra. Kreuz und quer durchziehen diese, zumal die von der Zwergbirke überwucherten Stellen, schmale, in das Moos ein getretene, glatt und sauber

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Der Lemming.

gehaltene Pfädchen, oft mehrere hundert Meter weit so ziemlich eine und dieselbe Richtung verfolgend, oft nach rechts und links abschweifend und erst nach vielen Umwegen wieder zur Hauptstraße zurückkehrend. In ihnen sieht man von Zeit zu Zeit, in trockenen Sommern massenhaft, ein kleines, kurzschwänziges, hamsterähnliches Thierchen behend dahinhuschen und meist bald dem Auge entschwinden. Dies ist der Lemming, eine Wühlmaus von weniger als Ratten- aber mehr als Mausgröße und bunt aber unregelmäßig gezeichnetem, meist braunem, gelbem, grauem und schwarzem Felle. Zergliedert man das Thierchen, so bemerkt man nicht ohne Verwunderung, daß es, so zu sagen, fast ganz aus Fett und Eingeweide besteht. Seine Knochen und seine Muskeln sind fein und zart, seine Eingeweide ungeheuerlich entwickelt. Aus diesem Befund erklären sich Lebenserscheinungen, welche lange Zeit für räthselhaft gegolten haben: fast plötzliche und gleichsam unbegrenzte Vermehrung und groß artige, anscheinend geregelte Wanderungen des Thieres. Unter gewöhnlichen Verhältnissen führt der Lemming ein sehr behagliches Leben. Weder im Sommer noch im Winter leidet er an Nahrungssorgen. Allerlei Pflanzenstoffe, im Winter Moosspitzen, Flechten und Rinde, bilden seine Nahrung, Höhlungen im Sommer, ein warmes, dickwandiges, weich ausgefüttertes Nest mitten im Schnee im Winter seine Wohnung.

Zwar dräuen von allen Seiten Gefahren: denn nicht allein die behaarten und gefiederten Räuber, sondern sogar die Renthiere verschlingen Hunderte und Tausende seines Geschlechtes; dieses aber mehrt sich dem ungeachtet stetig und erheblich, bis besondere Umstände eintreten, welche binnen wenig Wochen entstandene Milliarden binnen wenig Tagen vernichten. Zeitiger als gewöhnlich erscheint ein Frühling, und trockener als üblich herrscht ein Sommer in der Tundra. Alle Jungen des ersten Wurfes eines, sämmtlicher Lemmingweibchen gedeihen, um höchstens sechs Wochen später selbst ihre Art zu vermehren. Die Eltern haben inzwischen ein zweites, drittes Geschlecht geboren, und auch dieses folgt ihrem Beispiele. Binnen drei Monaten wimmeln Höhen und Tiefen der Tundra ebenso von Lemmingen wie unter ähnlichen Umständen unsere Felder von Mäusen. Wohin man sich wendet, gewahrt man die geschäftigen Thiere; Dutzende von ihnen erfaßt man mit einem einzigen Blicke, Tausenden begegnet man im Laufe einer Stunde. Auf allen Pfädchen und Wegen rennen sie dahin; in die Enge getrieben, setzen sie sich, belfernd, die Zähne wetzend, selbst dem Menschen gegenüber zur Wehre, gerade, als ob ihre unendliche Anzahl jedem einzelnen trotzigen Uebermuth verliehen habe. Aber die unendliche, noch immer sich steigernde Menge wird ihnen zum Verderben. Ihrem gefräßigen Zahne bietet die arme Tundra bald nicht genügende Beschäftigung mehr Hungersnoth nähert sich, tritt vielleicht wirklich ein. Da rotten sich die geängstigten Thiere und beginnen zu wandern. Zu Hunderten schaaren sich andere Hunderte, Tausenden gesellen sich andere Tausende: die Trupps wachsen zu Haufen, die Haufen zu Heeren an.

In bestimmter Richtung ziehen diese dahin, erst wohl ihren früher ausgetretenen Pfädchen folgend, später neue bahnend; in unabsehbaren, jeder Schätzung spottenden Reihen eilen sie weiter, über die Felsen stürzen sie sich hinab, in die Gewässer hinein, Tausende erliegen dem Mangel, dem Hunger; über ihre Leichen hinweg strömt das Heer der Nachzügler, Hunderte, Tausende ertrinken in den Gewässern, zerschellen am Fuße der Felsen, die übrigen stürmen über sie hin weg; andere Hunderte und Tausende finden in dem Magen der ihnen folgenden Eis- und Rothfüchse, Wölfe und Vielfraße, Rauchfußbussarde und Raben, Eulen und Raubmöven ihr Grab; die übrigen lassen sich nicht beirren. Wohin diese wandern, wie sie enden, vermag Niemand zu sagen; wohl aber weiß man, daß hinter ihnen die Tundra wie ausgestorben erscheint, daß oft eine Reihe von Jahren vergeht, bevor die wenigen, welche zurückblieben und auch fernerhin gediehen, langsam sich vermehrend, wiederum ersichtlich ihr heimathliches Gefilde bevölkern.

Ein drittes Charakterthier der Tundra ist das Ren. Wer diesen an und für sich unschönen Hirsch nur in gefangenem Zustande, dem der Sklaverei, zu scheu bekam, vermag sich allerdings keinen Begriff zu machen von dem, was er ist in seiner Freiheit. Hier lernt man es schätzen, hier in der Tundra, als ein Glied seiner Familie, welches diese nicht schändet, erkennen und würdigen. Der Tundra gehört das Ren an mit Leib und Seele, Ueber die oft unabsehbaren Gletscher wie über die schlotternde Decke der ungründlichen Moräste, über die Geröllhalden wie über die verfilzten Wipfel der Zwergbirken oder doch die Moospolster hinweg, über die Flüsse, die Seen trägt oder rudert es sein breithufiger, schaufelartiger, in ungewöhnlicher Weise beweglicher, bei jedem Schritte knisternder Fuß; im tiefsten Schnee schaufelt derselbe ihm Nahrung bloß. Gegen die grimmige Kälte der langen Nordlandnacht schützen es sein dichtes, den Pfeilen des Winters undurchdringliches Fell, gegen die Leiden des Hungers seine Wahllosigkeit hinsichtlich der Nahrung, welche es genießt, gegen den Wolf, welcher ununterbrochen an seinen Fersen hängt, bis zu einem gewissen Grade wenigstens Sinnesschärfe und Wachsamkeit, Schnelligkeit und Ausdauer. Den Sommer verlebt es in den [72] reinen Höhen der Hochtundra, da wo auf den Halden in unmittelbarer Nähe der Gletscher dem von der Renthierflechte oft auf weithin übersponnenen Boden auch saftige, leckere Alpenpflanzen entsprießen; im Winter zieht es in der Tieftundra von einem Hügelabzuge zum anderen, die vom Winde bloßgelegten, schneearmen Stellen aufsuchend. Kurz vorher hat es mit dem vereckten Geweih seine volle Kraft erlangt, ist im Vollgefühl derselben auf die Brunft getreten und hat mit gleichstarken und gleichgesinnten Nebenbuhlern gekämpft auf Tod und Leben, gekämpft, daß vom Schalle der gegen einander gestoßenen Geweihe die stille Tundra wiederhallte; jetzt zieht es, ermattet vom Kampf und Liebesrausch, mit anderen seiner Art friedlich gesellt und zu starken Rudeln vereinigt, durch sein Gebiet, um den Kampf mit dem Winter zu bestehen. Wohl steht das Ren an Schönheit und Adel weit hinter dem Hirsche zurück; wer es aber, unbedrängt durch Sklavenfesseln, in starken geschlossenen Rudeln, die Hochberge schmückend, vom blauen Himmel oder der weißen Schneedecke wirkungsvoll abstechend, in der heimathlichen Tundra sieht, bekennt gern, daß es ebenfalls zu den stolzen Wildarten zählt und ein Weidmannsherz schneller schlagen lassen kann, als dasselbe jemals vermuthen konnte.

Für die Tundra bezeichnende Erscheinungen bietet aber auch die Klasse der Vögel. Wer die nordische Wüste durchzogen hat, ist wenigstens einem von ihnen begegnet: dem Schneehuhn.

„Im Sommer bunt vom Kopf zur Zeh’,
Im Winter weißer als der Schnee.“

Es ist nicht das Schneehuhn unserer Hochgebirge, welches ich meine, sondern das neben ihm, dem auch hier auf den Gletschergürtel beschränkten Gebirgsvogel vorkommende, aber ungleich häufigere Moorhuhn. Wo die Zwergbirke gedeiht, ist es zu finden und immer, namentlich aber wenn die Nachtruhe eintritt in der Tundra, ob auch die Sonne vom Himmel strahle, läßt es sich sehen. Niemals verläßt es seine Heimath gänzlich, höchstens aus der Hochtundra, aber nur bis in die Tiefe hinab, drängt es der Winter. Munter und regsam, keck und selbstbewußt, eifersüchtig und streitlustig dem Nebenbuhler, zärtlich und hingebend der Gattin, den Kindern gegenüber tritt es auf. Sein Leben ähnelt dem unseres Rebhuhnes; sein Wesen und Gebühren übt jedoch ungleich höheren Reiz. Es verkörpert das Leben in der Oede. Sein herausfordernder Ruf durchhallt die stille Sommernacht, seine Ketten beleben die von fast allen übrigen Vögeln gemiedene winterliche Tundra, sein Erscheinen erfreut und entzückt den Forscher wie den Weidmann.

Während des Sommers gesellt sich ihm fast aller Orten der Goldregenpfeifer. Auch er muß als getreues Kind der Tundra bezeichnet werden. Wie der behende Läufer zur Wüste, wie das Flughuhn zur Steppe, das Steinhuhn zum Hochgebirge, die Lerche zum Getreidefelde, gehört er zur Tundra. Sein Kleid trägt, so bunt es auch erscheinen mag, der Tundra Farben; sein schwermüthiger Ruf ist der geeignetste Stimmlaut dieser Einöde. So gern man ihn bei uns zu Lande sieht, so wenig freundlich begrüßt man ihn in der Tundra. Sein Ruf, welchen man bei Tage wie bei Nacht vernimmt, stimmt traurig wie sie.

Weit lieber lauscht man den Stimmlauten eines anderen Sommergastes des Gebietes. Nicht die zarten Weisen des Blaukehlchens, welches gerade hier zu den häufigsten Brutvögeln zählt und mit Recht der „hundertzüngige Sänger“ genannt wird, nicht die schallenden Lieder der bis zur Tundra vordringenden Wachholderdrossel, nicht die kurzen Gesänge des Schnee- oder Sporenammers, nicht die gellenden Schreie des Wanderfalken oder Rauchfußbussards, nicht das jauchzende Bellen des Seeadlers oder das ähnliche Geschrei der Schneeeule, nicht der schmetternde Trompetenlaut des Singschwanes oder der klagende Hornton der Eisente sind es, welche ich meine, sondern der Paarungs- und Liebesruf des einen oder anderen Seetauchers: eine wilde, ungeregelte, und gleichsam zügellose, aber dennoch klang- und tonreiche, hallende und schallende Nordlandsmelodie, vergleichbar dem tönenden Brausen der Brandung, dem donnernden Rauschen der zur Tiefe stürzenden Wasserfälle. Wo immer ein fischreicher See sich breitet und in ihm ein heimliches Plätzchen im Riede, dicht genug, um ein schwimmendes Nest zu verstecken, gefunden werden mag, wird man ihnen begegnen, diesen Kindern der Tundra und des Meeres, diesen ernstfröhlichen Fischern der stillen Süßgewässer und furchtlosen Tauchern der Meere des Nordens. Von letzteren kamen sie herein in die Tundra, um zu brüten, und zu den Meeren führen sie ihre Jungen, sobald diese im Stande sind, das Meer zu beherrschen wie sie. So weit die Tundra sich erstreckt, folgen sie deren Gewässern; lieber noch aber als die weiten Binnenseen sind ihnen die kleinen Teiche auf den Küstenbergen der Tundra, von denen aus sie alltäglich unter wildjauchzendem Meeresgesange hinabstürzen können in die wogende, ihnen Nahrung spendende heimische See.

Dem Meere entstammen auch noch andere Charaktervögel der Tundra. Mit wahrem Wohlgefallen folgt das Auge allen Bewegungen der Schmarotzermöwe, mit Entzücken denen des Wassertreters. Beide brüten ebenfalls in der Tundra: die eine auf freien moosigen Mooren, der andere am Uferrande der heimlichsten zwischen der Wollweide verborgenen Teichen und Lachen. Wenn man andere Möwen als die „Raben des Meeres“ bezeichnen will, darf man die Schmarotzermöwen „Falken der See“ benennen. Mit Fug und Recht führen sie die Namen „Raub- und Schmarotzermöwen“; denn als tüchtige Räuber treten sie auf, wenn sie nicht schmarotzen können, und zu Schmarotzern werden sie, wenn eigene Jagd ihnen keine Beute bringt. Falkengleich durchfliegen sie im Sommer die Tundra, im Winter die Küstengebiete der nordischen Meere; rittelnd stellen sie sich über dem Boden wie über dem Wasser auf, um Beute aufzufinden, gewandt und zierlich stoßen sie herab, um sie aufzunehmen, und behend und sicher packen sie das ins Auge gefaßte Opfer: aber diese so tüchtigen Räuber nehmen keinen Anstand, unter Umständen frech zu betteln. Wehe der Möwe, dem Seevogel überhaupt, welcher angesichts einer Schmarotzermöwe Beute erhob! Pfeilschnell jagt diese unter bettelnden Rufen hinter dem glücklichen Räuber einher, wie spielend umgaukelt sie ihn von allen Seiten, listig vereitelt sie versuchte Flucht, muthig bekämpft sie jede Abwehr, und unermüdlich, unablässig quält und peinigt sie ihn, bis er die gewonnene Beute ihr zuwirft, sollte er eine solche auch wiederum aus seinem Schlunde hervorwürgen müssen. Ihr Wesen und Treiben, ihre Gewandtheit und Behendigkeit, Kühnheit und Dreistigkeit, unermüdliche Wachsamkeit und unabwendbare Zudringlichkeit fesseln ungemein; selbst ihre Bettelei will Entschuldigung finden: so anmuthend ist ihr Auftreten, und doch ist der Wassertreter noch anziehender als sie. Er ist ein Strandvogel, welcher die Eigenschaften seiner Ordnung und die der Schwimmvögel in sich vereinigt und theils auf dem Lande, theils im Wasser, selbst im Meere lebt. Leicht und gefällig, an Zierlichkeit der Bewegung jeden anderen Schwimmvogel übertreffend, schwimmt er über die Wellen; eilfertig und hurtig läuft er längs des Ufers dahin; mit der Schnelligkeit einer Sumpfschnepfe streicht er im Zickzackfluge durch die Luft. Vertrauensvoll und harmlos läßt er sich in nächster Nähe beobachten; ängstlich besorgt um seine Brut, verräth er meist selbst sein Nest mit den vier birnförmigen Eiern, so sorgsam er dieses auch am Uferrande zu verstecken pflegt. Vielleicht darf man ihn die anmuthigste Erscheinung unter allen Vögeln der Tundra nennen.

Bezeichnend für die Tundra sind ferner die Raubvögel, bezeichnend mindestens die Art und Weise, wie sie hier leben. Denn nur am südlichsten Rande des Gebietes oder oben in der Hochtundra finden sie Bäume oder Felsen, auf denen sie ihren Horst errichten können, müssen sich daher wohl oder übel entschließen, auf dem Boden zu brüten. Zwischen dem rankenden Geäst der Zwergbirken steht der Horst der Sumpfeule, auf den Kronen selbst der des Rauchfußbussards; auf dem nackten Boden liegen die Eier der Schneeeule wie des Wanderfalken, nur daß letzterer so viel als möglich wenigstens den Rand einer Schlucht zum Nistplatze wählt, fast, als wolle er sich selbst täuschen, indem er vergeblich strebt, die ihm fehlende Höhe zu ersetzen. Daß ihm und ihnen allen die Unsicherheit des Horststandes wohl bewußt ist, beweisen sie durch ihr Gebühren angesichts eines der Brut nahenden Menschen. Von fern schon wird der Wanderer mit Mißtrauen beobachtet und mit lautem Geschrei begrüßt; je näher er kommt, desto mehr steigert sich die Angst der besorgten Eltern. Bisher kreisten sie in doppelter Schußweite über dem so selten sich zeigenden, gefährlichen Feinde; jetzt aber stoßen sie muthig auf ihn hernieder, fliegen so dicht an dem Haupte desselben vorüber, daß man das scharfe Sausen ihrer Schwingen deutlich vernimmt, zuweilen sogar fürchten muß, thatsächlich [73] angegriffen zu werden. Die Jungen aber, schon von Weitem als weiße Ballen ersichtlich, ducken sich ängstlich nieder und verharren bei Annäherung des, wenn nicht erkannten, so doch geahnten Feindes so regungslos in der gewählten oder sonstwie vielleicht durch Umfallen angenommenen Stellung, daß man sie zeichnen kann, ohne fürchten zu müssen, sie würden durch eine einzige Bewegung stören: – ein reizendes Bild!

Manche Thiere noch könnte ich aufzählen, erschienen sie mir nothwendig zur Kennzeichnung der Tundra. Bezeichnend für letztere ist aber vor Allem eines: die Mücke. Wer sie als das bedeutsamste aller Lebewesen der Tundra bezeichnet, dürfte kaum des Irrthums geziehen werden können. Sie ermöglicht nicht wenigen höheren Thieren, insbesondere Vögeln und Fischen, zu leben; sie zwingt andere, wie den Menschen, zeitweilig zu wandern; sie ist die alleinige Ursache, daß die Tundra im Sommer für gesittete Menschen unbewohnbar wird. Ihr Auftreten übersteigt alle Begriffe, ihre Macht besiegt Mensch und Thier; die durch sie verursachte Qual spottet jeder Beschreibung.

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Die Stechmücke und ihre Verwandlung.
Originalzeichnung von Emil Schmidt.
a Larve. b Puppen. c Ausschlüpfende Mücke. d Eierlegendes Weibchen. e Männchen.

Es ist bekannt, daß die Eier aller Stechmücken in das Wasser gelegt werden, und daß die binnen wenigen Tagen jenen entkriechenden Larven bis zu ihrer Verwandlung im Wasser leben. Hieraus erklärt sich, daß die Tundra mehr als jedes andere Gebiet ihre Entwickelung, ihr massenhaftes Auftreten begünstigt. Sobald die wiederum aufsteigende Sonne Schnee, Eis und die oberste Kruste der Erde ab- und aufgethaut hat, regt sich das im Winter wohl gebundene, nicht aber vernichtete Leben der Mücken. Den im vereisten Schlamme bewahrten, nicht aber zerstörten Eiern entschlüpfen Larven; sie wandeln sich binnen wenigen Tagen zu Puppen, die Puppen zu geflügelten Kerfen, und Geschlechter folgen in kürzesten Fristen Geschlechtern. Noch vor der Hochsommerwende beginnt, und bis zur Mitte des August währt die Schwarmzeit der fürchterlichen Thiere. Während dieser ganzen Zeit sind sie zur Stelle, vorhanden in der Höhe wie in der Tiefe, auf den Bergen oder Hügeln wie in den Thälern, zwischen dem Zwergbirken- oder Wollweidengestrüpp wie an den Ufern der Flüsse oder Seen. Jeder Grasstengel, jeder Mooshalm, jeder Zweig, jeder Ast, jedes Blättchen entsendet zu jeder Tageszeit Hunderte, Tausende von ihnen. Die Stechmücken oder Musquitos der Gleicheländer, der Urwaldungen und Sümpfe Südamerikas, Mittelafrikas, Indiens, der Sunda-Inseln, gefürchtet von allen Reisenden, aber nicht schlimmer als unsere Thiere, schwärmen nur bei Nacht: die Mücken der Tundra fliegen zehn Wochen lang und sechs Wochen hindurch thatsächlich so gut als ununterbrochen. Sie bilden Schwärme, welche aussehen wie dichter schwärzlicher Rauch; sie hüllen jedes Geschöpf, welches sich in ihr Bereich wagt, in Nebel ein; sie erfüllen die Luft in solcher Menge, daß man kaum zu athmen wagt; sie vereiteln jede Anstrengung, sie zu vertreiben; sie wandeln den thatkräftigsten Mann zum willenlosen Schwächling, den Grimm desselben zur Furcht, den ihnen geltenden Fluch zur stöhnenden Klage.

Sobald man die Tundra betritt, tönt einem ihr Summen entgegen, vergleichbar bald dem Singen des Theekessels, bald wiederum dem Klingen eines schwingenden Metallstäbchens, und wenige Augenblicke später ist man umringt von Tausenden und Abertausenden. Ein von ihnen gebildeter oder aus ihnen bestehender Strahlenkranz umschwärmt Haupt und Schultern, Leib und Glieder, folgt, so schnell man sich auch bewege, und ist durch kein Mittel zu vertreiben. Bleibt man stehen, so verdichtet er sich; geht man fürder, so zieht er sich in die Länge; läuft man, so schnell man vermag, so dehnt er sich zu einer langen Schleppe aus, ohne jedoch Zurückzubleiben. Weht ein mäßiger Wind entgegen, so beschleunigt er seinen Flug, um die Luftströmung zu überwinden; verstärkt sich der Wind, so strengen sich alle Glieder solches Schwarmes aufs äußerste an, um ihr Blutopfer ja nicht zu verlieren, und prallen dann wie prickelnde Hagelkörner an Haupt und Nacken. Ehe man noch ahnt, ist man bedeckt vom Wirbel bis zur Sohle, bedeckt mit Mücken. In dichtem Gedränge, graue Kleider schwärzend, dunkle in eigenartiger Weise steckend, setzen sie sich fest, laufen langsam auf ihnen hin und wider und suchen nach einer nicht überwachten Stelle, um Blut zu saugen. Zu dem unbeschützten Gesichte, dem Halse und Nacken, den bloßen Händen oder nur überstrumpften Füßen sind sie lautlos gekrochen, ohne daß man es fühlte, und einen Augenblick später senken sie langsam ihren Stachel in die Tiefe der Haut und flößen den brennenden Gifttropfen in die Wunde. Ergrimmt schlägt man den Blutsauger zu Brei; aber während die strafende Hand sich bewegt, sitzen bereits drei, vier, zehn andere Mücken auf ihr, im Gesichte, im Nacken, an den Füßen, um ebenso zu thun, wie die erschlagenen thaten. Denn wenn einmal Blut geflossen, wenn auf einer und derselben Stelle bereits mehrere Mücken ihren Tod gefunden, suchen alle übrigen gerade diese Stelle mit Vorliebe auf, und ob das Blachfeld nach und nach mit Tausenden von Leichnamen sich decke. Besonders beliebte Angriffsstellen sind die Schläfen, die Stirn dicht unter dem Hutrande, der Nacken und die Handbeuge, überhaupt solche Stellen, auf denen sie gegen Abwehr möglichst geschützt sind.

Gewinnt man es über sich, sie bei ihrer Blutarbeit zu beobachten, also nicht zu vertreiben noch zu stören, so bemerkt man zunächst, daß man weder ihr Aufsitzen noch ihre Bewegungen zu fühlen vermag. Unmittelbar nachdem sie sich gesetzt haben, beginnen sie ihre Arbeit. Gemächlich laufen sie auf der Haut dahin, sorgfältig tasten sie mit ihrem Rüssel; plötzlich hatten sie still, und mit überraschender Leichtigkeit durchbohren sie die Haut. Während sie saugen, heben sie wohlgefällig, förmlich wollüstig, ein oder das andere Hinterbein und bewegen es langsam hin und her, um so entschiedener, je mehr ihr glasheller Leib mit Blut sich füllt. Sobald sie einmal Blut gekostet haben, achten sie auf nichts weiter, scheinen es auch kaum zu empfinden, wenn man sie belästigt oder quält. Zieht man mit Hilfe einer kleinen Greifzange den Rüssel aus der Wunde, so tasten sie einen Augenblick lang und bohren ihn an der alten oder an einer zweiten Stelle wieder ein; schneidet man den Rüssel rasch mit einer scharfen Schere ab, so bleiben sie in der Regel auch jetzt noch sitzen, als ob sie sich besinnen müßten, lassen hierauf die vorderen Beine tastend über den Rüsselstummel gleiten und bedürfen längerer Untersuchungen, um sich zu vergewissern, daß das Glied nicht mehr vorhanden ist; schneidet man ihnen jählings ein Hinterbein ab, so saugen sie fort, als ob nichts geschehen wäre, bewegen auch noch den Stummel; trägt man ihnen den blutgefüllten Hinterleib zur Hälfte ab, so verfahren sie wie Münchhausen’s Pferd am Brunnen, ziehen endlich aber doch den Rüssel aus der Wunde, fliegen taumelnd davon und verenden binnen wenigen Minuten.

[74] Sorgfältige Beobachtung ihres Thuns und Treibens stellt als unzweifelhaft fest, daß sie beim Auffinden ihres Opfers weniger durch das Gesicht als durch den Geruch, richtiger vielleicht einen Sinn, welcher Geruch und Empfindung in sich vereinigt, geleitet und geführt werden. Mit Bestimmtheit kann man wahrnehmen, daß sie bei Annäherung eines Menschen bis auf fünf Meter von ihren Ruhesitzen sich erheben und sodann, ohne zu zaudern oder zu irren, auf das Blutopfer zufliegen. Geht man über eine kahle Sandbank, welche von ihnen frei zu sein pflegt, so kann man beobachten, wie sie sich um ihr Opfer sammeln.

Anscheinend halb vom Winde getragen, halb mit eigener Kraft sich bewegend, jedenfalls ziellos wandernd, schweben auch über solchem Gnadenorte beständig einige von ihnen dahin und einzelne gelangen so in die Nähe des Beobachters. In demselben Augenblicke endet ihre scheinbare Unthätigkeit. Jählings ändern sie die Richtung ihres Fluges, und gradenwegs fliegen sie auf den glücklich erkundeten Gegenstand ihres Sehnens zu. Eine gesellt sich zur andern, und ehe fünf Minuten vergehen, umgiebt wiederum ein Strahlenkranz den Märtyrer. Minder leicht finden sie sich in verschiedenen Luftschichten zurecht. Als ich, auf hoch gelegener Düne beobachtend, längere Zeit von Tausenden verfolgt und gequält worden war, zog ich den mich einhüllenden Schwarm allmählich bis zu dem Rande des steilen Abhanges der Düne, ließ ihn hier sich verdichten und sprang plötzlich in die Tiefe hinab. Mit innigster Befriedigung erfuhr ich, daß ich meine Quälgeister wenigstens zum größten Theile abgeschüttelt hatte. Oben auf der Höhe der Düne schwärmten sie, gleichsam verdutzt, durch einander, über der Stelle, von welcher ich herabgesprungen, noch längere Zeit eine dichte Wolke bildend. Einige hundert waren mir jedoch auch in die Tiefe gefolgt.

Wenn der Naturforscher auch weiß, daß nur die weiblichen Mücken Blut saugen und daß diese ihre Thätigkeit unzweifelhaft mit der Fortpflanzung zusammenhängt, wahrscheinlich die Reife der befruchteten Eier bedingt, überwältigt die durch die Dämonen der Tundra verursachte Qual schließlich doch auch ihn, und wäre er der gleichmüthigste Weltweise unter der Sonne. Es ist nicht der Schmerz, welchen die Stiche und mehr noch die ihnen folgenden Beulen mit sich bringen, sondern die fortwährende Belästigung, das ewig sich wiederholende Ungemach, wodurch und worunter man leidet. Man erträgt den Schmerz, welchen die Stiche der Mücken bereiten, vielleicht ohne zu klagen, selbst im Anfange der Plage, erträgt ihn noch leichter später, wenn die Haut gegen das ihr fort und fort eingeträufelte Gift allmählich abgestumpft wird; man ist daher auch im Stande, geraume Zeit Widerstand zu leisten: aber man muß zuletzt doch eingestehen, daß man besiegt und geschlagen wurde durch die entsetzlichen Quälgeister der Tundra. Und so lähmen ihre an Zahl unschätzbaren, allgegenwärtigen, jederzeit kampfbereiten Heere allgemach jeden Widerstand. Ununterbrochen durch sie belästigt, in jeder Handlung gehemmt, in jedem Genüsse behindert, von jedem Gedanken abgelenkt, ermattet man nicht allein leiblich, sondern erschlafft endlich auch geistig. Der Fuß will dann nach kurzem Wege seinen Dienst versagen, der Geist keinen Eindruck in sich aufnehmen; die Tundra wird zur Hölle und ihre Plage zu namenloser Qual. Nicht der Winter und seine Stürme, nicht das Eis und seine Kälte, nicht die Armuth, nicht die Unwirthlichkeit, sondern die Mücken sind der Fluch der Tundra!

Während ihrer Schwarmzeit fliegen die Mücken fast ununterbrochen, bei Sonnenschein und ruhigem Wetter mit ersichtlichem Behagen, bei mäßigem Winde noch sehr vergnüglich, bei geringer Wärme noch recht munter, vor drohendem Regen am ausgelassensten, bei kühler Witterung kaum, bei kaltem Wetter gar nicht mehr. Auch heftiger Sturm bannt sie in Gebüsche und Moos; sobald er aber nachläßt, sind sie wiederum rege und thätig und auf allen unter dem Winde liegenden Stellen, selbst im Toben des Sturmes, angriffbereit. Eine Reifnacht fügt ihnen zwar merklichen Abbruch zu, räumt sie jedoch nicht aus dem Wege; naßkalte Tage vermindern ihre Heere, darauf folgende Wärme stellt neu entpuppte Scharen ins Feld. Erst die Herbstnebel bringen sie für das eine Jahr zur Ruhe.

Ebenso langsam, als der Frühling eingezogen, ebenso rasch kommt der Herbst über die Tundra. Eine einzige kalte Nacht endet, meist schon im August, spätestens im September, ihr sommerliches Leben. Die Beeren, welche noch in der Mitte des August kaum hoffen lassen, daß sie zur Reife gelangen werden, sind zu Ende des Monats so saftig und süß geworden, als dies überhaupt möglich; einige naßkalte Nächte, welche die Berge bereits, mit leichter Schneedecke belegen, beschleunigen ihre Reife mehr als die Sonne, welche schon jetzt tagelang in Wolken sich hüllt. Die Blätter der Zwergbirke färben ihre Oberseite blaß und dennoch leuchtend lackroth, ihre Unterseite lebhaft gelb; alle übrigen Sträucher und Sträuchlein erleiden eine ähnliche Verwandlung: und das düstere Braungrün der Tundra geht über in ein so lebhaftes Braunroth, daß selbst die gelbgrüne Renthierflechte nicht mehr zur Geltung kommt. Südwärts oder dem Meere zu fliegen die beschwingten Sommergäste, flußabwärts schwimmen die Fische der Tundra. Von den Bergen herab wandert das Ren, in seinem Gefolge der Wolf, zur Tiefe; zu den Bergen hinauf fliegt das jetzt zu Flügen von Tausenden gescharte Moorhuhn, um hier so lange zu weilen, bis der Winter es wieder in die Tieftundra hinabdrückt.

Noch wenige Tage, und dieser Winter, von uns wie von den Wandervögeln gefürchtet, von den menschlichen Bewohnern der Tundra herbeigesehnt, zieht ein in das unwirthliche Land, um länger, viel länger als Frühling, Sommer und Herbst im Verein in ihm seine Herrschaft zu behaupten. Tage- und wochenlang nach einander fällt Schnee vom Himmel hernieder, bald leise rieselnd, in scharfeckigen Krystallen, bald vom rasendsten Sturme gepeitscht in großen Flocken. Berge und Thäler, Flüsse und Seen verhüllen sich allmählich mit dem einen und einzigen Winterkleide. Noch blitzt dann und wann um die Mittagszeit ein kurzer Sonnenblick auf der schneeigen Fläche wieder; bald aber kündet selbst bei klarem Wetter höchstens ein bleicher Schein im Süden, daß diesem der sonnige Tag bereits zur Hälfte vergangen. Die lange Winternacht ist angebrochen. Monate nach einander flimmert nur der schwache Widerschein der Sterne auf der Schneedecke wieder, giebt einzig und allein der Mond noch Kunde von dem allbelebenden Gestirn unseres Weltenringes. Wenn aber die Sonne der Tundra gänzlich entschwunden, geht ihr leuchtend und strahlend eine andere auf: hoch oben im Norden flimmert und knistert „Sornidud“, das Gottesfeuer, das flammende Nordlicht!

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Nordlicht in der Tundra.