Wer ist „Hans auf der Wallfahrt“?

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Eduard Arens
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wer ist „Hans auf der Wallfahrt“?
Untertitel:
aus: Eichendorff-Kalender auf das Jahr 1919 Ein romantisches Jahrbuch
Herausgeber: Wilhelm Rosch
Auflage:
Entstehungsdatum: 1919
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag: Parcus
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch August von Arnswaldt und Wünschelruthe
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[62]
Wer ist „Hans auf der Wallfahrt“?
Von Eduard Arens

In der kurzlebigen Zeitschrift „Die Wünschelruthe“ (Göttingen, bei Vandenhoeck und Ruprecht, Januar bis Juni 1818), einem Unternehmen echter Romantik, findet sich neben anderen meist durchsichtigeren Pseudonymen auch ein „Hans auf der Wallfahrt“. Von ihm sind 6 stimmungs- und empfindungsreiche Gedichte beigesteuert, nämlich[1]

Nr. 8 (26. Jan.) S. 32 „Der Lindenzweig“ (Anfang: Sommer will aus heißem Herzen),

Nr. 15 (19. Febr.) S. 60 „Lied“ (Ich bin lustwandeln gegangen am Meer),

Nr. 31 (16. April) S. 123 „Lied“ (Wenn die Stern’ am nächt’gen Himmel ziehen),

Nr. 43 (28. May) S. 170 „Der Knabe am Strome“ (Wo die Wasser strömen, da wird mir so wohl),

Nr. 48 (15. Juny) S. 189 „Des Knaben Meerfahrt“ 1–3 (1. Was fügst du, lieber Knab, zusamm’n; 2. Es blicken zwei Augen aus grünen Nach’n; 3. Was hör’ ich die Wälder rauschen),

Zugabe Nr. 1 (July) „Der Kranz im Rhein“ (Der alte Rhein der rauschet).

Das von der Deutschen Bibliograph. Gesellschaft herausgegebene Bibliograph. Repertorium 1. Zeitschriften der Romantik S. 331, 9 (ebenso im Register S. 454) vermutet, der Dichter sei vielleicht J(ohannes) Kreuser, weil der sich nach Goedeke VII 1, 1124 auch des Pseudonyms „Hans Wohlgemuth“ bedient habe. Nun ist diese Vermutung schon an sich wenig stichhaltig, da ja nicht unbedingt [63] jeder pseudonyme Hans einem wirklichen Hans oder Johannes zu entsprechen braucht; außerdem liegt „Wohlgemut“ von „Wallfahrt“ ziemlich weit ab. J. Kreuser[2], geb. 1795, 1814 Lehrer am Kölner Jesuitengymnasium (später Marzellen- jetzt Dreikönigsgymnasium), 1817 zu weiterer Ausbildung nach Berlin gesandt, wo er bis 1820 studierte, seitdem wieder Lehrer an Marzellen bis 1860, erst 1870 gestorben, hat außer anderm eine Reihe von Gedichtsammlungen veröffentlicht. Pseudonym (als „Hans Wohlfahrt“) aber nur die „Zeitgedichte“ 1843; hier liegt ja der Grund, weshalb er Verstecken spielte, klar auf der Hand. Bei seinen anderen Dichtungen hatte es wenig Zweck. So hat er denn auch die erste Sammlung 1824 unter vollem Namen (nicht, wie Leimbach a. a. O. glaubt, „wohl anonym“) herausgegeben.[3]

[64] Kreuser hat nun tatsächlich an der „Wünschelruthe“ mitgearbeitet, aber wieder mit seinem vollen, offenen Namen; er lieferte einen Aufsatz „Über die Einführung des Chores auf unserer Bühne“, dazu einige fade Chorlieder für Zwischenakte; und dann eine Romanze: Liebe in Tönen („Aus Toledos Blumenmauern“).

Diese ist auch in die „Dichtungen 1824“ S. 53 aufgenommen. Wären ihm die oben angeführten Stücke des „Hans auf der Wallfahrt“ zuzuschreiben, so hätte er diese Kinder seiner Muse gewiß nicht ausgeschlossen; denn darauf konnte er stolz sein, während seine eigenen Verse eine nüchtern-pedantische Natur verraten; die obige Romanze gehört zu den wenigen besseren, die ihm gelungen sind. Weit Verdienstlicheres hat dies echte Kölner Original auf anderem Gebiete geleistet; er gehört zu den Anregern auf dem Gebiete der christlichen Kunst, namentlich der gotischen Kirchenbaukunst.[4]

Darnach ist zweifellos, daß J. Kreuser der „Hans auf der Wallfahrt“ nicht ist. Wer sich unter diesem Pseudonym verbirgt, bleibt also aufzuklären.

Daß er unter den jungen Studenten zu suchen, die sich zur Herausgabe der „Wünschelruthe“ verbunden hatten, liegt von vornherein nahe. Aber welcher der Freunde ist es? Nur ein Zufall konnte wohl das Rätsel lösen. An die Herausgeber, Heinrich Straube oder Herrn J. P. von Hornthal, von denen des ersten schwärmerische Poesie wohl zu den Versen des „Hans auf der Wallfahrt“ stimmen möchte, könnte man zunächst denken. Straube ist uns als Verehrer Annettens von Droste bekannt geworden, die ihrer glücklich-unglücklichen Liebe zu ihm solch herzzerreißenden Ausdruck gegeben hat. Auch als Freund des jungen Heine ist er uns bekannt. Ein ganzes Liederbuch von ihm, mit romantisch-unklaren, [65] aber empfindungsreichen Liedern, hat Joseph Gotthardt aufgefunden und (im Westf. Magazin 3, 1912) veröffentlicht. Harriet Straub bietet im Bodenseebuch 1917, ohne die frühere Veröffentlichung zu kennen, aus einem Poesie-Album einer Freiin von Haxthausen ein Stammbuchblatt, das ihn zum Verfasser hat. Sie meint, es zeuge nicht gerade von Talent: „es ist in dem verworrenen unklaren Ton gehalten, wie in diesem Abschnitt der Romantik eben allgemein gedichtet wurde. Viel Stimmung und Gefühl, ohne Sprachkraft, ohne Bildkraft und Formung“. Es ist nicht gerecht, diese Dichtungen (übrigens ist dies letzte Gedicht eines seiner schwächsten) so schroff zu beurteilen und daran den Maßstab einer ganz anderen Zeit und Kunstforderung zu legen. – Jedoch als „Hans auf der Wallfahrt“ kommen die Herausgeber der „Wünschelruthe“ schon deshalb nicht in Betracht, weil sie ihre Beiträge anders (mit ihren Anfangsbuchstaben H. S. bzw. H.) unterzeichnen.

Wirklich brachte der Zufall die Lösung. Joseph Gotthardt hat eine Reihe von ungedruckten, anscheinend für die Zeitschrift bestimmt gewesenen Beiträgen aufgefunden. Die Mitglieder des poetischen Kränzchens (das sich, nebenbei gesagt, den wundersamen Namen „Poetische Schustergilde“, wohl mit Anspielung auf Hans Sachs, beigelegt hatte) führten, wie üblich, poetische Decknamen. Sie pflegten, wie das ebenfalls üblich und aus Göttingen insbesondere seit den Zeiten des Haines bekannt, auch ihre Leistungen gegenseitig, sogar protokollarisch, zu begutachten. Da heißt ein Schweizer Genosse z. B. Alpin, andere treten auf als Liebetraut, Caspar Brenno, Treuwerth von Ilmenau. So nennt sich Heinrich Straube Johannes Wassersprung[5], August von [66] Haxthausen Tannhäuser[6], und unter Hans auf der Wallfarth verbirgt sich dessen späterer Schwager August von Arnswaldt, Straubes Gönner und zeitweilig Mitbewerber um Annettens Gunst.[7]

August von Arnswaldt[8], geboren in Hannover am 13. August 1798 als Sohn des Hannöverischen Ministers (1768 bis 1845), studierte 1816–20 in Göttingen die Rechte, aber eifriger mittelalterliche Literatur unter Beneke und Geschichte bei Waitz. In dieser Zeit schildert Wilhelm Grimm ihn als einen feinen, gescheiten und sinnigen Menschen. Später eine Zeitlang im diplomatischen Dienst, zog er sich doch bald ins Privatleben zurück, wo er dank seines Vermögens ganz seinen Neigungen und Studien leben durfte. Er besaß eine eigene, von seinem Vater begründete, durch ihn selbst bedeutend vermehrte Bibliothek. Strenger, aber mildgesinnter Lutheraner, hat er nur weniges aus seinen Forschungen bekannt gemacht, so über den Mystiker Ruysbrook, zu dem ihn ein innerlich-religiöses Bedürfnis schon in den Studienjahren hingezogen hatte. Zeitlebens kränklich[9], starb er am 27. Juni 1855 in seiner Vaterstadt.

Er, wie seine Gattin, Anna von Haxthausen, Annettens Tante, waren für Kunst, Poesie und Musik empfängliche Naturen. Als hilfsbereite Freunde der Brüder Grimm und [67] deren Kreises allezeit bewährt, haben sie besonders die alten Lieder des Volkes gehegt und gepflegt, im echt romantischen Sinne. Das tritt so recht hervor in den „Freundesbriefen der Brüder Grimm“, die Reifferscheid (1878) herausgegeben hat. Aus diesem unerschöpflichen Schatze, aus dem Quell der Haxthausischen Sammlungen, hat Alexander Reifferscheid die „Westfälischen Volkslieder“ (1879) ans Licht gehoben.

So mag A. v. Arnswaldt dann als Hans auf der Wallfahrt, mit einem Namen, der auch seine jugendliche Wanderlust schön bezeichnet, in der zünftigen Literaturkunde rühmlich weiter leben.

Die paar Proben, die wir im Anschluß an diese Ausführungen von ihm geben, verraten ohne Zweifel poetisches Talent, unterscheiden sich aber nicht allzusehr von dem süßtändelnden, bloß nachahmenden Charakter seiner Genossen und der spielerischen Spätromantik. Uns interessieren sie auch mehr deshalb, weil sie uns den literarischen Kreis zeigen, in dem die junge Annette von Droste verkehrte und aufwuchs. Auch ihre Lieder aus jenen Jahren, wenn sie uns erhalten wären, würden ähnliche Züge zeigen. Sie war sich dessen wohl bewußt. In dem Gemälde des „zu früh geborenen Dichters“ malt sie sich selber und ihre Genossen in Apoll, die, weil ihnen die großen Stoffe und hinreißenden Formen fehlten, statt an den Palmen an der Weide aufzuklimmen versuchten:

Und alles, was ich sah, das sang
Herab vom Weidenstumpfen.

Und dann klagt sie über vertrödelte Zeit und vergeudete Poesie:

So ward denn eine werte Zeit
Vertrödelt und verstammelt,
Lichtblonde Liederlein juchheit
Und Weidenduft gesammelt.

Wohl fielen Tränen in den Flaum
Und schimmerten am Raine,
Erfaßte mich der glühe Traum
Von einem Palmenhaine.

[68]Lichtblonde Liederlein“ – so würde sie auch diese Poesien bezeichnet haben, und sie sind damit richtig gekennzeichnet. Und gewiß war es richtige Einsicht, wenn Hans auf der Wallfahrt, wie die meisten seiner Jugendkameraden, z. B. Straube, dem Dichten Valet gesagt hat; wenigstens hat er, so viel wir wissen, weder unter seinem geborgten noch unter seinem wirklichen Namen späterhin Verse veröffentlicht. Immerhin werden diese Lieder als literar-historisches Dokument eines gewissen Interesses nicht ermangeln.

Die letzten zwei Dichtungen, die wir (als Nr. 4 und 5) den Stücken aus der „Wünschelrute“ hinzufügen, hat Gotthardt aus einem handschriftlichen Protokoll der Dichter-„Gilde“ veröffentlicht (Hamburger Nachrichten Nr. 21 u. 27, 1914) – er hielt es freilich mit Unrecht für das Manuskript der „Wünschelrute“; doch scheint er diese seltene Zeitschrift nicht eingesehen zu haben, sonst würde er nicht drei dort gedruckte Stücke als „bisher ungedruckt“ neu geben, darunter auch die Ballade „Der Kranz im Rhein“ (unten Nr. 3).

Vielleicht waren die Gedichte für die unterbliebene Fortsetzung der Zeitschrift bestimmt. Jedenfalls ist ihr Inhalt bemerkenswert: das erste zeigt die Vorliebe für altdeutsche Bildkunst (wovon ja auch die „Wünschelrute“ durch hervorragende Beiträge Kunde gibt), das zweite ist eine eigenartige Verbindung von Antike und Romantik. Das Stoffliche ist nicht völlig überwunden, die Idee nicht ganz rein durchgeführt, auch herrscht noch zu viel schwärmerische Phrase und Wortschwelgerei, aber Aschylos-Shakespeare, aus der Asche des Phönix erstehend, ist ein Bild, das der Kühnheit des jungen Dichters Ehre macht. Zugleich zeugen alle Beiträge dieser Göttinger „Meistersinger“ davon, daß sämtliche Mitglieder die Ideale des „Tugendbundes“ hochhalten: Reinheit, Freiheit und Vaterland!


[69]
Fünf Lieder von Hans auf der Wallfahrt.


1. Lied.

Wenn die Stern’ am nächt’gen Himmel ziehen,
Und so mild und freundlich niedersehn,
Zieht ein Jüngling durch die dunkeln Straßen,
Bleibt vor einem lieben Hause stehn.

5
Hoch im Hause blickt ein lichtes Fenster,

Und der Jüngling sieht nicht dran vorbei;
Überm Hause stehn zwei helle Sterne,
Hinterm Fenster weiß er auch noch zwei.

Und der Jüngling rühret seine Laute,

10
Sterne lockend zu sich herzuziehn; –

Was begehrst du, Jüngling, denn am Himmel,
Da dir goldne Stern’ im Busen glühn?

Goldne Sterne will ich nicht vom Himmel,
Goldne Sterne mir im Busen glühn;

15
Auf zum Himmel wohl nicht Töne dringen,

Weil ja Wolk’ und Wind dazwischen gehn.

Doch ich seh zwei blaue Sterne scheinen,
Dahin nimmt die Lieb’ die Töne mit;
Und um sie wird nicht der Himmel weinen,

20
Denn sie bringen selbst den Himmel mit.


Freundlich blicket wohl der blaue Himmel,
Lieblich wohl der goldne Sternenschein;
Doch wenn ich die blauen Sterne küsse,
Wird mein Himmel mehr als golden sein.




[70]
2. Der Knabe am Strome.

„Wo die Wasser strömen, da wird mir so wohl,
Wo die Lüfte rauschen, da weiß ich, was ich soll.
Rauschen im Wipfel und Strömen zum Meer –
O wenn mein Liebchen doch bei mir wär!“

5
Im Strome sich spiegelt der Knabe so treu,

Da drüben da wandelt seine Liebste vorbei.
Wirft sie ein Ringlein wohl in den Fluß,
Weil feindliche Woge sie scheiden muß.

Wirft er die Angel in die Wellen wohl hin,

10
Winde und Wellen die flüstern um ihn,

Rauschen im Wipfel und strömen zum Meer –
„Siehst sie wohl nimmer und nimmermehr.“

Zuckt’s an der Angel und zuckt’s in der Hand,
Zieht er das Ringlein aufs grünende Land: –

15
„Ewigkeit ist ein goldener Ring“ –

Auge und Herze ihm überging.




3. Der Kranz im Rhein.

Der alte Rhein, der rauschet,
Die Winde darüber gehn;
Zu Cöllen bei dem Rheine
Da müssen die Rosen verwehn.

5
Es kam wohl über die grüne Haid

Gezogen ein junger Gesell:
„Ich sehe mein Schätzelein wieder,
Wie scheint die Sonne so hell!

Mach auf, mach auf, mein Schätzelein,

10
Ich bring’ dir ein’n frischen Kranz;

Mach auf, mach auf, mein Schätzelein,
Ich will dich führen zum Tanz.“

[71]

‚Sei stille du da draußen,
Ich hab schon einen Kranz;

15
Zieh weiter du da draußen,

Wohl ohne dich geh ich zum Tanz‘.

„Und hast du schon einen Kranz im Haar
Und ohne mich tragen willt,
So trag’ ich doch so fest und treu

20
Im Herzen dein liebes Bild.


Und bist du schon eines andern Braut,
Und tust du mir so weh?
Mein Schätzel zu Cölln am Rheine,
Und ich im Bodensee!

25
Ich bin gekommen vom Bodensee

Und will auch wieder hin.
Ich habe dich dort im Sinn getrag’n
Und trage dich noch im Sinn.“

Der Gesell der ging zum Bodensee,

30
Da wand er ein’n Kranz so hell.

Der Kranz der lag im Bodensee
Und auch der junge Gesell.

Der junge Gesell der blieb da lieg’n,
Der Kranz der schwamm in’n Rhein,

35
Der schwamm nach Cölln am Rheine

Zur Herzallerliebsten sein.

Und als sie den Kranz gefunden,
Da drückt sie ihn an den Mund,
Und mit dem Kranz im Haar liegt sie

40
Im Rheine auf dem Grund.




[72]

4. Marie mit dem Kinde nach Holbein.

Lieblich Bild! Wem, der dich durft’ erblicken,
Glänzte wohl noch Diamant und Gold?
Nimm den Dank, den dir mein Sehnen zollt,
Und mein himmelahnendes Entzücken.

5
Spricht ja doch aus deinen reinen Blicken

Reine Lieb’ und Muttertreu’ so hold!
Wird mir einst der süße Minnesold,
Soll sich hier mein trautes Liebchen schmücken.

Alter deutscher Liebe Hochgefühl

10
Wird von tausend Herzen, tausend Zungen

Noch in spät’ster Nachwelt hier besungen.

Drohten auch der schweren Kämpfe viel,
Holde Unschuld kam ans nahe Ziel;
Fromme Einfalt hat den Kranz errungen.




5. Der Phönix.

Phönix, Liebling aller Götter,
Dem Apoll mit eigner Hand
Kränze heil’ger Lorbeerblätter
Um die würd’ge Stirne wand,

5
Lebte einstens, himmlisch singend,

Allen Wilden Bildung bringend,
In der Künste Vaterland.

Wie der Aar dem Horst entschwebet,
Brach sein mächtig Lied hervor;

10
Wie die Flamm’ sich lodernd hebet,

Stieg es wirbelnd hoch empor.
Wogend senkt es sich dann nieder,
Und in sanften Tönen wieder
Rührt es das erstaunte Ohr.

[73]
15
Äschylos – denn so auf Erden

Kannten alle Völker ihn –
Durft’ er uns entrissen werden?
Mußt’ er uns auf ewig fliehn?
Wird er uns nie wieder singen?

20
Konnte solcher Ton verklingen?

Solches Feuer auch verglühn?

Horch! wie alle weinend klagen!
Weh! Des Schicksals hartes Wort
Hat auf ewig ihn getragen

25
Zu der Schatten finsterm Ort!

Aber matter Trostes-Schimmer
Malt in ihrem Blick sich immer:
Seine Lieder leben fort!

Ha! sie können ihn nicht sehen,

30
Wie er selber wirkt und lebt

Und zu der Vollendung Höhen,
Seinem großen Ziele, strebt;
Wie er freudig und entschlossen,
Von Ambrosia-Duft umflossen,

35
In dem ew’gen Raume schwebt.


Phönix, Phönix sollte sterben,
Stürzen in des Orkus Nacht?
Er, der Göttliche, verderben
Durch der Parzen finstre Macht? –

40
Da sie selber ihn erheben,

Und die Musen ihm nur leben,
Und Apollo für ihn wacht?

Schon umleuchten ihn die Sterne –
Da ertönt dem Göttersohn

45
Heil’ges Rauschen, leis’ und ferne,

Vom erhab’nen Albion.

[74]

Und er folgt dem hohen Rufe,
Und betritt die letzte Stufe
Zu des ew’gen Ruhmes Thron.

50
Was der Sänger lang vergebens

Sucht’, und hier nun endlich fand,
Und worin das Glück des Lebens
Großer Seelen stets bestand:
Freiheit ist’s, – um die zu retten,

55
Läge auch die Welt in Ketten,

Duldet alles dieses Land.[10]

Freiheit heilt ihm alle Wunden;
Freiheit nur ist seine Welt.
Sie, mit Tugend fest verbunden,

60
Ist’s, die ewig es erhält.

Freiheit ist sein einz’ges Sehnen;
Freiheit, Freiheit wird es krönen,
Bis der Bau des Himmels fällt!

Dahin senkt sich Phönix nieder –

65
Und vollendet ist sein Lauf.

Horch! ihn ruft Apollo wieder,
Regt die Urkraft in ihm auf –
Schon hat, da er tätig waltet,
Schon ein Holzstoß ihm gestaltet,

70
Und die Flamme lodert auf.


Und er stürzt sich in das Feuer;
Wonnig schwelgt sein Geist darin;
Schön ist seines Todes Feier,
Freudig, fessellos sein Sinn.

75
Ohne Klage, ohne Kummer

Sinkt er in den kurzen Schlummer,
Schwindet er in Asche hin.

[75]

Aber noch ein Funken glühet
Durch der Asche düstern Flor;

80
Klein, doch göttlich; – dieser sprühet

Aus des Todes Nacht hervor.
Alles Sterbliche vermodert;
Aus der schwachen Hülle lodert
Heil’ge Flamme hoch empor!

85
Und ein neuer Phönix schwebet

Auf zum freien Himmelszelt.
Wie die Kraft, die in ihm lebet,
Ihm den Mut der Seele schwellt!
Kühnes, freudiges Entzücken

90
Glüht in seinen Flammenblicken

Und sein Geist umfaßt die Welt.

Ha! jetzt singet er begeistert –
Wie in ihm ein Gott sich regt!
Wie der Neid nur an ihm meistert!

95
Wie er den daniederschlägt!

Wie ihn kühner, fesselfreier
Als den Vater, mächt’ges Feuer
Auf zum hohen Himmel trägt.

Siehst du wohl den Wandrer dorten,

100
Der voll Staunen nach ihm weist?

Fremd ist der an diesen Orten,
Der nicht weiß, wie jener heißt.
Wird er forschend nach ihm fragen,
Kannst du ihm mit Freude sagen:

105
Das ist Shakespeares Flammengeist.

  1. Ich benutzte das Exemplar der Kgl. Berliner Bibliothek und das der Bibliothek in Göttingen. Als Probe habe ich mehrere der erwähnten Lieder unten zum Abdruck gebracht.
  2. Vergl. über ihn besonders Kehrein, Biogr.-lit. Lexikon 1 S. 211, und Leimbach, Deutsche Dichter der Neuzeit V S. 148 ff. (hier auch Proben seiner Gedichte, das Biographische hauptsächlich nach Brümmer).
  3. Dichtungen von J. Kreuser. Köln a. Rh., Druck und Verlag von Joh. Pet. Bachem, 1824, VIII u. 290 S. – Exemplar auf der Kölner Stadtbibliothek. Ohne Inhaltsregister. „Seiner mütterlichen Leiterin Frau Elisa v. d. Recke, Reichsgräfinn von Medem in Dresden mit kindlicher Innigkeit geweiht.“ Die „Zuneingung“ in Ottaverime datiert Köln a. Rh. 10. Sept. 1814 (auch S. 104 noch eine „Vorrede“: Das ist des Dichters Streben …) Das Ganze enthält (I) Liederkranz S. 3–35. (II) Romanzen und Balladen S. 39–99. (Viel Nordisches, aber auch südliche Stoffe; S. 69 eine Kölner Sage über ein altertümliches Kreuz.) (III) Vermischte Gedichte. S. 103 bis 138. (IV) Distichen und Sprüche. S. 141–196. (V) Sonette. S. 199–224 (worunter einiges nicht übel; S. 219 „nach vorgeschriebenen Reimen“, alle Verse haben bloß einen Reim). (VI) Buntes Buch; S. 200–290. (Hier einige Verse an Bekannte: S. 230 An Peter Anton Fonk in seinem Kerker zu Trier 1821; S. 232 „Lebenswerth“ an Herrn Kirchenrath Dr. Paulus in Heidelberg; S. 247 „Kunstpredigt“ an Herrn Dr. Smets.)
  4. So urteilt auch Gymnasial-Direktor Anton Kremser in dem Lebensbilde, das in der Festschrift: Das Marzellen-Gymnasium in Köln 1450 bis 1911, Köln 1911 S. 186–196 entworfen ist.
  5. Eins von den oben erwähnten Liedern fängt an: Die Quellen fließen von den Bergen, ein anderes: Wellen von den Felsen rauschen … (Westf. Anzeiger 3, 215). Vielleicht, daß dies ihm den Namen verschaffte.
  6. An der Wünschelrute arbeitete auch dessen älterer Bruder Werner v. Haxthausen mit, damals Preußischer Regierungsrat in Köln, unter dem Decknamen Sigurd Albrok, den er einer väterlichen Besitzung entlehnte und auch in der Zeit seiner Verbannung führte. Von seiner bedeutenden, verschollenen Sammlung griechischer Volkslieder, zu deren Herausgabe ihn Goethe drängte, stehen in der Wünschelrute wenigstens einige Proben.
  7. Vergl. Gotthard: Hamburger Nachrichten 1914, Beil. Nr. 21, 24. Mai. Ohne Begründung ist „Hans auf der Wallfarth“ schon ebenso gedeutet bei Goedeke, Grundriß 8, 30.
  8. Vergl. A. D. B. 1, 598 (1875, von H. Waitz).
  9. Vergl. Briefe der A. v. Droste, herausg. von Cardauns, S. 172.
  10. Man vergesse nicht, daß man damals 1818 schrieb!