Wassermangel

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Titel: Wassermangel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 126
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[126] Wassermangel. (Erscheinungen dieses Winters.) Seit Menschengedenken erinnert man sich auch in der Schweiz keines solchen Wassermangels, wie in diesem Winter. In einigen Gegenden ist das Trinkwasser bereits zu einem unansehnlichen Handelsartikel geworden. In Schaffhausen war der größte Wasserstand des Rheins, dessen man gedenkt, im Jahre 1789, der kleinste in diesem Jahre; der Unterschied des Wasserspiegels zwischen dem größten und dem kleinsten beträgt 24 Fuß 8½ Zoll. Der Züricher See ist von seinem obern Ende her fast zur Hälfte mit einer Eisdecke überkleidet. Bei Stäfa liegt eine Strecke weit im See draußen, der sogenannte „Stäfnerstein“, der zu gewöhnlichen Zeiten wenig oder gar nicht gesehen wird, jetzt aber, von einer großen flachen Felsenzinne umgeben, offen daliegt. Auf diesem kleinen Felsenplateau fand am 10. Januar ein förmliches kleines Volksfest statt. Eine Menge der lebenslustigen Stäfner vergnügt sich mit Essen, Trinken, Schießen, Kegeln und anderen Spielen auf dem Platze, den sie selbst nie zuvor betreten und der vielleicht nach langen Jahren erst wieder einmal von ihren Söhnen und Enkeln besucht werden kann. Der Klönthalersee ist so tief gefallen, daß kein Tropfen Wasser mehr in dessen Abfluß, den Löntsch, geht und was das Merkwürdigste, der Oberblegisee im Canton Glarus, 4400 Fuß über dem Meere, dessen Abfluß sonst einen wunderschönen, aus Felsspalten hervorbrechenden Wasserfall bildet, ist beinahe vollständig eingetrocknet. Die jetzt zur Eisdecke gewordene Wasserfläche, des in muldenförmiger Vertiefung in reizender Umgebung gelegenen Sees ist jetzt fast 50 Fuß tiefer als sonst; eine unheimliche Schlucht hat die Stelle des dunkelblauen Bergwassers eingenommen, wie der älteste Mann es sich nicht erinnern kann. Dagegen will man aus dem jetzt schon eingetretenem Hervorsprudeln des sogenannten „Hungerbrünnleins“ bei Gränichen im Aargau auf ein gutes Jahr schließen; und trotz der Kälte zeigen sich bereits Vorboten des Frühlings. In einigen Dörfern der Schweiz sind bereits verirrte Vorposten der Störche angekommen, und auf den Höhen herrscht schon Frühlingstemperatur. Auf dem Ütli bei Zürich war schönster Sonnenschein, während kalter Nebel auf dem Thale lag. Am 22. Januar zeigte das Thermometer auf diesem Berge im Schatten 4,8° Celsius, in der Sonne freihängend 14,8° C (fast 12° Reaumur), und die zahlreichen Besucher fingen einen Schmetterling und brachten ihn lebend in die Stadt herab. Hoffen wir, daß dem diesmal besonders gestrengen Gesellen Winter ein baldiges Frühjahr folge, das so manche Leiden und Entbehrungen zu verwischen hat!. Der erste Lenzbote ist aber doch erst der Fön, dieses stürmische Kind der brennenden Sandwüsten Afrika’s, wenn er, im Kampfe mit dem Nord- oder Südwinde, dauernd die Herrschaft gewinnt und die zähen Schnee- und Eisschichten gewaltiger und rascher schmilzt als je die Sonne kann. Seiner Herrschaft haben wir die obige wunderbare Erscheinung zuzuschreiben, daß auf den Höhen man den Anbruch des Frühlings begrüßen konnte, während die Thäler noch unter Schnee und Eis seufzen. In diesem Jahre hat er schon einige Mal wieder das Feld seinem rauheren Gegner räumen müssen; aber bis die Leser der Gartenlaube dieses zu Gesicht bekommen, hat er wohl endlich den Sieg behauptet und auch Deutschland als milder Südwind den Vorfrühling gebracht.