Vor dem Hause und in dem Hause

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Titel: Vor dem Hause und in dem Hause
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 150-152
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[150]
Aus den Erinnerungen eines Gefängnißinspectors.
2. Vor dem Hause und in dem Hause.

Die Zuführung eines Gefangenen durch Polizei-Beamte, wenn dies namentlich zu einer Zeit geschieht, zu welcher die Straßen ungewöhnlich belebt sind, erregt stets ein gewisses Aufsehen und bringt regelmäßig eine Anzahl Menschen bis vor die Thür des Gefangnenhauses. Ist der Gefangene in das Haus eingetreten, die Thür hinter ihm geschlossen, mithin von dem Unglücklichen nichts mehr zu sehen, so ist die Aufgabe der freiwilligen Begleiter erfüllt, sie gehen meist in Gruppen auseinander und im Fortgehen unterhalten sie sich von der Vergangenheit des Eingeschlossenen.

Es ist das genau ebenso wie bei dem Hinaustragen eines Verstorbenen auf den Friedhof. Das Einsenken des Sarges in die Gruft und die ersten Schaufeln Erde, welche auf denselben hinabpoltern, treiben gleichmäßig Leidtragende und müßige Zuschauer von der Gruft hinweg. Der Verstorbene mag Gatten und Kinder, Eltern und Geschwister und liebe, theuere Freunde hinterlassen haben, sie Alle gehen fort, sie warten nicht einmal so lange, bis die Gruft vollständig geschlossen ist, sie nehmen ebenfalls nur das Andenken an die Vergangenheit mit hinweg.

In der Regel ist die Einschließung in das Gefangnenhaus auch wirklich nichts anderes, als ein Zu-Grabe-Tragen: die unmittelbare Folge davon ist der bürgerliche Tod, von welchem die Freisprechung durch den Gerichtshof nicht allein wieder auferwecken kann.

Aus einer langjährigen Amtirung ist mir nur ein Fall erinnerlich, in welchem nach der Einschließung des Gefangenen noch ein Begleiter zurückgeblieben war, und zwar unter Umständen, welche diesen Ausnahmefall noch besonders interessant machen dürften.

Ein Fälscher wurde mir an einem Wochenmarkttage kurz nach elf Uhr durch zwei Polizei-Beamte eingeliefert. Die Begleitung, hauptsächlich in Kindern und Frauen bestehend, war massenhaft und erzeugte in der allerdings nicht sehr breiten Straße, welche zu dem Gefangnenhause führte, ein arges Gedränge. Ich schloß daraus auf die Einlieferung eines nicht gewöhnlichen Verbrechers und wurde in dieser Annahme noch mehr dadurch bestärkt, daß die Hände des Gefangenen gefesselt waren, weil dies in der Regel nur dann geschah, wenn Widerstand geleistet oder die Flucht versucht worden war.

In dem Moment, in welchem ich die Thür geöffnet hatte und der Gefangene im Begriff war, in das Haus einzutreten, hörte ich draußen, aus der Menge heraus, ein lautes Aufschreien. Dies Schreien war ganz eigenthümlich, es drückte eine unendliche Fülle von Schmerz aus und mußte aus der tiefsten Tiefe des Herzens kommen, denn es drang durch Mark und Bein. Auch der Gefangene hatte es vernommen, er zeigte sich unmittelbar darauf in unbeschreiblicher Weise erschüttert. Der Fuß, welcher bereits hochgehoben war und über die Schwelle hinweg in das Haus hineinreichte, wurde hastig zurückgezogen, der Kopf, bis dahin tief gesenkt, wendete sich zurück, nach dem Orte hin, woher der Schrei gekommen war, und die gefesselten Hände fuhren in die Höhe und zuckten und zerrten mit krankhafter Gewalt an der Fessel, als ob sie dieselbe mit einem Ruck zerreißen wollten. Die Anstrengnugen waren jedoch nutzlos, die Fessel hielt den Druck aus, sie zerriß nicht, sie vermehrte nur die Schmerzen, indem sie sich fester um die Gelenke der beiden Hände zusammenzog. Der Schmerz mußte heftig sein, denn der Gefangene biß die Zähne fest zusammen, die Hände fielen auch gleichzeitig schlaff herab und der Kopf nicht eben sanft gegen die Thür, wo er lehnen blieb. Kaum war diese Stellung eingenommen, so stürzte aus dem Menschenknäuel heraus ein etwa zwölfjähriger Knabe, welcher unter dem einen Arme eine große Schiefertafel, eine Bibel und einige andere Bücher trug und in der anderen Hand seine Mütze hielt. Der kleine Kerl mußte schnell gelaufen sein, er keuchte und stieß ununterbrochen unarticulirte, unverständliche Laute aus. Vor der Thür schrie er aber zwei Mal ganz vernehmlich: „Vater! Vater!“ Dann stürzte er zu den Füßen des Gefangenen, wobei er Schiefertafel und Bücher verlor; seine Arme streckten sich aus, sie umschlangen die Kniee des Mannes und hielten diese fest.

Der Gefangene ließ das Alles geschehen; er sagte nichts, er rührte sich auch nicht, der Kopf blieb an der Thür lehnen, die Hände schlaff herabhängen; ich bemerkte nur, daß er den Mund weit geöffnet hatte, daß seine Lungen furchtbar arbeiteten und daß er viel Luft verbrauchte, um nicht zu ersticken. In der Handlung des Kindes offenbarte sich Liebe und Schmerz zugleich. Und das mußte dem Gefangenen unendlich wehe thun, ihn mächtig ergreifen, ihm die Brust zusammendrücken und vielleicht auch das Bewußtsein trüben.

Mir war der Gefangene noch nicht übergeben, ich hatte daher auch noch kein Recht einzugreifen. Aber wenn ich ein solches auch gehabt hätte, ich würde davon kaum Gebrauch haben machen können, da mich das arme Kind dauerte. Auch die Polizei-Beamten waren unschlüssig, ob und wie sie dem Auftritte ein Ende machen sollten. Das Kind hielt die Kniee seines Vaters fest und weinte und schluchzte, wie dies eben nur Kinder thun können. So viel war klar, daß hier ein gewaltsames Auseinanderreißen von Vater und Sohn stattfinden mußte, wenn die Uebergabe an mich vollzogen werden sollte. Das konnte und wollte ich aber nicht selbst thun, ich wollte es nicht einmal mit ansehen und trat deshalb in das Haus zurück, um hier das Weitere zu erwarten. Nach wenigen Augenblicken hörte ich den Knaben rufen: „Ach Gott! ach! ach! lassen Sie mir doch meinen Vater, meinen guten, lieben Vater!“ Noch während dieses Rufens erschien der Gefangene in der Thüröffnung, der eine Beamte schob oder stieß ihn vielmehr vollends in das Haus hinein und schlug dann die Thür mit Heftigkeit hinter sich zu. Die Trennung von dem Sohne und von der Außenwelt war damit zur Ausführung gekommen.

Mein Arbeitszimmer, wohin wir uns ohne weiteren Aufenthalt begaben, lag nach dem Hofe hinaus. Dort konnte man von dem, was vor der Thür sich ereignete, nichts mehr sehen und hören; es herrschte dort eine tiefe Stille. Hier fertigte ich zuerst den Beamten ab. Während ich die Quittung über die richtige Einlieferung schrieb, nahm der Beamte dem Gefangenen die Fessel ab; er steckte hierauf Quittung und Fessel in eine seiner großen Rocktaschen und ging dann fort.

Ich war mit dem Gefangenen allein. Es war eine kleine, schmächtige Gestalt, auffallend kärglich genährt. Das Aussehen war leidend, oder auch hungrig, das Gesicht blaß, ganz ohne Farbe. Die Backenknochen standen hervor, das Kinn war spitz, das Auge ohne Glanz, matt und düster, aber trocken, und lag ungewöhnlich tief in der Höhle. Die Verhaftung konnte das nicht erst geschaffen haben; dies Herabkommen, dies Verfallen, diese Zerstörung eines früher gewiß kräftigen Körpers mußte durch allerhand Sorgen, Entbehrungen und Kümmernisse, vielleicht sogar durch Hunger erzeugt sein. Er nannte sich Friedrich Wilhelm Clausthal, wollte zweiundvierzig Jahre alt, verheirathet und Vater von fünf Kindern sein. Auf die Fragen, welche ich ihm vorlegte, gab er kurze, aber bestimmte Antworten. Seine Stimme war schwach; es hörte sich zu, als ob die Brust krank sei. Meine Fragen beschränkten sich übrigens auch nur auf die persönlichen Verhältnisse, die ich in meine Liste einzuschreiben hatte. Etwas Weiteres brauchte ich nicht zu wissen, das mußte ich dem Untersuchungsrichter überlassen.

Die Visitation, bei welcher nichts von Erheblichkeit gefunden wurde, ließ Clausthal ruhig und willenlos geschehen, kein Wort, kein Laut kam bei diesem unangenehmen Geschäft über seine Lippen; auch bei der Einschließung blieb er still, und in der Zelle ließ er sich sofort auf dem Schemel nieder, als ob die Füße den Körper nicht mehr tragen könnten.

Seit der Einlieferung bis zur Einschließung mochte etwa eine gute halbe Stunde verstrichen sein. Ich hatte augenblicklich nichts weiter zu thun und ging nach meiner Wohnstube. Ein lautes, monotones Sprechen vor dem nach der Straße führenden Fenster machte mich bald nach meinem Eintreten in das Zimmer aufmerksam. Als ich mich dem Fenster näherte und durch dasselbe auf die Straße hinaussehen konnte, bemerkte ich den Knaben des Clausthal, welcher auf den kalten Steinen saß, auf seinem Schooße ein Buch aufgeschlagen und die Hände gefaltet hatte. Er war der Sprecher. Ich hörte ihn noch sagen:

Mach’, Herr, ein fröhlich’ Ende mit aller unsrer Noth,
Stärk’ unser Herz und sende uns Trost bis in den Tod.

[151]

Laß stets uns Deiner Pflege und Treu empfohlen sein;
So geben unsre Wege gewiß zum Himmel ein.“

Es war der letzte Vers aus dem schönen Gerhard’schen Liede:

„Befiehl Du Deine Wege etc.“

Diese Worte aus dem Munde des Kindes und die Andacht, mit welcher sie gesprochen wurden, waren wirklich ergreifend. Ich konnte nicht stehen bleiben, das Kind nicht im Auge behalten, ich mußte zurücktreten. Und auch da hatte ich keine Ruhe, ich mußte hinaus aus dem Zimmer und mir Beschäftigung suchen. Allein ich konnte anfangen und thun, was ich wollte, ich fand keine Zerstreuung, immer und immer trat mir das betende Kind vor Augen, und unzählige Mal wiederholte ich in Gedanken: „Mach’, Herr, ein fröhlich’ Ende mit aller unsrer Noth etc.“

An diesem Tage fühlte ich zum ersten Male die Schwere des mir anvertrauten Amtes. Ich hatte nur meine Pflicht erfüllt und dies auch mit möglichster Schonung gethan, aber ich wünschte doch, daß ich das nicht nöthig gehabt hätte, oder doch so viel Macht zu besitzen, um das Flehen des Kindes erfüllen, der Noth wirklich ein Ende machen zu können.

Am Abend nach acht Uhr revidirte ich die Zelle des Clausthal. Als ich eintrat, lag dieser bereits auf seinem Strohsacke. Er schlief nicht, die Augen standen weit offen, die Hände lagen gefaltet auf der Decke. Auf dem Tische stand das Essen vom Mittag und die Suppe vom Abend unangerührt, auch das Brod war noch vollständig vorhanden, es fehlte kein Krümchen, nur der Krug, der mit Wasser gefüllt gewesen, war leer.

In den Gefängnissen ist das durchaus keine seltene Erscheinung. Mir war es schon unzählige Male vorgekommen, daß Gefangene am ersten Tage ihrer Haft das Essen hatten stehen lassen. Einige von ihnen sagten nur, daß der Schmerz die Eßlust unterdrückt habe, Andere dagegen meinten, daß erst der Hunger den Ekel habe überwinden müssen.

Bei der musterhaften Reinlichkeit, mit welcher das Essen bereitet und verabreicht wurde, konnte bei der Annahme desselben ein Widerwille wohl kaum empfunden werden, ich hielt das wenigstens nicht für wahrscheinlich und deshalb auch nicht für glaubhaft. Dagegen konnte ich recht gut begreifen, daß der Verlust der Freiheit, das gewaltsame Herausreißen aus der Familie, aus dem Berufe und aus dem Gesellschaftsleben unter gewissen Verhältnissen namenlosen Schmerz bereiten und daß dieser Schmerz jedes leibliche Bedürfniß zum Schweigen bringen müsse.

Clausthal interessirte mich. Da er nicht schlief, sollte er mir Rede stehen, mir sagen, aus welchem Grunde er nicht gegessen hatte.

„Sie haben Ihr Essen stehen lassen,“ redete ich ihn an, „weshalb haben Sie das gethan?“

Er richtete sich sofort auf, blieb aber auf dem Strohsacke sitzen. Seine trockenen Augen, die in dieser Stellung noch tiefer zurückgesunken zu sein schienen, wendeten sich mir zu, und der Ausdruck seines leichenähnlichen Gesichtes verrieth Verlegenheit und Angst, für deren Entstehung ich augenblicklich keinen Grund auffinden konnte.

„Herr Inspector,“ entgegnete er nach einer kleinen Pause mit vielen Unterbrechungen, „Sie sind Familienvater, Sie haben Ihre Kinder und Ihre Gattin gewiß lieb, so recht von Herzen lieb, nicht wahr?“

„Nun?“ versetzte ich fragend, als Clausthal eine längere Pause machte.

„Wenn das so ist,“ fuhr dieser in größerer Verlegenheit mit fast tonloser Stimme fort, „so werden Sie, Herr Inspector, mich auch nicht mißverstehen, wenn ich Ihnen sage, meine Frau und meine Kinder sind mir in das Herz und in die Seele hineingewachsen.“

Clausthal hatte, während er das sagte, den Kopf auf die Brust niederfallen lassen. Die Erinnerung an Frau und Kinder hatte ihn sichtbar tief bewegt; er war der Sprache gar nicht mächtig und verharrte einige Secunden im Schweigen. Dann aber hob er mit einer gewissen Hast den Kopf wieder empor, und indem er einen Blick, in welchem sich der trostloseste Schmerz aussprach, auf mich richtete, sagte er mit wahrer Seelenangst und mit einer fieberhaften Geläufigkeit:

„Herr Inspector, ich bin ein armer Mann; ich habe Alles verloren, Alles hingeben müssen, um nur die Meinigen nicht Hungers sterben zu lassen. Mir ist nichts, gar nichts geblieben, nicht einmal mein ehrlicher Name. Und doch, eins besitze ich noch. Dies Eine ist die Liebe der Meinigen. Ich habe diese nicht versetzen und nicht verkaufen können, kein Mensch würde sie mir abgenommen, kein Mensch ein Stückcken Brod mir dafür gegeben haben, sie hat ja für Andere keinen Werth. Diese Liebe ist für mich eine Quelle, aus welcher ich Trost und Beruhigung schöpfe. Wenn ich auch leide und furchtbare, entsetzlicke Schmerzen ertrage; wenn der Verlust meiner Freiheit und meiner Ehre mich auch quält und peinigt, ich bin dennoch glücklich, denn die Liebe meiner Frau und meiner Kinder, für die ich leide, tröstet und beruhigt mich mit wunderbarer Kraft.“

„Aber,“ sprach ich, als Clausthal wiederum eine längere Pause machte, „Sie sollen mir sagen, weshalb Sie nicht gegessen haben?“

„Ja so,“ erwiderte er mit einem Anflug von Beschämung, „ich rede zu viel von meiner Armuth und von meiner Liebe. Sie müssen mir das verzeihen. Das Herz ist mir davon zu voll, und da ist es ja kein Wunder, daß der Mund übergeht. Beides, meine Armuth und meine Liebe, ist ja auch schuld, daß ich nicht gegessen habe. Ich weiß, meine Frau und meine Kinder müssen heute hungern, denn sie haben keine Lebensmittel und auck kein Geld, und noch viel weniger Credit. Kein Mensch wird sich ihrer annehmen, kein Mensch sich ihrer Noth erbarmen, sie werden von keiner Seite eine Unterstützung erhalten, denn sie werden nicht den Muth haben, eine Unterstützung zu verlangen, wie ich nicht im Stande gewesen bin, meine Armuth, meine grenzenlose Noth vor den Leuten zu bekennen. Glauben Sie, Herr Inspector, daß ich essen könnte, wenn die Meinigen hungern? Nein, Sie können das nicht, Sie müssen mir Recht geben, wenn Sie die Ihrigen wahrhaft lieb haben. Gestatten Sie mir nur, daß ich mit den Meinigen theile, oder vielmehr, daß ich den Meinigen zukommen lassen darf, was dort Eßbares auf dem Tische steht. Ich kann ganz gut warten bis morgen, ich habe warten gelernt, mir wird der Hunger nicht lästig, wenn ich nur weiß, daß Frau und Kinder sich sättigen können.“

Clausthal hatte während des Sprechens, ohne daß ich dies zu hindern vermochte, seine Stellung verändert. Die abgezehrte Gestalt kniete zuletzt auf dem Strohsacke und streckte die ineinander geschlungenen Hände mir entgegen.

Ich wußte in Wirklichkeit nicht, was ich thun, was ich antworten sollte. Die Bitte war ganz eigenthümlicher Art. Es war mir noch niemals vorgekommen, daß ein Gefangener einen Theil seiner kärglichen Kost hatte hinaussenden wollen, die Mehrzahl verlangten Zuschüsse von außen, weil sie mit dem, was ihnen gereicht wurde, nicht auskommen konnten. Ein Verbot bestand jedoch nicht, ein solches war jedenfalls deshalb nicht erlassen worden, weil man den Fall überhaupt nicht für möglich gehalten hatte; ich riskirte also nickts, wenn ich die Bitte gewährte.

Als ich mir das klar gemacht hatte, sagte ich Clausthal, daß ich das Essen diesmal abgeben würde, wenn sich einer von seinen Angehörigen bei mir einfinden sollte. Seine Frende über diesen Bescheid war ohne Grenzen.

„Ach,“ sagte er nach vielfachen Dankesäußeruugen, „haben Sie nur die Güte, vor dem Hause nachzusehen, ich bin davon überzeugt, daß meine Frau oder mein Sohn in der Nähe ist.“

Da Clausthal auf nochmaliges Befragen dabei verblieb, daß er von dem Essen nicht das Geringste annehmen werde, ließ ich dies von einem Unterbeamten nach der Küche tragen, ich selbst ging aber vor das Haus, um hier nachzusehen, ob wirklick ein Glied der Clausthal’schen Familie dort verweilte.

Es war fast vollständig dunkel. Ein starker, dichter Nebel ließ das Sternenlicht nicht zum Durchbruch kommen und benahm auch dem Lichte der vor dem Hause brennenden Laterne den Schein, so daß man nicht zehn Schritte weit vor sich sehen konnte. Dennoch gab ich mir Mühe, die Dunkelheit nach allen Richtungen hin zu durchdringen. Als mir das nicht gelingen wollte, ging ich auch noch ein Stück vorwärts, dann rechts und links, über den ganzen Platz hinweg, ich konnte aber nichts wahrnehmen, der Platz war leer. Verdrießlich über die vergebliche Bemühung kehrte ich nach dem Hause zurück und wollte schon in dasselbe eintreten, als mir in einer Ecke, welche die an dieser Stelle etwas vortretende Mauer bildete, ein an der Erde liegender dunkler Gegenstand in die Augen fiel. Ich ging darauf zu und erstaunte nicht wenig, den Sohn des Clausthal zu finden, der sich gegen die Mauer gelehnt hatte und in dieser Stellung eingeschlafen war. Ich machte ihn munter, [152] hieß ihn aufstehen und nahm ihn mit in das Haus und in mein Zimmer. Hier erzählte er mir, daß er auf seinen Vater habe warten wollen, daß er darüber müde geworden und eingeschlafen sei; er bestätigte mir, als ich darnach fragte, Alles, was mir sein Vater über seine häuslichen Verhältnisse mitgetheilt hatte, und gab endlich auch zu, daß der letzte Rest von Brod am Morgen aufgezehrt worden sei. „Aber,“ so sagte er wörtlich, „daraus machen wir uns gar nichts, wenn ich mir meinen guten, lieben Vater mit nach Hause bringe.“

Das war nun allerdings nicht möglich; der Knabe beruhigte sich auch, als ich ihm dies erklärte und ihm außerdem noch sagte, daß sich sein Vater wohl befinde, daß dieser ihm Essen schicke, daß er dies seiner Mutter bringen und morgen Abend wiederkommen möge.

In einer Gefangnenanstalt bleiben alle Tage mehrere Portionen Essen übrig. Ich ließ alle vorhandenen Vorräthe zusammenthun, ein ganzes Brod zulegen und schickte den Knaben damit nach Hause. Der Gefängniß-Inspector konnte ja auch einmal durch Wohlthun sich Freunde schaffen.

Am andern Tage kam Claustbal zu meinem Bedauern in die Krankenstube. Es hatte sich bei ihm ein heftiges Fieber ausgebildet. Der Anstaltsarzt machte gleich bei der ersten Untersuchung ein äußerst bedenkliches Gesicht und sprach von „Draufgehen“ wegen zu schwacher Constitution oder Entkräftung, was wohl ein und dasselbe war. Seine Bemühungen und Verordnungen erzielten auch kein Besserwerden. Am siebenten Tage nach der Einlieferung war Clausthal eine Leiche.

Auf die Verwendung des Arztes war seiner Frau am Todestage der Zutritt gestattet worden. Sie fand sich ungefähr eine Stunde vor dem Ableben ein. Der Kranke war bei voller Besinnung und klarem Bewußtsein, während er vorher unausgesetzt getobt und gerast hatte. Die beiden Leute sprachen nur wenig, für ihr Leid und ihren Schmerz gab es keine Worte; sie hielten sich eng umschlungen, bis die Arme des Mannes schlaff herab fielen und das Herz im Tode erstarrt, der Lebensfaden zerrissen war. Die Frau drückte ihm die Augen zu, berührte noch einmal die erkalteten Lippen mit ihrem Munde und ging dann weinend aus der Krankenstube und aus dem Hause, in welchem der Verstorbene zurückbleiben mußte.

Wo fand diese so tief gebeugte Frau Trost? Sie war arm, sie war auch die Wittwe eines im Gefängnisse gestorbenen Verbrechers. Für die Gesellschaft sind dies leider noch immer keine Anziehungspunkte.

Clausthal ist nicht verurtheilt, nicht einmal von dem Untersuchungsrichter vernommen, allein er war in dem Moment ertappt worden, in welchem er von einem selbstgefälschten Wechsel hatte Gebrauch machen wollen. Daß ihn die äußerste Noth zu diesem Schritte gedrängt, das konnte vielleicht eine Milderung des Urtheils, doch keineswegs eine Befreiung von der Strafe zur Folge haben. Gewiß aber war er kein böser Mensch.