Lumpenmüllers Lieschen

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Autor: W. Heimburg
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Titel: Lumpenmüllers Lieschen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 649–652
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 13 Teilen // Heft 40–52
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[649]
Lumpenmüllers Lieschen.
Von W. Heimburg.


1.

In dem Zimmer der Baronin Derenberg prasselt ein Holzfeuer im hohen Kamine und verleiht dem Gemach mit den alten geschweiften Meubeln etwas Trauliches, Anheimelndes. In einer der tiefen Fensternischen sitzt ein junges Mädchen von kaum vierzehn Jahren und schaut in das verglimmende Abendroth des kurzen Wintertages; ihr feines Profil zeichnet sich scharf ab gegen den hellen Hintergrund des Fensters. Sie hat die schmalen Hände in einander gefaltet, und ihre Gedanken wandern offenbar in die Ferne.

„Mama,“ sagte sie dann plötzlich und wendet den Kopf mit der blonden Lockenfülle der zarten, blassen Frau zu, die in einem Sessel am Kamine sitzt und strickt. „Mama, Army bleibt wieder unverantwortlich lange in Großmama’s Zimmer; wir werden nicht dazu kommen, in die Mühle zu gehen, und es ist doch schon die höchste Zeit; Army hat nur acht Tage Urlaub, und vier sind schon verstrichen. Heute hatte er mir’s ganz bestimmt versprochen, mitzukommen, – was soll nur Lieschen denken, daß er noch nicht einmal drunten war?“

Das junge Mädchen war bei diesen Worten aufgestanden und hatte sich der Mutter genähert; ein Zug von Unmuth und Ungeduld lag auf dem kindlichen Gesichte.

„Hab’ nur Geduld, Nelly!“ erwiderte die Mutter, und streichelte die blühende Wange der Tochter. „Du weißt, wenn Großmama es wünscht, muß Army bleiben so lange sie will. Großmama wird ihm Mancherlei zu sagen haben. Uebe Dich in Geduld, mein Liebling! Sie ist so nöthig für das Leben. – Zünde die Lampe an! Du weißt, es ist noch Verschiedenes an Army’s Wäsche fertig zu machen.“

Die schlanke Mädchengestalt, mit den noch kindlichen Formen, glitt beinahe geräuschlos über den getäfelten Fußboden, und bald beleuchtete die Lampe das Zimmer, das nun doppelt traulich erschien in seiner altmodischen und doch so behaglichen Einrichtung. Auch die Baronin erhob sich und nahm Platz an dem großen runden Tisch. Jetzt fiel der Schein der Lampe auf ein blasses anziehendes Gesicht, dem wohl der Kummer die vielen schmerzlichen Linien eingegraben hatte.

Das Töchterchen ihr gegenüber trug ihre Züge; in diesem Augenblicke leuchteten die blauen Augensterne unter den langen Wimpern hell auf, denn draußen im Corridor ertönte ein fester elastischer Schritt. Gleich darauf öffnete sich die Thür des Zimmers – ein schmucker junger Officier trat ein. Auf seinem neunzehnjährigen Gesicht lag der sonnigste Lebensmuth der Jugend. Nelly eilte ihm entgegen.

„Army, wie schön, daß Du kommst! Nun können wir doch noch zur Mühle gehen,“ bat sie und schlang, sich auf den Zehen erhebend, schmeichelnd die Arme um seinen Hals; „ich hole nur schnell Kapuze und Mantel, denn lange dürfen wir nicht mehr säumen; in der Mühle wird pünktlich zu Abend gegessen.“

Sie wollte fröhlich davon eilen.

„Nelly!“ rief der junge Mann und hielt sie am Arme, „laß das jetzt! Es – paßt nicht mehr,“ setzte er zögernd hinzu.

„Es paßt nicht mehr?“ Das junge Mädchen sah fragend zu dem Bruder auf.

„Nein, Nelly, Du mußt vernünftig sein; als Kind darf man umgehen, mit wem man will, weil man eben Kind ist, als Officier aber geht das nun einmal nicht –“

„Nun, Lieschen darfst Du doch besuchen; Du bist doch sonst immer so gern mitgekommen.“

„Ei, Army!“ sagte die Baronin, „das ist nicht Dein Ernst; es sind ehrenwerthe Leute, die auf der Mühle, und haben es stets gut mit Dir gemeint; es würde undankbar sein –“

„Aber Mama, ich bitte Dich,“ erwiderte er, und seine dunklen Augen leuchteten unwillig auf. „Die Leute zählen zu den Ungebildeten. Denke Dir, wenn der Müller einmal nach B. reiste und hätte den unglücklichen Gedanken, mich aufzusuchen! Ich käme in die tollste Verlegenheit.“

„Es sind gar keine ungebildeten Leute,“ rief Nelly, „und das hat Dir nur Großmama gesagt, die Lumpenmüllers nun einmal nicht leiden kann.“

Lumpenmüllers! Da haben wir’s!“ lachte der junge Officier. „Bleibe jeder in seinem Stande! Auch Du Nelly, wirst nicht immer dort verkehren können. Wenn das erste lange Kleid hinter Dir drein rauscht – dann Adieu Lumpenlieschen!“

„Nimmermehr!“ erwiderte außer sich das junge Mädchen, „ich würde Nachts zur Mühle laufen wenn man mir es am Tage verböte. Lieschen ist meine einzige Freundin. Was soll ich nur sagen, weshalb Du nicht kommst?“ Sie brach in Thränen aus.

„Es wird sich ja ein Grund finden lassen, Nelly – weine doch nicht!“ tröstete der Bruder. Seine Stimme klang weich, genau so wie früher, wenn er die Puppe der Schwester zerschlagen hatte und nicht wußte, womit er sie trösten sollte.

„O, nicht wahr, Army,“ bat sie nun und blickte hoffnungsreich zu ihm auf, „Du hast mich necken wollen – wir gehen zur Mühle, gelt?“

Er stand einen Augenblick regungslos da; vor seine Seele trat die wohlbekannte Gestalt eines kleinen Mädchens, wie er sie hundertmal früher gesehen, Lieschen, Lumpenmüllers Lieschen aus [650] der Papiermühle dort unten im Grunde; sie schaute ihn an mit den sonnigen blauen Kinderaugen; die rothen Lippen öffneten sich. „Army, kommst Du mit? Wir wollen zur Muhme gehen; sie soll uns Aepfel geben, und ein Vogelnest habe ich gesehen im Park; komm, Army, komm!“ Mechanisch machte er eine Bewegung, als wolle er die Mütze ergreifen, die auf dem Tische lag. Der Schein der Lampe traf einen funkelnden Ring an seiner Hand, in dessen goldgrünem Steine das Bärenwappen der Derenbergs blinkte; flüchtig streifte sein Blick dasselbe, und hastig ergriff er die Mütze und warf sie auf einen Nebentisch.

„Quäle mich nicht!“ sagte er kurz und wandte sich ab.

Eine lange Pause entstand; das junge Mädchen erhob sich und setzte sich auf ihren früheren Platz, das Köpfchen tief über die Arbeit beugend, aber die kleinen Finger, welche die Nadel führten, zitterten heftig, und aus den Augen fielen große Tropfen auf das weiße Zeug. Die Baronin seufzte und heftete ihre Blicke mit schmerzlichem Ausdruck auf den Sohn, der unaufhörlich im Zimmer hin und her ging. Die alte Rococo-Uhr schlug die sechste Stunde und begann ein längst vergessenes Liebeslied zu spielen; die feine zierliche Mel‘odie klang verhallend durch das Gemach, und noch immer lag das Schweigen des Unmuths auf den drei Menschen, die doch die zärtlichste Liebe verband.

„Army,“ nahm endlich die blasse Frau das Wort, „wann gab Dir die Großmama den Ring, den Du jetzt am Finger trägst?“

Er blieb vor dem Kamine stehen, und indem er das Schüreisen in die Gluth stieß, daß die Funken hoch aufsprühten, sagte er:

„Heute Nachmittag, vorhin, als ich in ihrem Zimmer war.“

„Weißt Du auch, daß es Deines Vaters Ring ist, Army?“

Der junge Mann wandte sich plötzlich um. „Nein, Mama, das hat mir Großmama nicht gesagt; sie sprach nur im Allgemeinen von der Bedeutung des Wappens und –“

„Nun, mein Kind, so sage ich es Dir,“ kam es von den Lippen der Baronin, und es schien, als zitterte ihre Stimme vor innerer Erregung. „Es ist der Ring, den Großmama einst von der kalten erstarrten Hand Deines Vaters zog, als er – gestorben war.“ Die letzten Worte klangen wie ein halb erstickter Schrei. Die Redende sank wie gebrochen in den Sessel zurück.

„Meine liebe, gute Mama!“ rief Army und war schnell neben ihr, während Nelly, sich über sie beugend, die Wange an ihr thränenüberströmtes Gesicht schmiegte.

„Weine nicht, liebe Mama!“ bat er, „ich will den Ring so hoch in Ehren halten, wie es nur ein Sohn vermag, der stolz ist auf das Andenken seines Vaters; ich will mich bemühen, ebenso gut, so edel zu werden, wie er es war.“

Es lag in diesen Worten, in den Blicken, mit welchen er zu der weinenden Mutter aufschaute, noch die ganze Ueberzeugung eines unverdorbenen kindlichen Herzens, die ganze volle Pietät, die in dem verstorbenen Vater den besten Menschen sieht. Aber die Wirkung seiner Worte war eine beinahe vernichtende. Die schmächtige Gestalt der Baronin richtete sich aus dem Sessel empor; sie blickte wie geistesabwesend auf den Sohn, und: „Army, allmächtiger Gott!“ rief sie in dem Tone der Verzweiflung. „O, nur das nicht, nur das nicht!“

„Mama ist krank,“ sagte der Sohn und eilte zum Klingelzuge. Aber ein schwaches „Komm zurück, Army! Es geht schon vorüber,“ rief ihn an ihre Seite; sie nahm dankbar ein Glas Wasser und sagte, indem sie zu lächeln versuchte:

„Ich habe Euch erschreckt, Ihr armen Kinder. – Die Erinnerung an den Tod Eures Vaters ist mir noch heute eine tieftraurige, aber jetzt, wo Army im Begriff steht, in das Leben zu treten, muß ich mit Euch von der Vergangenheit sprechen, was ich bis jetzt immer zu vermeiden suchte. Ihr habt Euch wohl schon im Stillen gewundert,“ fuhr sie nach kurzer Pause fort, „daß wir ein so einfaches, zurückgezognes Leben führen, ein Leben, das eigentlich jedes Aufwandes entbehrt. Ach, Army, nicht meinetwegen schmerzt es mich – nur Euretwegen. Ihr tretet ein in die drückendsten Verhälnisse, die man sich denken kann, heraufbeschworen durch den grenzenlosen Leichtsinn Eures –“

Sie hielt erschrocken inne und brach in bitterliches Weinen aus.

Army stand mit finster gefalteter Stirn am Kamin und sah herüber zu der weinenden Frau; der sonnige Ausdruck seines Gesichtes war wie hinweggeweht, und um seinen Mund lag ein Zug bitterer Enttäuschung.

„Als ich hier einzog an der Seite Eures Vaters, ein Kind von eben sechszehn Jahren,“ nahm die Baronin wieder das Wort, „da fand ich hier Glanz und heiteres Leben. Schloß Derenberg war wegen seiner Gastfreiheit berühmt seit langen Jahren, und Eure Großmama verstand es, ein Haus zu machen. Sie war damals noch wunderschön, fast ebenso berückend wie auf ihrem großen Bilde oben im Ahnensaal, und sie liebte Glanz und Pracht. Mir erwies sie sich so gut und lieb, daß ich wirklich meinte, eine zweite Mutter in ihr gefunden zu haben. Ach, jene kurze glänzende Zeit war die schönste meines Lebens, und als ich Dich an’s Herz drücken durfte, mein Army, und Dich, meine Nelly, da fehlte nichts zu meinem Glücke. – Dann aber kam das Schreckliche: der Tod Eures Vaters; plötzlich und jäh brach das Unglück über uns herein.“

Sie schauderte und preßte die zitternden Hände an die Schläfen, als müsse sie sich besinnen, ob das, was sie da erzählte, auch wirklich schon einer fernen Vergangenheit angehöre.

„Nach seinem Tode wurde mir in der Person des alten Justizrathes Hellwig ein Curator beigegeben. Es fand sich, daß unsere Verhältnisse mehr als ungeordnet waren; wohin auch das Auge sich wendete – Hypotheken, Pfandscheine, unbezahlte Rechnungen; es war ein Wirrwarr sonder Gleichen, in den Großmama und ich uns plötzlich versetzt sahen. Wie viel schlaflose Nächte, wie viel kummervolle Stunden sind seitdem vergangen, und doch ist bis heute trotz der Bemühungen des alten Hellwig noch nicht Licht in dem Chaos geworden.“

„Rege Dich nicht auf, liebe Mama!“ bat der junge Officier, „ich wußte ja längst, daß wir in beschränkten Verhältnissen leben, wenn ich auch nicht ahnen konnte, daß wir so arm sind, aber fasse Muth! Es kommen gewiß auch wieder andere, bessere Zeiten, und Großmama hat mir erst vorhin gesagt, daß die Sachen durchaus nicht so verzweifelt liegen, da wir jedenfalls noch eine reiche Erbschaft von Tante Stontheim zu erwarten haben.“

„Großmama glaubt allerdings an diese Erbschaft, aber –“

„Sie meint,“ unterbrach eifrig der junge Mann die Mutter, „daß ich mich, ehe ich zu meinem Regiment gehe, Tante Stontheim vorstellen soll.“

„Ich habe nichts dawider, mein Kind, und wünsche lebhaft, Großmama irre sich nicht, aber zu bedenken bleibt, daß die Derenbergs in Königsburg ebenso erbberechtigt sind wie wir; der Tochter des Obersten von Derenberg vom sechszehnten Regiment gebührt dasselbe Recht wie Dir und Nelly.“

In diesem Augenblicke öffnete Sanna, die alte Dienerin der Baronin, die hohen Flügel der Thür, und die alte Baronin Derenberg trat in’s Zimmer; eine noch immer stattliche, gebietende Erscheinung, hielt sie sich tadellos gerade, trotz ihrer begonnenen sechszig Jahren sie trug ihre einfache graue Wollrobe mit derselben Würde und Anmuth, mit der sie einst in schwerster Seidenschleppe durch das Zimmer geschritten war. Ihr volles, noch immer dunkles Haar, an den Schläfen leicht zurückgenommen, bedeckte ein Häubchen, unter dessen gelblich angehauchter Spitzenkante die mächtigen schwarzen Augen hervorflammten. Ueber ihrer ganzen Erscheinung lag ein echt aristokratischer Hauch, und aus den seinen Zügen sprach der Ausdruck eines durch nichts zu demüthigenden Stolzes. Wie alt sah die vergrämte kränkelnde Schwiegertochter aus neben dieser imposanten Frauengestalt!

Army eilte ihr entgegen; er nahm ihr ein großes Buch ab, das sie in der Hand hielt, und führte sie dann zum Kamine, wo Sanna bereits mehrere Sessel geordnet hatte. Die Enkelin war ebenfalls rasch aufgesprungen, und die blasse Frau trocknete verstohlen die letzten Thränen aus den Augen.

„Wovon war hier die Rede?“ fragte die alte Baronin, indem sie am Kamine Platz genommen und die Dienerin mit einer Handbewegung entließ. „Ich hörte etwas von ‚denselben Rechten wie Army und Nelly‘.“

„Wir sprachen von Tante Stontheim und der Erbschaftsangelegenheit,“ erwiderte ihr die Schwiegertochter, sich ebenfalls an den Kamin setzend, „und dabei gedachte ich auch der Königsburger Derenbergs und meinte, Blanka von Derenberg sei ebenso gut zu der Erbschaft berechtigt wie unsere Kinder.“

„Blanka? Welche Idee!“ rief die alte Dame achselzucked, das rothhaarige, scrophulöse Geschöpf? Die Stontheim hat – Gott sei Dank! – einen zu guten Geschmack, um solchen Mißgriff zu thun; übrigens hatte sie auch, so viel ich mich erinnere, einen sehr gerechtfertigten Widerwillen gegen diesen großthuerischen [651] Herrn Oberst und ebenso gegen seine hochblonde Frau Gemahlin, die er Gott weiß in welchem Winkel Englands oder Schottlands aufgelesen hat – sie ist ja wohl eine Miß Smith oder Newman? Nun, so etwas Obscures war es. Nein, Cornelie, das ist einmal wieder eine Deiner ganz grundlosen, hervorgesuchten Geschichten, mit denen Du Dich und Andere ängstigst.“

Es klang etwas Ironisches aus ihrer Rede, wie immer, wenn die stolze Frau das Wort an ihre Schwiegertochter richtete.

„Ich meinte nur,“ erwiderte diese sanft, „daß man durchaus nicht mit Bestimmtheit – –“ sie brach ab. „Das Leben bringt schon so viele Täuschungen mit sich, daß man wirklich –“

„Army wird es schon verstehen,“ fiel ihr die alte Dame gereizt in die Rede, „der alten grämlichen Tante das Herz so zu wenden, daß ihm das wahrhaft fürstliche Vermögen zufällt.“

„Wie meinst Du das, Großmama?“ ertönte plötzlich die klare Stimme des jungen Mannes. „Du verlangst doch hoffentlich nicht, daß ich – erbschleichen soll, wie man das so nennt? Ich werde ihr höflich begegnen, wie es einem Cavalier einer Dame gegenüber zukommt, aber das ist auch Alles – scherwenzeln kann ich nicht; was sie mir aus freien Stücken nicht geben will, mag sie behalten!“

Die Großmntter richtete sich erstaunt aus ihrer nachlässigen Stellung im Sessel auf, und ihre Augen sahen funkelnd vor Entrüstung über diese unumwundene Erklärung in die des Enkelsohnes. „Sollte man das von so einem jungen Grünschnabel für möglich halten?“ fragte sie mit einem Tone, in den sie sich bemühte, etwas Scherzhaftes zu legen, aber ihre Stimme bebte vor Aerger. „He, Army! Hast Du den Respect mit dem Cadettenrock ausgezogen und meinst, weil Du seit acht Tagen die Epaulettes trägst, Du könntest Deiner Großmutter gute Lehren geben und ihren guten Rath verschmähen? Du bist eben noch zu jung, um die Verhältnisse, in die Du jetzt eintreten wirst, richtig zu beurtheilen. Ist es Erbschleichen, wenn man das Herz einer alten einsamen Verwandten zu gewinnen sucht?“

„Ja, Großmama,“ sagte Army fest, und kein Zug veränderte sich in seinem hübschen Gesichte. „Ja, es ist Erbschleichen, sobald man mit dem Herzen eines Menschen auch sein Geld zu gewinnen sucht –“

„Das man äußerst nöthig hat, wenn man nicht zeitlebens am Hungertuche nagen und in einem Schloß ohne Herrschaft und Einkünfte darben will,“ fiel die alte Baronin zornig ein und rückte ein Stück mit ihrem Sessel zurück.

„Das gebe ich zu, Großmama, ich würde auch den schroffen Ausspruch nie gethan haben, wenn nicht noch eine Erbin da wäre; aber weil Blanka –“

„Schon wieder diese Blanka! Kennst Du sie überhaupt? Weißt Du, ob sie noch lebt, das kränkliche Geschöpf? Wie fatal es ist, diese Kinderweisheit, die stark nach der Confirmationsstunde schmeckt, auskramen zu hören! Ich wünsche dringend, Army, daß Du zur Stontheim reisest; ich dulde keinen Widerspruch; noch heute geht der Brief ab, der Dich anmeldet.“

„Gewiß, Großmama, ich werde reisen,“ sagte Army mit kalter Höflichkeit, „sobald Du es wünschest.“

Sie erhob sich; ihr stolzes Gesicht war von einer dunklen Röthe überflammt, und um den Mund lag ein eigenthümlich hartnäckiger Zug; nie war die Aehnlichkeit zwischen Großmutter und Enkel auffallender gewesen. Mit blitzenden Augen und fest auf einander gepreßten Lippen, in schroffer Haltung, so standen sie sich gegenüber, Keines dem Andern weichend.

„Du reisest morgen Nachmittag mit der Fünf-Uhr-Post,“ sagte die Alte kalt und bestimmt, und ohne die zustimmende Verbeugung des jungen Mannes abzuwarten, grüßte sie die bestürzte Schwiegertochter mit einer leisen Neigung des Kopfes und schritt hinaus.

Eine peinliche Stille herrschte, als sich die Flügeltüren hinter der hohen Gestalt der alten Baronin geschlossen hatten. Der es gewagt hatte, der stolzen Frau zu widersprechen, deren Wort Befehl für Alle im Hause war, er stand in so ruhiger Haltung am Kamin und schaute so gleichmütig in die Flammen, als sei nichts passirt. Nelly blickte den Bruder mit verwunderten Augen an; er war nicht mehr er selbst. Niemand sprach ein Wort. Nach einer Weile trat die alte Sanna in’s Zimmer; sie hielt einen Brief in der Hand und fragte:

„Haben die Frau Baronin aus dem Dorfe etwas mitzubringen? Der Heinrich muß zur Post; es schneit just so arg, und vielleicht wär’s mit Eins abzumachen.“

Die Baronin verneinte, und die Alte verschwand eilig. Army hatte sich indessen an den Tisch gesetzt und blätterte in dem Buche, das er vorhin aus den Händen der Großmutter genommen.

„Da finde ich etwas von unserer schönen Agnese Mechthilde droben im Ahnensaal,“ rief er freudig; „komm einmal her, Schwesterchen! Das ist interessant – höre nur!“

Das junge Mädchen trat zu ihm heran, bog sich über die Lehne seines Stuhles und sah mit neugierigen Augen auf das vergilbte und mit schwer zu entziffernder Schrift bedeckte Papier. Er las, mühsam buchstabirend:

„‚An dem 30. Novembris von Anno 1694 ist allhier zu Schloß Derenberg die Leiche der Hochgeborenen Frauen Agnese Mechthilde Baronin auf und zu Derenberg, Schüttenfeld und Braunsbach, so eine geborene Freiin Krobitz aus dem Hause Trauen gewesen, in dem hiesigen Erbbegräbniß solenniter begraben, und zwar alles nach ihrer eigenhändig bei Lebezeiten gemachten Verordnung. Und hat gestanden die hohe Leiche in dem Saal neben der Kapellen, und hat den Sarg gedecket erstlich ein groß weisses und über diesem ein schwarz sammetenes Leichentuch mit darauf von Silbern Toile genähetem Kreuz; obendrauf lag ein silbernes vergüldetes Crucifix, und waren auf jeder Seite acht kleinere, zu Häupten und Füssen aber größere und auf orange farben Atlas reichgestickte doppelte Wappen, so das der Derenbergs wie der Trauen, geheftet. Den Sarg trugen Die von Adel in die Kapellen, so in der Nachbarschaft seßhaft und gar oft hieselbst gebankettiret hatten. Zunächst dahinter gingen die sechs Söhne der Verstorbenen, sodann der Wittwer, so sehr betrübet war.‘“

„Das ist langweilig,“ unterbrach sich der junge Officier, „aber hier – höre weiter!“

„Und ist die Frauen Agnese Mechthilde, Baronin auf und zu Derenberg eine gar stolze und kluge Fraue gewesen, so ihrem Manne wacker beigestanden in allen Fährden. Sie hat eine lange feine Gestalt gehabt und rothes Haar, so eigentlich kein gut Zeichen sein soll, indem es in einem alten Sprüchlein heißet:

‚Frawen undt auch pferdt,
Sindt sie schön, so sindt sie wehrd,
Sindt sie aber ohne Tück,
so ist’s fürwar ein großes glück;
Darum nimb war, wasz für Haar!
Ist solches roth, hatz groß Gefahr.‘

Doch hat sie sonsten nicht mehr Tück gehabt als andere Weibsbilder auch, und ist eine feine schöne Fraue gewesen, und hat sich ihretwegen ein Cavalier, so ihr in Liebe zugethan und sie ihn nicht hat erhöret, das Leben aus Desperation selbsten genommen, was ihm Gott verzeihen möge, und hat sie ihn in seinem Blute schwimmend vor der Thür ihres Gemaches gefunden, was sie also erschrecket, daß sie zur Stund ist in ein hitzig Fieber verfallen, also daß man gemeinet hat, sie werde elendiglich ihr Leben aufgeben. Der allgütige Gott hat ihr aber eine fröhliche Genesung geschenket, doch soll sie nie wieder gelachet haben nachhero, und ist der Cavalier, so ein Junker von Streitwitz gewesen, im Schloßgarten allhier begraben.“

„Was sagst Du dazu, Mamachen?“ rief Army ganz erregt, „ich glaub’s schon, daß sich ihretwegen Einer das Leben nehmen konnte; es ist ein wundervolles Gesicht. Ich wünschte, ich könnte mir das Bild mitnehmen und in meine Lieutenantsstube hängen; sie muß ein reizendes Geschöpf gewesen sein, diese Agnese Mechthilde.“

„Ei, Army!“ lächelte die Baronin, „ich habe ja noch gar nicht gewußt, daß Deine erste Schwärmerei einer Todten gilt. Nun es ist wenigstens nicht gefährlich – was meinst Du, Nelly?“

Nelly erwiderte nichts; die heitere Stimmung wollte in den kleinen Kreis nicht wieder einkehren; das junge Mädchen saß stumm über ihre Arbeit gebeugt und dachte daran, was sie Lieschen zur Entschuldigung sagen könnte; Army vertiefte sich wieder in die Lectüre des alten Buches, und um den Mund der Baronin war das flüchtige Lächeln verschwunden. Dann und wann fuhr sie mit der Hand über die Augen und seufzte tief auf, und jedesmal, wenn ein so banger Seufzer das Ohr ihrer Kinder traf, wandten sie gleichzeitig den Kopf und ein paar traurige Blicke ruhten einen Augenblick fragend auf dem bekümmerten Gesichte der Mutter; dann nahm Jedes seine Beschäftigung wieder auf.

„Die gnädige Frau Baronin wünschen den Thee auf ihrem [652] Zimmer zu trinken,“ sagte eintretend die alte Sanna, „sie lassen um Entschuldigung bitten, daß sie nicht mit zu Abend speisen; die Frau Baronin haben Kopfschmerz.“

Die alte Frau trug einen Präsentirteller mit einer alterthümlichen kleinen Kanne und einer Tasse im Rococogeschmack. Sie war offenbar im Begriffe, ihrer Herrin den Thee zu bringen, und stand nun, einer Antwort wartend, an der Thür; sie blickte prüfend auf die drei Gestalten, als wollte sie ergründen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf sie mache. Die träumende Frau am Kamine schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben und schreckte empor, als ihre Tochter freundlich sagte:

„Wir bedauern das gewiß sehr, liebe Sanna, und wünschen Großmama herzlich gute Besserung.“

„Ist Ihre gnädige Frau krank, Sanna?“ fragte die Baronin.

„Jawohl,“ erwiderte diese, und ihre große knochige Figur richtete sich zur vollen Höhe auf, indem sie die grauen Augen unter der finsteren Stirn fest auf das erschrockene Gesicht der Fragenden richtete. „Die Frau Baronin müssen ja von hier krank fortgegangen sein, denn sie kamen mit heftigem Herzklopfen in ihr Zimmer; ich habe ihr schon drei Brausepulver mischen müssen. Wenn’s nur nichts Schlimmes wird!“

Es lag etwas Vorwurfsvolles, Impertinentes in dieser Antwort, weniger noch in den Worten, als in der Stimme und dem Ausdrucke des Gesichtes, sodaß der Baronin Derenberg plötzlich vor Entrüstung das Blut in die Wangen stieg.

„Ich bedaure sehr,“ sagte sie mit erhobener Stimme, indem sie eine entlassende Handbewegung machte, „und hoffe, daß es der gnädigen Frau morgen besser gehen wird.“

„Sehr wohl,“ erwiderte die Alte und verließ das Zimmer, aber ihre Haltung und der Ausdruck ihrer Züge unter der gefältelten Haube waren geradezu feindselig geworden.

Army war aufgesprungen, und dunkelroth im Gesichte schaute er der verschwindenden Dienerin nach.

„Army, ich bitte Dich,“ rief die Baronin, „laß sie! Du machst es nicht besser, wenn Du sie zur Rede stellst. So ist sie ja von jeher gewesen; sie kann, wie ihre Herrin, das heiße südliche Blut nicht verleugnen, und dann – sie liebt die Großmutter abgöttisch. Du weißt, Army, daß Sanna schon mit der Großmama aus Venedig hierherkam, daß sie die Zeiten des Glanzes mit ihr verlebt hat und jetzt standhaft die Sorgen und Entbehrungen mit ihr theilt. Sanna hat viele gute Seiten; eine Treue wie die ihrige ist selten; und Euch, Kinder, besonders Dich, Army, liebt sie über Alles; sie ist außerdem schon so alt, daß man ihr vieles gar nicht übel nehmen kann.“

Army antwortete nicht; er nahm seine Mütze. „Ich muß einen Augenblick in’s Freie, sonst schlafe ich schlecht,“ sagte er entschuldigend, küßte der Mutter die Hand und verließ das Zimmer.

Er stand dann in dem hohen kalten Corridor und fragte sich selbst, wohin er eigentlich wolle. „Erst muß ich mir den Paletot holen,“ dachte er, und schritt den langen Gang hinunter zu seinem Zimmer; ihm war so wunderbar zu Muthe heut – zum ersten Male hatte seine junge Stirn der Ernst des Lebens gestreift. Freilich, er wußte ja, daß seine Familie in dürftigen Verhältnissen lebte, aber er hatte sich nach echter Knabenart keine Gedanken darüber gemacht. Nun hatte ihm die Großmutter davon gesprochen und ihm zugleich die Hoffnung auf eine reiche Erbschaft in Aussicht gestellt, aber es war ja noch eine Erbin da, ein kleines rothhaariges Geschöpf, wie Großmama sie vorhin nannte.

Die schöne Agnese Mechthilde fiel ihm ein; wie hieß es doch in dem Verse: „Darumb nimb war, wasz für Haar! Ist solches roth, hatz groß Gefahr.“ Die rothen Haare würden doch nicht auch ihm Gefahr bringen? Doch nein, er hatte keine Anlage zum Idealisten.

Großmutter hatte gesagt: „Auf Dich, Army, und auf die Stontheim’sche Erbschaft baue ich meine ganze Hoffnung,“ und nun hatte er ihr etwas von „Erbschleichen“ entgegengerufen. Aber freilich die Blanka, die kleine rothhaarige Blanka – da war sie schon wieder – aber Tante Stontheim konnte ja theilen zwischen Blanka, Nelly und ihm – ja, das war ein Ausweg. Ob nicht doch noch Alles gut werden könnte?

Ihn fröstelte; er trat zum Kamin und warf eine Hand voll Reisig in das verglühende Feuer; die Flammen schlugen prasselnd aus in dem dürren Holz und beleuchteten zuckend und unsicher den getäfelten Fußboden. Ihr röthlicher Schein ließ das vergoldete Laubwerk des alte Kamins in hellem Glanz aufblitzen, und die Augen des jungen Mannes folgten träumerisch den Windungen der Eichenguirlande, die sich unter dem Sims des Kamins hinzog; in der Mitte umschloß sie kranzartig ein Schild; es stand ein Spruch darauf: „An Gott nit verzag! Glück kombt all Tag,“ ein Kernspruch alter – längst vergangener Zeiten. „Glück kombt all Tag,“ wiederholte er halblaut noch einmal; hatte er denn noch nie diese Worte gelesen? Sie ergriffen ihn mächtig in dieser Stunde; konnte denn nicht das Glück auch zu ihm wieder kommen?

Er sah empor zu den prächtigen Hirschgeweihen – alle waren sie von den Derenbergs erbeutet, wie die Täfelchen mit Namen und Datum anzeigten, alle in den Wäldern, die man theils verkauft, theils verpfändet hatte. Aber es konnte ja möglich sein – warum denn nicht? – daß er wieder dort jagte, wo seine Vorfahren so manche fröhliche Pirsch gehalten. Weg mit den Grillen! Das Leben lag ja noch vor ihm, so hoffnungsreich, so lockend, und „Glück kombt all Tag.“

Ueber sein jugendliches Gesicht flog es wieder wie Sonnenschein; das Herz klopfte ihm heiß in der Brust, und er fühlte den Muth, auch Stürmen zu trotzen. „Nur vorwärts, weiter hinein in die Woge des Lebens! Je toller die Brandung, je besser! Ob Lust oder Schmerz, ich nehme es wie es kommt; ein Leben ohne Kampf – das ist kein Leben. Ich will Großmama um Verzeihung bitten des Erbschleichens wegen,“ fuhr er fort, „auch Mama soll nicht mehr so traurig sein – warum so schwarz sehen? Selbst die Kleine hing ihr Köpfchen, ja so – das war wegen der Liese, der kleinen Lumpenliese, pah! das ist nicht der Rede werth, und sie wird es später selbst einsehen, daß –“

Er pfiff ein Liedchen vor sich hin, als er den Corridor entlang schritt, um zu seiner Mutter zurückzukehren.

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 41, S. 669–672
Fortsetzungsroman – Teil 2


[669]
2.

Am folgenden Morgen stand Army mit sonniger heiterer Miene vor der Großmutter: er hatte ihre Verzeihung erhalten. Zwar zuckte sie lächelnd die Schulter, als er ihr seine Ansicht aussprach, daß die noch unbekannte Blanka ja mit erben könne. „Du bist ein Phantast, Army,“ sagte sie scherzend, widersprach ihm aber nicht, sondern deutete mit der schlanken Hand auf ein Tabouret zu ihren Füßen. „Setz’ Dich! Ich habe Dir noch Einiges mitzutheilen, bevor wir scheiden.“

Die Zimmer der alten Dame hatten ihre luxuriöse Einrichtung behalten und machten auf den ersten Anblick einen beinahe prächtigen Eindruck. Wer genauer hinsah, bemerkte wohl, daß die Farben des schweren purpurrothen Stoffes verblichen und die Seide hin und wieder gebrochen war, aber trotzdem verliehen die Vorhänge an Thür und Fenstern, die zierlichen Palissandermöbel, der große Smyrnaer Teppich dem Zimmer einen beinahe üppig eleganten Charakter. Von den Wänden schauten aus goldenen Rahmen heitere italienische Landschaften; diese Bilder waren Erinnerungen an glückliche Tage, welche die Baronin als junge gefeierte Gräfin Luja in Venedig und Neapel verlebt hatte, und in diesen Erinnerungen vergaß sie die trostlose Gegenwart.

„Ueber Dein Verhalten gegen Tante Stontheim brauche ich Dir keinen Wink zu geben, Army,“ begann sie, eng die gestrige Klippe vermeidend. „Du wirst Dich ja zu benehmen wissen; sag’ ihr meine innigsten Grüße, und ich wäre eine alte, müde Frau geworden.“

„Diese Bestellung muß ich ablehnen, Großmama,“ sagte Army galant, „unmöglich kann ich mein Gewissen mit einer Lüge belasten.“

Die alte Dame lächelte geschmeichelt, und ihm einen leichten Streich auf die Wange gebend, bemerkte sie: „Nicht ironisch sein gegen Deine alte Großmama!“

Army küßte ihr die Hand. „Und was hat mir Großmama noch zu sagen?“

„Ja richtig, ich muß Dich noch vor etwas warnen. Du trittst sehr jung in’s Leben und hast das leidenschaftliche Blut meiner Vorfahren geerbt. Genieße Deine Jugend nach Herzenslust, aber hüte Dich vor einer ernsthaften Neigung! Es muß sich Vieles in der vereinigen, die Du einst heimführst, alte Familie und Vermögen, Army, viel Vermögen; es ist einer der wenigen Wege, die Dir offen stehen, den gesunkenen Glanz Deines Hauses wieder aufzurichten. – So, und das wäre Alles,“ schloß sie, „und wenn Du versprichst, mir mitunter zu schreiben, so hätten wir uns weiter nichts zu sagen.“

Der junge Officier lächelte.

„Gewiß, Großmama, ich schreibe bald, denn ich werde viel Zeit haben, und ängstige Dich nicht! An’s Heirathen kann ich doch unmöglich schon denken; ich bin erst achtzehn Jahre gewesen.“ Er lachte laut auf; es war auch keine Spur mehr von dem gestrigen Schatten in dem heiteren Gesichte. „Darf ich Dir jetzt Adieu sagen, Großmama?“ fragte er, „ich möchte noch einmal in den Ahnensaal hinaufgehen, um der schönen Agnese Mechthilde einen Abschiedsbesuch zu machen. Sieh, Großmama, da kann ich Dir gleich eine Beruhigung geben,“ fügte er hinzu, „wenn ich nicht ein Mädchen finde, die ihr ähnlich sieht, dann heirathe ich überhaupt nicht, denn sie ist mein Ideal einer Frau.“

„Du meinst die Mechthilde mit den rothen Haaren?“ fragte ganz erstaunt die alte Dame.

„Ja!“ nickte der Enkel. „Ich habe eine Schwäche für rothes Haar. Apropos, Großmama – darf ich das alte Buch behalten, das Du gestern Abend mit hinunter brachtest?“

„Gewiß, es ist eine Familienchronik, und ich hatte sie für Dich bestimmt.“

„Danke tausendmal! Auf Wiedersehen zu Mittag!“ Er küßte ihr die feine Hand, und gleich darauf schlossen sich die rothen Falten des Thürvorhanges hinter ihm.

Ein Liedchen pfeifend, schritt er den Corridor entlang und stand bald im Ahnensaal vor dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde. Von dem dunkel gehaltenen Hintergrund hob sich der zierliche Kopf fast plastisch ab; üppiges goldenes, beinahe röthliches Haar barg sich, von der weißen Stirn zurückgestrichen, unter einem Häubchen von Silberstoff. Unter dieser Stirn, unter den scharf gezeichneten Brauen, die seltsam contrastirten mit dem hellen Haar, blickten große dunkle Augen hervor, mit dem Ausdruck eines tiefen unergründlichen Schmerzes sahen sie den Beschauer an, so träumend, so leidversunken, als suchten sie ein verlornes Glück. Es webte ein mattes Dämmerlicht in dem großen Raume. Army zog den Vorhang des zunächst liegenden Fensters zurück, und nun flutheten die Strahlen der kalten klaren Wintersonne über die rothen Haare des schönen Weibes; es schienen goldene Fäden darin aufzusprühen, und wieder übten die Augen auf ihn den alten Zauber, diese träumenden, so unergründlich schmerzlichen Augen.

[670] Da hörte er einen leisen Schritt und die kleine rosige Hand seiner Schwester legte sich ihm auf die Schulter.

„Hier steckst Du, Army? Wir wollen zu Tische gehen. Komm hinunter, Army! Du mußt ja nachher bald fort, und ich habe Dich den ganzen Morgen noch nicht gesehen.“

Er zog das junge Mädchen an sich. „Schau mich einmal an, Nelly!“ bat er, und hob mit der Hand das Köpfchen ein wenig in die Höhe, „bist Du fröhlich oder bist Du mir noch böse?“

Ihre Augen feuchteten sich, als sie dem Bruder in’s Gesicht sah, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf.

„Böse? Nein, o nein! Aber komm doch – es ist so kalt hier.“

Er nahm ihre Hand, und sie schritten der Thür zu; ehe er sie schloß, wandte er sich nochmals zu dem Bilde um.

„‚Darumb nimb war, wasz für Haar! Ist solches roth, hatz groß Gefahr‘,“ flüsterte er vor sich hin. – –

Kaum eine Stunde später stand die alte Sanna droben an einem der Fenster des Corridors; sie blickte dem scheidenden Army nach. Er hatte Abschied genommen von der weinenden Mutter; nun ging er eben über den Schloßhof, und Nelly folgte ihm im schlichten Mäntelchen; sie hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Bruder nahe zu sein bis zur letzten Minute des Abschiedes.

„Ganz die Großmutter!“ murmelte die alte Sanna vor sich hin, „das Herz lacht Einem, wenn man ihn nur anschaut.“ Sie hielt sich die Hand über die Augen, um besser sehen zu können. „Es wird ihm nicht fehlen,“ dachte sie weiter, „er kann anklopfen wo er will: die Reichste, die Schönste wird sein, und solch Malheur, wie sein Vater hatte, wird ihn doch nicht verfolgen. O, wenn meine Baronin noch erleben könnte, daß hier im Schloß wieder ein fröhliches glänzendes Leben aufblüht! Sie thäte noch einmal jung werden und schön. O Du blutiger Heiland, wie wollte ich Dir auf den Knieen danken dafür!“

Indessen schritten die Geschwister die alte Lindenallee hinunter; es war ein wunderbar schönes Winterbild, das vor ihnen lag. Unten, wo die Allee endete, schimmerten die weißen schneebedeckten Berge herüber, von den Bäumen wie in einen Rahmen gefaßt; seitwärts blickten die Häuser des Dorfes mit ihren beschneiten Dächern hervor; fast aus jedem Schornstein stieg eine Rauchsäule kerzengerade in die kalte Winterluft, und zur andern Seite zog sich der Wald hin im herrlichen Schmuck des Anhanges; über Weg und Steg lag eine blendend weiße Decke gebreitet – todtenstill war es in der Natur; nur ein Schwarm Krähen zog mit heiserem „Krah! Krah!“ von den Bäumen empor und stiebte den weißen Schmuck der Aeste ab, der nun langsam in glitzerndem Gefunkel zur Erde schwebte. Und über dem Ganzen lag der rosige Duft der untergehenden Sonne, der in der Ferne in einem wundervollen Violett verschwamm.

Die Blicke des jungen Mannes schweiften über die anmuthige Landschaft.

„Sieh, Nelly,“ sagte er, „das Alles, soweit Dein Auge reicht, war einmal unser.“

„Auch die Papiermühle?“ fragte die Kleine und deutete hinüber zu dem schiefergedeckten Giebel derselben.

„Die Mühle selbst nicht, aber ein ansehnlicher Theil des Grundbesitzes. Großvater hat es dem Vater des Müllers verkauft, als er sich einmal in Verlegenheit befand – so erzählte mir Großmama. Der Mann geht jetzt stolz zur Jagd, während wir –“ er fuhr sich mit der Hand über die Augen; dann lachte er und begann zu pfeifen er wollte nun einmal nicht grübeln.

Am Gitterthor des Parkes wandte er sich noch einmal und sah die lange Allee zurück; dort schimmerte das mächtige Portal; die Stufen der breiten Freitreppe waren verschneit, und der Schnee war hoch hinaufgeweht gegen die massiven Flügelthüren. Märchenhaft schön trat das Schloß hervor, übergossen von der jetzt intensiv rothen Gluth der sinkenden Sonne; die Fenster leuchteten wie flüssiges Gold zu dem jungen Manne hinunter, genau so golden und rosig wie die Zukunftsträume, die sich in seinem Herzen entfaltet hatten.

„Es muß hier wieder anders werden,“ sagte er, „es muß; ich will es.“ Er wandte sich und folgte seiner Schwester.

Schweigend gingen sie neben einander her; endlich stand der junge Officier still und sah nach der Uhr.

„Weißt Du, Schwesterchen,“ sagte er, „ich muß rasch zuschreiten, will ich die Post nicht versäumen; kehr’ Du um! Du machst Dir nur kalte Füßchen in dem tiefen Schnee; leb’ wohl, Kleine, und grüße mir Alle noch einmal herzlich!“ Er beugte sich nieder und küßte ihr den frischen Mund. „Laß Dir auch die Zeit nicht gar zu lang werden in dem alten einsamen Schloß!“ fügte er hinzu und sah sie fast mitleidig dabei an.

Sie schüttelte den Kopf. „O nein, ich habe ja Lieschen.“

Sie standen gerade dort, wo der Weg, auf dem sie gekommen, in die Landstraße einbiegt. Drüben führte zwischen Tannen ein Weg nach der Papiermühle und mündete ebenfalls an dieser Stelle; die Straße senkte sich ziemlich steil zum Dörfchen hinunter, und eine Linde streckte ihre Zweige über eine verschneite Steinbank aus. Vom Dorfe her tönte jetzt deutlich ein Posthorn. „Weil ich nun scheiden muß, gieb mir den Abschiedskuß! Mädel ade, Scheiden thut weh,“ sang, die Melodie nachahmend, eine helle Kinderstimme jubelnd und neckend in die Welt hinaus, und gleich darauf trat ein junges Mädchen hinter den Tannen hervor. Sie stutzte, als sie die beiden Gestalten dort erblickte; über das kindliche Gesichtchen zog einen Augenblick eine dunkle Röthe, und ein paar tiefblaue Augen senkten sich wie erschreckt zur Erde, aber dann schritt sie gleich näher, und der liebliche rothe Mund lächelte, daß sich zwei herzige Grübchen in den Wangen bildeten.

„Ach, Nelly,“ rief sie, „wie schön, daß ich Dich treffe! Und Du, Army,“ fragte sie kindlich und ohne eine Spur von Scheu, „willst Du schon wieder fort und bist nicht einmal bei uns in der Mühle gewesen?“

Der junge Officier war dunkelroth geworden, als er die blauen Augen auf sich gerichtet sah und die Hand ergriff, die sie ihm nach Kindesart hinhielt. Er war noch nicht weltgewandt genug, um eine Entschuldigung zu erfinden; sein Lächeln verschwand vor dem köstlich rosig angehauchten Gesichtchen, das fragend und vorwurfsvoll zu ihm emporblickte.

„Army muß ganz plötzlich abreisen,“ sagte Nelly, „sonst –“ sie stockte, es war ihr unmöglich, dem arglosen Kinde etwas vorzulügen; sie hätte weinen mögen vor Scham und sah wie hülfesuchend auf ihren Bruder. Aber schon die wenigen Worte genügten dem jungen Mädchen. „Guter Army,“ sagte sie ganz beruhigt, „ich hatte Dich schon im Verdacht, Du würdest gar nicht mehr zur Mühle kommen; ich wollte eben einmal zu Nelly gehen,“ – sie lachte, daß wieder die Grübchen in den Wangen erschienen – „um nachzusehen ob es wahr ist, was die Muhme behauptet, nämlich daß Du stolz geworden bist. Nun aber kann ich sie auslachen, gelt? Du wärst heute oder morgen doch gekommen,“ sagte sie treuherzig.

Er sah zu ihr herüber, wie in Gedanken verloren. „Wie Du groß geworden bist!“ sagte er dann und ließ seine Augen über die schlanke Gestalt gleiten. Lieschen war wirklich fast so hoch emporgewachsen, wie er selbst; sie sah so anmuthig aus in dem blauen mit Pelz besetzten Sammetjäckchen; plötzlich wurde sie dunkelroth unter seinem Blick und fragte rasch:

„Willst Du mit der Fünf-Uhr-Post fort? Dann mußt Du eilen, Army; ich freue mich, daß ich Dich doch noch als Officier gesehen habe.“ Sie hielt ihm wieder die Hand hin, und wieder legte er die seine hinein; er lachte jetzt auch; es kam etwas wie Erinnerungen aus der Kinderzeit über ihn.

„Den Letzten, Army!“ rief sie dann, schlug ihn leicht auf die Schulter und lief eilig davon. Einen Moment stand der junge Mann, als wolle er, wie früher, ihr nacheilen, um ihr „den Letzten“ wieder zu geben, wie sie es jedesmal gemacht hatten, wenn sie vom Schlosse oder er von der Mühle fortgegangen war – sie hatten sich so gern damit geneckt. Aber dann zog er rasch seinen Paletot über den Armen zusammen, nickte noch einmal zurück und ging. Er sah sich nicht wieder um nach den beiden Gestalten dort, die ihm Arm in Arm nachschauten; er mußte ja eilen.

Unter der alten beschneiten Linde wurden ein Paar süße blaue Augen feucht, und eine Stimme, aus welcher der Uebermuth plötzlich so ganz geschwunden war, flüsterte ein leises „Lebe wohl!“

Auch Nelly weinte, und als seine Gestalt hinter den Häusern des Dorfes verschwand, da fragte sie ängstlich: „Nicht wahr, Lieschen, Du bist dem Army nicht böse?“

Aber Lieschen antwortete nicht; sie schüttelte nur das Köpfchen und ging ganz stumm, ganz schweigsam neben der Freundin her. Die rosige Gluth des Himmels war verblichen, und nur ein [671] mattes Gelb färbte noch den Horizont; die Fenster des alten Schlosses blickten wieder so traurig wie immer hinaus in das ewige Einerlei, und in den beiden jungen Herzen bangte die Wehmuth des Abschieds; der Kuß, den sie sich am Gitterthor des Parkes zur Gute Nacht gaben, war inniger, viel inniger als sonst, und Lieschen war es, als könne sie die kleine Hand der Freundin heute gar nicht loslassen, und nun flüsterte sie noch einmal: „Gute Nacht!“


3.

Die Lumpenmühle, wie die Papierfabrik von jeher im ganzen Umkreise genannt wurde, lag reizend zwischen hohen alten Bäumen an dem rauschenden kleinen Flusse. Das stattliche Wohnhaus mit der vergoldeten Wetterfahne auf dem spitzen Schieferdache stammte noch aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und hatte sich den Charakter der damaligen Zeit bewahrt. Die schwere eichene Hausthür mit dem blankgeputzten Messingklopfer war noch dieselbe; die vielen kleinen Scheiben der Fenster hatte noch kein neumodisches Spiegelglas ersetzt, und die geschnitzte Inschrift auf dem hervorspringenden altersgrauen Balcon verkündete, daß dieses Haus „zu Ehren Gottes Anno 1741 erbauet sei von Johann Friedrich Erving und seiner Ehefrauen Ernestine geborenen Eisenhardtin.“ Die alten Drachenköpfe an den vier Ecken des Daches waren noch immer bereit, das Regenwasser hinabzuspeien, und die grauen Sandsteinbänke neben der Hausthür unter den zwei großen Linden galten auch heute noch als der liebste Platz der Familie an schönen Sommerabenden. Ein großer Obstgarten umgab das Haus von drei Seiten mit schnurgeraden Wegen, einer schattigen Jasminlaube und vielen Johannis- und Stachelbeersträuchern; dieser Garten stand unter der besondern Herrschaft der Muhme. In der ganzen Umgegend gab es nicht solch vortreffliche Aepfel- und Birnensorten wie auf der Lumpenmühle, und der Spargel auf den sorglich gepflegten Beeten der Muhme war geradezu berühmt wegen seiner Zartheit und außerordentlichen Größe.

Wer hätte sich auch die Lumpenmühle denken können ohne die Alte? Wie gemüthlich sah sich das gleich an, wenn man über den Mühlsteg schritt, der dem Wohnhause gegenüber lag! Der alte Frauenkopf bog sich dann hinter den schneeweißen Vorhängen hervor, um den Gast mit ein Paar freundlichen hellen Augen willkommen zu heißen; die Alte schob das Spinnrad bei Seite und war so hurtig, daß sie meist den Eintretenden schon in der stets offenen Hausthür empfangen konnte mit einem freundlichen „Grüß Gott! Wie wird sich Minnachen“ – das war die Hausfrau – oder „Wie wird sich der Friedrich“ – das war der Hausherr – „freuen!“ und dann trippelte sie voran und öffnete die Thür, um den Gast in das behagliche Wohnzimmer treten zu lassen, und indem sie das gewichtige Schlüsselbund von ihrer Seite nahm, verschwand sie schleunigst in Küche und Speisekammer.

Die alte Frau lebte schon von ihrem zehnten Jahre an in der Lumpenmühle; sie war ein Waisenkind gewesen, und der Großvater des jetzigen Besitzers hatte das allzeit freundliche kleine Mädchen erzogen; so war sie die Spielgefährtin seiner beiden Kinder geworden. Sie hatte diese Wohlthat durch Treue und stete Anhänglichkeit gelohnt, hatte gute und schlechte Tage mit der Familie getheilt und war nun schon lange ein liebes Mitglied des Hauses und geradezu unentbehrlich. Die Ervings hatten sich stets ausgezeichnet durch Güte und Wohlwollen den Armen gegenüber; sie hatten die rechte Hand nie wissen lassen, was die linke that, und der Herr hatte es ihnen gesegnet, wie die Muhme so oft sagte; sie waren die reichsten Leute weit und breit.

Es hatte auf der Mühle allzeit Männer gegeben von echtem deutschem Schrot und Korn, deren Handschlag mehr galt als zehn Eide und die einen festen Willen mit Schaffensdrang und rastloser Thatkraft vereinten. Das „Bete und arbeite“ war von jeher der Wahlspruch der Familie gewesen, der den Kindern von den Eltern eingeprägt wurde. Die Mühle besaß aber noch eine Berühmtheit, die beinahe sprüchwörtlich geworden, und das war die Schönheit der Frauen und Töchter. „So sauber, als stammte sie von der Mühle“, war gang und gäbe im Dorfe, wenn man einem hübschen Mädchen ein Compliment machen wollte, und die blauen Augen der schönen Müllerskinder hatten schon seit langen Zeiten gar manch Einem Kummer und Herzweh gemacht. Die alte Mühle hatte auch viel fröhliches Leben erblühen sehen, und immer war es echte, rechte, goldene Fröhlichkeit.

Mit den Derenberg’s war immer ein nachbarliches, freundliches Einvernehmen gewesen; es waren ja beiderseitig Naturen, die sich hochachten mußten, und wenn der jeweilige Gutsherr am Mühlbach entlang ritt und der jeweilige Müller saß unter der Linde mit seiner Frau, so entspann sich immer ein freundliches Gespräch. Auch in der Noth reichte man sich die Hände, und als die Kriegsjahre von Anno 1807 bis 1813 hereinbrachen, da konnten Blutsverwandte nicht treuer zusammenhalten, als die stolzen Derenberg’s und die Ervings von der Lumpenmühle.

Als die Muhme in’s Haus kam, erblühten dem Besitzer zwei fröhliche Kinder. Das Mädchen war mit ihr in einem Alter, der Knabe um vier Jahre älter. Sie wuchs mit ihnen auf; freilich hielt die Müllerin, eine Frau, die ebenso wirthschaftlich wie fromm war, streng darauf, daß das kleine Waisenmädchen aus dem armen Tagelöhnerhause auch in ihrem Stande bliebe; sie sollte später als Magd im Hause dienen, aber Frau Erving konnte und mochte es doch nicht verhindern, daß die drei Kinder zusammen spielten und sich zwischen den beiden Mädchen eine innige Freundschaft entwickelte, die mit den Jahren immer fester wurde. Der Knabe seinerseits hielt gute Cameradschaft mit den beiden Söhnen, die drüben im Schlosse emporwuchsen und die Baronin Derenberg liebte den blondlockigen Jungen so sehr, daß sie die Eltern bestimmte, ihn an dem Unterrichte ihrer Söhne theilnehmen zu lassen. So kam der kleine Friedrich aus der Dorfschule in das Lehrzimmer des freiherrlichen Schlosses, und es hat wohl schwerlich jemals einen dankbareren Schüler gegeben.

Später, als die Derenberg’schen Söhne erwachsen waren und längst die große Tour im Auslande gemacht hatten, der Aelteste bereits das Besitzthum angetreten, das sein Vater ihm hinterlassen, und der Jüngere ein flotter Reiterofficier geworden war, auch da kamen sie immer gern einmal wieder in das alte Haus, um den Freund zu besuchen. Die kleine Lisette war indessen zur stattlichen Jungfrau herangewachsen; sie besaß die sprüchwörtliche Schönheit der Müllerstöchter in vollstem Maße und konnte mit ihren großen Augen, die so tief und blau waren wie der See in den Derenberg’schen Forsten, Jeden so herzgewinnend anschauen.

Mariechen war auch groß geworden, ein Prachtmädel, wie die Hausfrau sagte; sie sprang und sang in Küch’ und Keller umher und hatte dabei ein so neckisch – freundliches Wesen, daß man dem muntern Ding mit den rothen Wangen gut sein mußte. Sie durfte zwar jetzt die Spielgefährtin nur „Mamsell“ und „Sie“ anreden, aber heimlich kam doch das traute Lisett und Du wieder einmal über die Lippen, und gar manchen Sommerabend saßen sie eng umschlungen in der Jasminlaube dort unten am Wasser, wie sie es schon als Kinder gethan.

Und in dieser Zeit war es, wo ein schweres Geschick über die Familie hereinbrach, so schwer, daß die gebeugten Eltern es kaum zu tragen vermeinten; aus dem muntern Mariechen ward ein ernstes, stilles Mädchen; es betraf ja auch das Kleinod des Hauses, die schöne Lisett.

Das reizende Kind hatte zwar oft genug von ihrer sprüchwortkundigen Mutter den Reim gehört:

„Gleiches Gut, gleiches Blut,
Gleiche Jahre giebt die besten Paare.“

aber wie konnte sie dessen gedenken, als wirklich die Liebe in das junge Herz zog, die von Rang und Stand so gar nichts wissen will. Und sie liebte zum erstem Male mit dem reinen vertrauensvollen Kinderherzen, und die Liebe, die ihr entgegengebracht wurde, war nicht minder ernst und heilig gemeint, als die ihre. Da griff eine Hand rauh und frevelnd in das eben erblühte Glück; es war eine feine, schöne Frauenhand, aber sie riß die beiden Herzen so jäh aus einander, daß das eine seinen Wunden erlag – Lisett schloß ihre wundervollen blauen Augen nach einem kurzen, schweren Krankenlager für immer.

Von Stund an wurden alle Beziehungen zwischen Mühle und Schloß abgebrochen, und wenn die trauernde Marie den jungen Gutsherrn an der Seite seiner schönen Gemahlin drüben am Waldwege vorbeisprengen sah, dann seufzte sie wohl leise in sich hinein: „Sie ist ja aus dem leichtsinnigen Italien – wie kann sie wissen, wie einem deutschen Herzen zu Muthe ist, wenn es Jemand so recht innig lieb hat? Aber die Vergeltung schläft nicht.“ – –

Das war nun lange, lange her, und die Menschen, die damals in der Mühle gelebt hatten, waren längst todt. Marie [672] war alt geworden und bei den Ervings geblieben, geachtet und geliebt, als gehöre sie zur Familie. Friedrich Erving, der jetzige Besitzer der Mühle, der Neffe der schönen Lisett, hatte in ihr eine zweite Mutter gefunden, denn als seine Eltern früh starben, da nahm sie ihn an ihr sorgendes Herz und zog ihn zärtlich groß. Er war frisch herangewachsen unter ihrer Obhut, und als er eines Tages ein liebliches Weib heimführte, da trat sie dem jungen Paare auf der Schwelle der väterlichen Wohnung freundlich entgegen, und der junge Gatte legte ihr sein eben gewonnenes Kleinod herzlich in die Arme: „Da, Muhme“ – denn so nannte er sie stets – „nun hab’ sie auch ein wenig lieb und ersetz’ uns Beiden die Mutter!“

So war es denn auch geworden. Und als nun gar die Muhme am Taufsteine in der alten Dorfkirche stand, ein Töchterchen des jungen Paares über die Taufe hielt und ein paar große blaue Kinderaugen zu ihr aufschauten, da fielen Freudenthränen hernieder auf das Bettchen der Kleinen, und ein heißes Dankgebet für all das Glück, das ihr beschieden, stieg zum Himmel auf. Die Kleine erhielt den Namen: Lieschen.

Um diese Zeit brach die Katastrophe über die Bewohner des Schlosses herein und erschütterte die Herzen in der stillen Mühle – der jähe Tod des Baron Derenberg. Die Muhme saß schweigend vor ihrem Spinnrade und dachte, wie doch Gottes Mühlen so gerecht mahlen. Und als eines Tages ihr Liebling, das kleine vierjährige Lieschen, und noch ein ebenso kleines blondes Lockenköpfchen Hand in Hand über den Mühlweg getrippelt kamen, gefolgt von einem bildhübschen Jungen mit schwarzem Haare und trotzigen Augen, der verlegen an seiner kleinen Holzpeitsche spielte, da ging sie ihnen entgegen, nahm das süße Lockenköpfchen auf den Arm, und als die Kleine auf die Frage, ob sie oben auf dem Schlosse wohne, genickt hatte, da trug sie das Kind in die Wohnstube zu der jungen Frau und nahm dann an einer Hand den Knaben und an der andern ihr Lieschen und führte sie auch hinein, und beide Frauen, die alte und die junge, liebkosten die kleinen vaterlosen Kinder, bis das blonde Mädchen endlich die Aermchen um den Hals der alten Frau schmiegte und der Knabe mit aufleuchtenden Augen den Apfel ergriff, den sie ihm hinhielt. Und als sie dann wieder heimwärts trippelten über den Mühlsteg, der Bruder das Schwesterchen sorgsam führend und Beide immer wieder die Köpfchen wandten und zurücknickten, da preßte die junge Frau ihr Töchterchen an das Herz, und indem ihr große Thränen aus den Augen perlten, sagte sie: „Heute Abend müssen wir dem lieben Gott recht danken dafür, daß Du noch einen Vater hast, einen so guten, lieben; schau die beiden Kinder da – die haben nun keinen Vater mehr, und es fehlt ihnen sonst noch viel, so viel!“ Von dem Tage datirte die Freundschaft zwischen Lumpenmüllers Lieschen und den Derenberg’schen Kindern.

Auf der Mühle war indeß das Leben behaglich weiter geflossen. Lieschen blühte immer holder auf, sie war ein kluges Mädchen geworden und lernte fleißig. Der Herr Pastor, des Vaters Freund und ihr Pathe, unterrichtete sie, und die Frau Pastorin sprach französisch mit ihr und lehrte sie singen. Wenn sie mit ihrer schmiegsamen nicht starken Altstimme die alten Volkslieder der Heimath sang, dann wurden der Muhme die Augen feucht: „Grad wie die Lisette!“ sagte sie halblaut vor sich hin.

Daß der Army, nun er ein großer Officier geworden, die Mühle nicht wieder besucht hatte, wunderte die alte Frau kaum. „’S ist der Großmutter Blut,“ sagte sie. Aber Lieschen wollte nicht glauben, daß Army stolz geworden sein könnte, derselbe Army, mit dem sie noch vor gar nicht langer Zeit so unbefangen gelacht; sie mußte ihn selbst fragen – sie machte sich auf nach dem Schlosse. Und sie traf die Geschwister an der großen Linde; Army stand im Begriff abzureisen, aber es war ja so leicht aufgeklärt: er mußte so plötzlich fort, sonst wäre er sicher gekommen. Als sie dann wieder in der warmen Stube vor der alten Frau stand, die eifrig spann, da sagte sie: „Siehst Du, Muhme, es ist gar nicht wahr, daß der Army stolz ist; er hat nicht kommen können, weil er ganz eilig wegfahren mußte, – ich wußte es ja.“

„So?“ fragte die alte Frau.

„Ja! Du böse Muhme hast mich ordentlich erschreckt, Du –“ schmollte sie.

„Na, das Ei ist ja immer klüger als das Huhn,“ erwiderte diese. „Also Nelly hat gesagt, er hätte kommen wollen?“

„Ja, und Nelly lügt nicht.“

„Nelly ist ein gutes Kind; ich freue mich immer, wenn sie kommt; sie hat das Derenberg’sche Gesicht und Gemüth, – das waren kreuzbrave Leute, die Derenbergs, bis die – –“ Sie schwieg.

„Was meinst Du Muhme?“

„Na, wenn der Teufel die Leut’ verderben will, so ist er schön wie ein Engel.“

„Was sagst Du?“

„Nichts sage ich, das ist nur so für mich, aber glauben kannst Du’s, Liesel, was der Herr Pastor am Sonntag von der Kanzel geredet hat: ‚Unser Gott ist ein gerechter Gott,‘ das ist ein wahr Wort, und nun guck mich nicht so verwundert an! Geh’ lieber einmal an die zweite Ofenröhre! Da liegen die schönsten Bratäpfel für Dich.“

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 42, S. 689–692
Fortsetzungsroman – Teil 3


[689]
4.

Zwei Jahre und einige Monate waren darüber in’s Land gegangen. Nun war es ein Abend im Mai. Durch das geöffnete Fenster drang eine weiche berauschende Luft in das kleine Zimmer der Muhme; der Wind bewegte die jungen Blätterranken des Weines, der das Fenster einrahmte, und der Mond warf sein weißes Licht hell auf die sauberen Dielen, auf die einfachen Möbel des traulichen Stübchens und beleuchtete voll das runzlige Gesicht der alten Frau, welche, die fleißigen Hände in den Schoos gelegt, am Fenster saß und in den Garten hinaus schaute, in dem just die Apfelbäume und der Flieder in vollster Blüthe standen. Die Muhme hielt ihr Feierstündchen; Licht durfte jetzt an den längeren Abenden nicht mehr angezündet werden; das war alter, guter Brauch in ihrer Heimath, und der Mensch ruht doch auch gern einmal, nicht nur mit seinen Händen, auch mit den Gedanken. Eigentlich ruhten diese nun wohl nicht, denn sie schweiften weit hinaus in die Vergangenheit, in ferne, schöne Tage, und das war eine Freude, eine Erholung, wenn nach des Tages Last und Hitze nun die Dämmerstunde kam. Im Hause war Alles wohl beschickt und besorgt; die Gegenwart verschwand an diesem duftigen Frühlingsabend vor den Blicken der alten Frau, und die Jugendzeit tauchte vor ihr auf, duftig und mondbeschienen, wie die Welt da draußen.

Die Muhme faltete die Hände und wandte den Kopf zurück nach dem Zimmer; ihre Blicke richteten sich auf ein Bildchen über der Kommode, das im hellen Mondeslichte die Silhouette eines Männerkopfes zeigte.

„Ja, ja, mein Christian,“ flüsterte sie leise, „wir Beide haben uns lieb gehabt, sehr lieb, und wenn es auch nur eine kurze Zeit gewesen, da Du bei mir warst, vergessen habe ich sie nicht, und ich bin Dir treu geblieben bis heute. Daß das auch so kommen mußte mit Dir – so traurig! Du lieber Gott im hohen Himmel, was thut man nicht alles erleben in dieser kurzen Spanne Zeit! Es sind doch kaum ein paar vergnügte Jahre, die der Mensch hat; dann kommt der Kummer scheffelweise. – Gott, was waren wir doch ein paar lustige Mädchen, meine Lisett und ich, und just wie wir dachten, es ist am schönsten in der Welt – da ging das Weinen an. Du lieber Gott, meine Lisett und mein guter alter Christian!“ Sie nickte traurig mit dem Kopfe, denn vor ihren Augen tauchten zwei grüne, rasenbewachsene Hügel auf, da drüben im Schatten der Kirchhofs-Linden.

Da flog ein blühender Fliederzweig durch das Fenster und fiel ihr gerade auf den Schooß. Neckisches Lachen tönte herauf.

„Na, wart! Das ist die Liesel,“ sagte die Muhme, und ein schelmischer Zug verscheuchte die traurige Miene; nun saß sie ganz still und drückte sich in den Sorgenstuhl zurück. Gleich darauf tauchte ein Mädchenkopf mit dunklem Flechtenkranze vor dem Fenster auf und bog sich spähend hinein.

„Nicht da!“ sagte sie wie ärgerlich; dann schrie sie aber erschrocken auf, denn die Muhme machte in ihrem Stuhle eine schnelle Bewegung und fuhr dem Mädchen mit dem Fliederzweige sanft über das verblüffte Gesicht.

„Pfui! Wie abscheulich, Muhme, mich so zu erschrecken!“

„Ei, was! Wer wohl zuerst erschrocken war?“ erwiderte die Alte. „Warte, Du Bösewicht, willst wohl gar noch beleidigt thun?“

Das Mädchen antwortete nicht darauf, sondern fragte: „Sind Vater und Mutter schon zurück aus der Stadt?“

„Noch nicht; wird auch wohl elf werden, Kindchen. Geh’ ruhig schlafen! Ich bleibe ja wach.“

„Aber, Muhme, was denkst Du denn?“ rief das junge Mädchen. „An diesem wundervollen Abend? Komm’ doch ein bischen heraus, riech’ doch nur ein einziges Mal, wie es duftet von all dem Flieder! Du glaubst ja nicht, wie prächtig es in dem Garten ist.“

„Ach, Kind, das ist nichts mehr für mich; alte Leute sind bös jung machen; es ist doch feucht draußen, und – meine dumme Gicht – aber bleib’ Du nur draußen und genieß’ den schönen Abend!“

„Dann, Muhme, komm’ ich herein zu Dir. Darf ich? Ich kann heute Abend nicht allein sein, um die Welt nicht.“

„Nun, da komm’, Du närrisches Ding!“

Das Köpfchen verschwand vom Fenster, und bald darauf öffnete sich die Stubenthür, und die schlanke hochgewachsene Mädchengestalt im hellen Kleide trat in’s Zimmer.

„Da bin ich, Muhme!“ rief sie heiter und setzte sich auf ein Bänkchen zu Füßen der Alten. Der Mondschein fiel voll auf ein ovales Gesichtchen und zeigte ein paar wunderbar tiefe, blaue Augen, die wie bittend zu der alten Frau empor blickten.

„Muhme,“ sagte sie dann leise, „erzähle mir heute Abend einmal etwas, bitte –“

„Ei! Soll ich einem großen Mädchen Märchen erzählen?“

„O, nicht doch! Etwas aus deiner Jugend, Muhme.“

[690] „Aus meiner Jugend? Aber was denn nur?“

„Ach, Muhme, erzähl’ mir einmal, wie es war, als Du – als Du Deinen Schatz zum ersten Mal gesehen hattest!“ –

„Ei Du – neugierig Ding! Alles zu wissen bist Du noch viel zu jung. Wozu soll ich Dir das erzählen?“

„Ich bin aber siebenzehn Jahr, Muhme, andere Mädchen haben dann längst einen Bräutigam, und –“

„Ei, sieh’ mal an! Du möchtest am Ende gar auch schon Einen haben, – ei, ei, wenn ich das der Mutter erzähle –“

„Das thu’ nur, Muhme!“ rief lachend das junge Mädchen. „Mutter hat mir erst neulich ach! soviel Leinenzeug gezeigt und gesagt: ‚Das ist Alles für Deine Aussteuer, Liesel.‘“

„Na, das muß ich sagen! Aber was wolltest Du wissen?“

„Du sollst mir einmal erzählen, wie es war, als Du Deinen Seligen zum ersten Male gesehen hast?“

Die alte Frau erstaunte, und das Kind vor ihr sah mit den großen feuchtschimmernden Augen erwartungsvoll zu ihr empor. Es war so still rings umher; nur das Brausen des Wassers, das über’s Wehr floß, klang in leisen einförmigen Melodien von draußen herein.

„Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzet auf mein Grab!“ sang eine frische Mädchenstimme dort unten im Garten. „Da kam ein fremder Reitersmann und brach sie ab.“

Die Muhme hob den Kopf. „Das ist die Dora; wie sie singen kann, und hat erst heute Schelte bekommen! Lieben und Singen läßt sich nicht zwingen.“

„Ach Reitersmann, ach Reitersmann, laß Du die Lilien stehn! Die soll mein Schatz, mein allerliebster Schatz noch einmal sehn,“ klang es wehmüthig feierlich durch den stillen Abend.

„Das Liedel hab’ ich auch oft gesungen, als ich noch jung war,“ sagte die Muhme und nickte, „hab’ auch dort unten gesessen in der Jasminlaube mit der Lisett und aus Herzenslust gesungen, und sie konnt’s auch so wunderschön, – aber Du wolltest ja wissen“ unterbrach sie sich rasch, „wo ich ihn zum ersten Male gesehen? Guck, da gehe ich einmal an einem Abend, es war so schön wie heute, nur etwas später im Jahr, im Juli ungefähr, den Weg hinunter, der am Park entlang führt, und singe: ‚Er ist kein Kaiser; er ist kein König; er ist Soldat, er ist Soldat.‘ Da kommt aus dem Schatten der Lindenallee ein Mensch herausgetreten und fragt: ‚Na Jungfer, muß es gerad ein Soldat sein?‘ und weil ich so erschrocken war, hab’ ich gar nicht geantwortet und bin rasch weiter geschritten. Er aber hinter mir drein und hat höflich um Verzeihung gebeten, und wie ich ihn mir dann genauer anschaute, da sah ich in ein so gutes liebes Gesicht mit ein paar ehrlichen treuen Augen, daß ich mich gar nicht mehr fürchtete; da sind wir denn langsam zusammen weiter gegangen und er hat mir erzählt, daß er auf dem Schlosse Reitknecht sei bei der jungen Frau Baronin, was jetzt die Großmutter ist von Army und Nelly, die dazumal grad’ hingekommen war, und daß er schon oft nach mir geschaut, wenn er an der Mühle vorbei geritten, denn Du weißt ja, ich hab’ hier gedient bei Deiner Urgroßmutter selig. Und ich hab’ ihm auch erzählt von mir, und daß ich keinen Vater und Muttern mehr hätt’, und dann haben wir uns drüben am Mühlensteg die Hände gereicht und er hat gesagt: „Gute Nacht, Mariechen!“ und dann haben wir nichts mehr gesprochen, sondern sind stumm neben einander gestanden eine ganze Weile, und ich bin fortgelaufen über die Brücke, so rasch ich konnte – –“

„Wie war Dir denn zu Muthe, Muhme?“

„Ja, das weiß ich gar nicht mehr genau, Liesel,“ sagte die alte Frau, „ich weiß nur, daß es mir vorkam, als habe der Mond noch nie so golden auf die alte Mühle geschienen, und als sei der Himmel noch nie so hoch gewesen; ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und war doch am andern Tage gar nicht müde, und die Worte: ‚Gute Nacht, Mariechen!‘, die schwirrten mir immer durch den Kopf.“

Die Alte sah zu dem jungen Mädchen hinüber, dessen Augen in Thränen schimmerten. „Sag mir nur, Liesel, was ist mit Dir eigentlich?“

„Ach, gar nichts, Muhme!“ erwiderte diese. „Weißt Du, ich gehe noch ein wenig hinaus vor die Thür; Vater und Mutter müssen gleich kommen. Gute Nacht, Muhme!“

„Gute Nacht, Liesel! Behüt’ Dich Gott! Höre aber, Kind, wenn Du morgen früh wieder Spargel stichst, da laß nicht wie heute die Hälfte stehen, sonst muß ich es künftig wieder selbst besorgen, so sauer es mir wird. Gute Nacht!“

Und nun war die alte Frau wieder allein in ihrem Stübchen. Sie schloß das Fenster und ging kopfschüttelnd zur Kommode; sie sah sich ihres Christian’s Bildniß an; die Strahlen des Mondes waren weiter geglitten; sie konnte das kleine Bild nicht recht erkennen, aber sie wußte ja so genau, wie es aussah.

„Ja, so war es,“ flüsterte sie, „dort draußen am Mühlsteg, da fing es an. Lieb’ hat ein gut Gedächniß; ich weiß es heut’ Abend wieder so genau, als hätten wir gestern dort gestanden. Die Liesel ist schuld daran. Was sie nur eigentlich wollte, das närrische Ding? –“ – –

Lieschen hat sich draußen unter die Linde gesetzt, und der Mühlbach rauscht an ihr vorbei. Ihre Augen sind auf den Weg jenseits des Wassers geheftet, der zum Schlosse führt, und dort drüben hinter den dunklen Wipfeln, dort ragen die stolzen mondbeglänzten Thürme empor in den Nachthimmel, wie sie es schon so oft gesehen, so unzählige Male – wie war ihr nur heut’ so sonderbar zu Muthe?

Das machte ein unverhofftes Wiedersehen. Army war auf einmal in die Laube getreten, in der Nelly und sie gesessen und sich etwas vorgelesen. Ganz unvermuthet stand er da und schloß lachend die Schwester in die Arme, die, vor Freude dunkelroth, gar nicht sprechen konnte, und dann hatte er ganz erstaunt zu ihr hinübergesehen und sie endlich „Fräulein Lieschen“ angeredet. „Fräulein Lieschen“! Wie das klang! Sie mußte lachen und er lachte mit, oder er blieb doch dabei, sie so zu nennen. Er war größer und stattlicher geworden seit jenem Winterabende, wo sie ihn zum letzten Male unter der alten verschneiten Linde sah, und jetzt lag über dem frischen Munde ein keckes Schnurrbärtchen; wie hübsch war er doch! Und nun war der Abend von Nelly’s Geburtstag so rasch vergangen; sie hatten alte Kindererinnerungen aufgefrischt, und er war so lustig, so vergnügt gewesen; das Gesicht seiner Mutter hatte wie verklärt geleuchtet, und dann, als sie fortgehen mußte, da hatte er sie begleitet; sie waren zusammen die alte Lindenallee entlang gegangen und dann den Weg bis zum Mühlsteg, ebenso wie damals die Muhme mit dem Christian; sie hatten von ihrer Kinderzeit geplaudert, und am Mühlensteg war er stehen geblieben. „Gute Nacht, Fräulein Lieschen!“ Sie hatte wieder lachen müssen; „Gute Nacht, Herr Army!“ hatte sie sagen wollen, aber es kam nicht über die Lippen; sie hielt ihm nur unsicher die schlanke Hand hin, die er wie ein alter Bekannter ergriff, und dann wandte er sich ab und ging, und sie bog sich über das Geländer und sah in das Wasser, auf dem der Mondschein in silbernen Streifen zitterte, und hörte die Nachtigall singen in den alten Linden – wie im Traume.

„Ob er wohl diesmal in die Mühle kommen wird?“ fragte sie sich jetzt und sah hinüber zum Schloß. „Ach ja, sicher! Wenn nur Mutter nicht gerade morgen den längst besprochenen Besuch bei der Frau Oberförsterin machen will!“ dachte sie. „Nein, das wäre doch zu schade, und mitgehen müßte ich auf jeden Fall.“

Und so saß sie und träumte unter der alten Linde in der Frühlingsnacht, und der Mond lächelte still hernieder, als wolle er sie nicht stören in diesen seligen Jugendträumen; er weiß es ja, der alte Geselle, daß sie so leicht, so leicht verwehen. – –

Drüben im Schloß schimmerte noch bis spät in die Nacht gelber Lichtschein aus den Fenstern der alten Baronin. Sie saß in ihrer schwarzen Robe in den Sessel zurückgelehnt, und ihre Hände spielten mit dem weißen Tuche auf ihrem Schooße.

„Und Du sagst, Army,“ begann sie forschend zu dem jungen Officier, der ihr gegenüber saß, „Tante Stontheim habe selbst den Wunsch geäußert, daß Blanka uns hier besuchen soll?“

„Nein, liebste Großmama, das wäre zu viel gesagt,“ erwiderte dieser; „Tante Stontheim ist eine eigenthümliche Frau, einen Wunsch äußert sie eigentlich nie; sie sprach davon, daß die Fatiguen des Winters Blanka angegriffen haben, und richtete die Frage an mich, ob die Luft unserer Wälder gut sei, worauf ich natürlich, den Wink verstehend, sofort unsere Gastfreundschaft anbot.“

„Sehr übereilt, mein lieber Army! Ich muß gestehen, eine junge verwöhnte Dame hier in diesem öden einsamen Schlosse einigermaßen zu unterhalten, das dünkt mich eine schwierige Aufgabe. Es ist tactlos von der Stontheim, Dein Anerbieten anzunehmen, und noch dazu für diese Blanka. Sie kann nachher [691] ihrem Herrn Vater erzählen, wie Schloß Derenberg seine Gäste aufzunehmen vermag.“ Die Alte lachte bitter.

Army schwieg; er beobachtete einen Schmetterling, der um die Glaskuppel der Lampe flatterte.

„Wie sieht sie eigentlich aus, diese Blanka?“ fragte die Großmutter nach einer Pause.

Ueber Army’s Gesicht flog es plötzlich wie Sonnenschein. „Wie soll ich Dir das beschreiben, Großmama? Ich kann Dir nur sagen, Blanka ist eine außergewöhnliche Erscheinung; man ist geblendet, wenn man sie zum ersten Male sieht, und je öfter man sie erblickt, desto mehr Fesselndes entdeckt man an ihr.“

„Das ist ja die Ausdrucksweise eines Verliebten,“ bemerkte die alte Dame kühl; „meines Wissens hat sie nie Anlage zur Schönheit gehabt.“

Army wurde glühend roth unter den kalten Blicken der großen dunklen Augen.

„Sie ist eigentlich nicht schön; sie hat so etwas –“

„Genug!“ unterbrach ihn die Baronin ungeduldig, „sage mir lieber, wie denkt man über das Verhältniß der Tante zu Blanka und was diese zu hoffen hat?“

„Sie gilt für die einzige Erbin der Tante. Von großer Herzlichkeit der Beiden gegen einander habe ich übrigens in den vierzehn Tagen meines Dortseins zum Weihnachtsfest und zum Geburtstage der Tante nichts bemerkt.“

Die Baronin zuckte verächtlich die Schultern.

„Hast Du schon Deiner Mutter von dem zu erwartenden erfreulichen Besuch Mittheilung gemacht?“

„Nein, weder der Mama noch Nelly; sie waren nicht allein – die Kleine aus der Mühle war bei Nelly.“

„Natürlich! Es ist unbegreiflich! Ich habe mir ihre Gegenwart ein für allemal verbeten, aber leider ist sie das A und das O bei Deiner Mutter und Schwester, die in ihr einen Engel von Güte und Schönheit erblicken. – Aber, Army, wo um Alles in der Welt soll diese Blanka wohnen? Woher soll ich die Bedienung nehmen?“

„Ich hatte an die Zimmer neben den Deinen gedacht, Großmama, und das Thurmzimmer zur Wohnstube ausersehen; die Bedienung bringt Blanka mit, eine Kammerjungfer.“

„Das Thurmzimmer? Nimmermehr!“ rief die alte Dame auffahrend; ihr ohnehin bleiches Gesicht hatte in diesem Augenblick etwas beinahe geisterhaft Blasses.

Army blickte sie erschreckt an. „Wie Du willst, Großmama!“

„Mach’ das mit Deiner Mutter ab!“ fügte sie hastig hinzu, „laß die Blanka wohnen, wo sie will! Das Thurmzimmer bleibt verschlossen, so lange ich lebe. – Geh jetzt zur Ruhe! Morgen sprechen wir weiter.“

Army beugte sich auf ihre Hand und ging dann hinaus. Draußen auf dem hallenden Corridor lag der Mondschein, der durch die vielen kleinen Scheiben der hohen Fenster voll auf die weißen Steinfließen fiel.

„Noch immer das alte Lied.“ sagte er leise, „was das nur wieder heißen soll mit dem Thurmstübchen? Und ich hatte mir so reizend ausgemalt, es für Blanka einzurichten –“

„Für Blanka!“ Er stand einen Moment still; seine Gedanken flogen zurück in die große Stadt, zu der eleganten Villa mit den hohen Spiegelscheiben und der blumengeschmückten Veranda; dort oben im zweiten Stock hinter den spitzenduftigen Vorhängen, da lag sie wohl jetzt und schlief. Er trat in sein Zimmer; die Fenster waren geöffnet, und die Zugluft trug ihm einen Strom von Blüthenduft entgegen; er sah in den mondbeglänzten Park hinaus. Es überkam ihn die Erinnerung an einen Winterabend, an dem er hier in demselben Zimmer geweilt, noch unbekannt mit dem Leben, bange vor der Zukunft, und wie ihm dann der alte Spruch dort am Kamin so überraschend Hoffnung und Lebensmuth brachte. „An Gott nit verzag! Glück kombt all Tag“. War das Glück ihm gekommen? Ach nein, das Glück selbst noch nicht, aber seine Strahlen hatten ihn schon getroffen. Im Geiste sah er sich der Tante Stontheim gegenüber, in dem eleganten Zimmer.

Er war damals auf die Einladung der alten Dame zum Weihnachtsfeste in D. eingetroffen, und als er ihr die Hand küßte, die sie ihm zum Willkommen gereicht hatte, da hatte er gar nicht freundlich ausgesehen. Es wurde ihm Thee servirt, und das Gefühl, als müßte es nun unsäglich langweilig werden, legte sich wie ein Alp auf seine Brust. Da waren auf einmal die Thürvorhänge zurückgeschlagen worden, und vor ihm hatte eine Mädchengestalt gestanden, wie hereingeweht in’s Zimmer. Der Kronleuchter, der von der Decke herabhing, warf sein blendendes Licht auf ein Geschöpfchen, das elfenhaft zierlich erschien in dem wie aus Duft gewobenen blaßgrünen Kreppkleide, das sie in durchsichtigen Wogen und Wellen umrauschte. Blendend weiße zarte Schultern tauchten aus diesen Wellen auf, und über der weißen schmalen Stirn flimmerte es goldig und wallte auf den Rücken hernieder in mächtiger Fülle – üppiges rothes wundervolles Haar.

Er war aufgesprungen und hatte sie angestarrt, als sähe er eine Spukgestalt. Die junge Dame warf das prachtvolle Bouquet aus weißen Camelien auf den Tisch, eilte an ihm vorüber und begrüßte die Tante.

„Agnese!“ klang es in ihm, „die schöne Agnese Mechthilde aus dem Ahnensaal zu Hause!“

„Ist es schon so spät?“ fragte die Tante, einen prüfenden Blick über die reizende Gestalt werfend, und dann auf ihn deutend, sagte sie: „Liebe Blanka, Dein Vetter Armand von Derenberg, der für die Feiertage unser Gast sein wird!“

Die junge Dame hatte aus ein Paar dunklen Augen einen raschen Blick auf ihn geworfen; er sah sie noch immer an; er konnte nicht anders; vor ihm stand sie ja, die schöne Agnese Mechthilde, als sei sie eben aus ihrem vergoldeten Rahmen gestiegen. – Ja gewiß, er hatte sich sehr linkisch benommen; das Blut stieg ihm noch jetzt siedend heiß in den Kopf, wenn er daran dachte. Dann hatte er auf der Tante Wunsch über Hals und Kopf Toilette gemacht, saß den Damen in seidegepolstertem Wagen gegenüber und trat in feenhaft erleuchtete Säle; er war mit Blanka im Tanze über spiegelglattes Parquet geflogen, hatte mit ihr geplaudert und ihr erzählt, daß daheim im Schlosse ein Bild im Ahnensaal hänge, das ihr so ähnlich sähe und vor dem er als Knabe stundenlang gestanden in nimmersattem Schauen.

Sie hatte darob gelächelt und gemeint, sie möchte wohl einmal die Probe machen und sich daneben stellen, um zu sehen, ob es nicht viel Einbildung mit der Aehnlichkeit sei. – Freilich, die Augen, die tiefen traurigen Augen, die hatte sie nicht; wohl waren sie auch dunkel, aber dieser unergründliche Schmerz lag nicht darin; wie war das auch möglich? War sie doch so jung, so heiter, so gefeiert! – Er folgte ihr mit den Blicken, wenn sie im Tanz an ihm vorüberschwebte; wie ein goldschimmernder Schleier umwob das aufgelöste Haar ihr blasses Gesichtchen; er konnte sich nicht satt sehen an diesem wundervollen Schmuck; er beneidete jeden Andern, der mit ihr tanzte, und freute sich auf den heiligen Abend, zu dessen Feier er ja eigentlich gekommen war und den man doch gewiß still im Hause verleben würde. Aber gerade da hatte sie ihm am wenigsten gefallen, nicht daß sie weniger reizend ausgesehen – gewiß nicht; der goldene Schleier lag so wundervoll auf dem dunkelblauen Seidenstoff des Kleides; die Kerzen des Weihnachtsbaumes woben schimmernde Funken darein, aber das strahlende Lächeln fehlte, das ein Gesicht erst wahrhaft bezaubernd macht; die holde Weihnachtsfreude vermißte er gänzlich in Blankas schwarzen Augen.

Und dann folgte wieder Fest auf Fest, und endlich mußte er abreisen, wie schwer es ihm auch wurde. Er bat die Tante, bald wiederkommen zu dürfen, und in der Brusttasche der Uniform trug er ein zierliches Juchten-Etui, ein Vielliebchengeschenk der Cousine; das war sein Kleinod geworden, denn darin lag eine lange Strähne rother weicher Frauenhaare. Sie gab ihm das Haar im Scherz, auf seine Bitte, damit er vergleichen könne, welches goldiger sei, das auf dem Bilde im Ahnensaale, oder das ihre.

Army stand noch immer am offenen Fenster des dunklen Zimmers; er zog hastig das Etui hervor und betrachtete im Mondlicht die Locke, die oben und unten zierlich mit einem blauen Bändchen geknüpft war; er preßte sie an seine Lippen, und eine ganze Reihe wonniger Zukunftsbilder zog an seiner Seele vorüber; er sah sich wieder hier in dem Schlosse seiner Väter; sie stand neben ihm in der Sommernacht; er hielt den Arm um sie geschlungen, und sie schmiegte das goldige Köpfchen an seine Brust; draußen im verödeten Sandsteinboden plätscherte wieder nach langer trauriger Zeit ein frischer Wasserstrahl empor, neues fröhliches Leben verkündend.

Wie schön war dieser Zukunftstraum! Aber es war ja nur ein Traum, und die Wirklichkeit? Army schauerte zusammen; sie [692] stellte Forderungen an ihn, die ihn fast erschreckten, diese öde, unglückselige Wirklichkeit. Woher die Mittel nehmen, um dem schönen Gast die traurige Dürftigkeit im Schlosse Derenberg mit etwas Glanz und Schimmer zu verhüllen? Das Geld, o, das böse Geld!

Er blickte träumend in den Park hinaus. Der Nachtwind hatte sich aufgemacht und bewegte flüsternd die Bäume. „Es ist Schlafenszeit,“ sagte der junge Schwärmer. Leisen Fußes verließ er den Ahnensaal und suchte sein Lager auf. Im Traume erschien ihm die schöne Agnese Mechthilde; sie stand vor ihm in der silbernen Brocatrobe und darüber flog es wie ein goldener Schleier; sie sah ihn an mit ihren großen traurigen Augen und hob warnend die Hand: „Darum nimb war, wasz für Haar! Ist solches roth, hatz groß Gefahr,“ tönte es in sein Ohr.




5.

„Army, wie ich mich freue, auch einmal einen Gast haben zu dürfen,“ sagte am andern Morgen Nelly zu dem Bruder, als er an ihrer Seite durch den thaufrischen grünen Park schritt. „Was wird nur Lieschen sagen? Ich muß es ihr erzählen. Sag’ einmal, Army,“ bat sie dann schmeichelnd und schmiegte sich an ihn, „wie gefällt Dir denn eigentlich Lieschen? Ist sie nicht wunderhübsch geworden?“

„Ich weiß wirklich nicht,“ erwiderte er wie zerstreut, „ich habe gar nicht darauf geachtet; ja, ich glaube wohl, ich erinnere mich kaum mehr –“

„Aber, Army!“ kam es aus dem Munde der Schwester. „Du bist zerstreut, oder gar traurig – ist Dir etwas Unangenehmes begegnet? Kann ich Dir etwa helfen?“

„Nein, Schwesterchen,“ lachte er und strich scherzend mit der Hand über ihr blühendes Gesicht, „Du kannst mir am allerwenigsten helfen; es ist eine fatale Geschichte, ich – fürchte mich, es Mama zu sagen, aber ich kann nicht anders.“

„Ach, sag’ es nicht der Mama, Army,“ bat das junge Mädchen stehen bleibend. Sie legte die kleine Hand auf seine Schulter, und ihre Blicke hingen angstvoll an dem Gesichte des Bruders. „Bitte, nicht! Sie ist so angegriffen und weint so viel, ach bitte, sag’ es nicht, wenn es etwas Unangenehmes ist –“

In den Zügen Army’s lag eine leichte Verlegenheit.

„Ja, mein Gott,“ sagte er, „was soll ich nur thun? An Großmama kann ich mich nicht wenden; es würde vergeblich sein, da sie wirklich nicht im Stande ist, mir –“

„Army!“ flüsterte das Mädchen, den Gegenstand seiner Verlegenheit errathend, und trat näher zu ihm, „ich glaube, ich kann Dir helfen, wart’ einen einzigen Augenblick, oder nein, geh’ weiter bis unter den großen Ahorn am Deiche! Ich bin gleich wieder da.“ Und eilig lief sie den schattigen Weg zurück, die Sonnenstrahlen huschten über ihr helles einfaches Kleidchen und leuchteten über die blonden Locken; bald war sie um die nächste Biegung des Weges verschwunden.

Der junge Mann schaute ihr nach und ging dann weiter. Was wollte sie nur? Sie konnte doch unmöglich wissen – – Er saß dann auf der Steinbank und sah über das klare Wasser hin, in dem sich der blaue Himmel und die hohen Bäume so anmuthig spiegelten. „Wie schön ist es hier!“ sagte er halblaut, „wenn sie nur ein wenig Sinn für Naturschönheit hat, so muß es ihr gefallen.“

Da klangen leichte Schritte hinter ihm, und sich umwendend blickte er in das vor Freude geröthete Gesicht seiner Schwester.

„Da, Army!“ sagte sie, noch röther werdend, und legte ihm ein zierliches seidenes Beutelchen in die Hand. „Ich gebrauche es wirklich nicht, nein, ganz wahrhaftig nicht, wozu auch? Und nun sagst Du der Mama nichts, nicht wahr?“ Die Freude, etwas geben zu können, leuchtete dem lieblichen Mädchen reizend aus den blauen Augen. „Guter, lieber Army!“ bat sie, „ganz geschwind steck’ es ein! Es wird gewiß reichen.“

„Nein, Nelly, nein!“ rief er dunkelroth, „Dein Gespartes –“

Sie hielt ihm die Hand auf den Mund. „Du machst mich bös, Army,“ sagte sie, „wenn sich Bruder und Schwester nicht einmal aushelfen sollen –! Wer weiß, ich komme auch einmal zu Dir! Nun laß uns weiter gehen, sprich nicht mehr davon! Sieh’, was meinst Du, wenn wir hier einen Kahn hätten? Ich habe es mir schon lange gewünscht. Dann könnten wir mit Blanka rudern, und Lieschen – nicht wahr, Blanka wird nicht stolz sein?“

Er antwortete nicht; er kam sich in diesem Augenblicke ganz erbärmlich vor. Hastig wandte er das Gesicht ab.

Die Schwester bemerkte es. „Army,“ sagte sie, „komm bald nach! Ich muß jetzt noch schnell zu Mama, und –“ es fiel ihr nichts ein, was sie bei Mama sollte – „ich habe es eilig,“ rief sie noch zurück und schlug den nächsten Weg zum Schlosse ein.

Er folgte ihr langsam in nie gekannter Beschämung. Er hatte ihr gestern nicht einmal eine Kleinigkeit zum Geburtstage geschenkt, und heute gab sie ihm glückselig ihre ersparten Schätze. Er blieb stehen und öffnete die kleine seidene Börse; ein paar einzelne Thaler lagen darin, und dann noch etwas in Papier gewickelt; er schlug es aus einander und fand ein Goldstück, auch ein paar geschriebene Worte von der Hand seiner Mutter auf dem Papiere: „Zu einem neuen Kleide für meine Nelly,“ las er. Das junge Mädchen hatte offenbar die Worte noch gar nicht bemerkt, sonst würde sie ihm die Beschämung erspart haben; er dachte an das verwaschene Kleid, das sie gestern und heute getragen, und wie sie sich wohl gefreut haben mochte auf ein neues. Ein neues Kleid für fünf Thaler! So viel gerade hatte der Strauß gekostet, den er neulich an Blanka geschickt und den sie vielleicht am Morgen nach der Ballnacht achtlos bei Seite geworfen; er dachte an die zierliche Gestalt, die er nie anders als von schweren Seidenstoffen oder duftigen Kreppwogen umrauscht gesehen hatte – welche Gegensätze bietet doch das Leben! Dort lag das Schloß vor ihm, so imposant mit seiner riesigen Façade, seinen Thürmen, und der Sohn dieses stolzen Hauses besaß nicht so viel, um – nein, es war zum Verzweifeln.

Er wandte sich hastig und schritt zurück; sein Blick schweifte unwillkürlich über den waldigen Grund und blieb an dem spitzen Schieferdache der Papiermühle hängen; er lachte plötzlich laut auf: „Ja, die haben dafür desto mehr,“ sagte er halblaut; „man muß sich nur mit Lumpen und dergleichen einlassen, dann fließt Einem das Geld in vollen Strömen zu, und das Alles wird die Hand des kleinen Mädchens füllen, mit dem ich einst gespielt; Lumpenmüllers Lieschen ist die reichste Erbin im ganzen Umkreise – wahrhaftig zum Todtlachen, wie das so vertheilt ist im Leben.“ In seinen dunklen Augen stand indessen nichts von Lachen geschrieben; er sah unendlich deprimirt aus, der hübsche junge Officier; das Geld der Schwester brannte ihm wie Feuer in den Händen, während er hastig weiter schritt, die Lippen verächtlich auf einander gepreßt. Der schöne Zukunftstraum war vor der drückenden Gegenwart geflohen, und die Unbehaglichkeit seiner pecuniären Lage hatte ihn mit voller Gewalt ergriffen. Er nahm den kleinen Zettel mit den Worten der Mutter und legte ihn in seine Brieftasche; dann schritt er wieder weiter und erblickte, in den Hauptweg einbiegend, den alten Heinrich, der ihm so rasch, als es seine müden Beine erlaubten, entgegen kam.

„Die Frau Großmama lassen den Herrn Lieutenant bitten, gleich zu ihr zu kommen,“ bestellte er, freundlich in das erregte Gesicht des jungen Mannes sehend. –

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 43, S. 705–710
Fortsetzungsroman – Teil 4


[705] Die alte Baronin schritt hastig in ihrem Zimmer auf und ab. Ihr stolzes Gesicht war von einer feinen Röthe überhaucht, und die dunklen Augen richteten sich ungeduldig auf den rothen Vorhang der Thür, durch den der Enkelsohn eintreten mußte. Ihre Hand hielt einen offenen Brief, und von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und warf einen Blick auf das Papier.

„Es ist unglaublich,“ sagte sie dann leise, „diese Königsburger Derenbergs! Sich so festzusetzen, Dio mio! Was giebt mir die Stontheim für Pillen in diesem kurzen Briefe! Und doch muß man noch Gott danken, daß die Sache sich so arrangirt; wie froh bin ich, daß ich trotz der Kühle, die zwischen uns herrscht, darauf bestand, daß Army sich ihr vorstellen mußte!“ Sie warf wieder einen Blick in den Brief.

„Ich habe in Armand,“ las sie, „einen netten, lieben Menschen kennen gelernt, einen jungen Cavalier ganz vom Charakter der Derenberg’s, und trotz der eigentlich nur kurzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich ihn herzlich lieb gewonnen.“

Um die Lippen der alten Dame kräuselte es sich verächtlich.

„Ich bin, wie Sie von früher her wissen werden,“ las sie weiter, „eine Natur, die durchweg gerade und ehrlich ihre Meinung heraussagt – daß wir Beide uns nie verstanden haben, lag wohl in der allzu großen Verschiedenheit unserer Anschauungen; heute sind wir Beide alte Frauen geworden, liebste Derenberg, und es wäre wohl an der Zeit, Frieden zu machen für die kurze Spanne Leben, die uns noch gehört. Ich biete Ihnen die Hand dazu, lassen Sie das Frühere vergessen sein! Die Schuld lag vielleicht auf beiden Seiten. Und nun möchte ich Sie zur Vertrauten eines Lieblingswunsches machen, der auch Armand betrifft. Durch ihn werden Sie bereits wissen, daß in meinem Hause eine junge Verwandte lebt, die, mutterlos, jetzt die Stelle einer Tochter in meinem einsamen Leben ausfüllt, und die ich liebe, als wäre sie es wirklich. Wenn mich nicht Alles täuscht, sieht Armand seine Cousine nicht mit gleichgültigen Blicken an, – ich würde mich aufrichtig freuen, liebste Derenberg, lernten sich die Beiden lieben, und um hierzu die Gelegenheit zu bieten, schicke ich Blanka unter dem Vorwande, ihre Gesundheit zu kräftigen, in Eure waldumrauschte Heimath. Möchten sich dort die beiden jungen Herzen finden, damit ich in Armand noch einmal einen Sohn begrüßen kann! Sie sind eine kluge Frau, liebste Derenberg, und ich brauche Sie nicht erst zu bitten, den jungen Leuten keinerlei Andeutungen von meinen Wünschen zu machen; ich hoffe, daß sie sich aus wirklicher Neigung einander nähern; es ist möglich, daß Blanka in ihrem klugen Köpfchen meine Absicht ahnt; mitgetheilt habe ich ihr dieselbe nicht. Und nun möge der Herr für das Weitere sorgen und es zu unserer Freude ausführen! Indem ich Ihnen im Geiste noch einmal versöhnend die Hand reiche, bin ich in der Hoffnung baldiger Antwort, liebste Derenberg, Ihre Ernestine Gräfin Stontheim geborene Derenberg.“

„Es ist wirklich grandiös,“ setzte die alte Dame hinzu, „und man muß wahrhaftig noch gute Miene zum bösen Spiel machen; es ist raffinirt von der Stontheim, aber so war sie immer. Blanka ist ihre Erbin – das ist klar, und nun, da sie den Jungen kennen gelernt hat, möchte sie die Sache auf gute Weise arrangiren; ich muß mit süßer Miene in diesen sauren Apfel beißen und Gott danken, daß es noch so kommt; sie ist ein boshafter Charakter, diese Stontheim. Aber eine Andeutung muß ich ihm doch machen; es scheint, daß ihm diese Blanka nicht gleichgültig ist, und –“

In diesem Moment trat Army in’s Zimmer. Die Großmutter sah freundlich zu ihm hinüber.

„Ich habe einen Brief von der Stontheim,“ sagte sie, stehen bleibend und ihm die Hand entgegenstreckend, „sie meldet Blanka an, und nun, mein Herz, vergiß, daß ich gestern so unfreundlich Deinen Plänen gegenüberstand! Ich hatte einen leichten Anflug von meiner Migräne, und das verstimmte mich; ich freue mich wirklich auf den Besuch der jungen Dame.“

Army, der eben den lockigen Kopf von ihrer Hand erhob, sah aufleuchtend in das Gesicht der Großmutter: „Wirklich, Großmama? Ich danke Dir; Du nimmst eine Centnerlast von meiner Seele; es war mir sehr unangenehm, daß Dir eine Bürde auferlegt werden sollte, die Dir nicht convenirte. Darf ich wissen, was die Tante sonst noch schreibt?“

Die alte Dame lächelte. „Nein, mein Herz,“ sagte sie, „es thut nicht gut, wenn man zuviel Schmeichelhaftes über seine Person hört.“

„Tante hat mich gern?“ fragte er ganz aufgeregt und drehte das kecke Schnurrbärtchen.

„Tante meint, Du seist ein guter vernünftiger Junge und würdest gewiß dereinst ein richtiger alter Derenberg werden.“

Army’s Miene verfinsterte sich. „Ist das Alles?“

„Besonders wenn,“ kam es schalkhaft von den feinen Lippen der Großmutter, „wenn Dir eine schöne geliebte Frau zur Seite steht.“

„Hat sie das geschrieben?“ rief er hastig und erröthend, [706] indem er stürmisch ihre Hände ergriff. Einzige Großmama, sei gut! Sage mir, erwähnte sie etwas von ihr, von Blanka? Denkt sie, daß mich Blanka auch liebt?“

Army! Mein Gott, wie unfein! Mäßige Dich! Wer spricht von Blanka? Ich habe gar nichts gesagt – verstehst Du? Gar nichts; wer denkt daran? Du bist ja erst einundzwanzig Jahre.

Aber Army hatte die Arme um den Hals der Großmutter geschlungen und drückte trotz ihres Widerstrebens ein paar herzhafte Küsse auf ihren Mund, und dann stürmte er höchst unceremoniell aus dem Zimmer.

Orribile!“ sagte die alte Dame, ihr Spitzenhäubchen zurecht rückend, „er muß sie bereits ganz schrecklich lieben; wenn ihn die Stontheim jetzt gesehen hätte, würde sie kaum noch an den Derenberg’schen Charakter glauben.“ Sie blieb sinnend stehen und schien in der Vergangenheit nach etwas zu suchen das sie an das eben Erlebte gemahnte. Plötzlich tauchte eine Erinnerung aus besseren Tagen in ihr auf; sie sah sich als junges schönes Mädchen, wie sie im glücklichen Rausch der halbblinden Duenna um den Hals fiel und sie stürmisch küßte. Und warum? Weil draußen auf dem Balcon unter dem blühenden Oleander in der weichen Abendluft ein schlanker blonder Mann in fremdklingendem Italienisch ihr so viel erzählt hatte von einem alten deutschen Schlosse inmitten grüner Eichenwälder, und von einer alten deutschen Frau mit treuen blauen Augen ... Ein milder Zug legte sich um ihren Mund, als sie an den Jubel ihres jungen Herzens dachte. „Er hat doch mein Blut in den Adern“ sagte sie dann, „gebe Gott, daß ihm das Leben seine Wünsche treuer erfüllt, als mir!“ Dann setzte sie sich in den Sessel vor ihren Schreibtisch und malte sich die Zukunft aus, die eben in rosigem Schimmer zu dämmern begann, und vor den Augen der sinnenden Frau stand wieder das alte Schloß in all dem Zauber, der es einst umwob.

Unterdessen trieb es Army in stürmischer Unruhe im Park umher. Er hatte vorhin seine Schwester beinahe erdrückt und ihr etwas Unverständliches erzählt von einem neuen Kleide, einem blauen, wie Blanka es tragen er hatte der Mutter, die des Sohnes aufgeregtes Wesen gar nicht begreifen konnte, von der Nothwendigkeit gesprochen, ihre leidende Gesundheit durch den Besuch eines Bades zu unterstützen, und sei es nicht in diesem, so doch bestimmt im nächsten Jahre. Er war dann mit Nelly und dem alten Heinrich in den Zimmern gewesen, die er für Blanka ausersehen, und hatte hier angeordnet und dort befohlen; die Schwester hatte ihm ihr Nähtischchen versprechen müssen und die Blumenetagère der Mutter; dann hatte er die Vorhänge und die Bilder getadelt, hatte letztere herausgenommen und andere dafür aufgehangen und Nelly mehrmals erklärt, er werde Teppiche und Vorhänge aus seiner Garnison besorgen statt des alten verschossenen Zeugs und auch eine neue Livrée für Heinrich. Zuletzt hatte er die Schwester umfaßt und gefragt, ob sie wohl glaube, daß es Blanka hier ein wenig gefallen könnte, und ob sie nicht auch finde, daß von diesem Zimmer die schönste Aussicht sei? Und ohne ihre Antwort abzuwarten, hatte er hinzugefügt: „Nein, Schwesterchen, was Du Dich wundern wirst, wenn Du sie siehst, was Du Dich wundern wirst!“ Darauf war er hinausgegangen in den alten Park und wanderte nun mit hastigen Schritten durch die verwachsenen Gänge; er sehnte die Stunde der Abreise herbei, um ihr bald sagen zu können, wie man sich zu Hause freue auf ihren Besuch – und endlich wurde es Abend, und er schritt nach kurzem Abschiede mit einem aus vollstem Herzen gesprochenen „Auf frohes Wiedersehen!“ in der duftenden Frühlingsnacht dem Dörfchen zu, um die Post zu benutzen. Am Parkgitter pflückte er noch einen vollen lila Fliederzweig, einen Gruß aus seiner Heimath für Blanka. Und endlich, endlich blies der Postillon und er fuhr hinaus in das stille Land mit tausend glückseligen Gedanken.

Dort drüben aber in der Mühle, da öffnete sich leise ein Fenster und ein brauner Mädchenkopf bog sich heraus und sah mit feuchten sehnsüchtigen Augen zu der Landstraße hinüber. Sie wußte, daß er heute Abend wieder abreisen werde; er hatte es ihr ja selbst gesagt, und sie hatte auf ihn gewartet und gewartet den ganzen Tag, aber er war nicht gekommen; und horch! da schallte das Posthorn herüber durch die stille Nacht. Wie traurig das klang! Vom Walde tönte leise ein Echo zurück, und sacht, ganz sacht schloß sich das Fenster wieder.



6.

Am andern Tage war schlechtes Wetter. Der Himmel hatte sich mit einförmigem trübem Grau bezogen, und ein leiser Regen fiel in die Apfelblüthenpracht und in den Flieder. Lieschen stand am Nachmittage oben in ihrem Stübchen und schaute mit trauriger Miene über den nassen Garten hinweg nach dem Schlosse, dessen Thürme wie in graue Schleier gehüllt erschienen.

Das war so ein recht verkehrter Tag heute – alle Welt machte ein böses Gesicht; der Vater hatte etwas Unangenehmes im Geschäft gehabt; die Muhme war ärgerlich, weil Dörte die Stallthür nicht geschlossen, hinter welcher die Pute mit ihren sieben Kücken wohnte, die nun im Regen spazieren ging, was gegen alle Vorschriften verstieß: die kleinen Dinger würden nun alle crepiren, prophezeite sie, und säßen schon da und verdrehten die Augen; die Dörte hatte tüchtig Schelte bekommen und ging ganz betrübt und mit rothgeweinten Augen im Hause umher; und zu alledem war heute gar noch der junge Herr Selldorf eingetroffen, der bei dem Vater in’s Geschäft treten wollte, und hatte am Familientische mit gespeist. Sonst aßen die Herren vom Geschäft drüben in dem Hause, das sie bewohnten, denn Herr Erving ließ sich nicht gern im Kreise der Seinen stören; allein heute machte er eine Ausnahme, weil er mit dem Vater des jungen Mannes eng befreundet war. So hatte denn nun der blondgelockte Herr mit der große blauen Cravatte der Liesel gegenüber gesessen und sie mitunter angeschaut, was doch ganz gewiß gar nicht nöthig war, und dabei hatte sich das Gespräch um den Herrn Vater, um den Stand des Geschäftes und das Befinden der Frau Mutter gedreht, und das war Alles so erschrecklich langweilig gewesen. Dazu kam noch, daß Lieschen vergessen hatte, ihre Taube zu füttern, zum ersten Male, so lange ihr dieses Amt oblag, und nun mußte sie sich auch noch über sich selbst ärgern – was mochte ihr nur sein? Und dann fiel ihr der gestrige Tag ein, wo sie mit ihrer Arbeit unter der Linde vor der Hausthür gesessen, bis es dunkel wurde, und allemal wenn dort drüben zwischen den Bäumen eine Gestalt auftauchte, dann war sie erschrocken, und das Herz hatte ganz gewaltig gepocht, und dann war es stets ein ganz gleichgültiger Mensch gewesen, der des Weges kam, zuletzt gar das alte Weidner Mariechen, die immer betteln ging, und endlich – da war sie hinaufgegangen und hatte geweint.

Sie schüttelte fast unwillig den Kopf, als sie es sich eingestehen mußte, und erröthete über und über, als sie nun auch daran dachte, daß sie gestern Abend noch einmal aufgestanden sei, nur weil ihre Gedanken sie gar nicht schlafen lassen wollten, um das Fester zu öffnen und dem Posthorn zu lauschen, das der Schwager vom Bocke des Wagens blies, in dem der Army – ja der Army, so bald wieder davon fuhr. –

„Daß es auch so häßliches Wetter ist!“ sagte sie plötzlich halblaut, indem sie Geibel’s Gedichte vom Bücherbrette herunternahm, „sonst käme doch am Ende die Nelly her.“ Sie setzte sich auf das kleine Sopha, stützte den Kopf in der Hand und blätterte in dem Buche, ohne gerade mehr als einen flüchtigen Blick für die anmuthige Lieder zu haben, die sie sonst so gern las. Dann hob sie rasch den Kopf und wandte ihn horchend nach der Thür, und richtig, da kam der wohlbekannte Tritt der Muhme über den Saal entlang, und gleich darauf blickte das gute Gesicht unter der schneeweißen Haube zur Thür herein.

„Nun sag nur um Gotteswillen Liesel, wo steckst Du denn?“ fragte sie mühsam Athem holend, „hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht, wie der pure Essig, und jetzt sitzst Du hier und liest, anstatt der alten Muhme da unten ein Bissel zu helfen. Du weißt doch, es ist heut Donnerstag, wo Pastors kommen; die Dörte ist rein verbost wegen der Schelte, die sie gekriegt hat, und die Mine muckscht zur Gesellschaft mit; hättest wohl mal helfen können die Tauben zurechtmachen, oder die Spargel schälen – das ist gar nicht leicht, und Du brauchst’s für den künftigen Hausstand, denn wo die Frau wirthschaftet, da wächst der Speck am Balken. Aber es ist doch eine Freude, wie Du es hübsch hier hast,“ unterbrach sie sich, indem sie den anmuthigen Raum musterte, der mit seinen weiß lackirten, von blau und weiß gestreiftem Kattun überzogenen Möbeln und den duftigen Fenstervorhängen sich so recht wie ein Mädchenstübchen ausnahm. „Und schau, wie das Myrthenstöckchen jetzt treibt! Ja, dabei fällt mir auch ein, was ich hier oben wollte. Da hat Dir die Nelly was Geschriebenes geschickt; der Heinrich brachte es mit.“ Sie nahm [707] ein Briefchen aus der leinenen Tasche, die sie unter der Schürze trug, und reichte es der Liese, die es rasch öffnete und las.

„Denk Dir, Muhme,“ rief sie überrascht, „auf dem Schlosse bekommen sie Besuch! Nelly freut sich schrecklich: eine Cousine ist es, Blanka von Derenberg, und Army kommt auch auf Urlaub, und ich soll sie dann recht oft besuchen.“

„So?“ fragte die alte Frau.

„Ja, die Nelly schreibt, sie hätte es mir selbst erzählt, sie habe aber keine Zeit heut zu kommen, denn sie müsse helfen die Zimmer in Stand setzen.“

„Sie haben’s gewiß eben erst erfahren?“ meinte die alte Frau.

„Ach nein,“ sagte Liesel, „der Army ist ja deswegen hier gewesen, schreibt die Nelly.“

„Der Army ist hier gewesen?“ fragte die Muhme und sah erstaunt zu dem jungen Mädchen hinüber, das plötzlich dunkelroth geworden war; „wann denn?“

„An Nelly’s Geburtstage,“ klang es leise zurück.

„Ei sieh einmal! Und davon hast Du kein Wort erzählt, Liesel? Du sagst mir doch sonst Alles!“ Es klang etwas wie Angst aus der Stimme der Alten. „Sag einmal, Liesel, warum hast’s verschwiegen?“ fragte sie dann rasch noch einmal.

„Weil ich es nicht wieder hören mochte, wenn Du sagst, er sei stolz und hoffährtig geworden –“

„Und warum willst Du das nicht hören, Liesel?“

„Weil es nicht wahr ist, weil er nur nicht Zeit gehabt hat – sonst wäre er gekommen.“

Sie brach plötzlich in Weinen aus; die ganze getäuschte Erwartung von gestern floß mit diesen bittern Thränen aus dem Herzen des jungen Mädchens.

„Aber Liesel, meine Güte, was soll denn das heißen? Bist gar nicht gescheidt, daß Du um so etwas weinst! Was um Alles in der Welt geht Dich der Army an?“ Die alte Frau sprach ärgerlich, aber man merkte es ihr an, es war auf einmal eine Centnerlast auf ihr Herz gefallen. „Ich meinte, es könnte Dir ganz gleichgültig sein,“ fuhr sie fort, „was ich vom Army rede. Deine Wege und seine Wege laufen nicht mehr neben einander wie in Eurer Kindheit; er ist jetzt ein großer Herr und Du bist ein erwachsenes Mädchen – was soll man davon denken, daß Du so anfängst zu weinen?“

Lieschen aber warf sich der alten Frau um den Hals. „Ach, Muhme, sei nicht böse!“ schluchzte sie, „es ist recht kindisch von mir, aber ich kann’s nun einmal nicht hören, wenn Du über die im Schlosse redest; sieh, wir haben immer so hübsch zusammen gespielt, und es kommt mir immer vor, als wischtest Du unbarmherzig die schönen Erinnerungen aus, wenn Du auf Nelly und Army böse bist.“

Die Muhme schüttelte den Kopf. „Kind,“ sagte sie dann, „wenn Du wüßtest, was für bitteres Leid von da droben über unser Haus gekommen ist!“

„Können denn aber Army und Nelly etwas dafür?“

„Nein – aber –“

„Du sagst doch selbst immer, man soll seinen Feinden vergeben.“

„Es ist richtig, aber es vergißt sich ein Unrecht zu schwer, wenn’s einem so nahe ging, wie –“

„Ach, laß doch gut sein, Muhme!“ bat Lieschen schmeichelnd und sah unter Thränen lächelnd in ihr Gesicht; „ich will nicht wieder so dumm weinen, aber gelt, Du schiltst auch nicht mehr? Ich komme jetzt auch mit hinunter und helf Dir die Tauben schön braun und knusprig braten, wie sie der Vater gern ißt. Ja? Und hast Du schon Radieschen aus dem Garten geholt oder soll ich es thun?“ Sie bat und schmeichelte so lange, bis die Alte ihr einen Kuß auf den Mund drückte, und als sie dann über den dämmrigen Vorsaal des obern Stockes schritten, auf welchem mächtige alte Wäsch- und Kleiderschränke standen, schaute die Muhme unwillkürlich zu einer der Thüren hinüber, und ein banger Seufzer begleitete den Blick.

„Das ist der Lisett ihr Stübel gewesen,“ sagte sie mit einen gewissen Nachdruck im Tone.

Das junge Mädchen nickte und sprang eilig die Treppe hinunter. Sie hatte zwar schon öfter etwas von Lisett gehört; sie wußte, daß es ihre Großtante gewesen, und die Muhme sprach den Namen immer mit einer gewissen Feierlichkeit aus, aber da man ihr nie Näheres mittheilte, so interessirte es sie auch nicht, daß sie dort oben gewohnt. Sie schämte sich aber jetzt, daß sie so kindlich geweint vor der Muhme; was sollte diese nur eigentlich glauben? Am Ende gar, daß sie den Army – –? Sie wurde dunkelroth und dachte es nicht aus, sondern fing an zu singen, während sie in die Wohnstube lief, um Onkel und Tante Pastor zu begrüßen.

Die Muhme aber folgte ihr mit bangen Blicken. „Herr des Himmels,“ murmelte sie, „verschone uns in Gnaden mit solch einem zweiten Unglück! Denn ein Unglück wird’s; es ist noch nichts Gutes von da droben gekommen, seit die Alte auf dem Schlosse Athem holt. Herr Gott, behüte die Gedanken des Mädchens! Sie weiß es selbst noch nicht, aber es ist wahr, was ich da gehört – sie hat ihn gern, den Army. O du lieber Gott, wie soll man da schon helfen?“

Und die Muhme grübelte und grübelte, während sie das Abendbrod in der blitzblanken Küche rüstete, und wenn Lieschens helle Stimme einmal aus der Wohnstube her in ihr Ohr drang, dann schüttelte sie mit dem Kopfe, und beim Abendessen betrachtete sie verstohlen das lachende Gesichtchen, von dem die letzten Thränenspuren verschwunden waren.

Das war aber auch eine vergnügte Tafelrunde, die in dem kühlen Eßzimmer um den mit schneeweißem Damast gedeckten großen runden Tisch saß. Der Hausherr oben an mit seinem wohlwollenden, von einem großen Vollbarte umrahmten hübschen Gesichte, der Herr Pastor, dem man das Behagen ansah, mit welchem er bei dem Jugendfreunde zu Gaste saß, und Rosine, seine kleine runde Frau, die immer vergnügt war, obgleich sie zu Hause eine ganze Reihe Kinderchen hatte, die wie die Orgelpfeifen auf einander folgten, und für die sie oft nicht wußte, wo sie die neuen Röckchen und Jäckchen hernehmen sollte. Selbst an den Donnerstagabenden auf der Mühle, wo sie sich von den Strapazen der Woche erholen wollte, vermochte sie kaum auf dem Sopha neben der Hausfrau zu sitzen, ohne ein Kinderstrümpfchen in der Hand, an dem sie eifrig strickte, und nicht selten legte dann Frau Erving ihr lächelnd ein ganzes Paket fertiger Strümpfe in den Schooß: „So, liebe Pastorin, da habe ich ein Bischen geholfen; nun lassen Sie es heute Abend aber auch einmal gut sein mit dem Stricken und singen uns ein Lied!“ Und dann sang die Frau Pastorin mit ihrer leisen hohen Stimme irgend ein einfaches Liedchen. Nachher aber griff sie doch mechanisch wieder zum Strickzeuge und sagte, selbst darüber lächelnd: „Laßt es gut sein, Minnachen! Ich kann einmal nicht anders.“ Die Hausfrau befand sich heute Abend ganz besonders wohl und erzählte sich mit Rosine lange Haushalts- und Wirthschaftsgeschichten, und Lieschen neckte sich mit dem Vater und dem Herrn Pastor herum; nur die Muhme war still und hatte heute nicht einmal ein Lächeln für die Lobsprüche, die ihrer Kochkunst galten; sie nahm kein Schlückchen von dem duftenden Moselwein, der in dem grünen Römer so verlockend vor ihr stand.

„Weißt Du auch, Pastor,“ fragte der Hausherr, „daß ich jetzt einen Sohn von unserem alten Schulfreunde Selldorf hier habe?“

„Von Selldorf einen Jungen? Ei, was Du sagst! Wie ist es dem denn eigentlich ergangen?“

„Der hat eine große chemische Fabrik in Thüringen.“

„Ei, was Tausend, und der Junge soll –?“

„Der Junge soll einmal seine Nase in mein Geschäft stecken, weil der Alte beabsichtigt, eine Papierfabrik, vulgo Lumpenmühle anzulegen – hat übrigens Glück gehabt; er kam als Buchhalter in das Geschäft, das er jetzt selbst besitzt, heirathete das einzige Töchterchen seines Principals und war ein gemachter Mann; ist ein gescheidter Kopf und ein durch und durch reeller Charakter. Mußt Dir übrigens den Jungen einmal ansehen, frappant wie der Alte damals aussah, dieselbe blonde Lockenperrücke, dieselben Augen. Ich dachte, ich wäre wieder jung geworden, als er so vor mir stand.“

„Wo hast Du ihn denn?“

„Drüben im Geschäftshause. Ich halte ihn nicht um ein Haar anders wie die übrigen jungen Leute; heut Mittag hat er hier gespeist, aber damit ist’s gut – Du weißt, ich lasse mich nicht gern stören im Kreise meiner Familie.“

Der Pastor nickte: „Muß ihn mir wirklich einmal ansehen. Was sagt denn aber Lieschen dazu?“ fragte er scherzend das junge Mädchen.

„Gar nichts, Onkel,“ erwiderte sie.

„Das ist wenig,“ lachte dieser. „Aber apropos, da fällt [708] mir ein, Lieschen, der Army war ja hier. Ich sah ihn von der Post kommen , als er gerade angelangt war, à la bonheur, ist das ein hübscher Junge geworden! Hast ihn gesehen, Kleine?“

Lieschen nickte, aber sie war dunkelroth geworden; die Muhme sah auch gar zu scharf herüber.

„Es kränkt mich aber doch,“ fuhr der Pastor fort, „daß er es nicht der Mühe werth hält, einmal mit zu uns heran zu kommen; es ist doch nicht hübsch, daß er seinen alten Lehrer nicht mehr kennt – das ist so ein Zug von der alten Baronin.“

„Sie können sich nicht allein beklagen,“ sagte die Hausfrau. „Hier ist er auch nicht gewesen. Aber Nelly kommt zu uns.“

„Ein allerliebstes Mädchen,“ meinte die Frau Pastorin.

„So recht dem Großvater ähnlich,“ tönte jetzt die Stimme der Muhme, „das war ein Mann. Na, aber: Wen unser Herrgott liebt, dem giebt er ein großes Leid.“

„Er hat ja wohl sehr unglücklich mit seiner Frau gelebt?“ fragte die Frau Pastorin, zu der Alten gewandt.

„O, Frau Pastorin, wo die hintritt, da kommt’s Unglück hinterdrein; sie hat nicht blos die eigene Familie zu Grunde gerichtet, auch über andere Häuser hat sie Kummer und Sorge genug gebracht.“

„Ja, sie muß toll gewirthschaftet haben,“ nickte der geistliche Herr, „man hört so mitunter etwas von den Dorfleuten.“

„Meine Familie könnte auch ein Lied davon singen, nicht wahr, Muhme?“ fragte der Hausherr.

„Das weiß der Allmächtige!“ rief die alte Frau „was sind für Thränen geflossen um dieses Weibes willen! Aber Gott hat sie alle gezählt,“ nickte sie rasch aufstehend und schritt aus dem Zimmer.

„Es thät’ gar nichts schaden,“ murmelte sie, als sie dann in ihr Stübchen trat und noch einmal Alles überdachte, was sie so bekümmerte, „es thät’ gar nichts schaden, wenn ich der Liesel die Geschichte erzählte; es könnte ihr doch ein Lichtel aufgehen, wie sie sind da droben.“

Dann stand sie auf, suchte einen Schlüssel hervor, ging leise aus dem Zimmer die Treppe hinan und schloß die Thür zu Lisett’s Stübchen auf.

Es war ein kleiner Raum, den sie betrat, und in dem Dämmerlicht, das bereits herrschte, konnte man kaum die einfache Ausstattung erkennen. Zwischen den Fenstern eine Kommode mit blitzenden Messingbeschlägen, darüber ein Spiegel in geschnitztem Holzrahmen, der oben seltsam geschnörkelt war, eine schmale Bettstelle, grün gestrichen und mit einer plumpen Rosenguirlande bemalt, davor ein winziges Tischchen mit drei Beinen und einem eingelegten Stern auf seiner Platte, und an der gegenüberliegenden Wand ein hochlehniges, dünnbeiniges Sopha, das ordentlich aufseufzte, als jetzt die Muhme sich hineinsetzte; über dem Bett hing ein kleines schwarzes Crucifix unter einem bunten Bilde, das ein Mädchen mit einer Taube in der Hand vorstellte, zwischen Bett und Fenster aber hatte ein Kleiderschrank mit aus dunklem Holze eingelegten Figuren Platz gefunden, während am andern Fenster ein kleiner Nähtisch mit einem hochlehnigen Stuhle davor stand. Unter dem Spiegel hing ein verwelkter Kranz mit verblaßter blauer Schleife, der seltsam contrastirte mit dem duftigen frischen Fliederstrauß in dem alten geschliffenen Glase auf der Kommode. Letzteres Liebeszeichen stellte die Muhme alljährlich hin, wenn der Flieder blühte; die einstige Bewohnerin hatte die blauen Blüthen so sehr geliebt, und diese Zeit rief immer ein schmerzlich süßes Gedenken in dem Herzen der Alten wach.

So saß sie nun heute Abend wieder in dem Stübchen der schönen Lisett, und in ihrer Seele mischten sich Vergangenheit und Gegenwart: es war ihr, als sei sie wieder das frische junge Mädchen, und die schlanke Gestalt der Freundin stehe dort drüben am Fenster und blicke mit den schönen Augen so sehnsuchtsvoll zu dem südlichen Thurme des Schlosses hinüber. „Er kommt, Mariechen; er kommt – ich habe das Licht gesehen,“ hatte sie einst oft gerufen und dabei in seliger Freude die Hände zusammengeschlagen, und dann waren sie hinunter gegangen in den Garten, und da, in der dunklen Jasminlaube, da hatte dann ein schönes glückliches Liebespaar gesessen in aller Zucht und Ehrbarkeit – –

Und dann?

Dann lag sie auf jenem Bett, die schöne Gestalt, gebrochen unter der Last des Schmerzes, die Wangen schneeweiß und die blauen Augen voll heißer Fiebergluth.

War es nicht genug, einmal solche Qual ansehen zu müssen? „Herr Gott, behüt’ meinen Liebling, mein Liesel!“ betete sie und legte den Kopf auf die Lehne des Sophas. Die Hände sanken ihr eng gefaltet in den Schooß, während sich Thränen in die alten Augen drängten.

Da faßten ein Paar kleine Hände die ihren; eine weiche Wange schmiegte sich an die ihre, und als sie aufblickte, da schauten sie ein Paar tiefe blaue Augen an und eine leise Stimme fragte: „Was weinst Du denn, Muhme? Bist Du immer noch bös auf mich?“

Die alte Frau antwortete nicht sogleich; ihr war es, als sähe sie eine holde Erscheinung in diesem Augenblicke, dann aber fragte sie: „Wie kommst Du hierher, Liesel?“

„Verzeih, Muhme! Ich suchte Dich drunten in Deiner Stube; sie sprechen soviel von einem Baron Fritz und der Großtante Lisett, und da wollt ich Dich bitten, mir Etwas von ihnen zu erzählen, und bin Dir nun hierher nachgekommen.“

„Dann bist Du zur guten Stunde gekommen, Liesel! Laß sie unten immerhin sprechen. Es weiß es Keiner so gut wie ich, denn ich hab’ es mit erlebt; zwar wollt’ ich, Du solltest noch lange nicht wissen, wie bunt es manchmal im Leben hergeht, aber es ist besser für Dich – komm, setz Dich –!“

Das junge Mädchen gehorchte, nachdem sie sich scheu in dem Zimmer, in das sie nur einmal als kleines Mädchen einen Blick geworfen, umgesehen, und die alte Frau strich sich die Schürze glatt, und indem sie die Hände wieder faltete, schickte sie sich zum Sprechen an. Aber sie blieb doch stumm und blickte wie verlegen um sich. Sollte sie dem jungen Kinde die traurige Geschichte erzählen und Haß und Groll und verwirrendes Mißtrauen in die reine Seele streuen? Das Mädchen, das in stummer Erwartung da neben ihr saß, es war ja noch ein Kind; der Army flog ihr sicher bald aus dem Sinn – nein, sie durfte diese thränenvolle Geschichte nicht erzählen. Und doch – wenn sich’s noch einmal wiederholen sollte, und sie hätte ihren Liebling nicht gewarnt! „O, Du allgütiger Gott!“ murmelte sie leise, „was kann ich da schon thun?“

„Mach’ erst das Fenster auf, Liesel!“ bat sie; „die Luft ist hier so eingeschlossen.“

Das junge Mädchen öffnete beide Flügel; der Regen hatte aufgehört; nur so ein leises Tröpfeln von Blatt zu Blatt ging noch durch die alten Bäume, und jener frische Erdgeruch zog in das kleine Stübchen, der immer nach einem Regen die Luft erfüllt.

„Liesel,“ sagte sie dann halblaut.

„Muhme?“ fragte das junge Mädchen, und streichelte über das alte Gesicht.

„Liesel, Du – ich glaube, es wäre besser, Du gehst nicht mehr so oft zur Nelly, – – nachher, mein’ ich, später, wenn der Army wieder da ist, und die Cousine,“ begütigte sie, als Lieschen den Kopf mit dem Ausdruck der Ueberraschung zu ihr wandte. „Sieh, es ist nicht – ich denke – ich –“ sie stotterte und schwieg.

„Laß das, erzähle lieber von der Lisett!“ schmeichelte das junge Mädchen in der Angst, die Muhme könnte wieder auf das gefürchtete Thema von vorhin kommen.

„Was ich von der Lisett erzählen wollte?“ rief die alte Frau hastig, „das sag ich, daß sie das liebste Geschöpf auf Gottes weitem Erdboden war, und daß sie hat sterben müssen, nur weil – weil – – höre, Liesel, wenn jemals Einer was auf Deine Großtante sagt, dann widerstreit es, denn es hat nie ein reiner Herz gegeben, aber auch keines, das auf so schändliche Art gebrochen worden –“

Sie schwieg eine Weile.

„Geh’ nicht mehr auf’s Schloß, Liesel!“ fuhr sie fort, indem sie die Hand des Mädchens ergriff und heftig drückte; „sieh, ich kann Dir nicht Alles sagen, wie es war; es will mir nicht über die Lippen; später sollst Du es erfahren, aber glaub’ mir, es thut nicht gut, die alte Baronin, – die – –“

„Hängt das mit der Geschichte von Tante Lisett zusammen?“ fragte das junge Mädchen. „Sag’ es, Muhme, bitte, bitte!“

„Ich sag’ weder Ja noch Nein, Liesel,“ erwiderte diese, „aber das sag’ ich,“ rief sie feierlich, „es ist noch nicht aller Tage Abend, und wenn es ihr noch schlechter ginge auf Erden und sie käme als Bettlerin hier vor’s Haus, ich stieße sie fort und ließe sie weiter ziehn, denn wo die hintritt, da ist’s verflucht in alle Ewigkeit, und einmal im Leben, da werd’ ich ihr’s doch noch in’s Gesicht sagen, daß sie ein – –“

[709] „Muhme!“ rief Lieschen mit einer abwehrenden Bewegung, so bang und laut, daß die alte Frau erschreckt innehielt.

„Es ist gut,“ murmelte diese. „Ich will nichts weiter sagen. Aber Du darfst nicht auch so unglücklich werden wie die Lisett. Ich könnt’s ja nicht noch einmal durchleben, wenn – – Ach Du mein Gott, Kind, ich wollt’ Dir ja nicht weh thun. Ich wollt’ Dich nur warnen, Lieschen,“ fuhr sie fort, als sie das schluchzende Mädchen an ihre Brust gezogen, „Du sollst ja Deine Freundin nicht missen, um Alles in der Welt nicht, aber sieh, wenn Eins jung ist, da kommen mitunter gar thörichte Gedanken in’s Herz [710] – – Lieschen, Kind,“ flüsterte sie ängstlich, „gelt, Du thust es fühlen, daß ich es gut meine?“

Lieschen nickte: „Ja, ich weiß; daß Du es gut meinst, Muhme, aber – –.“ Sie schwieg; es war ihr so weh zu Muthe, so weh wie noch nie im Leben. – –

Drunten in der Wohnstube saßen sie auch noch und schwatzten mit einander von alten Zeiten, von der schönen Lisett und dem Baron Fritz, und nun stand die kleine Frau Pastorin auf, setzte sich an’s Clavier und sang mit ihrer innigen Stimme ein kleines Lied:

Auf ihrem Grab, da steht eine Linde;
Drin pfeifen die Vögel und Abendwinde,
Und drunten sitzt auf dem grünen Platz
Der Müllerbursch mit seinem Schatz.

Die Winde, die wehen so kalt und so schaurig;
Die Vögel, die singen so süß und so traurig,
Die schwatzenden Buhlen, die werden stumm,
Sie weinen und wissen selbst nicht warum.

„Wo ist denn unser Lieschen?“ fragte sie dann, „sie muß doch auch einmal singen.“

Und Lieschen saß noch immer oben neben der Muhme, und als sie den Gesang von dort unten hörte, da weinte sie auch, – und wußte selbst nicht warum. Es war, als sinke ein Nebel vor ihren Augen herab, die goldne Jugendzeit verhüllend mit all den fröhlichen Spielen, mit Sonnenschein und Blüthenschnee, und zwei lachende Kindergesichter verschwanden immer mehr und mehr, und der Nebel ward dichter und dichter und baute sich auf zu einer hohen Wand, und davor stand die stolze schöne Schloßherrin aus dem Ahnensaal dort oben, mit den wunderbar schwarzen Augen und dem blauen Sammetkleide, und sie streckte ihr wie abwehrend die Hände entgegen: „Was willst Du hier? Hier ist’s gefeit, und Du gehörst nicht zu Uns. Du bist Lumpenmüllers Lieschen, kehre um, sonst wird’s Dein Tod. Denk an Lisett, die schöne Lisett und – –.“ Da sprang sie hastig auf und flüchtete aus dem kleinen Stübchen in ihr Zimmer, und da warf sie sich auf’s Bett und weinte im heißen Schmerz um ein Etwas, das sie selbst noch kaum recht erfaßt, recht begriffen, und das nun mit seinem Schwinden ihr das Leben so leer, so traurig erscheinen ließ.

Die Muhme aber stand an ihrer Thür und horchte auf das bange Schluchzen da drinnen. „Herr Gott,“ sagte sie leise, „ich hatt’ schon richtig gesehen; sie ist ihm gut, dem Army, wär’s doch noch zur rechten Zeit gekommen, daß ich sie gewarnt; es ist besser jetzt geweint, als dann. Du armes Ding, ja – so eine erste Lieb’, sie ist ja gar zu süß –.“

Und drunten, da gingen eben die Gäste fort, und die Muhme hörte deutlich die Worte die zum „Gute Nacht!“ gesprochen wurden. „Ja, ja, Bernhard, so ist das Leben,“ sagte der Herr Pastor im Anschluß an ein vorhergegangenes Gespräch, „’s hat Leid und Freud, – na, wenn wir hier erst einmal als alte Leute sitzen und uns etwas erzählen von ferner Zeit, da ist’s hoffentlich nicht so traurig wie die Geschichte heut’ Abend, und wir können dann zu den Enkeln sagen: Guckt, Kinder, uns ist’s besser ergangen, als wir es verdient haben; na Bernhard, ich seh’ Dich wirklich schon als Großpapa, und das Lieschen neben so einem netten Mann hier aus der Mühle; ’s kommt Alles, wie der heutige Tag. Nun, Gott behüt’ Euch, auf Wiedersehn zu Pfingsten, den zweiten Festtag, – den dritten kommt Ihr dann zu uns, nicht Rosina?“

„Gute Nacht, gute Nacht! Grüßt das Lieschen und die Muhme!“

Und es wurde still im Hause, nur in Lieschen’s Stübchen verstummte das bange Schluchzen noch nicht, und erst spät stieg die alte Frau die Treppe hinunter und ging in ihr kleines Zimmer. „Jetzt schläft sie,“ murmelte sie. „Gott schenk’ ihr ein fröhliches Erwachen und Lebenslust, und dereinst viel Lieb’ und Segen! Sie ist ja noch so jung, so jung, und das Leben ist so schwer und lang, ja für die Meisten – die Allermeisten.“

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 44, S. 721–724
Fortsetzungsroman – Teil 5


[721]
7.

So war der Sonnabend vor Pfingsten gekommen; lächelnd und golden schien die Sonne vom blauen Himmel herab auf die Erde, küßte im Garten der Lumpenmühle die vielen Röschen wach, guckte durch die blüthenweißen Gardinen in die Stuben und brannte heiß auf die Sandsteinbänke vor der Hausthür. Die Muhme stand im Garten und pflückte Blumen in die Schürze; Lieschen half ihr; sie hatte einen großen runden Strohhut auf und Gartenhandschuhe an den kleinen Händen und suchte und schnitt die allerschönsten Blüthen ab.

Ihr Gesicht hatte einen veränderten Ausdruck bekommen; besonders die Augen schauten so ganz anders drein als sonst, und gar nicht so fröhlich, wie es sich für einen so blauen lächelnden Frühlingstag paßte, und die Muhme war zärtlicher gegen sie als jemals. – Vom Dache schossen zirpend ein paar Schwalben an ihnen vorbei und schwangen sich dann hoch auf in den blauen Aether. Im Hause war Alles schon spiegelblank und sauber; selbst oben standen die Fenster der altmodischen Putzstuben weit geöffnet, um überall die frische Gottesluft einzulassen, und überall duftete es nach Festkuchen. Drüben im Geschäftshause und in den Fabrikräumen war schon früh das Klappern und Stampfen der Maschinen verstummt; die Arbeiter rüsteten daheim auch zum Feste. Herr Erving gab gern einen solchen Tag frei – dafür ging’s nachher auch um so fröhlicher an die Arbeit.

Der Herr Buchhalter und die zwei anderen jungen Leute aus dem Comptoir waren schon heute früh singend in die Welt gezogen, um eine kleine Pfingsttour zu machen, nur Herr Selldorf war zurückgeblieben. Er promenirte vergnügt im Ellerngange am Mühlbache auf und ab und ergötzte sich an den Sonnenstrahlen, die das Wasser bis unten auf den Grund durchschimmerten, und an dem Gewimmel der winzigen Fischchen, die an solch einer sonnigen Stelle so possierlich flink durcheinander schossen; zuweilen schaute er verstohlen nach dem Garten hinüber, ob da nicht bald wieder ein großer weißer Strohhut mit kornblumenblauen Bändern auftauchen würde, unter dem ein Paar so tiefe liebe Augen hervorleuchteten, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Am geöffneten Fenster der Wohnstube, die nach dem Garten hinaus sah, saß Frau Erving und nähte himmelblaue Schleifen auf ein weißes Kleid für ihr Lieschen zum Feste; sie hatte ihrem Manne gewinkt, der eben eingetreten war, und zeigte ihm jetzt die beiden Gestalten dort unter den Blumen im Garten.

„Sieh, Erving, wie die Muhme das Mädchen hätschelt!“ sagte sie lächelnd, „sie hat’s schon immer verzogen, aber seit einiger Zeit ist es noch viel ärger damit geworden; seit die Liesel neulich ein paar Tage so blaß aussah, da will sie das Kind förmlich auf den Händen tragen.“

„Laß sie, Minnachen!“ erwiderte Erving, „sie ist wohl aufgehoben bei der Muhme, aber Du hast Recht, sie sah ein bischen blaß aus, die Liesel, und weißt Du, was mir noch auffiel? Sie ist seit einer vollen Woche nicht auf dem Schlosse gewesen, und die Nelly war doch schon drei Mal hier.“

„Je nun, das sind so Mädchenlaunen, vielleicht haben sie irgend etwas mit einander gehabt, die Beiden; aber sie geht morgen sicher hin; ich dächte, sie hat davon gesprochen.“

„Morgen?“ fragte Erving, „hm, da ist ja der Selldorf unser Gast; was sollen wir Beide allein mit ihm anfangen?“

„O, sie bleibt ja nicht lange oben; sie haben Besuch auf dem Schlosse, die Cousine, von der Nelly erzählte, und den Army, aber Lieschen ist bis jetzt immer gegangen und hat frohe Feiertage gewünscht, da wird sie es auch diesmal kaum unterlassen,“ meinte Frau Erving bittend.

Er nickte zerstreut. „Er ist ein netter Junge, der Selldorf,“ sagte er dann. Seine Frau sah ihn an und lächelte, und er lachte wieder.

„Jetzt weiß ich, was Du denkst, Alter,“ rief sie fröhlich.

Er bog sich zu ihr herunter. „Wirklich, Minna? Nun, und wär’s denn so schlimm? Sieh, ich muß schon einmal einen Schwiegersohn haben, der in’s Geschäft paßt, und er ist ein prächtiger Mensch; ich habe ihn kennen gelernt – derselbe biedere Charakter wie sein Vater.“

„Mann,“ sagte sie, und ihre schönen großen Augen sahen ihn fast flehend an, „ich bitte Dich, mach’ keine Pläne! Sie ist ja fast noch ein Kind.“

„Warst Du denn älter, als Du meine Frau wurdest, Minnachen?“

„Nein, Bernhard, aber –“

„Und sind wir denn nicht glücklich zusammen gewesen bis jetzt, und wollen es auch noch ferner sein?“

Sie nickte und griff zum Taschentuch, das sie vor die Augen preßte. „Das meinte ich auch nicht,“ sagte sie, während er ihre Hand ergriff und den Arm um sie schlang, „aber ich möcht sie so gern noch ein wenig ganz ungetheilt für mich haben, denn wer weiß, wie lange ich –“ sie brach ab, und versuchte die hervorquellenden Thränen zu unterdrücken. „Laß nur!“ bat sie, [722] als sie bemerkte, wie sein Gesicht sich veränderte und ein trauriger Zug darüber flog, „mir ist heute so bang um’s Herz – geh nicht fort!“ Sie lächelte schon wieder zu ihm auf. „Sieh, Erving, ich freue mich auch, wenn sie einen lieben Mann bekommt, er muß aber auch ebenso gut und so ehrenwerth sein, wie Du –“

Er sah ihr innig in die Augen. „Der Allerbeste muß es sein,“ bestätigte er, „und Du sollst entscheiden.“

„Erving,“ sagte sie dann nachdenklich und schaute der schlanken Gestalt entgegen, die da oben den Gartenweg hinaufschritt mit der Schürze voll Blumen. „Erving, ich muß jetzt einmal Acht haben auf Deinen Selldorf da drüben.“

„Thu das, Minnachen!“ erwiderte er und ließ ihre Hand frei, „Du wirst ein braves Gemüth kennen lernen.“ Und damit küßte er sie freundlich auf die Stirn und ließ sie allein mit ihren Träumen. Die duftige Arbeit glitt von ihrem Schooß; ihre Gedanken schweiften in eine ferne Zukunft, und allmählich legte sich ein weiches, glückliches Lächeln um ihren Mund. –

Und so war nun der erste Pfingstag angebrochen; vor der Hausthür der Mühle standen zwei kerzengerade hellgrüne Maibäumchen, und von den obersten Zweigen wehten rothe Bänder im warmen Frühlingswinde; die Tauben saßen alle der Reihe nach auf dem Dache und gurrten und putzten sich, und der Peter, der so stolz von seinem Bock aus die muthigen Braunen regierte, hatte ebenfalls ein rothes Band an die Peitsche gebunden. An den Seiten des bequemen offenen Wagens steckten frische Birkenzweige, und nun erklang von da unten aus dem Dörfchen die Kirchenglocke, und die Mine – die Dörte mußte heut daheim bleiben und kochen – ging im schönsten Sonntagsstaat, das Gesangbuch in der Hand, am Wagen vorüber und nickte dem Peter verstohlen zu. Nun trat auch der Hausherr aus der Thür und hob seine Frau in den Wagen. Lieschen und die Muhme folgten hinterdrein. Erstere sah in ihrem duftigen weißen Kleide mit den blauen Schleifen hübscher denn je aus, und die Muhme prangte im schwarzen Seidenkleid; ihre Haube war heut mit Spitzen und blauen Bändern verziert und in der Hand hielt sie das Gesangbuch nebst Taschentuch und Sträußchen; auch Lieschen hatte ein paar Rosenknospen in der Hand.

Dörte schloß knixend die Wagenthür.

„Laß die Hühner nicht verbrennen,“ ermahnte die Muhme.

„Schon nicht!“ erwiderte jene, und fügte dann, das junge Mädchen anblickend, hinzu: „Beten’s für mich mit, Fräulein!“

Lieschen nickte. „Warum denn gerade ich?“ fragte sie lächelnd.

„O, weil der liebe Gott gewiß seine Freud’ an Ihnen hat,“ meinte Dörte.

Herr Erving lachte. „Na, Peter, vorwärts denn!“ und so rollte der Wagen dem Dorfe entgegen, und seine Insassen hatten genug zu thun, die vielen Grüße zu erwidern, die ihnen von allen Seiten zugerufen wurden. An des Herrn Pastors Hause flog der Liesel ein ganzer Blumenregen in den Schooß und die kleinen Trabanten versteckten sich kichernd hinter den Zaun, um dann, als der Wagen vorüber war, „Guten Morgen, Tante Lieschen, Tante Lieschen!“ hinterher zu rufen.

An der Kirchenthür stand Herr Selldorf; er erröthete über und über, als er Lieschen beim Austeigen die Hand bot und Herrn Erving um die Erlaubniß bat, mit in seinen Kirchenstand treten zu dürfen. Und so saß er denn während der Predigt neben ihr auf der Bank, denn die Muhme hatte mit den Eltern auf den vorderen Stühlen Platz genommen – Ehre dem Ehre gebührt! Frau Erving und die Frau Pastorin, die mit ihren beiden ältesten Jungen in dem Predigerstuhl saß, nickten einander verstohlen zu, und Herr Otto Selldorf, der sich in der kleinen Kirche umsah, in der sich die andächtige Gemeinde zahlreich versammelt hatte, meinte zu bemerken, daß Aller Augen auf seine reizende Nachbarin gerichtet seien. Diese aber saß da, den Kopf unter dem feinen Strohhütchen tief gesenkt, ihre kleinen Hände ruhten, in einander gefaltet, im Schooß und ihre Lippen bewegten sich leise; auch während der Predigt blieb ihr Blick gesenkt, und ihrem Nachbar war es gar einmal, als falle ganz rasch ein großer glänzender Tropfen auf das weiße Kleid. Aber nein, das war ja nicht möglich – was sollte wohl so ein junges liebreizendes Geschöpf für Grund haben zu weinen an einem so wundervollen Pfingsttage?

Und in der That, als der Herr Pastor den Segen gesprochen und die Gemeinde den Schlußgesang anstimmte, da hob sich ihr Blick, und in den blauen Augen glänzte es wieder ruhig und fröhlich auf.

Als sie heimwärts fuhren, freute sich Lieschen über den Sonnenschein und das bunte bewegte Leben auf der Landstraße. An der großen Linde mußte Peter halten und Lieschen stieg aus. „Nun grüß’ mir Nelly, Liesel!“ rief ihr die Muhme nach, und sie ging mit leichten Schritten vorwärts, den schattigen Weg entlang. Zwar fing ihr das Herz etwas an zu klopfen, als sie nun in die Lindenallee einbog; sie nahm den Hut ab und ging langsamer; dort aber trat schon das mächtige Portal hervor, und die beiden steinernen Bären schienen heute ganz besonders drohend die Tatzen zu erheben. Sie blieb stehen und preßte die Hand auf das klopfende Herz; am liebsten wäre sie umgekehrt, aber was sollte Nelly denken, wenn sie nicht einmal kam, Nelly, zu der sie sonst fast täglich gegangen? Sie könnte am Ende glauben, sie fürchte sich vor der fremden Cousine. Nein, nur vorwärts!

Sie schritt rasch dem Ausgange der Allee zu, blieb dann aber wieder stehen – vor Ueberraschung, denn nicht weit vor ihr auf dem Rasen, im Schatten der mächtigen alten Bäume, die den freien Platz vor dem Schlosse begrenzten, stand vor einer der Sandsteinbänke ein servirter Tisch, und davor saß die junge Baronin in einem der Lehnstühle, aber so, daß sie dem nahenden Mädchen den Rücken wandte; ihre Schwiegermutter hatte ihr gegenüber Platz genommen und las eifrig in einer Zeitung. Eine Anzahl Tassen und Couverts zeigte an, daß man offenbar den schönen Morgen hier im Freien gefrühstückt hatte. Lieschen wagte nicht weiter zu gehen. Die alte Dame hob die Augen und gewahrte das junge Mädchen; bei ihrem Anblick schrak sie zusammen, daß sie eine zierliche Tasse vom Tische stieß und diese auf der Steinbank klirrend zerbrach. Noch ehe Lieschen sich dem Tische nähern konnte, rief sie ihr heftig entgegen:

„Wie unpassend, uns so zu erschrecken!“

„Guten Morgen, Lieschen!“ sagte die Schwiegertochter; sie richtete sich im Sessel auf und reichte dem jungen Mädchen die Hand.

„Ich bitte um Verzeihung,“ wandte sich Lieschen an die alte Baronin, „ich war schon mehrere Minuten hier, ehe ich wagte mich bemerkbar zu machen, denn ich fürchtete zu stören.“ Es klang ruhig gegenüber den leidenschaftlichen Worten der alten Baronin. „Und,“ fuhr sie fort, „ich komme nur auf einige Augenblicke, um fröhliche Feiertage zu wünschen, wie ich es jedes Jahr gethan, und Nelly einmal zu sehen.“

„Setz’ Dich, Lieschen!“ bat die jüngere Baronin. „Nelly wird gleich hier sein; sie ist mit Blanka und Army ein wenig in den Park gegangen, und – da ist sie schon; ich höre sie sprechen.“

Die alte Dame zuckte ungeduldig die Schultern, als sich Lieschen ruhig auf die Sandsteinbank setzte und teilnehmend nach dem Ergehen der blassen Frau fragte, von deren Wangen das flüchtige Roth, welches die wenig artigen Worte ihrer Schwiegermutter darauf gemalt hatten, wieder verschwunden war.

Indessen kamen die Stimmen näher, und Lieschen unterschied deutlich das klangreiche tiefe Organ ihres einstigen Spielgefährten. Es überfiel sie ein erstickend heißes Gefühl und verwirrte einen Augenblick ihr ruhiges Denken, aber dann nahmen ihre Augen den Ausdruck des höchsten Erstaunens an, denn dort seitwärts an dem leeren Sandsteinbecken des Springbrunnens erblickte sie neben Army eine junge Dame, deren Erscheinung durch das Fremdartige, das ihr anhaftete, ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

War es denn eine erwachsene Dame oder nur ein Kind, das da so elfenhaft zierlich auf dem Pferde schwebte? Und jetzt rief sie mit süßer Stimme, aber mit der Betonung eines verzogenen Kindes:

„Laß los, Army, laß los! Ich will jetzt der Tante etwas allein vorreiten!“

Army trat zurück, und das Pferd begann im langsamen spanischen Tritt zu ihnen herüber zu schreiten; bei jeder Bewegung, die das Thier machte, flog das weiße spitzenbesetzte Kleid wie eine duftige Wolke um die zierliche Gestalt, die so sicher auf seinem Rücken saß; die Augen in dem blassen Gesicht waren gesenkt, über der Stirn aber flimmerte es goldig auf in dem heißen Sonnenschein und wallte auf dem Rücken hinunter – üppiges rothes wundervolles Frauenhaar.

[723] „Süperb, Blanka!“ rief Army, dessen Blick wie gebannt an der reizenden Erscheinung hing; „süperb! Fräulein Elise bei Renz reitet nicht besser.“

Er schritt langsam in einiger Entfernung neben ihr und blieb dicht an dem Tische stehen, denn eben wandte sich das Pferd und kam direct auf die Gruppe zu. Die Augen der alten Baronin funkelten vor Freude, war sie doch einst eine viel bewunderte Reiterin gewesen, und Sport ist ja eine der nobelsten Passionen.

Meraviglia, mein Engel!“ rief sie, als die junge Dame nun anhielt und, von Army gestützt, leicht aus dem Sattel glitt. „Du hast das Pferd fabelhaft in der Gewalt, aber, mia cara, wie kannst Du ohne Hut in dem Sonnenbrand reiten! Ich bitte Dich – Dein wundervoller Teint! Auf dem Lande muß man stets –“

„Ohne Sorge, Tante, ich verbrenne nie.“ Sie ließ sich nachlässig in einen Schaukelstuhl fallen, den ihr Army hinschob, ohne das junge Mädchen da drüben zu bemerken.

„Fräulein Elisabeth Erving, Nelly’s Freundin,“ sagte in diesem Augenblicke die junge Baronin mit einer vorstellenden Handbewegung, „und meine Nichte, Blanka von Derenberg!“ Blanka hob die Wimpern und erwiderte mit einem leichten Neigen des Kopfes, jedoch ohne die bequeme Lage zu ändern, die graziöse Verbeugung des jungen Mädchens. Ihre dunklen Augen blieben jedoch noch einen Augenblick verwundert auf ihr haften; dann griff sie zu dem Elfenbeinfächer, der an ihrer Seite hing, entfaltete ihn und verzog hinter diesem Schutz den kleinen Mund zu einem Gähnen.

Army hatte sich artig verbeugt und erwiderte auf die Frage seiner Mutter, wo Nelly nur bleibe, daß sie wahrscheinlich noch irgendwo im Parke weile. In demselben Augenblick kam Heinrich und führte das Pferd hinweg; der alte Mann sah in der neuen braunen Livrée so stattlich aus, daß ihn Lieschen zuerst gar nicht erkannte und ihn ganz verwundert anschaute. Die junge Dame im Schaukelstuhl bemerkte dies wohl, denn ein etwas spöttisches Lächeln flog einen Augenblick um den kleinen vollen Mund; sie schaukelte etwas heftiger, plötzlich aber hielt sie ein.

„Was macht Ihr hier den ganzen Tag?“ fragte sie, während schon wieder ein Gähnen hinter dem Fächer verschwand.

„Wir werden heut Nachmittag spazieren gehen,“ erwiderte Army rasch, „es giebt hier reizende Waldwege.“

„Spazieren gehen?“

„Wir haben leider keine Equipage zur Verfügung,“ bemerkte die junge Baronin einfach.

Die alte Dame lächelte spöttisch: „Die Bemerkung war sehr überflüssig, Cornelie.“

„Gehst Du nicht gern spazieren, Cousine Blanka?“ fragte Army, der in dem Sessel, seiner Mutter gegenüber, Platz genommen hatte.

„Nein!“ erklärte sie, ohne die Augen aufzuschlagen.

Der junge Officier biß sich auf die Lippen.

„Könnte man nicht den Amtmann um seinen Wagen bitten lassen, für ein paar Stunden?“ fragte er dann, „was meinst Du, Großmama?“

„Daß es eine ziemlich wunderbare Idee von Dir ist, Army; sich in dieses vorweltliche Institut zu setzen, kannst Du wohl kaum Jemandem zumuthen.“

„Aber Großmama! – Ich glaube allerdings, daß der Wagen gerade heute nicht disponibel sein wird, da die Familie gewöhnlich Sonntags selbst eine kleine Spazierfahrt unternimmt.“

„Ich verzichte ein für allemal,“ erwiderte die alte Dame abweisend.

„Darf ich vielleicht unsern Wagen anbieten?“ fragte Lieschen, „Vater würde sich gewiß ein großes Vergnügen daraus machen –“

„Das wäre ein Ausweg!“ rief Army; „wenn Du Lust hast, Blanka, so nehmen wir es an. Nicht wahr, Großmama?“

„Ich danke,“ entgegnete diese. Blanka aber sagte weder Ja noch Nein; sie richtete einen ihrer musternden, erstaunten Blicke auf das Mädchen in dem einfachen weißen Kleide da drüben, – wer war sie nur?

„Nun, entscheide Dich, Cousine!“ bat Army.

„Ja, entscheide Dich!“ fügte die Großmutter hinzu, während ein häßliches Lächeln um ihren Mund spielte. „Es ist nicht alle Tage Pfingsten, und an Werktagen haben die stolzen Pferde keine Zeit, weil sie – die Lumpenwagen heranholen müssen.“

„Vaters Wagenpferde sind keine Arbeitspferde,“ sagte Lieschen – ihre Lippen bebten, „sie würden dazu keine Zeit haben, weil sie Vater ausschließlich für meine Mutter bestimmte, der das Gehen leider sehr schwer fällt.“

„Ich will heute nicht fahren,“ erklärte Blanka, der das Wort „Lumpen“ einen Schauder eingejagt hatte.

„Ist hier viel Nachbarschaft?“ fragte sie.

„O ja,“ erwiderte Army freundlich, „indessen verkehren wir mit Niemand; Du weißt, ohne Equipage – –“

„Und in der nächsten Umgegend ist keine einzige Familie, mit der man anständiger Weise umgehen könnte,“ ergänzte die alte Baronin.

„So!“ sagte Blanka und lehnte sich wieder in den Sessel zurück, indem sie ihre langen goldig schimmernden Haare nach vorn schob und einzelne Strähne um den Finger zu wickeln begann.

Army war dunkelroth geworden, und warf einen raschen Blick zu Lieschen hinüber, die sich plötzlich erhoben hatte. Das liebliche Gesicht sah todtenbleich aus, und in den großen Augen schimmerte eine Thräne:

„Ich muß mich empfehlen, ohne Nelly gesprochen zu haben.“

„Es wird ihr leid thun, Lieschen,“ sagte die leidende Frau neben ihr, und reichte ihr die Hand; „vielleicht triffst Du sie noch im Park. Grüße die Eltern daheim und die Muhme!“

„Ich danke, gnädige Frau,“ erwiderte das Lieschen und wandte sich, nach einer Verbeugung gegen die Uebrigen, zum Gehen. Die dunklen Augen der alten Dame folgten der schlanken Gestalt mit kaum zu beschreibendem Ausdruck des Hohns.

„Gott sei Dank!“ rief sie tief aufathmend; „ich weiß nicht, was es ist, aber die Anwesenheit dieses Mädchens verdirbt mir jedesmal die Laune und reizt mich stets zu kleinen Bosheiten; sie hat eine so abscheuliche Manier, auf ihren Geldsack zu klopfen. Welche Arroganz, ihre Equipage zu offeriren! Und Du, Army, hättest sie um ein Haar angenommen! Sich in Lumpenmüllers Equipage zu zeigen, die jedes Kind kennt – unbegreiflich von Dir!“

In diesem Moment kam Nelly eilig aus der Allee; die blonden Locken flogen um ein erhitztes Gesicht. Das saubere, aber mehr als einfache Kattunkleid ließ den Fuß frei, der in kleinen, aber nicht zu zierlichen Lederstiefelchen steckte, und der schwarzen Taffetschürze sah man es an, daß sie zwar sehr geschont, aber doch längst die Zeiten hinter sich hatte, wo sie neu war.

„Was ist mit der Liesel geschehen?“ fragte sie athemlos, als sie näher kam. „Sie weinte.“

„Vor allen Dingen, Nelly, möchte ich Dich fragen, wo Du bis jetzt gewesen, und Dir sagen, daß es sehr unpassend für eine junge Dame ist so zu laufen. Und in diesen Kleidern?“

„Großmama!“ rief sie und lachte lustig, „wie komisch Du bist! Als ob ich je eine andere Toilette besessen hätte, als diese Kattunkleider! Ich kann doch unmöglich an diesem schönen Tage mein schwarzes Einsegnungskleid anziehen!“

Blanka wandte den Kopf, und einer jener kalten Blicke streifte über das geschmähte Kattunkleid. Ihre Kammerjungfer würde sich bedankt haben für diesen Anzug. Army aber wurde plötzlich dunkelroth; er erinnerte sich jetzt eines kleinen Zettels, in dem ein Goldstück gewickelt war, das Geburtstaggeschenk seiner Schwester, wo war der Zettel nur geblieben?

„Warum weinte Lieschen?“ wiederholte das junge Mädchen ungeduldig; „sie wollte es mir nicht sagen.“

Niemand antwortete ihr. „Army, sag’s doch!“ bat sie, und ihre Augen füllten sich mit Thränen.

„Die Kleine scheint sehr empfindsam zu sein,“ erklärte an seiner Statt die Großmutter, „ich sagte etwas ganz Allgemeines, und das hat ihr Staatsbewußtsein höchlich gekränkt, aber es ist immer so mit diesen Leuten, sie stellen sich stets mit uns auf eine Stufe und können nicht vertragen, wenn man ihnen das Verkehrte solchen Unterfangens bemerklich macht.“

Nelly schwieg. Sie hatte aus dem Tonfall, mit dem die Großmutter die beiden Worte „diesen Leuten“ aussprach, genug gehört, um zu verstehen.

„Mir wird’s übrigens zu warm hier,“ fuhr die alte Baronin fort; „und ich ziehe vor mein kühles Zimmer aufzusuchen. Besuch ist mir jeden Augenblick willkommen,“ sagte sie, sich erhebend, und sah freundlich lächelnd zu der jungen Dame im Schaukelstuhl hinüber. Ihre dunklen Augen konnten so verführerisch liebenswürdig leuchten.

[724] „Ich begleite Sie, Mama,“ sagte die Schwiegertochter, sich erhebend. „Nelly, Du wirst wohl jetzt hier bleiben?“

Das junge Mädchen nahm den Platz an der Seite der Cousine ein. Sie hatte sich die Cousine so ganz anders vorgestellt, sich auf mädchenhaftes Plaudern gefreut, und da war nun gestern aus dem Extrapostwagen eine elegante, zerbrechlich feine Dame gestiegen, die ihre dunklen Augen musternd und kalt über Umgebung und Personen schweifen ließ. Sie hatten noch nicht ein herzliches Wort zusammen gewechselt. Blanka sprach mehr mit den Augen, und diese dunklen Sterne schienen zu sagen: Wie langweilig ist es hier!

Im Augenblick der Ankunft hatten auch die Großmama und die Mutter die zierliche Gestalt mit den aufgelösten rothblonden Haarmassen freudig erstaunt angesehen. Erstere hatte Nelly versichert, sie hätte nie geglaubt, daß die „kleine rothhaarige Blanka, das scrophulöse Kind“ eine solch pikante Schönheit werden würde. Eine pikante Schönheit! Nelly wußte kaum recht, was das Beiwort „pikant“ bedeuten sollte, aber daß sie schön war, die Cousine, ja das empfand sie auch; sie empfand es besonders stark in diesem Augenblick, wo die langen Wimpern sich über die kalten Augen gesenkt hatten; das ovale blasse Gesicht unter den hochgeschwungenen Brauen, deren Schwärze so seltsam mit der hellen Haarfarbe contrastirte, umflossen von der goldige Masse dieses wundervollen Schleiers, bot einen unbeschreiblich reizenden Anblick. So war sie wirklich, die Ahnfrau dort oben; genau so setzte sich der schlanke Hals auf die feinen Schultern; genau so war die Haltung des kleinen Kopfes; einzelne kurze Löckchen fielen der Mode gemäß auf die alabasterweiße Stirn, und um den kleinen Mund lag ein gedankenvolles Lächeln. Sie spielte mit dem Elfenbeinfächer und strich liebkosend mit seiner glatten Fläche über ihre Wange.

Army stand da drüben am Stamme der große Linde und sah gedankenvoll zu ihr herüber. Da war sie nun im Hause seiner Väter! Mit welch’ freudigem Herzklopfen hatte er sie erwartet, und nun schien es ihm, als flöge sie am liebsten, einem gefangenen Vöglein gleich, wieder hinweg aus dieser Einsamkeit in lautes, fröhliches Leben hinaus. Sie war so kühl; selbst ihre wirklich reizend eingerichteten Zimmer, die ihm so viel Nachdenken und Mühe gekostet, würdigte sie kaum eines Blickes.

Himmel! Es war doch eigentlich unbegreiflich leichtsinnig! Die Kosten betrugen mehr, als er zwei Jahre lang Gage und Zuschuß bekam. Aber bah – wenn er erst jene kinderkleine Hand dort fest in der seinen hielt, dann war ja diese ganze Angelegenheit überhaupt eine Lappalie! So hatte auch Großmama beschwichtigend zu seiner Mutter gesagt, die mit bangen Blicke die Tapezierer betrachtet und die neuen Livreen des alten Heinrich und des Dieners, der mit dem Goldfuchs und Blanka’s Reitpferd gekommen war, die nun an der lang verödeten Marmorkrippe standen. War doch sogar eine wirkliche Köchin auf diese Zeit gemiethet worden und hantirte nun in der großen Schloßküche herum – und dies Alles für jene kleine Fee, die da so theilnahmlos gegenüber saß!

Army seufzte und blickte hinüber zu dem imposanten Gebäude, das in der grellen Mittagssonne dalag; die glühende Luft zitterte auf dem spitzen Schieferdache, und dort in Blanka’s Zimmer bog sich eben die hübsche Kammerjungfer heraus und schloß die Fenster.

„Wie unvernünftig die Jungfer ist!“ rief Blanka und sprang aus dem Stuhle empor, „sie weiß, daß ich die Wärme liebe, und zudem diese entsetzliche feuchte Luft in den alten hohen Zimmern! Nelly, sag ihr’s – sie soll die Fenster offen lassen.“

Die Kleine lief wirklich nach dem Schlosse; sie war augenscheinlich froh, weg zu kommen aus der drückenden Langeweile.

„Welches sind eigentlich meine Zimmer, Army? Man findet sich in diesem Fenstergewirre nicht zurecht,“ fragte Blanka.

„Dort, Cousine,“ erklärte er und trat näher zu ihr; „dort im zweiten Stocke; Dein Ankleidezimmer stößt dicht an den Thurm.“

„Ah, das ist also die Thür, die so kunstvoll durch den grünen Stoff verborgen wird, – ich konnt’s nicht ergründen, ob hinter den festgenagelten Falten ein alter Wandschrank oder eine Thür verborgen sei. Uebrigens,“ fuhr sie fort, „warum gab man mir nicht das Thurmstübchen? Es muß reizend sein mit seinen runden Fenstern, und ich hätte doch Aussicht in’s Land hinein gehabt.“

„Es thut mir wahrhaftig leid, Blanka,“ sagte er, „ich hatte dieselbe Idee, aber Großmama scheint besondere Gründe –“

„So? Spukt es dort vielleicht?“ unterbrach sie ihn lebhaft.

Army lachte. „Leider nicht, Cousine; wenigstens weiß ich nichts davon; es müßte denn der Junker von Streitwitz umgehen, der sich einst um Dein reizendes Ebenbild erschossen hat, wie die Chronik berichtet.“

Sie überhörte die letzten Worte. „Army, ich bitte Dich, verschaffe mir das Thurmzimmer!“ Ihre Stimme hatte den süßen Ton eines bittenden Kindes.

„Ich werde noch einmal zur Großmama gehen, Blanka.“

„Aber bald, Army, bald!“ rief sie, und lächelte ihm zu.

Er sah sie ganz entzückt an. „Gewiß! Gleich!“ stotterte er, denn so strahlend hatte sie noch nicht einmal vor ihm gestanden, so lange sie hier war. „Blanka,“ fügte er dann hinzu, „ich habe Sorge, Du langweilst Dich hier gründlich.“ Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht.

„Ich bitte Dich!“ rief sie, „sprich das Wort nicht aus, erzähle mir lieber etwas, Vetter, bis ich hinauf muß, um zu Mittag Toilette zu machen! – Für wen macht man hier eigentlich Toilette?“ setzte sie hinzu, und zuckte die feinen Schultern. „Sag’ einmal,“ rief sie dann, und schaukelte schon wieder im Stuhl, „wer ist das junge Mädchen, gegen das Deine Großmama – nimm es mir nicht übel – grenzenlos unartig war?“ –

„Fräulein Lieschen Erving.“

„Das weiß ich, aber wer ist ihr Vater? Sie sprach von ihrer Equipage –“

„Der Vater ist der reichste Mann in der Umgegend, Blanka, Besitzer einer Papierfabrik – daher die Lumpenmalice der Großmama – Besitzer weitläuftiger Forsten, in denen wir Gelegenheit haben werden, spazieren zu gehen, da sie an unsern Park grenzen.“

„Und warum kann Großtante das Mädchen nicht leiden?“

„Ja, Blanka, was fragt die Großmama nach einem Warum? Sie hat von jeher eine unerklärliche Abneigung gegen das junge Mädchen gehabt; überdies ärgert sie es, daß Nelly so intim mit ihr verkehrt. Sie hält nun einmal streng am Standesgemäßen fest und hat darin im Grunde nicht Unrecht.“

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 45, S. 737–743
Fortsetzungsroman – Teil 6


[737] Blanka schüttelte den Kopf. „Weißt Du, Vetter, hier scheint noch ganz die alte Luft zu wehen, die sich draußen in der Welt immer mehr und mehr verflüchtigt. O – ein Brief!“ unterbrach sie sich und nahm eilig das zierliche, quadratförmige Couvert von dem Teller, welchen der alte Heinrich ihr hinhielt, um sich dann ebenso leichten Schrittes wieder zu entfernen, wie er gekommen war. „Von Leonie,“ sagte sie halblaut, indem sie das Papier auseinander riß. Eine dunkle Röthe überzog einen Augenblick ihr Gesicht, das gleich darauf wieder bleich wurde, so bleich wie das Gewand, welches sie trug; das Papier flog bebend auf und ab in den kleinen zitternden Händen – dann lachte sie auf, gellend unheimlich, daß der junge Officier erschrak. „Das ist lustig!“ rief sie und ballte den Brief zusammen, „da kommt eben noch ein Beweis für das, was ich Dir vorhin sagte; siehst Du, Army, so exclusiv denkt die Welt nicht mehr wie Deine Frau Großmama, – da schreibt mir eben Leonie von Hammerstein, daß sich Graf Seebach verlobt habe mit einem Fräulein So und So, der Tochter eines Oberförsters, und das aus rasender Leidenschaft, aus Liebe, wie Leonie sich ausdrückt, – hörst Du, Army? aus Liebe!“ Sie lachte, und dabei sprühten die schwarzen Augen ein wildes Feuer und die kleinen Hände zerrissen das Papier in tausend Stückchen.

„Wie? Graf Seebach, mit dem Du im vorigen Winter so oft getanzt hast?“ fragte Army, „der Dich mit Blumen förmlich überschüttete?“ Er sprach es hastig und heftete den Blick forschend auf die erregten Züge seiner Cousine.

„Hat er mit mir getanzt? Ich erinnere mich kaum noch,“ erwiderte sie leichthin und schaute in das üppige grüne Blättermeer der Bäume und Sträucher; ihre feinen Nasensflügel bebten nervös. „Ja, die Welt schreitet fort, – daß ein so stolzer Mann wie Seebach, ein Mann, der vor einiger Zeit erst von seinem fleckenlos bewahrten Stammbaume sprach, daß dieser aus Liebe – ha, ha, Army, nicht wahr, das ist lächerlich? – aus Liebe ein bürgerliches Mädchen zu seiner Gemahlin erhebt!“ Sie schüttelte heftig den Kopf, und wieder klang das unnatürliche, krampfhafte Lachen von ihren Lippen. Dann erhob sie sich plötzlich; der zierliche Elfenbeinfächer an dem silbernen Kettchen flog klappend gegen den massiven Tisch – so eilig wandte sie sich um: „Ich bin fabelhaft müde geworden,“ setzte sie hinzu und legte die schmale Hand über die Augen, als ob sie der grelle Sonnenschein blende, „ich bin nicht gewohnt, so lange in freier Luft zu bleiben, und werde etwas ruhen müssen, damit ich zu Tische wieder frisch bin. Adio, Cousin!“

Sie nickte ihm zu, indem sie seine Begleitung mit einer Handbewegung ablehnte, und schritt über den Platz. Es war, als schwebe die leichte Gestalt auf verborgenen Flügeln dahin, als müsse jeden Augenblick der goldene Schleier, der von dem kleinen Kopfe herabwehte, sich auseinander breiten und sie empor tragen: so leicht, so luftig war das ganze wundervolle Gebild. An der Pforte des Thurms wandte sie sich noch einmal um, und Army hörte ein silberhelles Lachen herüber schallen. Wie verschieden von jenem gereizten, krampfhaften Gelächter das klang, welches er eben gehört! Sie war doch ein räthselhaftes Geschöpf. Wann würde er das Recht haben, dieses Räthsel zu lösen?

Zum Mittagstische erschien die junge Dame in strahlender Toilette. Der blaßgrüne Seidenstoff schimmerte zart durch das weiße Mullgewebe des Oberkleides; das wundervolle Haar war mit einem Kamm aus Elfenbein am Hinterkopfe befestigt, und das feine Handgelenk umspannte ein breiter mattgoldener Reifen, aus dem ein prächtiger Smaragd funkelte. Das Gesicht zeigte keine Spur mehr von jener apathischen Ruhe, die es heute Morgen so kalt und gelangweilt erscheinen ließ; Blanka hatte ein liebenswürdiges Lächeln für Alle, und die alte Baronin sandte einen zärtlichen Blick noch dem andern zu dem jungen Paare, das ihr gegenüber Platz genommen. Das kühle Speisezimmer hatte wohl seit langer Zeit kein so fröhliches Gläserklingen gehört, und Heinrich ebenso lange keinen jener festverwahrten Pfropfen aus den silberhalsigen Flaschen geöffnet, deren Inhalt die alte Baronin so sehr liebte.

Heute moussirte er nun wieder, der perlende Wein, in den spitzen Kelchen, und Heinrich trug mit gewohnter Grandezza die verschiedenen Gänge und ließ sein kluges Auge über die kleine Tischgesellschaft schweifen und über das schöne Mädchen an der Seite seines jungen Herrn, von der ihm die fremde Kammerjungfer erzählt hatte, daß sie ganz gewiß und wahrhaftig einmal unmenschlich reich sein werde und daß sie so viele Freier habe, wie Finger an den Händen. Die alte Sanna aber strahlte vor Freude, denn ihre Herrin hatte ihr wiederholt zu verstehen gegeben, um was es sich handle, und sie sah nun für ihre Baronin wieder glänzende Tage kommen. Das fröhliche Lachen der jungen Dame mit dem goldig schimmernden Köpfchen dort tönte glückverheißend in dem hohen Gemache wider, und dem jungen Officier an ihrer Seite, dem pochte das Herz ungestüm, wenn sie ihn so strahlend ansah oder ihr duftiger Athem ihn streifte.

Nelly aber, die kleine Nelly, was hatte sie nur? Sie, die sonst so willenlos dem Bruder gehorchte, ihm in Allem Recht gab, [738] was er sagte und that, bereit war den leisesten Wunsch von seinen Augen zu lesen, sie brachte heute der Cousine ein so gleichgültiges Wesen entgegen, schien so wenig Theilnahme zu haben für Alles, was um sie vorging, daß es beinahe an Unart streifte. Ihr rother Mund, der sich so gern zum herzlichen Lachen öffnete, blieb heute streng geschlossen, und ihre Augen streiften nur mitunter scheu die glücklichen Züge ihres Bruders, der so unerschöpflich in Aufmerksamkeiten war für seine Nachbarin. Vor ihren Augen tauchte immer und immer wieder ein erblaßtes Gesichtchen mit ein paar großen Thränen in den blauen Augen auf: was hatten sie nur dem Lieschen gethan, ihrem Lieschen? Nein, sie mußte erst hin zu ihr – und sie sollte es sagen, wer sie beleidigt. – –

Es war völlig dunkel geworden, als Nelly einige Stunden darauf aus Lieschen’s Stübchen trat, wo sie in der Dämmerung mit der Freundin geplaudert hatte.

„Es ist nichts, Nelly,“ versicherte Lieschen einmal über das andere mit ihrer weichen Stimme, „es war recht kindisch von mir, daß ich etwas übel nahm, was gar nicht der Rede werth ist, und nun komm, ich werde Dich begleiten.“

Und so schritten sie denn über den Mühlensteg und in dem tiefen Dunkel der Bäume den alten bekannten Weg entlang. Es war ein warmer Abend; kein Lüftchen regte sich am fernen Horizont lag unheimlich eine dunkle Wolkenschicht, schwaches Wetterleuchten zuckte von Zeit zu Zeit auf und warf ein falbes Streiflicht auf die Gegend; die Nachtigallen schlugen in allen Gebüschen, und aus der Ferne ertönte der Gesang junger Burschen, die ihre Festlust so recht aus voller Seele hinausjubelten.

„Ich weiß nicht, wie mir ist,“ begann Lieschen und athmete tief, „als ob ich ersticken müßte! Wie ist die Luft heute so schwer und dumpf! Ich glaube, die Muhme hat Recht – es kommt ein Gewitter.“

Nelly nickte.

„Meine Mutter klagt auch, daß sie gar nicht athmen kann,“ fuhr Lieschen fort; „weißt Du, Nelly, mir ist Pfingsten noch nie so traurig vorgekommen wie diesmal, und es ist doch Alles so wie sonst gewesen. Wenn nur nichts Schlimmes passirt, falls das Wetter doch kommt!“

So waren sie bis zur Parkthür gelangt, mechanisch gingen sie noch weiter in den dunklen Lindenweg, der Duft des Flieders und Faulbaums drang ihnen fast betäubend entgegen, und Lieschen griff mit der kleinen Hand an die schmerzende Schläfe – auf einmal fühlte sie einen leichten Druck auf dem Arm, und Nelly blieb stehen.

„Lieschen, ich bitte Dich,“ bat sie, „war das nicht Blanka’s Stimme?“

Es war ein Weilchen Alles ruhig und still; dann kamen ihnen Schritte entgegen; das Rauschen eines Kleides begleitete sie, und nun drang durch die Stille eine süße klare Stimme herüber:

„Army, mein lieber, lieber Army!“

Wie berückend das klang! Dem jungen Mädchen dort unten war zu Muthe, als bohrte sich ein spitzes Messer in ihre Brust; unwillkürlich preßte sie die Hand auf’s Herz. Und jetzt ein Flüstern: das war seine Stimme, – wie gut, daß sie nicht vernahm, was er sagte! Wäre sie doch nicht mitgegangen!

Das Rauschen des Kleides und die langsamen Tritte kamen näher; sie ließ die Hand der Freundin los und flüchtete hinter den dicken Stamm einer Linde, und doch beugte sie sich vor, und da – da leuchtete ein greller Schein am Himmel auf und zeigte ihr eine hohe, edle Männergestalt, und in seinem Arm hing, wie eine Elfe so zart und licht, die schöne Cousine mit den rothgoldnen Haaren; sie hatte den Kopf zurückgebogen und er beugte sich zu ihr hernieder und küßte sie. Es war nur ein Moment, aber er reichte hin, um den zwei bangen blauen Mädchenaugen Alles zu verrathen; sie legte den Kopf an den Stamm des alten Baumes und schloß die Augen in heißem, nie gekanntem Schmerz. Nelly aber schrie gellend auf: „Army! Army!“ – wie anklagend, wie warnend tönte es. Und dann antwortete er, und so lustig klang die Stimme: „Schwesterchen, wo bist Du denn? So komm doch, sieh nur, was ich gefunden! Komm her – Du sollst voraus laufen und der Großmama sagen, daß das Glück nun wirklich eingekehrt ist, daß Blanka mein geworden!“ Und da flammte es wieder auf im grellen Schein durch die Bäume und beleuchtete eine schlanke Mädchengestalt, welche die Allee hinab heimwärts floh.

Vor dem Brautpaare stand die kleine Nelly und sah mit bangen, großen Blicken zu dem Bruder auf, und als der Schein erloschen, da rang sich ein heißes Schluchzen aus ihrer Brust und mit gesenktem Kopfe schritt sie zum Schloß, um der Mutter zu sagen, daß die Blanka und der Army – ihr lieber, guter Army – Braut und Bräutigam geworden seien. – –

Die Muhme aber saß auf der Sandsteinbank vor der Thür und wartete auf ihren Liebling; der Hausherr und seine Frau promenirten im Garten auf und ab, und Herr Selldorf begleitete sie und erzählte von seiner Heimath und seinen Geschwistern.

Die alte Frau hing ihren Gedanken nach, und jedesmal, wenn so ein flammender Schein durch die schwüle Luft fuhr, dann dachte sie: wenn nur die Liesel erst wieder daheim wär’! „O weh, es regnet morgen,“ flüsterte sie vor sich hin, da wird nichts aus der Waldpartie mit Pastors. Na, da müssen sie sich halt hier verlustiren; „’s wird zwar einen Kribbel-Krabbel geben in der alten Mühle – wie viel hab ich denn zu Tisch? Da sind aus der Pfarre allein acht Personen, und dazu die beiden Oberförsters und – – Gerechter Himmel!“ schrie sie dann auf, „Liesel, wie hast Du mich erschreckt!“ und sie bog sich zu dem jungen Mädchen hinunter, das wie leblos zu ihren Füßen niedergesunken war und den Kopf in ihren Schooß barg.

„Was ist Dir denn, mein Kind? Liesel, so sprich doch! Was ist Dir?“ fragte sie und streichelte das Köpfen. „Mein Gott,“ fuhr sie fort, „bist Du denn krank, mein Herzblättel?“ Aber sie erhielt keine Antwort. Nur der Kopf des Mädchens richtete sich empor; zwei Arme schlangen sich um ihren Hals, und heiße, zitternde Lippen preßten sich innig auf die ihren, – dann war das flüchtige Mädchen verschwunden, und die alte Frau hörte den leichten Schritt auf der Treppe und bald darauf, wie die Stubenthür geschlossen wurde.

„Wunderliches Kind,“ murmelte sie und schüttelte den Kopf. Sie sah ja nicht, wie ihr Liebling dort oben ruhelos auf und ab schritt und wie endlich ihr müdes Köpfchen auf einem thränennassen Kissen lag und die kleinen Hände sich so fest falteten, um ein Gebet zu sprechen für den Army, mit dem sie einst als kleines Mädchen gespielt, und der sie jetzt so gar nichts anging auf der Welt, – ach, so gar nichts mehr!


8.

Droben im Schloß kehrte heut noch lange nicht die Ruhe ein. Die junge Braut zwar zog sich bald in ihr Zimmer zurück; sie war noch so verwirrt, wie sie sagte; es sei Alles so plötzlich, so überraschend gekommen. Sie duldete freilich die Schmeicheleien, welche die alte Baronin ihr mit strahlendem, freudig überraschtem Gesichte sagte, und hörte die bewegten Worte an, die ihres Army Mutter ihr zuflüsterte, aber dann war sie müde, und die hohe Thür ihres Gemaches flog eilig hinter ihr in’s Schloß; das kindlich süße Lächeln verschwand von dem schönen Gesichte, und Sophie, die Kammerjungfer, hatte eine sehr ungnädige Gebieterin. Endlich saß sie dann im Nachtkleide an ihrem Schreibtisch, und die Feder flog über das Papier wie gejagt, und um den Mund zuckte es wie im tiefsten Verdruß.

Um Army aber schlangen sich drunten im Wohnzimmer die Arme seiner Mutter, und ihre Augen ruhten auf den seinen, die so glücklich leuchteten. „Mein alter, guter Junge,“ flüsterte sie, „mögest Du doch glücklich werden! Es ist so rasch gekommen, Army, und Du bist noch so jung. Gott gebe Euch seinen Segen!“

Die alte Baronin, die lebhaft im Zimmer hin und her schritt, blieb nun vor der Gruppe stehen, als eben der junge Mann seinen Mund auf denn der Mutter preßte. „Army,“ begann sie, augenscheinlich ärgerlich über die sentimentale Scene, „Du weißt, was Du zunächst zu thun hast. Du reisest zur Tante und hältst in aller Form um Blanka an, und dann hoffe ich, daß alles Andere auch bald arrangirt sein wird, – an Blanka’s Vater schreibst Du nur; ich denke, mit dem Menschen kommen wir in keine weitere Berührung; jedenfalls –“

„Gewiß, Großmama, ich reise,“ unterbrach er sie mit leicher Stimme. Er war zu Nelly getreten, die, in einen großen Lehnstuhl gekauert, das Gesicht in beide Hände barg.

„Kleine,“ sagte er leise, „hast Du denn kein freundliches Wort für mich?“

„Ach, Army,“ schluchzte sie, „ich – ich erschrak so heftig, [739] als ich Dich dort mit der Cousine sah, und ich bin so traurig, daß –“

„Aber Nelly! Es ist doch ein großes Glück für uns Alle, daß es so gekommen und ich habe sie so lieb, die Blanka.“

„Hat sie Dich auch lieb?“ fragte das junge Mädchen ernst, und erfaßte seine Hände, „weißt Du das genau?“

„Aber Herzchen,“ sagte er lachend, „denkst Du, sie würde mich sonst heirathen mögen? Sie, die so schön ist und der so gehuldigt wird?“

Nelly schüttelte den Kopf und sah mit ihren verweinten Augen an dem Bruder vorüber. „Ich hab es mir so ganz anders vorgestellt,“ flüsterte sie.

„Närrisches kleines Ding!“ sagte er und strich zärtlich über ihre Locken. „Aber, nicht wahr Nelly, es ist doch auch schön, wenn Du mich so recht glücklich weißt?“

Sie nickte unter Thränen und verließ dann schnell das Zimmer. Draußen rollte der erste Donner des heraufsteigenden Gewitters durch die schwüle Nacht.

„Ich glaube, Nelly ist krank,“ sagte besorgt die Mutter, „sie hat so glühend heiße Hände.“

„Ach was, unartig ist sie; sie schmollt, weil nach ihrer Meinung ihrem Lieschen heut zu viel geschah,“ erklärte die alte Dame ärgerlich. „Ich wette, sie ist schon unten gewesen in der Mühle und hat das einfältige Ding um Verzeihung gebeten; es ist unerhört, wirklich.“

„Gewiß war sie unten, sie schien von dort zu kommen, als sie uns so unerwartet in der Lindenallee traf; übrigens, Großmama, ich muß es gestehen, und Blanka findet es auch: Du warst zu schroff gegen die Kleine.“

In diesem Moment zuckte ein greller Blitz auf, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgte.

Misericordia, welch ein Gewitter!“ rief bebend die alte Baronin und vergaß ihre scharfe Antwort einen Augenblick über dem Schrecken, „ob sich Blanka fürchtet?“ Da flog auch schon die Thür auf, und im weiten weißen Caschemirkleide stand die junge Dame plötzlich mitten im Zimmer; sie hielt sich die kleinen Hände vor die Ohren und schaute mit angsterfüllten Blicken umher. „Ich fürchte mich,“ sagte sie sich schüttelnd und flüchtete in den großen Lehnstuhl, den Nelly eben verlassen.

Army eilte zu ihr; er sah in ihr blasses Gesicht und ergriff die kalte kleine Hand.

„Ich möcht hier nicht immer wohnen, um die Welt nicht!“ fuhr sie fort und stellte trotzig ihren zierlichen Fuß auf den Boden.

„Wo willst Du denn wohnen, mein Kind?“ fragte die alte Baronin, verwundert aufhorchend.

Denn wohnen?“ wiederholte erstaunt die junge Dame, und ihre Angst schien momentan völlig vergessen zu sein. „Ja, liebe Großmama, bildest Du Dir vielleicht ein, daß ich und Army uns hier vergraben sollen? Nein, bewahre! Nicht wahr, Army? Wir reisen zu allererst und sehen uns die Welt an; ich kenne noch keins der großen Bäder, Ems, Baden-Baden, dann die Schweiz, Italien – denke doch, Italien, wovon Du mir erst gestern so viel erzählt hast, und dann, wenn wir dies Alles gesehen, dann suchen wir uns einen Ort aus, wo es uns gefällt.“ Sie schwieg plötzlich, denn eben war wieder Blitz und Donner erfolgt und schien das alte Schloß in seinen Grundmauern zu erschüttern. Army hielt die Hand seiner Braut; er stand hoch aufgerichtet neben ihr und horchte auf den verhallenden Donner, die alte Dame aber trat mit einer Miene der höchsten Verwunderung zu dem Paare, während die Schwiegertochter sich in ihrem Sessel aufgerichtet hatte und fast ängstlich lauschte, was da so selbstverständlich der kleine rothe Mund ausplauderte.

„Wir werden da wohl leben müssen, Blanka,“ sagte jetzt der junge Mann ruhig, „wo es Tante Stontheim bestimmt.“

„Nein, nimmermehr!“ erwiderte sie lebhaft, „hier in diesem alten Schlosse möchte ich nicht einmal begraben sein; ich bin noch jung; ich lasse mich nicht fesseln und will das Leben genießen, Army, Du wirst mir Recht geben. Hier wohnen? Nun und nimmermehr! Tante ist zu vernünftig; sie wird das auch nicht verlangen, nein, sicher nicht,“ setzte sie überzeugt hinzu.

„Gewiß, Blanka, wir werden reisen,“ versicherte er, „aber unsern festen Wohnsitz hat Tante zu wählen.“

„Und wenn sie Derenberg wählt, so komme ich nicht mit. Nein, gewiß, ich komme nicht mit; es ist zu traurig hier; ich müßte sterben in dieser Einsamkeit.“

„Und Du wolltest mich dann hier allein lassen?“ fragte Army leise und beugte sich zu ihr hernieder, um ihr in die Augen zu sehen; er sagte es scherzend, aber es klang doch etwas wie Angst hindurch; „und Du hast mir doch noch da draußen unter den Bäumen gestanden, daß Du nur dort glücklich sein würdest, wo –“ seine Stimme sank zum Flüstern herab.

Ein heftiges Schütteln des kleinen goldflimmernden Kopfes war die Antwort. „Nein, nein!“ rief sie dann, „so ist es nicht gemeint, Army; ein Bischen Freiheit laß ich mir nicht nehmen; es wäre mein Tod, müßte ich tagtäglich durch diese kalten hohen Corridore gehen und in den düsteren Park blicken.“

„Wenn aber Dein zukünftiger Gatte es wünscht, daß Du hier bleibst?“ fragte fast athemlos die alte Dame, ihre feinen Hände faßten krampfhaft die Falten ihres Kleides.

„Er wird es nicht wünschen,“ rief sie leidenschaftlich und sprang auf; das liebliche Gesichtchen hatte einen beinahe drohenden Ausdruck angenommen und der kleine Fuß trat energisch das alte Parquet; keine Spur mehr in ihrer Haltung von jenem süßen Hingeben, womit sie heute unter den dunkeln Bäumen an seinem Arme gehangen; der Eigensinn in seiner häßlichsten Gestalt trat hier plötzlich zu Tage, und ihre Stimme klang scharf und rauh. „Es ist lächerlich, geradezu lächerlich,“ fuhr sie fort, „die Frau als Sclavin hinzustellen und ihr zu sagen: da, wo Dein Mann sich wohl fühlt, muß Du es nothgedrungen auch, und wenn Du es nicht thust, so ist es Deine Sache; sieh’, wie Du fertig wirst! Army kann und wird sich nicht so zu mir stellen; ich gab ihm mein Wort, ihn anzugehören, in seiner Hand liegt es nun, aber auch zu machen, daß ich gern bei ihm bin, und hier kann und will ich nicht sein.“

„Blanka!“ rief er, und seine großen Augen ruhten fast erschrocken auf dem jungen Wesen, das eben mit tausend süßen Liebesworten seine Braut geworden. „Blanka! Ich bitte Dich, höre auf! Du bist aufgeregt heute. Du hast Dich gefürchtet.“ Er hatte geklingelt und führte sie zum Sessel zurück. „Ein Glas Wasser!“ befahl er dem eintretenden Heinrich.

Die Großmutter aber sah beinahe erstarrt auf die Braut ihres Enkels. Wie? Dieses kindische Köpfchen warf mit einem Athemzuge all ihre köstlichen Pläne über den Haufen? Sie sollte nach wie vor hier in dieser Einsamkeit leben? Der glänzende Reichthum sollte nicht auch ihr zu Gute kommen? Sie sollte sich nicht sonnen dürfen in den Strahlen, die ein frisches, fröhliches Leben hier verbreiten könnte? Beinahe fassungslos ließ sie sich in einen Sessel fallen und betrachtete finster die hohe Gestalt des jungen Officiers, der eben das Glas Wasser aus den Händen des Dieners nahm, um es seiner Braut zu reichen. Draußen rauschte jetzt mächtig der Regen hernieder; noch immer zuckten schwache Blitzesstrahlen, das Rollen des Donners aber verhallte bereits in der Ferne.

Plötzlich ertönte ein schwacher Schrei aus dem angrenzenden Zimmer; „Nelly!“ rief die jüngere Baronin erschreckt, und verschwand in der Stubenthür. „Kind, was fehlt Dir nur?“ rief sie drüben angsterfüllt, indem sie sich zu der auf dem Sopha liegenden Nelly niederbeugte und die Hand auf ihre heiße Stirn legte.

„Ach, sie ist schrecklich, Mama; sie ist schrecklich,“ schluchzte die Kleine, „mein Army, mein lieber, guter Army! Sie hat ihn nicht lieb, Mama – Du kannst es mir glauben.“

„Aengstige Dich nicht, liebes Herz!“ tröstete leise die Mutter, „sie ist nur ein wenig launisch; es wird noch Alles gut werden.“

„Nein nein, Mama! Ach, wie ich sie sah, da fiel mir die alte Chronik und der Vers von den rothen Haaren ein; er geht mir nicht aus dem Sinn. Ach, wenn sie doch fortginge, noch heute Abend, und gar nicht wieder käme!“

Mit tausend Schmeichelworten suchte die Mutter das erregte Mädchen zu beruhigen; ihr Herz schlug ja selbst so bang! Die blasse Frau senkte den Kopf und ein Paar große Thränen drängten sich ihr in die Augen.

Nelly schlief unter den Liebkosungen der Mutter ein. Es war ein unruhiger, fieberhafter Schlaf, aber die sorgenvolle blasse Frau ließ ihr Töchterchen doch allein; sie hatte ja noch ein Kind, ihren Army. Vorsichtig spähend bog sie den Kopf um die Thür; die alte Dame und die schöne Braut waren verschwunden, aber dort in der tiefen Fensternische, da stand er noch, ihr Liebling, [740] und sah in die finstere Nacht hinaus; sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter, „Army,“ sagte sie leise; er wandte sich und blickte sie fragend an. Sie sprach kein Wort mehr, aber ihre Augen ruhten ängstlich forschend auf dem schönen, stolzen Gesicht, als er ihre Hand an den Mund zog.

„Sei ruhig, Mama!“ sagte er hastig, und seine Stimme klang nicht ganz so fest wie sonst, „sie ist ein verzogenes Kind, ein sehr verzogenes Kind, aber sie hat mich lieb – gewiß, ich weiß es, und sie wird sich ändern; sieh, es that ihr schon wieder leid, daß sie so heftig war.“

Die Mutter unterdrückte die hervorquellenden Thränen und strich leise über seine Stirn. „Gute Nacht, Army,“ flüsterte sie und wandte sich rasch ab.

„Gute Nacht, Mama,“ gab er zurück und küßte ihr schmeichelnd den Mund, „hab keine Sorge um mich!“ – –

Wohl vierzehn Tage waren vergangen seit jener Pfingstnacht. Sturm und Regen hatten damals all die Blüthenfülle der Bäume und Sträucher herabgeweht und sie wie frischen Schnee auf die Erde gestreut, aber dafür brachen jetzt in Müllers Garten die Rosen auf in schönster Pracht, und die Linden der alten Allee im Schloßpark standen in vollster Blüthe. Gar oft war Lieschen in der letzten Zeit diesen Weg gegangen, den sie so bald nicht wieder zu betreten gedacht hatte, war doch Nelly ernsthaft erkrankt, und der alte Heinrich hatte auf ihren Wunsch die Freundin an das Lager der Kranken holen müssen. Nun hatte Lieschen stundenlang dagesessen in dem hohen, dämmerigen Gemach und die kleine, fieberheiße Hand in der ihrigen gehalten.

Die Botschaft, welche sie auf das Schloß rief, war in der Mühle gerade in den „Kribbel-Krabbel“ gefallen, von dem die Muhme gesprochen hatte. Pastors mit den Kindern und Oberförsters waren richtig erschienen, und Lieschen hatte alle Sinne zusammen nehmen müssen, um in alter Weise mit den Kindern zu verkehren, und war diesmal froh gewesen, in dem jungen Herrn Selldorf eine Hülfe zu finden. Da war Heinrich mit der beunruhigenden Botschaft eingetreten, und Lieschen hatte nur einen Augenblick gezögert, Urlaub zu erbitten, der ihr sofort gewährt worden war, wie ungern man sie auch gerade heute in dem fröhlichen Kreise vermißte. „Tante Lieschen, komm bald wieder – adieu Tante Lieschen!“ hatten ihr die frischen Kinderstimmen der kleinen Trabanten nachgerufen, welche die Näschen platt an die Fensterscheiben gedrückt hatten. Hinter der Gardine aber hatte ein junger Mann mit blondlockigem Haar und zwei ehrlichen hellen Augen gestanden und die schlanke Gestalt verfolgt, die unter dem Regenschirm dort eben in dem Waldwege verschwand und ein unmuthiger Zug hatte sich um seinen Mund gelegt. Was war aus diesem sehnlichst erwarteten zweiten Pfingsttage geworden! Statt einer Waldpartie – Regenwetter, statt sehnsüchtiger Blicke in blaue Augen – die Quälereien der wilden Jungen, bei denen Selldorf bereits zum Onkel avancirt war – –

Auf dem Schlosse war sonst noch allerlei passirt in den vierzehn Tagen. Army hatte von einer flüchtigen Reise zu Tante Stontheim deren Einwilligung und außerdem eine allerliebste kleine Equipage für seine Braut heimgebracht, und ein freundliches Schreiben von Blanka’s Vater hatte die Verlobten gesegnet. Die junge Braut war wieder die Liebenswürdigkeit selber; sie hatte aus freien Stücken erklärt, es thue ihr leid, an ihrem Verlobungsabend so heftig gewesen zu sein, aber ein Gewitter verstimme ihre Nerven stets so entsetzlich, und Army – nun, der war der glücklichste Bräutigam, den man sehen konnte; so meinte wenigstens Lieschen. Er trat manchmal in das düstere Krankenzimmer, um die Schwester zu begrüßen, und dann leuchtete sein Gesicht immer so stolz und glücklich, wenn er sich zu ihr niederbeugte und ihr einen Gruß von seiner Braut brachte. Letztere war nur einmal an dem Lager der Cousine erschienen, aber die helle Gestalt mit der lang nachrauschenden Schleppe und dem goldflimmernden Haar hatte die Kranke mächtig aufgeregt, als sie so hastig gefragt hatte: wie es gehe? ob sie nun bald wieder aufstehen könne? und so weiter, und so lebhaft von den Spazierfahrten erzählt, die sie mache, und von den Plänen für ihre Heirath, daß das junge Mädchen in Thränen ausgebrochen war, als sie wieder hinausgerauscht war.

„Wenn sie nur nicht so bald wieder kommt,“ hatte sie gesagt, „mir wird so schwül in ihrer Nähe, und das Parfüm, das sie gebraucht, macht mir Kopfweh.“

Von Lieschen hatte Blanka gar keine Notiz genommen, obgleich sie deren schlanke Gestalt hochaufgerichtet am Bette stehen sah; die Großmama kam überhaupt nie in das Krankenzimmer, so lange sie Lieschen dort wußte, und Sanna murmelte Etwas von Eigensinn und daß sie ebenso gut pflegen könne, wie das einfältige Ding aus der Mühle; „das solle nur so etwas heißen von der jungen Baronin.“

Endlich war die Krankheit überstanden, die dunklen Vorhänge in dem Krankenzimmer zurückgeschlagen, die Fenster geöffnet, und das junge Mädchen lag auf dem Sopha und athmete mit Behagen die reine Waldesluft, die so schmeichelnd in’s Zimmer drang und richtete ihre Augen dankbar auf Lieschen, die neben ihr saß und mit ihr plauderte. Es befand sich Niemand weiter bei ihnen, denn es war noch Besuch gekommen: Blanka’s Vater, wie Nelly flüsternd berichtete, der mit Großmama und Army im Auftrage der Tante Stontheim zu sprechen habe. „Ich bin ordentlich froh, Lieschen,“ fügte sie hinzu, „daß ich nicht dabei zu sein brauche, denn Großmama macht schon seit dem Moment, wo der Brief eintraf, der den Onkel anmeldete, so ein böses, böses Gesicht. Aber sage einmal, Lieschen, Du siehst so blaß aus?“ fragte sie dann. „Du hast Dich gewiß zu sehr angestrengt bei meiner Pflege.“

Das junge Mädchen wehrte erröthend ab. – Von draußen her schallten jetzt Stimmen und das Trappeln von Pferden herauf. „Ah, sie werden vom Spazierritt wiederkehren,“ sagte Nelly, „komm, Lieschen – wir müssen es sehen.“ Sie erhob sich etwas matt und trat an’s Fenster. Dort unten auf dem Platze war, wie es schien, die ganze Familie versammelt; Blanka saß noch auf ihrem Pferde im schwarzen Reitkleide, das kecke Hütchen mit der langen schwarzen Feder auf dem üppigen Haar, das heute in mächtigen Puffen am Hinterkopfe aufgesteckt war, statt wie sonst aufgelöst über den Rücken herabzufallen. Das Pferd war unruhig, aber sie saß vollkommen sicher im Sattel und klopfte mit der kleinen behandschuhten Hand liebkosend den Hals des schönen Thieres. Army war bereits von seinem Goldfuchs gesprungen; er stand vor seiner Braut, um ihr beim Absteigen behülflich zu sein, und sah zu seinem Schwiegervater hinüber, der eben langsam zwischen den beiden Baroninnen herankam. Letzterer war ein kleiner corpulenter Herr, wie Lischen bemerken konnte, und schien sehr eifrig eine Meinung zu vertreten, denn er gesticulirte heftig beim Sprechen.

Die Blicke von Nelly’s Mutter streiften das Fenster, an dem die beiden jungen Mädchen standen; sie nickte freundlich hinauf, und die Augen der mit ihr Gehenden folgten diesem Gruße. Die ältere Dame sah gleichgültig wieder hinweg, während der Oberst, stehend bleibend, seinen Hut abnahm und hinauflächelte: dann hörten sie, wie er nach Lieschen fragte; was geantwortet wurde, konnten sie nicht mehr verstehen.

Inzwischen war Blanka abgestiegen, und Lieschen führte ihre Freundin wieder nach dem Sopha zurück; bald nachher verkündete lautes Sprechen im Nebenzimmer das Eintreten der Gesellschaft. Lieschen nahm ihr Buch wieder auf und wollte die unterbrochene Lectüre beginnen, als drinnen die Stühle gerückt wurden und plötzlich die Stimme des alten Herrn durch die hohe Flügelthür deutlich zu ihnen herüberdrangt:

„Es thut mir leid, meine Gnädige, daß die Sache so wenig nach Ihrem Geschmack zu sein scheint, indessen –“

„Scheint sie desto mehr nach dem Ihrigen zu sein, Herr Oberst,“ unterbrach ihn die scharfe Stimme der alten Baronin.

„Pardon, ich komme nur als Abgesandter der Gräfin Stontheim und habe vorhin schon einmal betont, daß ich mich keineswegs in das Arrangement der Angelegenheiten mischen werde; ich will jedoch nicht leugnen, daß es mir so am vernünftigsten erscheint.“ Seine Stimme verrieth eine gewisse Gereiztheit.

„Ansichten, liebster Derenberg!“

Allerdings, aber Sie müssen selbst zugeben, daß Army noch zu jung, zu unerfahren ist, um sich aus dem Wirrwarr – verzeihen Sie, Frau Baronin! – herauszuwickeln, in dem leider die ganze Derenberg’sche Angelegenheit total versunken scheint. Es gehört ein sehr, sehr gewiegter Landwirth dazu, um die heruntergekommenen Güter wieder heraufzubringen, vorausgesetzt, daß man sie überhaupt wieder zurückerwerben kann; der Wald zum Beispiel – Gräfin Stontheim sprach mit dem Justizrath Hellwig über diese Verhältnisse – der Wald ist so gut wie verloren; der [742] jetzige Besitzer – wie heißt er doch? Sie müssen es ja wissen, ein Fabrikant hier in der Nähe – wird ihn unter keiner Bedingung wieder abtreten; also der Wald ist verloren für immer, und was ist ein solches Gut ohne Wald?!“

„Der Erving den Wald nicht wieder verkaufen?“ rief die alte Dame, „ha, ha, da kennen Sie ihn schlecht; solchen Leuten kommt es nur darauf an, wieviel man bietet, um einen gar nicht so großen Profit verschachert solch ein Krämervolk seine Seligkeit. Nein, nein bester Oberst, das ist eine lächerliche Idee, die ich Ihnen nicht zugetraut hätte. Ich parire jede Wette: bieten Sie ihm so und so viel mehr, und der Wald ist Ihre –“

„Sie würden die Wette verlieren, meine Gnädige, denn Hellwig hat sich in Frau von Stontheim’s Auftrage unter der Hand erkundigt und eine entschieden ablehnende Antwort erhalten, übrigens –“ Lautes Lachen der alten Dame unterbrach ihn.

„Es ist doch möglich, daß Sie Recht haben, Derenberg,“ sagte sie, „denn dieser Parvenü haßt, wie Alle seines Gleichen, den Adel, und uns ganz besonders. Plebaglio!“ setzte sie verächtlich in ihrer Muttersprache hinzu.

„Uebrigens,“ wiederholte der Oberst mit merklich erhöhter Stimme und – „Pardon, Frau Baronin,“ fuhr er artig fort, als sie schwieg, „es interessirt mich gar nicht, wie Sie sich zu diesem Manne gestellt haben; es ändert nichts an der Sache; ich wollte nur noch hinzufügen, daß sich in Bezug auf die Güter selbst und die Vorwerke ein wahrhaftes Chaos herausgestellt hat. Es ist haarsträubend, meine Gnädige – Juden, Mäkler, Vorkaufsrechte, erste, zweite, dritte und vierte Hypotheken, was weiß ich Alles – kurz und gut, die Gräfin Stontheim zieht es vor, die Sache nicht anzurühren, da ein Arrangement nur mit enormen Opfern zu erkaufen sein würde; sie wünscht, wie ich Ihnen heute früh bereits mitzutheilen die Ehre hatte, daß Army auch nach seiner Hochzeit, die für den Herbst festgesetzt ist, noch im Dienste bleibt, daß sie das junge Paar mit reichlichen Mitteln versehen wird, und daß sie später, wenn Army Neigung fühlen sollte zum Landwirth, ihnen ein Gut zu kaufen beabsichtigt, auf dem sie gleich geordnete Verhältnisse vorfinden. Schloß Derenberg bleibt stets eine prächtige Sommerfrische für das junge Paar, und das Haus seiner Väter ist Army auf alle Fälle erhalten. Nicht wahr, Army, Du trägst ganz gern noch ein Weilchen den bunten Rock?“

„Gewiß, ich muß mich fügen, Onkel,“ klang die Stimme des jungen Mannes, „aber ich leugne nicht, daß es mir schwer wird, den Gedanken aufzugeben, Schloß Derenberg wieder zu bewohnen – es war von jeher meine Lieblingsidee.“

„Aber meine nicht!“ fiel Blanka hastig ein, „ich stimme Tante Stontheim vollkommen bei; ich habe es ja neulich schon erklärt.“

„Du weißt nicht, Blanka,“ erwiderte Army, und seine tiefe Stimme schien zu beben – „Du weiß nicht, welch einen Zauber solch alte angestammte Heimath ausübt! Du kannst es nicht wissen, denn Du hast nie das stolze Gefühl gekannt, den Fuß auf die eigene Schwelle zu setzen; Dir haben keine alten Mauern, keine verlassenen Gemächer, keine uralten Bäume erzählt von längst vergangenen Zeiten, da unsere Vorfahren hier lebten und schafften. Es war mein schönster Traum, hier wieder seßhaft zu sein, wo meine Väter in langer Reihe lebten und starben, und das Nichterfüllen dieses Traumes würde mir sehr schmerzlich sein – Du kannst es glauben.“

„Um des Himmels willen!“ rief die junge Dame, „jetzt wird er gar sentimental! Mir erscheint die kleinste Villa an der belebten Promenade unserer Residenz tausendmal verlockender, als dieser langweilige, verlassene –“

„Pst, Kinder!“ fiel der Oberst beruhigend ein, „behalte Jedes seine Meinung für sich! Du, Blanka, hängst ebenso gut von Tante Stontheim’s Willen ab wie Army! Was sie bestimmt, – geschieht; da ist nichts zu ändern, und ich dächte, wir ließen die Sache fallen und stritten nicht weiter.“

„Sehr weise bemerkt, Herr Oberst!“ mischte sich jetzt die alte Dame in das Gespräch, „aber wie schwer solch eine Abhängigkeit zu tragen ist, das kann nur der empfinden, der einst frei zu gebieten hatte. Sie empfinden das nicht; Sie haben nie auf eigenem Grund und Boden gestanden; Sie sind sozusagen in der Abhängigkeit aufgewachsen, und da ist es leicht, anderen Leuten Ruhe zu predigen. Ich finde es wunderbar von der Stontheim; sie hat die Mittel und will nicht helfen; Army soll Officier bleiben aus dem lächerlich hervorgesuchten Grunde, er sei noch zu jung, als ob nicht ältere Kräfte ihm rathend und helfend zur Seite ständen!“

„Sie vielleicht, meine Gnädige?“ lachte der Oberst auf. „Allerdings nicht übel ausgedacht! Finanztalent läßt sich Ihnen wohl kaum absprechen – daß Sie Unglück hatten mit Ihren Speculationen – wer kann dafür?“

„Sie sind noch ebenso unverbesserlich malitiös, wie früher, Herr Oberst, wo ich das Glück hatte, Sie einige Male hier zu sehen, in diesem Falle aber treffen Ihre Anschuldigungen nicht, denn es war wirklich Unglück, das uns verfolgte.“

Unverschuldetes Unglück!“ betonte ironisch der Oberst.

„Onkel, bitte, brechen wir ab! Es regt Mama auf,“ bat Army.

„Und, mein Junge,“ fuhr Jener unbeirrt und nachdrucksvoll fort, „eben um noch einmal unverschuldetes Unglück zu verhüten, deshalb hauptsächlich wünscht die Gräfin Stontheim, daß Du nicht hier – wohl verstanden: gerade nicht hier – die ersten Jahre Deiner Ehe verlebst. Pardon, daß ich so deutlich werden mußte! Ich hätte es gern vermieden –“

„Ich verstehe,“ sagte die alte Dame kalt, „Gräfin Stontheim hat noch immer die unglückliche Idee, daß ich an dem Ruine der ganzen Familie schuld sei; sie hat mir diesen Vorwurf ja damals schon derb und unumwunden in’s Gesicht geschleudert, als Kummer und Noth über uns hereinbrachen; Jemand muß ja auch schuld sein,“ fuhr sie bitter auflachend fort, „und da man mich von Anfang an als Eindringling behandelte und die Fremde, die Italienerin, nie leiden konnte, so war es ja so leicht, ihr auch diese Schuld zuzuwälzen. Va bene! Sie sagen mir nichts Neues, Herr Oberst. – Ich bedaure nur, daß Jemand so – so –“ sie brach ab, offenbar hatte sie eine sehr harte Aeußerung auf der Zunge. Der Oberst antwortete nicht.

„Onkel,“ fragte Army hastig, „was soll dies bedeuten? Tante kann doch unmöglich behaupten, daß Großmama –“

„Schweig!“ rief die alte Dame, und zugleich hörte man das Rollen eines Sessels aus dem Parquet.

Lieschen und Nelly aber saßen athemlos neben einander und hielten sich an den Händen. Als jene den Namen ihres Vaters aussprechen hörte, da war sie aufgesprungen und hatte sich wie hülflos in dem Raume umgesehen, aber es war kein anderer Ausweg vorhanden, als der durch dasselbe Zimmer, in dem man eben so gehässig ihren guten Namen beschmutzte. Die schlanke Gestalt des jungen Mädchens preßte sich wie in jäher Angst gegen eine verschlossene hohe Flügelthür, hinter welcher eine Flucht leerer Gemächer war.

„Wo soll ich hin?“ flüsterte sie angstvoll der Freundin zu.

„Bleib hier, Lieschen!“ bat Nelly und zog sie zu sich, „sie können es nicht wissen, daß wir Alles so deutlich hören; ach, weine doch nicht!“ flehte sie. „O, wenn ich nur gesund wäre und ein Junge, wie der Army, ich wollte ihnen schon Bescheid sagen, wenn sie auf Euch schelten!“ Sie ballte ingrimmig die kleinen Hände.

Drinnen hörte man die alte Dame auf- und abschreiten, und jedesmal, wenn sich ihre Schritte der Thür näherten, fuhr Lieschen auf und blickte mit ängstlichen Augen in dem Zimmer umher, als suche sie einen Versteck, um sich vor ihr zu verbergen.

Auf einmal tönte Blanka’s Stimme herüber; so schmeichelnd, so süß wie Musik klangen die weichen Töne jetzt.

„Großmamachen,“ bat sie, „ich habe eine Bitte an Dich; ich hatte den Army damit beauftragt, aber er scheint es vergessen zu haben, der Böse. Ja wohl, mach’ nur nicht ein so verwundertes Gesicht, Du!“ fuhr sie schalkhaft fort, „nicht wahr, Großmama, das ist Dir nicht passirt von Deinem Bräutigam, der hat Dir gewiß immer die Wünsche von Deinen schönen Augen abgelesen.“

Die letzten Worte klangen deutlicher herüber, als der Anfang der Bitten offenbar stand die schöne Braut jetzt dicht neben der alten Dame an der Thür.

„Jetzt schlingt sie die Arme um Großmamas Hals, wie so ein Kätzchen,“ flüsterte Nelly, „o, wie kann sie bitten und schmeicheln, Lieschen, Du glaubst es nicht.“

„Nun?“ ertönte die Stimme der alten Dame.

„Ich hatte Army beauftragt, Großmama zu bitten, daß sie mir erlaubt in dem Thurmstübchen zu wohnen, welches an mein Zimmer stößt; o bitte, bitte, Großmamachen, amatissima mia!

„Es war sehr vernünftig von Army, daß er mich nicht bat, [743] ich hatte es ihm schon einmal abgeschlagen und kann auch Dir leider den Wunsch nicht gewähren.“

„Warum nicht?“ fragte Blanka veränderten Tones.

„Du erlaubst wohl, daß ich die Gründe für mich behalte.“

„Quäle nicht, Blanka, hörst Du?“ klang die Stimme des Obersten, „alte Schlösser haben ihre Geheimnisse, und darunter manche, die man gern ruhen läßt.“

In diesem Moment wurde die Thür aufgerissen, und die alte Tante stand plötzlich im Zimmer, den beiden Mädchen gegenüber.

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 46, S. 753–756
Fortsetzungsroman – Teil 7


[753] Lieschen war aufgesprungen, versuchte aber nicht mehr zu fliehen, sondern blieb regungslos stehen. Das Abendroth verglühte eben am Himmel, seinen purpurnen Schein durch das Fenster werfend, und umwob die reizende Mädchengestalt mit rosigem Lichte. Die alte Baronin schreckte zurück, als sähe sie ein Gespenst, und streckte erschreckt die Hände gegen sie aus. „Dio mio! Es ist unerhört!“ rief sie, und trat mit dem Fuße auf. „Sind Sie immer nur hier, um mich zu erschrecken?“

„Es thut mir leid, Frau Baronin, daß ich stets das Unglück habe –“

„Allerdings wunderhar, vor solch einer holden Erscheinung zu erschrecken!“ sagte der Oberst; er war in den Rahmen der Thür getreten und schaute bewundernd zu dem jungen Mädchen hinüber. „Darf ich bitten, meine Gnädige, der jungen Dame mich vorzustellen?“

Die Angeredete zuckte mit den Achseln, indem sie einen beinahe mitleidigen Blick auf den alten Herrn warf, und trat zum Fenster.

„Nun, dann muß ich mich selbst vorstellen, mein Fräulein – Oberst von Derenberg!“ sagte er verbindlich.

„Dies ist meine Freundin, Onkel, Lieschen Erving,“ ergänzte Nelly die Vorstellung. Das junge Mädchen verbeugte sich leicht.

„Erving?“ wiederholte fragend der alte Herr.

„Die Tochter des jetzigen Besitzers der Derenberg’schen Forsten, Onkel,“ bestätigte Nelly und heftete ihre Augen voll auf sein etwas geröthetes Gesicht.

„Ah so,“ erwiderte er. Darum kam mir der Name so bekannt vor. „Ihr Herr Vater ist wahrscheinlich ein Liebhaber des edlen Waidwerks?“

„Ja, Herr Oberst, und außerdem verbraucht er viel Holz in seiner Papierfabrik.“

„Ah, eine Papierfabrik besitzt Ihr Herr Vater? Aber Holz – ich meine, das bessere Papier soll meistenteils aus Lumpen gemacht werden?“

Ueber Lieschen’s Gesicht zog ein schalkhaftes Lächeln.

„Gewiß, Herr Oberst. Darum heißt auch unsere Fabrik in der ganzen Umgegend die Lumpenmühle, mein Vater der Lumpenmüller und ich Lumpenmüllers Lieschen.“ Sie lachte jetzt wirklich über das ganze liebliche Gesicht.

„Lumpenmüllers Lieschen?“ wiederholte der Oberst ebenfalls lächelnd und sah belustigt zu ihr hinüber. „Das ist allerdings ein Name, der nicht für Sie zu passen scheint.“

„Ich trage ihn doch gern,“ sagte sie, „jedes Kind nennt mich so, schon immer haben die Töchter aus unserem Hause diesen Beinamen gehabt, entweder Lumpenmüllers Grethchen, oder Minchen, oder Lisett–“. Sie erschrak, als die diesen Namen so unabsichtlich aussprach, und sah scheu zu der alten Dame hinüber, die noch immer am Fenster stand und sich eben jetzt so rasch umwandte, als habe sie eine Natter gebissen.

„Lisett?“ wiederholte sie. „Sie haben da eben einen Namen genannt, auf den Sie sich nicht so stolz berufen sollten; diese Lisett war eine Leichtsinnige, die ihren Eltern viel Kummer gemacht hat –“

„Das Andenken an Großtante Lisett ist mir heilig,“ erwiderte das junge Mädchen scheinbar ruhig, „sie war nicht leichtsinnig; sie war nur sehr unglücklich, aber, wie man mir versichert, nicht durch eigene Schuld, Frau Baronin.“ Ihre Lippen zuckten vor Erregung, als sie diese Worte sprach, und aus ihrer Stimme klang das stürmische Klopfen ihres Herzens.

„Was ist das für eine Lisett? Wer war sie?“ erkundigte sich Blanka lebhaft, die eben in’s Zimmer trat. „Wer schmäht sie, und was hat sie denn verbrochen?“ Sie stand jetzt zwischen Lieschen und der Großmutter, und ihr Köpfchen wandte sich rasch von der Einen zur Andern.

„Sei nicht so bodenlos neugierig, mein Kind!“ beruhigte der Oberst, „ich sagte es Dir schon einmal, alte Schlösser haben ihre Geheimnisse, und –“

„Wer sagt Ihnen denn, Oberst, daß, das Schloß etwas mit jener Angelegenheit zu thun hat?“ Die alte Dame war leichenblaß geworden.

„Je nun,“ erwiderte er bedächtig, und sah scharf zu ihr hinüber, „ich combinire gern –“

„Sehr bedauerlich, Herr Oberst, daß Sie nicht Romandichter geworden sind! Sie haben ihre Carrière verfehlt.“

„Adieu, Nelly,“ flüsterte Lieschen, sich zu ihr niederbeugend und einen Kuß auf die Wange der Freundin drückend, dann verneigte sie sich leicht gegen die Anwesenden und schritt aus dem Zimmer; sie floh förmlich den Corridor entlang und über den freien Platz vor dem Schlosse. In der Lindenallee stand sie plötzlich vor – Army.

„Fräulein Erving –“ Sie sah zu ihm auf; seine Züge waren ernst. „Fräulein Erving –“ wiederholte er – „haben Sie gehört, was dort gesprochen wurde in unserer Wohnstube?“

„Ja!“ erwiderte sie fest.

„Es ist nicht gerade sehr – wie soll ich sagen? – sehr [754] discret, zu horchen, wenn Familienangelegenheiten besprochen werden –“

„Ich habe nicht gehorcht, Herr Baron!“ rief sie stolz; „wäre ein anderer Ausgang aus dem Zimmer gewesen, ich hätte es gern verlassen, für mein Leben gern, denn –“

„Sie konnten durch das Wohnzimmer gehen –“

„Nein! Ihre Frau Mutter selbst hat mich gebeten, die Wege Ihrer Frau Großmutter nicht zu kreuzen, denn sie kann mich nicht leiden; ich bin ja eine Tochter des Hauses, in welchem man anständiger Weise nicht verkehren kann, Herr Lieutenant – Sie wissen es ja; ich war also gezwungen zu bleiben; ich wäre am liebsten aus dem Fenster gesprungen.“ Ein bitterer Zug lag um den kleinen Mund, als sie die Worte sprach.

„Nun, jedenfalls möchte ich Sie bitten nicht über das Gehörte zu sprechen. Das Opfer, diese pikanten Auseinandersetzungen nicht weiter zu berichten ist gewiß ein schweres – ich glaube es schon, unsere Familie bietet ja jeder Zeit Stoff der Unterhaltung in Fülle für die Kreise der Umgegend; aber ich denke, Sie werden dieses Opfer bringen, wenn ich Sie daran erinnere, daß wir früher getreue Freunde waren – nicht wahr, Lieschen?“ Er hielt ihr die Hand hin, aber das junge Mädchen wich zurück und verschränkte die Arme über die Brust.

„Eines Versprechens bedarf es wohl kaum,“ erwiderte sie tonlos, „übrigens würde ich jedenfalls geschwiegen haben, denn der Inhalt Ihrer Gespräche beleidigte ja teilweise meinen Vater – meinen Vater, in dessen Hause Sie so gern weilten zu eben jener Zeit, als wir noch die ‚getreuen Freunde‘ waren, wie Sie bemerkten.“

Er trat bestürzt zurück. „Wie? Ich habe kein Wort über Ihren Herrn Vater gesagt.“

„Aber angehört, als man ihn Parvenü nannte, – als man ihm nachsagte, er hasse den Adel und die Familie Derenberg besonders und er sinne auf Rache – und das ruhige Anhören einer Verleumdung, während man die Ueberzeugung von ihrer Unwahrheit in sich trägt, ist eine Bestätigung derselben. Ihr Zartgefühl scheint unter Umständen zu versagen, Herr Lieutenant!“

Ein Gefühl tiefster Bitterkeit, mit dem heißen Weh hoffnungsloser Liebe gemacht, quoll in ihr auf. Aber erst als sie, mit einer kühlen Wendung ihm den Rücken kehrend, ohne Umsehen hastig ein Stück der Allee hinabgeschritten war, brachen schwer und langsam die Thränen aus ihren Augen. Sie sah es nicht, wie er noch lange ihr nachblickte und erst, nachdem ihre schlanke Gestalt verschwunden war, mit finster gefalteter Stirn zögernd dem Schlosse zuschritt. – –

Als Army in das große Zimmer zu den Uebrigen trat, schien etwas Ruhe nach dem Sturme eingekehrt zu sein, wenigstens schwieg Jeder. Der Oberst hatte sich eine Cigarette angezündet und lehnte anscheinend in behaglichster Stimmung in einem der tiefen altmodischen Sessel, während die alte Baronin kerzengerade auf dem Sopha saß und in nervöser Hast mit ihren schlanken weißen Fingern spielte. Blanka aber stand in der tiefen Fensternische und schaute in den Park hinaus; die lange Schleppe ihres dunkelblauen Reitkleides lag unbeweglich auf dem alten Parquet, und sie verharrte auch noch regungslos, als ihr Bräutigam an ihre Seite getreten war. Er überhörte die unwillige Frage der alten Dame, die ihm zurief, wo seine Mutter sei und ob sie nicht bald komme. Er sah nur die reizende Gestalt neben sich, die in dem knappen Reitkleide noch zierlicher, noch kinderhafter erschien als sonst, und er nahm leise eine der schweren goldigen Haarsträhne, die losgelöst auf dem blauen Sammet lagen, und drückte seine Lippen darauf. Die junge Dame schüttelte, ohne sich umzusehen, heftig mit dem Kopfe, und die kleinen Hände griffen rasch nach dem Haare und zogen es über die Schulter.

„Blanka!“ sagte er vorwurfsvoll und bog sich vor, um in ihr Gesicht zu sehen. Sie wandte den Kopf ab und blickte, scheinbar mit Interesse, in den stillen grünen Garten hinaus.

„Habe ich Dich beleidigt, Blanka?“ fragte er leise. „Bist Du mir böse?“

Sie hielt sich mit einer hastigen Bewegung beide Hände vor die Ohren. „Nein, nein, um Gotteswillen, nein!“ rief sie leidenschaftlich, sich mit einem Rucke umwendend, „ich bitte Dich, Armand, frage nicht so lächerlich! Du siehst doch, ich habe augenblicklich keine Lust, Dein Liebesgeflüster und Deine Zärtlichkeiten mit anzuhören; jeder Andere würde es sofort begriffen haben, und Du fragst, ob ich böse bin, und Gott weiß, was für Unsinn noch!“ Sie trat ärgerlich mit dem Fuße auf.

Das Gesicht Army’s war dunkelroth geworden. „Verzeihe,“ sagte er und schritt zu dem Pianino. Er schlug den Deckel auf und that ein paar Griffe.

„Bitte, spiele nicht!“ rief Blanka, indem sie wieder die Hände zu den Ohren führte.

Er stand auf. „Dann bitte, spiele Du!“ bat er, „ich möchte gern ein wenig Musik hören; sie hat für mich so etwas Beruhigendes, Versöhnendes.“

„Ja, bitte, spiele, mein Schätzchen!“ rief auch der Oberst, der von der ganzen kleinen Scene nur dieses Letzte gehört hatte und dem es angenehm zu sein schien, die peinliche Stimmung zwischen ihm und der alten Dame auf diese Weise vertuschen zu können.

„Auf dem Instrumente dort?“ fragte sie. „Nein, darauf kann ich nicht spielen; nicht einmal hören mag ich die klimprigen Töne. Uebrigens bin ich auch zu fatiguirt von dem weiten Ritt,“ setzte sie hinzu.

Einen Moment blitzte es in Army’s Augen zornig auf; dann ging er zu dem alten geschmähten Instrumente, schloß den Deckel und trat wieder zu seiner Braut; sie hatte die kleine Reitpeitsche zur Hand genommen und spielte mit deren silbernem Griff, während die alte Dame sich erhob und das Zimmer verließ.

„Ich nehme an, Du bist wirklich angegriffen, sonst wäre es mehr als bloße Laune, wenn Du Dich auf meine Bitte geweigert hättest, zu spielen,“ bemerkte er mit erzwungener Ruhe.

„Nimm es an, lieber Junge, nimm es an!“ sagte lachend der alte Herr und schlug ihn auf die Schulter, „man kommt ja so am weitesten; ich sehe, Du wirst vortrefflich mit ihr fertig werden.“

Army biß sich auf die Lippen.

„Darf ich Dich nach Deinem Zimmer führen?“ fragte er dann zu seiner Braut gewandt, „ich schlage Dir vor, Du legst Dich ein wenig und ruhest, vielleicht bekomme ich nach Tische noch etwas von Dir zu hören, nicht wahr?“

„Ich glaube nicht,“ erwiderte sie, „denn ich habe Kopfweh und werde heute in meinem Zimmer bleiben.“

Der Oberst lachte. „Na, gute Nacht denn, und gute Besserung,“ und damit schritt er, noch lächelnd und dem Neffen zunickend, aus dem Zimmer. Blanka nahm die Schleppe ihres Reitkleides über den Arm und folgte ihm; sie ging, ohne ein Wort zu sprechen, an ihrem Bräutigam vorüber.

„Blanka!“ sagte er leise und vertrat ihr den Weg, „willst Du mir nicht Gute Nacht sagen?“

„Du behandelst mich wie ein unartiges Kind,“ rief sie leidenschaftlich und trat zurück, „ich wundere mich, daß Du nicht verlangst, ich solle Abbitte thun; es ist Dir ganz gleich, ob ich Kopfschmerzen habe oder nicht –“

„Weder das Eine noch das Andere. Ich verlange weder Abbitte, noch verweigere ich Dir mein Bedauern, daß Du Kopfschmerzen hast, aber mir ist es unmöglich, so ohne ‚Gute Nacht‘ von Dir zu gehen. Nicht wahr, das ist im Grunde auch nicht angenehm, Blanka? Wenn zwei Menschen sich so lieb haben, wie wir, dann ist das Verlangen nach einer Verständigung, nach einem Aussprechen so natürlich.“

Er war bei diesen Worten näher zu ihr getreten und wollte sie an sich ziehen, aber sie wich ihm aus mit einer ungeduldigen Bewegung, und um ihren Mund legte sich einen Moment ein spöttischer Zug.

„Wenn Du mich wirklich lieb hättest,“ entgegnete sie schroff, „so würdest Du mir nicht solche alberne Moralpredigten halten wollen, da Du doch weißt, daß ich angegriffen bin. – Es ist schrecklich,“ fügte sie hinzu, „was Du für eine Auffassung von unserer gegenseitigen Stellung zu haben scheinst; dieses ewige Rücksichtnehmen, dieses Anlehnen des Einen an den Andern, ohne einen freien Willen äußern zu dürfen, dieses Aufgehen in einander – eine drückende, entsetzliche Kette ist es, aber kein Glück. Ich will frei sein – hörst Du? frei sein!“ wiederholte sie noch einmal, und gleich darauf fiel der schwere Thürflügel dröhnend zu hinter der zierlichen Gestalt.

Er stand wie betäubt und starrte auf die Thür, die sie seinen Blicken entzogen hatte. Es war still geworden in dem großen [755] Zimmer; das Abendroth warf seinen glühenden Schimmer durch die Fenster und erfüllte das Gemach mit rosiger Dämmerung, und allmählich verblich der purpurne Schein, und die grauen Schleier des Abends sanken verdüsternd herab. Der junge Mann trat zum Fenster und schaute unverwandt hinaus in die abendliche Landschaft, die Lippen wie im tiefsten Unmuth auf einander gepreßt, aber dann zuckte er zusammen; von droben her trafen Klänge sein Ohr. Hastig öffnete er das Fenster, und noch deutlicher schwebten sie jetzt zu ihm herunter, dort oben wurde der Faust-Walzer gespielt, so rhythmisch und schwungvoll, wie sie es nur verstand; Perlschnüren gleich rollten die Passagen, und dazwischen hob sich, meisterhaft vorgetragen, die Grundmelodie hervor.

„Sie spielt!“ murmelte er, und seine geballte Hand fiel zornig aus das harte Fensterbrett. Sind sie aber ohne Tück’, so ist’s fürwahr ein großes Glück, lachte er bitter auf; dann verließ er das Zimmer.

Draußen umfing ihn eine weiche milde Abendluft. Er lenkte seine Schritte unwillkürlich an dem Schloßgraben entlang, auf dem der Hollunder jetzt seine abgeblühten Zweige hervorstreckte, und blieb dann unter ihrem Fenster stehen. Dicht neben ihm stieg der alte Thurm massig empor, und die weißen Kletterrosen, die sich an ihm hinausrankten, leuchteten hell aus der Dunkelheit zu ihm herüber – dort oben war das Spiel verstummt. Doch nein, da begann es von Neuem – eine düstere schwermüthige Melodie; er kannte ja den Text:

„Da steht auch ein Mensch und schaut in die Höhe,
Und ringet die Hände vor Schmerzensgewalt,“

wie meisterhaft wurde er vorgetragen! Dann verstummte plötzlich die Musik mit einem schrillen Mißklange.

Army athmete wie erleichtert auf. In seinem Herzen, das so ehrlich und heiß liebte, mühte er sich vergebens ab, das Wesen seiner Braut zu enträthseln; mit aller Gewalt drängte sich ihm heute Abend die bange Frage auf! Wenn sie Dich nicht liebte? „Lieber den Tod, als ihr entsagen!“ murmelte er weiterschreitend und dachte unwillkürlich an Agnese Mechthilde und den Junker von Streitwitz, der hier im Garten begraben liegen sollte. Verstimmt bog er in den grünen Laubgang ein, der ihm am nächsten lag. Der heutige Nachmittag mit all dem unangenehmen Erlebten stieg wieder vor ihm auf; widerwärtige Empfindungen bemächtigten sich seiner; die Erinnerung an das Gespräch zwischen Onkel und Großmama mit den vielfach malitiösen Andeutungen, die wie aufflammende Leuchtkugeln häßliche Streiflichter auf die Vergangenheit geworfen, die Erinnerung an die eigensinnige Erklärung Blanka’s, nicht hier wohnen zu wollen, und dann an die strafenden Worte, die ihm Lieschen zugerufen dort in der Allee, als er sie bitten wollte, von dem Gehörten nichts zu verrathen! Sie hatten ihn tief beschämt, diese einfachen Worte, der vorwurfsvolle schmerzliche Blick; er hatte den braven Mann dort unten in der Mühle verleumden lassen, ohne ein Wort zu seiner Vertheidigung zu sagen – aus Gedankenlosigkeit, seine gespannte Aufmerksamkeit war ja dem Wortwechsel gefolgt, der seinen Lieblingswunsch so rauh vereitelte, den Wunsch, mit Blanka hier zu wohnen in dem Schlosse seiner Väter. Aber Lieschen mußte meinen, er denke ebenso wie – „o nein, nein, gewiß nicht; ihr Vater ist ein ehrlicher, braver Mann.“ Das wäre ja auch schließlich Alles verteufelt gleichgültig – nein, das zuletzt Erlebte, das hatte den tiefsten Stachel in seine Brust gedrückt. Die heftigen Worte seiner Braut klangen ihm wieder in die Ohren: „Was hast Du für eine Auffassung von unserer gegenseitigen Stellung?“ und dann: „Eine Kette ist es, eine drückende Kette, aber kein Glück.“

„Eine „Kette“!“ wiederholte er halblaut, indem er stehen blieb, aber dann sagte er rasch: „Ah bah, Mädchenlaunen, weiter nichts! Sie ist auch zu schön, zu stolz, – ein zu eigenartiger Charakter, um sich in die engen Grenzen zu schmiegen, die einer Frau eigentlich gezogen sind.“ Er hätte das bedenken sollen, meinte er; er durfte nicht immer und immer wieder versuchen, sie für seine Ansicht zu gewinnen, es mußte erniedrigend für sie sein; sie hatte Recht, mißgestimmt zu werden, seine schöne, stolze, geliebte Braut. Und sie liebte ihn ja doch; sie hatte es ihm so oft auf seine stürmischen Fragen versichert. Im Herbst, hatte Onkel Derenberg gesagt, im Herbst, da würde sie ganz die Seine, unentreißbar die Seine. Mußte nicht vor dieser seligen Gewißheit alles gegenwärtige Leid verschwinden?

Der Nachtwind hatte sich aufgemacht; er bog über dem Haupte des jungen Mannes die Zweige zusammen, daß sie leise rauschten, und kräuselte die Fläche des dunklen Teiches zu Army’s Füßen; er scheuchte die trüben Gedanken in weite, weite Fernen und trug versöhnende Liebe und weiches süßes Sehnen durch die stille warme Sommernacht. „Im Herbste,“ sagte Army noch einmal leise, „im Herbste, dann kommt das Glück.“



9.

Der Sommer war vergangen, und der Herbst trat seine Herrschaft an und begann das Land der Wälder bunt zu färben; ein krystallklarer blauer Himmel wölbte sich über der Erde; in der Lindenallee des Schloßparkes lagen die ersten welken Blätter am Boden, und im Erving’schen Garten blühten die Astern und Georginen in buntester Farbenpracht. Ueber die Weinspaliere waren Netze gezogen, um den naschigen Sperlingen das Schmausen zu verwehren; auf dem Laube der Obstbäume aber lugten die gereiften Früchte goldgelb und rothbäckig hervor und warteten des Pflückens.

Es war in der Mühle Alles im gewohnten Geleise weitergegangen; wie rasch war der Sommer verflogen! und nun freute man sich auf die langen Winterabende am warmen Ofen. Die Leute in der Mühle freuten sich freilich noch auf etwas Anderes; wußten sie doch Alle, sowohl die Arbeiter in der Fabrik wie die Mine und Dörte in der Küche und der Peter im Stalle, daß es bald eine Braut im Hause geben werde; wer Augen hatte zu sehen, dem war es sonnenklar, daß Herr Selldorf und „unser Lieschen“ ein Brautpaar werden würden. Dem hübschen blonden Manne guckte ja die Liebe so deutlich aus den ehrlichen hellen Augen heraus, und mit keinem Menschen war der Hausherr so vertraut und herzlich umgegangen, und keiner seiner Collegen hatte so freundliche Blicke aus den Augen von Lieschens Mutter empfangen, wie er. Selbst die Muhme nickte ihm stets so wohlwollend zu und sagte mitunter in der Küche, wenn von ihm gesprochen wurde: „Ein Prachtmensch, der Selldorf!“ Nur Lieschen schien von alledem nichts zu bemerken; zwar war sie stets freundlich und artig gegen den Volontair des Vaters und stellte die großen Sträuße Vergißmeinnicht, die er ihr zuweilen mitbrachte, sogleich in frisches Wasser, aber sonst konnte kein Mensch die Liebe bemerken, die sie absolut für ihn fühlen sollte, so sehr sich auch Mine und Dörte Mühe gaben.

„Sie thut nur so,“ meinte die Letztere, „das ist so Mode bei den Vornehmen, aber inwendig, da steht’s anders, gelt, Muhme?“

„Die viel schwatzen, lugen viel!“ hatte die Muhme geantwortet; „kümmere Dich nicht um die Liesel, sondern bleib’ bei Deinem Kochtopf! Wird schon einmal Hochzeit sein hier im Hause. Wer der Bräutigam ist, mag Gott allein wissen; wir können nicht in die Zukunft sehen, und darum halt den Mund über Dinge, die Euch nichts angehn! Aber Ihr habt nichts weiter im Kopfe, als das Mannsvolk und das Heirathen. Die Liesel weiß recht gut: ‚Freien ist wie Pferdekauf, Mägdlein thu die Augen auf‘!“ Und dazu hatte sie ernsthaft mit dem Kopfe genickt. Aber so sehr auch sonst ihre Worte in Ansehen standen, diesmal ging ihre Rede zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus; sie wußten es ja zu genau, die Mädchen, daß Herr Selldorf ein Auge auf das Fräulein habe, und die Zeit würde es ja lehren, wer Recht hatte.

Einstweilen heimste die Muhme in Keller und Speisekammer ihre Wintervorräthe mit gewohnter Emsigkeit ein, und Lieschen mußte überall helfen und dabei sein, „denn guck’, mein Herzel, es ist für den künftigen Haushalt,“ sagte die alte Frau. Heute nun schüttelte und rüttelte es schon den halben Nachmittag ganz gewaltig in den ehrwürdigen Nußbäumen hinter dem Hause, und Blätter und Früchte fielen zur Erde, auf der eine große Leinwandplane ausgebreitet lag; der Peter und der Christel schlugen mit langen Stangen unbarmherzig in das Gezweig, und drei bis vier Kinder krabbelten jubelnd am Boden und überkugelten sich ordentlich in der Hast des Aufsammelns.

Lieschen, welche heute Besuch von Nelly hatte, war vor Kurzem erst mit dieser von den Kindern hinweg und aus dem Garten gegangen, und nun standen die beiden Mädchen in der Laube vor dem Hause, an dem Sandsteintische, über den die Muhme ein weißes Tuch deckte, und warteten schweigend, bis [756] die Alte das Kaffeegeschirr von der Bank genommen und auf den Tisch gestellt hatte.

„Muhme, nicht wahr, Du trinkst Deinen Kaffee hier draußen bei uns?“ fragte Lieschen, als jene fertig war.

„Kann ich thun,“ erwiderte die Muhme, „in der Wohnstube ist ohnehin Besuch.“ Sie setzte sich zu Nelly auf die Bank und bat Lieschen, ihr eine Tasse zu holen. „So fleißig?“ meinte sie dann, als das junge Mädchen neben ihr aus einem Körbchen eine Stickerei hervorgezogen hatte und eifrig zu sticken begann.

„Für den Army ein Hochzeitsgeschenk!“ erwiderte diese freundlich.

„Lieber Gott,“ sagte die alte Frau, und nahm dankend die gefüllte Tasse aus Lieschen’s Hand, „er ist auch noch recht jung; es ist mir immer, als sei es erst gestern, da er über den Mühlensteg gesprungen kam in seinem schwarzen Sammetkittel.“ Nelly nickte, Lieschen aber sah unwillkürlich hinüber zu der kleinen Brücke, unter der das Wasser klar und straff dahinschoß.

„Wer ist denn beim Vater drinnen?“ fragte sie mit gepreßter Stimme, als wollte sie das Gespräch auf etwas Anderes lenken; zu gleicher Zeit lächelte sie ihrer Mutter zu, deren Gesicht einen Augenblick am Fenster sichtbar wurde.

„Ein fremder Herr – ich kenne ihn nicht“, antwortete die Muhme, setzte dann aber plötzlich ihre Tasse hin, schob die Brille etwas herunter und sah darüber hinweg scharf nach dem Wege jenseits des Wassers. „Heiliger Gott,“ sagte sie dann, „war das nicht die Sanna, Nellychen, die dort zwischen den Bäumen ging? Jetzt ist sie hinter den Ellern und Weiden, – ich habe sie lange nicht gesehen, aber ich meine, ihr Gang ist’s gewesen. Siehst Du, wahrhaftig sie ist’s,“ rief sie und deutete auf die große Gestalt in dem dunklen Kleide und der weißen Schürze, die eben eilig die Brücke betrat.

„Die Sanna!“ rief auch Nelly und sprang auf, „mein Gott, was ist denn da passirt?“

„Die Frau Baronin lassen bitten,“ tönte die fremdartig accentuirte Stimme der alten Dienerin, deren harte Züge von eiligem Gehen geröthet erschienen, „das gnädige Fräulein sollen sofort zu ihr kommen.“

„Um Gott, Sanna!“ fragte hastig das junge Mädchen, ihre Stickerei zusammenraffend, „was ist passirt? Zur Mama soll ich kommen oder zur Großmama?“

„Zur Frau Großmama natürlich,“ erwiderte die Alte, ohne auch nur den Blick zur Muhme oder zu Lieschen zu wenden, die der Freundin behülflich waren, die bunte Wolle in den Korb zu legen, „die Frau Großmama ist sehr böse, daß Sie nicht zu Hause waren, so böse, daß ich mich sofort aufmachte, um hierher zu laufen, weil die Frau Mama meinte, Sie wären wieder in der Mühle, und Heinrich hatte keine Zeit; er muß Briefe auf die Post tragen.“

„So sag’s doch, Sanna,“ bat Nelly und schaute angsterfüllt zu der großen hageren Frau hinauf, „ist jemand krank oder sind schlechte Nachrichten da?“

„Die Frau Großmama hat einen Brief mit einer Trauernachricht bekommen,“ erwiderte die Alte und streifte mit finsteren Blicken die Muhme, die aufgestanden war.

„Um Gotteswillen!“ schrie Nelly, und schaute mit Entsetzen zu Sanna hinüber, „es ist doch nicht Army? Sanna, liebste Sanna, Du weißt es gewiß – sag’s doch! Ich bitte Dich,“ und sie lief zu ihr hinüber und faßte flehend ihre Hände. Lieschen aber setzte sich auf die Steinbank, es war ihr, als trügen sie ihre Füße nicht länger, und sie schaute mit großen weitgeöffneten Augen wie abwesend auf die Gruppe.

„Ich weiß es nicht,“ erwiderte achselzuckend die alte Dienerin, während Nelly die Hände vor’s Gesicht schlug und abermals schluchzend ausrief:

„Army! Allmächtiger Gott, wenn es Army wäre!“

„Beruhige Dich, Nellychen,“ tröstete jetzt die Muhme und nahm das weinende Mädchen in die Arme, „Dein Bruder ist es nicht; sie würde sonst nicht so ruhig dastehen – geh rasch nach Hause und sei getrost! Er ist es nicht.“

„Ach, Muhme,“ schluchzte sie, „ich kann vor Angst kaum stehen.“

„Meinen Sie nicht, gnädiges Fräulein!“ sagte nun auch die alte Sanna, das „gnädige Fräulein“ scharf betonend; „die Gräfin Stontheim ist gestorben, mir hatte aber die Frau Großmama verboten, hier in der Mühle davon zu sprechen, denn sie will alles Geklatsche möglichst vermeiden, und hier –“

Sie verschluckte das Uebrige, indem sie einen feindseligen Blick auf die Muhme warf, die noch immer neben dem weinenden Mädchen stand.

„Nun, nun,“ bemerkte diese, „Ihr könnt’s immer für Euch behalten, Jungfer Sanna, was geht’s mich an, ob die Tante gestorben ist oder nicht. Aber Ihr braucht darum dem armen Kinde nicht solchen Schrecken in die Glieder zu jagen mit der Todesnachricht; es war noch Zeit, wenn sie es zu Hause erfuhr.“

„Ich habe mit Ihnen gar nichts zu verhandeln; ich thue, was mich meine Herrschaft heißt,“ erwiderte die alte Dienerin geringschätzig.

„O ja! Dafür kenne ich Euch noch von früher“, sagte die Muhme, der das Blut plötzlich hell in das Gesicht stieg; sie sah ihre Freundin durchdringend an.

„Ich komme ein Stückchen mit Dir, Nelly,“ rief Lieschen, wie aus einer Erstarrung erwachend, und folgte der voran eilenden Freundin, während Sanna keine Miene machte, ihr zu folgen, vielmehr wie angewurzelt stehen blieb.

„Was meinen Sie denn?“ fragte sie und schaute mit dem Ausdruck unversöhnlicher Feindschaft zu der Muhme hinüber, die eben das Kaffeeservice zusammensetzte. Wie diese beiden Frauen sich gegenüberstanden, war es unverkennbar, daß hier ein alter, lange verhaltener Haß in einem Augenblick wieder in vollen lodernden Flammen emporschlug.

„Was ich meine?“ erwiderte die Muhme und trat, ihre ehrlichen Augen auf die große dunkle Gestalt richtend, furchtlos einen Schritt näher. „Was ich meine? Ei, Jungfer Sanna, das solltet Ihr doch nicht erst fragen; ich seh es an Eurem Gesicht, daß Ihr es wißt, gar genau wißt – es hat doch gewiß oft genug an Eurem Kopfkissen geruckt und gezuckt und Euch nicht schlafen lassen in langen bangen Nächten, und hat auf Eurer Brust gelegen wie ein Alp, der nicht gewichen ist, und wenn Ihr hundertmal Euren Rosenkranz abgebetet habt und alle Heiligen angerufen – das war das Gewissen, Jungfer Sanna, und ein böses Gewissen hat Wolfszähne; die fassen scharf und tief –“

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 47, S. 769–774
Fortsetzungsroman – Teil 8


[769]O miserocordia!“ rief Sanna und schlug die Hände mit einer leidenschaftlichen Geberde des Zornes zusammen; „das hab’ ich davon, daß ich selbst hergelaufen bin; die Frau Baronin hat Recht gehabt, wenn sie es stets verbot, daß man sich mit dem plebaglio, dem miserabile einlassen sollte.“

„Was Eure Baronin sagt, ist mir ganz gleichgültig,“ erklärte die Muhme, „und Eure italienischen Schimpfwörter könnt Ihr sparen; die verstehe ich nicht, aber Eins muß ich Euch doch noch sagen, Jungfer Sanna, da es der Zufall will, daß wir zusammen kommen – ich habe mich lange darnach gesehnt, es zu thun: Ihr und Eure Baronin, Ihr tragt eine Sünde auf dem Gewissen, die himmelschreiend ist. Vielleicht habt Ihr gemerkt, es weiß Niemand darum, vielleicht habt Ihr auch richtig erkannt, daß es Eine giebt, die doch den Hergang kennt und weiß, wie es gekommen ist, daß ein junges blühendes Leben in’s Grab sinken mußte, ich sag’s Euch aber, und Ihr könnt’s der gnädigen Frau dort oben bestellen: Gott sieht eine Zeit lang durch die Finger, aber nicht ewig, und er läßt sich nicht spotten, und ich – ich, die alte Muhme aus der Papiermühle – ich bete noch jeden Abend zum lieben Gott, daß er mich einen Tag erleben läßt, wo ich es Eurer stolzen Frau in’s Gesicht sagen kann, daß sie eine –“

Cielo!“ kreischte die Italienerin und focht mit den Händen in der Luft, „welch eine verrückte Person! Ich wundere mich, daß Sie nicht sagen, wir haben das hochmüthige Ding gemordet.“

„Das könnte ich mit vollem Recht behaupten,“ beharrte die Muhme, „und wenn Keins hochmüthiger war als sie, so ständ’s wohl in der Welt.“

„Das soll ich mir sagen lassen?“ rief dunkelroth die alte Sanna, „wollen Sie vielleicht nicht auch behaupten, daß wir ihr Gift eingegeben oder sie erdrosselt haben? Wenn die Jungfer Lisett starb, so ist sie selbst schuld daran gewesen; was hat sie sich einzubilden, der Herr Baron würde sie heirathen! Was fängt sie Liebschaften an, die über ihren Stand gehen! So ein Herr hat hundert Augen und sieht mehr als ein schönes Mädchen.“

„So?“ rief jetzt die alte Frau und setzte hastig das Präsentirbrett mit den Tassen, welches sie eben hochgenommen, wieder hin – „wollt Ihr den Baron Fritz auch noch verleumden? Der ist besser gewesen als die ganze Sippschaft da droben“ – sie deutete nach dem Schlosse – „zusammengenommen, und wenn er ein leichtsinniger Bursch ward, so ist’s abermals Eure Schuld. Was nun das Einbilden anlangt, so hat sich die selige Lisett gar nichts eingebildet; sie ist des Barons Fritz ehrliche Braut gewesen und wäre, so wahr ich hier stehe, seine Frau geworden, wenn nicht falsche, elende Menschen, noch schlimmer als Räuber und Mörder, sie auseinander gerissen hätten.“

Sanna lachte rauh und höhnisch.

„Meinen Sie wirklich? Und ich sage: so wahr sie Lumpenmüllers Lisett war, so gewiß ist für dergleichen Art kein Platz dort oben.“

„Hoffahrt steckt immer den Schwanz über’s Nest,“ sagte die Muhme verächtlich, „unsere Art ist Gott sei Dank zu gut und zu brav und paßt nicht in solche Sündenwirthschaft, wie sie dazumal droben war. Die Derenberg’s waren immer Leute von altem Schrot und Korn; denen saß der Adel nicht nur im Geblüte, sondern auch im Gemüthe, und so war es recht, aber seitdem – na, Ihr wißt, was ich meine – im Grabe hätten sie sich umgedreht, alle mit einander in dem alten Erbgewölbe, hätten sie gewußt, wie weit es noch kommen thät mit ihrer stolzen Sippe.“

„Muhme! Muhme!“ rief die ängstliche Stimme der Hausfrau aus dem Fenster.

„Gleich, Minnachen!“ erwiderte sie und nahm das Präsentirbrett auf; „ich komme schon. Du weißt, wir Alten reden gern von altem Käs, besonders wenn man sich so lange nicht gesehen hat, wie die Jungfer Sanna und ich,“ und dann schritt sie über die Schwelle, ohne sich noch einmal umzuwenden.

„Aber Muhme, um Gott!“ sagte vorwurfsvoll die Frau Erving, als die alte Frau mit gerötetem Gesicht in’s Zimmer trat; „was machst Du für Geschichten! Ich hab’ mich gefürchtet, so böse sah die große finstere Person aus –“

„Ich nicht, Minnachen, ich nicht,“ erwiderte die alte Frau triumphirend, „es war eine Wohlthat für mich, daß ich einmal sprechen konnte. Jahrelang hab’ ich darauf gewartet; mitunter glaubt’ ich schon, ich müsse sterben, ohne daß ich es ihnen in’s Gesicht gesagt, was sie für eine große Sünde gethan haben, und nun heut – o, ich bin noch viel zu sanft gewesen, aber hätte ich das falsche Weibsbild nicht unter Gottes freiem Himmel gehabt, sondern in meiner Stube, da hättest Du hören sollen, Minnachen –“

„Muhme! Muhme! ‚Mein ist die Rache!‘ Was würde der Herr Pastor sagen wenn er Dich jetzt sähe!“

„Ich will mich nicht rächen,“ sagte die alte Frau leise, „denn auf Rach’ folgt allemal ein Ach! Aber glaube mir, wie [770] ich sie so dastehen sah, das Frauenzimmer, das zu dem Unglück mitgeholfen hat, da war mir’s gerade, als gösse mir Jemand siedend Oel in’s Herz –“ sie brach ab, denn eben trat Lieschen in’s Zimmer.

„Die Gräfin Stontheim ist richtig gestorben,“ erzählte diese, „Nelly’s Mutter sagte es, als sie uns im Park begegnete. Army hat geschrieben, sie würde schon morgen beigesetzt, und nach dem Begräbniß will er seine Braut wieder hierher bringen; die Hochzeit soll gar nicht verschoben werden, es bleibt alles beim Alten. Sag ’mal, Muhme, war die Sanna, die ich erst am Waldweg traf, bis jetzt bei Dir?“

„Bis jetzt, mein Herzel; es war noch ein lustiges Gespräch, das wir zusammen hatten.“

Das junge Mädchen blickte fragend zu ihr hinüber und setzte sich dann an’s Fenster. Die Muhme und die Mutter verließen das Zimmer. Es war so still um das junge Mädchen mit der heimlichen hoffnungslosen Liebe im Herzen. Von den hohen Linden draußen schwebten langsam die gelben Blätter herunter, verblichenes, erstorbenes Frühlingsglück; ein Paar kleine Vögel flatterten zirpend von Ast zu Ast.

„Wenn er gestorben wäre?“ flüsterte sie halblaut. „Aber nein – nein – es ist besser so, lieber Gott, laß’ ihn noch glücklich werden – um seiner Mutter und um Nelly’s willen!“ – klang es zögernd nach. – –

Ein paar Tage waren vergangen; Lieschen hatte fleißig der Muhme zur Seite gestanden in der Wirthschaft, und häufiger als sonst in der letzten Zeit war auch ihr altes helles Lachen wieder erklungen. „Lach’ nur, mein Herzel!“ sagte die alte Frau einmal in vollem Glück darüber, „den Lacher hat Gott lieb.“ Sie wird wieder fröhlich, sie hat’s überwunden, dachte sie; das Kind war ja auch noch so jung, und das Leben lag vor ihm so weit und glückverheißend. Und dann trat unwillkürlich der hübsche, blonde, junge Mann vor ihre Seele, der so wenig Wesens von sich machte und doch mit seiner verständig freundlichen Art mehr und mehr Boden in der Lumpenmühle gewonnen hatte. „Es wäre ein Staatspärchen!“ flüsterte sie halblaut.

Heute früh hatte sie ihm eine Weile nachgeschaut, wie er mit dem Hausherrn in aller Frühe, das Gewehr über der Schulter, auf die Jagd gegangen war, und dabei gar wohl bemerkt, wie ein rascher Blick zurückzog zu den Fenstern, hinter denen das Lieschen noch fest schlummerte, und gedacht: „Wenn sie ihn jetzt so sehen könnte, schmucker kann Keiner sein.“ Aber Lieschen hatte kein Ohr gehabt, als sie ihn nachher gelobt, und nur lachend die Rede immer wieder auf etwas Anderes gebracht. Nun war es Mittag geworden; die Suppe dampfte schon auf dem Tische der Eßstube, und draußen sprang Lieschen dem zurückkehrenden Vater entgegen, ohne daran zu denken, wer mit ihm kam.

„Guten Morgen, Väterchen!“ rief sie fröhlich, „was bringst Du mit?“ Da wurde sie erst gewahr, daß hinter ihm Herr Selldorf stand, der den grünen Hut von dem lockigen Haar genommen, die Rechte in die des Vaters gelegt hatte und ihn mit einem flehenden Blick ansah.

„Bis auf heute Abend denn, lieber Selldorf,“ hörte sie den Vater sprechen, dann noch ein Händeschütteln, und der junge Mann war verschwunden, ohne sie angesehen zu haben. Der stattliche Vater begrüßte sein Töchterchen wie zerstreut und warf die Jagdtasche ab. „Wo ist die Mutter? Ich muß mit der Mutter reden,“ sagte er eilig.

„Aber Friedrich, die Suppe!“ rief die Muhme aus der Küche.

„Ja so – dann nachher!“ meinte er. Bei Tische aber da fuhr er oft mit der Hand über das Gesicht, und dann lächelte er, und plötzlich wurde er wieder ernst. Einmal sah er sein Lieschen so forschend und dabei so traurig an, daß diese die Gabel weglegte und fragte:

„Vater, was ist Dir nur passirt?“ und „Erving, hast Du etwas Unangenehmes gehabt?“ fragte auch die Hausfrau.

„Ei bewahre!“ erwiderte er lustig und zwang sich zur Unbefangenheit. Gleich nach rasch beendeter Mahlzeit folgte er seiner Frau in das Wohnzimmer. Lieschen spazierte im Garten auf und ab und schaute mitunter bange nach den Fenstern der Wohnstube; endlich ging sie wieder in’s Haus, aber da schritt eben die Muhme in die Stube und winkte ihr draußen zu bleiben.

Sie setzte sich voll banger Ahnungen auf die Steinbank unter dem Fenster. Drinnen wurde eifrig gesprochen, und endlich hörte sie die Stimme der Muhme: „Nein, Friedrich, das Eine mußt Du mir versprechen, wenn sie nicht will, dann redet ihr nicht zu, denn gezwungene Eh’ ist ein ewiges Weh!“

„Selbstverständlich!“ erwiderte der Vater, „aber man kann ihr doch alle Vortheile und Nachtheile vorstellen.“

Das junge Mädchen dort auf der alten Steinbank war plötzlich bleich geworden wie der Tod. Mit einem Schlage war ihr eine Klarheit über das gekommen, was drinnen verhandelt wurde; hatte sie denn in einem Traume gelebt? Ihre Eltern, ihr lieber guter Vater – könnten sie es fertig bringen, sie von sich zu geben? Sie sollte fort müssen von der alten lieben Mühle mit einem fremden Manne? Fort von der Mutter, der Muhme und Allem, was ihr lieb und vertraut war? Sie sollte nicht mehr in ihrem Stübchen wohnen, nicht mehr die Thürme des alten Schlosses da drüben sehen? Sie preßte die Hände gegen die Brust, und es war ihr, als hörte das Herz auf zu schlagen bei dieser Vorstellung.

„Lieschen, komm einmal herein!“ tönte jetzt die Stimme ihres Vaters. Mechanisch erhob sie sich und folgte der Weisung.

Da stand sie nun in der Wohnstube; auf dem Sopha saß ihre Mutter, am Fenster die Muhme, und Beide schauten sie so besonders – so innig an, ja, es war, als ob die Mutter geweint habe.

Die alte Frau am Fenster erhob sich und schritt hinaus; sie wollte nicht stören bei dem, was jetzt die Eltern dem Kinde zu sagen hatten; sie ging still in ihre Stube und nahm die Bibel von ihrer Kommode; dann setzte sie sich auf den alten Lehnstuhl und faltete die Hände über dem Buche. „Gott weiß allein was Recht ist,“ flüsterte sie; „er mag ihr Herz lenken, und so wird es wohl werden.“ Draußen lagen die Strahlen der Herbstsonne auf dem bunten Asternflor, und lange weiße Fäden hatten sich wie silberne Schleier um die halbentlaubten Stachelbeersträucher gehängt. „Wenn es wieder Frühjahr wird, wie mag es dann hier im Hause stehn?“ Sie dachte an ihren Liebling, der da drüben so plötzlich vor die wichtigste Entscheidung im Leben gestellt worden – wie wird Lieschen die Eröffnung aufnehmen? Ob sie wirklich nicht bemerkt hatte, wie lieb sie dem jungen Manne geworden? Und ob sie ihn nicht ein klein wenig – „Ach nein!“ Die alte Frau schüttelte den Kopf, sie wußte, wie es in dem jungen Herzen aussah – „Nein, sie liebt ihn nicht, und wenn sie ihm dennoch ihr Jawort gäbe, sich zwänge, weil es die Eltern wünschten – würde sie dann glücklich werden? Ach, gezwungene Lieb’ und gemalte Wangen, die dauern nicht. Das arme Kind!“ flüsterte sie vor sich hin. „Wenn sie ihr nur nicht so zureden! Minnachen, die thut’s nicht, aber der Friedrich, der Friedrich, der hat einen Narren an dem Jungen gefressen.“

Sie schlug das alte Buch auf und blickte auf die vergilbten Blätter, aber sie vermochte nicht zu lesen; die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und die Hände zitterten ihr, – und nun faßte es leise auf die Thürklinke – wird jetzt das Gesicht einer fröhlichen jungen Braut hereinschauen, mit dunkler Gluth übergossen? Die alte Frau hielt dea Athem an; da öffnete sich langsam die Thür, und das junge Mädchen stand auf der Schwelle; war sie denn gewachsen seit vorhin? Sie trat ruhig herein; auf dem bleichen Gesicht lag tiefer Ernst.

„Muhme,“ sagte sie leise, „ich habe nein gesagt.“

Die Muhme antwortete nicht; sie nickte nur wie zustimmend mit dem Kopfe. „Du bist ihm nicht gut, Kind?“ fragte sie dann. „Sieh, es sind eben eigene Sachen um solche Heirathsgeschichten.“

„Ich kann Keinen lieb haben, Muhme,“ tönte es nah an dem Ohr der alten Frau; zwei weiche Arme schlangen sich um ihren Hals, und ein blasses Gesicht verbarg sich an ihrer Brust. So lag sie auf den Knieen neben der Alten, und diese strich mit der Hand über die braunen Flechten.

„Gott segne Dich, mein Liesel!“ flüsterte sie, „Du hast das Rechte gethan.“ – –

Drüben im Wohnzimmer schritt der Hausherr aufgeregt hin und wieder. Frau Erving hatte roth geweinte Augen und bat:

„Wenn sie ihn aber doch nicht lieb hat, Erving!“

„Minna, es ist gar zu schwer mit einer Frau über solchen Punkt vernünftig zu sprechen,“ sagte er vor ihr stehen bleibend, „sieh Dir den Jungen an! Er ist hübsch, ist ehrenwerth; er hat sie lieb, ist aus guter Familie; sein Vater schreibt mir, [771] sie wollen das Mädel auf Händen tragen – ist das nicht Alles, was sie überhaupt verlangen kann? Aber es steckt etwas dahinter – das lasse ich mir nicht ausreden.“

„Aber ich bitte Dich, Erving, was sollte das wohl sein?“

„Und dann, ich kenne das Mädchen nicht wieder – sie, die sonst so schmiegsam und biegsam ist, wie sie dastand mit dem blassen Gesicht und ‚Nein‘ sagte, weiter nichts als ‚Nein!‘ Gott steh’ mir bei, wer hätte das gedacht?“

„Sie ist ja Deine Tochter, Alterchen,“ bat Frau Erving aufstehend und zu ihrem Gatten tretend. „Du weißt doch,“ fuhr sie mit einem Versuch zu lächeln fort, „wie Dein Vater gewünscht hatte, Du solltest die Agnes heirathen, da hast Du ebenfalls ‚Nein‘ gesagt und weiter nichts.“

„Na, das war denn doch etwas Anderes, damals kannte ich Dich schon und hatte Dich lieb, aber hier – sie hat ja kaum die Nase aus dem Nest gesteckt. Gott weiß, so sauer ist mir bald nichts vorgekommen, als dem Jungen heut Abend solchen Bescheid zu bringen.“

Er blieb am Fenster stehen und blickte unmuthig durch die Scheiben. Er wendete sich auch nicht um, als jetzt leise die Thür aufging und die Muhme eintrat.

Sie blieb einen Augenblick stehen. „Nu, nu, Minnachen,“ sagte sie dann, „Du weinst ja – es ist doch Keins gestorben und solche Eile hat’s doch auch nicht mit dem Freien! Es giebt ja nicht eine Hand voll, es giebt ein ganzes Land voll Männer – der Rechte kommt schon noch –“

Der Müller am Fenster machte eine heftige Bewegung, als wollte er scharf antworten; dann sagte er ruhig: „Du redest, wie Du es verstehst, Muhme.“

„Ei, ich sollte meinen, in solchen Dingen bin ich auch gerade nicht auf den Kopf gefallen, und hab’ ein Stückel Leben mehr gesehen wie Du. Die Liesel ist siebenzehn Jahr gewesen – das ist doch kaum aus den Kinderschuhen heraus; es werden noch hundert Freier nach der Mühle kommen; was soll sie gleich den Ersten nehmen? Er ist ein schmucker Bursche, der Selldorf, ja, aber der Geschmack ist halt verschieden, und Lieb’ ohne Gegenlieb’ ist ’ne Frage ohne Antwort und giebt ein Unglück. Und nun laß gut sein, Friedrich, und mach ihr kein böses Gesicht, sie ist ja Dein einziges Bissel, was willst Du sie denn zwingen! Es nutzt Dich aller Aerger nichts, und ein Machtwort kannst Du in dieser Angelegenheit nicht sprechen; darum gieb Friede, und freue Dich, daß Du das Kind noch behältst! Wenn sie erst einen Mann hat, dann ist sie nimmermehr Euer.“

„Schon gut, schon gut!“ erwiderte er ungeduldig und fing die Wanderung durch’s Zimmer von Neuem an. Die alte Frau fügte kein Wort mehr hinzu; sie wußte, daß sie ihren Zweck erreicht hatte, und so nahm sie ihren Strickstrumpf und setzte sich auf ihren Platz.

„Hast Du sie denn gesprochen?“ fragte nach einer ganzen langen Pause die Mutter.

„Freilich! Sie kam zu mir und hat mir’s gesagt, wie es steht, und zuletzt da hat sie geweint und mich gebeten, ich solle ihr den Vater wieder gut machen helfen.“

„Wo ist sie denn?“ fragte er.

„Sie ist in ihr Stübchen hinaufgegangen.“

„So?“ erwiderte er und schritt wieder auf und ab, dann aber näherte er sich der Thür und ging hinaus.

„Ich weiß schon, wo er hingeht,“ nickte die alte Frau und lächelte. „Er war wohl recht böse?“

„Es ging schon noch, Muhme, aber ich kenne ihn ja gar nicht ärgerlich – es hat mich erschreckt.“

„Nein, guck einmal, Minnachen,“ sagte sie und wies in den Garten hinaus, und als sie nun hinschauten, da ging eben der Müller langsam den Weg hinauf, die Arme um sein Töchterchen geschlungen, und sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und sah zu ihm auf’, er sprach mit ihr, und sie lächelte ihm zu.

„Mein guter Mann, mein liebes Kind!“ sagte leise die Frau am Fenster.



10.

Im Schlosse war die Nachricht von dem Tode der Gräfin Stontheim keineswegs sehr traurig aufgenommen worden; die junge Baronin und Nelly hatten die Verstorbene gar nicht gekannt. Nelly hatte Kränze gewunden und sie mit theilnehmenden Zeilen an Blanka abgesendet, und dann hatten die drei Damen Trauerkleider angelegt, um auch dieser äußerlichen Form zu genügen, hauptsächlich wohl Blanka’s wegen, welche auf das Schreiben Army’s hin zu längerem Aufenthalte in Derenberg erwartet wurde. Army und ihr Vater wollten sie begleiten.

Und nun war der Tag gekommen, an welchem der Besuch eintreffen sollte. In Blanka’s Zimmer waren die Fenster weit geöffnet, und die frische Herbstluft zog in die üppig traulichen Räume; die Sonnenstrahlen glänzten auf den blaß-grünen gleißenden Atlasfalten der Wände und den schwellenden Polstern von gleichem Stoff; überall prangten frische Herbstblumen in Vasen und Körbchen und Nelly blickte sich sorglich um, ob das verwöhnte Kind auch nichts zu vermissen brauche. In dem einfachen schwarzen Wollkleide sah sie in diesem strahlenden Boudoir beinahe wie eine arme verwunschene Prinzessin aus, die durch Zufall oder einen guten Geist wieder in die prächtige Umgebung versetzt worden war, die ihr eigentlich gebührte. Das ovale Gesicht mit dem zart rosigen Teint hob sich reizend von dem tiefen Schwarz ihres Kleides, und die weißen Hände, die aus den Kreppmanschetten des Aermels hervorsahen, waren fast zu klein für ein erwachsenes Mädchen.

„Es ist doch reizend, dieses Zimmer, Großmama,“ sagte sie, und schaute zu der alten Baronin hinüber, die eben in dem Rahmen der Thür erschien.

„Gewiß! Aber für Dich, mio cuore, würde ich es hübscher in Blau finden.“

„O, für mich!“ lachte sie auf, „Großmamachen, ich und so ein Zimmer aus Seide und Spitzen! Ich würde mich unglücklich fühlen in diesem Duft und Schimmer.“

„Du wirst es lernen, mein Kind, darin glücklich zu sein.“

Das junge Mädchen blickte rasch auf, das klang so ernsthaft.

„Wenn meine kleine Nelly recht lieb ist,“ fuhr die alte Dame fort und trat näher zu dem erstaunten Mädchen, „und sich Mühe giebt, ihr wildes Wesen abzulegen, dann schenke ich ihr vielleicht so ein strahlendes Zimmerchen zu Weihnacht.“

„Großmama, Du?“ rief die Kleine ungläubig. „Ach nein, ich möchte lieber so eine Einrichtung, wie Lieschen sie hat, mit blau und weiß beblümtem Kattun – das sieht doch reizend aus.“

Die alte Baronin zuckte die Schultern und wandte sich um, denn ihre Schwiegertochter trat ein.

„Da bekomme ich eben ein ganzes Paket Kleiderstoffe und Proben zugesandt,“ fragte diese, „haben Sie das bestellt? Ich meine, es muß ein Irrthum sein; es sind seidene Möbelstoffe dabei und allerhand Sachen, die wir doch unmöglich gebrauchen können.“

„Ich habe die Bestellung gemacht, Cornelie,“ erklärte die Angeredete ungeduldig, „laß die Sachen auf mein Zimmer legen!“

Nelly zog davon, um es zu besorgen, und die beiden Frauen standen sich stumm gegenüber.

„Aber,“ sagte endlich die Jüngere, „wozu das?“

„Hast Du Dich schon einmal in dem Spiegel gesehen, Cornelie?“ klang es scharf zurück, „in dem Fähnchen da kannst Du Dich doch kaum noch vor unseren Leuten blicken lassen, geschweige denn bei einer Hochzeit.“ Sie lachte.

„Ich hatte schon eingekauft, Mamachen, für Nelly ein weißes Kleid und für mich einen schwarzen Seidenstoff.“

„Leichteste Qualität, recht dünnen Taffet, Kunstreiterseide, wie man sagt, ich kenne das,“ erwiderte die alte Dame höhnisch. „Genug, es bleibt dabei, ich kaufe, was ich für nöthig halte –“

„Aber Mamachen!“

„Du willst vielleicht fragen: woher nimmt sie das Geld? Nun denn, Cornelie, das Geschäft hat früher Tausende von mir verdient, und es wird auch wohl jetzt noch der Baronin Derenberg Credit gewähren – das ist vorläufig genug, für das Weitere laß mich sorgen. Oder willst Du vielleicht, daß Dein Sohn in einem völlig leeren Salon getraut werde, wo die Vorhänge kaum noch an der Stange hängen bleiben, weil sie von den Motten zerfressen sind, die Möbelüberzüge Löcher haben, so groß wie jene Schale dort? Deine Schwiegertochter würde empfindlich die Nase rümpfen, meinst Du nicht auch?“

„O, daran dacht’ ich nicht,“ erwiderte die blasse Frau leise, und schloß die Thür, da ein kühler Luftzug die seidenen Vorhänge weit in’s Zimmer wehte. „Ich meinte nur,“ setzte sie zurückkehrend hinzu und an dem prachtvollen Stutzflügel stehen bleibend, [772] den Blanka sich während des Sommers hatte nachschicken lassen, weil sie behauptete, auf dem alten Clavier im Wohnzimmer nicht spielen zu können, „ich meinte, weil wir so ganz allein sind in der Familie –“

„Da haben wir wieder Deine vollständig pietätlosen Ansichten, Cornelie. Army ist kein hergelaufener Bursche, der gerade dort seine Hochzeit begeht, wo er zufällig mit seinem Mädchen zusammentrifft; er ist der Sohn eines der edelsten Geschlechter im Lande und seine Braut eine Verwandte unseres Hauses, und darum werde ich dafür sorgen, daß diese Ceremonie wenigstens in anständiger Weise vor sich geht. Es könnte ein Lamm zum Tiger machen, Cornelie, wie Du über solche Sachen denkst.“

Die alte Dame schritt mit hochgeröthetem Gesicht an ihrer Schwiegertochter vorüber und trat an’s Fenster.

„Ich muß Dich überhaupt dringend bitten, Cornelie,“ fuhr sie fort, „daß Du Deine spießbürgerlichen Ansichten in Etwas änderst, wenn Blanka im Hause ist; sie sind das geeignete Mittel, ihr den Aufenthalt hier gründlich zu verbittern; sie kann das ewige ängstliche Beobachten und Sparen, welches den Maßstab an jede Buttersemmel lege, ebenso wenig vertragen wie ich, und jetzt kommt es vor allen Dingen darauf an, daß wir sie festhalten – festhalten um jeden Preis. Ist erst das Amen hinter der Trauung gesprochen so sind wir über jede Verlegenheit hinaus.“

In die Wangen der Schwiegertochter war ein tiefes Roth getreten, und die Thränen drängten sich ihr in die Augen. Für wen sparte sie? Für wen sorgte sie? Weshalb ging sie in den elendesten Kleidern? Damit jene excentrische Frau dort so wenig wie möglich von der wirklich drückenden Armuth empfinden sollte und einigermaßen so leben konnte wie früher; sie schickte jeden Abend die Sanna mit Thee und kaltem Fleisch hinauf in ihr Zimmer, und Nelly und sie begnügten sich mit einer Suppe oder einfachem Butterbrod.

„Nun weinst Du vielleicht auch noch, Cornelie,“ klang wieder die Stimme herüber, die das Deutsche so scharf und eckig aussprach, während sie in ihrer Muttersprache in melodischer Weichheit förmlich zu schmelzen schien, „misericordia! was sind die deutschen Weiber für sentimentale Geschöpfe; es kann mich außer mir bringen, sehe ich gleich diese Thränenbäche quellen; was ich Dir eben gesagt, ist nur zu unserem Besten – wenn Du es doch einsehen wolltest!“

In diesem Moment trat Nelly wieder ein. „Es ist schon fünf Uhr, Mama, und gleich nach sechs Uhr können wir sie erwarten; unten ist schon der Tisch gedeckt, und Heinrich wird hier schnell Feuer im Kamine anmachen und die Fenster schließen – ich bin so neugierig,“ fuhr sie fort, „was sie Alles erzählen werden, wie Blanka in Trauer aussieht und wie das Testament ausgefallen ist.“ Sie sah bei diesen Worten die Mutter an und bemerkte die Thränen in ihren Augen. „Weine nicht, Mama!“ flüsterte sie, „nachher kommt ja der Army, unser lieber Army.“

„Das Testament?“ fragte die Großmutter, „mon dieu, Army die Hälfte, sie die Hälfte, und verschiedene Legate an alte Diener, Spitäler etc., und wahrscheinlich auch für den Herrn Obersten, der sicher zugesehen, wo er bleibt bei der Sache.“

„Ja, Großmamachen, aber erinnere Dich doch, damals erzählte Army, Blanka gelte überall als die alleinige Erbin –“

„Ah bah! Dann liegt die Sache noch günstiger – über das Vermögen der Frau entscheidet ja stets der Mann; freilich, ich glaube es nicht; die Stontheim liebte Army viel zu sehr.“

„Wenn aber das Testament schon vorher gemacht war, Großmamachen?“

„Dann hat sie sicher ein Codicill dazu hinterlassen,“ erwiderte ungeduldig die alte Dame.

„Wenn ich nur genau wüßte, wann sie kommen!“ sagte Nelly; „die gewöhnliche Post trifft pünktlich um siebeneinhalb Uhr ein, Army schrieb aber, daß sie mit Extrapost reisen und deshalb auf der Eisenbahnstation erst ruhen und zu Mittag essen, zwischen sieben und acht Uhr aber, da müssen sie sicher hier sein. Geduld, Geduld! Ob ich das je lernen werde?“ lachte sie über sich selbst. „Sieh’ nur das schöne Abendroth, nun wird es bald dunkel; ich freue mich so sehr auf den Army.“

Allmählich sank die Dunkelheit über Schloß und Park, und am Himmel blitzte Stern an Stern in funkelndem Glanz; noch war die Lampe im traulichen Wohnzimmer nicht angezündet, nur das Feuer des Kamins warf eine dämmernde Helle in das Gemach. Mutter und Tochter waren allein; denn die alte Baronin hatte das Zimmer verlassen. Das junge Mädchen da in der tiefen Fensternische sah mit großen träumenden Augen in das leuchtende Gewimmel dort oben; sie knieete neben dem Sessel der Mutter und hatte den Arm um sie geschlungen; die tief erregte Frau preßte ein Tuch vor die Augen, und ihre Brust hob und senkte sich in leisem Weinen.

„Mein gutes Mütterchen,“ bat die Kleine mit ihrer süßen Stimme, „weine doch nicht Deine lieben Augen roth! Was soll Army denken, wenn er kommt? Sieh’, Großmama meint es nicht so böse –“

„Ach, Nelly, das ist es nicht,“ erwiderte leise die weinende Frau, „aber mich verfolgt heute schon den ganzen Tag eine Angst, eine Unruhe, die ich kaum beschreiben kann – Gott gebe nur, daß dem Jungen nichts passirt ist!“

„Aber Mama,“ tröstete die Tochter und schmiegte das blonde Köpfchen fest an ihre Brust, „was soll ihm denn geschehen sein? Er fährt sicher augenblicklich in der alten gelben Postkutsche und sitzt seiner Blanka gegenüber, also in der behaglichsten Situation, die es für ihn geben kann; der Oberst erzählt Anekdoten, und sie freuen sich Alle auf ein warmes Abendbrod und auf Dein liebes freundliches Gesicht, mein Mütterchen.“

Die Frau in dem Sessel schreckte auf. „Was hast Du nur, Mama?“ fragte Nelly ängstlich.

„Es war nur, als hörte ich seinen Tritt,“ erwiderte flüsternd die Mutter, „hast Du es nicht auch gehört, Nelly?“

„Nein, Mama, es ist ja auch nicht möglich.“

Es wurde still in dem großen Gemach; die flüsternden Stimmen schwiegen; ringsum kein Laut als das Knistern des Feuers im Kamine, und dann und wann ein banges Aufseufzen aus beklommenem Mutterherzen.

Aber da – da – ja, das war sein Tritt auf dem Corridor; „Nelly!“ rief die Baronin mit halberstickter Stimme, und das junge Mädchen flog empor und durch das Zimmer, und da öffnete sich die Thür – eine hohe Gestalt trat herein.

„Army!“ jubelte die Schwester. „Army!“ kam’s auch von den Lippen der Mutter. „Army, bist Du es?“

„Ja, Mama,“ erwiderte er, aber seine Stimme klang gepreßt, als müsse er sich mit Gewalt zwingen, ruhig zu scheinen.

„Mein guter Junge,“ sagte innig die Mutter und schlang den Arm um ihn. „Army, lieber Army,“ schmeichelte Nelly „aber sag’ doch, wo ist denn Blanka?“

Er stand in der Nähe des Kamins, noch in Mantel und Mütze, und der schwache Schein des verlöschenden Feuers ließ seine Züge nicht genau erkennen.

„Army, wo ist Deine Braut?“ rief nun auch die Mutter.

„Ich habe keine Braut mehr.“ Seine Stimme erstickte fast im Schmerze. Nelly stieß einen Laut des Schreckens aus, die Mutter aber hatte keine Antwort, da war ja das Unglück, das sie geahnt – sie preßte ihres Sohnes Hand fester in die ihre, als könne sie ihn hinwegreißen aus einem schrecklichen wüsten Traume.

„Mach’ mich nicht weich, Mama!“ bat er und drängte sie langsam zu dem nächsten Sessel, „es kann nichts nützen; wie konnte ich mir auch einbilden“ – er lachte bitter – „daß sie – Mach’ Licht, Nelly!“ sagte er dann kurz und rauh, „und bereite die Großmama vor! Ich habe nicht lange Zeit; ich muß morgen schon wieder fort.“

Mit zitternden Händen ergriff Nelly die Lampe; der helle Schein derselben beleuchtete das blasse Gesicht Army’s, der noch auf demselben Flecke stand und wie abwesend in’s Leere starrte.

„Army, mein lieber Army!“ flüsterte die Schwester und schlang aufschluchzend die Arme um ihn. Er strich gedankenlos über ihre Haare.

„Die Großmama!“ schrie sie dann auf und lief der alten Dame entgegen.

„Army,“ fragte diese, hastig eintretend, „was soll das? Ich wollte es nicht glauben, als Sanna behauptete, sie sei Dir auf dem Corridor begegnet. Wo ist Blanka? Wo ist der Oberst? Was bedeutet es, daß Du allein –?“

„Das bedeutet,“ erwiderte er langsam und jede Silbe betonend, „daß mich meine Braut heute früh, kurz vor unserer Abreise, in Gnaden entlassen hat; sie liebe mich nicht, ließ sie mir als Grund für ihren plötzlichen Entschluß sagen, und, weiß Gott, der Grund ist doch wohl triftig genug!“ Wieder lachte er [774] höhnisch auf. Die alte Dame taumelte zurück, wie vom Blitz getroffen.

„Es ist nicht möglich!“ stammelte sie leichenblaß.

„Ich habe heute früh dasselbe gesagt, als mir der Herr Oberst diese Auseinandersetzung machte,“ fuhr Army fort, „und ich habe mich wohl hundert Mal an den Kopf gefaßt und mich gefragt, ob ich wahnsinnig geworden bin, oder so etwas Aehnliches – Aber nein, es ist Thatsache, Blanka von Derenberg ist meine Braut nicht mehr.“

„Army, war denn gar nichts vorangegangen?“ fragte die Mutter, die wie gebrochen in dem Sessel lag.

„Was vorangegangen war?“ antwortete er mit schneidender Stimme. „Ei nun, die Testamentseröffnung, Blanka von Derenberg ist alleinige Erbin des großen Vermögens – das ist Alles. Weshalb soll sie einen Mann heirathen, den sie nicht liebt? Aber beruhige Dich, Großmamachen –“ er trat einen Schritt näher zu der wankenden Frau, die sich mit beiden Händen an einen Sessel klammerte, „sie ist doch ein nobler Charakter, sie ahnt es, daß mir durch meine Brautschaft Unkosten erwachsen sind, und darum ließ sie mir durch ihren Vater ankündigen, daß sie bereit sei, meine sämmtlichen Schulden zu bezahlen. Das war doch ein Trost für den entlassenen Bräutigam, für den dummen Jungen, der mit thörichter Liebe an diesem falschen Geschöpfe gehangen!“

Er hatte während dieser Worte mit einem Krystallglase gespielt, es fortwährend umwendend, jetzt faßte er es und schleuderte es zu Boden, daß es klirrend zersprang und die Scherben weit über das alte Parquet tanzten.

„Army!“ klang es angstvoll von den Lippen der Mutter, und ihre zitternden Hände streckten sich nach dem Leidenschaftlichen aus. Die alte Baronin aber hatte sich hoch aufgerichtet. „Das werden wir uns nicht gefallen lassen,“ sagte sie heftig. „Blanka erbt jedenfalls nur unter der Bedingung, daß Du ihr Gatte wirst, ich habe noch einen Brief von der Stontheim –“

„Denkst Du denn,“ fragte Army und stand mit ein paar Schritten vor seiner Großmutter, „denkst Du denn, ich würde sie jemals wieder ansehen? Sie könnte auf den Knieen vor mir liegen und mich anflehen, ich stieße sie weg, und wäre ich am Verhungern und Du und Ihr Alle mit mir – nicht einen Pfennig nähme ich von ihrer Gnaden eher eine Kugel vor den Kopf. – Jawohl, eine Kugel, was ja auch schließlich das Vernünftigste ist, hat es doch meinem Vater auch geholfen, wie mir Blanka mittheilte, als ich sie noch einmal inständig bat, mit mir hier in Derenberg zu wohnen; sie fürchte sich – erklärte sie – in diesem unheimlichen Neste, wo der letzte Hausherr sich selbst das Leben genommen; ha, ha! Lauter Gründe, gegen die kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden vermag!“ Es klang heiser und halb wahnwitzig, und aus dem verstörten Antlitze Army’s leuchteten die dunklen Augen im wilden Schmerz.

„Mama! Mama!“ rief das junge Mädchen herzzerreißend. „Army ist krank, er weiß nicht mehr, was er spricht.“

Die blasse Frau erhob sich vom Sessel, schritt zu ihrem Sohne hinüber und faßte seine Hand, sie wollte sprechen, aber ihre Lippen bewegten sich, ohne einen Laut hervorzubringen; ihre Augen sahen ihn so schmerzlich flehend an, als wollten sie sagen: Schone mich, habe ich nicht genug gelitten im Leben? – Er sah sie nicht, die flehenden Blicke; ungeduldig versuchte er die Hand aus der ihren zu befreien: „Laß gut sein, Mama, laß gut sein! Ich denke nicht an’s Sterben; ich werde leben – für Euch. Hier ist übrigens ein Schreiben des Herrn Obersten an die Frau Baronin von Derenberg,“ setzte er hinzu, einen Brief aus seiner Brusttasche ziehend und auf den Tisch werfend, „wahrscheinlich eine Auseinandersetzung, weshalb es so das Beste sei und so weiter.“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare und trat zum Fenster; dann schritt er rasch und fest durch das Zimmer und ging hinaus.

Ein paar Augenblicke blieb es still drinnen. In den Händen der älteren Baronin knisterte das feine Papier des geöffneten Briefes.

„Sieh hier, Cornelie! Da steht’s,“ rief sie, „was habe ich Dir heute gesagt? ‚Ein anderer Grund für die Bitte meiner Tochter an Ihren Herrn Enkelsohn,‘ las sie, ‚ihr die Freiheit wieder zu geben, ist der, daß sie sich durchaus nicht in den Derenberger Verhältnissen gefallen hat; das Warum? ersparen Sie mir; wozu sollen wir uns Bitterkeiten sagen, da wir im Begriff stehen unsere Beziehungen für das fernere Leben vollständig abzubrechen –‘ Siehst Du,“ unterbrach sie sich heftig, „das ist die Folge Deiner, die Folge von Nelly’s Ungeschicklichkeit im Umgange mit dem verwöhnten Mädchen. Nun habt Ihr das Resultat. Army mag sich bei Euch bedanken, bei Euch allein, für den Untergang seiner sämmtlichen Hoffnungen! O, es ist haarsträubend, an so viel einfältige stupide Anschauungen, so viel bornirtes Denken und Empfinden gekettet zu sein – das Unglück meines Lebens!“

Die alte Dame hatte die feinen Hände geballt und sah mit dem Ausdruck geringschätziger Verachtung zu der Gruppe von Mutter und Tochter hinüber.

„Auf mich, Großmama, hast Du ein Recht zu schelten,“ Nelly trat wie schützend vor die Mutter; „aber Mama laß’ aus dem Spiele! Verzeih, daß ich es wage, so mit Dir zu sprechen! Aber ich kann nicht anders, Mama war stets freundlich gegen Blanka, liebenswürdiger als Du es gewesen. Ich habe Blanka allerdings nicht geliebt, weil ich fühlte, daß sie sich Army nur auf Wunsch der Tante verlobte. Und jetzt sage ich: Army soll Gott auf den Knieen danken, daß Alles so gekommen ist. Und deshalb, Großmama, bitte ich Dich, kränke Mama nicht durch ungerechte Vorwürfe um dieses falschen herzlosen Geschöpfes willen, das sogar noch unseren Vater im Grabe beschimpfte und ihn zum Selbstmörder – Allmächtiger Gott!“ unterbrach sie sich, und schon war sie neben der bewußtlosen Mutter zu Boden gesunken und bemühte sich die Ohnmächtige aufzurichten.

O cielo, cielo!“ murmelte die alte Dame, „welch ein Leben, welch ein fürchterliches Leben!“ –

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 48, S. 785–788
Fortsetzungsroman – Teil 9


[785] Längst hatte es Mitternacht geschlagen, und noch immer saß Nelly am Bett der fiebernden Mutter. Sie war die Einzige, die den Kopf oben behalten bei der grausamen Veränderung der Dinge. Sie hatte die erschöpfte, besinnungslose Mutter zur Ruhe gelegt und soviel wie möglich die Spuren der Vorkehrungen vernichtet, mit denen man gestern Abend die Schwiegertochter und Braut des einzigen Sohnes empfangen wollte; sie war leise durch den langen Corridor geschlichen und hatte an der Thür von Army’s Zimmer gehorcht; die Schritte des ruhelos auf und ab Wandernden waren tröstlich in ihr Ohr geklungen. Und nun saß sie wieder und lauschte dem Athem der fiebernden Mutter und hauchte dann und wann einen leisen Kuß auf die feinen Hände, die sich so fest gegen die rasch athmende Brust gepreßt hatten. Der graue Schimmer des erwachenden Tages brach durch die Vorhänge und färbte sich nach und nach mit mattrosigem Lichte.

Nelly trat zum Fenster: dort unten lag der Park; die Blätter der Bäume hingen naß und schwer auf den bereiften Boden; funkelnd schauten die rothen Kronen der Ebereschen aus dem herbstlich gelben Laube hervor, und über dem Walde schwebte ein feiner weißer Nebel, der in den Wipfeln der hohen Bäume des Parkes wie ein leichter duftiger Schleier hing, rosig durchwebt von der aufgehenden Sonne. Müde und übernächtig lehnte Nelly den Kopf an die Scheiben und schloß die Augen – da hörte sie ein Geräusch hinter sich, das Rücken eines Stuhles.

„Mama!“ rief sie, als sie die Mutter mit fieberhafter Eile ein Kleidungsstück nach dem andern anlegen sah.

„Ich habe so lange geschlafen Nelly, und habe nicht einmal den Army getröstet; es ist schon Morgen – nein, laß mich, ich muß zu ihm; er soll nicht den Glauben an die Menschheit ganz verlieren; er ist noch viel zu jung dazu. Halte mich nicht zurück, Nelly; er wird nicht schlafen; es schläft sich nicht so leicht nach solchem Kummer.“ Sie litt kaum, daß das junge Mädchen ihr ein Tuch umlegte, und eilte durch das Wohnzimmer hinaus.

Die Kleine wagte nicht ihr zu folgen; sie schlich sich an die Nebenthür und horchte; da plötzlich ein gellender Schrei! Hastig stürzte sie hinaus und flog durch den langen Corridor. Die Thür zu des Bruders Zimmer war geöffnet; drinnen stand die Mutter und hielt sich bebend an der Tischplatte.

Nelly übersah in einem Moment das Gemach – dort das alte Himmelbett, die Kissen zerwühlt, auf dem Tische eine halb geleerte Flasche Wein, daneben ein Glas, über dem Sopha die leere Tapete; das große Bild, das dort gehangen, lehnte mit der Vorderseite gegen die Wand; dort lagen die Epaulettes neben dem Degen auf dem Stuhle – aber Army – wo war Army –?

„Er ist fort!“ stammelten die bleichen Lippen der zitternden Frau, „er ist fort, Nelly – wenn er – wenn er wie sein Vater –?“

„Was denn, Mama? Was denn um Gotteswillen?“

„Wenn er, Nelly, wenn er – o, ich – Jesus Christus!“ sagte sie wie abwesend. „Eile, Nelly, such’ ihn!“ bat sie dann hastig, „ich kann ja nicht; sag ihm, er soll bei mir bleiben! Einmal hätte ich das Schreckliche erlebt – einmal, das ist genug; ein zweites Mal ertrüg’ ich’s nicht.“

„Mama,“ bat Nelly in Todesangst, „was meinst Du?“

„Rasch, rasch! So geh’, so eile doch! Er soll nicht sterben; er soll leben. Geh’, sonst bringen sie ihn mir auch so bleich und blutig –“ sie schauderte und wies hinaus zur Thür.

Das geängstigte Kind hatte die Mutter begriffen, und wie mit Geierkrallen faßte die Angst auch ihr Herz; sie floh aus dem Zimmer – wo, wo sollte sie doch zuerst suchen? Mechanisch lief sie die Treppe hinunter; die Pforte im Thurme stand angelehnt; in jäher Hast floh sie über den Schloßplatz, vorbei an den steinernen Bären, in den Lindengang. Des Bruders verzweifeltes Gebahren, die schreckliche Andeutung in Betreff ihres Vaters – dämmerte doch jetzt in ihr eine entsetzliche Gewißheit auf! Sie preßte die Hände auf die Brust und stand still. Wo konnte Army sein?

„Army!“ rief sie, aber es war, als wollte der Schrei nicht aus der Kehle. „Army!“ – es blieb ringsum todtenstill.

Feucht und naß lagen die welken Blätter ihr zu Füßen; ein paar kleine Vögel flatterten in den Aesten und schauten mit neugierigen schwarzen Augen zu dem geängstigten jungen Menschenkinde hinunter; „Army!“ stieß sie noch einmal mit Aufbietung aller Kraft hervor, und dann einen langhallenden Ruf – wie ein Jauchzen klang es; so hatten sie sich als Kinder immer gerufen; das mußte er hören.

Kein Laut gab ihr Antwort; nur ein Flüstern durch die alten Lindenbäume, als schüttelten sie verneinend die Häupter, um zu sagen: er ist nicht hier. Am Teich vielleicht, am Teich – dachte sie, und als sie durch die dichten Gebüsche eilte, da ergriff sie ein nie gekanntes Grausen in dieser Stille, dieser Einsamkeit. Wie, wenn sie ihn fände? Wenn er nicht mehr hören könnte, daß sie ihn rief? Wenn er bleich und butig –? Das Herz preßte sich ihr zusammen, aber sie schritt vorwärts.

Da lag das kleine dunkle Gewässer so ruhig, als gäbe es [786] keine Stürme, kein Wetter in der Welt. Teichlinsen und welke Blätter schwammen bewegungslos auf der glatten Fläche, und die steinerne Ruhebank am Ufer stand leer. Wie erleichtert seufzte sie aus und schritt hastig weiter; die herabhängenden Zweige schlugen ihr in’s Gesicht und streiften den Thau auf die blonden Haare. Der Saum ihres Kleides schleifte schwer und feucht hinter ihr, und weiter, nur immer weiter! Sie blickte angstvoll nach rechts und links, und von Zeit zu Zeit rief sie den Namen des Bruders durch die stille Morgenluft. Da – Schritte – ! Wie gejagt flog sie weiter; dort lag das Gitterthor, der eine Flügel geöffnet; schon eilte sie hindurch – es war ein Arbeiter, der, die Mütze ziehend, an ihr vorüber schritt, die unerwartete Erscheinung verwundert musternd; dann blieb er stehen; sie hatte eine Bewegung gemacht, als habe sie etwas sagen wollen, da sie aber schwieg, fragte der Mann:

„Suchen Sie etwas, gnädiges Fräulein?“

„O nein, nein, ich wollte mit meinem Bruder einen Morgenspaziergang machen – haben Sie ihn vielleicht gesehen?“

„Den Herrn Officier meinen Sie? Ja, dem bin ich vorhin begegnet, ein Stückchen hinter der Lumpenmühle.“

„Danke!“ hauchte sie und schlug den Weg zur Mühle ein; in größter Hast schritt sie vorwärts. Dort blickte schon das Wohnhaus durch die Ellern; dort lag der Mühlensteg – vorbei, vorbei! Sie schliefen wohl Alle noch da drüben im Hause. Nur weiter! Da – allmächtiger Gott – da knallte ein Schuß; so deutlich, so furchtbar tönte es in ihr Ohr; sie schlang, mechanisch nach einem Halt suchend, den Arm um den ihr zunächst stehenden Baum; dann glitt sie zu Boden. Sie sah nicht mehr, wie eine alte Frau eilig, so rasch es ihre Füße erlaubten über den Mühlensteg daherkam, wie ein gutes ehrliches Gesicht, von einer weißen Haube umrahmt, sich so ängstlich zu ihr niederbeugte; sie hörte nicht den Hülferuf, der über die erschrockenen Lippen kam: „Jesses, Nelly, unsere Nelly! Was ist da wieder geschehen?“



11.

In dem Wohnzimmer des Schlosses waren die dunklen Vorhänge zugezogen, und dort, wo sonst das große altmodische Sopha seinen Platz gehabt, stand jetzt das Krankenbett von Nelly’s Mutter; sie war schwer erkrankt an jenem unglücklichen Morgen, als sie ihren Sohn suchte und nicht fand; das schwache Leben rang mit dem finsteren Engel, dessen unheilverkündende Nähe durch das Gemach zu wehen schien. Im fortwährenden Kreisgange drehten sich ihre Phantasien um jenen Tag, wo sie dem blutigen starren Körper ihres Gatten gegenüber gestanden; bald war er es, den sie erblickte, bald war es der Sohn, und in herzzerreißenden Tönen bat sie ihn, nicht auch zu sterben, sie nicht auch zu verlassen; sie könne ja sonst nicht leben.

Jetzt war es still in dem großen Gemach; eine schlanke Mädchengestalt, die jedesmal bange aufhorchte, wenn die wirren Fieberreden im bunten Durcheinander von den Lippen der Todkranken kamen, schwebte mit beinah unhörbaren Schritten über das alte Parquet, strich mit leiser Hand die Kissen zurecht und beugte sich spähend über die Leidende, um die leisen Athemzüge zu belauschen, wenn sie eingeschlafen schien. Ja – das Lumpenmüller-Lieschen leistete zum zweiten Male Samariterdienste auf Schloß Derenberg, und das war schon der zehnte Tag heute, den sie hier sorgend durchlebte. Es waren lange bange Tage und noch bängere Nächte; heut hatte das Fieber etwas nachgelassen wie der Arzt sagte, und jetzt war Schlummer über die erschöpfte Kranke gekommen. Lieschen nahm ein Buch von dem Tisch und setzte sich an das Fenster, durch dessen Vorhänge ein schmaler Streifen des Tageslichtes fiel; sie lehnte den kleinen Kopf in das Polster des Stahles und schloß die Augen. Wie wunderbar war es doch, daß sie jetzt hier oben im Schlosse saß, welches sie nie geglaubt hatte wieder zu betreten! Die Muhme hatte sie eines Morgens stürmisch geweckt, und in der Wohnstube fand sie Nelly, die in thaunassen Kleidern auf dem Sopha lag, ohne Besinnung. Wie war sie erschrocken gewesen! Es waren Stunden vergangen, ehe man das arme Kind wieder zum Bewußtsein gebracht, aber ehe es noch soweit gekommen, da – da hatte sich die Thür des Wohnzimmers im väterlichen Hause geöffnet, und – er hatte auf der Schwelle gestanden. Sie hatte aufgeschrieen vor Staunen und Schreck, ja vor Schreck, denn er, der da eingetreten war mit dem schmerzenstiefen Zug um den Mund, die Augen so ausdruckslos auf sie geheftet – er war der frühere Army nicht mehr, nicht mehr der lustige, übersprudelnde Army mit den stolzen schönen Zügen.

„Ist meine Schwester nicht hier?“ hatte er tonlos gefragt, und dann, als er diese erblickt, wie sie noch immer bleich und bewußtlos dagelegen, da war etwas wie tiefes Mitleid über sein Gesicht gezogen.

Was weiter geschehen? Die Muhme und er, sie hatten leise in flüsterndem Tone gesprochen, für Lieschen aber waren nur die Worte verständlich gewesen: die Mutter sei schwer krank, er brauche Hülfe, die Sanna sei so ungeschickt und die Großmama klage über Migräne; und nun auch noch Nelly, die arme Nelly!

„Ich gehe mit,“ hatte Lieschen erklärt. Und dann war sie, neben ihm, in tiefem Schweigen durch die herbstlich stille Natur geschritten. Kein Wort sprach er damals mit ihr, und kein Wort war bis heute über seine Lippen gekommen, so oft er auch leise in das Krankenzimmer trat und die Vorhänge des Bettes zurückschlug, um die Mutter zu sehen.

Und Lieschen wußte es, warum er so finster, so schweigsam war. Der blitzende Verlobungsring an seiner Hand fehlte, und die Phantasien der Kranken hatten die unglückliche Thatsache ja so unverschleiert ausgeplaudert. O, dieses schöne, falsche Geschöpf! Wie haßte Lieschen die Treulose! Wie recht hatte Nelly gehabt, als sie damals sagte: „Sie liebt ihn nicht.“ Aber er – wenn sie ihm doch ein paar tröstende Worte sagen könnte!

Da öffnete sich leise die Thür der Krankenstube, und Nelly trat herein.

„Wie sanft sie schläft!“ flüsterte sie, mit einem Blick auf die Kranke und setzte sich zu den Füßen der Freundin auf ein Bänkchen; „Gott sei Dank! Der Arzt meint, die Gefahr sei nun vorüber; ach, Lieschen, wie glücklich bin ich in dieser Hoffnung! Ich fühle mich auch jetzt wieder kräftig, und Du sollst diese Nacht schlafen, Du gutes Herz!“

„Nein, Du sollst es, Nelly. Keine Widerrede!“ sagte Lieschen bestimmt, „der Doctor will unter keiner Bedingung etwas davon wissen, daß Du wachst. Nachher nimmst Du Dir ein Tuch um und gehst ein wenig in die freie Luft; Dein Bruder begleitet Dich gewiß gern.“

Nelly schüttelte traurig das Köpfchen. „O ja, er kommt wohl mit – aber Lieschen. Du glaubst es nicht, wie schrecklich es ist, so allein mit ihm zu sein! Er geht finster neben mir her, und dann plötzlich fängt er lustig an zu pfeifen, wie ein Verzweifelter. Ach, bei Dir, Lieschen, ist mir am wohlsten. Wenn Du nicht wärst und die Muhme, und wenn Deine gute Mutter nicht so für uns sorgte, dann sähe es schlimm aus hier oben.“

„Aber, Nelly!“ flüsterte erröthend das junge Mädchen und legte die Hand auf den Mund ihrer Freundin. – –

Während die beiden jungen Mädchen im Krankengemach solche Worte tauschten, saß die alte Baronin grübelnd oben in ihrem Zimmer. „Einmal muß es sein,“ sagte sie endlich halblaut vor sich hin, „ich muß mit ihm sprechen, was nun eigentlich werden soll.“ Sie erhob sich und klingelte.

„Ich lasse meinen Enkelsohn bitten, zu mir zu kommen,“ befahl sie kurz und unfreundlich der eintretenden Sanna und nahm ihren Platz wieder ein.

Durch die rothen Vorhänge stahl sich nur ein mattes Licht in die Räume, denn draußen hatte sich der Himmel bezogen und ein scharfer herbstlicher Wind begann mit Macht die Blätter von den Bäumen zu fegen; im Kamine flackerte ein Holzfeuer und warf leuchtende Streifen auf die rothen Polster und Vorhängen die verblichenen Farben loderten fast in ihrer früheren Purpurgluth wieder auf, wenn solch ein züngelnder Reflex sie traf; finster sah die Baronin in die spielenden Flammen.

„Herein!“ rief sie, als jetzt ein rasches Pochen an der Thür erschallte.

„Ich wollte Dich eben um eine kurze Unterredung bitten, Großmama,“ begann Army eintretend nach einer Verbeugung und blieb hinter dem Stuhle stehen, den ihm die alte Dame mit einer Handbewegung anwies. „Es geht besser mit der Mama. Ich werde abreisen.“

„Wirst Du im Dienste bleiben können?“ fragte die alte Baronin tonlos.

Er blickte finster zu Boden. „Ich weiß es nicht,“ sagte er [787] dann, „vorläufig hängt es von der Stimmung meiner Manichäer ab. Freilich, sobald die Kunde meiner zurückgegangenen Verlobung offenkundig geworden ist, werden sie sich wohl auf mich stürzen, wie eine Meute Jagdhunde; die Sache kommt an’s Regiment; der Oberst wird mich fragen: ‚Bezahlen oder nicht?‘ Dann wird das Ende kommen. Mein Geschick wird mich ereilen, wie vor mir schon so Manchen.“

Die alte Dame hörte ihn so ruhig an, als ob er von einer Luftpartie spräche.

„Hellwig muß Rath schaffen,“ sagte sie entschlossen.

„Hellwig? Ja, wenn er Geld machen könnte! Er hat erst neulich die Unmöglichkeit eingestanden, mir zweihundert Thaler zu schaffen, eine Summe, die ich dem Wagenbauer an einem bestimmten Termine zahlen müßte. Der Mann wollte sich gedulden, bis ich – nun, bis Ende October,“ schloß er kurz. „O, sie wollten sich Alle gedulden; es hatte gar keine Eile – bewahre! Ich war ja Tante Stontheim’s Neffe und im Begriffe, ihre Nichte zu heirathen –“

„Auf wie viel belaufen sich Deine sämmtlichen Schulden?“ fragte die Großmutter.

Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Wozu das? Bezahlt können sie ja doch nicht werden –!“

Eine lange Pause entstand; Army betrachtete scheinbar mit Interesse eine der italienischen Landschaften in dem goldenen Rahmen. Draußen hatte sich der Wind mächtig erhoben; er fuhr heulend durch den Kamin und stäubte Funken auf den verblichenen Teppich und das schwarze Wollkleid der alten Dame.

„Army, es giebt nur ein Mittel, Dich und uns zu retten.“

Er wandte sich langsam um und sah sie fragend an.

„Du machst sobald wie möglich anderweit eine reiche Partie.“

„Wie, Großmama?“

„Es giebt Mädchen genug, reiche, hübsche Mädchen, die sich einen Mann kaufen, wie man so sagt –“

„Ah so, ich verstehe,“ erwiderte er leichthin.

„Ueberlege, Army! Es handelt sich nicht allein um Deine Existenz; es handelt sich um uns Alle.“

„Hast Du mir sonst noch etwas mitzutheilen?“ fragte er in einem Tone, der die alte Dame verstummen machte. „Nichts? Dann erlaubst Du wohl, daß ich mich verabschiede; ich möchte nachsehen, wie es unten steht.“ Er machte eine Verbeugung und ging.

Fast mechanisch lenkte er seine Schritte nach der Krankenstube; im Vorzimmer blieb er stehen; es war ihm, als ob er drinnen flüstern höre; dann schritt er zum Fenster und preßte die Stirn gegen die Scheiben.

Was seine Großmutter ihm da eben gesagt, das war wie ätzende Tropfen in die frische Wunde gefallen, die er trug; der heiße Schmerz trieb ihm das Blut in die Wangen; vor seinen Augen schwebte ja beständig ein lockendes verführerisches Bild, das ihn nicht lassen wollte, wenngleich er es tausendmal zu verbannen suchte; er sah sie immer wieder, wie sie ihm an jenem Tage nach der Testamentseröffnung erschienen, als es so ruhig, so einsam geworden in der prächtigen Villa; der Schwarm der Besucher hatte sich verlaufen, der Oberst war nach dem Essen im Nebenzimmer eingenickt, und er mit ihr allein – seit langer Zeit zum ersten Male. Wie wundervoll sah sie aus in der tiefschwarzen, mit Krepp garnirten Trauerrobe, die goldene Fluth der Haare von schwarzen Schleifen zurückgehalten! Sie lag wie träumend im Sessel, während er zu ihr sprach; von seiner Liebe sprach er, von seiner Sehnsucht, sie zu besitzen, von all’ der Seligkeit, die sein Herz erfüllte. Ob sie es nur gar nicht gehört hatte? Der Blick, den sie auf ihn richtete, als er ihre Hand ergriff, war ihm wie kaltes Eisen in’s Herz gefahren, hatte die erste schreckenvolle Ahnung in ihm heraufbeschworen; sie hatte sich im Laufe des Gespräches plötzlich erhoben, und er sah sie hinter der Portière verschwinden; die wundervollen goldenen Haare leuchteten noch einmal auf, als sich der Vorhang durch die Zugluft der geöffneten Thür hob; dann war er allein mit seinem übervollen, traurigen Herzen.

Sie habe ihn nie geliebt! ließ sie ihm sagen, sie habe sich ihm nur auf Wunsch der Tante verlobt! – Und da drüben jene falben wirbelnden Blätter im Lindengange, die hatten es gehört, wie sie ihm Treue schwur, wie sie so tausendmal versichert, daß sie ihn liebe, mehr liebe als Alles auf der Welt, und nun – nun war alles dahin. Verkaufen sollte er sich – verkaufen, wie Großmama gerathen. „Nein, lieber doch eine Kugel – eine Kugel!“

Er stöhnte auf und biß die Zähne auf einander; wo war doch das Glück geblieben, an das er so stolz geglaubt? Der alte Spruch fiel ihm ein: „Nur nit verzag’! Glück kumbt all Tag“. Lächerlich, wie hatte es ihn so schnell verlassen!

Da tönte ein leichter Schritt hinter ihm; er wandte sich – ein über und über erglühendes Gesicht schaute zu ihm auf. „Ihre Frau Mutter verlangt nach Ihnen, Herr Lieutenant,“ sagte halblaut eine klare Stimme. Er schritt an Lieschen vorüber in das Krankenzimmer, und sie trat an das Fenster, wo er bis jetzt gestanden. Draußen sprühte ein feiner Regen hernieder und hüllte die Gegend in feuchte Schleier; sie spähte hinab zu dem Hause der Eltern, aber sie konnte es in der dunstigen Atmosphäre nicht erkennen. „Was mögen sie jetzt thun dort unten, mein Mütterchen, der Vater und die Muhme? Der Vater ist wohl auf der Jagd? Ach nein, er mußte so viel im Comptoir arbeiten, seit Herr Selldorf so plötzlich abreiste.“ Wieder stieg ein dunkles Roth in ihre Wangen.

Nebenan war es anfänglich still geblieben; die Thür stand halb geöffnet; Army kniete wohl am Bette der kranken Mutter, und jetzt klang seine Stimme: „Mein gutes Mamachen, Du dachtest, ich wollte es machen wie der Junker von Streitwitz? O nein, nein, ich habe Dich ja noch und Nelly.“ So weich klang es, so tröstend, und doch als ob zurückgedrängte Thränen die Worte undeutlich machten. Und dann der Mutter schwache Stimme; Lieschen konnte die Worte nicht verstehen, aber aus dem Tonfall der abgebrochenen Laute wehte ein süßes Trösten, ein freudiges Danke, daß sie den Sohn in ihren Armen hielt, die ganze überschwengliche Fülle der Mutterliebe, die helfen, stützen, rathen wollte; so beruhigend, so versöhnend klang es, als gelte es ein krankes Kind in süße Schlummer zu wiegen.

Und da auf einmal – war es wirklich möglich? Das klang wie Weinen, gewaltsam unterdrücktes Schluchzen. Sollte Army –? Lieschen kehrte sich plötzlich um und lauschte mit erbleichendem Gesicht – weinen denn Männer auch? Sie eilte zur Thür; sie wollte fliehen; er durfte nicht wissen, daß sie gehört, wie er – Da trat er aus dem Zimmer der Mutter, das Gesicht ernst und die Lippen auf einander gepreßt, aber die Augen – ja, die waren noch feucht von den Thränen, die er geweint – um seine verlorene Braut.

Sie stand dicht vor ihm, die Hände auf die Brust gefaltet, als wolle sie ihn um Verzeihung bitten, daß sie ihn so gesehen. Auch er hemmte den Schritt; er schaute zu ihr hinüber und las das innige Mitleid in ihren Augen. Kam ihm die Erinnerung an die Zeiten wieder, als das kleine Mädchen den wilden Knaben oft so getröstet, wenn er im kindischen Spiele die Geduld verloren und im trotzigen Knabenzorne heiße Thräne geweint? „Lieschen,“ sagte er weich und dankbar und reichte ihr die Hand. „Army, lieber Army,“ klang es zurück, von Schluchzen halb erstickt; er fühlte einen Augenblick eine kleine Hand in der seinen; dann war sie verschwunden.



12.

Das einförmige Leben war wieder eingekehrt in Schloß Derenberg. Army war abgereist. Nun war es ganz still in dem alten Schlosse geworden. Der Kummer schritt durch die öden Räume und mit ihm – die Sorge.

„Sie müssen rathen, Hellwig,“ hatte die alte Baronin dem bewährten Helfer in der Noth halb herrisch, halb bittend gesagt, „Sie müssen! Nur auf kurze Zeit schaffen Sie Geld, nur damit das Verhängniß jetzt nicht über meinen Enkelsohn zusammenbricht! Das Weitere findet sich nachher; kommt Zeit, kommt Rath.“ Und der alte Mann hatte schweren Herzens das Versprechen gegeben, zu versuchen, „dem Teufelsbengel, dem Army, aus der Patsche zu helfen,“ und sich zu gleicher Zeit erkundigt, wie denn die Frau Baronin das „Weitere“ zu arrangiren beabsichtige? Und als sie dann in ihrer nervösen Art dem treuen Berather ihrer Familie einige Andeutungen gemacht, worin sie die Rettung zu finden hoffe, da hatte er beinahe wehmüthig gelächelt, und ein fragendes „Zum zweiten Male das gefährliche Experiment?“ war über seine Lippen gekommen. „Gott gebe,“ hatte er hinzugefügt, „daß es diesmal besser ausschlägt! Uebrigens, Frau Baronin, es ist heutzutage nicht so leicht mehr, wie Sie denken; die Welt ist [788] unangenehm praktisch geworden in letzter Zeit; Väter, die so einen adligen jungen Sausewind mit offenen Armen aufnehmen und es sich zur Ehre anrechnen, seine kolossalen Schulden zu bezahlen, werden immer seltener – das Geld ist knapp, Frau Baronin, sehr knapp, wer heißt aber auch, zum Donnerwetter! den Leichtsinn gleich Equipagen für das Fräulein Braut anschaffen und seidene Meubel? Das kam noch lange früh genug; man soll die Bärenhaut nicht verkaufen, ehe der Bär gestochen ist. Sie, Frau Baronin, die Sie so viel erfahren haben im Leben, Sie hätten den Jungen beim Ohrzipfel nehmen und ihn mores lehren sollen; er ist doch sonst leicht zu leiten gewesen.“

Die Augen der jüngeren Baronin hatten sich vorwurfsvoll auf die Schwiegermutter, bittend auf den alten Mann gerichtet; die bittenden Augen hatten diesen doch so weit bezwungen, daß er wenigstens versprach, sein Möglichstes zu versuchen. – –

Lieschen war längst wieder heimgekehrt in die elterliche Wohnung, begleitet vom innigsten Dank Nelly’s und ihrer Mutter. Sie kam beinahe täglich in’s Schloß, und ihr fröhliches Geplauder, ihre helle, freundliche Erscheinung brachte auf Stunden einen Sonnenstrahl in die stillen, hohen Gemächer; Nelly vergaß dann auf kurze Zeit ihre Traurigkeit, um sich freilich nachher doppelt elend zu fühlen.

Wie gut sie es hat! dachte sie, wenn die schlanke Gestalt der Freundin so leicht durch die Allee der jetzt entlaubten mächtigen Linden nach Hause eilte. Sie malte sich das behagliche Heim Lieschens aus und sah im Geiste, wie sie den Arm um den stattlichen Hausherrn schlang und ihn ihren Herzensvater nannte, auf den sie so stolz, so stolz sein könne – und dann flossen wieder Nelly’s Augen über vor bitterem Weh.

So war der November gekommen mit seinem düsteren Wetter; die Stürme brausten wieder um das alte Schloß, wie sie es schon Jahrhunderte gethan; feucht und schwer hingen die Wolken über der Landschaft, und Regen, untermischt mit Schnee, schlug prasselnd gegen die Fensterscheiben. Solch Wetter übt seinen Einfluß auf die Menschenseele, und nun gar auf eine kranke, der Erheiterung so sehr bedürftige, und es drängt sich unwillkürlich die Frage auf die Lippen: „Wird wohl je wieder die Sonne scheinen? Werden je die Stürme wieder schweigen?“ Wohl dem Menschenherzen, daß ihm die Hoffnung zugesellt ist auch in den Tagen des höchsten Schmerzes! Sie flüstert doch noch immer tröstende Worte in die verzweifelnde Brust und malt auf den gewitterdunklen Hintergrund leuchtende Arabesken und reizende Blumengewinde, zwischen denen allerhand glückliche, heißersehnte Zukunftsbilder hervorschauen; die thränenden Augen vermögen dann wieder fester aufzublicken und die bange Brust athmet neu; es kann ja noch Alles gut werden!

Und die Zeit verging; einförmig, langsam und bleiern verstrichen die Tage. Allwöchentlich kam ein Brief von dem fernen Sohn, den die Mutter mit heimlicher Angst und Herzklopfen öffnete; meinte sie doch jedesmal etwas Schlimmes daraus zu lesen! „Siehst Du nicht, Mama, wie unglücklich er ist, so zerfahren, so anders wie sonst?“ seufzte dann Nelly und las immer und immer wieder das Schreiben, hinter dessen Kürze sich ein tief bedrücktes Gemüth zu verstecken schien.

„Es geht ihm gut,“ pflegte die alte Baronin verächtlich zu sagen; „er hofft es von uns auch; er hat viel Dienst – voilà tout! Er ist kein Mann; sonst würde er Alles daran setzen, daß es nicht zum Aeußersten kommt. Himmel! wenn ich an seiner Stelle wäre, das Leben vor mir und so jung! O diese unselige deutsche Sentimentalität, die vor lauter Schmerz um etwas Verlorenes nicht den Muth finden kann, nach einem neuen Glück zu ringen – Orribile! Es ist unser Aller Unglück; ich hätte nie gedacht, daß auch er so sein könnte.“

Und vor Erregung zitternd setzte sich die alte Dame hin und schrieb einen Brief an den Enkelsohn, um ihm Muth zu machen, und einen andern an Hellwig, um ihn anzuspornen, die Schuldenangelegenheit möglichst hinzuhalten.

Der November verging, und der December kam mit seinen Stürmen; sie fuhren in die hohen Schornsteine und drehten kreischend die rostigen Wetterfahnen auf den Thürmen; sie bogen und schüttelten die alten Bäume des Waldes; der Regen prasselte wie sonst gegen die Fenster und weichte die Wege des Parkes auf, bis in einer funkelnden Sternennacht der Winter geschritten kam mit klingendem Frost und die Wege so glatt und fest gefrieren ließ wie eine Chaussee; er überzog den Teich mit einer spiegelblanken Eiskruste, und Frau Holle breitete den ersten feinflockigen Schnee über Weg und Steg.

„Nun wird es bald Weihnacht,“ sagten die Leute im Dorfe und freuten sich. „Nun wird es bald Weihnacht, Mama,“ sagte auch Nelly zu der kränkelnden Frau, die am Kamine saß und strickte, aber in ihrem Gesichte leuchtete kaum etwas von der holden Vorfreude des schönen Festes; „ob wohl Army kommt?“ setzte sie fragend hinzu, und die Arme um den Hals der Mutter schlingend bat sie: „Liebe Mama, ich will auch gar nichts geschenkt haben, wenn nur Army kommt.“

„Nun wird’s bald Weihnacht,“ jubelte Lieschen der Muhme zu, als sie am Morgen die leuchtende Schneedecke ausgebreitet sah – so herzensfreudig klang es, daß die alte Frau beinahe betroffen in ihr Gesicht schaute. War das Mädchen denn nicht vollständig verwandelt seit den letzten Wochen? Der alte neckische Uebermuth, der ihr so reizend stand, leuchtete wieder so herzgewinnend aus den großen blauen Augen; ihre Wangen blühten genau so rosig, wie früher, und dieses Wunder war offenbar geworden, als sie – ja, als sie aus dem Schlosse heimgekehrt war. Wie früher scherzte sie mit dem Vater und verübte allerlei kleine Schelmenstreiche, die selbst die Mutter herzlich lachen machten.

Und nun sollte es Weihnacht werden. Als die Alte sie anschaute, da flüsterte ihr schon der kleine Mund dicht am Ohre, und sie verstand etwas vom Christkindchen, von Weihnachtsbäumen, Weihnachtsarbeiten und für die Muhme so etwas Wundervolles, Schönes, wie sie es sich gar nicht denken könne.

Und all diesen Jubel, diese Freude hatte ein einziger Moment hervorgezaubert, das einzige Wort „Lieschen!“ in weichem, dankbarem Tone gesprochen, ein einziger flüchtiger Händedruck! – –

Und endlich senkte sich der heilige Abend über die weite Welt; er trug in jedes Haus einen Schein hellen Himmelslichts; er zündete die Kerzen an auf den grünen Bäumen in Palästen und Hütten, und sie warfen ihren Schein auf frohe Gesichter, auf kostbare und bescheidene Spenden; die Glocken der Kirchen klangen in die stille, kalte Winterluft hinaus und luden die Menschen ein zur Dankesfeier, und hoch über die frohe Welt spannte der Himmel seinen dunklen blauen Mantel; in schimmernder, funkelnder Pracht leuchteten die Sterne hinunter, und „Ehre sei Gott in der Höhe,“ scholl es zu ihnen hinaus, „und den Menschen ein Wohlgefallen und Friede auf Erden!“

Friede auf Erden! Es gab auch Wohnungen der Menschen, in die der milde Gast keinen Eingang fand, Herzen, in denen keine Festfreude aufkommen konnte vor Kummer und schwerem Leid, ach, gar viele! Und an keinem einzigen Tage fühlt so ein armes Menschenkind die Sorge tiefer, den Kummer mehr und heißer, als an jenem, wo sich Alle freuen, wo sich der Friede herniedersenken soll in alle Herzen, nur in seines nicht; wo sich die bange Frage regt: warum bin ich – warum nur sind wir ausgeschlossen von der Freude?

Dieselbe stumme Frage schien aus den Augen des jungen Mädchens zu sprechen, das da am Fenster stand und in die funkelnde Nacht hinausblickte. „Dort unten in der Mühle flammen die Fenster in hellem Lichte auf; da brennt der Weihnachtsbaum!,“ flüsterte sie und preßte in kindlich heißem Schmerz die Hände gegen die Brust – welch ein Verlangen überkam sie nach seinen glänzenden, lichtergeschmückten Zweigen! Lieschen hatte gebeten, sie müsse kommen; sie sollte doch wenigstens die Lichter auf dem Baume brennen sehen, aber nein, wozu das? Was ging sie Müllers Weihnachtsbaum an? Es war ja doch nicht der ihre, und wozu sollte sie in Lieschens glückliches Gesicht blicken? Ihre finstere stille Heimath, sie wäre ja noch trauriger erschienen nach solchem Anblick. Sie wendete sich und schritt zu dem Sessel der Mutter, um ihre Wange an das liebe Gesicht zu schmiegen; sie tastete mit der Hand und fand nur das leere Polster. „Mama!“ rief sie leise – es blieb still. „Nun ist auch sie noch hinaufgegangen zur Großmama,“ flüsterte sie und sank in den weichen Stuhl. „Alle lassen sie mich allein, wenn sie doch erst wiederkämen! Die Mama und der Army, ach ja, Army ist da“ – das war doch gewiß ein süßer Trost. Morgen würde er gewiß nicht mehr mit Großmama so viel zu sprechen haben über Geschäftliches; was es nur Wichtiges sein konnte, das sie nun schon seit seiner Ankunft verhandelten? Immer noch Blanka? – –

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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 49, S. 801–807
Fortsetzungsroman – Teil 10


[801] Nelly irrte sich: ihre Mutter war nicht droben, wo die alte Baronin mit dem jungen Officier verhandelte – häßliche, unerquickliche Dinge, die so unweihnachtlich waren.

„Zu Neujahr – noch kaum acht Tage!“ sagte die alte Dame tonlos und sah finster vor sich hin.

„Zu Neujahr,“ bestätigte Army, der vor ihr stand.

„Und Du sagst, Hellwig weiß keinen Rath?“

„So theilte er mir mit –“

„Aber dio mio! Sonst wird es doch einem Officier nicht so schwer gemacht, Geld zu erhalten?“

„Sonst? Du vergißt, Großmama, daß unsere Verhältnisse hinreichend bekannt sind. Kein Banquier leiht mir Geld auf die sichere Aussicht hin, es zu verlieren, und noch dazu solche Summen. Das Einzige, was ich erlangen konnte, war – Aufschub bis Neujahr.“

„Und hast Du Dich nicht einmal bemüht, den Weg einzuschlagen, den ich Dir als die einzige Rettung empfahl?“

Er sah trotzig zu ihr hinüber. „Nein, meine Gläubiger riethen mir freilich dasselbe und wollten mir sogar behülflich sein; aber tausendmal lieber nach Amerika und arbeiten wie ein Knecht, als ein solches Joch!“

„Wie Du willst!“ sagte die alte Dame trocken, „es ist Deine Sache, nicht die meine.“

„Ganz recht!“ lachte er auf. „Aber zum Teufel mit der ganzen Geschichte! Ich bin nicht hergekommen, um Euch etwas vorzuklagen; ich will ja Weihnacht mit Euch feiern – Weihnacht!“ wiederholte er spöttisch.

„Gut denn!“ tönte die Stimme der Großmutter, „so werde ich versuchen, ob ich Rath schaffen kann; noch giebt es wohl Leute in der Welt, die den Namen Derenberg nicht vergessen haben. Morgen – nein, heute noch schreibe ich an den Herzog von R.“

Um Army’s Lippen zuckte es bitter auf. Er dachte an das Bild da droben im Ahnensaal, das seine Großmutter als junge schöne Herrin vorstellte, dem Herzoge den Willkommen in ihrem gastfreien Hause bietend. „Bettelei“ tönte es verächtlich in seinem Innern; er fuhr mit der Hand über das Gesicht und sah zu der hohen schwarzen Gestalt hinüber, die so unbeweglich und mit der Miene äußerster Entschlossenheit vor dem Tische stand. Sie that ihm leid, die stolze Frau; er wußte, es wurde namenlos schwer, einen solchen Brief zu schreiben.

„Laß das, Großmama!“ bat er leise. „Du sollst Dich nicht so demüthigen –“

„Nein, ich lasse es nicht,“ klang es zurück, „denn ich sehe, ich bin die Einzige, die möglicher Weise noch Rettung finden kann, obgleich ich nur eine alte Frau bin.“

„Aber, Großmama, wird sich der alte Herr Deiner noch erinnern?“

Sie lachte. „Wirst Du je das Bild Deiner Braut vergessen?“ fragte sie, und die schwarzen Augen strahlten förmlich in lodender Gluth. „Sicher nicht! Nun sieh’, ebenso wenig der Herzog von R. Leonore von Derenberg, denn er hat mich lieb gehabt, Army, seit dem Augenblick, wo ich ihm zum ersten Male gegenüber stand. Damals war er noch Erbprinz; mein Mann präsentirte mich bei Hofe; es wurde grade ein Fest dort gefeiert – ich weiß nicht mehr, wem es galt, da, als ich unter der bunten Menge, welche die tageshell erleuchteten Säle füllte, am Arm Deines Großvaters einherschritt, weil das herzogliche Paar mich zu sehen wünschte, und rechts und links die Menschen auseinander wichen und die Fremde, die Italienerin, anschauten, als ich mich verbeugte vor dem hohen Paar – da traf mein Ohr ein schwacher Laut der Ueberraschung, und als ich dann meine Augen hob, begegneten sie denen eines jungen schönen Mannes, die mit bewundernder Gluth an mir hingen. Ich war siebenzehn Jahre alt, Army, und was giebt es Berauschenderes für ein Weib, als bewundert zu werden und – vorbei, vorbei!“ flüsterte sie, „wozu Vergangenes heraufbeschwören!“

„Und“ – wiederholte sie träumerisch, ohne in sein geröthetes Gesicht zu blicken, „er kam oft nach Derenberg; er war mein Cavalier bei jeder Gelegenheit, bis er eine weite Reise antrat – die guten Eltern, sie waren besorgt um ihn, und mein Gatte, der spielte den lächerlichsten Othello, den je die Welt gesehen; er haßte den lebenslustigen Prinzen, weil meine Lippen lachten, wenn er sprach, und meine Augen glänzten, wenn ich ihn sah, und das hatten sie sonst beinahe verlernt; es trug ja Alles ein so bodenlos langweiliges Gepräge, was mich umgab, der Himmel, die Erde, die Menschen, selbst die Feste, die mein Gatte arrangirte. Er, im Verein mit den fürstlichen Eltern, entfernte den Schmetterling, der so ungestüm die leuchtende Kerze umkreiste – spießbürgerlich, wie Alles hier zu Lande! Ich wußte es, daß mein Gatte aufmerksam gemacht worden, wußte, wer ihn in dem vollständig harmlosen Verkehr das Schlimmste sehen ließ. O, ich habe ihn gehaßt, meinen Schwager, diesen –“

„Großmutter! Und an den Mann wolltest Du schreiben? Ihn anbetteln, weil er Dich einst bewundert? Ihn, den mein Großvater gehaßt hat?“

„Ich bin jetzt eine alte Frau geworden, mein Kind,“ entgegnete [802] sie stolz, und warf den noch immer schönen Kopf zurück, „und meine Handlungsweise verantworte ich allein. Als vor zwanzig Jahren die gänzliche Verarmung über uns hereinbrach, da schrieb er an mich; er hatte die Frau nicht vergessen, die einst sein junges Herz entzückt; ich hätte uns mit einem Schritt aus den drückenden Verhältnissen retten können – aber ich wußte, was ich dem Namen Derenberg, was ich mir selbst schuldig war.“ Sie stand mit erhobener Hand vor ihrem Enkelsohn und die großen Augen blitzten in edlem Stolze auf.

„Denkst Du, mir wird es leicht, an ihn zu schreiben?“ fuhr sie fort, „ich thue es Deinetwegen, Army, denn Dir ist die Hand gelähmt, von dem bischen Unglück, das Deine Stirn gestreift; es hat Dich zum weichlichen Träumer gemacht statt zum willensstarken Mann; so laß mich statt Deiner handeln!“ Sie schritt an ihm vorüber und verschwand im Nebenzimmer; die Thür flog so laut und heftig hinter ihr ins Schloß, daß die dunkelrothen Vorhänge ungestüm in das Zimmer wehten.

Army stand fast regungslos am Kamin; mitunter bewegte er leise schüttelnd den Kopf, und ein bittres Lächeln irrte um seinen Mund. Plötzlich war es, als wüchse seine bisher in sich zusammengekauerte Gestalt hoch auf, als durchzucke ihn eine Idee, ein Entschluß, der ihn –

„Army!“ rief da eine leise Stimmen und durch die Falten der rothen Portière lugte der blonde Kopf seiner Schwester; „Army, komm doch hinunter! Rasch! Mama schickt mich.“ Sie war in’s Zimmer gehuscht; sie schmiegte sich fest an ihn. „Weißt Du, was ich glaube?“ flüsterte sie. „Mama hat einen Tannenbaum angezündet; es glänzt so ein heller Lichtschein durch die Thürspalte.“ Er sah ihr in die dunklen Augen, die jetzt so kindlich froh zu ihm aufblickten. „Schnell!“ bat sie, „Großmama kommt doch nicht mit; sie mag ja keinen deutschen Tannenbaum sehen.“

„Ja, komm’ Nelly!“ sagte er, und seinen Arm um die kleine Schwester schlingend, zog er sie eilig aus dem Zimmer.



13.

Es dämmert bereits, als Lieschen oben in ihrer kleinen Stube ein zierliches Körbchen voll Naschereien packte; immer wieder wurde noch etwas besonders Schönes darauf gelegt, und endlich schloß sie den durchbrochenen Deckel und ein halblautes: „So, nun ist fast nur Marcipan und Chocolade darin – das ißt sie am liebsten,“ kam von den rothen Lippen. Dann fing sie an zu singen, während sie ein pelzgefüttertes Jäckchen anzog, das gestern Abend unter dem Weihnachtsbaume gelegen, und das dazu passende Mützchen aus schwarzem Sammet, mit Marder umrandet, keck auf die braunen Flechten drückte; sie sah prüfend in den Spiegel und fing plötzlich an zu lachen.

„Gerade wie ein Junge! Die Muhme hat Recht,“ sagte sie und schob die zierliche Kopfbedeckung etwas solider in die Mitte der Stirn. „Nun noch den Muff, und dann heißt es eilen, damit ich pünktlich wieder zu Hause bin.“

Sie ergriff Muff und Körbchen und sprang die Treppe hinunter. „Ich gehe zu Nelly,“ rief sie in’s Wohnzimmer, die Thür ein wenig öffnend.

„Komme nur zur rechten Zeit wieder, Liesel,“ ermahnte die Mutter, „sonst wird Onkel Pastor böse und die Kinder werden ungeduldig. Du weißt, um sieben Uhr wird der Christbaum für sie angezündet –“

„Ja, ja, ganz gewiß,“ rief Lieschen, und fort war sie.

Die Muhme schaute ihr nach, als sie über den Mühlensteg schritt. „Du lieber Gott,“ meinte sie dann, „wie wird’s auf dem Schlosse ausschauen? Da wird der Weihnachtsmann auch gerade nicht aus Reichenbach gekommen sein.“ – –

Lieschen saß schon ein Viertelstündchen plaudernd neben Nelly am Kamin; ihr gegenüber lehnte Army im Sessel; er war mit seinen Gedanken beschäftigt, und nur dann und wann lauschte er, wenn eines der Mädchen mit heiterem Auflachen ihn aus seinem Brüten weckte.

„… Und Mutter, die bekam vom Vater eine Pillenschachtel,“ berichtete jetzt Lieschen; „oben darauf stand geschrieben: ‚Die beste Medicin‘, und darin lag Reisegeld nach Italien – Du weißt doch, Nelly, der Doctor hat Mama schon immer gesagt, sie sollte den Winter nicht hier verbringen, aber sie sträubt sich mit aller Gewalt dagegen, jetzt nun hat sie halb und halb nachgegeben –“

„Sie geht doch wohl nicht allein?“ fragte Nelly.

„Nein, jedenfalls geht Papa mit, und –“

„Nun, und?“

„Und ich,“ setzte Lieschen zögernd hinzu.

„Und freust Du Dich denn nicht?“ rief Nelly erregt. „O, nach Italien, wie schön muß es da sein!“

„Nein, ich bliebe lieber hier bei der Muhme; ich bin ja ganz gesund, und schöner wie bei uns kann es dort wohl auch nicht sein.“

„O Lieschen, Du kleiner Unverstand!“ tadelte Nelly.

„Nein, weißt Du, Nelly, Du sollst mich nicht für unverständig halten, aber sieh, ich habe noch einen anderen Grund, Du darfst mich aber nicht verrathen, denn noch habe ich Vater nichts davon gesagt. Sieh, da ist die Bertha von unserem Oberinspector in der Mühle drüben, die ist brustleidend; der Doctor sagt, es kann nur ein Aufenthalt in Vevey oder Montreux sie retten; sie ist viel kränker als die Mutter, und nun möchte ich gern, daß die Bertha an meiner Statt mit ginge; ich bin noch jung, ich komme schon noch einmal hin nach der ‚bella Italia‘, um mit Deiner Großmama zu reden.“

Army stand plötzlich auf und trat an’s Fenster. Das junge Mädchen hatte leise gesprochen, aber es war trotzdem jede Silbe deutlich in sein Ohr gedrungen. Da war sie immer noch, die alte gutherzige Liesel, die ihr Butterbrod den armen Kindern und ihre blanken Kupferdreier, welche die Muhme so sorgfältig sammelte, dem ersten besten Handwerksburschen schenkte; sie schüttelte noch genau so halb trotzig, halb verschämt den Kopf wie damals, wenn sie gescholten wurde. Und dann tauchte ein anderes Bild vor ihm auf, eine kleine feine Gestalt von rothschimmerndem Haar umflossen – die schauderte zurück vor Bettlern, und das „Gesindel“ wurde auf einen Wink ihrer kleinen Hand unbarmherzig von der Schwelle gewiesen; die zog mit dem Ausdrucke des Ekels ihre Robe an sich, wenn auf der Promenade ein Krüppel seine Hand ihr flehend entgegenstreckte. „Gieb ihm nichts, Army!“ hatte sie geboten, „mir ist ganz übel; komm, komm – Tante zahlt ja überschwenglich an die Armencasse.“ Und so war sie vorüber geeilt an fremdem Elend und hatte sich das parfümirte Spitzentuch vor das Gesicht gehalten.

Draußen lag der Park schneehell und ruhig; jeder Baum hob sich deutlich ab von dem klaren Hintergrunde, und dort unten blitzte Licht aus den Fenstern der Mühle. Das alte trauliche Haus, wie gemüthlich trat es vor seine Erinnerung! Wie geborgen mochte es sich dort wohnen in behaglicher, sorgenloser Existenz, ohne Angst vor der Zukunft, vor kommender drückender Noth!

„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar;
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein einst war –“

klang es innig und weich zu ihm herüber; er wandte sich – da stand sie an dem alten Pianino, die schlanke und doch so leicht aufgebaute Mädchengestalt; der kleine Kopf war etwas vorgeneigt, und Army meinte bei dem schwachen Lichte, das die Lampe bis in diesen Winkel warf, eine zarte Röthe in Lieschen’s Gesicht aufsteigen zu sehen.

„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm,
War die Welt mir voll so sehr;
als ich wieder kam, als ich wieder kam,
War Alles leer –“

Es klang tiefe Bewegung aus Lieschen’s Stimme.

„Noch den letzten Vers!“ bat Nelly, „Mama hört es so gern.“

„Ich kann nicht mehr,“ entgegnete sie leise und wandte sich in’s Zimmer zurück.

„O, wie schade, Lieschen,“ sagte Nelly’s Mutter jetzt, „auch nicht ein Weihnachtslied?“

Sofort trat sie wieder zum Clavier:

„Am Himmel funkelt hehr ein Stern,
Der still zur Erde sieht,
Und heil’ge Engel singen fern
Ein jubelnd Weihnachtslied.

Und um das arme Kripplein strahlt
Ein wunderglänzend Licht;
Ein Kindlein liegt auf harter Streu
Mit göttlichem Gesicht.

[803]

O, freut Euch doch zu dieser Stund’,
Wo Fried’ die Welt umschließt!
So lächelt hold des Kindes Mund. –
Gelobt sei Jesus Christ!

Ihr Menschen alle, groß und klein,
Kniet nieder fern und nah
Und dankt dem Herrn auf seinem Thron:
Das Licht der Welt ist da.“

Leise verhallten die letzten Töne des alten Weihnachtsliedes in dem hohen Gemache; es blieb still drinnen; für einen Jeden hatte es andere Erinnerungen geweckt, und doch wurzelten sie alle in demselben Boden.

Die kränkelnde Frau dort im Sessel, sie gedachte der Zeiten, wo sie als junge Mutter ihrem Knaben diese Worte eingeprägt, damit er sie dem Vater unter dem prächtigen Weihnachtsbaume wiederholen sollte; sie sah wieder den reizenden Jungen, von ihrem Arme umfaßt, vor dem schönen Manne stehen; sie war neben dem Kinde hingeknieet und legte ihm die kleinen Hände betend in einander, von den Zweigen des Baumes glänzte Licht um Licht und strahlte zurück aus den treuen glänzenden Kinderaugen, er mußte ja auch stolz sein auf seinen Sohn. „Nun bete, mein Junge!“ und die klare Kinderstimme hatte so rührend ernsthaft gesprochen:

„O, freut Euch doch zu dieser Stund’,
Wo Fried’ die Welt umschließt!“

Dem jungen Manne stand nicht dieser Abend vor Augen; er war aus seiner Erinnerung geschwunden, aber er sah sich neben zwei kleinen Mädchen dort unten in der Stube der Muhme. Beide saßen auf dem Bänkchen zu den Füßen der alten Frau, die rosigen Mündchen weit geöffnet, die Augen ernsthaft in die Ferne gerichtet; sie sangen, zwar nicht kunstgerecht, aber doch so tapfer und vor Weihnachtsfreude glühend:

„Und um das arme Kripplein strahlt
Ein wunderglänzend Licht,
Ein Kindlein liegt auf harter Streu –“

„Army singt nicht mit, Muhme,“ hatte die Größere den Gesang unterbrochen und fragend zu ihr aufgeschaut.

„Dann giebt’s nachher auch keine Pfefferkuchen, wenn der Knecht Ruprecht kommt,“ war die Antwort gewesen.

Da war die Kleine zu ihm getrippelt, „Army, mitsingen!“ hatte sie mit Thränen in den blauen Augen gebeten und als er trotzig den dunklen Lockenkopf geschüttelt, da hatte sie ganz trostlos die Händchen vor das Gesicht geschlagen. Und dann war Knecht Ruprecht gekommen in einem großen rauhen Pelz und hatte mit den Nüssen im Sacke gerasselt und drohend eine Ruthe unter dem Arme hervorgezogen. „Sind die Kinder artig, Muhme? Können sie auch beten?“ hatte er mit hohler Stimme gefragt.

„Ja, die Mädchen wohl, aber der da, der Junge, der ist ein kleiner Trotzkopf, der nicht sein Weihnachtslied singen will; den nimm nur getrost in Deine Schneehöhle mit, Herr Ruprecht!“ Und da war das kleine Mädchen laut weinend und ihre Angst vergessend zu dem gefürchteten Manne hinübergelaufen.

„Nein, nein, lieber Onkel Ruprecht, nimm den Army nicht mit! er ist nicht unartig; ich will auch keinen einzigen Pfefferkuchen haben.“ Und Nelly hatte mit eingestimmt in das trostlose Weinen, und schließlich mußte Knecht Ruprecht abziehen, ohne ein Gebet gehört zu haben, und das Trösten der Muhme und das Weinen der Kleinen scholl hinter ihm drein. Nur er, der Böse, weinte nicht; er lachte, als der letzte Zipfel des Pelzmantels verschwunden war, und behauptete kecklich, es sei gar nicht Knecht Ruprecht gewesen, sondern der Peter, der Kutscher, in Onkel Müllers umgekehrtem Pelze.

An all diese trauten Erlebnisse des Kinderherzens dachte Army zurück, und unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf die Lippen: „Wißt Ihr noch?“ Dann schwieg er, wie erschreckt über seine Worte, die so unheimlich laut durch das stille Zimmer tönten; sie waren ja alle längst vergangen, diese Kinderträume – er war ein Mann geworden. Ein Mann? Nein, ein weichlicher Träumer, dem das bischen Unglück die Hand gelähmt! Dort oben saß sie jetzt, die alte Frau, und schrieb, um ihn zu retten, einen Brief, der ihr vielleicht der schwerste war im ganzen Leben, und sie that es, weil er kein Mann war.

„Ich muß nach Hause.“ Lieschen nahm ihr Pelzjäckchen vom Stuhl.

„O, bleibst Du nicht heute Abend?“ fragte Nelly.

„Ich danke, ich kann leider nicht,“ erwiderte sie zögernd, „Pastors bekommen heute bei uns bescheert, weißt Du Nelly, und da darf ich doch nicht fehlen.“

„Ah, richtig, aber komm bald wieder!“

„Gewiß!“

„Darf ich Sie geleiten?“ tönte da auf einmal Army’s Stimme in ihr Ohr.

„O nein, ich danke,“ stammelte sie verwirrt, „ich –“

„Es ist heute Feiertag – Sie könnten Betrunkenen begegnen,“ schnitt er ihr die Antwort ab und nahm Mütze und Degen.

Es war ein wundervoller Winterabend, der sich draußen über weihnachtliche Erde gesenkt; kein Lüftchen bewegte sich; in lautloser Stille lag die Welt da in eine leuchtend weiße, steckenlose Schneedecke gehüllt, überwölbt von einem Himmel, von dem Millionen Sterne durch die klare kalte Luft herabfunkelten. Dort unten im Dörfchen blickten die erleuchteten Fenster unter den schneebedeckten Dächern hervor, und hier oben am Scheidewege, an der verschneiten Sandsteinbank, da steht ein schlankes Paar; wie verwundert streckt die alte Linde ihre kahlen Aeste über die jungen Häupter hinaus, als müsse sie die Beiden verstecken, daß kein Auge sie erschaut. Ist es denn jetzt Zeit zum Lieben? scheint jedes kahle Zweiglein zu fragen, jetzt wo keine Nachtigall singt, kein grünes Land einen Liebesgruß flüstern kann?

Und doch – des Mädchens Kopf liegt so still an seiner Brust, und in den blauen Augen, da glänzt ein unermeßlicher Himmel von Liebe und Glück.

„Ich soll Dir helfen, daß das Leben Dir nicht mehr so finster ist, Army? Wirklich?“

„Wenn Du wolltest, Lieschen!“ erwiderte er leise und küßte sie auf die Stirn.

„Ob ich will?“ fragte sie erglühend, und schmiegte sich fester an ihn, „ob ich glücklich sein will?“ – –

Wie war es nur gekommen? Wie war ihr nur zu Muthe, als sie jetzt allein über den Mühlensteg schritt? Wie im Traum klangen ihr seine ernsten Worte nach, fühlte sie den Kuß auf ihrer Stirn wie Feuer brennen – und doch war es Wirklichkeit, erlebte Wirklichkeit, was ihr Herz so hoch klopfen machte? Und morgen – ihr klopfendes Herz stockte jäh, als sie die erleuchteten Fenster des Hauses sah – dann wird er zu ihrem Vater kommen. Sie war Braut, eine glückliche Braut, seine Braut!

Sie blieb stehen und schaute zurück: dort drüben mußte er jetzt gehen, vorüber an der einsamen alten Linde, die trotz Schnee und Eis das süßeste Glück erblühen sah heute Abend. Er hatte sie lieb, wirklich lieb? Sie schüttelte den Kopf über das Wunder, das nie gehoffte Wunder, und die Eltern und die Muhme mußten sie ihr nicht ansehen, daß sie –? Nein, nein, jetzt noch nicht, erst wenn Pastors fort sind, dann wollte sie es dem Vater sagen, daß morgen Einer kommen wird, der –

Und nun trat sie in die Hausthür; die alte Schelle klapperte heute so abscheulich laut, und sie wollte doch erst unbemerkt in ihr Stübchen hinauf. Nein, das ging nicht, denn eben hob die Muhme den Vorhang vom Fenster der Stubenthür, und gleich darauf wurde diese geöffnet.

„Ei, Du Ausbleiberin!“ tönte freundlich die alte Stimme, „just wollte ich die Dörte schicken, glaubte schon, es hätte Dich Einer mitgenommen unterwegs.“

„Guten Abend!“ erwiderte sie, aber die Stimme versagte ihr beinah vor stürmischem Herzklopfen, „ist’s wirklich schon so spät?“

„Nun, ich meine,“ sagte die alte Frau und schloß die Thür hinter ihr. Da saß der Vater an dem runden Tische, und die Mutter mit dem Onkel Pastor auf dem Sopha.

„Da bist Du ja!“ begrüßte der Vater sie freundlich und zog die schlanke Gestalt an sich, „was sagst Du nun, Liesel? Denke doch, die Kinder in der Pfarre haben ’s Scharlach und können nicht zur Bescheerung kommen. Gelt, das ist traurig?“

„Sehr traurig!“ wiederholte sie, aber ihre Augen leuchteten so wunderbar, und um ihren Mund spielte ein so glückliches Lächeln; das stand gar nicht im Einklang mit ihren Worten. Zu jeder anderen Zeit würde sie in lautes Bedauern ausgebrochen sein, aber heute – sie hatte kaum ein Verständniß für das, was ihr da eben mitgetheilt worden.

[804] „Einen Augenblick nur – ich lege oben in meiner Stube ab; ich bin gleich wieder da,“ und fort war sie.

„Was hat nur das Kind?“ fragte Frau Erving ängstlich.

Das Kind aber, das stand hochaufathmend in seinem kleinen Stübchen. Die Pelzjacke und Mütze flogen auf den nächsten Stuhl, und dann sank sie auf die Kniee vor ihrem Bette, wie sie jeden Abend ihr Gebet sprach, sie drückte den glühenden Kopf in die Kissen und die Hände falteten sich, aber es kam kein Wort über ihre Lippen, nur im Herzen wogte ein verworrenes Dankgebet, ein namenloses Bangen, ein unendliches Glücksgefühl. Endlich sprang sie empor und öffnete das Fenster, „da drüben, da drüben!“ flüsterte sie und winkte mit der Hand, als könne er es sehen. Ob er jetzt an sie dachte? Ob er seiner Mutter gestanden, daß er das kleine kindische Lieschen aus der Mühle im Arme gehalten und geküßt? Und Nelly?

„Lieschen! Lieschen!“ rief es da unten.

„Gleich!“ antwortete sie – es klang wie ein jauchzender Aufschrei; sie nahm das Licht und trat vor den Spiegel; dunkelglühende Augen schauten aus dem Glase ihr entgegen. Seine Braut flüsterte sie, „seine Braut!“ und tiefes Roth überflog ihr Gesicht; sie löschte schnell das Licht und eilte hinunter.

„Sie sind schon in der Eßstube, Fräulein,“ rief Dörte ihr zu, und dann kreischte sie plötzlich laut auf. „Jesses, Jesses, Jesses, Fräulein, es ist ’ne heimliche Braut im Hause; sehn Sie doch – eins, zwei, drei Lichter!“

Das junge Mädchen, welches schon den Drücker der Eßstubenthür in der Hand hatte, drehte sich über und über erröthend um – richtig, da stand die Dörte mit der Küchenlampe; dort hing die grün lackirte Flurlampe an der Wand, und die Muhme war eben aus ihrem Stübchen getreten und hielt die Hand schützend vor den flackernden Wachsstock, daß der Schein so recht hell auf das alte gute Gesicht fiel.

„Es ist doch die Möglichkeit!“ sagte sie wie ärgerlich. „Mädel, Du bist rein toll; da jauchzt sie los, daß ich zum wenigsten meine, sie hat das große Loos gewonnen. Heimliche Braut – dummer Schnack, wirst es wohl selbst am besten wissen, wer’s ist! Steht doch alle Abend an der Gartenpforte ein Liebespaar, trotz dem tiefsten Schnee. Geh’ hinein, Kind! Ich komme schon nach,“ wandte sie sich an Lieschen, die zögernd die Thür zur Eßstube öffnete und mit der alten Frau hereintrat.

Da saßen sie schon, der Vater, die Mutter und der Onkel Pastor, und nun sprach dieser das Tischgebet, und dann erschien Dörte mit dem duftenden Gänsebraten, den der Hauswirth jetzt zerlegen wollte.

„Und weißt Du, Pastor,“ sagte er in Fortsetzung eines unterbrochenen Gespräches, und strich dabei das Messer an dem zierlichen Schleifstahl hinunter, „es wäre ein wahrer Segen, wenn die Geschichte wirklich in’s Leben träte, aber glauben kann ich nicht daran; es heißt schon seit zehn Jahren so.“

„Ja, ich kann Dir auch nichts weiter sagen, Friedrich,“ erwiderte der Pastor, „als was ich in B. neulich hörte von dem Baumeister Leonhardt; er sagte, zum Frühjahr käme eine Commission, um die verschiedenen Strecken zu erwerben, und sobald dies geschehen, geht das Bauen los; meinetwegen, Eisenbahn oder nicht! Ich wollte nur –“ er strich mit der Hand über die Stirn.

„Sie ängstigen sich wegen der Krankheit der Kinder, Herr Pastor?“ fragte nach einer Pause teilnehmend die Hausfrau.

„Nun ja, ich will es ehrlich gestehen,“ erwiderte er und sah wirklich bekümmert aus, „wir stehen ja Alle in Gottes Hand, aber das Menschenherz ist leicht verzagt; die heimtückische Krankheit tritt in diesem Jahre ganz besonders gefährlich auf, im Dorfe liegen ja Haus bei Haus die Kleinen; aus mancher Familie habe ich eins oder gar zwei zu Grabe geleitet, und bei allem Beugen unter den Willen des Herrn, Minnachen – die Angst läßt sich nicht fortjagen.“

„Um Gotteswillen, Onkel, so schlimm ist es?“ Lieschen sah mit großen erschrockenen Augen zu ihm hinüber; sie kam sich plötzlich im höchstem Grade lieblos vor, hatte sie doch in ihrem seligen Glück seine Angst erst gar nicht bemerkt. „Soll ich mitkommen? Soll ich helfen?“

„Ei behüte, Lieschen, das ist eine gefährliche ansteckende Krankheit – um die Welt nicht!“ sagte freundlich der geistliche Herr und drückte ihr die kleine Hand, „nein, nein, da wird meine Rosine schon allein fertig; man soll sich nicht leichtsinniger Weise in Gefahr begeben. Du bist das einzige Kind – das muß sich schonen für die Eltern; nein, ich danke Dir, Lieschen; es geht schon so. Uebrigens ich muß bald nach dem Essen wieder fort; die Rosine hat mich mit aller Gewalt heraufgejagt.“

„Na, komm, Pastor,“ sagte der Hausherr herzlich und hob sein Glas, „auf daß es bald besser gehe daheim und alle Angst umsonst war!“

„Gott gebe es!“ Das ernste Gesicht des Pastors hellte sich wieder auf; „aber nun ist’s genug davon,“ meinte er sich zusammenraffend, „ich will Euch nicht auch noch die Festfreude verderben, gelt Lieschen? Lach’ nur wieder. Sahst vorhin so strahlend aus. Was hattest Du denn mit der Nelly? Dein Gesicht glänzte ja wie eitel Lust und Freude.“

Lieschen erröthete wie eine Purpurrose.

„Nun, dort oben wird’s wohl nicht gerad’ zu strahlend aussehen,“ fiel Herr Erving ein.

„Ach ja, da hat’s auch sein bitteres Leid – es ist wahr,“ seufzte der Pastor; „kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen! Es ist so auf der Welt.“

„Du lieber Gott,“ meinte die alte Frau, „so ein bischen Gottvertrauen gehört schon immer mit dazu; um den Jungen, den Army, aber, da ist mir schon gar nicht bange; so ein frisches junges Blut, dem wird das bissel falsche Lieb’ nicht gleich das Herz abdrücken, dazu ist er ein zu stolzes Gemüth, und Liebesweh ist netter Liebeszunder, wird bald ’nen andern Schatz haben.“

„Nun, das wäre Nebensache, Muhme, aber die leidigen Verhältnisse sonst noch, und –“

Klapp, da war die Thür gegangen und das junge Mädchen verschwunden; und da saßen die Zurückbleibenden und staunten sich in stummer Verwunderung an.



14.

Der Onkel Pastor hatte sich auf den Heimweg begeben, ohne das junge Mädchen wiedergesehen zu haben. Ein Ruf im Hausflur nach ihr war unbeantwortet geblieben.

Die Muhme suchte ihr Liesel allenthalben. In der Wohnstube war sie nicht, in der Weihnachtsstube auch nicht, und nun öffnete sie vorsichtig die Thür zu dem Zimmer des Mädchens; es war fast dunkel drinnen, aber dort am Fenster stand eine schlanke Gestalt und schaute unbeweglich in die schweigende schneehelle Nacht.

„Liesel!“ rief die alte Frau leise.

„Muhme,“ klang es beklommen zurück.

„Sag’ Kind, was ist Dir denn? Hast doch nicht Kopfweh, bist doch nicht krank?“

Aber statt aller Antwort umschlangen sie die weichen Mädchenarme; ein glühendes Gesicht barg sich an ihrem Hals, und die Gestalt, die sich an sie schmiegte, bebte in verhaltenem Schluchzen.

„Kind, Liesel, was ist’s denn?“ fragte die alte Frau erschreckt, „hat Dir Jemand was gethan?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Was ist’s denn, mein Herzel?“ und sie zog die Widerstrebende zum Sopha, setzte sich neben sie und hielt sie fest umschlungen.

„Ach Muhme, liebste, beste Muhme –“

„Was denn, mein Herzpünktchen? Nun? Du lachst wohl gar?“ fragte sie gleich darauf, „Du närrisches Ding, was soll das heißen?“

„Ach, ich möchte lachen und weinen und – ich weiß nicht was Alles,“ flüsterte sie; „schließ’ die Augen, Muhme! Ich will Dir sagen, weshalb – ach, ich habe solche Angst vor Dir –“

„Angst vor mir? Ja, das muß ich sagen: das sieht Dir ähnlich – na fix, fix – was hast Du begangen?“

„Ich – ich – bin eine Braut geworden, Muhme,“ sagte sie stockend; „hast Du mir es nicht gleich angesehen?“

„Eine Braut? Kind!“

„Ich bin ja so glücklich, so glücklich – der Army –“

„Der Army!“ stöhnte die alte Frau, und die Zähne schlugen ihr vor Schreck zusammen. „Der Army? Du eine Braut?“ wiederholte sie tonlos. „Also doch, also doch!“

„Muhme, hast Du denn kein freundlich Wort? Wir haben uns ja so lieb, so lieb!“

[806] „Lieb? Er hat Dich lieb?“

„Aber, Muhme, wie Du fragst! Würde er mich sonst zu seiner Braut haben wollen?“

„Barmherziger Gott!“ schrie es auf in der Seele der alten Frau, „das arme thörichte Kind! Sie glaubt sich geliebt, und er er will nur ihr Geld, um sich zu retten.“ Und in stummer Angst tastete sie mit der kalten Hand nach der des Lieblings, die wie Feuer glühend in der ihren lag, und da flüsterte schon wieder die süße Stimme an ihrem Ohr; war’s nicht just so seliges, so thörichtes Zeug wie damals, als ihr die Lisett ihre junge Liebe vertraute?

„Denk doch, Muhme, ich kann ihm wieder das Leben froh machen; um meinetwillen wird er es wieder lieben lernen, wie schön das ist! Ich soll das können, Muhme, ist es denn wirklich wahr? Ach, Muhme, da draußen unter der alten verschneiten Linde, wo ich ihn vor drei Jahren noch einmal sah, da hat er mich gefragt. Und nun – nicht wahr, Du sagst es Vater und Mutter? Ich sterbe ja vor – vor Scham, wenn ich bekennen soll, daß ich einem fremden Manne gut bin; ich kann es nicht – thu’ Du es doch! Wenn es hier nicht dunkel wär’, ich hätte es Dir nimmer sagen können. – Muhme, so sprich doch, so gieb mir doch einen einzigen Kuß –“

Lisett – Lisett – war sie es denn nicht, die da eben flüsterte? „O Herr Gott!“ so sprach es aus tiefer Qual heraus in der alten Frau, „ist dies das Glück, um das ich Dich gebeten für das Kind, allabendlich und jeden Morgen? Hat sie nicht tausendmal was Besseres verdient, als dieses Loos?“ Und dann saß sie ein paar Augenblicke wie starr.

„Liesel,“ sagte sie endlich gepreßt, „Du weißt nicht, was Du gethan hast, Du weißt nicht, was Dir bevorsteht, wenn diese unselige – sei mir nicht böse, aber ich muß so sprechen – diese unselige Verlobung wirklich zu Stande kommt. Du kennst die alte Baronin nicht, wie ich sie kenne; sie ist schlimmer als ein Teufel. Sie wird Dich elend machen, wie meine arme Lisett, die sie auf dem Gewissen hat, und ich mein’, daß mein Gewissen auch nicht rein wäre, wenn das Unglück doch geschieht und ich hätte Dich nicht gewarnt jetzt, wo es noch Zeit ist und wonach Niemand von Eurer Lieb’ was weiß, als Ihr Zwei und ich. Sei still!“ – wehrte sie, als Lieschen sie zu unterbrechen versuchte – „thu’ der alten Muhme und Dir selber den Gefallen! Was ich Dir erzählen will, das schmeckt bitter, aber es ist eine Arzenei und Gott geb’s, daß sie Dir eingeht und hilft! Es ist die Geschichte der Lisett, die ich Dir erzählen muß – gelt, Du weißt noch, daß ich sie Dir erzählen wollt’ im Frühjahr, weil ich Deine Liebe kommen sah, aber ich brachte es damals nicht über die Lippen – hätte ich es nur gethan!“

Das junge Mädchen kauerte sich wortlos zu ihren Füßen; kein Laut von ihren Lippen verrieth, wie ihr junges kaum erblühtes Mädchenglück im Herzen schauerte, als sei plötzlich ein Strom von Eisluft in den lachenden Frühling gebrochen.

„Also der Baron Fritz,“ begann die alte Frau mit tiefer Stimme, der Bruder des Großvaters von Nelly und Army, war der Lisett ihr Bräutigam; sie hatten sich heimlich versprochen; Niemand wußte es außer mir. Der Baron Fritz wollte erst, wenn er mündig sei, mit seiner Werbung vor Lisett’s Eltern treten und mit seinem Bruder sprechen, und dann wollten sie sich ein Gut kaufen; es war ein glückliches Paar, Liesel, und ein schönes dazu, und sie hatten sich so sehr lieb, es war eine Lust sie zusammen zu sehen dort unten in der alten Laube am Wasser. Baron Fritz stand nicht weit von hier als schmucker Husarenofficier in einer kleinen Stadt; er kam oft herüber, und wenn es um die Zeit war, daß er eintreffen mußte, dann stand Lisett droben in ihrem Stübchen am Fenster und sah zu dem Thurm hinüber, und dann flammte wohl bald ein Licht dort oben auf; das war das Zeichen, daß er zu ihr kam. Dann jauchzte sie vor Freude und schlug die Hände zusammen und lief ihm ein Stückchen in den Wald entgegen.

Und dann – an einem Sommerabend – hielt des Bruders junges schönes Weib, Nelly’s Großmutter, ihren Einzug in das alte Schloß. Die Lisett und ich waren hingelaufen sie zu sehen; das ganze Schloß war erleuchtet und die Diener warteten mit Fackeln an der großen Freitreppe, auch Baron Fritz stand da mit seiner alten Mutter, und dann kam das junge Paar gefahren. Das mußte wahr sein: schön war die junge Frau, aber es lag Stolz in ihrer Haltung, Stolz auf dem blassen Gesicht, und Stolz blitzte aus ihren großen schwarzen Augen. Die Lisett war ganz bleich geworden als sie ihr nachschaute.

‚Die wird meine Freundin nicht, Marie,‘ sagte sie zu mir.

Und sie hat Recht gehabt. Gott weiß, wo die stolze junge Frau erfahren hat, daß der Baron Fritz der Lisett gut sei, und wer ihr dem teuflischen Plan eingab, die Beiden zu trennen. Ich weiß nur das Eine, daß es ihr gelang. Und wie – ja wie ist es ihr gelungen!

Es war im Herbst, und das Schloß voller Jagdgäste; man konnte deutlich das Halali aus den Wäldern hören, und allabendlich flammten die Fenster des Schlosses in hellem Lichte auf; das tolle Leben begann da oben, das die Schloßherrin so liebte und mit dem sie ihre Familie beinahe an den Bettelstab gebracht hat. Baron Fritz aber nahm Abschied von der Lisett; er konnte längere Zeit nicht wieder kommen, und sie schenkte ihm ein kleines goldenes Herzchen, das sie immer auf der Brust trug; ich hörte noch, wie sie sagte: ‚Da Schatz, thue die Locke von mir hinein und denk an mich!‘ Sieh, Lieschen, dies goldene Herz, das war der Lisett ihr Tod. Doch höre weiter! Der Baron Fritz reiste ab, und es vergingen so vierzehn Tage; schreiben konnten sich die Liebesleute nicht, denn sonst wär’ Alles offenbar geworden; damals war man auch noch nicht so gar arg auf’s Schreiben, wie heut zu Tage, aber denken thaten sie desto mehr an einander, und das mag jetzt manchmal umgekehrt sein. Nun also, der Fritz war abgereist, und die Lisett stand allabendlich aus alter Gewohnheit am Fenster und guckte nach dem Thurmstübchen hinüber, denn dort wohnte Baron Fritz stets, wenn er hier war. Aber es blieb jeden Abend dunkel, und es war ja auch nicht anders möglich, denn vor vier Wochen konnte er nicht wieder hier sein, und jetzt waren erst vierzehn Tage verflossen. Da, eines Abends, schreit die Lisett hell auf und rennt auf mich zu, die ich eben mit dem Strickstrumpf ein wenig zu ihr schwatzen komme.

‚Jesus!‘ ruft sie, ‚er ist da; es ist Licht im Thurm,‘ und richtig, da schimmert das erleuchtete Bogenfenster herüber. Sie nahm nicht einmal ein Tuch um, als sie aus dem Hause flog. Nach einer Weile kehrte sie zurück. ‚Er kam nicht,‘ sagte sie, ‚was soll das nur bedeuten?‘ Ich schüttelte den Kopf. Na, wart Lisettchen! Ich frag’ den Christian morgen. Aber wer nicht kam, war der Christian, und um Mittag bringt mir ein Junge den Bescheid, ich sollte nicht auf ihn warten, er sei für die Herrschaft verreist, um ein neues Pferd für die Frau Baronin zu holen.

Die Lisett war in einer Unruhe, die sich gar nicht beschreiben läßt. Sobald es dämmerte, stand sie am Fenster, und wieder sah man das Licht drüben. Abermals lief sie in’s Freie, und kam blaß zurück und warf sich weinend in’s Sopha. Gott weiß, sie mußte schon eine Ahnung haben von dem, was ihr bevorstand, denn sie wollte von keinem Trost etwas wissen. ‚Er ist da und kommt nicht, er liebt mich nicht mehr,‘ schluchzte sie, ‚ach ich sterbe, wenn es so ist.‘

Am dritten Abend dieselbe Geschichte; die Lisett sah aus wie der Kalk an der Wand. Dann blieb es dunkel im Thurmstübchen. – Ohngefähr vier Tage darauf sitzen wir, die Lisett und ich, im Mittagssonnenschein vor der Hausthür und rupfen Krammetsvögel, und sie schaut so den Federn nach, die in der Luft umherfliegen, während ein banger Seufzer nach dem andern über ihre Lippen geht; da kommt über den Mühlsteg ein Mädchen gegangen. Zuerst kannten wir sie nicht, denn ihr neuer rother Rock mit den schwarzen Streifen blendete ordentlich in die Augen, dann aber sagte die Lisett: ‚Das ist ja die tolle Fränzel, was will die hier?‘ Richtig, sie war’s, und kam gerade auf uns zu getänzelt mit ihren zierlichen Füßen, die in kleinen Spannbänderschuhen und schneeweißen Strümpfchen steckten. Sie hatte ein schwarzes Kamisol an, und ein Paar lange ebenso schwarze Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herunter; das Gesicht mit den funkelnden Augen und der kleinen Nase sah die Lisett an, als wär’ sie eitel Freundlichkeit. Nun mußt Du wissen, Liesel, die tolle Fränzel war mit uns zur Confirmation gegangen, und ein wilder Kind hat’s wohl nimmer gegeben; Zigeuner hatten sie einst hinter dem Kirchhofszaun liegen lassen, als sie kaum erst acht Tage alt war, und sie ist im Armenhause groß geworden. Ein leichtsinniges, arbeitsscheues Blut war sie von jeher, das Aergerniß der ganzen Gemeinde, der Frau Baronin aber gefiel sie, als sie einst mit einem [807] Körbchen Beeren auf das Schloß kam. ‚Sie erinnere sie an ihre Heimath,‘ hatte sie gesagt, und so kam Fränzel in den Dienst der gnädigen Frau und ging einher so bunt geputzt, als wären unseres Herrgotts christliche Tage eitel Mummenschanz.

Wir hörten aber auch bald, daß sie noch immer die tolle Fränzel sei; da verkehrten so viele fremde Cavaliere im Schloß und hübsch war ja die Fränzel, zu hübsch, und sie hätt’ gewiß ’nen braven Burschen gefunden, der sie als seinen ehrlichen Schatz hätt’ küssen mögen, aber sie war leichtfertig als der Schlimmsten Eine, und – Gott sei Dank! – noch galt ja Zucht und Ehrbarkeit bei uns daheim.

Und so kam sie denn daher; in den kleinen Ohren hingen große glänzende Goldreifen, und einen Ring hatt’ sie auch an der Hand, mit der sie so recht auffällig an der schneeweißen Schürze bändelte.

‚Guten Tag!‘ rief sie uns entgegen, und die Lisett sagte wieder:

‚Guten Tag!‘ und fragte: ‚Was soll’s, Fränzel?‘

‚Nun Jesses, ich sah die Mamsell hier drüben sitzen und wollt’ mal sehen, wie’s bei Euch ausschaut. Ihr braucht Euch ja meiner nicht zu schämen, sind wir doch zusammen confirmirt worden – oder bist Du stolz geworden?‘

‚Nein,‘ erwiderte die Lisett, ‚ich bin nicht stolz, aber wenn Du kommst, so hat’s was zu bedeuten – sag’ mir rasch, was Du willst!‘

‚Gar nichts, meine Gute,‘ erwiderte sie und that wie beleidigt, ‚brauchst Dich meiner nicht zu schämen; betteln thu’ ich nicht mehr; hab’ mein Brod übrig genug,‘ und dabei lachte sie, daß man alle die weißen Zähne sah, und drehte sich auf dem Fuße herum, daß der rothe Rock und die Zöpfe nur so flogen. ‚Siehst so blaß aus,‘ sagte sie dann plötzlich und fixirte das Gesicht der Lisett, ‚hast Liebeskummer, he?‘

Lisett erröthete über und über. ‚Was geht’s Dich an, wie ich ausseh?‘ erwiderte sie kurz und erhob sich so rasch, daß die feinen Federn aus ihrer Schürze nur so in der Luft herumwirbelten. Auf einmal sah ich, daß ihr die Augen schier aus dem Kopfe traten und daß sie sich leichenblaß mit der Hand nach dem Herze faßte und auf die Bank niedersank, und als meine Blicke den ihrigen folgten, da fielen sie auf ein kleines goldenes Herz, das sich aus dem Busentuch der Fränzel geschoben.

‚Allmächtiger Gott!‘ schrie die Lisett – dann aber war sie mit einem Sprunge neben der Fränzel, hatte sie an der Schulter gepackt und fragte mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging – so voll schriller Herzensangst war sie –: ‚Woher hast Du das Herz, Fränzel?‘“

Textdaten
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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 50, S. 821–824
Fortsetzungsroman – Teil 11


[821] Lieschen hing in athemloser Spannung an den Lippen der Erzählenden.

„Einen Augenblick blieb Alles still,“ fuhr die Muhme nach kurzer Pause fort; „dann hättest Du hören sollen, mit welcher Seelenangst die Lisett wiederholte:

‚Woher hast Du das goldene Herz, Fränzel?‘ Sie schien der Fränzel die Worte von den Lippen lesen zu wollen, und diese hatte den Kopf weit zurückgebogen und sah mit funkelnden Augen zu ihr hinüber; sie stand mit übereinander geschlagenen Armen, und nach und nach legte sich ein höhnisches Lächeln um ihren Mund.

‚Was geht’s Dich an?‘ fragte sie und wollte sich los machen.

‚Was es mich angeht? Gütiger Jesus, sie fragt, was es mich angeht! Marie, so hilf mir doch!‘ rief die Lisett, ‚ich muß es wieder haben; es ist ja mein – nein, sein – Herr Gott, ich hab’ es ihm ja geschenkt.‘

Ich trat näher, ganz starr vor Schrecken. ‚Gieb das Ding her, Fränzel!‘ sagte ich. ‚Gelt, Du hast es gefunden?‘

‚Was meint Ihr denn?‘ rief diese und schüttelte die Hand Lisett’s ab, die schwer auf ihrer Schulter lag, mich wundert, daß Ihr nicht sagt, ich hätt’s gestohlen. Es ist mein Eigenthum, ich laß’ mir’s nur von dem nehmen, der mir’s geschenkt, und nun rührt mich nicht an! Ich sollte meinen, Ihr wißt noch von früher, daß ich kratzen kann.’ Sie trat zurück; ihre Hände hatten sich geballt; dann wandte sie sich rasch zum Gehen.

‚Halt!‘ rief Lisett und faßte sie wieder am Arm, ‚ich frage Dich im Namen Jesu: Wer gab Dir das Herz?‘ Sie stand hochaufgerichtet vor dem Mädchen und hielt wie beschwörend die Hand empor – ein Zittern ging durch ihre Gestalt. Den Augenblick werd’ ich nimmer vergessen, Lieschen. Ich wollt’ zu ihr hin, um sie zu stützen, aber ich mußte stehen bleiben und sie ansehen; so schön sah sie aus, durch die entlaubten Zweige der Linden fiel ein Strahl der Herbstsonne und spielte auf ihrem braunen Haar, daß es wirklich aussah wie ein Heiligenschein, und wie ein Heiligenbild stand sie auch da, wie ein Engel vor einer Verlorenen.

Fränzel war ganz blaß geworden, als sie den Augen der Lisett begegnete, dann aber riß sie sich los und sagte: ‚Warum willst Du das wissen? Hab’ ich Dich schon einmal danach gefragt, wer Dir das goldne Ringel gab, das Du neulich so heiß geküßt hast in der Laube? Ja, ja, das hab’ ich wohl gesehen,‘ lachte sie, und kann ich nicht auch heimlich ’nen Liebsten haben? Denkst Du, weil Du des reichen Lumpenmüllers schöne Lisett bist, die tolle Fränzel gefällt Keinem? Leb’ wohl Lisett, und thu’ nicht so verwundert! Weiter sag’ ich Nichts –‘ sie lachte spöttisch auf und rannte über den Mühlensteg, daß ihr rother Rock im Sonnenschein uns in die Augen leuchtete.

Die Lisett aber stand bleich und starr und sah ihr nach, und als ich hinging zu ihr und sie trösten wollte, da stieß sie mich hastig zurück, und dann ging sie hinauf in ihre Stube. – Ich wußte nicht, was ich machen sollte, Kind, ob ich ihr folgen sollte oder nicht; das Herz klopfte mir zum Zerspringen, und wie ich noch so dastand, kam der Lisett ihre Mutter und gab mir einen Auftrag und schalt, daß die Federn da alle so zerstreut lagen auf dem Platze. Ich besorgte, was sie mir befohlen, aber die Thränen drängten sich mir aus den Augen um der armen Lisett ihren schweren Kummer – Herr Gott, wer hätte das gedacht? Sollte es denn wirklich wahr sein, daß er das Andenken von seinem Schatz an die leichtfertige Dirne vertändelt? Aber freilich, woher sollte sie es haben? Und dann das Licht drei Abende hinter einander im Thurmstübchen! O du einziger Heiland, dachte ich, was soll nun werden? Und sobald ich konnte, lief ich hinauf zu der Lisett, und da stand sie am Fenster und sah hinüber zum Schloß, und als ich an sie heranging und wollt’ meinen Arm um sie legen, da sagte sie ganz leise:

‚Laß gut sein, Mariechen! Womit wolltest Du mich auch trösten? Geh’ nur hinunter, geh’ nur! Ich werde schon allein fertig.‘

Ich schüttelte den Kopf und ging; ich konnt’ ja vor Weinen kaum sprechen, aber als ich eben die Stubenthür wieder schließen wollt’, da schrie sie auf, so furchtbar, so gellend, und als ich erschreckt zurücklief, da schüttelte es sie wie im Krampf und dann sank sie zu Boden. – Ich wollte sie aufheben aber sie lag schwer in meinen Armen wie eine Todte, und da kam auch schon die Mutter die Treppe herauf, und –

Du lieber Gott, Kind, was soll ich Dir das ausmalen? Es ist mir selbst nur wie ein dumpfer unheimlicher Traum. Die Lisett war schwer krank geworden; der Doctor gab keine Hoffnung, ich saß Tag und Nacht dort an dem Bette und horchte auf die bangen Phantasien, und das plauderte so süß und erzählte sich Etwas mit dem Liebsten, daß mir das Herz beinah stillstand vor Schmerz und Wehmuth; die Mutter erfuhr erst durch die wilden Fieberreden von ihres Kindes Lust und Schmerz – ich mußt’ ihr Alles erzählen. Sie warf einen langen kummervollen Blick auf das liebliche Geschöpf, das so jäh aus seinem Himmel geschleudert war, der Vater aber tobte und fluchte über den Treulosen; nur Lisett’s Bruder sagte:

[822] ‚Da steckt eine bübische Teufelei dahinter; ich kenne den Fritz; es ist kein falsches Haar an ihm.‘

Ach, Kind, was ist damals hier gebetet und geweint worden in der kleinen Stube! Die Hände haben wir uns wund gerungen um das junge Leben, aber der liebe Gott läßt sich seine Uhr durch keinen Menschen stellen, und am neunten Tage, als gerad’ das Abendroth so recht golden verglühte, da fiel sein Schein auf ein bleiches Gesicht und die blauen Augen waren geschlossen für immer. – So friedlich lag sie da, so still, so fern von allem Herzeleid. Ich aber hab’ mich da drüben niedergeworfen und hab’ geschrieen vor übergroßem Schmerz und Weh –“

Die alte Frau hielt inne und wischte sich die Augen. Lieschen hatte den Kopf in den Schooß der Muhme geborgen, und es schien, daß auch sie leise vor sich hin schluchzte.

„Denselben Abend,“ fuhr jene endlich fort, wie die Lisett gestorben war, da lief ich in den Garten, gerad’ als man unten im Dorf die Todtenglocke für sie läutete; denn ich hatte nicht Ruh noch Rast auf einer Stelle, und wie ich da so steh’, da blitzt auf einmal drüben im Thurm ein Licht auf. Ich war erschrocken, und dann brachen meine Thränen von Neuem hervor, denn sie, die nun so still da lag, sie konnt’s ja nicht mehr sehen – und so lehnte ich mich denn an die Wand des Hauses und weinte so recht aus Herzensgrund. Von drinnen aus der Wohnstube da hört’ ich den Schritt des Müllers – der ging ruhelos auf und ab – und dann wieder der Mutter banges Schluchzen und des Sohnes tröstende Stimme; sonst war es still ringsum, todtenstill. Das Geläut war nun auch verstummt; die Räder der Mühle standen schon den ganzen Tag, und die Knechte und Mägde da drüben im Hause, die schlichen so leise umher und flüsterten nur mit einander, als wollten sie die Ruhe unserer Lisett nicht stören.

Und da auf einmal hör’ ich von drüben Jemand kommen, so einen rechten festen raschen Tritt. Jesus! mein Christian! dacht’ ich, aber in demelben Augenblick tritt’s auch schon auf den Mühlensteg, und eine kecke Stimme fängt an, so recht laut und vergnügt ein Lied zu trällern – mir ging’s durch Mark und Bein – Herr des Himmels, das war des Baron Fritz’ Stimme! Und ehe ich es versehe – denn ich war wie gelähmt vor Schreck – ist er im Hause drin, und wie ich dann nachkomme, hatte er schon die Stubenthür geöffnet und stand dem Müller gegenüber; sein glückliches Gesicht und die blitzenden Augen suchten in allen Winkeln herum nach der Lisett.

Die Frau sank mit einem Schrei in den Sessel zurück, als sie ihn erblickte, der Müller aber stürzte auf ihn zu, und mit dem Ausruf:

‚Verfluchter Bube, willst Du mich auch in meinem Schmerz noch äffen?‘ riß er ihn in’s Zimmer hinein.

Der Müller war ein jähzorniger Mann, aber Lisett’s Bruder sprang zwischen die beiden Ringenden und rief:

‚Erst frage ihn, ob er schuldig ist, Vater!‘

Der alte Mann jedoch stellte sich vor ihn hin und schrie:

‚Die Lisett! Sie suchen wohl die Lisett, Herr Baron? Da droben liegt sie; gehen Sie hinauf und sehen Sie sie an!‘ Dann schlug er sich die Hände vor’s Gesicht in heißem, wildem Schmerz.

‚Komm, Fritz!‘ sagte unser junger Herr und zog den Erschrockenen in das Nebenzimmer, ‚komm her! Ich will Dir Alles sagen, was Trauriges über uns hereingebrochen ist.‘ Und dann schloß sich die Thür hinter ihnen, und ich blieb allein mit den weinenden Eltern.

Nebenan hörte man kein Wort, nur einmal ein schmerzliches Aufstöhnen – das war Alles; wie in endloser Pein vergingen die Minuten. Ich saß am Fenster und schaute in die Nacht hinaus, plötzlich aber schrak ich zusammen, den draußen an die Scheibe hatte sich ein Gesicht gepreßt und blickte mit ein paar großen dunklen Augen, aus denen Angst und Entsetzen leuchtete, in’s Zimmer hinein, und dann winkte mir eine Hand, und das Gesicht war verschwunden. Ich hatte es erkannt – es war die tolle Fränzel.

‚Gott behüt’ uns!‘ dacht’ ich, ‚was will Die wieder?‘ Aber ich ging leise hinaus, und da stand sie und klammerte sich mit beiden Händen an die Pfosten der Hausthür, und der schwache Lichtschein aus dem Fenster der Stubenthür zeigte ein vor Angst fast verzerrtes Gesicht, über das die schwarzen Haarsträhnen aufgelöst hingen, das Schreckliche ihrer Erscheinung noch vermehrend. Sie zitterte so, daß sie sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, und als ich sie fragend und verwundert ansah, da bewegte sie ihre blassen Lippen, ohne daß ein Wort herüber kam.

‚Die Lisett –‘ fragte sie dann mit völlig klangloser Stimme, ‚ist’s wahr, was die Leute sagen, hat’s vorhin um die Lisett geläutet?‘

‚Sie liegt droben im ewigen Schlaf,‘ erwiderte ich.

‚Heiliger Gott!‘ schrie das Mädchen auf, ‚ist’s wahr, ist’s wirklich wahr?‘

In dem Moment kam Baron Fritz aus der Nebenthür, hinter ihm unser junger Herr, der ein Licht in der Hand trug. Er war blaß wie der Tod, und die Augen glühten ihm förmlich im Kopfe; offenbar wollte er in’s Sterbezimmer hinauf. Da fielen seine Blicke auf die Gestalt an der Erde, und sie erkennend blieb er stehen.

Der sollte ich das Andenken an meine Braut geschenkt haben?‘ sagte er unheimlich ruhig, während seine Augen mit verächtlichem Ausdruck auf ihr haftete, ‚Friedrich, glaubst Du das? Sprich, Du Geschöpf,‘ rief er dann mit zittender Stimme. ‚Du hast das goldene Herz gestohlen, das ich im letzten Augenblick meiner Abreise von hier vermißte!‘

Das Mädchen hob die Hände zu ihm empor. ‚Nein, o nein, Herr Baron –‘

‚Wirst Du gestehen, nichtsnutzige Dirne!‘ rief er und hob die Reitpeitsche, die er in der Hand hielt, zum Schlage.

‚Schlagt zu, Herr!‘ rief sie, ‚ich hab’s verdient, aber ich habe es nicht gestohlen, beim ewigen Gott nicht! Man hat es mir gegeben, so wahr ich hier liege; ich hätt’s ja nimmer zum Spaß umgehängt, hätt’ ich gewußt, wie’s auslaufen thät’.‘

Baron Fritz ließ den erhobenen Arm sinken. ‚Hinaus mit Dir!‘ rief er und wies ihr die Thür, ‚Du sollst wenigstens nicht die Ruhe hier im Trauerhause stören; ich fasse Dich doch noch.‘

Sie raffte sich auf. ‚Erbarmen, Herr!‘ rief sie, ‚vergeben Sie mir; ich bin ein eitles dummes Ding, aber schlecht bin ich nicht – o Herr Baron, ich wollt’ ja gern sterben, könnt’ ich die Lisett wieder lebendig machen.‘

Sie sah so zerknirscht, so wahrhaft jammervoll aus, als sie vor ihm stand, die Hände gefaltet, mit den verweinten dunklen Augen, daß unser junger Herr den Baron Fritz bat: ‚Frage sie, wer ihr befahl, das kleine Herz zum Spaß umzuhängen! Vielleicht sagt sie’s.‘

‚Wer hat Dir befohlen, daß Du das goldene Herz umhängen solltest?‘ wiederholte der Baron mechanisch die Frage, und in seinen Augen blitzte es auf einmal auf wie die Ahnung von etwas Entsetzlichem.

‚Sag’s, Fränzel,‘ redete ihr der junge Herr leise zu, ‚sag’s, wenn wir es glauben sollen, daß Du wirklich nichts Böses im Sinne führtest, als Du –‘

‚Nein, wahrhaftig!‘ schrie sie auf, ‚ich hab’ nichts Böses gedacht, ich wollt’ nur die Lisett einmal ärgern, weil sie immer so stolz that gegen mich, und ich konnt’ ihr doch nichts anhaben, und deshalb war ich gleich dabei, als sie mir sagte, ich sollte – Nein, ich verrath’s nicht, Jesus! ich darf nichts verrathen.‘ –

Sie zitterte am ganzen Leibe.

‚Geh!‘ sagte Baron Fritz plötzlich, ‚ich will es jetzt nicht wissen; es ist ein Bubenstück ausgeübt worden, ein teuflisches Bubenstück.‘

Er wies mit dem Arm hinaus, und das Mädchen lief schluchzend in die finstere Nacht hinein; ich trat vor die Thür und schaute ihr nach; ich konnt’ gerade noch die Gestalt über den Mühlensteg ziehen sehen, dann verschwand sie in der Dunkelheit. Draußen aber war es eine unheimliche Nacht geworden, und es ging ein Sausen und Brausen durch die Luft, ein fremdartig schrilles Pfeifen und Heulen; der Himmel hatte sich bezogen; kein einziges Sternlein blitzte mehr hernieder, und die Aeste der alten Linden ächzten und bogen sich unter gewaltigen Windstößen; es war zum Fürchten unheimlich geworden da draußen, und doch blieb ich stehen. Wenn so ein plötzlicher Sturm daher rast, so sagt man bei uns auf dem Lande, es habe sich ein verzweifelndes Menschenkind selbst das Leben genommen, und man betet für seine arme Seele ein Sprüchlein, wenn man gleich nicht wissen kann, wer es sei, und ich faltete auch die Hände und wollt’ ein Gebet sprechen, da fiel mir’s schrecklich auf’s Herz. Herr Gott im Himmel, wenn die Fränzel –? Im ersten Augenblick wollt’ ich ihr nach; dann blieb ich stehen – wo sollt’ ich sie auch suchen?

[823] Drinnen im Zimmer hatte wieder das ruhelose Wandern des Müllers begonnen, und wieder scholl der Mutter Schluchzen, des Sohnes Trösten dazwischen, aber wo war Baron Fritz? Noch immer am Todtenbett? Drüben im Dorfe schlug es zehn Uhr; da hörte ich einen Schritt die Treppe herabkommen, so langsam und schleppend, als gehe ein alter Mann. Ich schaute in den Hausflur – da stand er am Treppengeländer; leichenblaß sah er aus; kaum wieder zu erkennen war das hübsche, lebenslustige Gesicht. Er sah noch einmal hinauf und schritt dann langsam auf die Wohnstubenthür zu; als er dicht davor stand, schauderte er zusammen, wandte sich rasch um und ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen, in die finstere Nacht hinaus, wie ein armer gebrochener Mensch. Es war das letzte Mal, daß ich ihn gesehen, er soll dann ein wildes, tolles Leben geführt haben – wie mochte sein Herz im lauten Jammer schreien! In Derenberg ist er nie wieder gewesen, und jetzt wird er lange todt sein. Möge Gott ihm eine sanfte Ruhe schenken!

Die tolle Fränzel aber war auch verschwunden; Niemand wußte, wohin. Und auf dem Schlosse und im Dorfe sagten sie Alle, der junge Baron sei mit ihr auf und davon, und da hab’ ich auch noch einmal gezweifelt an seiner Treue. Aber dann, als die Lisett begraben war, da ging ich gegen Abend mit meinem Christian auf den Kirchhof zu dem frischen Grabe, und wie ich dort stehe und weine und die Kränze all zurecht lege, die ihr die Leute geschickt hatten, da sagte Christian: ‚Guck, Mariechen, dort liegt was Weißes wie ein Zettel,‘ und richtig, es war auch ein Steinchen darauf gelegt, damit es nicht wegfliegen sollt’, und wie ich ihn aus einander falte, da steht darauf in großen ungelenken Buchstaben: ‚Es ist nicht wahr, was sie sagen; er hat mich niemals angeschaut; ich weiß nicht, wo er ist, und er nicht, wo ich bin. Mich sieht nimmer Einer wieder von Euch – denkt nicht zu schlecht von mir! Das goldene Herz hab’ ich umgehängt, weil es meine Herrin befohlen; sie sagte, es gelte nur einen Spaß mit der Lisett. Die Sanna war dabei – Ihr könnt sie fragen. Gott soll mir vergeben; ich hab’ nicht wollen so Böses thun.

Franziska.‘

So hat sie es damals gemacht, sie da droben, um des Lumpenmüllers Lisett nicht in ihre stolze Familie zu bekommen und – Kind“ – die alte Frau streichelte weich das Haar des tief erschütterten Mädchens zu ihren Füßen – „Du, unser Einziges, thu’ Dir und uns das nicht an, daß Du ihr wieder zu einer Gelegenheit verhilfst, solch ein Teufelsstück auszuüben! Sie wird es ausüben – verlaß Dich darauf! – sie haßt uns hier in der Mühle, weil sie von der Lisett her ein böses Gewissen hat. Sieh’, mein armes Herzel, wenn’s mir auch bitter weh um Dich ist, ich kann Dir nur eines sagen: begrabe, was Du heute erlebt hast!“

„Ich vermag es nicht, Muhme,“ unterbrach sie das junge Mädchen thränenmüde, aber mit unverkennbarer Bestimmtheit; und plötzlich erhob sie sich und stand in fester Haltung vor der alten Frau. „Die Geschichte von der Tante Lisett ist sehr traurig. Aber ich habe Army das Versprechen gegeben, daß ich ihn retten will, und das muß ich halten. Und wenn ich ihm die Geschichte der Tante Lisett erzählt haben werde, dann wird er gewarnt sein. Sei barmherzig, Muhme, und rede mir nicht ab!“ fügte sie nach kurzer Pause in ausbrechender Leidenschaft hinzu, indem sie auf’s Neue zu den Knieen der sprachlos Dasitzenden niedersank, „wir haben uns ja so lieb, so lieb – hilf uns, daß wir glücklich werden! Sag’ es dem Vater drunten und der Mutter und rede ihnen zu – nicht wahr, Du thust es, liebe, süße Muhme, nicht wahr?“ Und die feuchten Augen des gequälten Mädchens blickten flehend zu der Muhme hinauf, und diese fühlte, wie zwei weiche Hände die ihren faßten und sie ängstlich festhielten.

„Mein Gott“ – klang es im Herzen der alten Frau, „es hat nichts geholfen; es ist die Lieb’ wie sie immer war, die niemals klug wird, außer durch eigenen Schaden. Und er hat sie doch nicht lieb; es ist nicht wahr, wenn ich nur das Herz hätte, ihr das zu sagen! – und der Friedrich wird’s nie zugeben –“

„Willst Du mit den Eltern sprechen, Muhme?“ flüsterte es so wehmütig und schmeichelnd zugleich zu ihr herauf.

„Ja, mein Herzchen! Ich seh’s schon, es hilft nichts – aber schlaf’ nur ruhig heut! Morgen, morgen –“

„Nein, heut, gleich jetzt! Morgen kommt er ja,“ flehte sie, „Vater muß sich in der Nacht doch überlegen, was er ihm sagen will – bitte, bitte, Muhme!“

„Hast Recht, mein Kind, es ist besser gleich,“ bestätigte die alte Frau, und die Stimme klang so eigenthümlich gepreßt, „laß mich aufstehen! Ich will hinunter, Du aber schlaf’ süß! Morgen früh erfährst Du zeitig genug, was sie sagen, mein Liebling.“

„Wie könnt’ ich schlafen, Muhme!“ rief sie aufspringend und legte die kleine zitternde Hand auf die Schulter der alten Frau.

Die alte Frau antwortete nicht; sie öffnete hastig die Thür und ging hinaus. Lieschen folgte ihr in den dämmerigen Vorsaal und bog sich über das Treppengeländer; da schritt sie die breite gewundene Stiege hinunter, aber wie langsam ging es! Die alten Füße konnten doch sonst noch so flink trippeln; heute wollten sie gar nicht vom Fleck; langsam – langsam, Stufe um Stufe ging es; die Treppe ächzte ordentlich unter den schweren Tritten der Alten, und ihre Hände faßten so fest das geschweifte Geländer – nun verschwand die Gestalt den Blicken Lieschens; die schleppenden Tritte über den steingepflasterten Flur tönten in ihr Ohr, und jetzt – jetzt – das war die Thür der Wohnstube; jetzt stand sie vor Vater und Mutter.

„Ob man das Sprechen hier oben hören kann? Was werden sie sagen?“

Athemlos stand sie so über das Geländer gebeugt; kein Laut drang zu ihr hinauf – nur ein paar Mal hörte sie Dörtens Stimme leise vor sich hin singen und Klappern von Tellern und Geschirr aus der Küche – dann war’s ruhig wie zuvor.

„Aber jetzt – das war der Vater; ob er böse ist? Er sprach so laut, und nun die Muhme.“ Lieschens Herz fing an gewaltig zu klopfen; sie preßte beide Hände darauf. „Wie, wenn der Vater nicht einverstanden wär’? Aber das ist ja unmöglich, rein unmöglich; der Army ist’s ja, der sie liebt.“ Das war ein Durcheinandersprechen dort unten – jetzt der Muhme Stimme; das klang so besänftigend, und jetzt wieder der Vater – deutlich schallte es heraus; wie betäubend drang es in ihr Ohr:

„Nein, nein und tausendmal nein, sage ich, und wenn Ihr allesammt vor mir auf den Knieen liegt, ich weiß allein, was ich zu thun habe.“

Einen Augenblick sahen die großen blauen Augen wie verständnißlos in’s Leere hinaus; dann flog sie die Treppe hinunter, und im nächsten Momente stand sie mitten in der Wohnstube; über ihr Gesicht flog bald eine glühende Röthe, bald überzog es tiefe Blässe. „Vater!“ bat sie.

Er blieb stehen und sah sie an; auf seiner breiten weißen Stirn ringelte sich blau eine kleine Ader; sie kannte es wohl, das Zeichen der höchsten Erregung bei ihm, und seine Augen leuchteten förmlich Blitze zu ihr hinüber. Die Muhme aber hatte ein so tief bekümmertes Gesicht, als sie jetzt zu dem jungen Mädchen trat: „Komm, Liesel, geh’ hinauf!“

„Nein, Muhme, laß mich! Ich will wissen, was der Vater sagt.“

„Was der Vater sagt?“ tönte jetzt seine Stimme in ihr Ohr; „der sagt, daß Du ein törichtes, dummes Ding bist, dem zu viel Willen und zu viel Freiheit gelassen wurde, aber das Versäumte wird jetzt nachgeholt werden – verlaß Dich darauf!“

„Das heißt, ich soll nicht Army’s Braut werden, Vater?“ Sie stand plötzlich dicht vor ihm und sah ihn fest an.

„Nein, mein Kind, zu Deinem Besten nicht. Ich dulde nicht, daß meine Tochter das Opfer einer Speculation werde.“

„Speculation?“ fragte Lieschen, die blaß geworden war wie der Tod, „ich weiß nicht, was Du damit meinst, Vater! Du glaubst vielleicht, Army hat mich nicht lieb; das ist ja möglich, aber wenn er mich auch wirklich nicht so lieb hat, wie ich ihn, das darf für mich nicht in Betracht kommen; ich weiß, daß das Leben erst wieder Werth für ihn bekommen wird, wenn er –“

„Seine Schulden bezahlt hat, mein Kind.“

„Muhme!“ wandte sich Lieschen jetzt in höchster Erregung zu der alten Frau, „Muhme, glaubst Du das von dem Army? O, sprich ein Wort!“ Sie sagte es so überzeugend; der alten Frau schossen die hellen Thränen in die Augen.

„Komm, komm, mein Liesel!“ flüsterte sie; „der Vater ist böse und aufgeregt; morgen wird er ruhiger sein.“

„Nein, nein, Muhme, Du mußt es dem Vater sagen, was Du denkst; er giebt so viel auf Deine Meinung.“

Die alte Frau stand in peinvollster Verlegenheit; die Thränen [824] rannen ihr über die gefurchten Wangen, und ihre Hände fuhren hastig an dem Schürzensaum hinunter.

„Du glaubst auch, Muhme –?“ Es klang wie ein Aufschrei, aber noch kam keine Thräne in Lieschen’s Augen.

„Vater, ich weiß, daß es nicht so ist; es ist nicht möglich, nein, es ist nicht möglich –!“

„Ich begreife Deinen Schmerz, Lieschen,“ sagte er ruhiger, „aber wie konntest Du so thöricht sein und an eine plötzlich erwachte Neigung glauben? Du bist sonst ein so vernünftiges kluges Mädchen; sieh, er kennt Dich schon lange und zog doch eine Fremde Dir vor; er hat niemals daran gedacht, Dich zu lieben, Dich heirathen zu wollen; es waren Kinderspiele, die Euch einst zu einander führten, weiter nichts, und jetzt, jetzt, wo er nicht aus noch ein weiß, erinnert er sich des kleinen Mädchens, das ja Vermögen besitzt, und verlangt ihre Hand, um sich zu retten, und sie ist so thöricht, dies für Liebe zu halten. Muß ich erst an Deinen Mädchenstolz appelliren, Lieschen?“

Sie antwortete nicht; nur ihre Augen sahen mit beinahe irrem Ausdrucke zu dem Vater hinüber.

„Die Mutter Nelly’s ist auch so ein Opfer geworden, mein Kind! Ist sie Dir jemals beneidenswert erschienen? Muß sie sich nicht stets grenzenlos gedemüthigt vorgekommen sein, ihrem Gatten gegenüber, der sie nur als lustige Zugabe zu ihrem Vermögen betrachtete? Weil er die Frau nicht liebte, führte er ein wildes tolles Leben und als ihre Mitgift verschwendet war, da erschoß er sich – ist das nicht namenloses Elend? Lieschen, Kind, und würdest Du verlangen, daß ich Dich in einen solchen Abgrund stürzen lasse?“

Da lösten sich die gefalteten Hände von Lieschens Brust; sie faßten nach dem Tische, an dem sie stand; ihre blassen Lippen bewegten sich leise, als wollten sie sprechen, aber kein Wort kam hervor. Die Tassen auf dem Tische klirrten hörbar von dem heftigen Zittern des Mädchens.

„Liesel! Um Gotteswillen!“ rief die Muhme und umschlang sie mit den Armen.

„Ich danke Dir, Vater,“ sagte Lieschen, sich losmachend, tonlos, „ich – ich werde Dir gehorchen.“ Sie wandte sich und schritt langsam nach der Thür; wie in schwindelndem Kreise wirbelte es vor ihren Augen; sie hörte noch die Stimme der Muhme; dann fiel die Thür hinter ihr zu. Sie wankte die Treppe hinan; sie mußte sich schwer auf das Geländer stützen, und endlich, endlich war sie oben in ihrem Stübchen und sank auf das kleine Sopha.

Der Vater kam herauf und streichelte ihr die Wangen und nannte sie sein gutes verständiges Kind, das noch einmal sehr glücklich werden würde. Die Muhme setzte sich neben sie und weinte still vor sich hin, und dann und wann kam ein gutes Wort des Trostes über ihre Lippen; Lieschen hörte Alles wie aus weiter Ferne, nur das Eine wiederhallte laut und deutlich in ihrer Seele: „Er liebt mich nicht: er hat mich nicht gewollt, nur meine irdischen Güter – aus Noth.“ War es denn wirklich erst ein paar Stunden her, seit sie unter der alten Linde ihren Kopf an seine Brust gelegt und den Worten gelauscht hatte, die er ihr zuflüsterte? War es nicht schon eine Ewigkeit, eine lange Ewigkeit, und lag nicht zwischen jetzt und vorhin ein ganzes Meer von Leid und Weh?

Sie stöhnte laut auf und preßte die Hände gegen die Brust. Ach, ihre kurze Seligkeit, ihr süßer Liebestraum – vorbei, vorbei für ewig! Glühend stieg ihr das Blut in die Wangen, als sie daran dachte, daß sie ihm so vertrauensvoll gestanden, wie sehr sie ihn liebe; es war ihm ja ganz gleichgültig, konnte ihm nur gleichgültig sein; er wollte ja nicht ihre Liebe; er wollte ihr Geld. Wo sollte sie sich nur hinverbergen, damit sie Niemand sähe? Sie schloß die Augen und dachte: wenn er nun kommen und der Vater seinen Antrag zurückweisen würde. Das schöne stolze Gesicht, wie würde es anzuschauen sein in jenem Moment? „Und dann wird er gehen,“ dachte sie. Sie sah ihn im Geiste aus des Vaters Zimmer treten und durch die Hausflur schreiten, die hohe Gestalt stolz aufgerichtet; er wird sich nicht umwenden nach ihren Fenstern; er wird gehen – gehen auf Nimmerwiedersehn. Auf Nimmerwiedersehn – ein bitteres, hartes Wort, ein Wort, das namenloses Weh birgt!

„Ach, Muhme,“ stöhnte sie in ihrer Qual, und die alte Frau beugte sich hernieder zu ihr:

„Weine Dich aus, mein Herzel, weine Dich aus! Es wird besser darnach.“

„Ach, wenn es nur erst vorüber wäre!“ flüsterte sie.

„Es gehen auch die schwersten Stunden vorüber, wenn man nur beten kann.“

„Ich kann nicht beten, Muhme, ich kann nicht.“ – –

Und die Nacht verging, und der Tag brach an, wo er den Vater sprechen wollte. Auf Lieschen’s Gesicht lag eine fast unnatürliche Ruhe heute früh, nur ihre Augen glühten fieberhaft; wie immer that sie ihre kleinen Pflichten im Haushalt, und dann setzte sie sich in ihr Zimmer und nahm ein Buch; die Muhme kam herauf und fing freundlich an zu sprechen von gleichgültigen Dingen; sie hörte es mit an und antwortete, und dann ging die alte Frau wieder ihren wirtschaftlichen Geschäften nach. Unaufhaltsam rückte der Zeiger der Uhr weiter, und jetzt stand er auf Elf – da auf einmal flog ein dunkles Roth über ihr Gesicht; sie hatte seinen Schritt im Hausflur erkannt, und jetzt schallte des Vaters Stimme herauf. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie zur Thür eilen, aber dann senkte sie wieder die Augen aus das Buch; die Blätter zitterten unter ihrer Hand; sie legte das Buch auf den Tisch und beugte sich darüber. Unwillkürlich las sie leise:

„So laß mich denn, bevor du weit von mir[WS 1]
Im Leben gehst, noch einmal danken dir!
Und magst du nie, was rettungslos vergangen,
In schlummerlosen Nächten heimverlangen.“

„Was rettungslos vergangen!“ wiederholte sie fast laut.

„Und wie viel Stunden dir und mir gegeben,
Wir werden keine mehr zusammenleben.“

„Keine mehr!“ Das Buch fiel zur Erde. War es nicht unrecht von ihr, ihn gehen zu lassen in ein irres Leben, ohne Halt? Sie hätte ihn retten können vor Noth und Schande; es war ja doch der Army, der alte gute Spielcamerad, und jetzt ist es noch Zeit, noch konnte Alles gut werden!

Sie lief aus dem Zimmer zur Treppe; dort blieb sie stehen. „Ach nein,“ sagte sie – sie vergaß es ja; er liebte sie nicht; wieder mußte sie ihren Mädchenstolz anrufen, der vor der alten heißen Liebe geflüchtet war. Wie lange er beim Vater blieb! Horch, da ging die Thür – war’s der Army? Sie beugte sich über das Geländer; da schritt er eben nach der Hausthür – sie sah sein dunkles Kraushaar unter der Mütze hervorquellen; wie aufrecht er dahin ging! Mit lauten gewaltigen Schlägen pochte ihr Herz; die Erinnerung an gestern überkam sie mit aller Gluth, mit aller Seligkeit, und jetzt, jetzt faßte er die Thür; wenn sie wieder in’s Schloß fiel, dann war es vorbei – für immer – rettungslos vergangen. „Army!“ schrie sie plötzlich auf und flog die Stufen hinunter, aber da schlug eben der eichene Flügel zu, und laut dröhnend klang die Schelle durch den hohen Flur. „Army!“ wiederholte sie noch einmal leise und streckte die Arme aus; ein heißer Thränenstrom quoll aus den Augen und langsam schritt sie wieder hinauf in ihr kleines Stübchen. Rettungslos vergangen! Wie öde war die Welt geworden, wie namenlos öde!

Textdaten
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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 51, S. 837–843
Fortsetzungsroman – Teil 12


[837]
15.


Die alte Baronin saß in ihrem Zimmer am Kamin und wartete in erregter Ungeduld auf das Erscheinen ihres Enkelsohnes. Schon dreimal hatte Sanna bei den Damen in den untern Räumen des Schlosses nach ihm gefragt, und jedesmal war sie mit dem Bescheid zu ihrer Herrin zurückgekehrt, der Herr Lieutenant sei noch immer nicht von seinem Spaziergang zurückgekommen.

„Gott steh’ mir bei!“ sagte die alte Dame und schritt zum Fenster, „was soll aus ihm, was aus uns werden? Da geht er in aller Seelenruhe spazieren, ohne daran zu denken, wie er den Zusammensturz des Hauses der Derenberg verhindern kann; von mir hat er wahrhaftig kein Tröpfchen Blut in seinen Adern – orribile!

Vor ihren Blicken lag der weite Park in kalter, stummer Winterpracht; die Mittagssonne glitzerte auf dem Anhang der Bäume und beleuchtete blendend die weißen Plätze. Todtenstille und Einsamkeit ringsum. Kein lebendes Wesen weit und breit! Höchstens ein paar hungrige Vögel auf den kahlen Aesten! Und so einsam und verlassen war es nun schon seit Jahren um dieses alte Schloß. Unwillkürlich schauerte sie zusammen. „Warum eigentlich?“ fragte sie sich selbst; sie war es ja gewohnt, so vergessen zu leben. Aber sie hatte in den letzten Tagen längst vergangener lustdurchwehter Zeiten so oft gedacht; und nun sollte sie weiter existiren in derselben trostlosen Weise, vielleicht noch jammervoller, wenn der Herzog von R. ihren Wunsch nicht erfüllte! Nein, nein, das wäre ja unmöglich. „Herr Gott, wenn er nicht –“ Sie ballte die feinen Hände. „O diese Schlange, diese Blanka!“ flüsterte sie, und die großen Augen blitzten düster. Ihre Züge hellten sich auch nicht auf, als sich in diesem Moment die rothen Vorhänge theilten und Army in das Zimmer trat.

„Bist Du wirklich schon zurück von Deinem Spaziergang?“ fragte sie ironisch.

„Ich war nicht spazieren,“ entgegnete er scheinbar ruhig, aber die alte Dame hatte doch den tief aufgeregten Klang seiner Stimme vernommen, sie richtete forschend ihre Blicke auf ihn.

„Nicht? Wo warst Du denn? Ich habe bereits drei- oder viermal nach Dir fragen lassen. Jedenfalls wäre eine Unterredung zwischen uns nöthiger gewesen als das, was Du gerade vorhattest. Aber es ist einmal nicht anders: Du besitzt den Charakter Deiner Mutter. Du bist indolent bis zum Aeußersten.“

„Im Gegentheil, Großmama – ich habe eben versucht, einen Deiner Rathschläge zu befolgen; leider mißglückte das Experiment total.“ Er fuhr sich mit dem Taschentuch über das erhitzte Gesicht und warf die Mütze auf den nächsten Tisch.

„Wie?“ fragte sie, „ich verstehe nicht – einen meiner Rathschläge?“

„Gewiß, ich wollte – – ich habe soeben versucht, eine reiche Heirath zu machen, aber wie gesagt –“

Die Baronin trat einen Schritt zurück und starrte ihn an.

„Du bist erstaunt, Großmama, das ist natürlich – ich wunderte mich noch heute früh, daß Du nicht selbst auf den Gedanken gekommen warst, jetzt freilich ahnt mir, daß Dir nichts ferner liegen konnte, als eine Heirath zwischen mir und Lieschen Erving.“

„Ich glaube, Du bist wahnsinnig, Army.“

„Wieso denn? Mein Gott, Du hast mir selbst gerathen, mich durch eine reiche Heirath zu retten, und sie ist reich genug, die Kleine, weiter bedarf es ja nichts nach Deiner Meinung.“

„Nimmermehr gebe ich das zu,“ rief die alte Dame außer sich, „ist es möglich, eine solche Idee zu fassen! Dieses unausstehliche Ding – Deine Frau? Es ist ja geradezu himmelschreiend.“

„Ich sagte Dir ja schon, daß das Experiment nicht geglückt ist,“ beruhigte er; er warf den Kopf zurück und fuhr mit der Hand spielend über den schwarzen Schnurrbart. „Ich habe einen Korb bekommen, Großmama, einen recht deutlichen Korb; ich möchte Dich jetzt aber bitten, nicht wieder von Indolenz zu reden.“ Es bebte ein tief verletztes Selbstgefühl in diesen Worten.

„Einen Korb?“ fragte sie verwundert und ungläubig, „einen Korb, sagst Du, Army?“

„Jawohl, Herr Erving erklärte mir erstens, daß er für sein Kind einen Mann beanspruche, der es liebe; er wolle sie nicht als lästige Zugabe ihres Geldes betrachtet wissen – das war deutlich, nicht wahr? Ich kann es dem Manne nicht übel nehmen, ich kam mir, als ich so vor ihm stand, doch verteufelt erbärmlich vor, wie nie in meinem Leben.“

Die Großmutter wendete ihm achselzuckend den Rücken. „Ideale Phrasen!“ sagte sie. „Unter tausend Heirathen wird kaum eine aus anderen Rücksichten geschlossen; ich kann mich nur wundern, daß Dir der Herr – Herr Erving einen solchen Bescheid gab; diese Art Leute bezahlt gern noch dreimal mehr Schulden, wie Du sie hast, wird das Fräulein Tochter dafür Frau Baronin – jedenfalls steckt noch etwas Anderes dahinter.“ Sie setzte sich in ihren Lehnstuhl am Kamin und versuchte gleichgültig in die Flammen zu sehen.

„Du hast ganz recht, Großmama; es steckt noch etwas [838] Anderes dahinter. Ich sagte dem Vater zwar, daß ich mich bemühe, ehrlich bemühen würde, Lieschen hoch zu halten, sie zu schützen und zu behüten, wie nur ein Mann es könne, und das war keine Lüge, sondern meine redliche Absicht.“

„Wirklich?“ fragte sie ironisch.

Er wurde dunkelroth. „Wirklich!“ erwiderte er. „Oder meinst Du vielleicht, ich würde das Mädchen, das mir vertrauensvoll ihre Hand reicht, fühlen lassen, daß mich nicht die Liebe zu ihr führte? Vor allen Dingen, wenn mir ein so volles, kindlich-reines Herz entgegengebracht wird, wie das ihre?“

„Ei sieh, wo hat man solche Studien über ihr Herz gemacht?“

„Du vergißt, Großmama, daß wir zusammen aufgewachsen sind und daß ich in letzter Zeit oft genug Gelegenheit hatte, sie zu sehen – sie hat im Herbst wochenlang Mama gepflegt –“

„Hast Du Dich vielleicht in die barmherzige Schwester verliebt? Freilich, die Deutschen finden ja eine Frau nie reizender, als am Krankenbett oder in der Kinderstube; jedenfalls war das Mädchen für Dich ein ganz pikanter Gegensatz zu Blanka.“

Der junge Mann runzelte finster die Stirn. „Ich bitte Dich, Großmama, laß das!“ sagte er, „es ist vollständig unnütz, hier Vergleiche zu ziehen, aber – wir sind ganz von dem Gange unseres Gespräches abgekommen. Du sagtest, es stecke etwas Besonderes dahinter, daß ich Lieschen’s Hand nicht bekam; nun wohl, dieses Besondere – Du entschuldigst wohl, daß ich es so unumwunden ausspreche – dieses Besondere sind Erfahrungen, die man einst dort unten in der Mühle bei einer ähnlichen Angelegenheit machen mußte, bittere, harte Erfahrungen, die lange Zeit die Trauer an das alte Haus bannten; ich werde mich übrigens bemühen, Klarheit in diese Angelegeheit zu bringen.“

Der junge Officier hatte die letzten Worte laut und deutlich gesprochen und seine Augen ruhten unverwandt auf dem stolzen Gesichte ihm gegenüber. Es war ihm, als erbleichte es um eine leise Schattirung, aber kein Zug desselben veränderte sich.

„Gleichviel, welche Gründe den Müller veranlaßt haben, Dich zurückzuweisen,“ tönte es rauh zurück, „seine Familienchronik kenne ich nicht, und mir ist jeder Grund willkommen, denn meine Einwilligung zu diesem hirnverrückten Project wäre nun und nimmermehr erfolgt.“

„Dann wäre ich gezwungen gewesen, ohne diese zu heirathen,“ sagte er gelassen. „Du begreifst, daß man mit solchen Dingen nicht spielt, ich habe dem Mädchen mein Wort gegeben, sie gab mir ihre Zusage, und das ist genug. Es wäre nur dann etwas Anderes, wenn sie selbst refüsirt hätte. Ich bin aber überzeugt, daß ich dennoch ihre Hand erhalten hätte, wenn nicht jene traurigen Begebenheiten dazwischen ständen; die Eltern wollen ihr Kind nicht in das Haus geben, in welchem ihre alte Feindin wohnt – Du, Großmama!“

„Ich!“ Die Baronin sprang heftig auf. „Lächerlich!“ sagte sie dann und ließ sich in den Sessel zurückfallen, „mir sind die Leute stets in eminentem Grade gleichgültig gewesen, bis heute –“ Eine Weile blieb es still in dem Zimmer, die alte Dame athmete erleichtert auf; der ängstliche Zug, der sich während der letzten Reden ihres Enkelsohnes um ihren Mund gelegt hatte, verschwand, und fast freundlich bittend sah sie zu ihm hinüber.

„Ich wollte mit Dir sprechen, Army,“ sagte sie endlich, „wir müssen zusammen überlegen; ich habe an den Herzog geschrieben und bin überzeugt, daß das Geld kommt, ich bin jedoch genöthigt, einen Theil desselben für mich zu behalten; der andere bleibt für Dich; hoffentlich reicht er aus, um die schlimmsten Gläubiger zu befriedigen. Aber was dann? Und vor allen Dingen was – wenn die Hülfe wider alles Erwarten ausbleiben sollte?“

„An die Bereitwilligkeit des Herzogs glaube ich nicht.“ sagte er finster, „und wenn auch, es ist ein Tropfen auf einen heißen Stein. Mir bleibt nichts, als – Amerika.“

Er fühlte sich plötzlich an der Schulter erfaßt, und das Gesicht seiner Mutter beugte sich über ihn. „Army,“ fragte sie athemlos, „was sagst Du? Du wolltest fort – fort?“

Er schrak zusammen und faßte ihre Hand; er wollte sie beruhigen, aber die entsetzten, verweinten Augen hingen so forschend an seinem Gesicht – er ließ die Hand fallen und wandte sich ab.

„Cornelie, Du weißt, ich kann dieses unhörbare plötzliche Eintreten nicht leiden,“ schalt die alte Dame, aber jene hörte nicht; ihr Herz stand beinahe still vor dem einen schrecklichen Worte –: Amerika.

„Allmächtiger Gott! giebt es den Niemanden, der uns helfen kann? Army, ich sterbe ja, wenn Du fortgehst!“ flehte sie und hielt ihm die gefalteten Hände entgegen. „Das ist das Letzte, das Schwerste.“

„Weine doch nicht, ängstige Dich nicht, Mama!“ sagte er, ohne sie anzusehen, „ich, ich bleibe ja –“

„Nein, nein, ich weiß, was Du thun willst.“ rief sie, „Du wirst fortgehen, heimlich, ohne Abschied; ich werde eines Morgens aufwachen und keinen Sohn mehr haben; Army, kannst Du das? Kannst Du fortgehen, wo Du weißt, daß Du mich nimmermehr wiedersiehst?“ Schneidend und herzzerreißend klang der Jammer aus diesen Worten.

„Es wäre ja nicht für immer,“ sagte er stockend, „ich käme ja einst wieder; wir schreiben uns; es –“

Der junge Mann fuhr sich plötzlich mit heftiger Geberde durch das Haar. „Mein Gott!“ rief er, „ich bitte Dich, Mama, mache mir durch Deine Klagen die Sache nicht noch schwerer, überlege doch: ich habe massenhafte Schulden – das ist ein Factum; bezahlen kann ich sie nicht – das ist das andere Factum. Ich habe das Mögliche versucht, um einen Ausweg zu finden – es war umsonst. Zum neuen Jahre kommt die Angelegenheit zum Klappen; es sind Wechselschulden dabei; die Festung ist mir gewiß – ich kann nicht weiter dienen – was bleibt mir da Anderes –? Denkst Du, mir ist wohl dabei zu Muthe?“ Er schritt hastig aus dem Zimmer und warf die Thür dröhnend hinter sich zu.

Einen Augenblick hielt er zögernd den Fuß an; es war ihm, als habe er einen Schrei seiner Mutter gehört, dann zog er weitergehend einen Brief aus seiner Uniform und erbrach ihn. „Es ist richtig; der Tanz geht los,“ flüsterte er, die Zeilen überfliegend; er trat düster in sein Zimmer und warf sich in den Sessel, der vor dem alten Kamine stand.

Heute früh hatte ihm noch einmal ein Hoffnungstrahl geleuchtet – Lieschen; die Worte, die gestern Abend so leise flüsternd sein Ohr trafen unter der alten verschneiten Linde, sie hatten wie eine Friedensbotschaft nach den letzten stürmischen Wochen geklungen; es waren so kinderreine einfache Worte gewesen, die aus einem seligen, jubelvollen Mädchenherzen kamen; wie Veilchenhauch hatte ihn das süße verschämte Wesen der alten Spielgefährtin angemuthet; das war echte, wahrhaftige Liebe, die ihm da entgegeblühte! Echte Liebe? Nein – die gab es wohl kaum noch. Sie fügte sich heute so willig dem Vater, als er ihr sagte: Du wirst unglücklich – laß von ihm! Aber er konnte ihr kaum einen Vorwurf machen; der Vater wird ihr gesagt haben: er liebt Dich nicht; er liebt nur Dein Geld. Das war schon genug, und dann? Was mochte das Andere sein mit der Großmama? Baron Fritz und Lisett! Herr Erving hatte sie genannt heute früh, als er von den hauptsächlichsten Gründen seiner Weigerung sprach; Gott weiß, was Alles da passirt sein mochte; er war so vorsichtig in seine Aeußerungen gewesen, aber bah – es ändert ja doch nichts mehr. Wie bald wird es in seiner Garnison heißen: „der Lieutenant von Derenberg ist alle geworden, um die Ecke gegangen – natürlich Schulden, tolle Schulden; es liegt so in der Familie; der Vater hat sich ebenfalls erschossen; das passirt ja alle Tage – kaum noch der Mühe werth, darüber zu sprechen.“

Lange saß er so und brütete. Seine Mutter! Er hätte ihr eine Stütze sein sollen; ja sie würde sterben, wenn er ginge – und Nelly, das arme kleine Ding – wenn sie dann gar allein bliebe? – Er sprang hastig empor und riß die Uniform auf; in der Mitte des Zimmers blieb er stehen und starrte nach der Wand; dort hatte das Bild der schöne Agnese Mechthilde gehangen, das er sich vom Ahnensaal geholt, weil es ihr so ähnlich sah; er hatte es herabgenommen damals, als sie ihm ihr Wort brach; es lehnte noch immer verkehrt dort an der Wand.

Er schritt hinüber, hob es empor und hing es an seinen Platz; das wundervolle Gesicht mit den tief traurigen Augen schaute ihn wieder so vertraut, so unwiderstehlich bezaubernd an – er stellte sich mit verschränkten Armen davor und betrachtete es lange. Sie waren schuld, diese röthlich goldenen üppigen Haare, daß er geworden, was er jetzt war, durch eine thörichte, unselige Leidenschaft. Einen Augenblick überkam es ihn wie heiße Sehnsucht; würde sie wohl einen Blick des Bedauerns haben, wenn sie erführe, wie weit es mit ihm gekommen? Er lachte fast laut. Nein, die kalten funkelnden Augen, sie konnten [839] nicht mild blicken, wie diesen das Bild war nicht ähnlich, gar nicht, nur die Haare. Ein bitterer hohnvoller Zug legte sich um seinen Mund! „Sind sie aber ohne Tück,“ murmelte er, „ohne Tück? – Keine Einzige, keine!“

Er hörte nicht, wie sich leise und zögernd die Thür seines Zimmers öffnete, wie ein blasses Mädchengesicht mit unsicheren Blicken hereinsah, wie eine schlanke Gestalt sich ihm leise und zögernd näherte. In der Mitte des Zimmers blieb sie stehen; ihre Augen hafteten starr auf dem goldhaarigen Frauenkopfe dort im Bilde, den der junge Mann noch immer unverwandt ansah; unwillkürlich machte sie eine Bewegung, als wollte sie fliehen – da wandte er sich.

„Lieschen!“ stammelte er, „Lieschen, Du –?“

Sie antwortete nicht; sie sah ihn nur schmerzlich an.

„Was willst Du, Lieschen?“ sagte er, „suchst Du Nelly? Sie – ich weiß nicht, ob – –“

„Nein,“ antwortete sie, „ich komme zu Dir.“

„Zu mir?“ fragte er leise.

„Ja, ich – mich trieb die Angst, Army. Deine Mutter war bei uns und sagte, Du wolltest – O, geh’ nicht fort, Army, geh’ nicht fort! Ich überleb’ es nicht.“ Das Letzte klang wie ein Aufschrei; sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht.

„Du bittest mich, Lieschen, und Du hast mich doch heute früh gehen lassen?“ fragte er bitter.

„O, es that mir so weh, als Du fortgingst, Army, so weh, aber noch viel mehr, noch tausend Mal mehr schmerzt es, daß Du mich nicht lieb hast, daß Du mich nur willst um – –“

„Das hat Dir Dein Vater gesagt, Lieschen!“

„Ja! Und ist es nicht wahr, Army? Und wenn ich noch gezweifelt hätte – als Deine Mutter vorhin in unser Haus trat, um Hülfe zu suchen bei dem Vater, damit Du nicht fort brauchtest in die weite Welt, da mußte es mir klar werden, mußte ich glauben, wogegen sich mein Herz sträubt mit aller Gewalt.“

„Sie hat bei Deinem Vater gebettelt für mich?“ fragte er laut und heftig und trat näher zu ihr. „Das ist stark.“

„Sie hat Dich so lieb, Army, und sie wußte ja nicht, daß Du mich – daß der Vater –“ sie sah angstvoll flehend zu ihm auf. „Geh’ nicht fort, Army, geh’ nicht fort – –“

Da stand sie vor ihm, so reizend und einfach in dem kornblumenblauen Wollkleide, die Wimper tief gesenkt in mädchenhafter Verwirrung, die Brust stürmisch wogend vor Angst um ihn, vor Aufregung über den Schritt, den sie gethan; die eine der langen Flechten hatte sich von dem eiligen Laufe gelöst und hing ihr über die Schulter; sie merkte es nicht; sie streckte die zitternden Hände, eng in einander gefaltet, ihm bittend entgegen, und er wagte nicht, diese zu ergreifen.

Das war sie ja, in holdester Gestalt verkörpert: die große, Alles überwindende Liebe eines Frauenherzens, an der er noch eben gezweifelt!

„Sei nicht stolz, Army,“ rang es sich endlich von ihren Lippen, „um Deiner Mutter und – – um meinetwillen. Ich wäre ja elend ein ganzes Leben lang mit dem Bewußtsein, Dich nicht gerettet zu haben. Wir wollen Cameraden sein, gute Cameraden, wie einst, Army – –“

Eine lange Pause trat ein; er hatte das Gesicht abgewandt und sah zu Boden, die Arme fest über einander geschlagen. Sie blickte fragend zu ihm hinüber, nach und nach aber überzog ein dunkles glühendes Roth ihr Gesicht, die verschlungenen Hände lösten sich, und ein paar große Tropfen quollen unter den Wimpern hervor. Ein brennendes Schamgefühl stieg siedend heiß, erstickend in ihrer Brust auf; sie wandte sich und ging zur Thür. Da hörte sie Schritte draußen, eilige, wohlbekannte Schritte. Angstvoll irrten ihre großen Augen im Zimmer umher und hafteten an den seinen; fassungslos blieb sie stehen. „Die Muhme,“ flüsterte sie, „sie kommt, mich zu suchen.“

Aber in demselben Moment stand Army neben ihr und zog sie schützend an sich; verwirrt und angstvoll senkte sich ihr Kopf auf seine Schulter; sie meinte, man müsse den lauten vollen Schlag ihres Herzens hören können; jetzt wurde die Thür geöffnet; unwillkürlich schmiegte sie sich fester an ihn, jeden Augenblick erwartend, eine wohlbekannte Stimme zürnend und vorwurfsvoll reden zu hören. Aber es blieb still; die alte Frauengestalt dort auf der Schwelle stand regungslos, und die Augen ruhten schmerzlich staunend auf dem Bilde vor ihr; dort in dem hohen halbdunklen Gemach gerade unter dem großen Kronleuchter aus Hirschgeweihen, dort stand ein junges Paar; er hatte den Arm um die schlanke Gestalt gelegt; er hielt sie an sich gepreßt und sah finster zu der alten Frau hinüber, als sei er böse auf die Störerin; so standen die Beiden, ein Bild des süßesten Glückes.

„Also doch! also doch! Gegen die Liebe und den Tod, da ist kein Kraut gewachsen.“ Sie hatte es geahnt, als Lieschen so eilig das Haus verließ; sie war ihr nachgeeilt, aber wer kann noch mit fünfundsechszig Jahren laufen wie ein junges leichtfüßiges Ding, und sie kam zu spät! zu spät! Das arme Kind war mit offenen Armen in sein Unglück gerannt.

„Lieschen!“ rief sie vorwurfsvoll.

Und da blickte sie auf und machte sich los aus seinen Armen.

„Ach, schilt nicht,“ bat sie leise, „ich konnte nicht anders, Muhme,“ und streckte ihr die Hände entgegen. Sie versuchte dabei zu lächeln, aber es ging nicht – die Thränen drängten sich ihr mit aller Gewalt in die Augen; fast leidenschaftlich schlang sie die Arme um den Hals der alten Frau, und unter Schluchzen rangen sich wieder die Worte von ihren Lippen: „Ich konnte ja nicht anders, Muhme – ich konnte ja nicht anders.“



16.

Der folgende Tag brachte schlechtes Wetter; es thaute, und die leuchtende Schneedecke war plötzlich verschwunden; die nassen braunen Aeste streckten sich kahl gegen den grauen Himmel, und dazu stürmte und toste es an der Luft; die Ellern am Mühlbach schwankten und bogen sich im Winde.

Auf der Mühle herrschte eine gedrückte Stimmung; die Mädchen in der Küche sprachen leise mit einander, und der Kutscher, der sich hinzu geschlichen, kratzte sich ein paar Mal mit vielsagender Miene hinter den Ohren. Aus der Wohnstube drang des Hausherrn Stimme bis hier herüber. Der junge Baron war da. Gestern war er schon einmal da gewesen, und Lieschen sah seit gestern so blaß aus wie der Kalk an der Wand. Da mußte Etwas nicht richtig sein; das war ja sonnenklar, und die Muhme machte auch ein Gesicht wie der pure Essig – und nun gar der Herr!

Jetzt klappte die Thür der Wohnstube, und die Muhme schritt über den Flur die Treppe hinauf, wie Dörte bemerkte, die an dem Thürspalt lugte.

„Paß auf, Mine, unser Fräulein hat’s durchgesetzt,“ flüsterte sie, „die Muhme holt sie herunter; na – im Grunde, warum denn nicht? Er ist ein hübscher Mann und ein Vornehmer, und gut waren sie sich ja schon, als er noch als Cadettentsoldat auf Urlaub kam.“

Peter fuhr wieder mit der Hand hinter die Ohren.

„Na, denn man zu!“ meinte er, „wenn ich der Herr wäre, ich sagte Nee! von wegen der Alten auf dem Schlosse.“

Pst!“ wisperte Dörte, „wahrhaftig, sie kommt die Treppe herunter; jetzt gehen sie in’s Wohnzimmer, Juchhe! ein Verlobungsschmaus – das wird eine Lust.“

Im nächsten Moment stand sie aber schon wieder am Küchentisch bei ihren Tellern und Tassen, denn die Muhme näherte sich der Küche, und gleich darauf trat sie ein. Das alte Gesicht hatte einen sorgenvollen Zug, und die Augen sahen aus, als hätten sie recht inbrünstig geweint; so dachten wenigstens die Mädchen. Sie stand wie in Gedanken verloren, dann hakte sie das Schlüsselbund von der Schürze und schritt zur Speisekammer.

„Gläser, Dörte!“ befahl sie, als sie mit einigen Flaschen Wein wieder heraustrat, „und binde Dir eine weiße Schürze vor, wenn Du sie hineinbringst!“

Sie stellte die Flaschen auf den Küchentisch und ging, sich über die Augen wischend, wieder hinaus.

„Mein Gott!“ rief das Mädchen, als sie aus der Wohnstube zurückkehrte und das leere Präsentirbrett heftig auf den Tisch setzte, „das soll eine Verlobung sein? Die ganze Gesellschaft macht ein Gesicht wie bei einem Leichenschmaus; der Herr beißt sich auf die Lippen, als wollt’ er sich das Weinen verjagen, die Frau weint, wie wenn das Liesel gestorben wär’, und die Muhme dazu; der Herr Baron steht neben unserm Fräulein wie ein Stock, richtig wie ein Stock; ich sah gerade, wie er ihr die Hand küßte, als ob nicht zu einer Verlobung ein richtiger ordentlicher [840] Kuß gehörte, und unser Liesel sieht aus – daß Gott erbarm, wenn das eine glückliche Braut sein soll!“

Nach ungefähr einer halben Stunde schritt ein junges Brautpaar über die Schwelle des alten Hauses; am Fenster stand die Muhme und schaute ihnen nach, und unter der Linde wandte sich ein blasses Gesichtchen noch einmal zurück zu den Fenstern; es lag nichts von einem strahlenden süßen Glück darin, nichts von der verschämten knospenhaften Wonne einer jungen kindlichen Braut; um den Mund spielte ein schmerzlicher herber Zug, und die Augen blickten unter den langen Wimpern hervor wie im tiefsten Weh. Der Bräutigam hatte ihren Arm genommen und in den seinen gelegt; so schritten sie vorwärts, und der Schleier des Pelzmützchens, das die Braut trug, wirbelte im Winde hoch auf. Keines von Beiden sprach ein Wort. Da waren sie wieder an der alten Linde; die Hand des jungen Mädchens zuckte leise, und eine dunkle Röthe flog einen Moment über ihr Gesicht.

„Du bist müde, Lieschen? Ich ging zu rasch.“

„O nein, aber ich – ich fürchte mich so vor Deiner Großmutter.“

Er biß sich auf die Lippen, aber blieb stumm; war er doch selbst in keineswegs angenehmer Spannung, und er kannte seine Großmutter genug, um zu wissen, daß sie zu einer rücksichtslosen Handlung fähig sei. Wieder schritten sie vorwärts, und nun bogen sie in die Lindenallee ein; der Wind heulte durch die lange Baumreihe und schlug die Aeste prasselnd zusammen; das hohe Portal mit seinen alten Sandsteinbären schaute feucht und dunkel drein. Unwillkürlich schweiften Lieschen’s Augen über das Thor.

„Was heißt das?“ fragte sie plötzlich und deutete auf den Wappenspruch.

Nunquam retrorsum! Niemals zurück!“ erwiderte er.

„Das ist gut,“ sagte sie, tief Athem schöpfend; dann beschleunigte sie ihren Schritt.

Und nun standen sie vor dem Thurmpförtchen; einen Augenblick kam es wie Schwäche über sie. „Werde ich es ertragen, wenn sie mich beleidigt?“ fragte sie sich, und eine namenlose Angst vor der stolzen Großmutter quoll erstickend in ihrer Brust auf; es war als müsse sich der Fuß wenden, als müsse sie noch fliehen, noch – ehe es zu spät war; sie kam sich so hülflos vor, so ohne Schutz; denn er, er liebte sie ja nicht.

„Lieschen!“ jubelte da eine helle Stimme, und in Thränen ausbrechend schlang Nelly die Arme um ihren Hals. „Lieschen! Schwester Lieschen!“

Sie duldete die Küsse; es flog wie ein flüchtiger Sonnenstrahl über ihr Gesicht, und dort oben, auf der Schwelle der alten traulichen Wohnstube breiteten sich ein Paar Arme nach ihr aus und umschlossen sie fest und fester, und einige Liebesworte tönten in ihr Wort.

„Meine liebe Mutter,“ flüsterte sie und beugte sich auf die schmale Hand, „ich will Dir gewiß immer eine gehorsame Tochter sein und – und dem Army eine treue Frau.“ Das Letzte klang stockend und leise.

„Du verzeihst einen Augenblick, Lieschen; ich will Großmama unseren Besuch anmelden lassen,“ sagte Army.

Sie neigte bejahend den Kopf, und er ging, um gleich darauf schweigend zurückzukehren. Das Herz pochte ihr stürmisch; unwillkürlich faltete sie die Hände, während sie in jähem Wechsel erröthete und bleich wurde, und mit einem Male stand Alles, was die stolze alte Frau ihr angethan, wie mit Flammenschrift vor ihrer Seele, und dann tauchte ein holdes Bild vor ihren Augen auf – Großtante Lisett und ein frühes Grab auf dem Kirchhof da drüben.

„Die Frau Baronin bedauern; sie haben Kopfschmerzen heute und können Niemand annehmen,“ schreckte Sanna’s Stimme das junge Mädchen aus ihren fieberhaften Gedankengängen.

„So lasse ich bitten, mir für morgen eine Stunde zu bestimmen, wann ich mit meiner Braut einen Besuch machen darf.“ Das klang scheinbar ruhig, und doch blitzten Army’s Augen drohend zu dem alten Mädchen hinüber, deren Blick beinahe gehässig auf der jungen Braut ruhte. Diese hatte sich unwillkürlich höher aufgerichtet; Nelly ergriff ihre Hand und streichelte leise ihre Wangen.

„Mama,“ begann Army und nahm in dem Sessel neben seiner Braut Platz, „mein Schwiegervater läßt Dich um eine Unterredung bitten, und es wäre sehr liebenswürdig von Dir, wenn Du heute Abend mit Nelly zur Mühle kämst, um gemeinschaftlich unsere –“

„Gewiß, Army, gewiß! Ich wäre so wie so heute noch mit Nelly gekommen, vorausgesetzt, daß das Wetter es erlaubt.“

„Die Frau Baronin können durchaus keine Zeit bestimmen, lassen aber den Herrn Lieutenant heute Abend auf einen Augenblick zu sich bitten,“ lautete der Bescheid, den die zurückkehrende alte Dienerin jetzt überbrachte.

„Es thut mir leid, Sanna, ich bin heute Abend begreiflicher Weise nicht disponibel, da wir unten in der Mühle unsere Verlobung feiern – hörst Du, Sanna, in der Mühle unten! Es thäte mir ferner leid, Sanna, daß die Frau Baronin Kopfschmerzen hat und wir somit ihrer Gegenwart bei der Feier entbehren müssen; im Uebrigen lassen wir – das Brautpaar – uns empfehlen und gute Besserung wünschen.“

Si, Signor!“ zischte die Alte und verschwand.

Es blieb still; Army schritt im Zimmer auf und ab; seine Mutter hatte das junge Mädchen neben sich auf’s Sopha gezogen und hielt ihre Hände fest in den ihren. Ach großer Gott! Es war doch furchtbar schwer – das Bewußtsein ihrer drückenden Stellung überkam sie plötzlich mit der ganzen Wucht; sie meinte erliegen zu müssen, wenn der Vater erführe, daß die Großmutter ihres Bräutigams sie nicht einmal hatte sehen wollen, und nun gar die Muhme! Doch sie hatte es nicht besser gewollt; sie würde nie klagen, hatte sie versprochen. Ja, wenn er sie wenigstens lieb hätte, dann – –

„Ich muß nach Hause,“ sagte sie aufstehend; es war ihr zum Ersticken schwül zu Muthe.

„Warum so eilig?“ fragte Army.

„Ich – ich möchte zu Hause Bescheid sagen, daß Mama und Nelly kommen,“ stammelte sie. Er nahm seine Mütze.

„Bleib’ doch noch hier!“ bat sie ängstlich, „ich kann ganz gut allein gehen; komm doch nachher mit Deiner Mutter!“

Er zuckte ungeduldig die Schultern. „Adieu Mama, auf Wiedersehen, adieu Nelly!“ rief er, während Lieschen, den Schleier vornehmend, mit abgewendetem Gesicht ihnen die Hand reichte.

Draußen toste noch immer das Wetter, und wieder gingen sie schweigend neben einander.

„Du bist zu leicht angezogen,“ sagte Army und nahm den Mantel ab, um ihn ihr über die Schultern zu hängen.

„Nein, mich friert gar nicht – ich danke wirklich.“ Er hing den Mantel über den Arm und schritt neben ihr weiter.

„Der Weg ist beinahe grundlos,“ begann er nach einer Weile, „wir müssen übrigens gleich an die Stelle kommen, wo der Mühlbach etwas übergetreten ist – warte! Da sind wir schon; ich möchte sehen, ob nicht ein Pfad dort drüben durch das Gebüsch führt.“

Sie sah in der graue Dämmerung seine schlanke Gestalt, die suchend jenseits des Weges ging; dann kam er zurück.

„Es geht nicht; das Wasser steht zu beiden Seiten beinahe schuhtief; ich trage Dich hinüber.“

„Nein,“ rief sie zurücktretend, „nimmermehr!“

„Warum nicht?“

„Weil ich nicht will, daß Du Dich um meinetwillen im Geringsten bemühst; mir schaden nasse Füße nichts, gewiß nicht; wir sind ja gleich zu Hause.“

Er antwortete nicht, und die Dunkelheit verbarg seine aufflammende Röthe, sie fühlte sich aber gleich darauf von starken Armen emporgehoben und hinübergetragen.

„Du mußt mir das schon zu Gute halten,“ klang es kühl und bitter in ihr Ohr, als sie wieder auf festem Boden stand. „Eine Dame kann unmöglich diese Stelle ohne Hülfe passiren.“

Der Rest des Weges wurde schweigend zurückgelegt. Als sie in den Hausflur traten, lugten die neugierigen Gesichter der Mädchen aus der Küche, und die Muhme kam ihnen entgegen. „Ist das ein Wetter!“ meinte sie freundlich und öffnete ihnen die Thür zur Wohnstube.

„Guten Abend, Muhme,“ sagte Army und faßte nach ihrer Hand, aber die alte Frau zog sie merkwürdig eilig zurück.

„Gehen Sie immer hinein, Herr Baron!“ bedeutete sie kühl. „Lieschen kommt schon nach; ich hab’ ihr erst noch etwas zu sagen, und Sie werden ja noch so mancherlei mit Ihrem Herrn Schwiegervater zu besprechen haben.“ Sie zog das junge Mädchen an der Hand fort in ihr Stübchen.

[842] „Wir bekommen Besuch, Muhme,“ sagte diese; „Peter soll Army’s Mutter und die Nelly mit dem Wagen abholen.“

„Schön werd’ es bestellen.“

Die alte Frau ging hinaus, und als sie wieder eintrat, fiel der flackernde Scheiu der Lampe, die sie trug, auf ein ganz verweintes Gesicht, das vorhin die Dämmerung verdeckt hatte.

„Du hast geweint, Muhme?“ fragte Lieschen und beugte sich zu ihr hinunter.

„Nun ja, Kind, das kommt so – laß’ nur! Ich wollte Dir heute Abend ein paar Worte sagen, weil doch Dein Verlobungstag ist.“ Sie stellte die Lampe auf den Tisch und trat zu dem jungen Mädchen. „Sieh, Lieschen, ich hab’ immer gemeint, er würde einmal fröhlicher werden, dieser Tag, und hab’ gemeint, Du würdest einmal eine weniger blasse Braut sein. Es ist Dein Wille, Kind, Du sagst ja auch, Du bist glücklich, und hast den Eltern die Einwilligung auf den Knieen abgebettelt, aber mich, Lieschen, mich konntest Du nicht täuschen; ich weiß es ganz genau, wie es in dem armen kleinen Herzen da aussieht, und das thut mir so jammervoll weh; ich könnte schier vergehen vor Herzeleid.“

Sie wandte sich um, ging zur Kommode, zupfte die Decke zurecht und schob die Kasten auf und zu, und dabei liefen ihr die Thränen aus den Augen und fielen auf die alten Hände; Lieschen stand noch schweigend mitten im Zimmer.

„Daß Du so still bist, Kind, und so starr,“ sagte die Alte und trocknete sich die Augen, „das kann mich so angst machen; sprich doch, mein Herzel! Es wird Dir leichter darnach.“

„Was soll ich denn reden, Muhme? Ich habe ja nichts, wovon ich gern sprechen möchte,“ erwiderte sie.

„Komm einmal her zu mir, Liesel!“ bat die alte Frau, „versprich mir eins! Wenn er jemals vergessen sollte, was Du für ihn gethan, wenn er jemals unfreundlich zu Dir ist und ich lebe noch, Kind, dann komme zu mir! Dann werde ich mit ihm reden, und zum zweiten Male versucht er es nicht.“

Sie lächelte nur. „Aengstige Dich doch nicht, Muhme!“

„Und die alte Baronin, Kind, hast Du sie gesprochen?“

„Nein, Muhme, ich glaube, sie will mich nicht sehen.“

Die alte Frau fuhr heftig auf, und ihr gutes Gesicht sah einen Augenblick unbeschreiblich bitter aus; sie hatte eine derbe Rede auf den Lippen, aber ein Blick auf das bleiche Mädchen vor ihr ließ sie verstummen. „Lieber Gott!“ murmelte sie nur, „und das Alles, ohne Liebe!“ Und wieder füllten sich ihr die Augen mit Thränen.

Draußen fuhr eben der Wagen dröhnend über die Brücke, der die Damen von dem Schlosse holen sollte, zu gleicher Zeit aber wurde auch die Hausthür geöffnet; lautes Sprechen erschallte, und dann Dörte’s bedauerlicher Ausruf:

„Ach du lieber Gott! Ach Jesses!“

„Das war doch der alte Thomas aus der Pfarre,“ sagte die Muhme und öffnete die Thür. Richtig, da stand der alte krumme Mann, und die Mütze, die er in der Hand hielt, triefte vom Regen, und Dörte rief der Muhme entgegen:

„Ach hören Sie doch nur, das Karlchen von Pastors ist gestorben, vorhin; ach Gott, wie mir das doch leid thut!“

„Der Karl?“ fragte Lieschen und stand plötzlich neben dem alten Boten, „der Karl?“

„Ja, Fräulein, um sechs Uhr ist er eingeschlafen; ach, Fräulein Liesel, die arme Mutter und der Vater! Es war so ein prächtiger Junge; Gott, ist das ein Jammer da unten! Sie glauben’s gar nicht.“

Das junge Mädchen war noch in Mantel und Hütchen. Ohne sich zu besinnen, schritt sie der Hausthür zu.

„Wo willst Du hin, Kind? Kind, bei diesem Wetter!“

„Ich gehe zu Onkel Pastor, Muhme, laß mich – bitte!“

Und schon stand sie wieder in dem tosenden Wetter und kämpfte gegen den Wind, um vorwärts zu kommen. Die Rufe der alten Frau verhallten im Sturme, und über ihr bogen sich die Zweige der Erlen am rauschenden Mühlbache in wildem Kampfe. Da kam ihr ein Wagen entgegen; sie trat zur Seite und ließ ihn vorüber, und dann setzte sie desto rascher den Weg fort. Ihr schien es eine Wohlthat, dieses tobende Wetter; es war ja eine Qual, im geschützten Zimmer zu sitzen neben ihm; es sah aus wie ein Bild des süßesten Glückes, und es war doch kein Schatten davon; er liebte sie nicht; er hatte sie nur ihres Geldes wegen begehrt. Das Gefühl freudiger Aufopferung, mit der sie ihm ihre Hand geboten, verschwand vor dem Demüthigenden, was sie erlitten, und er selbst, der das Opfer angenommen hatte, was that er, nur die Demüthigungen zu versüßen? War es denn so schwer, ihr guter Camerad zu sein?

Wie wild die alte Linde ihre Aeste schüttelte, und wie rasch die Wolken dahin jagten am dunklen Himmel! Und dort unten im Dorfe, im Pfarrhause, da wurden Thränen geweint, bittere, heiße Thränen – wer doch auch weinen könnte! Aber sie wollte nicht, sie wollte ja nicht, daß die Leute sie so mitleidig ansähen, Vater und Mutter und gar die Muhme, selbst Dörte und Mine – nein, das war schrecklich, das konnte sie nicht ertragen.

Tönten da nicht eilige Schritte hinter ihr? Ja, und jetzt der Ruf „Lieschen! Lieschen!“ Sie stand still, das war ja seine Stimme, wenn sie jetzt ihm entgegen gehen, sich an seinen Arm hängen könnte, wenn er sagte: „Ich habe mich um Dich geängstigt, deshalb komme ich,“ aber nein, gewiß hatte ihn der Vater nachgeschickt, oder er wäre vielleicht Jeder gefolgt, er würde in diesem Sturme keine Dame haben allein gehen lassen.

„Aber Lieschen, ich bitte Dich,“ klang jetzt seine Stimme, „wie kannst Du in solchem Wetter ausgehen! Die Eltern ängstigen sich halb todt um Dich; hier ist ein Tuch von der Muhme, und warte, der Wagen muß gleich kommen; ich habe gesagt, daß er unverzüglich nachgeschickt wird. Bist Du noch immer die kleine leichtsinnige Liesel, deren gutes Herz in lichtlohen Flammen steht bei fremdem Unglücke?“ fragte er, ihr das Tuch umwerfend.

Sie lächelte bitter. „Pastors sind keine Fremden für mich; sie gehören ja wie zu unserer Familie.“

Er erwiderte nichts auf den harten Ton, und jetzt kam auch schon der Wagen heran und hielt dicht vor ihnen.

„Darf ich Dich begleiten?“ fragte er, ihr beim Einsteigen helfend, „oder ziehst Du es vor allein zu fahren?“

Sie wollte das Letztere bejahen, aber dann fiel ihr Blick auf ihn; er war nur im Waffenrock ohne Paletot.

„Ich will nicht, daß Du Dich meinetwegen erkältest,“ sagte sie tonlos, „bitte, nimm Platz!“

Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen; Lieschen stieg allein aus und trat in die Pfarre; es war dunkel im Flur und still rings umher; sie tappte sich zur Thür der Wohnstube und klopfte. Fast unheimlich laut hallte es wieder, aber kein freundliches Herein! ertönte. Ein unerklärliches Bangen überkam sie hier im Hause des Todes, aber muthig tastete sie sich vorwärts. Da war die Treppe und jetzt, hier oben rechts, das Studirstübchen; leise klopfte sie; wieder keine Antwort, aber durch den Spalt schimmerte Licht – sie öffnete die Thür und lugte hinein; da saß der Onkel Pastor am Tische, das Gesicht in den Händen geborgen, und vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel.

„Onkel Pastor! Onkel Pastor!“ rief sie aufschluchzend und barg den Kopf an seiner Schulter.

„Liesel, Du gutes Kind! Ja, es ist schwer über uns gekommen,“ sagte er ernst und strich ihr über die feuchten braunen Flechten, „und Du bist in dem Wetter hergegangen? Wie gut das von Dir ist! Nicht wahr – unser Karl. Lieschen, unser hübscher wilder Junge – o, es ist schwer, nicht zu murren gegen Gott. Meine arme Rosine! Er war ja ihr ganzer Stolz.“

„Ach Onkel, Onkel!“ schluchzte sie in heißem Schmerz, „wie ist das Leben doch so traurig, so schwer!“

„Du hättest nicht kommen sollen, gutes Kind,“ flüsterte es an des Mädchens Ohr, und die kleine Frau mit den nassen, gerötheten Augen, die eingetreten war, hob ihr den Kopf auf und küßte sie. „Es regt Dich auf, und Du könntest krank werden.“

„Soll ich den Karl nicht noch einmal sehen? Bitte, Tante!“ sagte sie noch immer schluchzend.

Und nebenan in der Kammer, da lag ein blasses Knabengesicht in den schneeweißen Kissen; leise trat sie hinzu und sah in die lieben wohlbekannten Züge – wie oft hatte der Mund da „Tante Lieschen“ zu ihr gesagt, wie oft hatten die großen Augen sie lachend angeschaut, und nun so still, so stumm! Die kleine Frau preßte wieder das Gesicht in die Kissen des Bettchens, und der Vater stand auf der anderen Seite und schaute auf das, was ihm noch geblieben von seinen stolzesten Zukunftsträumen. Lieschens Thränen aber hörten auf zu fließen; es webte so ein wundervoller Friede um des Kindes Antlitz vor ihr – wie schön mußte es sein, so süß zu schlafen, mit solch glücklichem Lächeln, ohne das Weh des Lebens erfahren zu haben!

[843] „Weine nicht, Tante! Er schläft so ruhig; er sieht so glücklich aus.“ Dann wandte sie sich langsam zum Gehen.

Im Stübchen blieb sie stehen. „Onkel,“ sagte sie leise und legte die kleine Hand auf seinen Arm, „darf ich Dir wohl in dieser Stunde mit einer Frage kommen?“

„Zu jeder Zeit, auch jetzt, mein Lieschen! Ahne ich recht, wenn ich meine, es handelt sich um Dich und Army? Es ist mir heute etwas davon zu Ohren gekommen.“

„Ja, Onkel, und ich kann nicht so fortgehen, ohne daß Du mir gesagt hast, wie ich handeln muß.“ Sie setzte sich auf das kleine Sopha. „Der Vater verweigerte sein Jawort,“ fuhr sie fort, „und die Muhme sagte, die Verbindung mit Army sei mein Unglück, Onkel, weil er nicht an mich, weil er nur an mein Geld dabei denke, und der Vater rief meinen Mädchenstolz an. – Zuerst fügte ich mich ihm; es war ein so furchtbares Gefühl das zu erfahren, ich wollte auch stark sein, Onkel, aber dann – dann kam seine Mutter und jammerte, er wolle fort nach Amerika, und da, Onkel, da trieb es mich hin zu ihm, und ich bat ihn, nicht fortzugehen; ich war halb wahnsinnig vor Angst und Schmerz. Er sollte mich doch als guten Cameraden betrachten, habe ich ihm gesagt. Und dann hat der Vater eingewilligt, weil ich ihn so sehr bat; auf den Knieen habe ich gelegen, Onkel – ich wäre ja gestorben, hätte Army fortgemußt nach Amerika, und ich hätte nicht Alles versucht ihn zu retten; Army weiß nicht einmal, welche Kämpfe es gekostet hat. Und jetzt wird es mir so namenlos schwer, wenn ich neben ihm stehe; bei jedem Schritt an seiner Seite thut mir das Herz weh, und da regt sich der Stolz in mir, daß ich zwar seine Braut bin, aber die ungeliebte. Ach, Onkel, ich bin so unglücklich!“

Sie brach in Thränen aus und barg den Kopf in die Kissen des Sophas.

„Liebes Kind,“ sagte der geistliche Herr und streichelte ihr leise über das volle Haar, indem er sich neben sie setzte und ihre Hand ergriff, „mir fällt da ein Sprüchlein aus dem Stammbuch meiner Rosine ein; ihre alte Großmutter schrieb es ihr hinein, da sie, ein junges Mädchen, aus dem Vaterhause ging, um in der Fremde als Erzieherin ihren Lebensunterhalt zu erwerben. ‚Wenn Du einmal im Zwiespalt bist mit Deinen Gefühlen, mein geliebtes Kind, und Gekränktsein und verletzte Eitelkeit kämpfen mit der Neigung zum Verzeihen, zum Lieben, dann laß die Liebe triumphiren, selbst um den Preis gedemüthigt zu erscheinen! Das Herrlichste, das Schönste, was eine Frau zu thun vermag, ist zu lieben, immer zu lieben, ob ihr gleich weh geschah.‘ Habe Geduld, Kind!“ fügte er hinzu, als das Mädchen ihn mit thränenerfüllten Augen anblickte, „er hat erst eben eine bittere Enttäuschung erlebt, und das Bewußtsein einen Schritt zu thun, der von keiner Seite zu seinen Gunsten ausgelegt werden wird, mag Marterndes genug für ihn haben. Er wird das überwinden, Dir dankbar sein, daß Du ihn vor Schande und Noth gerettet hast, und eines Tages entdeckst Du ein Fünkchen von Liebe für Dich in seinem Herzen, das, mit Demuth und Schonung, mit nimmermüdem Freundlichsein gehegt und gepflegt, dereinst noch zur hellen Flamme auflodert. Aber hüte Dich, daß Du den schwachen Funken nicht erstickst durch Empfindlichkeit, gehe mit ihm um wie mit einem kranken Kinde!“

Lieschen war aufgestanden.

„Ich danke Dir, Onkel,“ sagte sie leise, „und nicht wahr, Du beruhigst auch die Eltern, daß ich noch glücklich werden kann, und die Muhme? Ich will freundlich zu Army sein und nachsichtig, und will meine Empfindlichkeit bekämpfen. Ach, wenn nur der Vater mir und dem Army nicht böse sein wollte! Er ist so finster und so trübe!“

„Es ist schwer für ihn, Kind, die Sorge fahren zu lassen; Du bist seine einzige Tochter, und Du trittst in so verwickelte Verhältnisse, in eine ganz andere Sphäre. Mach’ ihm keinen Vorwurf, wenn er die Stirn in Falten zieht, und ebenso wenig der Muhme! Die alte Frau hat Dich so lieb. Sie werden wieder heiter blicken, wenn sie Dich zufrieden sehen an Army’s Seite, und das liegt in Deiner Hand – Du liebst ihn, und Du weißt: die Liebe duldet Alles; sie erträgt Alles, und sie hoffet Alles –“

„Das ist das rechte Wort, Onkel,“ sagte sie mit aufleuchtendem Blick und reichte ihm die Hand; „ich will es wahr machen jetzt, Leb’ wohl, Onkel! Ich komme morgen wieder, und – – ach, lieber, lieber Onkel, dem Karl ist soviel Schmerz erspart geblieben!“

Draußen vor dem Wagenschlag stand Army; er half ihr einsteigen und nahm neben ihr Platz. Wieder fuhren sie schweigend in die Nacht hinaus.

„Army,“ sagte sie plötzlich und legte ihre Hand auf seine Schulter, „ich war wohl verstimmt und unfreundlich? Verzeihe mir – ich komme eben aus einem Sterbehause –“

Er nahm ihre Hand in die seine und wandte sich zu ihr.

„Ich habe eine Bitte an Dich,“ fuhr sie fort, ehe er antworten konnte, „Du weißt, mein Vater gab nur schweren Herzens die Einwilligung zu unserer Verbindung. Verzeih’ ihm, Army! Ich bin ja sein einziges Kind – hilf mir die Wolken von seiner Stirn verscheuchen! Thu’ ein wenig, als ob Du mich lieb hättest, und laß ihn glauben, daß Du glücklich wärst! Ich will es auch – ich bin es ja auch,“ setzte sie leise hinzu.

Er antwortete nicht.

„Willst Du, Army?“ fragte sie zögernd.

Schon rollte der Wagen über die Mühlenbrücke und an dem Geschäftshause vorbei; er fuhr um die kahlen Linden und hielt jetzt vor der Hausthür. Army hielt den Kopf abgewandt und blickte zum Fenster hinaus. Die Dörte mit der Laterne kam eben aus der Thür und riß den Wagenschlag auf; er sprang hinaus und bot Lieschen die Hand zum Aussteigen; es lag ein Zug tiefster Rührung auf seinem Gesichte. – So thun sollte er, als ob er sie liebte! Und wenn er ihr jetzt sagte: „Mein Herz schlägt Dir wirklich in warmer Neigung entgegen, Dir, Du Anmuthige mit dem reinen Gemüthe; ich fühle ein Wehen des Friedens in Deiner Nähe, das mir die Wunden einer unruhigen und unseligen Leidenschaft mit sanftem Hauche kühlt,“ – würde sie es glauben? Das war ja eben das Elend – er hatte ihr Vertrauen verloren –

Er sah zu ihr auf – er wollte ihr antworten: was? Ja, das wußte er im Augenblicke nicht zu sagen, und da bog sich schon in dem schaukelnden Lichte der Laterne ein reizender Kopf aus dem Wagen; die kleine Pelzmütze saß etwas schief gerückt auf den üppigen braunen Flechten, das feine Gesicht war noch geröthet vom Weinen, doch lag ein leises verschämtes Lächeln um den blühenden Mund, das zwei reizende Grübchen in den Wangen vertiefte; die Augen aber sahen, wie um Antwort bittend, in die seinen und ließen ihn fast betroffen zurückweichen. Wo hatte er doch solche Augen gesehen? So leidversunken schauten sie ihn an, als suchten sie ein verlorenes Glück. Beinahe stürmisch zog er sie an sich und blickte tief in die trüben Sterne, die immer strahlender wurden –

Der Wagen war fortgefahren, und Dörte lief aus dem Sturme in die schützende Hausflur; es war dunkel um die beiden jungen Menschen da draußen; wieder wollte er sprechen und wieder schlossen sich die Lippen. „Sie würde Dir doch nicht glauben,“ sagte er sich.

Und sie wagte nicht noch einmal zu fragen, als er ihre Hände langsam aus den seinen ließ. „Er will nicht lügen,“ dachte sie und trat über die alte Schwelle; „er will Nichts versprechen, was er nicht halten kann – er liebt mich ja nicht.“ Und das Licht in den strahlenden Augen erlosch wieder, und sie preßte beide Hände auf’s Herz. „Ach, er liebt mich ja nicht!“

Textdaten
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Autor: W. Heimburg
Titel: Lumpenmüllers Lieschen
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 52, S. 853–860
Fortsetzungsroman – Teil 13


[853]
17.

„Und Du sagst, Heinrich, meine Großmutter habe die Beiden zusammen gesehen?“

„Die Fränzel hat es mir anvertraut, Herr Lieutenant, den Abend ehe sie verschwand.“

Der junge Officier saß in einem der großen Lehnstühle seines Zimmers und sah forschend und mit regem Interesse zu dem alten Mann hinüber, der in ehrerbietiger Haltung nicht weit von ihm stand und in dessen Zügen eine leichte Verlegenheit sich kennzeichnete. Army hatte ihn noch zu später Stunde rufen lassen; er wollte wissen, welche Motive seine Großmutter leiteten und worin der Haß wurzelte, der sich auch heute wieder in der geringschätzigen Behandlung seiner Braut offenbarte; aus unparteiischem Munde wollte er hören, worauf die Andeutungen seines künftigen Schwiegervaters zielten. Er war endlich darauf verfallen, es mit Heinrich zu versuchen, und der alte Mann hatte in der That auf seine Fragen stockend und verlegen zu erzählen begonnen von dem Baron Fritz, der die schöne Lisett dort unten in der Mühle so gar lieb gehabt.

„Zu jener Zeit,“ fuhr der Alte fort, „da kam eines Abends der Baron Fritz geritten, so recht lustig; ich nahm ihm seinen Paletot ab, denn es war kalt, und dann schloß ich ihm das Thurmstübchen auf und machte Feuer im Kamin an –“

„Das Thurmstübchen?“ unterbrach der junge Officier den Erzähler hastig.

„Jawohl, Herr Lieutenant. Der Baron Fritz wohnte dort immer, ich weiß auch warum; er konnte von dort oben die Fenster seiner Liebsten sehen – also ich machte Feuer an, holte ihm eine Flasche Madeira und half ihm die Kleider wechseln. Und da fragt er nun nach Allem, was passirt, und ob sein Bruder schon wieder zu Haus wär’, und ich antworte ihm auf Alles und sage ihm, daß der Herr in drei Tagen zurückerwartet würde, na, und dann was die Frau Mutter macht und die Frau Schwägerin und so weiter, und dabei kramte er immer in den Schubladen des Schreibtisches herum, und endlich fragt er ganz ängstlich: ‚Heinrich, hast Du hier aufgeräumt, als ich neulich so eilig abgereist bin?‘ ‚Jawohl, Herr Baron, sag’ ich. Hast Du nicht ein kleines goldenes Herz gefunden?‘ ‚Nein!‘ und er fuhr fort zu suchen, und ich suchte mit, aber es fand sich nichts; endlich gab er sich zufrieden, aber er sah sehr traurig aus. ‚Weißt Du, Heinrich,‘ meinte er dann, ‚das ist mir ein recht harter Verlust; fünfzig Thaler gebe ich Dir, schaffst Du mir das Herz wieder,‘ und dann nahm er Hut und Stock, denn er trug immer Civil, wenn er hier war, und sagte, er habe noch einen Gang vor in den Park, ehe er den Damen seine Aufwartung mache; na, ich wußte ja schon, wo er hin wollte.

Mir gingen nun die fünfzig Thaler im Kopf herum, Herr Lieutenant, und so fing ich denn wieder an zu suchen und zu suchen, aber es war nichts, und dann nahm ich das Licht und ging in die anstoßende Schlafstube, und wie ich drinnen bin, da ist’s mir, als ob ich nebenan die Thüre gehen höre, so leise und sacht, wie nur möglich, und wie ich rasch wieder hineintrete in die Wohnstube, da pralle ich zurück, denn da steht die Sanna drinnen und schrickt zusammen.

Wissen Sie, Herr Lieutenant, ich bin jetzt alt geworden und ruhiger, aber damals konnte ich das hagere Weibsbild mit den kalten grauen Augen, dem schwarzen Haar und der gelben Gesichtsfarbe nicht ausstehen; es war immer ein falsches Geschöpf, und darum fuhr ich sie in drei Teufels Namen an und fragte, was sie hier zu suchen habe. ‚Die gnädige Frau wollen wissen,‘ sagte sie, ‚wann Baron Fritz zurückkehrt?‘ Sie nannte mich immer Enrico dazumal; denn sie war stolz auf ihre italienische Abkunft. ‚Wo ist der Herr Baron?‘ forschte sie noch einmal. ‚Scheeren Sie sich zum Kukuk!‘ schrie ich sie an, ‚und spioniren Sie nicht! Ich weiß nicht, wo er ist,‘ und damit wollte ich sie hinausschieben. ‚Horch!‘ sagte sie, und wie ich still bin, da hören wir vom Dorfe drunten die Glocken läuten, daß wer gestorben ist; sie fing an sich zu bekreuzigen und ein Ave Maria zu sprechen, ich schob sie aber doch hinaus: ‚Machen Sie das draußen ab! Verstehen Sie?‘ und da drehte sie sich vor der Thür um und sagte: ‚Wissen Sie, Enrico, wer da gestorben? Des Lumpenmüllers Lisett ist’s.‘

Lumpenmüllers Lisett! Ich erschrak, daß ich zitterte; heiliger Jesus, was wird Baron Fritz sagen? war mein erster Gedanke; er ging so lustig, so glücklich zu ihr – und nun todt, das schmucke junge Blut! Es war eine Pracht, Herr, wenn man das Mädel sah; ob Sie jetzt des Lumpenmüllers Lieschen, wollt’ sagen des Herrn Barons Braut ansehen oder ihre Großtante, es ist fast dasselbe; wie aus den Augen geschnitten ist Lieschen ihr. Und wie ich noch so dastand, zog ein Sturm heran, daß sich die Bäume bogen, und um die alten Mauern krachte es und heulte es in allen Tonarten. Baron Fritz kam nicht und kam nicht, und mittlerweile wurde das Wetter immer schlimmer und schlimmer, und es war gerad’, als ob der Orkan den Thurm umreißen [854] wollte; das Auge konnte in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden, so sehr ich mich auch anstrengte und das Gesicht an das Fenster preßte. Die Schloßuhr hatte schon Zehn geschlagen, und immer noch kehrte er nicht zurück. Herr, es war eine furchtbare Nacht! Auf einmal flog die Thür auf, und als ich mich umwandte, da sahen meine entsetzten Augen den Baron Fritz – er stand schon mitten im Zimmer, und zu seinen Füßen lag bleich und zerzaust die tolle Fränzel und hielt die Hände zu ihm empor in angstvollem Flehen.

‚Bitte meine Schwägerin, Heinrich,‘ sagte er mit tonloser Stimme, sie möge einen Augenblick sich herbemühen! Ich flog zur Thür, Herr Lieutenant, ich wußte, es war etwas Schreckliches geschehen, als ich die gebrochene Gestalt des Mädchens sah, und als ich die Thür aufriß, da stand die Frau Baronin – Ihre Frau Großmutter – draußen und wollte herein. Sie wich zurück, als sie ihren Schwager erblickte; einen Augenblick zuckte es wie jäher Schreck durch ihre Glieder, und sie verbarg rasch etwas in der Tasche ihres Kleides, aber dann schritt sie scheinbar ruhig in das Zimmer hinein.

Herr Lieutenant, eine schönere Frau hat’s wohl kaum gegeben, wie sie war, als sie so dastand in dem langen weißen Nachtkleide, die schwarzen Locken halb aufgelöst und mit ihren großen dunklen Augen in dem blauen Antlitze, wie ein Engel der Unschuld gegen das arme winselnde Geschöpf an der Erde.

Mio caro amico,‘ rief sie dem Baron zu, ‚was soll das?‘ und zeigte wie verwundert mit der Hand auf die Fränzel.

‚Kommen Sie herein, Frau Schwägerin!‘ erwiderte er rauh. ‚Geh’, Heinrich, und schließ’ die Thür!‘ – Jetzt erst wendete er mir das Gesicht zu – Herr, ich war damals ein strammer wilder Bursch, aber ich habe gezittert, so sah er aus – die Augen schienen eingesunken; das junge blühende Gesicht war alt und verfallen im wahnsinnigen Schmerze, und um den Mund zuckte es wild wie in furchtbarem Zorne. In meinem Leben vergesse ich nie den Anblick und die Todesangst, die ich empfand, als ich die Thür hinter der Baronin schloß; mir klapperten die Zähne vor Aufregung, und ich blieb wie gebannt auf dem Corridor stehen. Die Sanna schlich auch herzu, und so standen wir Beide da und wagten nicht zu athmen. Zuerst war es unverständlich, was sie da drinnen sprachen, man hörte nur die weiche Stimme der gnädigen Frau und dazwischen das Schluchzen der Fränzel, aber dann vernahmen wir die Donnerworte des Herrn Barons deutlich draußen; Mörderin nannte er die Baronin und verfluchte sie und sein Haus; ich stand stumm und starr, und dann flog die Thür plötzlich auf, und die Baronin stürzte hinaus und floh wie ein verfolgtes Wild den Corridor entlang und die Treppe hinab; schrecklich sah sie aus, und da unten schlang sie, wie nach einem Halt suchend, die Arme um die Säule und glitt bewußtlos zu Boden; ich sehe sie noch vor mir, die weiße zusammengesunkene Gestalt, und wie Sanna ihr schreiend folgte und sie auf ihren Armen davontrug. Und fast in demselben Momente wurde die Fränzel hinausgestoßen und der Herr Baron stand in der Thür: ‚Mein Pferd!‘ befahl er mit heiserer Stimme, und als ich hinunter eilte, lief eben die Fränzel aus der Halle, die Hände vor dem Gesichte, in die Nacht und das Sturmtoben hinaus. Ich führte dem Herrn Baron sein Pferd vor; er schwang sich hinauf mit seinem bleichen verzerrten Gesichte – das arme Thier; es bäumte sich hoch auf – so preßte er ihm die Sporen in die Seiten, dann sauste er davon, daß ich meinte, es müsse ein Unglück werden. Und da kam er plötzlich zurück; ich stand noch in Wind und Wetter auf den Stufen der Freitreppe und horchte, wie das Trappeln des Pferdes näher kam. Er warf mir ein Geldstück zu.

‚Höre, Heinrich,‘ sagte er, ‚geh’ Du zu meiner alten Mutter und ich lasse ihr Adieu sagen; mich sieht sie nimmer wieder –‘ Das Letzte verstand ich kaum noch; der Sturm verwehte es wohl, oder brach seine Stimme in Weinen, ich weiß es nicht; er gab mir die Hand, und dann war er fort, Herr, und ist nie mehr wiedergekommen. –

Die Fränzel aber, die sah ich noch einmal; sie lag dort drüben auf dem Platze unter den alten Bäumen auf den Knieen, und als sie ihn fortreiten sah in die finstere unheimliche Nacht, da schrie sie so gellend auf, daß ich hinüber lief. Und da, Herr, fand ich eben ein armes unglückliches Geschöpf, das sich in Reue und Leid verzehren wollte, und da merkte ich auch, daß sie nicht so schlecht war, und ich tröstete sie in ihrem Jammer – nun, damals hat sie mir erzählt, daß der Baron Fritz und die schöne Lisett hatten getrennt werden sollen und daß sie gestorben, weil sie hat glauben müssen, er sei ihr untreu, und – das ist Alles, was ich weiß.“

„Du meinst, Heinrich, daß meine Großmutter wirklich –“ Die Stimme des jungen Mannes klang gepreßt.

„O Herr, mir kommt es nicht zu, etwas Böses von meiner Herrschaft zu glauben; ich habe ja keine Beweise, daß Baron Fritz ein Recht hatte zu den schrecklichen Flüchen, aber das weiß ich genau, daß die Frau Baronin mit ihm schon längere Zeit nicht gut stand, weil – nun, er hatte sich einmal in ihre Angelegenheiten gemischt; dann war sie auch grausam stolz; sie hätt’ um keinen Preis des Lumpenmüllers Lisett als Schwägerin anerkannt, und darum – Herr Lieutenant – nichts für ungut! Ich darf es ja wohl sagen; ich habe Sie ja in der Wiege liegen und Sie heranwachsen sehen. Nehmen Sie es mir nicht übel – die Lieschen –“

„Ist meine Braut, Heinrich –“

„Herr, ich weiß es, und hab’ mich gefreut, als ich Sie Beide sah, wie ich nicht geglaubt hab’, daß ich mich noch einmal freuen würde – ach, Herr, halten Sie Ihre Braut hoch und lassen Sie sie nicht aus den Augen! Es kann Einem angst werden um so ein junges Menschenkind hier oben im Schlosse; verzeihen Sie mir, Herr Baron! Es hat mir beinah’ das Herz abgedrückt, Ihnen dies zu sagen; sie hat so viel Aehnlichkeit mit der Lisett, besonders ganz dieselben Augen, just so blau und tief und klar, und ganz denselben Ausdruck darin. Solche Augen, die vergißt man nicht. Gott schenk’ ihnen nur Freudenthränen!“

Die Stimme des Alten war bewegt, als er nun hinausschritt, und das „Gute Nacht“ klang nur noch undeutlich in die Ohren Army’s; er achtete auch nicht darauf – vor seiner Seele standen sie eben auch, diese blauen Kinderaugen, aber so schmerzlich, so bang und unsagbar traurig, wie er sie heute Abend gesehen.

„Dieselben Augen,“ wiederholte er halblaut, „derselbe Ausdruck!“ aber er sah zu dem Bilde der schönen Agnese Mechthilde hinüber. Das Licht war tief herabgebrannt; es flackerte nur dann und wann noch unsicher auf und die rothen üppigen Haare verschwammen undeutlich in der matten Beleuchtung, die zwei dunklen traurigen Augen indeß schauten aus dem blassen Gesichte unverwandt zu dem jungen Manne herüber, so leidversunken, so bang, als suchten sie ein verlorenes Glück. Das waren sie ja, die Augen, an welche er vorhin beim Aussteigen aus dem Wagen hatte denken müssen – die Augen der schönen Agnese Mechthilde!



18.

Am folgenden Morgen ging Army nach der Mühle; sein Schwiegervater hatte eine Unterredung mit ihm gewünscht. Lieschen sah er nicht, die Muhme, die aus der Küche kam und ihm die Thür zu des Hausherrn Zimmer öffnete, antwortete ihm auf seine Fragen, daß das junge Mädchen noch schlafe, und ein Bischen Ruhe würde wohl nöthig sein und gut thun, wenn Eins so die ganze Nacht geweint habe.

Ueber seinem Gesicht lag ein tiefer Schatten, als er in das Zimmer seines Schwiegervaters trat; er hatte sich gesehnt nach Lieschen’s Anblick seit dem gestrigen Abend, und der Gedanke, daß sie die ganze Nacht geweint, fiel ihm schwer auf’s Herz. Er mußte einige Augenblicke warten. Herr Erving war drüben im Comptoir, und unwillkürlich flogen seine Blicke durch den Raum; es war ein behagliches Gemach mit seinen dunklen Tapeten, den grünen Möbeln und Vorhängen; auf einem massiven Schreibtische stand ein Portrait; es war eine Photographie Lieschen’s aus der Kinderzeit; das liebliche Gesichtchen blickte so naiv schelmisch in das Leben hinaus. Er nahm das Bild empor, um es genauer zu besehen, und hielt es noch in der Hand, als jetzt Herr Erving eintrat.

In dem Gesichte des stattlichen Mannes lag ein Ausdruck, den es sonst nicht bot, von Sorge und Abgespanntheit; er mochte kaum geschlafen haben diese Nacht. „Verzeihen Sie, daß ich Sie warten ließ!“ begann er das Gespräch, dem jungen Manne die Hand reichend. „Nehmen Sie Platz!“ bat er, „und lassen Sie uns gleich zu unserer Angelegenheit übergehen! – Ich werde nicht viel unnütze Worte machen,“ fuhr er dann fort und schob sich einen Sessel an den Tisch. „Zuvörderst denke ich, wir [855] reisen Beide in Ihre Garnison, um dort die Angelegenheiten zu arrangiren; alsdann reichen Sie das Abschiedsgesuch ein – Sie dürfen es mir nicht verdenken, daß ich dies so bestimmt verlange! Sie ist mein einziges Kind“ – seine Stimme bebte bei diesen Worten – „und ich will sie wenigstens in meiner Nähe, unter meinem Schutz behalten.“

Army verbeugte sich zustimmend, aber das Blut stieg ihm siedend heiß in die Wangen.

„Ich verlange nichts Unbilliges,“ fuhr Jener fort. „Sie wissen, daß meine Familie in früheren Zeiten von der Ihrigen einen ansehnlichen Theil der umliegenden Ländereien käuflich erworben hat. Nun ist Lieschen unser einziges Kind, und ich habe mit meiner Frau überlegt, daß es das Beste scheint, Sie werden wieder, was Ihre Väter waren, nämlich Herr auf Derenberg. Ich habe bereits heute früh an Hellwig geschrieben wie die Dinge stehen, und ihn zu einer Conferenz mit mir nach S. bestellt, hauptsächlich zu dem Zwecke, um zu versuchen wie viel wir von den Ländereien Ihres Stammgutes, die ohnehin in keineswegs guten Händen sind, wieder erwerben können, um sie dem Ganzen hinzuzufügen; hoffentlich wird es zum größten Theile gelingen. Von Ihnen erwarte ich dafür, daß Sie sich – –“ er brach plötzlich ab; dann trat er zum Schreibtische und suchte zwischen Papieren umher.

„Ich habe nicht leichten Herzens mein Jawort gegeben,“ wandte er sich wieder zu dem jungen Manne und seine Stimme klang weich und leise, „denn ich fürchte, daß meine Tochter vielen Demüthigungen entgegen geht, aber sie wollte es nicht anders. – Ich kenne Sie eigentlich nur aus Ihrer Kindheit, denn als junger Mann haben Sie mein Haus nicht mehr betreten, aber das Wenige, was ich von Ihnen weiß, ist nicht gerade der Art, Ihnen mein Vertrauen rückhaltlos zu schenken. Sie sind bis jetzt getreulich in die Fußstapfen Ihrer Frau Großmutter getreten, die in Leuten meines Standes tief untergeordnete Geschöpfe sieht; Ihre Vorfahren – das weiß ich – dachten anders. Ich habe Ihnen jetzt das Liebste gegeben, was wir, meine kränkliche Frau und ich, auf der ganzen Welt besitzen, und dafür fordere ich, daß Sie mein Kind beschützen und hoch halten; ich will nicht, daß es von Ihrer Frau Großmutter so behandelt wird, wie Ihre unglückliche Mutter; dieses Versprechen kann ich von Ihnen verlangen, und Sie sollen es mir jetzt geben; sobald ich Thränen in den Augen meines Kindes sehe, mache ich Sie verantwortlich dafür. Werden Sie es versprechen können, Alles thun zu wollen, um mein Kind vor dem Hochmuthe jener Frau zu schützen?“

Er hielt ihm die Hand hin. Am liebsten wäre Army dem Manne um den Hals gefallen; Derenberg sollte wieder ihm gehören, sein schönster Traum wahr werden! Und doch lag ein drückender Alp auf seiner Freude.

„Lieschen soll es nie bereuen, daß sie mich vor einer dunklen Zukunft rettete,“ erwiderte er, als seine Hand in der Erving’s lag, „ich werde sie zu schützen wissen in jeder Weise – auch vor meiner Großmutter; ich muß sofort zu ihr.“

Ein rascher, forschender Blick Erving’s glitt über das Gesicht des jungen Mannes vor ihm; dieser schien ruhig, nur seine Augen blitzten erregt.

„Lassen Sie sich nicht fortreißen!“ ermahnte ihn der ältere Mann und legte die Hand auf die Schulter Army’s, „sie ist und bleibt die Mutter Ihres Vaters und das Alter soll man ehren. Ich verlange weiter nichts, als daß sie meinem Kinde nicht weh thut, im Uebrigen mag sie handeln, wie sie will. Also Ruhe, Army, hören Sie wohl? Sie ist eine alte Frau.“

Es war das erste Mal, daß er den jungen Officier beim Vornamen anredete. Fast gerührt sah dieser zu ihm auf; das war der Mann, von dem er einst in thörichtem Stolze gesagt hatte, er könne nicht unter seinem Dache verkehren, und jetzt sorgte er für ihn wie ein Vater; ihm verdankte er jetzt Alles, Alles, seine ganze Zukunft.

„Gehen Sie jetzt, Army!“ mahnte er, als dieser seine Hand ergriff und sie wortlos drückte, „und heute Nachmittag reisen wir. Gehen Sie – und noch einmal – Mäßigung!“

Er ging wie im Traume; dort oben am Ende der Allee tauchte das Schloß auf und das mächtige wappengeschmückte Portal. Er heftete einen Moment seine Blicke darauf, er kam sich heute so klein vor, so erbärmlich.

Er richtete den Kopf hoch, und ein Zug von Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, als er jetzt die Stufen der Treppe emporschritt, die zu dem Zimmer seiner Großmutter führte. Da kam ihm Nelly entgegengelaufen; ihre Augen leuchteten wie Sonnenschein.

„Wie geht es Lieschen, Army?“ fragte sie und schlang, auf einer Stufe stehend, beide Arme um seinen Hals. Er schaute ihr in das lachende Gesicht.

„Willst Du mir einen Gefallen thun, Kleine?“ fragte er, und strich ihr die Locken aus der Stirn. Sie nickte eifrig.

„Dann geh’ zu ihr – ja? Aber bald, gleich, und sage ihr, ich lasse sie grüßen und sie soll nicht mehr weinen, ich ließe sie sehr bitten darum – hörst Du?“ Er machte eilig ihre Händchen los und wandte sich ab; als er einen erstaunten, fragenden Ausdruck in ihren Zügen las, rief er zurück: „Geh’ nur bald! und bleib ein wenig bei ihr! Ich habe jetzt mit der Großmama zu sprechen.“ –

Aus dem Corridor huschte Sanna an ihm vorbei; ihr Gruß war etwas schnippisch.

„Kann ich die Großmama jetzt sprechen?“ fragte er.

„Ich war schon zweimal in Ihrem Zimmer, Herr Baron,“ erwiderte sie, „die Frau Großmama wartet mit Ungeduld.“

Er ging rasch an ihr vorüber und trat ein. Die alte Dame saß auf ihrem gewöhnlichen Platze am Kamin; sie grüßte flüchtig mit dem Kopfe und wies auf einen Sessel. „Du hast mich lange warten lassen,“ sagte sie.

„Ich hatte eine nothwendige Unterredung mit meinem zukünftigen Schwiegervater,“ erwiderte er, Platz nehmend, „er war so gütig, mir die Pläne für unsere Zukunft mitzutheilen.“

„Das Experiment ist also doch geglückt?“ fragte sie, seine eigenen Worte gebrauchend. „Nun, jedenfalls habt Ihr die Ringe noch nicht gewechselt; es läßt sich also über die Sache noch reden.“ Er machte eine ungeduldige Bewegung. „Du erlaubst doch, daß ich Dir noch ein paar Worte sagen darf?“ fragte sie.

Army verbeugte sich leicht und heftete seine Blicke plötzlich auf ein Briefblatt, das die schlanken Finger seiner Großmutter hielten; er kannte dieses starke cremefarbige Papier, und auf einmal schoß ihm das Blut siedend heiß zum Herzen.

„Zuerst,“ begann die alte Dame und nahm von dem neben ihr stehenden Tischchen ein zweites Blatt, „ist hier ein sehr liebenswürdiges Schreiben des Herzogs; er wünscht Deine Verhältnisse kennen zu lernen und verspricht mir, in jeder Weise sich für Dich zu interessiren; es ist das ein Versprechen, dessen Tragweite Du hoffentlich zu würdigen verstehst; Deine Stellung als Officier ist gesichert, Deine Carriere zweifellos.“ Sie sah ihn forschend an. „Mein Rath ist der, Du endigst diese lächerliche Farce da unten in der Mühle und reisest sofort nach S. ab.“

„Großmama,“ erwiderte er ruhig, „das kann unmöglich Dein Ernst sein.“

„Er ist es – gewiß!“ versicherte sie; „Du bist mit vollen Segeln in die obscursten Verhältnisse hinein gerannt, und ich möchte Dich daraus in standesgemäßere retten.“

„Standesgemäßere?“ fragte er, „schwerlich; die Verhältnisse, in die ich trete, sind die besten, die es giebt.“

„Vielleicht als Compagnon des Herrn Schwiegervaters – Lumpenmüller Numero Zwei! Nicht wahr?“

„Bitte Großmama, brechen wir das Capitel ab! Ich werde nie mein Wort zurücknehmen, selbst wenn mich Dein Vorschlag verlocken könnte – um so weniger aber, da ich ganz und gar keine Lust verspüre, zurückzutreten.“

„Dann gehe ich aus dem Hause!“ rief sie gereizt, „noch ehe Deine Frau den Fuß hineinsetzt.“

„Es sollte mir leid thun, Großmama, Du könntest mit ein wenig Güte so vieles gut machen; freilich wenn Du –“

„Es ist doch besser, daß ich gehe, meinst Du?“ fragte sie. „Gut, Army, ich will es auch; sieh hier, da ist ein Ausweg.“

Sie hielt ihm den crêmefarbenen Brief vor die Augen; er erkannte die zierlichen Schriftzüge seiner treulosen Braut, unwillkürlich trat er zurück. „Blanka?“ fragte er tonlos, „sie schreibt an Dich?“

„Weißt Du, was sie mir schreibt? Sie bittet mich, sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten, weil der Oberst dienstlich verhindert ist, mitzugehen. Am liebsten würde ich ihr diesen Wisch mit den süßschmeichelnden Worte in’s Gesicht schleudern[WS 2] [856] aber unter diesen Verhältnissen giebt’s keinen andern Ausweg; ich nehme ihr Anerbieten an.“

„Du wolltest – Du könntest das? Du könntest zu ihr gehen, die mich betrogen hat, Großmama?“ fragte der junge Mann und faßte nach ihrer Hand.

„Es bleibt mir nichts Anderes übrig; ich mag nicht mit jenen Leuten dort unten Gemeinschaft haben; ich will es nicht, und ich thue es nicht,“ beharrte sie.

„Dann ist es freilich besser, Du gehst,“ sagte er leise und wandte sich um.

„Das ist also der Dank für all meine Liebe! Das ist die Erfüllung aller Hoffnungen die ich auf Dich gesetzt hatte!“ stieß sie hervor. Incredibile! „Wenn ich mir denke, Du dort unten im Comptoir auf dem Schreibstuhl des Herrn Schwiegervaters!“ fuhr sie athemlos fort, „schreibend und Geschäftsbücher führend, Du, der Du die Aussicht auf eine glänzende Carrière so unsinnig um die Ohren schlägst –“

„Ich müßte auch zufrieden sein, hätte mir mein Schwiegervater den Schreibstuhl angewiesen, aber er hat es besser mit mir gemacht, Lieschen bringt mir als Mitgift unser altes Familiengut zu, ich werde wieder Herr auf Derenberg sein.“

Er hatte langsam gesprochen und jedes Wort betont.

Sie wandte sich mit einem Ruck herum; ihre großen Augen sahen wie verschleiert zu ihm herüber, als glaube sie seinen Worten nicht. „Theuer genug erkauft!“ stieß sie dann mühsam hervor.

„Wieso?“

„Weil Du unaufhörlich an eine Frau gekettet sein wirst, die Deine Standesgenossen über die Achsel ansehen, und endlich, die Du nicht liebst, nie lieben wirst!“

„Wer sagt Dir das?“ fragte er, und ein feines Lächeln spielte um seinen Mund, „sollte das Letztere so unmöglich sein? Ich dächte, Du wüßtest das Gegentheil aus eigener Erfahrung. Denke doch an den verschollenen Großonkel Fritz und die schöne Lisett! –“

Die alte Dame antwortete nicht; sie setzte sich mit einer heftigen Bewegung in den Lehnstuhl zurück, und ihre Finger zerknitterten den Brief Blanka’s, aber ihr Gesicht war bleich geworden, so bleich, wie die Spitzen ihrer Haube.

„Mein Schwager hat nie daran gedacht, jenes Mädchen zu heirathen,“ sagte sie endlich, „darauf hin muß ich ihn in Schutz nehmen, es war so eine Liebschaft, wie Cavaliere sie zu Dutzenden zu haben pflegen; die Kenntniß dieser Geschichte sollte Dich erst recht von dem unsinnigen Gedanken abhalten, ein Mädchen aus jenem Hause zu Deiner Frau zu machen!“

„O nicht doch, im Gegentheil! Wenn mich etwas in meinem Beschluß noch bestärken konnte, so war es dies, ich mache dadurch in Etwas gut, was sinnloser Hochmuth und unedle Rache einst verbrach.“

„Diese dunklen Andeutungen sind mir gänzlich unverständlich,“ unterbrach sie ihn, und erhob sich erregt, „der Bruder Deines Großvaters war ein Mensch, der keine Direction über sich hatte, der ein lockeres, leichtsinniges Leben führte – er ist verkommen, Gott weiß wo? Er war ein Heuchler, der seine frivolen Gesinnungen unter der Maske eines biederen ehrenwerthen Exterieurs vortrefflich zu verbergen wußte; es thut mir leid, daß Du Dir eine Legende aufbinden ließest, in welcher dieser moralisirende Husarenofficier sammt jener Lisett die Rolle der Heiligen spielt. – Aber deshalb gerade, weil bereits einmal solch unpassende Beziehungen angeknüpft waren zwischen uns und Jenen dort unten, Beziehungen, die – Gott sei Dank! – durch ein höheres Einsehen zerrissen wurden, deshalb wiederhole ich Dir, werde ich nun und nimmermehr das Mädchen als Deine Braut betrachten, nun und nimmermehr ihr je meine Hand reichen, und bestehst Du auf Deinen Willen – gut, so gehe ich – ich weiß jetzt wohin“ – sie hob den Brief Blanka’s empor; „und obgleich es mir schwer wird, diesen Schritt zu der zu thun, die Dich betrog, ich ziehe ihn doch vor gegenüber der Aussicht, mit dieser Person in einem Hause zu leben.“

Ihre Lippen bebten, und ihre Augen funkelten im Zorn.

„Gut, so geh’, Großmama! Es thut mir leid, daß es so kommt, aber Du hättest das vollste Recht, zu sagen, ich sei kein Mann, ich sei ein weichlicher Träumer, dem das bischen Unglück den Arm gelähmt hat – wenn ich meinen Entschluß änderte; ich kann es nicht als Mann von Ehre, ich will es nicht, weil ich nicht so thöricht sein werde, eine ganze Zukunft voll Glück von mir zu werfen.“

„Du selbst heißest mich gehen?“ fragte die alte Dame athemlos.

„Nein, Großmama, am liebsten sähe ich, daß Du in meinem Hause friedlich weiter lebtest, aber da Du mich vor die Wahl stellst: Dich oder sie – so kann ich nur aus vollster Seele sagen: ‚meine Braut!‘“

Er hatte laut gesprochen, und die Worte hatten einen ehrlichen, freudigen Klang.

„Gut,“ erwiderte sie, „ich gehe, und wenn Du auf den Knieen vor mir lägest und Ihr Alle zusammen händeringend flehtet, ich sollte bleiben, ich werde dennoch gehen. Es ist schändlich; es ist unerhört –“ Sie riß mit zitternder Hast an der Glockenschnur und begann verschiedene Fächer ihres Schreibtisches auszuziehen; Briefe, Kästchen, kleine Schachteln flogen in wirrem Durcheinander hinaus.

„Meine Reisekoffer,“ befahl sie der eintretenden Sanna, „pack’ Deine Sachen auch! Wir reisen.“

In diesem Moment flog ein kleiner blitzender Gegenstand über den Teppich und blieb zu Army’s Füßen liegen; er hob ihn auf und betrachtete ihn – es war ein kleines goldenes Herz, zerkratzt und blind, und darauf standen die Buchstaben L. E. eingravirt. Er sah lange starr darauf hernieder; es war ihm nicht möglich, ein Wort zu sagen; er trat nur zu ihr und hielt ihr das kleine goldene Herz entgegen. Sie heftete die Augen darauf, dann stützte sie sich plötzlich fest aus die Platte des Tisches; die Röthe verschwand von ihren Wangen, und eine fahle Blässe breitete sich über ihr Gesicht. Kein Laut unterbrach die Stille, nur die kleinen Figuren auf dem Schreibtische klirrten leise; so fest lehnte sich die bebende Gestalt der Baronin darauf.

„Ich habe kein Recht, Dir Vorwürfe zu machen,“ sagte er endlich und zog die Hand, die den kleinen Gegenstand hielt, zurück, „Du bist die Mutter meines Vaters, und – es wäre auch nutzlos. Aber ich werde mich doppelt bemühen, an meiner Braut wieder gut zu machen, was Du einst verbrochen an einem jungen, liebreizenden Geschöpf; wollte Gott, daß es mir gelinge!“ Er wandte sich, um hinauszugehen.

Da trat ihm Sanna in den Weg. „Was wollen Sie von meiner Herrin?“ rief sie, „ich habe das goldene Amulet dem Baron Fritz genommen; ich allein that es; meine Signora ist unschuldig. Jagen Sie mich fort, Herr, aber nehmen Sie ihr nicht die Heimath, den einzigen Platz, wo sie ihr Haupt niederlegen kann!“ Das alte Mädchen war zur Erde geglitten und streckte ihm flehend die Hände entgegen; in ihren kalten, grauen Augen schimmerte eine Thräne.

„Ich weise Deine Gebieterin nicht fort,“ sagte Army, gerührt von der Treue der alten, harten Person, „im Gegentheil, ich –“

„Steh auf!“ befahl die Baronin erregt, „und thu’, was ich Dir geheißen – kein Wort weiter. Ich gehe noch heute!“

Misericordia!“ schluchzte die Alte in ihrer Todesangst, und ergriff die Falten des schwarzen Kleides ihrer Herrin, „lassen Sie mich mitgehen, Signora Eleonora! Ich sterbe ohne Sie.“

Er sah schmerzlich zu der gebietenden Gestalt hinüber, die da mitten im Zimmer stand, den Kopf stolz zurückgeworfen, scharf und feindselig blickten ihn die schwarzen Augen an, als stände ein fremder Bettler vor ihr, den sie hinausweisen wollte. Er hatte sie immer so geliebt, so bewundert, seine schöne Großmutter; selbst jetzt, da der Nimbus, mit dem sein Herz sie einst umgab, geschwunden war, selbst jetzt blieb diese Liebe Siegerin; er vergaß ihre Herrschsucht, ihre Schroffheit; er sah nur noch die stolze, imponirende Frau, die ihn einst mit abgöttischer Zärtlichkeit erzog.

„Großmama!“ bat er, und trat ihr einen Schritt näher, „laß es vergessen sein, was einst geschehen! Ich biete Dir die Hand, nichts soll Dich hier an Vergangenes erinnern –.“

„Geh’!“ bedeutete sie kurz, und ihre Hand winkte ihm, in ihrer stolzen und doch so graziösen Weise, den Abschiedsgruß; „geh’! Ich will allein sein; ich habe noch viel zu ordnen.“

Er trat zu ihr. „Leb’ wohl!“ sagte er, „und wenn Dich jemals das Heimweh treibt, so komme! Du wirst –“

„Adieu!“ fiel sie ein und entzog ihm die Hand, die er an den Mund führen wollte, „Du hast gewählt.“ Sie wandte ihm den Rücken.

[858] „O der Fluch, der Fluch! O mio dio!“ schluchzte das alte Mädchen, das noch immer, die Hände ringend, am Boden kniete.

„Thörin!“ hörte er noch seine Großmutter sagen; dann fiel die Thür zwischen ihm und ihr in’s Schloß.



19.

Der letzte Tag im alten Jahre! hat er nicht etwas feierlich Wehmüthiges? Es ist Abschiedsstimmung, die das Menschenherz erfüllt, und ein banges Zurückdenken und Fragen, was gab uns das alte Jahr, wie viel nahm es uns, und was wird das neue bringen? Freude oder Schmerz, Glück oder herben Verlust?

Es giebt eine Zeit, in der man solche Fragen noch nicht stellt, eine Zeit, in der man glaubt, die Zukunft müsse schöner werden mit jedem Tage, wo der Garten unserer Träume stolze Blüthen in Menge trägt und wo man in seliger Ungeduld auf das Brechen der Knospenfülle wartet, um sich an einer märchenhaften Blüthenpracht zu berauschen; aber die Zeit vergeht, und Knospe um Knospe fällt welk zur Erde, nur wenige erblühen vereinzelt und zittern, daß auch sie der rauhe Hauch zerstöre, der ihre Schwestern traf. Und wer erst solche Blüthen fallen sah, der steht mit traurig fragendem Herzen an der Pforte eines neuen Jahres und faltet bang die Hände und fragt unwillkürlich, was wird die Zukunft mir bringen? Werden die Knospen unsrer Hoffnungen welken oder erblühen? Es ist traurig, wenn junge Herzen schon diese Frage thun müssen, wenn ein Reif im Frühling all’ diese sonnige, glückverheißende Blüthenpracht zerstört.

Es war Nachmittags gegen vier Uhr, als Lieschen die Unruhe nach dem Schlosse trieb; seit vier Tagen war Army mit dem Vater schon fort, und sie hatte noch keine Nachricht von ihm erhalten. Und heute war Sylvester, ein Tag, der sonst liebe Gäste in’s Haus geführt – aber heute? Der Vater nicht zu Hause, die Mutter so still, die Muhme traurig und Onkel Pastor und die Tante in tiefem Leid um ihren Liebling. Und sie?

Da schritt sie wieder die Allee zum Schlosse hinauf, sie mußte fragen, ob seine Mutter oder Nelly vielleicht Nachricht von ihm hatten? Der Brief des Vaters war so kurz gewesen; es habe sich Alles viel verwickelter herausstellt, als er geglaubt, schrieb er, und wann er zurückkäme, sei noch unbestimmt – kein Wort für sie über Army!

Sie mußte heute etwas von ihm hören. – Sie schaute während des Gehens durch das kahle Geäst der Bäume und die Allee hinaus zu dem Portal, das eben auftauchte. Am Himmel hingen schwere, graue Wolken, und eine unangenehm warme Luft zog ihr entgegen; bei der falben Beleuchtung sah das alte Schloß fast unheimlich düster aus, so leer, so verlassen, ein rechtes Unglücksnest, wie die Muhme sagte. Wie viel Jahre sind gekommen und gegangen über diese alten Dächer, und wie viele werden noch kommen und gehen, und was werden sie bringen? Es kehrt nimmer wieder, was man einmal verloren, und sie, sie hatte so unendlich viel verloren, den ganzen wundervollen Liebesfrühling! Von all’ den schimmernden Blüthen waren nur die Dornen geblieben, die sich in ihr wundes Herz gedrückt, kein süßes Glück an der Seite des geliebten Mannes, nur ein Leben in starkem Selbstvergessen, nur schmerzliches Lächeln, aber keine Liebe für sie. Und deshalb auch kein Brief.

Was sollte er ihr auch schreiben? Sie erinnerte sich, ihre Mutter einst gesehen zu haben, wie sie mit glücklichem Lächeln ein Päckchen alter Briefe öffnete, die in einem Kästchen sorgsam verwahrt lagen. „Die Briefe Deines Vaters,“ hatte sie gesagt, als das junge Mädchen sie fragte, „aus der Zeit, da wir noch Braut und Bräutigam waren.“ Welche Seligkeit dabei aus den Augen der Mutter leuchtete! Lieschen preßte die Hände auf die Brust und schritt rasch weiter.

Jetzt trat sie aus der Allee und lenkte ihre Schritte über den freien Platz, da hielt ein Wagen vor der Seitenpforte. Ein Wagen, wie kam ein Wagen hierher? Sollte Army –? Aber nein, dann wäre ja auch der Vater gekommen.

Sie schüttelte den Kopf, als sie um das Gefährt herum ging; es war ein jammervoller alter Kasten, jedenfalls ein Fuhrwerk aus dem Dorfe.

Sie ging in’s Schloß und blieb im Corridor plötzlich stehen; es schien ihr, als höre sie Stimmen und Tritte. In dem langen gewölbten Gange dunkelte es bereits, nur auf die breite Treppe, die nach oben führte, fiel ein mattes Licht durch die Fenster des Treppenhauses, das mit der großen Halle in Verbindung stand; wieder schritt sie zögernd weiter.

„Ihr habt es ja nicht anders gewollt,“ hörte sie die etwas schroffe Stimme der alten Baronin sagen, „Thränen finde ich jetzt bei Gott gänzlich überflüssig, Cornelie.“

Lieschen vernahm gleichzeitig ein Rauschen von Kleidern und leichte Tritte; auf der obersten Stufe erschien eben die alte Baronin, sich halb zurückwendend zu ihrer Schwiegertochter und Nelly. Sie war in einen ehemals gewiß kostbaren Sammetpelz gehüllt, und das stolze Gesicht schaute unbewegt wie gewöhnlich aus einem schwarzen Spitzenshawl, den sie sich um den Kopf gewunden hatte.

„Es ist die Sorge um Sie, Mamachen,“ sagte die jüngere Baronin, „bei diesem Wetter! Und Sie sind so von den Unbequemlichkeiten des Reisens entwöhnt.“

Reisen? Sie wollte reisen? Einen Moment zog ein helles Gefühl der Freude in Lieschen’s Herz.

„Die nothwendigen Consequenzen Eurer Handlungsweise, Cornelie,“ ertönte es wieder, „indeß sorge Dich nicht! Noch bin ich nicht so gebrechlich, daß ich – –“

„Es ist zu schnell gekommen, Mama, zu schnell.“

„Zu schnell? Ich habe mit Ungeduld die Augenblicke gezählt; ich wäre am liebsten noch in derselben Stunde abgereist.“

„Es wird mir namenlos schwer, Sie ohne eine Verständigung scheiden zu sehen.“

„Ich meine, die Verständigung habe ich am meisten gesucht, man wollte mich aber nicht verstehen. Denkst Du, mir wird es leicht zu gehen? Ich fühle das Traurige in diesem Moment mit aller Gewalt, so jammervolle Zeiten ich auch hier verlebt habe. Aber bleiben unter den Bedingungen, die mir der zukünftige Herr auf Derenberg stellte, bleiben, um ein Leben zu führen, wie er es mir bot, um den Preis, meine Grundsätze seinen neuen durchaus nicht aristokratischen Gesinnungen zum Opfer zu bringen – nimmermehr! Ich bin noch aus der alten Schule: Noblesse oblige!

„Sie geht meinetwegen,“ flüsterte Lieschen.

„Ich glaube, Army reiste ab, in der sicheren Hoffnung, Sie noch wieder zu finden, Mama,“ bat die Schwiegertochter.

Die alte Dame lachte plötzlich laut auf. „Dio mio!“ rief sie. „Er weiß sehr wohl, daß er mich nicht mehr hier findet, und es ist gut so; ich will ihn nicht wieder sehen. Er weist ein Anerbieten zurück, das ihm eine glänzende Carrière öffnet – –“

„Ich weiß,“ unterbrach die Schwiegertochter, „der Herzog –“

„Kein Wort mehr!“ fiel die alte Baronin ein; sie schritt vollends die Stufen hinunter.

„Bleiben Sie ruhig, Frau Baronin!“ sagte da eine bebende Stimme, und Lieschen beugte sich aus der Dämmerung zu ihr hinüber. „Bleiben Sie, es ist noch nicht zu spät; wenn es so steht, so – so gebe ich Army die Freiheit zurück; ich wußte ja nicht, daß sich noch ein Weg zu seiner Rettung aufgethan – –“ Sie verstummte und griff mechanisch nach dem geschweiften Geländer der Treppe. Die dunkle Gestalt der alten Dame vor ihr wich erschrocken zurück; Nelly aber war mit einem Sprunge neben der Braut ihres Bruders und ergriff ihre Hand.

„Was sprichst Du da, Lieschen?“ fragte sie, „was willst Du thun?“

„Das hätten Sie sich früher überlegen sollen, mein Kind,“ sagte die alte Dame scharf, „jetzt dürfte Ihre bessere Einsicht zu spät kommen.“

„Ich habe ihm helfen, ihn retten wollen,“ erwiderte Lieschen tonlos, „aber niemals wollte ich seinem Glücke im Wege stehen. – O, es ist gewiß noch nicht zu spät, Frau Baronin!“ rief sie flehend, als die alte Dame mit dem unnachahmlich stolzen Zurückwerfen des Kopfes an ihr vorüber schritt. „Bleiben Sie, bis er kommt, gnädige Frau, sagen Sie ihm, er habe keinerlei Verpflichtungen gegen mich! Ich selbst gebe ihn frei, damit er anderswo das Glück finde, das ich ihm ja doch nicht geben kann. Er liebt mich ja nicht. – O, bleiben Sie, bleiben Sie!“

Die alte Dame schüttelte die kleinen bebenden Hände nicht ab, welche den Sammet ihres Mantels erfaßt hatten; sie stand wie angezaubert und sah in das schöne Gesicht, das so verstört zu ihr aufblickte in der dämmerigen, unheimlichen Beleuchtung [859] des vergehenden Wintertages. Ihre Züge veränderten sich nicht; nicht eine Spur von Mitleid mit dem geängstigten Kinde leuchtete aus den schwarzen Augen; nicht ein Wort kam über ihre Lippen; sie ließ sie die Angst auskosten bis auf den letzten Tropfen.

Da schallte ein eiliger, wohlbekannter Tritt durch die Halle, und dort unten in der Dämmerung des Ganges erschien eine schlanke Männergestalt. Das junge Mädchen sah ihr mit trockenen brennenden Augen entgegen – er kam noch? Sie sollte ihn noch hier finden? Mußte ihr denn diese Stunde noch schwerer gemacht werden? Als wollte sie Nichts mehr sehen, um stark zu bleiben, schlug sie die Hände vor das Gesicht.

„Was geht hier vor?“ tönte jetzt seine Stimme hastig und wie aufgeregt in ihr Ohr, „meine Braut weint?“

Seine Braut! Wie namenlos weh ihr dieses Wort that – wäre sie doch fort von hier, tausend Meilen weit, um dieser Qual zu entgehen!

„Sie ist vernünftiger als Du,“ erwiderte die alte Dame, „noch einmal stehst Du am Scheidewege, denn sie ist bereit zurückzutreten –“

„Weil Du es ihr plausibel gemacht hast?“ fragte er grollend zurück.

„Nein, Army,“ unterbrach ihn seine Mutter, „Lieschen hörte zufällig, daß Großmama –“

„Was hast Du gehört, Lieschen?“ fragte er, den Arm um sie legend und sich zu ihr niederbeugend; wie weich auf einmal seine Stimme klang!

Sie antwortete nicht, aber die Thränen rollten ihr jetzt aus den Augen und flossen ihr über die schlanken Finger herab, die noch immer das Gesicht bedeckten. Sie sah nicht, wie ängstlich er sie anschaute, sie fühlte nur wieder den heißen brennenden Schmerz, daß sie ihn doch noch lassen müsse, daß selbst ein Leben ohne Liebe an seiner Seite noch ein Paradies sei gegen die Leere, die ihr entgegen starrte, wenn sie ihm entsagte.

„Lieschen,“ bat er, „Du könntest wirklich so – so vernünftig sein, wie die Großmutter eben behauptete?“

Sie nickte.

„Ja, ja!“ schluchzte sie, alle Selbstbeherrschung zusammennehmend, „ich wußte ja nicht, daß der Herzog Dir helfen wollte, sonst – ach, sonst, wäre ich ja niemals hierher gekommen, um – ich glaubte – ich, ich allein könnte Dich retten.“

„Das kannst Du auch,“ sagte er leise, „Du allein kannst es, kein Mensch weiter auf der ganzen weiten Welt.“

Er nahm ihr die Hände vom Gesicht und schaute in ihre verweinten Augen.

„Lieschen, wenn Du wüßtest, wieviel ich um Dich gesorgt –“

Sie schüttelte den Kopf.

„Mir schwebten,“ fuhr er fort, „ja beständig ein paar traurige blaue Augen vor, und eine längst vergangene traurige Geschichte von zwei eben solchen blauen Augen, die vor Kummer und Herzeleid gestorben sind; es packte mich mit Entsetzen, dachte ich daran, und meine Angst, meine Ahnung war doch nicht grundlos, beinah wäre ich zu spät gekommen – nicht wahr?“

„Nein, nein, Army, es ist Mitleid von Dir, Du weißt nicht, was Du hinwirfst, ein glänzendes Leben, eine stolze Carrière – laß’ mich! Noch ist es nicht zu spät,“ flehte sie ängstlich.

„Du thörichtes Kind, ich weiß ganz genau, was ich aufgebe, ich weiß aber auch, was ich dafür gewinne – das Beste, das Edelste, das Reinste, was die Welt hat.“

Es war still geworden in dem alten gewölbten Treppenhause, still und dunkel, unten fuhr eben polternd ein Wagen über das Steinpflaster. – Der letzte Tag des Jahres ging zu Ende, was wird das neue bringen?



20.

Die Erde stand im vollsten Frühlingsglanz. Das erste junge Grün schmückte Bäume und Sträucher; in Erving’s Garten blühten Narcissen und Flieder, der Goldregen bog sich über den Zaun, und der Rothdorn hing seine rosa geschmückten Zweige schwer hernieder unter all der Blüthenpracht; im Parke aber wiegte der laue Wind die jungen Blätter der Lindenbäume und küßte jedes Gräschen auf den weiten smaragdgrünen Rasenflächen, als wolle er ihnen erzählen von neuer Lust und neuem Leben. Und neue Lust und neues Leben verkündete auch der Wasserstrahl, der aus dem alten Sandsteinbecken krystallhell emporstieg, um rauschend und sprühend wieder herabzufallen. Wie einst vor langer Zeit, stand das Portal weit geöffnet, seine massiven gewaltigen Flügelthüren weit aufgethan, als wisse es, daß bald, in wenig Wochen, der glückliche Schloßherr sein junges schönes Weib über die alte Schwelle des väterlichen Hauses führen werde; von den Stufen der Treppe war der grüne Moosteppich verschwunden, und die beiden alten Bären schauten wunderlich trotzig unter ein paar mächtigen grünen Eichenkränzen hervor, die eine neckische Hand ihnen aus die ehrwürdigen Häupter gesetzt hatte.

Die langen Fensterreihen des Schlosses waren geöffnet, nur einige verhüllten dichte Vorhänge, diese Zimmer bedurften nicht der Frühlingssonne, denn ihre Bewohnerin fehlte; sie war fort, wirklich fort. Keine Wimper hatte gezuckt in dem stolzen Gesichte, als sie an jenem Sylvesterabend den elenden Wagen bestieg, der sie wegführte aus dem Orte, der Jahre lang ihre Heimath gewesen. Kalt und flüchtig hatten ihre Lippen auf der Stirn der Schwiegertochter und Enkelin geruht, wußte sie doch, daß dort oben im dämmerigen Corridor ihr Enkelsohn sich noch im letzten Augenblicke ein Glück gerettet, gegen dessen Schein alles Andere verblich und der ihre Augen blendete – und so schloß sie denn diese einst vielbewunderten Sterne, als sie an dem alten Portale vorüberfuhr, und ballte die feinen Hände, während sich Sanna aufschluchzend auf dem Wagen bog – vorbei, vorbei! Was wird ihr das kommende Jahr bringen?

Und nun wurde der junge Herr jeden Tag zurückerwartet. Er war bis zur Uebernahme des Gutes auf der Besitzung eines Freundes gewesen, um ohne Zeitverlust sich mit seinem Berufe vertraut zu machen. Da oben in dem kleinen verschlossenen Thurmzimmerchen stand Nelly mit dem alten Heinrich, die beiden runden Fenster waren ebenfalls weit geöffnet, und sie schaute mit glücklichem Lächeln hinaus über den Park, und ihre Blicke blieben an den im Sonnenlichte flimmernden Fenstern der Papiermühle haften, die wie in Blüthenpracht vergraben dalag.

„Schau, Heinrich!“ rief sie, „nun weiß ich auch, warum mein Bruder schrieb, wir sollten ihm gerade dieses Zimmerchen in Stand setzen.“

„O ja, hier ist eine gar schöne Aussicht,“ sagte der alte Mann mit einem verständnißvollen Lächeln in dem gefurchten Gesichte, „der Herr Baron wird gar nicht wieder hinaus wollen, wenn er erst einmal drinnen wohnt.“

„Es ist ja aber auch zu wunderhübsch hier!“ rief Nelly, sich in dem kleinen runden Gemache umschauend, „wie gemüthlich! Und die Aussicht!“

Heinrich schob ein paar altmodische Stühle, die um einen kleinen ovalen Sophatisch standen, zum hundertsten Male zurecht; „und nun noch die Eichenguirlanden um die Thür draußen, gnädiges Fräulein! Dann kann er kommen; dann ist Alles fertig, um und um. Ich hätte doch nicht gedacht, daß ich das noch erleben sollte,“ schloß er und schüttelte freudig den grauen Kopf, „es ist wunderbar auf der Welt, gnädiges Fräulein, ja wunderbar.“ – –

Auf der Mühle ging scheinbar Alles im alten Gleise weiter, nur die Hausfrau fehlte schon seit vielen Wochen, sie war mit der kranken Bertha des Oberinspectors nach Italien gereist, aber bald würde sie zurückkehren, hieß es, gesund und gekräftigt.

Die Muhme aber sorgte sich um ihren Liebling, sie sei auch eine gar zu stille Braut, meinte sie. Halbe Tage lang konnte das Mädchen sinnend und träumend vor sich hinschauen, am liebsten saß sie allein in ihrem Stübchen oben und ließ die Muhme sich plagen mit den gewichtigen Leinwandballen, die sie zum Zuschneiden und Nähen aus den alten Truhen hervorholte. „Es ist ihr Alles gleichgültig,“ murmelte sie betrübt vor sich hin, wenn ihre Augen über diesen wichtigen Schatz jeder Haushaltung glitten, „sie hat kein Interesse für ihre Aussteuer; das arme Kind, sie entbehrt so viel, sie weiß ja nicht, wie es ist, wenn Einen der Schatz so recht von Herzen lieb hat.“ Allabendlich aber, seit jenem Sylvester, falteten sich die alten Hände zum Dankgebet, daß die Baronin fort sei.

Und wieder senkte sich so ein Maiabend zur Erde, duftig und mondbeschienen, und wieder saß die alte Frau am Fenster ihrer kleinen Stube, die Hände gefaltet, und sann. Draußen rauschte wieder das Wasser in alter Melodie, die Schwärzwälder sagte dazwischen ihr einförmiges Ticktack und vom Hofe schallte der Gesang der Mädchen.

[860] „Wo ist nur Lieschen?“ fragte sie sich. „Ob er geschrieben hat, wann er kommt?“ Sie stand auf und trippelte aus der Stube, die Mondstrahlen huschten über das gute alte Gesicht und die schneeweiße Haube. „Lieschen!“ rief sie in das Wohnzimmer – keine Antwort, sie schritt zurück durch den dunklen Flur die Treppe hinauf. „Sie wird doch nicht weinen?“ dachte sie – sie schaute in das trauliche Mädchenstübchen – nirgend eine Spur von der Gesuchten. Kopfschüttelnd zog sie sich zurück und lenkte unwillkürlich ihre Schritte zu einer andern Thür, leise öffnete sie dieselbe, das Mondlicht füllte den kleinen Raum mit weißem flimmerndem Glanz, und in diesem silbernen Lichte, da stand unbeweglich die holde schlanke Mädchengestalt und schaute zum Fenster hinaus. Wie gebannt blieb die alte Frau stehen und sah zu dem lieblichen wohlbekannten Bilde hinüber, war es denn noch Jugendzeit? War das denn die Lisett wieder, die dort stand?

„Er kommt,“ jubelte da eine süße Stimme, „er kommt. Ich habe das Licht gesehen.“ Und leicht und zierlich war Lieschen an der alten Frau vorübergehuscht und dann wie ein holder Spuk verschwunden.

Richtig, da drüben schimmerte ein Licht im Thurmstübchen, die alte Frau stützte sich fest auf das Tischchen am Fenster und starrte hinüber, ihr Jugendtraum war wieder erwacht, „allgütiger Gott!“ sagte sie leise und die Hände verschlangen sich, „träume ich denn, träume ich?“

Und dann trieb es sie hinunter. Mit zögernden Schritten ging sie aus dem Hause; der Garten lag im weißen Mondlicht, und berauschender Blüthenduft hauchte sie an; wie einst in ferner, ferner Jugendzeit wandelte sie weiter, die Nachtigallen schlugen so heimlich, und von jenseits des Weges klang in zitternden Tönen das einförmige Concert der Frösche herüber. Jetzt trat sie auf den Kiesplatz vor der Laube – wirklich, es flüsterte da drinnen, leise schlich sie hinzu und bog die Zweige zurück, da saßen sie neben einander auf der Bank, sie hatte den Arm um seinen Nacken gelegt und ihr Gesicht an seiner Brust verborgen, und er küßte immer und immer wieder ihr braunes Haar und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamen. Und jetzt hob sie ihr Gesicht, und in dem hellen Mondstrahl, der sie streifte, sah die alte Frau ein paar große blaue Augen, die mit dem Ausdruck reinsten Glückes an seinem Antlitz hingen, das sich ihnen entgegen bog.

Behutsam ließ sie die Zweige fallen und trat zurück – sie hatte genug gesehen. Leise, leise schritt sie wieder den Weg entlang, und dann und wann wischte sie die Augen mit dem Schürzenzipfel. Unter den Lindenbäumen vor der Hausthür lag tiefes Dunkel, sie setzte sich auf die Sandsteinbank und schaute zum Garten hinüber mit gefalteten Händen und die alten Lippen murmelten ein heißes Dankgebet; was sie kaum zu hoffen gewagt, es war Wahrheit geworden.

Von jenseits des Wassers erklang eine frische Mädchenstimme in all die Frühlingsmelodien hinein, ein helles Kleid schimmerte im Mondlicht, näher und näher kam der Gesang, und deutlich tönte jedes Wort in das Ohr der alten Frau:

Die Lieb’ kommt wie der Frühling leis,
Eh’ man gedacht der losen,
Und zaubert an ein welkes Reis
die allerrothsten Rosen.

Sie weckt die schönste Melodei
Im Herzen, das noch eben
An keine Ros’, an keinen Mai
geglaubt mehr hat im Leben.

„Lieschen! Army!“ rief sie dann laut in den stillen Garten hinüber, als sie unter den Lindenbäumen stand, „wo seid Ihr?“

Keine Antwort – nur die Nachtigallen sangen weiter. „Laß’ sie, Nelly,“ sagte eine alte Stimme neben ihr, und eine Hand zog sie nieder auf die Bank, „laß’ sie den Mai genießen! Es gab gar so viele Stürme, eh’ ihre Rosen erblühen konnten.“

Und das Mondlicht zitterte über den Wipfeln der Bäume, das Wasser rauschte, und „Gott erhalte ihnen die Rosen und den Mai!“ flüsterte noch einmal der Mund der alten Frau, „die Rosen und den Mai!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lieschen liest Theodor Storm: Die Zeit ist hin
  2. Diese und ff. nicht lesbaren Textstellen nach –Lumpenmüllers Lieschen. Roman. Ernst Keil, Leipzig 1879 Internet Archive- ergänzt und korrigiert