Die deutsche Kunst auf der Pariser Weltausstellung

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Autor: Fritz Wernick
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Titel: Die deutsche Kunst auf der Pariser Weltausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 692–697
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe: Noch einmal die deutsche Kunst auf der Pariser Weltausstellung
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Die deutsche Kunst auf der Pariser Weltausstellung.

Als Deutschland im vorigen Jahre seine Betheiligung an der Pariser Weltausstellung ablehnte, hatte es dazu seine guten Gründe. In München waren kurz vorher die Erzeugnisse der deutschen Kunstindustrie ausgestellt gewesen, und wesentlich Neues konnte man nicht nach Paris schicken. Außerdem meinte man vielleicht, daß das Unternehmen nachträglich aufgegeben oder auf spätere Zeit würde verschoben werden. Die Pariser Ausstellung kam aber zu Stande, versprach glänzend zu werden. Frankreich bedauerte das Fernbleiben Deutschlands lebhaft, und sein Botschafter in Berlin, Graf von St. Ballier, hat wohl zuerst die Anregung zu einer nachträglichen Betheiligung des deutschen Reiches an dem friedlichen Wettkampfe aller Völker gegeben. Unser Reichskanzler

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Die Gartenlaube (1878) b 693.jpg

Der Ausstellungssaal der deutschen Kunst auf der Pariser Weltausstellung.
Für die „Gartenlaube“ nach der Natur gezeichnet von H. Vogel.

[694] ergriff die dargebotene Hand und sagte das Erscheinen Deutschlands auf dem Marsfelde zu. Aber es war zu spät, um die deutschen Gewerbetreibenden zur nachträglichen Betheiligung aufzufordern. So faßte denn Fürst Bismarck einen praktischen, glücklichen Gedanken. Er stellte den Franzosen die Ausstellung der deutschen Kunst in Aussicht, und was er zugesagt, das pflegt er auch zu halten.

Ganz leicht wurde ihm diesmal die Sache nicht. Der Kaiser ging schnell und gern auf den Vorschlag ein, dessen Ausführung die Friedensliebe und das gute Einvernehmen mit dem früheren Feinde bezeugte. Aber die Künstler? Leicht wäre es gewesen, mit dem, was allein Berlin besitzt, den zugewiesenen Raum glänzend zu füllen. Es sollte jedoch nicht die Berliner, sondern die gesammte deutsche Kunst in Paris vertreten sein. Deshalb galt es, die großen deutschen Kunststätten, vor allen München, Düsseldorf, Weimar zu gewinnen. Dazu brauchte man einen zweiten Bismarck, der mit Eifer, Geschick, Thatkraft, unterstützt durch einen Namen von bestem Klange in der Künstlerwelt, die Ausführung leitete, sich durch keine Schwierigkeiten und Hindernisse zurückschrecken ließ. Ein solcher wurde in Anton von Werner, dem jugendlich-genialen Director der Berliner Akademie, gefunden. Es gehörte das Talent eines Feldherrn und das eines Diplomaten dazu, die Aufgabe so meisterhaft, wie es geschehen, zu vollbringen. Nur wenige Wochen vor Eröffnung der Ausstellung wurde die Theilnahme des deutschen Reichs beschlossen. Nur einen kleinen Saal konnte man in dem bereits überfüllten Bau des Marsfeldes unserer Kunst zur Verfügung stellen. Und aus ganz Deutschland sollte in dieser kurzen Zeit, in diesem beschränkten Raume das Beste gesammelt werden, damit wir würdig, der Bedeutung unseres künstlerischen Vermögens angemessen, in Paris auftreten konnten. Dies die eine Seite der Aufgabe. Dann aber galt es mancherlei Bedenken und Vorurtheile zu beseitigen. Der Entschluß war so plötzlich gekommen, daß man in München und Düsseldorf sich nur schwer an den Gedanken seiner Ausführung gewöhnen konnte. Zuerst glaubte man von Berlin überrumpelt worden zu sein und wollte jede Mitwirkung ablehnen. Dann verursachte die Auswahl unglaubliche Schwierigkeiten. Kein Maler von Bedeutung durfte übergangen werden, nicht jedes Bild von jedem derselben aber eignete sich für unsere Ausstellung: denn der beschränkte Raum gebot zunächst die Ausschließung aller gar zu großen Gemälde; schickliche Rücksicht gebot ferner, keins der Kunstwerke nach Paris zu senden, welche die letzten Ruhmesthaten unseres Volkes und des Heeres verherrlichten. Sogar die Bildnisse unserer berühmten Staatsmänner, Feldherren und der Mitglieder der Herrscherfamilien sollten unseren Saal in Paris nicht schmücken dürfen.

Werner ging mit gutem Muthe, mit fester Zuversicht und mit bewundernswerthem Geschick an’s Werk. Er umgab sich mit einem vortrefflichen Generalstabe, in dem auch die andern deutschen Kunstgenossenschaften vertreten waren, und bald hatte er alle Schwierigkeiten überwunden. Er erfaßte seine Aufgabe höher, als sie ihm ertheilt worden war: Er wollte nicht nur den deutschen Saal in Paris mit guten deutschen Kunstwerken füllen, sondern trachtete darnach, durch die Gesammtheit dieser Kunstwerke die deutsche Kunst in ihrer nationalen Eigenartigkeit der Welt zu zeigen.

Als der Kaiser die Theilnahme der deutschen Kunst auf des Grafen St. Ballier Ersuchen und des Fürsten Bismarck lebhafte Befürwortung gestattet hatte, mußte zunächst für einen entsprechenden Raum gesorgt werden. Die beiden Säle, welche man den französischen Staatswerkstätten angewiesen hatte, der Porcellanfabrik von Sèvres, der Bildteppichweberei von Gobelin, wurden vereint den Deutschen eingeräumt.

Alle Eingänge des Raumes waren mit Zäunen vernagelt, selbst die schmalen Thüren verbargen sich hinter Vorhängen. Niemand vermochte einen Blick zu werfen auf das Schaffen der Deutschen. Unsere Arbeiter, die alle Mundarten der deutschen Gaue redeten, waren sehr gewissenhaft und ließen selbst den neugierigen Landsmann nicht ein. Zum Ueberfluß hatten die Franzosen noch einige uniformirte Schutzleute vor die Eingänge gestellt. Länger als zwei Wochen nach der Eröffnung blieb der deutsche Saal verschlossen. Die Neugier der Ausstellungsgäste, besonders der Franzosen, stieg. Wir Deutschen sahen nicht ohne Besorgniß dem Tage entgegen, an dem unsere vaterländische Kunst auf dem Kampfplatze erscheinen würde, zu einem Wettstreite, für den alle Völker, zumeist natürlich das französische, seit Jahren gerüstet hatten. Und wenn man die Fülle, den Werth, die durchschnittliche Vortrefflichkeit der Leistungen, die alle Kunstgallerien der europäischen Länder enthielten, vorurtheilslos betrachtete, so schien diese Besorgniß nicht unberechtigt. Die meisten waren zeitig genug mit ihren Ausstellungen fertig geworden. Nur Belgien, Rußland und die Säle der französischen Bildhauerei blieben noch verschlossen gleich dem unsrigen. Zu sehen gab es also genug.

In der Mitte des Maimonats, an einem Sonnabend, gegen drei Uhr Nachmittags, wurde die Ausstellung der deutschen Kunst mit besonderer Feierlichkeit eröffnet. Anton von Werner und Genossen hatten in der kurzen Zeit Staunenswerthes geleistet, dank besonders der rastlosen Energie des ersteren, welcher überall getrieben, im letzten Moment sogar persönlich Hand angelegt hatte, um das glücklich begonnene Werk rechtzeitig zu vollenden. Es wohnten der deutsche Botschafter, Fürst Hohenlohe, die Vertreter der französischen Ausstellungs-Direction und zahlreiche Mitglieder der deutschen Gemeinde in Paris der Eröffnung bei. Werner, umgeben von den deutschen Künstlern, die ihn unterstützt hatten, wandte sich an den Botschafter in deutscher Rede. Der Auftrag, der ihm geworden, sei heute erledigt, so gut es in der kurzen Zeit möglich gewesen; er übergebe hiermit das kleine Stück Deutschland auf dem Marsfelde dem Vertreter des Kaisers und des Reiches. Der Fürst stellte den deutschen Saal unter den Schutz der französischen Ausstellungsbehörde; diese dankte durch ihren Commissar, Herr Berger, für das Erscheinen unseres Vaterlandes auf dem Marsfelde, und die deutsche Ausstellung war eröffnet.

Aller Zweifel, alle patriotische Sorge war auf den ersten Blick gehoben. In der gesammten Anordnung, in der Auswahl und in der Zusammenstellung der Kunstwerke, durch die Gesammtheit dieser Ausstellung hat Werner bewiesen, daß er ein großer Künstler ist. Man empfindet sofort das Allgemeine des Eindrucks, die vornehme Ruhe, die wohlthuende Behaglichleit, den künstlerischen Athem, den das Ganze ausströmt, ehe man noch daran denkt, sich nach Einzelheiten umzusehen. Man fühlt sich nicht in einer Ausstellung, sondern könnte sich eher in einem Saale wähnen, den ein vermögender und geschmackvoller Kunstfreund, ein Kunstfreund mit warmem Herzen und tiefem Gemüth, ausgestattet hat mit seinen Lieblingen. Da drängt und drückt kein übermäßig großes Gemälde auf uns ein und stellt alle bescheideneren Nachbarn in Schatten, da sehen wir nicht jeden Zollbreit Wandfläche ausgenutzt, da schädigt der eine Künstler den anderen nicht; jeder findet bequem Platz. Man hätte gewiß noch ein Dutzend Bilder mehr aufhängen, den knappen Raum also gründlicher ausbeuten können. Daß man dies nicht gethan, das verdient ganz besondere Anerkennung, denn dadurch wird der vornehme heitere Eindruck des Ganzen entschieden begünstigt.

Der deutsche Saal ist etwas länger als breit, erhält sein Licht von oben und hat in der Mitte der beiden schmäleren Wände je eine Pforte. Man hat sich in der baulichen Gestaltung und in der inneren Einrichtung an Vorbilder aus jener Zeit vor etwa 300 Jahren gehalten, als in Deutschland Kunst und Kunstgewerbe in höchster Blüthe standen, auf der die Meisterwerke der Kunsttischlerei, der Teppichweberei, des Hausrathes stammen, die wir noch heute bewundern. Die beiden Pforten sind, nach einem Entwurfe des Münchener Bildhauers Hedon, eingerahmt von Säulen, Gesimsen und Krönungen von schwarzem Holze, das man an den unteren Theilen der Säulenschafte mit rothbraunem Sammt überkleidet hat. Ein feines Spiel von nachgeahmten Elfenbeineinlagen belebt die etwas ernsten, schwarzen Säulenpforten freundlich. Ueber denselben steht als Schild der deutsche Reichsadler auf goldenem Felde, und „Deutsches Reich“ leuchtet in lebhafter Schrift von der Höhe des Portals an die Weite. Ein schwerer, alter Teppich, ein Kunstwerk aus jener Zeit der kunstgewerblichen Blüthe, hängt vor den hohen Eingangsthore und wird nur so weit aufgezogen, daß man bequem darunter hinweggehen kann. Drinnen umläuft ein Gesims die Wände und grenzt etwa drei Viertel ihrer Höhe ab. Dort, auf einer braunvioletten matten Tapete mit breiten Atlasstreifen, sind die Gemälde aufgehängt, so daß das Auge jedes bequem erreichen und betrachten kann. Dieser untere, von dem breiten Leistengesimse abgeschlossene Theil der Wände ist allein benutzt worden; nur wenige größere Gemälde, die auch aus weiterer Ferne gesehen werden können, ja [695] eigentlich gesehen werden müssen, wie Henneberg’s „Jagd nach dem Glück“, lehnen oberhalb auf der Leiste des Gesimses an der Wand, die hier eine bräunlich grüne Farbe trägt. Durch weiße Zelttücher, die in weichen Falten über dem Mittelraum schweben, wird das grelle Licht angenehm gedämpft; es strömt völlig gleichmäßig und sonnenlos auf den ganzen Saal.

Dieser Saal enthält in der Mitte eine reizende Zusammenstellung, die, ohne die Aussicht zu beschränken oder beengend zu wirken, ein kleines Gemach bildet. Das formt sich scheinbar absichtslos aus zwei niedrigen spanischen Wänden, an denen die Meisterwerke der beiden Achenbach, des alten Menzel, von Gebhardt’s, des Münchener Leibl Plätze gefunden haben, an den beiden Langseiten. Die kurzen, den Eingängen zugekehrten Grenzen dieses Mittelgemachs deuten nur Bildhauerwerke an, Gruppen, Bildnißköpfe, kleine Gestalten, die sich alle der Mitte zuwenden. Dieser also leicht umschlossene Raum wird ausgefüllt durch einen Tisch, prachtvolle alte Lehnstühle, die rings um ihn stehen, durch Polstersitze zu Füßen der auf hohen Sockel gestellten Bildwerke und durch zierliche Staffeleien, auf denen die besten Aquarellen des alten Menzel zu sorgfältigster Betrachtung einladen. Die Fußgestelle der Bildhauerarbeiten verbergen sich in vollen Gruppen von Tropenlaub, und ähnlich grüner Blattschmuck umgiebt auch den Fuß der Säulenpforten.

So sieht es in dem Saale der deutschen Kunst auf der Pariser Weltausstellung aus. Der einladende Mittelbau bestimmt zumeist seinen Charakter. Er erscheint wohnlich; Alles athmet hier heitere Behaglichkeit, verbunden mit würdigem Ernste und künstlerischer Pracht. Auf den dicken Teppichen hört man das Rücken der sammetgepolsterten Lehnstühle kaum, wenn man an dem Tische Platz nimmt, um in den Prachtwerken zu blättern, die hier in großer Zahl ausliegen. Wir finden unter ihnen ziemlich Alles, woran der Sinn unseres Volkes sich erfreut. Die Blätter, durch welche Goethe’s Faust, Schiller, Shakespeare geschmückt sind von Kreling, Liezen-Mayer und Piloty, die Sammlung, die uns Gustav Freytag’s Dichtungen gestaltenreich vorführt, die bilderreiche Reisewerke vom Rhein, aus der Schweiz, aus Italien, die „Pletschbücher“, die reizenden Skizzen Hendschel’s, die Zeichnungen des Altmeisters Menzel zu Kleist’s „Zerbrochenem Krug“ – Alle sind da, nur Einen vermissen wir, und zwar einen der Bedeutendsten: Anton von Werner fehlt. Die Bilderreihe zum „Gaudeamus“, zum „Trompeter von Säckingen“ und manches Andere, das den Künstler zuerst bekannt und berühmt gemacht, hat er aus übertriebener Bescheidenheit vom Büchertische der deutschen Kunst ausgeschlossen.

Nicht die Pracht, nicht allein die sorgsame Auswahl und Anordnung der Kunstwerke zeichnen den deutschen Saal vor allen anderen aus. Es ist vorzugsweise die Gesammtstimmung, der künstlerische Gedanke, dem dieselbe entsprungen, was uns sofort fesselt und anmuthet. Diese von den Ordnern geschaffene Gesammtstimmung ist durchaus keine willkürliche, künstlich hineingetragene. Sie wird bedingt durch den Inhalt des Saales, durch den Charakter der deutschen Kunst. Unsere Maler sind nicht gewöhnt, strenge akademische Fesseln zu tragen. Jeder schafft frei aus sich heraus, folgt dem Zuge des Herzens als ein Wesen für sich. Von Malerschulen kann man in Deutschland eigentlich kaum reden, von Schulen wenigstens nicht, die mehr als das Malen selbst lehren. Diese Freiheit der künstlerischen Entwickelung läßt vielleicht das mittelmäßige Talent in seiner Ausbildung und seinen Leistungen etwas zurückbleiben gegen den gleich begabten Franzosen. Das Genie aber, die wahrhafte poetische Kraft wird bei uns das Höchste leisten, uns jene seltenen Weihestunden der Erhebung bereiten, die wir nur echten Kunstwerken verdanken. Bei all ihrer Tüchtigkeit und Reife lassen die französischen Maler uns kühl, werden auf die Dauer mitunter fast langweilig. Die deutschen, selbst die weniger großen, sprechen beinahe immer zu unserem Gemüthe; oft fordern sie den Tadel heraus, aber sie langweilen niemals. Denn trotz ihres Auseinandergehens, Jeder nach seiner persönlichen Richtung, besitzen sie doch ein Gemeinsames: die Seele, das Gemüth, den Humor. Dieser gemeinsame Zug hat das in schöner künstlerischer Freiheit weit aus einander gehende künstlerische Schaffen äußerlich in feste Grenzen, in einen geschlossenen Rahmen gefügt, in den Jeder sich einordnen muß. Innerhalb dieser Grenzen nun athmet Alles Heiterkeit, Gemüthswärme; hier spüren wir das Walten einer Seele, das Wehen des warmen erquickenden Hauches, den fast jedes gute deutsche Kunstwerk ausströmt. So glauben wir das Walten der schaffenden und ordnenden Kräfte in unserer Ausstellungshalle zu verstehen, und darin offenbart sich ihre eigene Künstlerschaft. Einerlei ab bewußt oder unbewußt, der deutsche Saal wirkt auf Jeden gleich.

Nicht nur umfangreiche Gemälde, auch das große Geschichtsbild überhaupt fehlt in diesem Raume ebenso, wie die Darstellungen aus dem Kriege und die Verherrlichung der Siege. Dennoch herrschen die gestaltenreichen Zeit- und Sittenbilder über die Landschaften vor. Alle unsere Besten, die auf diesem Gebiete schaffen, finden wir hier. Knaus erscheint da wieder als der größte unter allen, nicht nur der unserigen. Keiner sonst vermag wie er den Menschen tief in’s Herz zu sehen, mit ihnen zu lachen und zu trauern. Das Kindergemüth, kindliche Lust, die kleinen Aengste und Schrecken, die drolligen Erscheinungen des jugendlichen Lebes beschäftigen ihn am liebsten. Deshalb durfte das Gastmahl der Kleinen hier nicht fehlen, diese Gesellschaft von Kindern, in deren possirlichem Gebahren uns eine ganze Welt des gesundesten, feinsten Humors entgegenlacht. Den Ernst des Lebens weiß dieser Meister mit derselben Kraft des Gemüthes zu erfassen. Aber nicht das Bauernbegräbniß, nicht die Gruppe von Landleuten, selbst nicht die schmausende Kinderschaar ziehen die Besucher vorzugsweise an, sondern zwei andere Bilder des Meisters, vor denen sich stets ein dichter Knäul von lachenden Menschen zusammendrängt. Auf dem einen sehen wir einen älteren jüdischen Handelsmann, der den Sohn, einen langen rothhaarigen Bengel, in der Kunst des Handelns unterweist. Halb dämlich, halb verschmitzt hört der Junge auf die Lehren und macht sich dabei offenbar seine eigenen Gedanken. Das zweite Bild zeigt uns den Burschen allein. Er hat sein erstes gutes Geschäft gemacht, ein besseres vielleicht, als der Vater daheim erwartet. Denn er läßt schmunzelnd ein Geldstück in die Tasche gleiten; Alles lacht an ihm, und wir können nicht umhin, mitzulachen. Ist Knaus der vielseitigste unter unseren deutschen Sittenmalern und Humoristen, so steht ihm eine große Anzahl anderer, die sich ein bestimmtes Gebiet des Schaffens erwählt haben, auf diesem gleich. Defregger führt uns unter die Tiroler Bauern, Grützner in den Klosterkeller zu zechenden Mönchen, Leibl unter politisirende Landleute, Altmeister Menzel in einen Ballsaal während der Pause, wo die alten Glatzköpfe sich um die schöne weibliche Jugend drängen, um mit ihr zu plaudern; Fr. Werner, der einzige, dessen preußische Soldaten Zutritt auf der Ausstellung gefunden haben, zeigt uns vier Grenadiere mit Puderlocken und spitzen Mützen, die durch ein Parkgitter mit zwei Kindermägden scherzen und dabei so aus vollem Halse lachen, daß der Beschauer sofort davon angesteckt wird. Ueberall, ob das Leben der Familie, ob Bauern, Kinder, Mönche, turnende Jugend, vornehme Damen, ob eine durch den Zusammenbruch der Volksbank in Schrecken gerathene Gesellschaft die Künstler beschäftigen, überall spricht aus diesen ihren Schöpfungen Humor, Gemüth, Seele, ziehen sie uns an durch Wärme der Empfindung, überzeugen sie uns durch Wahrheit, erregen sie, weit entfernt blos äußerlich zu befriedigen, unser Inneres.

Fast mehr noch ist dies der Fall bei den Gemälden, die ernste Stoffe behandeln. Ein Bild wie „Die Taufe des Neugeborenen“ von Hoff vermag heute wohl nur ein deutscher Künstler zu malen. Von Gabriel Max, ohne den die deutsche Ausstellung nicht vollständig gewesen wäre, hat man „Die Erweckung der Tochter des Jairus“ hingelehnt. Da die ästhetische Abtheilung das bleiche „Christenmädchen“ von ihm enthält, welches, in den Löwenzwinger geworfen, mit einem letzten rührenden Blick dem Spender einer Rose dankt, die ihr von einem Freunde hinabgeworfen worden, so war dieses blasse und schlummernde Kind, das die edle Gestalt des Heilands zum Leben erweckt, jedenfalls die glücklichste Wahl. Biblische und religiöse Gemälde enthält unsere Ausstellung nur sehr wenige, und sie alle wenden sich vorzugsweise an unser menschliches Empfinden, wie das rührende „Abschiedsmahl“ von K. Gerhardt und „Die Mutter“ von Krug. Der gespenstische „Zug des Todes“ von Spangenberg, die „Meeresidylle“ von Böcklin, „Die Jagd nach dem Glück“ von Henneberg, Gemälde, die nicht das wirkliche Leben schildern, sondern phantastischen Vorstellungen Gestalt geben wollen, hat man wohl nicht ganz ohne Absicht oberhalb der Gesimsleiste ausgestellt, also dem Beschauer etwas in die Ferne gerückt, um in die Gesammtstimmung des abgeschlossenen Bilderfeldes keinen [696] fremden, etwa gar störenden Zug zu bringen. Vielleicht aus gleichem Grunde, vielleicht auch um es den fremden Gästen recht nahe vor Augen zu führen, hat Menzel’s großes „Walzwerk“ seinen Platz an der kleinen spanischen Wand gefunden. Zuerst gingen die Leute meist an diesem eigenartigen Kunstwerk vorüber, achteten der dunklen Gesellen wenig, die mitten im rothen Feuer ihr heißes Tagewerk vollbringen. Mehr und mehr aber erwirbt das Bild sich Freunde, zwar nicht unter dem großen Haufen wohl aber seitens der Kenner, die immer wieder zurückkehren und diese meisterhafte Schilderung der harten, sauren Arbeit bewundern.

Die Bildnißmalerei unserer Landsleute zeigt mehr als jeder andere Zweig dieser Kunst, wie sehr die Wege unserer Besten aus einander gehen. Der geistvolle, liebenswürdige Gustav Richter, der sinnige, fesselnde, gemüthstiefe Fr. Kaulbach, der kräftige, fest die Wirklichkeit erfassende, mit unerbittlicher Treue sie wiedergebende Gussow, dann Lenbach, Schrader, Biermann, alle sind sie unter einander gänzlich verschieden; Jeden erkennt man sofort an seiner eigenen Weise, und jeder ist in ihr ein Meister. Auch Karl Becker durfte hier nicht fehlen. Er giebt dem deutschen Saale einen Zug von Feststimmung durch die „Dichterkrönung Ulrich’s von Hutten“ und das „Ehrenmahl Albrecht Dürer’s“, und Scheurenberg’s „Plaudernde Damen“, das „Mädchen“ von Wünnenberg, welches sich über das auf der Schleppe ihres Seidenkleides spielende Kätzchen freut, verstärken denselben. Nur wenig, wohl nur um zu beweisen, daß wir auch solche Gebiete zu beherrschen wissen, hat man das Leben, die Sitten, die Art fremder Völker in der Auswahl künstlerischer Darstellungen berücksichtigt, die den knapp gemessenen Raum der deutschen Abtheilung füllen. Gentz und Joseph Brandt, jener der Maler des Orients, dieser sich Stoffe aus dem Leben der slavischen Heimath holend, vertreten diese Gattung auf’s Würdigste. Ungetheilte Bewunderung erregen Brandt’s „Kosaken aus dem 17. Jahrhundert“, die mit hellem Jubel, mit Musik und Gesang ihre geliebte Steppe begrüßen.

Selbst in der Thiermalerei und der Landschaft der Deutschen verrathen sich ihre beiden charakteristischen Eigenschaften sofort deutlich. Jeder malt anders. Da treten wir zu Paul Meyerheim, dem köstlichen Humoristen, der das Leben der Thiere mit so treuem, liebevollem Auge studirt, wie Knaus das der Kinderwelt, zu Gebler, dessen Schafe neugierig ihr Bild beschnuppern, welches der Maler im Stalle hat stehen lassen, zu Steffeck, Brendel, Hierymsky, zu Volz und Mali, die weit aus einander gehen und sich doch zusammenfinden in dem, was den echten Künstler macht, in Wahrheit und treuer Beobachtung der Natur. Die Landschaft tritt zurück gegen die anderen Gebiete der Malerei. Da man zur Enthaltsamkeit genöthigt, war es sehr weise, diese gerade hier zu üben. Was wir leisten können, bezeugen Vertretungen aller landschaftlichen Schulen unserer deutschen Kunststätten, die allerdings wieder ebenso viele verschiedene Richtungen vertreten. Lier aus München, Max Schmidt aus Königsberg, Scherres aus Berlin, Leu aus Düsseldorf, dann Lessing, Kalkreuth und vor Allen die beiden Achenbachs genügen, um der ganzen Welt zu zeigen, was die deutsche Landschaftsmalerei vermag. Nennen wir nun noch Riefstahl, dessen Bilder sich in keine bestimmte Gattung einordnen lassen, erwähnen wir eine wundervolle antik-römische Architektur des verstorbene Harder, so werden wir zwar lange nicht alles Vortreffliche, was der deutsche Saal aus diesem Kunstgebiete enthält, berührt, hoffentlich aber genügend berichtet haben, um den Eindruck zu charakterisiren, welche der Besucher in dieser Beziehung erhält.

Unser Saal ist der einzige, wo bei der Vereinigung von Bildern und Marmorwerke das Eine das Andere nicht stört. Bleibt man im mittleren Raume, in der Nähe des Tisches und der Polstersitze, so bemerkt man die Gemälde an den Wänden kaum, dann gehört alle Aufmerksamkeit den aus dem Laubdickicht sich erhebenden Bildwerke. Wir sind mit diesen etwas weniger glücklich gewesen als mit den Gemälden. Das aber liegt zumeist an den Verhältnissen und gebotenen Rücksichten. Das Beste, was die deutsche Bildhauerkunst geleistet, sind die Denkmale und Ehrensäulen, die man verdienten Männern oder den Ruhmesthaten des Volks errichtet hat. Was neu entstanden, betrifft fast ausschließlich den Krieg, und das durfte man hier nicht ausstellen. Das Luther-Denkmal von Worms, das Maximilian-Denkmal von München sind schon auf früheren Weltausstellungen vorgeführt worden. Die bewegten Gruppen, ein Raub der Sabinerinnen, das Volkslied und die Dichtkunst, Liebesgötter, tanzende Bacchanten, die Bildnißköpfe von Begas und von dem Münchener Bildhauer Waagmüller sind zwar meisterhaft, aber nur in der großen, der Denkmals-Kunst überragen wir die andern Völker. In diesen mehr malerischen, spielende Gebilden kommen uns die Franzosen, die Italiener, die Dänen gleich.

War die Schaar der Besucher sichtlich befriedigt, ja entzückt von dem deutschen Saale, so war die Wirkung auf die Kunstgenossen der nächsten Nachbarschaft eine ganz andere. Unseren Krupp, unseren Moltke, allenfalls noch unseren Bismarck will man uns zugestehen, sonst aber sind wir Barbaren, Hinterwäldler. Nun kamen diese Barbaren in allerletzter Stunde, kamen ohne jede Vorbereitung, nur um doch auch den Franzosen noch Ehre und Huldigung zu erweisen, ihren Ruhm mehren, ihren Triumph vergrößern zu helfen, und siehe da! ihr kleiner Saal wurde der schönste der gesammten Kunstausstellung aller Völker. Das war unbestreitbar. Mochte man über die einzelnen Kunstwerke noch so verschiedener Meinung sein, als Ganzes, in seiner edlen Würde, seiner geschmackvollen Einrichtung und Ausstattung, seiner einladenden freundlichen Stimmung übertraf er die ganze lange Reihe der Nachbarn. Das schlug ein wie eine Bombe.

Die Engländer blieben ruhig. Sie besaßen wenigstens Teppiche, Vorhänge, Polstersitze. Auch Italien, Oesterreich, Dänemark und alle die kleinen Kunstländer waren so verständig, nichts mehr zu rühren und zu bessern. Nur die Franzosen stürmten wider ihre Commission. Klagen, Angriffe, Vorschläge wurden laut. So kahl, so nüchtern, so unbehaglich durfte es in den französischen Sälen nicht bleiben. Die Stimme des Volks, auch des Kunstvolks, ist nicht ohne Macht und Einfluß in Frankreich. Man hörte auf sie auch hier. Ueber Nacht suchte man ihr den Mund zu stopfen. Vor die Eingänge mußte der Tapezierer schleunigst Vorhänge von rothem Sammet mit goldenem Getröddel hängen. Das sah wenigstens prächtig aus. Auf dem Fußboden fanden sich Decken, in die Mitte der langen Säle wurden einige Polster gestellt; die derben Holztäfelchen an dem Fuße der Wände, die Durchgänge von einem Saal zum andern bekleidete man unschön genug mit billigen rothen Wollenstoffen. Man hätte sich mit den Sitzen und Fußdecken begnügen sollen, dann wäre dem Bedürfnisse Rechnung getragen gewesen; der Versuch des Schmückens war entschieden mißlungen. Besser waren die früher bezeichneten Ausstellungskörper daran, die ihre Kunsträume noch geschlossen hatten. Dort wurde die bereits festgesetzte Eröffnung von einem Tage zum andern aufgeschoben. Bei den Belgiern, die uns schon wochenlang durch offene Thüren und Zaunspalten in ihre nahezu vollendete Kunstausstellung blicken ließen, ward plötzlich wieder Alles abgesperrt und vernagelt. Es begann dort zu kribbeln, wie in einem Ameisenhaufen. Man schleppte rothe Stoffe, Polster, Teppiche zusammen. Auch die Säle der französischen Bildhauerei blieben gesperrt. Aber das half alles nicht viel. Bessere Feldherren sind oder haben wir Deutschen nun doch allemal. Das beweist auch diese Ausstellung. Daheim ist in sorgfältiger Berathung, mit genauester Rücksichtsnahme auf Raum und Zweck tagelang der Plan festgestellt, seine Ausführung vorbereitet worden. In festbestimmter, wohlberechneter Schlachtordnung sind wir hier erschienen. Was die Andern kopfüber in größter Eile gethan, um uns, wenn nicht zu schlagen, so doch zu erreichen, hat sich als wenig wirksamer Nothbehelf erwiesen. Die Wände in den französischen Bildhauersälen sind mit alten Bilderteppichen bekleidet, auf denen Jagden, Liebesgeschichten, Blumen, Früchte, Helden und Götter in matten Farben prangen. Das paßt wenig zu dem Inhalt der Räume, eint sich gewiß nicht mit ihm zu irgend einer Harmonie. Die dunkelrothen Wollenhüllen, die weichen Sitze der belgischen Abtheilung nehmen wir dankbar hin; wir würden sie aber kaum bemerkt haben ohne ihre besondere Vorgeschichte.

So hat unser Deutschland auch hier unter schwierigen Verhältnissen, auf hart bestrittenem Boden einen glänzenden Sieg errungen mit dem kleinsten Heere. Aber es sind Kerntruppen, die wir auf das Marsfeld gebracht, und geführt hat sie ein besonnener, kluger, aber darum nicht minder muthvoller, siegesgewisser Feldherr: Anton von Werner.

Fritz Wernick.