Was ist Krankheit?

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Was ist Krankheit?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 262–263
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Was ist Krankheit?

Krank oder unwohl“ nennt man sich, wenn widernatürliche, unangenehme oder schmerzhafte Empfindungen irgendwo im oder am Körper fühlbar werden, oder wenn die Thätigkeit irgend eines Theiles oder Organes sich in auffälliger und störender Weise verändert zeigt, oder auch, wenn an dieser oder jener Stelle des Körpers sinnlich wahrnehmbare Abweichungen in den (sogen. physikalischen) Eigenschaften, wie in der Größe, Form, Consistenz, Farbe, Temperatur u. s. w., der Gewebe und Organe bemerklich sind.

Man bezeichnet diese widernatürlichen Erscheinungen bei einem Menschen als „Krankheits-Erscheinungen (Krankheits-Symptome)“. Die ersteren, die krankhaften Empfindungen oder Schmerzen, sind natürlich nur vom Patienten allein wahrzunehmen (also subjective Symptome) und werden deshalb gar nicht selten (zumal von Frauen) erheuchelt oder doch übertrieben; sie müssen sich bei verschiedenen Menschen mit verschiedener Empfindlichkeit (Sensibilität) der Nerven ganz verschieden verhalten, und zwar auch bei demselben Leiden. Eine hysterische Dame empfindet anders, als ein robuster Kriegsmann. – Die andern beiden Symptome, nämlich die gestörte Thätigkeit und die physikalischen Veränderungen eines Theiles, sind größtentheils auch für Andere und nicht blos für den Patienten, viele natürlich blos für den Arzt, bemerklich (also objective, entweder functionelle oder physikalische Symptome) und deshalb zum Erkennen einer Krankheit ganz unentbehrlich, wenigstens dem wissenschaftlich gebildeten Arzte.

Manchmal treten bei Krankheiten gleichzeitig alle drei Arten von Erscheinungen auf, z. B. bei Augenlidentzündung schmerzt das Lid nicht nur, sondern es näßt und sondert Eiter ab, ist stark geröthet, geschwollen und schwer beweglich. Nicht selten kündigt sich aber eine Krankheit auch nur durch eins dieser Symptome an, entweder blos durch abnorme Empfindungen oder nur durch eine Störung in der Thätigkeit und im Baue des betheiligten Organes. So ist bisweilen die Leber, ja sogar die Lunge und manches andere Organ nicht unerheblich erkrankt, ohne daß der Inhaber dieses kranken Organes etwas davon empfindet und ohne daß die Thätigkeit desselben auffallend gestört wäre.

Holt man nun beim Kranksein Jemanden (männl. oder weibl. Geschlechts), der homöopathisch curirt, zur Hülfe herbei, so läßt sich dieser Jemand vom Patienten, dem er, beiläufig gesagt, gar nicht nahe zu kommen und ihn mit einer Untersuchung zu incommodiren braucht, alle Krankheits-Erscheinungen, ganz besonders aber die widernatürlichen Empfindungen, haarscharf hererzählen, – was übrigens vielen Patienten, zumal hysterischen Frauenzimmern und hypochondrischen Männern, äußerst wohl thut, – und sucht dann in seinem Gedächtnisse oder in irgend einem homöopathischen Haus-, Familien- oder Arzneischatze nach solchen Mitteln, die nach Hahnemann oder einem seiner Jünger, wenn sie in großer Gabe bei Gesunden angewendet werden, ähnliche Erscheinungen, wie sie eben der Kranke hat, irgend einmal veranlaßt haben sollen. Hat Dich, lieber Leser, z. B. der Schlag gerührt und Du bist auf Deiner ganzen rechten Körperhälfte gelähmt, so mußt Du nach Müller’s Familienarzt schnell einige Gaben Arnica zu Dir nehmen; wärst Du aber alt und Dein Athem wäre rasselnd und schnörchelnd, dann greife zum Baryt; außerdem ist noch Belladonna, Opium, Nux und Lagesis (Schlangengift) gut beim Schlagfluß. Dies müssen sonach alles Mittel sein, durch die man bei Gesunden die Erscheinungen des Schlagflusses erzeugen kann. (An Wem mögen wohl diese Experimente vorgenommen worden sein?) Hr. Dr. Lutze würde bei rechtseitiger Halblähmung die Belladonna, bei linkseitiger die Arnica und Nux verordnen, denn nach diesem großen Heilkünstler gibt es rechts- und linkswirkende homöopathische Arzneimittel.

Hat dagegen ein wissenschaftlich gebildeter Arzt Krankheitserscheinungen vor sich, dann forscht er nach der Ursache derselben und findet diese in den allermeisten (zur Zeit allerdings noch nicht in allen) Fällen in einer von der naturgemäßen abweichenden Beschaffenheit irgend eines Gewebes oder Organes (in einer sogen. organischen oder anatomischen Störung). Er überzeugt sich dabei zugleich, daß sehr oft eine und dieselbe materielle Veränderung bei verschiedenen Personen mit ganz verschiedenen Krankheitserscheinung einhergeht und daß umgekehrt auch gar nicht selten die verschiedenartigsten Störungen ganz dieselben Symptome haben. – Die Erforschung einer solchen Störung ist nun aber nur dann möglich, wenn der Arzt mit derjenigen Untersuchungsmethode gehörig vertraut ist, durch welche die physikalischen Verhältnisse der innern Theile unsers Körpers ergründet werden können, denn nur die physikalischen Symptome können richtigen Aufschluß über die Art der Erkrankung eines Organes geben. Wo jene Verhältnisse nicht zu ergründen sind, und das ist leider noch bei manchem Uebel während des Lebens des Kranken der Fall, da kann der Arzt auch kein sicheres Urtheil über die Krankheit haben. Es heißt diese Untersuchungs-Methode in der Wissenschaft die „physikalische Diagnostik“ und besteht im Besichtigen (Inspection), Befühlen (Palpation), Beklopfen (Percussion) und Behorchen (Auscultation), sowie in chemischer und mikroskopischer Untersuchung des Krankhaften. Einem Arzte, der diese Methode der Untersuchung bei seinen Kranken nicht anwendet, darf durchaus kein Vertrauen geschenkt werden.

Wenn neuerlich auch manche homöopathische Aerzte die physikalische Diagnostik anwenden, so ist das nichts als Charlatanerie, mit der sie dem Kranken Sand in die Augen streuen und glauben machen wollen, als ob sie auch zu uns, d. h. zu den wissenschaftlichen Aerzten, gehörten. Es wird auch jeder Laie ein solches Gebahren sofort als Charlatanerie erkennen müssen, wenn er erfährt, daß durch die physikalische Untersuchung materielle Zustände und Eigenschaften an Organen erforscht werden, welche die Homöopathie an Gesunden noch niemals hervorrief und überhaupt künstlich zu erzeugen gar nicht im Stande ist. Ich möchte das homöopathische Mittel und den Homöopathen wohl sehen, der, um ganz gewöhnliche Krankheiten anzuführen, eine Erweiterung und Schwindsucht der Lunge, einen Klappenfehler im Herzen, eine Vergrößerung und Verhärtung der Leber, ein Geschwür und einen Krebs des Magens etc., hervorzurufen im Stande wäre. Nur gegen einzelne subjective und functionelle Symptome, welche diese, aber auch hundert andere Leiden begleiten und die man vom Kranken recht leicht erfahren kann, nicht aber durch die physikalische Untersuchung mit Mühe aufzusuchen braucht, empfehlen die homöopathischen Arzneischätze Haufen von nichtsnutzigen Mitteln.

Die Wissenschaft bleibt nun aber nicht blos bei der Erforschung der den Krankheitserscheinungen zu Grunde liegenden materiellen (Gewebs-)Störung stehen, sondern sie fragt: wie kommt diese Störung zu Stande? Die Antwort lautet: in Folge eines unrechten Vorsichgehens der Ernährung (des Stoffwechsels) des erkrankten Theiles, und deshalb läßt sich auch Krankheit als ein falsches Vonstattengehen des Stoffwechsels, als eine Ernährungs-Störung bezeichnen. Will man also eine Einsicht in einen Krankheitsproceß haben, so muß man durchaus mit den Bedingungen, unter welchen der Stoffwechsel (s. Gartenl. 1854. Nr. 9) in Ordnung erhalten wird, gehörig bekannt sein. Wie dieser, ist auch die Krankheit ein in stetem Fortschreiten begriffener, nur abnormer Lebensproceß und stets die nothwendige Folge der, jetzt nur unter ungewöhnlichen Bedingung, im menschlichen Körper wirkenden Gesetze. Die in Folge des gestörten Stoffwechsels erzeugten und nicht mehr zu tilgenden, für’s ganze Leben bleibenden Abänderungen der Gewebe und Organe pflegt man, zum Unterschiede von der fortschreitenden Krankheit, „organische Fehler“ zu nennen. – Die Störungen des Stoffwechsels und die daraus hervorgehenden Störungen in der Structur und Thätigkeit eines Theiles finden nun zunächst ihren Grund: entweder in einer falschen Beschaffenheit der alle Gewebe unseres Körpers durchtränkenden Ernährungsflüssigkeit (welche aus dem durch die Haargefäße strömenden Blute stammt), oder in einer veränderten Thätigkeit der Zellen und der aus diesen hervorgegangenen Gewebe, welche unsere Organe aufbauen. Ob das Eine oder das Andere der Fall und wie es [263] veranlaßt worden ist, hat der wissenschaftliche Arzt zu ergründen; der Homöopath braucht sich darum natürlich nicht zu kümmern.

Während des steten Fortschreitens des Krankheitsprocesses treten nun auch in sehr vielen Fällen solche Folgezustände und zwar ganz nothwendiger Weise ein, welche eine vollständige oder theilweise Tilgung der krankhaften Entartung bewerkstelligen, und daher kommt es denn, daß die meisten Krankheiten ganz von selbst, ohne Arzt und Arznei, ja sogar trotz dieser und bei der verschiedenartigsten Behandlungsweise heilen. Man pflegt solche Folgezustände auch „Naturheilungs-Processe“ zu nennen. Sie sind’s ganz allein, denen bei der homöpathischen Curirerei mit Nichts die Genesung des Kranken zu verdanken ist. – Nicht selten führen diese Processe die Krankheit aber auch zu einem andern Ende, nämlich entweder zu bleibenden, organischen Fehlern oder zum Tode entweder des kranken Theiles (Brand) oder des ganzen Körpers (Sterben). In der Regel kann der Arzt nicht im Voraus wissen, welchen Ausgang die Krankheit nehmen wird (in Genesung, organischen Fehler oder Tod), und deshalb darf ein gebildeter Arzt sich auch niemals bestimmt darüber aussprechen, ob und wann ein Kranker gesunden oder sterben wird.

Von selbst entsteht keine Krankheit. Jede Krankheit bedarf zu ihrem Entstehen einer oder mehrerer Veranlassungen (Krankheitsursachen, Schädlichkeiten, Noxen). In den wenigsten Fällen wird die Krankheitsursache, welche den Stoffwechsel in Unordnung brachte und entweder von der Außenwelt kommt oder im Innern unseres Körpers erregt wurde, bekannt, und ebenso selten lassen sich im Voraus die Folgen der Einwirkung dieser Ursachen bemessen. Sehr häufig ziehen ganz dieselben Schädlichkeiten nicht blos bei verschiedenen Personen, sondern auch bei ein und demselben Menschen zu verschiedenen Zeiten, ganz verschiedene Krankheiten nach sich. Und umgekehrt können die verschiedenartigsten Ursachen ein und dieselbe Krankheit erzeugen. Man bezeichnet die größere Geneigtheit des Körpers oder einzelner seiner Theile, durch Schädlichkeiten in Krankheit versetzt zu werden, als Disposition, Anlage zu Krankheiten, und nennt einen Theil, der vorzugsweise gern erkrankt, den locus minoris resistentiae. – Trotzdem nun aber, daß man bei vielen Krankheiten die veranlassende Ursache nicht kennt, ist der Mensch doch im Stande, sehr viele Krankheiten von seinem Körper fern zu halten, und das lehrt ihm die Gesundheitslehre (Hygieine, Diätetik); davon später.
Bock.