Wanderlieder (Ludwig Uhland)

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Textdaten
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Autor: Ludwig Uhland
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Titel: Wanderlieder
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aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 63–68
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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Quelle: MDZ München = Commons.
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[63]
Wanderlieder.


1. Lebewohl.

Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!
Muß noch heute scheiden.
Einen Kuß, einen Kuß mir gib!
Muß dich ewig meiden.

5
Eine Blüth’, eine Blüth’ mir brich,

Von dem Baum im Garten!
Keine Frucht, keine Frucht für mich!
Darf sie nicht erwarten.

2. Scheiden und Meiden.

So soll ich nun dich meiden,

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Du meines Lebens Lust!

Du küssest mich zum Scheiden,
Ich drücke dich an die Brust.

Ach Liebchen! heißt das meiden,
Wenn man sich herzt und küßt?

15
Ach Liebchen! heißt das scheiden,

Wenn man sich fest umschließt?

[64]
3. In der Ferne.

Will ruhen unter den Bäumen hier,
Die Vöglein hör’ ich so gerne.
Wie singet ihr so zum Herzen mir!

20
Von unsrer Liebe was wisset ihr

In dieser weiten Ferne?

Will ruhen hier an des Baches Rand,
Wo duftige Blümlein sprießen.
Wer hat euch, Blümlein, hieher gesandt?

25
Seyd ihr ein herzliches Liebespfand

Aus der Ferne von meiner Süßen?

4. Morgenlied.

Noch ahnt man kaum der Sonne Licht,
Noch sind die Morgenglocken nicht
Im finstern Thal erklungen.

30
Wie still des Waldes weiter Raum!

Die Vöglein zwitschern nur im Traum,
Kein Sang hat sich erschwungen.

Ich hab’ mich längst in’s Feld gemacht,
Und habe schon dies Lied erdacht,

35
Und hab’ es laut gesungen.
[65]
5. Nachtreise.

Ich reit’ in’s finstre Land hinein,
Nicht Mond, noch Sterne geben Schein,
Die kalten Winde tosen.
Oft hab’ ich diesen Weg gemacht,

40
Wann goldner Sonnenschein gelacht,

Bei lauer Lüfte Kosen.

Ich reit’ am finstern Garten hin,
Die dürren Bäume sausen drin,
Die welken Blätter fallen.

45
Hier pflegt’ ich in der Rosenzeit,

Wann Alles sich der Liebe weiht,
Mit meinem Lieb zu wallen.

Erloschen ist der Sonne Stral,
Verwelkt die Rosen allzumal,

50
Mein Lieb zu Grab getragen.

Ich reit’ in’s finstre Land hinein,
Im Wintersturm, ohn’ allen Schein,
Den Mantel umgeschlagen.

[66]
6. Winterreise.

Bei diesem kalten Wehen

55
Sind alle Straßen leer,

Die Wasser stille stehen,
Ich aber schweif’ umher.

Die Sonne scheint so trübe,
Muß früh hinuntergehn,

60
Erloschen ist die Liebe,

Die Lust kann nicht bestehn.

Nun geht der Wald zu Ende,
Im Dorfe mach’ ich Halt,
Da wärm’ ich mir die Hände,

65
Bleibt auch das Herze kalt.
[67]
7. Abreise.

So hab’ ich nun die Stadt verlassen,
Wo ich gelebet lange Zeit;
Ich ziehe rüstig meiner Straßen,
Es gibt mir Niemand das Geleit.

70
Man hat mir nicht den Rock zerrissen,

Es wär’ auch Schade für das Kleid!
Noch in die Wange mich gebissen
Vor übergroßem Herzeleid.

Auch Keinem hat’s den Schlaf vertrieben,

75
Daß ich am Morgen weiter geh’;

Sie konnten’s halten nach Belieben;
Von Einer aber thut mir’s weh.

8. Einkehr.

Bei einem Wirthe, wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste;

80
Ein goldner Apfel war sein Schild

An einem langen Aste.

Es war der gute Apfelbaum,
Bei dem ich eingekehrt;
Mit süßer Kost und frischem Schaum

85
Hat er mich wohl genähret.
[68]

Es kamen in sein grünes Haus
Viel leichtbeschwingte Gäste;
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
Und sangen auf das Beste.

90
Ich fand ein Bett zu süßer Ruh

Auf weichen, grünen Matten;
Der Wirth, er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt’ ich nach der Schuldigkeit;

95
Da schüttelt’ er den Wipfel.

Gesegnet sey er allezeit,
Von der Wurzel bis zum Gipfel!

9. Heimkehr.

O brich nicht, Steg, du zitterst sehr!
O stürz nicht, Fels, du dräuest schwer!

100
Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,

Eh ich mag bei der Liebsten seyn!