Waldverbrechen

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Waldverbrechen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 647–650
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wilderei
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 50
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[647]
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 50. Waldverbrechen.


Erst vor Kurzem ward die Dresdener Haide von einem ihrer schlimmsten Schlingensteller durch dessen Tod befreit. Der Mann, von dem ich spreche, hat es in seinem fluchwürdigen Handwerke zur wahren Meisterschaft gebracht, und darum wurden auch seine ebenso geschickt gefertigten wie aufgestellten Schlingen von jedem Jäger, dem solche zufällig oder auf der Suche darnach in die Hand fielen, sofort als von dem infamen Frevler herrührende erkannt und nach dessen berüchtigtem Namen als Sch..…’sche „angesprochen“. Dieser gefährliche Hallunke stammte aus einer förmlich nach verbrecherischen Ahnen zählenden Wildererfamilie, und ich selber habe sozusagen drei Generationen derselben an mir vorüber wandeln sehen und dabei ihrem schändlichen Treiben genugsam nachspüren können. Hatte ich doch schon als zwölfjähriger Knabe oft genug Gelegenheit, auf meinen Waldstreifereien mit Jägern den Großvater und den Vater unseres Helden, wie später diesen selbst, in ihrer verderblichen Thätigkeit verabscheuen zu lernen. [648] Eine besondere Veranlassung, diesem Gefühle vollste Nahrung zu bieten, fand sich gerade an dem Tage, an welchem ich meinen ersten Rehbock schießen sollte.

Ich hatte nämlich von dem gestrengen, mir aber sehr gewogenen alten Oberförster C. vom Fischhauser Revier, dem Vater meines vertrautesten Schul- und Waldcameraden, als Angebinde zu meinem eben zurückgelegten sechszehnten Geburtstage das Versprechen erhalten, gelegentlich einen Rehbock auf seinem Reviere abschießen zu dürfen, doch nicht eher, als zur Zeit der vollen Gehörnreife der Thiere, damit, wie er sagte, ich doch auch eine ordentliche Trophäe davon trüge, falls mir mein Schuß gelingen sollte. So war denn Ende Mai herangekommen, als ich gelegentlich eines Besuches bei meinem freundlichen Gönner endlich den so heiß ersehnten Befehl erhielt: nun mein Heil auf einen Bock zu versuchen. Um meiner überschwänglichen Freude darüber einen kleinen Dämpfer aufzusetzen, fügte er jedoch in seiner gewohnten Kernsprache noch hinzu: Der Teufel solle mich reiten, wenn ich einen etwa nur zu Holze schösse[1]; fehlen – und somit blos ein Loch in die Natur schießen – das sei mir seinetwegen unverwehrt.

Nach dieser eben nicht sehr ermunternden Bemerkung erhielt ich auch sonst noch höchst stramme Verhaltungsregeln für meinen am nächsten Morgen auszuführenden Pürschgang und ward schließlich mit einem „Waidmanns Heil!“ gnädigst entlassen.

Schon frühzeitig – noch vor Sonnenaufgang – eilte ich nach vor Freude schlaflos verbrachter Nacht hinaus in den thaufrischen Morgen, überglücklich, zum ersten Male in meinem Leben nach einem edleren Wilde, als Hasen, Kaninchen u. dergl., und zwar so ganz für mich allein, wie ein schon bewährter Waidmann, jagen gehen zu dürfen. Bald war ich im sogenannten Nachtflügel des Reviers und somit an dem mir vorgeschriebenen Pürschorte angekommen, von wo aus ich nun sofort begann, auf’s Vorsichtigste einen wenig betretenen halbvergrasten Weg entlang zu schleichen. Als ich noch gar nicht weit auf demselben vorwärts gekommen war, vernahm ich plötzlich neben mir, in einer Dickung, ein dumpfstampfendes Geräusch und gleich darauf knisterndes Brechen in dem Gestängel, gleich wie von einem flüchtigen Wilde herrührend. Rasch sprang ich bis zu einer mir im Wege liegenden kleinen Blöße vor, wohin die Flucht des Thieres offenbar sich wendete, und kaum dort angelangt, sah ich denn auch wirklich in der ein wenig lichter stehenden Kiefernschonung etwas Rothbraunes schimmern. Mit der Büchse am Kopfe harrte ich des Augenblickes, der mir den Rehbock frei vor das Rohr bringen sollte, um Feuer darauf geben zu können. Welch einen Schrecken aber empfand ich, als jetzt der von mir fieberhaft ersehnte Flüchtling in vollster Hast aus dem Gehölz hervorbrach und ich statt des erhofften Bockes einen leibhaftigen – Menschen auf das Korn bekam, der, mit rothbrauner Wollenjacke bekleidet, wie sie früher die Fleischerburschen zu tragen pflegten, vor mir über die Lichtung hineilte! Donnerwetter, wie schleunigst hob ich da die Mündung der bereits gestochenen Büchse hoch, um sie von meinem verhängnißvollen Ziele abzuwenden. Dann aber rief ich dem flüchtenden Schwerenöther laut nach:

„Halt! Steh’, oder ich schieße!“

Aber trotz meiner rasselnden Drohung behielt ich doch nur die unverwandte, freilich darauf hin äußerst behend werdende Kehrseite des dahinstürmenden Patrons vor dem Auge, bis er unterhalb eines Hanges meinen Blicken entschwand. Dafür trug die Morgenluft mir noch einen recht wenig einladenden Zuruf von dem Unsichtbargewordenen zu, und in unmittelbarem Anschluß daran erhob nun auch noch der Waldschelm Kukuk, wie mir zum Spott, seinen neckischen, von heiserem Gekicher unterbrochenen, vielmaligen Ruf. Doch ich nahm solchen Ausgang meines Debüts unverdrossen hin, freute mich vielmehr von ganzem Herzen, daß ich durch mein jugendliches Feuer nicht schlimmstes Unheil anrichtete.

Nach diesem so unerwartet gestörten Pürschgange gedachte ich denselben erst ein Stück weiter hin wieder aufzunehmen und zu diesem Zwecke einem nicht fern liegenden Gehau zuzuschleichen, wo ich, wenn nicht schon auf dem Wege nach dorthin, einen Bock noch draußen anzutreffen hoffte. Zuvor aber suchte ich mir oben doch erst noch die Fährte meines Störenfrieds auf und verfolgte sie nach rückwärts, um zu erforschen, weshalb denn eigentlich der Kerl, welcher mich jedenfalls für einen dienstthuenden Jäger gehalten, Reißaus genommen haben mochte. Leicht ließ sich seine Spur im frischen Thau auf Gras und Haide der freien Blöße verfolgen, und in der Dickung, wo der silbern glänzende Niederschlag den Boden nicht zu netzen vermocht, kennzeichnete sich die Fluchtlinie deutlich genug durch die Abstreifungen der jetzt im vollen Sonnenlichte am Gezweige des jungen Kiefernbestandes funkelnden Thauperlen. An der Erde aber zeigten auch sonst noch die derben Stiefeleindrücke des Geflohenen die genommene Richtung an.

So sicher geleitet, kam ich bald an eine lichte Stelle, wo ein ganz frisches sogenanntes Achselstück[2] lag, das der Biedere hier jedenfalls bei seiner Flucht weggeworfen. Das dadurch entstandene Geräusch hatte mich, wie mir nun klar wurde, einfältiger Weise auf einen abgehenden Rehbock schließen lassen. Ein Stück weiter hin fand ich auch noch den Stock eines frischumgesägten Baumes, der trotz seiner nur geringen Stärke doch schon recht alt und nur in Folge seines dürftigen Standes auf schlechtem Schorfboden so spärlich gewachsen war. Höchlichst bedauerte ich dessen Vernichtung, der so lange als Wahrzeichen gegolten, weil er die einzige Linde im Reviere war, mir aber außerdem noch ganz besonders lieb und werth gewesen, da ich alljährlich manches Tüchelchen voll Blüthen seiner Zweige meiner guten Mutter für ihre Hausapotheke zugetragen.

Noch lag der unverwelkte grünende Wipfel des Baumes daneben, und ringsum zeigten sich die wüsten Spuren der nächtlichen Thätigkeit des herzlosen Holzdiebes, der, um ein elendes Stück Holz zu erbeuten, ein Baumleben vernichten konnte.

Versunken in Betrachtungen über solch rohes Gebahren, rüttelte mich plötzlich der mir zum Ohr dringende Laut eines Rehkälbchens auf, und ohne Zögern folgte ich der Klangrichtung tiefer hinein in das Dickicht. Hierbei auf einen Wildsteig gekommen, konnte ich auf diesem dem sich wiederholenden Rufe um so unbehinderter entgegeneilen, sodaß ich gerade noch rasch genug zu der gesuchten Stelle kam, um hier Zeuge eines herzbrechenden Anblickes zu werden – ein Mutterreh hing in der Schlinge! Die beiden Kälbchen, ein liebreizendes Zwillingspärchen, standen dicht an der Kopfseite ihrer laut röchelnden bisherigen Führerin, sich an deren schlanken, jetzt von einschneidender Drahtschlinge erwürgten Hals ängstlich schmiegend. Noch war ja Leben in dem alten Reh, aber der angstgequälte, peinvolle Ausdruck seines edelgeformten Kopfes und namentlich der unsäglich schmerzduldende Blick seines sanften schönen Auges ließ schon das Schlimmste fürchten.

Rasch sprang ich hinzu, um noch vor eintretendem Tode die Schlinge zu lösen und so vielleicht doch das Thier zu retten, eine Aufgabe, die zu erfüllen mir bei der scharf angezogenen Drahtschlinge nur dadurch möglich ward, daß ich die schon gebeugte Kiefernstange, an welcher letztere befestigt war, mit dem Nickfänger anschnitt und dann sammt dem daran hängenden Rehe vollends niederbrach, damit dieses vor Allem nicht mehr, an seiner entsetzlichen Fessel emporgezerrt, in der Schwebe hänge. Den schnürenden Draht nun auch noch vom Halse zu entfernen, war mein nächstes Bemühen, was mir auch gelang. Mit dem Tode ringend, sank hierauf das hingemarterte, noch in seinem tiefsten Elend so anmuthige edle Geschöpf in den weichen Waldboden nieder und ließ es ruhig geschehen, daß ich ihm das schöne Köpfchen etwas erhöht auf einen Mooshügel bettete. Sein Blick, der mich hierbei, wie bittend und dankbar zugleich, traf, zeugte mir deutlich, daß es mich nicht fürchte. Sprechen doch die Augen selbst der Thiere, besonders aber die eines Rehes, so verständnißvoll zum Menschenherzen!

Die während meiner Thätigkeit nur einige Schritte zurückgewichenen Kitzchen aber riefen noch unaufhörlich nach dem Schutze der verlorenen Mutter, die trotz meiner angewandten Sorglichkeit nicht wieder auf die Läufe zu bringen war. So kniete ich denn in wahrhaftigster Wehmuth vor dem beklagenswerthen Opfer rohester Selbstsucht. Und wie viele dergleichen Erfolge seiner Grausamkeit mochte der Schurke, der das vollbracht hatte, bereits vor Augen gehabt haben, ohne davon gerührt worden zu sein!

Der Mensch aber, der ein Herz hat, und jemals solch’ jammervolles Verenden eines Rehes, dieses lieblichsten, anmuthreichsten Wildes unserer Wälder, mit angesehen, der wird und muß einen solchen Missethäter, der dergleichen Gräuel auszuüben vermag [649] und darum bei Gelegenheit auch sicher ein Menschenleben nicht schonen würde, auf’s grimmigste hassen. Fast bedauerte ich im Augenblicke, auf den vorhin vor mir Geflohenen nicht geschossen zu haben; hielt ich diesen doch jetzt ganz unbedingt für den Baum- und Thiermörder in einer Person.

Noch strahlten des sterbenden Rehes Lichter unter ihren langen beschattenden Wimpern mit feuchtschimmerndem, tiefdunklem

Die Gartenlaube (1882) b 649.jpg

Mutterreh in der Schlinge.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.

Glanze mich an, als plötzlich unter den letzten Athemzügen, die sich seiner wehen Brust entrangen, auch die perlenschwarze Pracht des herrlichen Auges erlosch und im Brechen sich mit smaragdenem Schein bedeckte – dem Verkünder des eingetretenen Todes.

So lag es denn endlich regungslos vor mir, die nun verwaisten Kälbchen aber, denen ich bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, riefen noch immer klagend nach der vermißten Versorgerin. Doch ich konnte mich ihrer nicht weiter annehmen; denn ich würde sie nur dadurch verscheucht haben, während sie, ruhig gelassen, möglicher Weise bei der todten Mutter aushielten, bis ich Hülfe gebracht haben würde. Deshalb gab es nun für mich keinen Aufenthalt mehr; im Fluge kehrte ich nach dem Forsthause zurück, hier Meldung meiner Erlebnisse abzustatten.

Nachdem das geschehen, eilte ich mit gleicher Beschleunigung zur Trauerstätte zurück, diesmal begleitet von meinem Freunde, des Försters Sohne, und dem Gehülfen. Dort angekommen, trafen wir wirklich die Kälbchen, jetzt wieder dicht an die verendete Mutter getreten, noch vor, doch wichen dieselben bei unserem Nahen scheu zurück und deckten sich seitab in die hohen Schmalen. Sie nicht umkommen zu lassen, mußten wir die armen Dinger nun doch nothgedrungen zu fangen suchen, und als dies gelungen war, lenkten wir, schon um ihretwillen, sofort unsere Schritte wieder heimwärts, der Gehülfe das todte Reh auf der Achsel tragend, wir beiden Anderen je ein Junges im Arme. Dabei versäumten wir aber nicht, die Stelle des Holzdiebstahls zu berühren, was dem Gehülfen darum sehr wichtig erschien, weil er dort einige Spuren zur Ermittelung des Thäters zu finden hoffte; [650] denn gleich mir hielt er den Holzfrevler zugleich für den Schlingensteller. Ein zerknitterter alter Holzanweisezettel, auf ein Gemeindemitglied eines nahegelegenen Haidedorfes lautend, war ihm ein wichtiger Fund. So kamen wir denn mit gutem Erfolg bald wieder in der Försterei an und boten hier vor Allem den halb verschmachteten Kitzchen frisch gemelkte Kuhmilch, welche sie auch nach einigem Sträuben mit Befriedigung annahmen; sie wurden davon sichtlich erquickt.

Mit diesem letzten Act meines verunglückten ersten Pürschganges war nun meine Mission erfüllt, und ich habe nur noch hinzuzufügen, daß der durch den gefundenen Zettel leicht ermittelte Holzdieb ein Pantoffelschnitzer war, der sich den Lindenstamm für seinen Handwerksbedarf ausersehen hatten am Schlingenstellen aber als vollkommen unschuldig befunden wurde. Wohl aber ward durch ihn der schändliche Wilderer, den man übrigens sofort mit in Verdacht genommen, entdeckt und der That überführt. Und es war dieser kein Anderer, als der Vater des von mir eingangs bezeichneten, erst kürzlich im Zuchthause verstorbenen Schlingenstellers – ein Beweis für das alte, gute Sprüchwort: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.“




  1. Zu Holze schießen heißt in der Jägersprache bekanntlich: ein Stück Wild so anschießen, daß es in Folge dessen nicht in Kürze verendet, auch nicht des Jägers Beute wird, sondern langsam zu Grunde geht und somit Niemandem Nutzen bringt.
    D. Red.
  2. Achselstück nennt man den Klotz eines Stammes, den ein Mann auf der Achsel fortzutragen im Stande ist.