Weihnachtsfeier in Bethlehem

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Textdaten
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Autor: A .H.
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Titel: Weihnachtsfeier in Bethlehem
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 843-844
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Weihnachtsfeier in Bethlehem.

Derjenige, welcher schon einmal ein Weihnachtsfest im Auslande, fern von den Seinigen, verlebt hat, wird ermessen können, welche Gedanken und Gefühle mich bewegten, als ich an einem 24. December die Straße zwischen Jerusalem und Bethlehem entlang ritt. Erinnerte doch so gar Nichts an die Heimath, als der unendliche Contrast: zu Hause Schnee und Eis – hier ein wolkenloser blauer Himmel, eine auch in dieser Jahreszeit sengende Sonne; zu Hause Tannenwälder, welche mit ihrem dunklen Grün im Winter erst recht zur Geltung kommen – hier die Höhen unbewaldet, nur einigermaßen von dünn stehenden Olivenbäumen [844] mit ihrem blassen Grün gemustert; zu Hause die Menschen bis an die Ohren in Paletots oder Mäntel gehüllt, eiligst an uns vorüberschießend, um daheim den wärmenden Ofen zu erreichen – hier der Araber mit bis über die Kniee entblößten Beinen, auf einem Esel oder Kameel gemächlich seine Straße ziehend; dort Gesichter voll freudiger Erwartung, voll Lust oder voll Trauer – hier die ewige unerschütterliche Ruhe, thronend auf der Stirn des Orientalen, welcher uns sein eintöniges Marhaba (Willkommen) entgegenruft. Stand ich wirklich vor Weihnachten, dem lieben Fest meiner Jugend? Aber Weihnachten war es doch; ich war ja auf dem Wege nach Bethlehem, um die Feierlichkeiten der Lateiner in der Geburtskirche mit anzusehen, und der Reiz, den dieser Gedanke hatte, entschädigte mich einigermaßen für das, was ich heute sonst vermißte. Freilich versprach ich mir nicht allzu viel von den Eindrücken, die mich erwarteten. Fast ein Jahr im heiligen Lande anwesend, hatte ich schon so manche Feier zur unerfreulichen Carricatur verzerrt gesehen und wußte schon aus den Beschreibungen, die man mir gemacht, daß auch dieses Fest keine Ausnahme bilden würde.

Allmählich war ich dem Ziel meiner Reise näher gekommen; das traditionelle Grab der Rachel, ein Heiligthum der Juden, lag hinter mir, und ich erblickte bereits das malerisch gelegene Bethlehem. Der Anblick der Stadt ist ein durchaus wohlthuender; der sorgfältige terrassenförmige Anbau verräth uns den Fleiß der Bewohner; die vielen Wein- und Baumgärten, die zahlreichen Fruchtfelder bezeugen, daß der Name „Haus des Brodes“, oder, wie es im Arabischen heißt, „Haus des Fleisches“ ein wohlberechtigter sei. Malerisch liegt die Stadt auf zwei Hügeln, einem westlichen und einem östlichen, welche durch eine sattelartige längliche Erhöhung verbunden sind. Auch das Innere ist keineswegs so ärmlich, wie man es, nachdem man bereits andere orientalische Städte kennen gelernt hat, wohl erwarten könnte. Dazu die malerischen engen Straßen, ebenso malerisch belebt von einem Menschenschlag, der durch große schöne Gestalten und durch edle Gesichtsbildung, leider aber auch durch Unsauberkeit sich auszeichnet.

Die Männer in Bethlehem unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Tracht kaum von den übrigen Arabern, desto mehr die Frauen. Das am meisten charakteristische Merkmal in der Kleidung der Letzteren bildet die helmartige Kopfbedeckung, behängt mit allerlei Gold- und Silbermünzen, welche nebst den silbernen Armspangen das ganze Vermögen, aber auch den ganzen Stolz des Bethlehem-Weibes ausmachen. Um diesen Preis ist die Frau ihres Mannes Sclavin und willenloses Werkzeug geworden für ihr ganzes Leben. Daher bewahrt sie auch diesen ihren Schmuck auf das Sorgfältigste; es wurde mir versichert, daß Viele denselben auch während der Nacht nicht ablegen. Die Bethlehemiten, an der Zahl etwa dreitausend, sind fast sämmtlich Christen, meist griechischen oder lateinischen Bekenntnisses, und stehen sehr unter dem Einflusse ihrer Priester. Ich konnte dies deutlich wahrnehmen, als ich den lateinischen Patriarchen von Beitgala, einem benachbarten, meist von Lateinern bewohnten Dorfe, anlangen sah. In Massen drängten sie sich um sein Pferd, um ihm die Hand zu küssen oder auf sonstige Weise ihm eine fast sclavische Verehrung zu bezeigen. Man sagte mir, daß sie sich sehr hüten müßten, es mit ihren Priestern zu verderben, weil sie zum Zwecke des flotteren Verkaufes ihrer Perlmutterwaaren die priesterliche Bescheinigung nöthig haben, daß dieselben wirklich in Bethlehem gefertigt seien.

Mit dem festlichen Einzuge des Patriarchen in die Helena-Kirche nahmen die Weihnachtsfeierlichkeiten ihren Anfang. Der Platz vor der Kirche war gedrängt voll von Geistlichen aller Nationen, von Mönchen, Seminaristen, Pilgern und türkischen Soldaten, welch Letztere bei jedem Fest in Anspruch genommen werden müssen. Die Rechtsverhältnisse zwischen den verschiedenen Confessionen, welche Antheil an den Heiligthümern haben, sind so eigenthümlicher Art, daß es, wie bekannt, schon oft zu Streitigkeiten, ja zu wahren Gräuelscenen an geweihter Stätte gekommen ist.

Nach dem Einzuge wurde eine große Procession zu den Sanctuarien gemacht, an welcher auch der Patriarch Theil nahm. Die eigentlich nächtliche Feier begann erst gegen zehn Uhr. Sie bestand aus drei Theilen, der Matutin, dem feierlichen Hochamte und einer Procession hinab in die Krypta. Die Matutin wie das Hochamt wurden in der den Lateinern gehörigen Katharinen-Kirche abgehalten. Das Hochamt mit dem von wirklich prächtigen Stimmen gesungenen Gloria in excelsis machte einen in der That feierlichen Eindruck. Nur dauerte es etwas zu lange und ermüdete auf die Dauer doch. Entfernen konnte man sich nicht gut, da es unmöglich war, sich aus der dicht gedrängten Menschenmenge einen Weg in’s Freie zu bahnen. Auf der einen Seite kauerten die Weiber am Boden in ihrer eigenthümlichen Tracht und lauschten unverwandt den Gesängen, von denen ihnen kein Wort verständlich war. Die Männer standen umher mit abgenommenem Turban, was mir auffiel, da sonst der Orientale das Gotteshaus mit bedecktem Haupte zu betreten pflegt. Ich selbst hatte mich bei dem häufigen Besuche orientalischer Kirchen so an diese Sitte gewöhnt, daß ich von einem Franziskaner aufgefordert werden mußte, meinen Hut abzunehmen. Dieser Theil der Feier, die fremdartige Umgebung, diese ganze Kirche voll Gestalten in echt biblischer Tracht – Alles das würde nicht verfehlen, einen tiefen Eindruck zu machen, wenn man nicht so viele Unannehmlichkeiten mit in den Kauf nehmen müßte. Der intensive Weihrauchgeruch, das Gedränge, die Hitze machten die Kirche wirklich zu einem Orte der Qual. Als dann endlich das Hochamt zu Ende ging, als auch das feierliche „Incarnatus est“ verklungen war, eilte man so schnell wie möglich hinaus in’s Freie, um vor dem folgenden Schauspiel noch ein wenig frische Luft zu schöpfen. Bald jedoch verkündete ein gedehnter Gesang, daß die Procession bereits ihren Anfang genommen hatte. Eiligst kehrte ich zurück, und zwar in das Querschiff der Helena-Kirche, wo der Haupteingang zur heiligen Grotte sich befindet. Ich kam noch zur rechten Zeit, um den ganzen Zug der Priester und Mönche an mir vorüber passiren zu sehen. Voran schritten, wie bei jeder Procession, die Kawassen der Consulate, die Bischöfe und türkisches Militär – gewiß ein merkwürdiger Gegensatz. Dann folgte der Patriarch von Jerusalem in reicher Kleidung, eine Wachspuppe auf dem Arm. Diese Wachspuppe, das Christuskind vorstellend, bildet nun den Mittelpunkt der ferneren Ceremonien. Der Patriarch, zwar ein Mann von hoher, gebietender Gestalt, verursacht in der etwas weibischen Tracht mit der Puppe auf dem Arm dem europäischen Beschauer ein lächerliches, wenn nicht widriges Gefühl. Und widrig ist auch der ganze fernere Verlauf der Ceremonien, nachdem die Procession in der Krypta angelangt. Ist doch der Raum selber ganz dazu angethan, unliebsame historische Erinnerungen hervorzurufen. Oder kann man bei dem Anblick der den verschiedensten Glaubensbekenntnissen angehörenden Lampen, welche die Grotte erhellen, vergessen, wie oft die früher an deren Stelle hängenden in wildem Fanatismus zerschlagen wurden? Rufen uns nicht die kostbaren Tapeten, welche die Wände bekleiden, in das Gedächtniß zurück, wie oft um das Recht, den heiligen Ort zu schmücken, blutig gestritten wurde, wie oft diese Tapeten selbst von türkischen Händen in Brand gesteckt wurden?

Es würde wenig erquicklich sein, die nun folgenden Ceremonien in ihren Einzelheiten zu beschreiben. An der traditionellen Stelle der Geburt Christi wurde jetzt zunächst das Evangelium, welches die Geburt behandelt, verlesen. Hiernach wurde die Puppe aus den Armen des Patriarchen genommen und unter allerlei Manipulationen an der Geburtsstätte niedergelegt. Nachdem der Diakon dann weiter verlesen, wie Christus in Windeln gewickelt und in die Krippe gelegt worden, wird auch unsere Puppe auf die Stelle der Krippe gelegt. Hier bleibt dieselbe liegen, bis sie am folgenden Tage durch eine ältere Alltagspuppe ersetzt wird. Dies bildet den Schluß der eigentlichen Weihnachtsfeierlichkeiten zu Bethlehem. Es folgen nur noch die endlosen Messen, welche in der Grotte celebrirt werden und sich oft bis zum Nachmittag des bereits angebrochenen Tages ausdehnen.

Auf die Araber schien das Ganze einen tiefen Eindruck zu machen, ich aber fühlte mich durch das bunte, farben- und gestaltenreiche Treiben dieser Weihnachtsfeier mehr beunruhigt und aufgeregt, als gehoben und innerlich befriedigt, und als ich mich auf’s Pferd warf, um nach Jerusalem zurückzukehren, und dem Thier kräftig die Sporen gab, da konnt’ ich die Bilder der Heimath nicht bannen, die sich mir, weihnachtlich und feierlich, mit ihrem ganzen Zauber deutscher Gemüthsinnigkeit aufdrängten: in Stuben und Stübchen flimmernde Tannenbäume und lustige, fröhliche Kindergesichter unter den schattenden Zweigen; draußen, auf schneebedeckten Gassen und Märkten, lautlose Stille und heiliger Friede, den kein Menschentritt stört; über Allem aber in den Lüften hallender Glockenklang und das heimliche Wehen der Winternacht.

A. H.