Vor zwölf Jahren in Paris

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Vor zwölf Jahren in Paris
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, 7, S. 97–100, 116–120
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[97]
Vor zwölf Jahren in Paris.
Eine Kriegserinnerung, von Friedrich Hofmann.
1. Am 7. Februar 1871.

Vierundzwanzig Stunden im Paris der bittern Noth“ – so lautet die Ueberschrift eines Artikels in Nr. 12 der „Gartenlaube“ von 1871, in welchem ich meine Erlebnisse am 7. und 8. Februar in der damals, in Folge des Abschlusses der Kapitulation von Paris und des Waffenstillstandes, erst seit wenigen Tagen dem Verkehr wieder erschlossenen Stadt zu schildern versuchte. Da ich den Plan hegte, über meine „Fünf Wochen in Frankreich, vom 12. Januar bis 14. Februar 1871, mit Abstechern nach Straßburg, Nanzig, Orleans und Paris“, in einem besonderen Buche ausführlichen Bericht zu erstatten, so wollte ich auch von dieser Pariser Fahrt nur das Hervorstechendste erzählen, das geplante Buch blieb jedoch so unvollendet, wie der oben genannte Artikel, ersteres wohl, ohne vermißt zu werden; war doch der Büchermarkt mit Kriegserinnerungen so reich bestellt, daß ich mich scheute, auch meinen Beitrag dazu zu geben. Jetzt aber, wo ein Zeitraum von zwölf Jahren das Bild von Paris, wie es damals war, das [98] Bild von dem Paris ohne Pferde – das allein sagt schon genug – längst vollständig verwischt hat, wird eine kurze Auffrischung desselben durch die Vervollständigung meines Berichts von 1871 unseren Lesern vielleicht doch willkommen sein.

Von jenem ersten Artikel wiederhole ich hier des Zusammenhangs wegen nur das Wesentlichste, muß aber auch manches, namentlich mich persönlich Angehendes, das ich früher verschwieg, nun nachholen.

Meine Absicht war nicht, nach Paris, sondern nach Versailles zu reisen, als ich am 7. Februar früh ans dem Bahnhofe von Orleans eine Fahrkarte nach Vitry nahm. Der freundliche Präfect des Departements Loiret (ein sächsischer Landsmann, Herr von Könneritz) hatte mich mit einem Paß zur Reise über Versailles nach Deutschland ausgerüstet; auf diesen hin erhielt ich die Fahrkarte bis Vitry, der nächsten durch die Bahn zu erreichenden Station von Versailles, und dampfte am Siebenten früh acht Uhr in Gesellschaft zweier deutscher Officiere und dreier Französinnen, die nach ihrem geliebten Paris zurückkehrten, gen Norden ab. Der Morgen war schön, die Fahrt reizend, besonders durch die Unterhaltung mit den beiden Officieren, einem Obersten und seinem Adjutanten, welche wahrhaft fesselnde Züge aus ihrem Kriegsleben mittheilten. Eine der Damen konnte das Rückwärtsfahren nicht vertragen, weshalb ich ihr einen Tausch der Plätze anbot, was sie dankbar annahm. Ich war dadurch dem Obersten gegenüber zu sitzen gekommen, der plötzlich laut zu mir sagte: „Betrachten Sie sich einmal die blühende Schöne am Fenster: die hat Wangen und Lippen nicht übel gemalt.“ Mein Blick folgte der bezeichneten Richtung, belehrte mich aber auch sogleich, daß die Bemerkung verstanden worden sei. Wenige Minuten später wendete dieselbe Dame in unbefangenster Weise sich im besten Deutsch an den Obersten mit der Frage, ob Paris schon von deutschen Truppen besetzt sei.

Nun gab’s freilich erst ein Tableau – aber der alte Herr besiegte sofort die kleine Verlegenheit, indem er den Damen die Versicherung gab, daß die um Paris gezogene Demarkationslinie kein deutscher Soldat während des Waffenstillstandes überschreite, falls dieser nicht verletzt werde. Die Unterhaltung nahm nun ihren Fortgang in aller Heiterkeit. Die Deutschsprecherin bemerkte dabei, daß sie eine Polin sei und mit ihren Pariser Freundinnen aus dem Süden zurückkehre. Für mich hätte diese Bekanntschaft jedoch leicht verhängnißvoll werden können.

In Juvisy, dem Knotenpunkt der Bahnen von Orleans, Corbeil und Paris, kam unsere Gesellschaft aus einander. Es war da längerer Aufenthalt. Ich benutzte ihn, mich für die Weiterreise kräftig zu verproviantiren: ein schwäbischer Marketender packte mir eines der langen Laibe Brod, dazu vier Stück Butter und ebensoviel Würste in ein blaues Papier und umwickelte es fest mit Bindfaden. Dieses Paket, das an demselben Tage noch eine große Rolle spielen sollte, stolz unterm Arm, trat ich die Weiterfahrt nach Vitry an.

Ich kann’s nicht verbergen, daß mich die Nähe der Weltstadt mit dem ungeheuren Schicksal mehr und mehr aufregte. Es ist ja Paris, dem man sich Ruck um Ruck näher fühlt. Und wie liebenswürdig begrüßt uns die mächtige Stadt mit ihrer reizenden Umgebung auf dieser Fahrt der Seine entlang, wo die Bauten und Anlagen des Luxus und der Industrie an Großartigkeit und Geschmack mit einander wetteifern – und wo ebendeshalb die Spuren des Krieges um so furchtbarer erscheinen! Da liegt Choisy-le-Roi mit seinen Fabrikpalästen in dem schönen Thale, aber in der Nähe zweier gefährlicher Wächter, der Forts Ivry und Charenton. Waren es nun ihre oder waren es deutsche Kugeln, welche diese Häuserreihen längs der Straße in grausig aufstarrende Ruinen verwandelt hatten? –,Mancher Wehschrei wurde laut in den mit Heimkehrenden überfüllten Waggons, aber unterdrückt von der Furcht vor dem hier noch allgewaltigen Feinde; denn vor uns lag Vitry, in diesen Waffenstillstandstagen ein Schreckenspunkt für die Franzosen, die auf der Orleansbahn nach Paris hinein oder von dort heraus wollten. Hier war die Etappenstation der Demarcationslinie. Da ich die Unmöglichkeit erkannte, zu Fuß von da nach Versailles zu gelangen, so ertheilte mir der commandirende Officier die Erlaubniß zur Weiterfahrt nach Paris, von wo aus aus einer der beiden Eisenbahnen wohl leichter nach Versailles zu kommen sein könnte. Verhehlt wurde mir nicht, daß es deutschen Schutz in Paris nicht gebe und daß man wünsche, ich möge auf demselben Wege zurückkehren.

Ich habe in dem frühem Artikel erzählt, welche tobende Wuth in der ganzen Wagenreihe ausbrach, als der Zug Vitry verlassen hatte und die deutschen Fahnen den Blicken entschwunden waren. Die Wageninsassen waren theils Pariser, welche den Waffenstillstand zum Einkauf von Nahrungsmitteln, theils Flüchtlinge der Hauptstadt, welche ihn zur Heimkehr benutzten. In Allen kochte der Ingrimm der ausgestandenen Leiden und noch mehr der Waffenschmach. Alles, was unbändiger Haß und machtloser Rachedurst im Ausdruck der Rohheit, im Schimpfen zu leisten vermochten, wurde gegen die „Prussiens“ losgelösten. Man ballte die Fäuste und spuckte zu allen Fenstern hinaus, kurz, es war, als ob hier die Grade des Patriotismus nach denen der Tollheit gemessen würden – und zwar bei Männern wie bei Weibern. In diesem Augenblick lernte ich den Werth meines Incognito schätzen und beschloß, es als meinen besten Schutz zu bewahren. Hätte in diesem Augenblick mich Einer als „Prussien“ erkannt und verrathen, so wäre ich schwerlich mit nach Paris hineingekommen.

Als der Zug schon durch die „Enceinte“ gerasselt war und Alles nach dem Gepäck griff, kamen mir plötzlich die drei Französinnen in den Sinn. Wenn ein böser Zufall dich wieder zu ihnen gesetzt, – ob sie dich als „Prussien“ verrathen hätten? Und ob sie’s nicht noch immer thun könnten? Wo sie wohl sind? Da ich nicht mit Taschen und Schachteln belastet war, so schob ich mit meinem Proviantpaket mich rasch durch die schwatzende Menge dem Ausgang zu; der wachende Mann am Gitter überzeugte sich, daß ich nur „un peu de pain“ (ein Bißchen Brod) einführte, und öffnete mir mit einem freundlichen „Entrez, Monsieur!“ die Thür – und dann that ich meinen ersten Schritt in Paris hinein und kam gerade noch zurecht, um zu scheu, wie meine drei Damen auf dem einzigen oder letzten Fiacre des Platzes nach der Seine hin davonfuhren.

Wie gern ich auch derselben Richtung gefolgt wäre, um den Anblick der größten Herrlichkeiten von Paris der Seine entlang im Vorbeigehen mitzunehmen, so gebot jetzt die Vorsicht, links abzuschwenken, zumal auch die sogenannte „Rive-gauche-Bahn“ (die Bahn am linken Seine-Ufer) nach Versailles hier am nächsten zu erreichen sein mußte.

Das Wunderlichste von der Welt war mir in diesem Augenblick meine eigene Stimmung; sie bestand aus einer sehr bunten Zusammensetzung. Ganz vornedran strahlte die ungeheure Freude über das Glück, das tausendmal im Leben ersehnte Paris nun doch zu sehen; auch etwas Stolz drängte sich ein, daß dieses gerade in einer solchen Zeit geschehe; selbst die Ehrfurcht machte sich bereit, die großen Denkmale der Weltgeschichte zu begrüßen. Gleich neben der Freude zappelte die Neugierde jedem neuen Bild und Erlebniß jedes nächsten Augenblickes entgegen; einige Beklemmung stellte sich ein über das eigentlich doch ein wenig tolle Wagniß, und die racheschnaubende Umgebung, die ich kaum verfassen hatte, hätte mir vielleicht störende Besorgniß verursachen können, wenn sich nicht im allen Herzen das akademische Blut wieder gerührt hätte; mit kecker Studentenzuversicht hob ich mein bemoostes Haupt empor und sprach zu mir: „Alter, sei gescheit, das Andere findet sich!“

Zweierlei mußte ich vor Allem festhalten. In ganz Frankreich herrschte damals eine wahre Gespensterfurcht vor „Spionen“ und „Verrath“. Um nicht nach dieser gefährlichen Richtung hin verdächtig zu werden, durfte ich von meinem Plane von Paris zur Orientirung gar keinen und von der Lorguette nur vorsichtigen Gebrauch machen. Zweitens mußte ich das Sprechen, wenigstens von längeren Sätzen, vermeiden; denn an meinem Französisch hätte auch jedes andere als ein Pariser Ohr sofort erkannt, daß ich nicht vom Strand der Seine, sondern von dem der Itz bei Coburg herstamme. Und so schritt ich denn, mein mächtiges Paket unterm Arme, ohne Stock und Schirm, mit eifrigem Geschäftsgang den Boulevard de l’Hopital dahin, bis die Straße sich mir zu lang nach Süden erstreckte. Ich war an zwei rechts abbiegenden Straßen vorübergekommen und ging nun zurück, um in die erste derselben einzulenken.

Möglichst die westliche Richtung verfolgend, kam ich von Straße zu Straße, immer rechts und links alle Vorkommnisse beobachtend. Was ich da gesehen, wäre wirklich des Wagnisses nicht werth gewesen. Bilder des Elends und der Verkommenheit der armen Menschen, die Folgen der langen Belagerung und der Nahrungsnoth waren es, die mir in den verschiedensten Gestalten [99] begegneten, abgezehrte Frauen, Kinder mit eingefallenen bleichen Gesichtchen, Männer in unsauberer Kleidung, aber jeder mit irgend einem rothen Streifen an Mütze, Hose oder Rock, müßiges Herumlungern, aber selten Bettelei. Einen anständig gekleideten Menschen habe ich auf dem langen Gange so wenig gesehen, wie ein anderes lebendes Wesen außer den Menschen. Das Ergreifendste waren mir mehrere Kinderleichenbegängnisse; da diese alle nach einer Richtung zogen, so erkannte ich später auf dem Plaue von Paris, daß ich mich in der Nähe des „Cimetière du Mont Parnasse“ (des Friedhofs vorn Berge Parnaß) befanden und daß ich also auch dem Versailler Linken-Ufer-Bahnhof ziemlich nahe gewesen war.

Um einem solchen Leichenzuge auszuweichen, hatte ich eine Seitengasse zum Abbiegen benutzt und war da in eine Art Gartenstraße gerathen, deren Fußsteige ein tiefer liegender Fahrweg trennte. Hinter den Gärten lag zu beiden Seiten eine Reihe von ein- und zweistöckigen Häusern, alle mit dem Genfer rothen Kreuz, aber auch mit dem großen mit Kreide angeschriebenen V (Varioleux) bezeichnet, das ich schon von Orleans her kannte. Hier waren Blatternkranke abgesperrt. Die Gasse dehnte sich weit hin, sodaß man wohl dabei das Gruseln lernen konnte. Ich war froh, daß ein milder Regen nieder zu fließen begann, unter dem ich vorwärts eilte.

Plötzlich stand ich vor einer Bretterwand, die eine Straße absperrte. Durch die Spalten sah ich eine Reihe zertrümmerter Häuser. Hier überlegte ich eben, wohin nun? Da zog eine Arbeiterschaar des Wegs vorüber, der ich nachging. Der Regen troff immer stärker, und der Abend nahte. Die Straßen wurden noch öder und doch sollte da noch der Zufall mir eine Kunde bringen, nach welcher ich nicht zu fragen gewagt hatte. Von einem Fenster aus rief eine Stimme einem der Arbeiter zu, ob er von der Rive-gauche-Eisenbahn komme.

„Ja,“ antwortete dieser, „aber sie geht noch nicht“ (il ne marche pas encore).

Da wußte ich’s nun, daß ich meine Hoffnung, heute noch nach Versailles zu kommen, aufgeben mußte.

Ich kann hier nicht wiederholen, was ich früher (1871, S. 156 und 205) von meinen Versuchen in mehreren Kaufläden, ob man deutsches Geld annehmen werde, erzählt habe. Sie waren total mißlungen, und so entschloß ich mich kurz, zum Bahnhofe von Orleans und womöglich nach Vitry zurückzukehren. Ich war von der Seine, die ich spät endlich erreicht hatte, wieder ab in eine der südlichen Straßen gekommen. Der Himmel hatte sich aufgeheilt, und so sah ich am Ende einer Straßenperspective ein hohes Gebäude mit Glasbedachung aufragen, das ich für den gesuchten Bahnhof hielt. Ich steuerte darauf los, erkannte war bald meine Täuschung, fragte nun aber doch den stattlichen Mann am Thore nach dem „Gare d’Orléans“.

Plus gauche, monsieur!“ („weiter links“) sprach er mit einem gnädigen Handwink. Und ich ging plus gauche und immer plus gauche – und als ich, je mehr die Dämmerung zunahm, um so hastiger plus gauche gelaufen war, kam ich wieder bei demselben Thore an. Da verließ mich alle Geduld und Ueberlegung; ich wetterte auf gut deutsch alle Millionen Donner und Hagel auf das verdammte Nest heraus, sodaß ein Hause spielender Knaben und neben diesen eine Gruppe von Männern zu mir herschauten, und vergaß alle Vorsicht soweit, daß ich, eine Hand voll Kupfermünzen (von denen man in Orleans, wo damals alle Münzforten der deutschen Länder conrsirten, immer die Tasche voll hatte) den Buben entgegenstreckend, rief: „Wer von Euch will mich zum Gare d’Orléans führen’?“ Ich hatte noch nicht ausgesprochen und war schon von den Jungen umringt, als von der Gruppe der Männer einer zu mir hersprang und mir zuflüsterte, ich solle mich vor den Buben hüten, er wolle mich führen. Im selben Augenblicke schlenderte ich die Hand voll Münzen über den Köpfen der Jungen in die Luft, und während diese darüber herstürzten, zerrte der Mann mich fort und hatte mich so rasch von dem gefährlichen Schauplatze entfernt, daß ich heute noch nicht weiß, wie geschickt er das eingerichtet. Bald befand ich mich mit ihm allein auf einer breiten Straße, und nun bat ich ihn um Erklärung des Vorgangs.

„Daß Sie kein Pariser, ja nicht einmal ein Franzose sind, verrieth Ihr erstes Wort,“ sprach er. „Sie waren auch von den Jungen als Fremder erkannt, diese würden Ihr Geld genommen und dann Sie verrathen haben. Man liebt jetzt in Paris die Rache an den Fremden. Ein Haufen Volk ist jetzt geschwind beisammen, wo man ruft: ,Hier ist ein Preuße! Hier ist ein Spion!’ Was wäre dann geschehen? Ihr Leben stand in Gefahr. Gestehen Sie mir jetzt: was wollten Sie in Paris?“

„Ich wollte durch Paris nach Versailles,“ gestand ich offen. „Und weil ich nicht nach Versailles kommen konnte und nicht französisches Geld genug eingewechselt habe, um hier bleiben zu können, so ist’s jetzt meine einzige Absicht, sofort wieder ans Paris hinaus und nach Vitry zurück zu gelangen.“

„Das ist nicht nöthig, wenn Sie vorsichtiger sein wollen, und auch Geld ließe sich beschaffen,“ sagte er nun viel ruhiger. „Wenn Sie sonst nichts daran verhindert, so können Sie hier übernachten und dann morgen wenigstens erst einen Gang durch Paris machen, ehe Sie wieder abreisen.“

„Ja, wenn Sie, mein Herr, mich führen wollen, mit Freuden!“ rief ich da, und als er mit einem eigenthümlich freundlichen Blicke auf mich sofort sein:

„Herzlich gern, mein Herr!“ aussprach, konnte ich nicht länger an mich halten; ich mußte die Frage an ihn richten: „Lieber Herr, gestehen Sie mir offen, warum nehmen Sie solchen Antheil an mir fremdem altem Manne’?“

„Warum?“ sagte er da plötzlich sehr ernst. „Eben wegen Ihrer grauen Haare und weil Sie meinem lieben alten Vater so ähnlich sehen. Als ich Sie in der Gefahr erblickte, war’s, als hörte ich die Stimme meines Vaters rufen: ,Jules, laß einen alten Mann nicht mißhandeln!’“

Da rollten mir die Thränen aus beiden Augen. Das war in dieser Zeit und in dieser Stadt des unmenschlichen Hasses so menschlich schön, daß ich den Mann an’s Herz drückte und freudig rief: „Ihnen vertraue ich ganz; ich bleibe hier!“

Arm in Arm gingen wir nun zum Orleans Bahnhof, um uns für den kommenden Tag zu instruiren. Es war Nacht geworden, als wir die Haupthalle des Bahnhofs betraten. Der ungeheure, besonders durch die Höhe seiner Wölbung imponirende Raum war kümmerlich mit einem halben Dutzend Petroleumlampen erleuchtet. Wenige Bahnbeamte schlichen in den weiten Räumen umher, und von einem derselben erfuhren wir, daß „die verfluchten Hunde von Preußen“ jeden Tag nur zwei Zuge nach Orleans gestatteten, den ersten früh acht, den anderen Nachmittag vier Uhr. Ich wählte mir natürlich den letzteren für die Abreise.

Wir begaben uns nun in ein Restaurant an, Boulevard de l’Hôpital, wo wir eine Flasche Wein tranken, mein neuer Freund seinen Namen (Jules P.) und seine Wohnung (Avenne d’Italie) in mein Skizzenbuch einschrieb, für mich ein „Diner“ bestellte und sich dann für kurze Zeit verabschiedete, um nur ein Nachtquartier zu suchen.

Die Schilderung meiner ersten Belagerungs-Mahlzeit in Paris findet der Leser auf S. 205 und 206 des oft genannten Artikels. Hier habe ich wiederum nur das nachzutragen, was ich dort kurzweg behandelt oder ganz verschwiegen. Als ich das „Diner“ bis auf die „Confitures“ glücklich bewältigt und den Garçon, dem ich bereits als „Prussien“ verdächtig erschienen war, durch ein Stück meines angeblichen „pain d’Orléans“ für mich gewonnen hatte, mußte ich die Zahlung doch mit deutschen, Gelde, und zwar mit einem Thaler, wagen. Während der Garçon, schon kopfschüttelnd, mit dem silbernen Bildniß des Königs Wilhelm abging, musterte ich meine Münzen und fand noch drei österreichische Vereinsthaler. Wie ein Blitz schoß mir jetzt für den Fall der Noth ein rettender Gedanke durch den Kopf, und als wirklich der Kellner mit verlegener Miene zurückkam, galt’s, eine kecke Komödie zu spielen. Mit großer Entrüstung warf ich den mir zurückgebrachten Thaler verächtlich bei Seite, legte den österreichischen mit dem Gesicht nach oben vor ihn hin, zeigte stolz auf dasselbe und rief: „Violà, c’est mon empereur!“ („Das ist mein Kaiser!“) und gab mich dem Manne vertraulich als „Autrichien“ zu erkennen. Ich hatte richtig gerechnet. Der Krieg von 1866 und die „Rache für Sadowa“ waren in Paris noch unvergessen: der österreichische Thaler ward zu dreieinhalb Franken angenommen.

Gleich darauf trat Jules P. wieder ein und meldete mir, daß er ein Hôtel für mich gesunden. Er erschien mir sehr niedergedrückt. Ich fragte ihn um die Ursache.

„Ich war in meiner Wohnung,“ sagte er, „um nach den Meinigen zu sehen. Mein Kind ist so schwach,und auch meine [100] Frau ist leidend, alles, weil noch immer auch für viel Geld keine guten Nahrungsmittel zu haben sind.“

„Was?“ fuhr ich fast ärgerlich, ihn da an. „Sie haben Weib und Kind, denen gesunde Nahrung fehlt, und verschweigen mir das?“

Rasch riß ich mein Paket auf, zeigte ihm meine Vorräthe, warf die „Confituren“ dazu und übergab ihm Alles. Er starrte mich an, aber mit leuchtenden Augen, und ohne ein Wort zu verlieren, rannte er mit dem Paket davon.

Ich fehle mich wieder an meinen Tisch, und es überkam mich ein so seelenfrohes Gefühl, wie ich es lange nicht empfunden. Wie segnete ich meinen Einkauf in Juvisy! In der Freude meines Herzens und pochend auf meine „guten Oesterreicher“ gönnte ich mir noch eine Flasche Wein und trank ein volles Glas auf das Wohl meiner Lieben in der fernen Heimath, die keine Ahnung davon haben konnten, daß ich in diesem Augenblick mitten in Paris als ein einsamer froher Mensch dasitze. Auch der Unterhaltung der Gäste, die beim Abendschoppen in der Stube neben dem Speisezimmer saßen, mußte ich lauschen: sie drehte sich zwar meist um das „Ravitaillement“ (die Wiederverproviantirung) und die angemeldeten Zufuhren, aber auch des morgenden Tages gedachten sie, an welchem die Wahl zum Parlament in Tours und die Entwaffnung der Linientruppen und die Uebergabe der Waffen an die „Preußen“ stattfinden solle. Das regte auch an diesen Tischen wieder zu heftigen Ausbrüchen des Ingrimms gegen die „Prussiens“ auf.

Es wurde mir nach und nach unheimlich zu Muthe; es war eine lange Zeit vergangen. Der Kellner, der wohl das fortgetragene Brod nicht vergessen konnte, fragte mich mehrmals mit zweifelnder Miene, ob „mon ami“ wohl wieder komme? Mir stieg darüber nicht der geringste Zweifel auf, mein Vertrauen auf ihn stand felsenfest. Und ich hatte Recht. Endlich kam er, und zwar glückstrahlend: die Freudenthränen glänzten ihm noch an den Wimpern. Er konnte mir die Hände nicht dankbar genug drücken für die große Hülfe, für die Rettung seiner Lieben, die nun mit gesunder Kost versorgt seien für die wenigen Tage, bis Hülse von außen kommen müsse. Damit ich nicht in Zahlungsverlegenheit sei, steckte er mir ein Fünffrankenstück zu; als ich ihm aber mittheilte, wie ich mir indeß geholfen, daß ich den österreichischen Thalern zu Liebe ein „Autrichien“ geworden sei, lobte er das als ein gutes Auskunftsmittel auch für morgen.

Jules P. führte mich nun in mein Nachtquartier, das „Hôtel de Tours“, gerade der Salpetrière gegenüber, jenem großartigen Asyl für (nahe an 4000) alte und Pflegeort für geisteskranke Frauen. Vom Hausplatz dieses „Hôtel“ aus, der zugleich ein Weinhandelslocal zu sein schien, ging eine sehr enge Wendeltreppe hinauf, durch einen sehr engen Gang in ein sehr langes Zimmer, dessen eine Schmalseite, ein Bett, dessen andere ein ebenso breites Fenster einnahm; die Möbel einfach, aber genügend. Ich sah mich wohlgeborgen. Wir verabredeten auf sieben Uhr morgen den Abmarsch und schieden, nach so kurzen aber ernsten Erlebnissen, wie ein paar alte Freunde.

Ich war allein, aber zur Ruhe brachte ich es noch nicht. Lange blickte ich zum Fenster hinaus, mit dem aufgeregten Geist in die Ferne eilend; denn die Nähe bot zu wenig. Alles da draußen still und dunkel. Nur in dem großen Gebäude gegenüber waren einzelne Fenster erhellt. Es trug wohl auch das rothe Kreuz; denn die meisten öffentlichen Gebäude waren ja Leidensstätten geworden. Großes, schönes, armes Paris, was hatte der Wille der Menschen in Dir wieder einmal aus Dir gemacht!

Ich mußte einen Blick auf das geistige Treiben in dieser abgesperrten Welt werfen und nahm dazu die erste beste von den Zeitungen vor, die ich in den verschiedenen Straßen gekauft hatte. Der Griff war gut. „La petite Presse“, ein auf erbärmliches gelbes Papier gedrucktes Soublatt, gab mir vor Allem Aufschluß über die vielen kleinen Särge, die ich an diesem 7. Februar gesehen hatte. „Pour les petits enfants“ („Für die kleinen Kinder“) war ein Artikel überschrieben, welcher die maßgebenden Diplomaten beschwört, der massenhaften Hinopferung der Unschuldigen endlich Einhalt zu thun. Er wies statistisch nach, daß in der Woche bis zum Siebenten 900 Kinder in Paris gestorben seien, darunter 716 unter einem Jahre! Geboren waren in derselben Zeit nur 90 Kinder. „Das Bombardement,“ sagte er, „hat aufgehört, aber die Sterblichkeit nimmt zu. Wie viele der unglücklichen Säuglinge sterben vor Hunger und Frost! Ein herzzerreißender Anblick sind diese kleinen Skelete, die kaum noch Kraft genug haben, ein wenig Brod zu kauen. Aus Mangel an Milch sind während der vier Belagerungsmonate über 10,000 Kinder zu Grunde gegangen. Jetzt besitzt Paris nur noch 3000 Milchkühe, und selbst diese sollen geschlachtet werden, sobald der Verproviantirung sich ein neues Hinderniß entgegenstellt. Vier Fünftel von den wenigstens 500,000 Liter Milch, welche Paris täglich brauchte, kamen aus der Brie, Beauce, Picardie, Normandie und Orleanais, – Provinzen, die jetzt sämmtlich von den deutschen Armeen besetzt sind. Sollte nicht die Regierung vor Allem dafür sorgen, daß wenigstens einige dieser Milchzufuhrlinien für Paris aufgethan werden, um uns den Rest unserer Kinder zu retten?“

So jammerte am 7. Februar 1871 dieses Blatt. Der ganze übrige Inhalt drehte sich um die „Question des vivres“, um die Nahrungsmittelfrage, um die Zufuhren auf den Bahnen, um die in Belgien und England versprochenen Sendungen – der Magen beherrschte den Geist völlig, und diese, wie jede andere Zeitung und der Anblick der Menschen auf Gassen und Plätzen, Alles verkündete die entsetzliche Wahrheit: das stolze Paris bettelte um Brod! So stand Victor Hugo’s „Herz der Welt“ vor zwölf Jahren da! – Tief aufgeregt und vom Frost in meinen nassen Kleidern und in dem kalten Zimmer geschüttelt, sagte ich endlich dem Paris draußen gute Nacht und ging zur Ruhe.

[116]
2. Am 8. Februar 1871.

Es war noch finstere Nacht, als ich am 8. Februar erwachte. Die Freude hatte mich aufgeweckt, die Freude, in Paris zu sein und heute in sicherer Führung dieses scenenreichste Theater alter Dynasten- und neuer Völkergeschichten zu durchwandeln. – Ich kroch in meine noch feuchten Kleider, erwärmte mich an einer Cigarre und schrieb bei Licht noch einige Briefe. Zur bestimmten Zeit trat Jules P. mit einem fröhlichen „Bonjour!“ herein, und die Wanderung ging los.

Mein erster Blick galt jetzt dem Hoôpital de la Salpetrière, nach welchem die Straße, die ich gestern zuerst betreten, Boulevard de l’Hôpital heißt. Auch dort wehte, wie ich gestern Nachts vermuthet hatte, die Fahne mit dem rothen Kreuz. Aber wie freundlich erschien mir heute, trotz des trüben Himmels, hier Alles, und gleich der Anfang des Tages war heiter. Er führte uns zu einem so komischen Austritt, wie er nur im damaligen Paris möglich war.

Wir gingen in ein Café. Der dicke Herr des Geschäfts würdigte uns nicht der geringsten Beachtung, sondern rannte die Diagonale seines kleinen Zimmervierecks heftig mit einem Papier auf und ab und fluchte dabei mörderlich über die preußischen Filous. Jules P. brachte ihn endlich zum Stehen und Erklären. Der Mann hatte eine der damals vorgeschriebenen Legitimationen zu einer Reise nach Corbeil. Dieselben mußten in französischer und deutscher Sprache ausgestellt sein. „Das Französische,“ grollte er, „ist wohl richtig, aber ob die verdammte preußische Schreiberei, und ob der ganze Paß richtig ist, soll der Teufel wissen.“ – P. wußte sofort Rath. Er sagte dem Mann: ich, sein Onkel, sei lange in Oesterreich gewesen, wo man auch die preußische Sprache verstehe. Sofort ward mir der Paß überreicht, und ich prüfte das Schriftstück, mußte aber die Zähne fest zusammenhalten, um nicht laut aufzulachen; die deutsche Uebersetzung war köstlich. Gleich das erste Wort „rentier“ war wiedergegeben mit: „welcher lebt von seine Sachen“, und so ging’s weiter. Ich aber pries die preußische „tracduction“ als völlig richtig. Wir erhielten einen trefflichen Kaffee, natürlich mit Cognac.

Und nun begann das Tagewerk. Am Ende unseres Boulevard begrüßte ich wieder im Tageslicht den „Gare d’Orléans“; dann wandten wir uns links am Eingang zur Rue de Buffon vorüber und hatten nun zur Rechten die Seine mit der Brücke von Austerlitz, vor uns den Quai St. Bernard, und zu unserer Linken dehnte sich ein niederschlagendes Bild der Verwüstung aus, einst ein Stolz der Wissenschaft, jetzt eine zertretene Oede – der Jardin des Plantes mit dem Zoologischen Garten. Nur einzelnes Strauchwerk erhob sich noch über den Boden, den unzählige Räderspuren zerwühlt hatten. Von den wohlgepflegten Geschöpfen des Thierreichs aller Zonen, den zahmen und wilden, den Kriechern und Fliegern, war der größte Theil ein Opfer der Belagerung geworden. Es war urkomisch, wie Jules P. erst auf den Zoologischen Garten und dann mit dem gekrümmten Finger in den geöffneten Mund deutete – und kopfschüttelnd vorüberging.

Die Rue Cuvier trennt den Jardin des Plantes von der Weinhalle (Halle aux vins), dem seit 1806 bestehenden Hauptweimnarkt von Paris. Hier genoß ich einen Anblick, der so denkwürdig war, wie der der Pariser Straßen ohne Pferde, und den ebenso wenig, wie diesen, wohl je ein Mensch wieder erleben wird. In fünf Reihen waren hier alle während der Zeit der Belagerung in Paris leer getrunkenen Weinfässer zu einer Höhe aufgethürmt, daß man nur mit Staunen und Grauen hinaufsehen konnte. Als geschickte Baumeister hatten die Franzosen sich auch hier bewährt: so fest waren diese Fässermauern gefügt, daß sie ruhig bis zu der schwindelnden Höhe emporsteigen konnten, auf der nun kühne Kletterer beschäftigt waren, mit Leitern und Tauen ausgerüstet, vorsichtig die fünf Berge wieder abzutragen.

Ich ging von dem ersten dieser Berge bis zur Cuvierstraße zurück, um, an die Ouaimauer gelehnt, noch einmal vor denn interessantesten Doppelbilde zu stehen: dort die Stätte der aufgegessenen Menagerie – und hier das Merkzeichen des dazu vertilgten Weins – treffender konnte das belagerte Paris nicht illustrirt werden.

Die Seine zeigte hier mehr Leben als die Straße. Die vielen kleinen Dampfer des Stromes waren wieder flott und dienten zum Theil schweren Frachtbooten als Schlepper. Offenbar suchte man zu Wasser der Verproviantirung, die zu Lande so ungenügend vor sich ging, nachzuhelfen; denn es waren fruchtbeladene Boote darunter, denen am Ufer eine rasch anwachsende Menge nachlief, deren Landung erwartend.

Der Straße fehlte es zwar nicht an beweglichem Leben, aber – Paris war es nicht, was man sah. Die Gesellschaft, welche die Straßen und Plätze bevölkerte, paßte nicht zu den Pracht-Palästen hinter ihr; die Staffage war falsch: der architektonische Theil des Bildes war allein noch richtig. Die Hauptschuld an dem veränderten Bilde des öffentlichen Lebens war nicht der Mangel an Pferden allein, es war der Mangel an vornehmer Welt, die eben ohne Pferde nicht öffentlich zu haben ist.

Dagegen drohte uns der Anblick eines Bildes, das diesem Tage angehörte. Ein wildes Schreien, ja Brüllen, schallte von [118] einer breiten Straße her (es war wohl der Boulevard St. Germain), und bald sahen wir ein Gewoge von Soldaten, ohne jede Ordnung, die reitenden Officiere mitten im Haufen, daherziehen. P. riß mich hastig fort: ich sollte nicht sehen, was da vorging. Ich wußte es ja schon: es war eine Abtheilung der heute entwaffneten Pariser Linientruppen, die durch den Waffenstillstandsvertrag zu Kriegsgefangenen erklärt worden waren. Ich hörte noch das Toben, als schon ein neuer Anblick mich fesselte: ich sah die Thürme von Notre-Dame; die Geschichte erhob ihre Riesenstimme, und wo sie spricht, da schweigt selbst eine Gegenwart wie die damalige. Bald war die Brücke über den schmalen Seine-Arm erreicht und überschritten, und da stand ich vor dem weltberühmten Gotteshaus.

Zu welchen Ereignissen haben die Glocken dieser Thürme schon geläutet! Aber die Geschichte ist unerbittlich auch in ihrer Satire. Kaum im Inneren des Domes – und mein erster Blick auf den Hochaltar läßt mich aus fürchterlichster Vergangenheit dort die Göttin der Vernunft als ungebetete Gottheit schauen. Ströme von Thränen haben jene Entweihung gesühnt, – und die Tage dieser Belagerung haben nicht wenig dazu beigetragen. Nur in den Kirchen waren jetzt die hohen vornehmen Frauengestalten zu finden, schwarz umhüllt vom Haupt bis zu den Füßen. Hier weinten Mütter, Bräute, Schwestern ihr bitteres Leid aus. So sah ich’s in Orleans, und so hier. Weder Orgelklänge noch Gesang oder Priesterworte vernahm ich. Hier predigte das Schicksal allein und so eindringlich, daß man das Gotteshaus nur in tieferregter Stimmung verlassen konnte.

Draußen erwartete uns der grellste Contrast. Hinter der Notre-Dame hatte man eine große Anzahl Feldgeschütze zur Uebergabe an die Deutschen bereit gestellt und durch einen Lattenverschlag abgesperrt. Hier tobte abermals der Preußenhaß sich aus. Wir eilten davon, wieder über eine Brücke, und wieder stand die Geschichte vor uns da, aber diesmal mit blutrother Fackel. Vor uns dehnte zur Rechten der Prachtbau des „Hôtel de Ville“, des Rathhauses von Paris, und vor ihm der schreckliche Grèveplatz sich aus.

Das Blut konnte Mühlen treiben, das auf diesem Platze vergossen worden ist, und was Könige und Priester durch die feile Justiz hier gemordet, ist haarsträubend. Selbst die Guillotine der Revolution versuchte hier ihre ersten Leistungen, die sie auf den Concordienplatz übersiedelte. Das Hôtel de Ville ist ein alter Revolutionsherd, den Louis Napoleon und Herr Haußmann durch die schußgerecht regulirten Boulevards und Avenuen und die Nachbarschaft zweier starker Casernen glaubten erstickt zu haben. Trotz alledem ist von diesem Hause die Absetzung des Kaisers und die Einsetzung der Republik ausgegangen, und selbst die Republik hatte bereits eine Revolte hier auszuhalten, deren Merkmale, die zerschossenen Fensterscheiben rechts in der Beletage, ich an diesem 8. Februar noch gesehen habe.

Vom Grèveplatze aus betraten wir die Rue de Rivoli, die in etwa dreiviertel Stunden Länge bekanntlich eine das Auge entzückende Schönheit entfaltet. Heute überraschte uns hier ein anderes Bild: eine Viehheerde wurde vom nächsten Bahnhofe her vorbeigetrieben und nicht blos von den Gamins, sondern auch von Alt und Jung mit einem Jubel begrüßt, als hielte ein Triumphator seinen Siegeseinzug.

Wir verfolgten die Rue de Rivoli in westlicher Richtung und gelangten so zum „Square Saint Jacques“ mit dem prächtigen alten isolirten Thurme, den reizenden Anlagen und – eine wahre Herzensfreude – mehreren Gruppen spielender Kinder. Unwillkürlich und nur mit der Vorsicht, sie nicht zu stören, näherte ich mich der lieblichen Schaar, die mit Ringelreihen, ganz wie bei uns, mit Fangen und Ballwerfen, Lachen und Singen sich erlustigte. Gar zu gern hätte ich die Spielreime, die sie sangen, erlauscht, aber P. mahnte ab. „Mein Freund,“ sagte er, „wir dürfen nicht auffällig werden, und Ihr Hindrängen zu den Kindern fällt auf.“ So mußte ich denn fort von dem herzerfrischenden Bilde, blickte aber so lange wie möglich zu ihm zurück.

Wir wandten uns nun rechts in den Boulevard de Sebastopol und von da unserm nächsten Ziele zu: den Halles centrales. Die Berühmtheit dieser großen Markthallen ging aus der Pariser Volks- in die Weltgeschichte über durch die Tapfersten der gesammten Pariser Volksfrauenwelt, – die Damen der Halle! Der dritte Napoleon schuf ihnen die zwölf prächtigen, aus Eisenrippen zusammengefügten und mit Glas bedeckten Hallen, die sich von Punkt zwölf Uhr an jede Nacht zu füllen begannen ans den Zufuhren der acht Bahnhöfe und der vielen Thore der Stadt, um jeden Morgen mit frischen Genüssen die zwei Millionen Mägen und Gaumen von Paris zu versorgen. Der arme Napoleon! Jetzt nannte ihn kein Damenmund in diesen Hallen anders, als Badinguet, Coquin, Prussien – und „beim höllischen Element, es giebt nichts Aergeres, daß sie’s schimpfen könnt’!“ –

Die Hallen waren erst Tags zuvor wieder eröffnet, die Zufuhren aber noch lange nicht genügend, um solche Räume auszustatten. Das Gedränge war ziemlich stark, doch kamen mir viele der Anwesenden mehr wie traurige Zuschauer als wie flotte Käufer vor. Manche der Verkäufer hatten ihr ganzes Krämchen auf ihrem reinlichen Taschentuche am Wege ausgebreitet; das war der Kleinhandel in seiner äußersten Entfaltung. Die Damen der Halle zerfallen bekanntlich in zwei Rangstufen: die angesessenen unter dem Glasdache und die ihren Tisch und Stuhl bei sich tragenden an den Verbindungsstraßen der Hallen. Die Belagerung hatte beide ein wenig niedergedrückt, aber doch standen verschiedenen die weißen Hauben so herausfordernd auf den Häuptern, daß gewiß wenig dazu gehört hätte, sie zu einem Ausbruche ihrer historischen Mission emporzuschnellen.

Aus den Hallen begaben wir uns an der Kirche St. Eustache, bei deren Gliederbau Gothik und Renaissance sich vereinigt haben, vorüber in die Rue J. J. Rousseau, wo im Hôtel des Postes das Central-Bureau derselben war. Für dieses Institut war soeben die luftige Wirthschaft der Ballonposten zu Ende gegangen und das irdische Treiben noch nicht recht im Zuge. Die Briefe mußten – „das ist der Krieg“ – unverschlossen übergeben werden.

Nachdem wir im Vorbeigehen zwei Tempel des Mammon, die Bank und den Börsenpalast, betrachtet, führte P. mich durch eine „Rue du quatre Septembre“ (der Geburtstag der jüngsten Republik hatte bereits seine Straße erhalten) und über den Boulevard des Capucines vor das große neue Opernhaus, dessen Fenster, Dächer und Ornamente noch zum Theil mit den Sandsäcken verdeckt waren, die sie gegen die deutschen Bomben beschützen sollten.

Auf den Boulevards des Capucines und de la Madeleine war man für die Wahl zum Parlament in Bordeaux (nicht in Tours, wie ich im vorigen Artikel, Seite 100, irrig angab) in voller Thätigkeit. Jedem Vorübergehenden wurden von allen Parteien Wahlzettel überreicht, auch mir, und es freute P. ganz besonders, daß ich von diesen Menschenkennern der Straße für einen alten Pariser Citoyen angesehen wurde.

Eines der schönsten Bauwerke von Paris ist die Kirche St. Madeleine, nach welcher der hier beginnende Boulevard benannt ist. Ihr „säulengetragenes herrliches Dach“ winkte nicht vergebens; lockte zu ihr doch auch ein schöner Gesang, von einer äußerst wohlklingenden Orgel begleitet, und Weihrauchduft quoll uns am Portal entgegen. Der weite Raum konnte Einem wie ein Zufluchtsort der verwundeten und kranken Soldaten der Linie erscheinen. Vor allen Altären knieeten in Menge die armen Rothhoscn. Vor dem Portale auf der hohen Freitreppe eröffnet sich ein imponirender Blick auf den Eintrachtsplatz und den Invalidendom mit seiner stolzen Kuppel. P. aber ließ sich nicht schon jetzt dorthin verführen. Wir kehrten zu den beiden genannten Boulevards zurück und gingen von da durch eine „Friedensstraße“ (Rue de la Pair) zum Vendômeplatz und der hochragenden Säule, die drei Monate später umgestürzt und dann doch wieder aufgerichtet wurde. Auch auf diesem Platze war die Wahlbewegung rege. Während ich meinem Halse die Qual anthat, die Säule zu betrachten, zog ein Leichenbegängniß daher – und es ward merklich stiller. Ich sah wirklich die Männer zur Linken und Rechten der Straße die Häupter entblößen und den Zug stehend und schweigend vorüberlassen. Der Sarg wurde unbedeckt getragen; statt unseres schwarzen Leichentuchs schwebte ein heller, fransenverzierter Baldachin darüber. Dem Sarge folgten viele Männer und Frauen des Mittelstandes. Also keine „vornehme“ Leiche, und doch die Theilnahme! Jules P. erklärte mir’s: „Die Belagerung und das gemeinsame Unglück hat, wie es uns auf einander anwies, uns Pariser auch einander näher geführt. Man liebt sich mehr, als im Glück; mit der allgemeinen Noch wird das leider auch wieder vergehen.“

Durch die „Rue neuve des petits Champs“ gelangten wir um die Mittagsstunde zum Palais royal, der Riesenwiege der [119] großen Revolution. Wenn die Erbauer wüßten, was die Nachkommen ans ihren Schöpfungen machen, es würde schon Vieles ungebaut geblieben sein.

Ein Tisch im Garten dieses Palastes war es, auf welchem Camille Desmoulins die bewaffneten Volksversammlungen einer neuen Zeit erfand, die schon zwei Tage später die Bastille zertrümmerten. Der Palast hieß, auch nachdem sein damaliger Besitzer, der Herzog von Orleans, guillotinirt worden war, „Palais Egalité“. Seit dem vierten September 1870 sieht man wieder die Orleans, Bonapartes und Bourbons wie verscheuchte Raubvogel um ihr altes Nest herumflattern.

In einer Restauration „à John Bull“, in der Rue de Rivoli, gönnten wir uns die Rast zu einem „Dejeuner“. Es war nicht besser und nicht schlechter, als gestern mein „Diner“ gewesen, aber ich genoß es, auch das Belagerungsbrod, ohne Umstände.

Als wir beim Kaffee saßen, tönte das Unerwartetste für unser Ohr plötzlich von draußen her: gewaltiges Pferdegetrappel. Zwischen zwei- und dreihundert vollständig aufgeschirrte Pferdepaare wurden dahergeführt, und der Jubel war ganz außerordentlich, der aus der Straße, aus den Thüren und bis hinauf zu den höchsten Fenstern der Häuser und Paläste diese neuen Nachkömmlinge ihrer verzehrten Vorgänger mit Mund und Hand begrüßte. Wir erfuhren, daß dieselben zur Vervollständigung der Omnibuslinien, vor Allem auf den großen Boulevards bestimmt seien, was auch für uns eine gute Aussicht eröffnete.

Mehr als zu allen bisher besuchten Gegenständen hatte der Genius der Geschichte Ursache, uns zum nun folgenden voranzuschreiten: zu dem vereinigten Doppelpalast des Louvre und der Tuilerien. Beide waren aus kaiserlichen in Volkspaläste umgewandelt worden, und auf beiden wehte die weiße Fahne mit dem rothen Kreuz. Wir durchwandelten alle Höfe, den Napoleons- und den Carousselplatz, und schritten um die ausgedehnten Riesenglieder des ganzen Baues; das mußte auch hier genügen; denn in’s Innere war nicht zu kommen. So weit die Kunstsammlungen des Louvre und der Gallerien reichten, sah ich auch hier die hohen Fenster noch theilweise mit Sandsäcken verrammelt. Der Flügel der Tuilerien, welchen die Kaiserfamilie bewohnt hatte, war ebenfalls zu Lazarethen verwendet; an den Fenstern, aus welchen Napoleon und Eugenie auf ihr getreues Paris geschaut, standen jetzt Soldaten mit verbundenen Köpfen und anderen Wunden und Gebresten. Den traurigsten Anblick bot der wahrhaft entsetzlich zerfahrene und zerstampfte Tuileriengarten. Um den häßlichen Eindruck, den der Anblick der Verwüstung edelster Naturpracht immer zurückläßt, rasch los zu werden, bat ich P., mir nun einen versöhnenden Genuß zu verschaffen.

„Diesen gewährt immer die Umschau von einer unserer schönen Brücken,“ erwiderte er, und so gingen wir wieder Tuilerien und Louvre entlang bis zum „Pont des Arts“. Er hatte Recht. Der Blick auf die uns umgebende Pracht war nach jeder Seite hin entzückend, malerisch am imponirendsten nach Osten zu den Gebäudemassen der Cité-Inseln.

„Dreierlei möchte ich noch sehen, ehe ich von Paris scheide, lieber Freund,“ sagte ich nun: „den Dom der Invaliden mit Napoleon’s Grabstätte, den Concordienplatz und den Platz der Bastille! Ist das noch möglich?“

„Das wird gerade die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges ausfüllen,“ sprach er. „Gehen wir ohne Verweilen daran!“

Wir schritten zum Quai d’Orsay hinüber, eilten ohne Aufenthalt an allen Pracht- und Staatspalästen dieser Straße vorbei und standen nach kurzer Zeit vor der „Esplanade der Invaliden“. Hier war wieder Belagerungs-Paris: beide Seiten des großen Platzes nahm eine bedeutende Anzahl zeltartiger Holzbaracken ein, welche für die Besatzungstruppen errichtet worden waren und mit deren Beseitigung man soeben begann. Dazwischen aber war ein so bodenloser Schmutz, daß ich die Hosenbeine bis über die Stiefelschäfte hinauszog und, mit großen Schritten vorwärts steigend, im schönsten Sächsisch „Ach Hercheses, Hercheses!“ ausrief. P. wollte wissen, was ich gesagt habe; ich konnte es ihm nur als einen Ausdruck der Freude über die schöne Gegend erklären. Endlich hatten wir das Gitterthor des Gartens erreicht; P. öffnete, und wir traten ein, beide ohne eine Ahnung davon, welch gefährlichen Gang wir wagten.

Ohne viel umzuschauen – nur einen Blick warf ich aus die Batterie der großen Triumphkanonen der Invaliden zur Rechten – schritten wir dem Portal zu, vor dem mehrere der alten Schnauzbärte saßen und standen, aber alle mit Gesichtern, aus denen ein böser Grimm grollte. P. zog den Hut tief herab; ich folgte seinem Beispiel. Dann fragte er ehrerbietigst, ob es gestattet werde, wenigstens in den unteren Gängen des Hauses sich ein wenig umzusehen. Der Alte, an den er sich gewendet, knurrte etwas in den Bart, das ich für „Non“ hielt. P. aber hatte „Oui“ herausgehört; und mit Recht, denn wir durften eintreten. P. führte mich durch mehrere Gänge, in denen nichts Besonderes zu sehen war, aber er tröstete mich damit, daß wir durch sie in einen Hof kämen, wo ein Eingang zum Dome sei. Wir fanden auch diesen Hof, aber hier stand ein Schilderhaus, das einem großen Beichtstuhl glich, und darin befand sich ein wachhaltender Invalide. Als P. nun diesen fragte, ob der Eintritt in die Kirche erlaubt sei, glaubte ich „Oui“ zu hören, aber diesmal war’s „Non“: denn P. erkundigte sich höflichst nach dem „Warum?“, erhielt jedoch die barsche Weisung: „Es dürfe Niemand aus Paris den Dom betreten, weil darin gebaut werde.“ Darauf empfahl sich P. mit tiefer Verbeugung – ich auch.

Während wir zurückgingen, äußerte ich mein Bedauern, gerade diesen Dom nicht scheu zu können, der allein eine Reise nach Paris werth sei. Da winkte er mir, zu schweigen, und führte mich in einen langen, gewölbten Gang, an dessen linker Wand ich sechs bis acht Thüren sah. Er lauschte nach allen Seiten, ging hart an den Thüren hin und prodirte die Drücker. Bei der dritten Thür stand er still, lauschte noch einmal, öffnete sie, schob mich hinein, folgte rasch nach und schloß die Thür wieder. Dann gab er mir seinen Rockflügel in die Hand, und nun schlichen wir in der Stockfinsterniß langsam und leise, immer lauschend, vorwärts. Endlich stand P. still, und wieder lauschten wir, und als sich durchaus kein Laut regte, öffnete P. auch hier eine Thür mit größter Vorsicht ein wenig, und schon durch den schmalen Spalt drang eine Fülle von Licht- und Goldstrahlen.

Als wir uns nach langem Horchen und Lauschen überzeugt hatten, daß die Kirche offenbar leer, keine Seele darinnen war, öffnete P. die Thür ganz, und wir traten ein; wir waren im Dom. Der Eindruck von Licht und Gold war betäubend. Und doch entsann ich mich sofort, gelesen zu haben, daß die Kirche mit vielen eroberten Fahnen ausgeschmückt sei: ich sah keine einzige. P. schien dies nicht beachtet zu haben. Er lugte einen Augenblick nach allen Seiten um; dann flog er förmlich über den Boden hin zur Oeffnung der Krypta, durch welche man auf Napoleon’s Sarg blicken kann. Eben hatte ich mich ausgemacht, ihm, freilich viel schwerfälliger, zu folgen, da eilte er schon, nach nur einem Blick in die Gruft, kreideweiß zurück und flüsterte mir zu: „Höchste Gefahr!“ Sofort standen wir wieder in dem finsteren Gang und schlichen, wie früher und angestrengt horchend, denn Ausgange zu.

Draußen nahten Schritte. Ich fühlte, wie P. am ganzen Leibe zitterte. Die Schritte gingen vorüber. Aus der Ferne hörten wir rasches Laufen mehrerer Personen; es kam bis in die Halle, verschwand aber wieder. Wir schwitzten alle beide in dieser herrlichen Situation, und ich machte mir die bittersten Vorwürfe, uns durch meinen dringend ausgesprochenen Wunsch in diese Gefahr gebracht zu haben. Endlich blieb lange Zeit Alles ruhig. Da öffnete P. rasch die Thür, schloß sie leise – und nun suchten wir eiligst aus dem langen Gange fort zu kommen. Dank der Localkunde P’s gelangten wir abseits des Portals wieder in den Garten, machten den Herren Invaliden unser Compliment aus der Ferne und athmeten wieder aus, als das Gitterthor hinter uns zufiel. Ader erst jenseits der Concordienbrücke, die wir im Sturm überschritten hatten, kam P. zur Erklärung.

„Die Invaliden,“ sprach er, „sind die treuesten Bonapartisten. Der Kaiser hat allen Schmuck aus Napoleon’s Gruft entfernt, Krone, Degen, Fahnen, Nichts ist mehr da, und die Invaliden sind die Wächter des großen Geheimnisses. Was, glauben Sie, wäre die Folge gewesen, wenn sie uns im Dome erwischt hätten? Wir wären aus dem Invaliden-Hôtel schwerlich, wenigstens nicht so bald, wieder herausgekonnnen.“[1]

[120] Ich mußte die ganze Größe der Gefahr anerkennen: wir hatten alle Ursache, uns gegenseitig zu diesem Ausgange des Wagnisses zu gratuliren, und thaten es mit aller Herzlichkeit.

Es war dabei viel Zeit verloren worden, und uns drängte es zum Abmarsch. Auch hatte ich im finsteren Gange des Invalidendoms doch ein wenig von meiner Lust am historischen Gruseln verloren, das auf dem Concordienplatz, vor dem Obelisken von Luxor, der genau die einstige Stätte der Guillotine bedeckt, ganz am Platze gewesen wäre. Dagegen arbeitete allerdings auch eine tragikomische Scene. Von den acht Städtestatuen, welche die vier Ecken des Concordienplatzes schmücken, waren sieben noch mit festen Holzgerüsten (gegen die deutschen Bomben) umgeben, eine aber enthüllt und mit Fahnen, beflorten Kränzen aus Papierblumen und Zeitungsausschnitten mit Versen von oben bis unten ausgeputzt: es war die Statue von Straßburg. Gern hätte ich mir ein Andenken von den Herrlichkeiten mitgenommen, aber P. warnte ernstlich. „Sie sind unverbesserlich,“ meinte er. „Wollen Sie denn noch kurz vor der Abreise erwischt werden?“

Um jeder weiteren Versuchung vorzubeugen, eilten wir durch die Rue royale, wo wir wieder mit mehreren Wahlzetteln bedacht wurden, die ich dankend zu den anderen steckte, zu der Omnibusstation bei der Madeleinekirche, erstiegen sofort die Imperiale eines zur Abfahrt fertigen Wagens – und nun begann eine der schönsten Straßenfahrten der Welt, die Fahrt durch die großen Boulevards, von dem der Madeleine bis zum Bastilleplatz. Vor der Julisäule hielt der Omnibus. Wir stiegen ab, um diesem Ehrendenkmal der Freiheit einen Augenblick zu widmen. An die böse Gegenwart mahnte ein großer schwarzbeflorter Kranz, der auf einer hohen Stange an die Säule gelehnt war. Ein kurzer Gang führte uns von da über die Brücke von Austerlitz und in die Einsteige-Abtheilung des Bahnhofs von Orleans.

Es war noch eine Viertelstunde Zeit bis zur Abfahrt. Wir gingen Arm in Arm im Hof auf und ab; mir wurde es doch nun wahrhaft leid um das Scheiden.

„Wie schwer geht man von Ihrem herrlichen Paris fort, und wie gern kehrte man wieder!“ sprach ich. „Ich werde oft an Sie denken, mein theurer treuer Julcs P.! Freunde feiern ihre Feste gern gemeinsam, sagen Sie mir: Wann ist Ihr Geburtstag?“

Er nannte mir Tag und Jahr.

„Was?“ rief ich hocherfreut. „Da sind Sie gerade zwanzig Jahre und einen Tag jünger als ich? Herrlich! Wir werden diese Tage stets im Geiste mit einander feiern!“

Auch P. war freudig überrascht von dem freundlichen Spiele des Zufalls und bat mich: „In das Paris des Friedens kommen Sie wieder, vielleicht in zwei Jahren, nicht wahr? Zu meinem vierzigsten Geburtstage?“

Ich versprach das Mögliche. Er erzählte dann noch viel von seinem Vater, seinem Weibe und Kinde, bis die Glocke uns trennte. „Auf Wiedersehen im Paris des Friedens!“ So schieden wir von einander.

Ich will gleich über meinen Freund weiter berichten. Als der Kampf der Commune begann, war ich in größter Besorgniß um ihn. Ich fragte in vier Briefen nach seinem Schicksal in dieser schrecklichen Zeit, aber ohne Antwort zu erhalten. Erst Anfangs Juni kam ein mit seiner Photographie beschwerter Brief von ihm, aber mit welchen Nachrichten!

Weil er sich nicht in die Reihen der Kämpfer gestellt, wie die Commune decretirt hatte, wurde er von einem Haufen des „Corps der Rächer“ am 18. Mai in seiner Wohnung überfallen und an die Wand seines eigenen Hauses gestellt, um füsilirt zu werden. Nur das Flehen sciner Frau und besonders das Jammern des Kindes rettete ihn vor dem Tode, – „des Kindes,“ setzte der überdankbare Freund hinzu, „dem Sie das Leben gerettet haben.“

Für die Deutschen giebt’s noch immer kein wahres „Paris de la paix“. Zwölf Jahre sind vergangen; wir haben uns fleißig Briefe geschrieben und unsere Feste gegenseitig gefeiert. Nun steht er in diesem Jahre vor seinen, fünfzigsten Geburtstage, ich vor meinem siebenzigsten, – da ist’s mit der Hoffnung auf Wiedersehen vorüber.

Meiner Abfahrt ans Paris stand kein Hinderniß entgegen. Man prüfte dort keine Pässe, da man ja nicht an Fremde in Paris glauben konnte. In der Abfahrtshalle herrschte allgemein Besorgnis; wegen der Pässe, und wirklich wurden in Vitry Viele von, Zuge ausgewiesen. Ich kam glücklich nach Orleans zurück, und die Heimfahrt von da durch das neugewonnene in’s alte Deutschland habe ich in Nr. 15) der „Gartenlaube“ von 1871 geschildert.

  1. Die „Französische Correspondenz“ vom 18. April 1871 berichtet über eine Durchsuchung des „Hôtel des Invalides“ durch eine starke Abtheilung der Nationalgarde. „Sie suchte auch nach den Reliquien Napoleons, fand aber in der Krypta des Grabes weder den Degen, noch die Krone, noch den Hut des entschlafenen Cäsar. Der Neffe hatte Alles schon beim Beginn des Krieges in Sicherheit gebracht.“ (Dies war also geschehen, und zwar ohne daß man in Paris eine Ahnung davon gehabt hätte; so fest halten die alten Grauköpfe das Geheimniß bewahrt.)