Wie ein schönes Gedicht entstand

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Autor: H. Epaulis i.e. Heinrich Viehoff
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Titel: Wie ein schönes Gedicht entstand
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 408–409
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Wie ein schönes Gedicht entstand.

Die meisten Menschen erfreuen sich an einem schönen Gedichte, wie an einer holden Blume. Sie lassen den Reiz beider still auf sich einwirken, ohne darüber zu brüten, aus welchen Keimen und durch welche Metamorphosen hindurch sich das anmuthreiche Gebilde zu solcher Vollendung entwickelt hat, und gegen diese Weise des Genusses ist auch im Allgemeinen nichts zu erinnern, da es nicht eines Jeden Sache ist, in die geheimnißvolle Werkstätte der Natur und des schaffenden Menschengeistes hineinzuspähen und dort den Entstehungsproceß des Schönen zu belauschen. Ja, Manche sind sogar der Meinung, es beeinträchtige den Genuß des Schönen, wenn man dergleichen Nachforschungen anstelle; es schade dies der Reinheit des Eindrucks eines schönen Natur- oder Kunstgebildes. Möge durch dies Bedenken sich indeß Keiner, der gern dem Wirken der Natur und des Menschengeistes nachspürt, davon abhalten lassen! Der Naturforscher, welcher die Entwickelung einer Pflanze studirt und zu diesem Behufe vielleicht eine große Anzahl Exemplare derselben zerlegt hat, ergötzt sich darum nicht minder an dein Anblick eines schönen vollentwickelten Exemplars, und der Aesthetiker, wenn er anders den rechten Sinn für das Schöne mitbringt, wird auch nach der sorgfältigsten Analyse eines wahrhaft schönen Gedichtes eine reine und volle Entwickelung, ja, sogar einen reicheren und stärkeren Eindruck seiner Schönheit empfangen.

Aber wer vermag; wird vielleicht mancher Leser fragen, die Entstehung eines Gedichtes zu belauschen? Das Werden und Wachsen einer Pflanze, einer Blume läßt sich allenfalls beobachten, doch wer kann die Genesis eines poetischen Gebildes in der Dichterseele verfolgen? Freilich in der Regel ist hier ein eigentliches Beobachten nicht so wohl möglich, als vielmehr ein Nachempfinden, ein innerliches Nachdichten, und dazu ist denn eine Art eigener dichterischer Begabung erforderlich, die nicht eben allzu häufig ist. Um so willkommener muß es uns sein, wenn sich in einem einzelnen Falle der Bildungsproceß eines Gedichtes mit besonderer Anschaulichkeit darstellt, und einen solchen Fall möchten wir dem freundlich theilnehmenden Leser im Nachfolgenden vorlegen.

An einem schönen Samstagnachmittage, in der ersten Hälfte des Juli 1828, besuchte der Dichter Gustav Schwab, der damals eine Gymnasiallehrerstelle in Stuttgart bekleidete, den ihm nahe befreundeten Pfarrer in X., einem benachbarten Städtchen. Er traf den schon bejahrten und verwittweten Freund mit seiner Tochter in einer Laube des Gartens beim Nachmittagskaffee mit einem Zeitungsblatte in der Hand. Vater und Tochter schienen ernst und in den Eindruck des eben Gelesenen vertieft, denn sie merkten das Herannahen des Gastes nicht eher, als bis er in die Laube trat. Nachdem die Grüße gewechselt und rasch eine Tasse für den willkommenen Freund herbeigeschafft war, begann Schwab über die Leidenschaft der Beiden für Politik zu scherzen; man könne ihnen meinte er, ungestört das Haus leer plündern, wenn sie eben über den Genuß ihres täglichen Zeitungsfutters säßen.

„Es waren nicht die Weltbegebenheiten,“ erwiderte der Pfarrer, „was uns eben so hingenommen hatte; wir dachten über diese ganz kurze Notiz in den vermischten Nachrichten nach: ,Am 30. vorigen Monats schlug zu Tuttlingen der Blitz in ein von zwei Familien bewohntes Haus und tödtete von zehn Bewohnern desselben vier Personen weiblichen Geschlechts: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Kind, die erste einundsiebenzig, das letzte acht Jahre alt.’ Wie erschütternd ist die hier so schlicht berichtete Begebenheit! Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin, alle Vier durch einen Schlag getödtet! Das Kind, das in dem reizenden Vorhofe des Lebens spielt und noch nichts von Pflichten, Mühen und Sorgen weiß; die Mutter, die schon den Ernst des Lebens erfahren, aber noch ein offenes Herz für seine Freuden hat; die Großmutter, deren Empfänglichkeit für Lebensgenuß schon abgestumpft ist, die aber noch in redlicher Erfüllung ihrer Pflicht einigen Trost für vieles Verlorene findet; die Urgroßmutter endlich, die bereits am Rande des Grabes steht, die sich nicht mehr freuen und nicht mehr wirken kann und deshalb gern sterben möchte; – alle Vier rafft ein Moment hinweg!“

Der Dichter hörte ihm mit leuchtenden Augen zu, als wäre ein zündender Funke in seine Seele geworfen, und das Mädchen, dem dies nicht entging, meinte, „der Herr Professor, der so schöne Verse zu machen verstehe, brauche nur die berichtete Thatsache sammt den angeknüpften Betrachtungen des Vaters mit seiner gewohnten Kunstgewandtheit poetisch wiederzugeben, so müsse es ein schönes Gedicht werden.“

„Ja, auf das poetische Wiedergeben kömmt’s eben an,“ erwiderte der Dichter, „mit schönen Versen, und wenn sie mir noch so gut geriethen, wär’s nicht abgemacht. Soll aus der dürren Zeitungsnachricht ein Gedicht werden, so muß ich das, was Ihre und Ihres Vaters Phantasie hineingetragen haben, mit dem gegebenen Stoff auf’s Engste verbinden, aber nicht als angeknüpfte Betrachtung, als subjective Zuthat, sondern objectiv, als Erweiterung und Entwickelung des Gegenstandes, und zwar so, daß das Gedicht jene Betrachtung und die dazu gesellte Empfindung nicht etwa blos zufällig in poetisch gestimmten Gemüthern, wie die Ihrigen, sondern mit Nothwendigkeit in jedem Leser und Hörer erzeugt.“

„Davon habe ich gar keine rechte Vorstellung,“ sagte das Mädchen, „wie Sie das fertig bringen wollen.“

„Ich auch bis jetzt nicht,“ antwortete der Dichter. „Es müßte zu dem Ende das Kind, die Mutter, die Großmutter, die Urahne jedes nach seiner besondern Stellung zum Leben mit wenigen, aber kräftigen charakteristischen Strichen gezeichnet werden. Allein da stellt sich eben eine große Schwierigkeit in den Weg. Das Zusammensein der vier Personen muß selbstverständlich festgehalten werden, doch eben dieses Zusammensein erschwert die Charakteristik der einzelnen Personen. Wie soll ich in diesem Raume auf eine einfache, ungezwungene Art zugleich das Kind in der Fülle seines harmlos freien Daseins, die Mutter, die in der Mitte zwischen Ernst und Spiel des Lebens, die Großmutter mit überwiegendem Ernst der Lebensanschauung, die Urahne in ihrem entschiedenen Lebensüberdrusse darstellen?“

„Wir lassen Sie nicht nach Stuttgart zurück,“ unterbrach ihn der Pfarrer, „als bis Sie diesen Knoten gelöst haben. Morgen haben Sie dort keine Schulpflichten zu erfüllen, und die stille Umgebung unseres Städtchens ist solchen Problemen förderlicher als die Hauptstadt. Ich habe gegen Abend noch einmal meine morgige Predigt zu durchlesen; dann mögen Sie, während meine Tochter für unser Nachtessen sorgt, das Buchenwäldchen auf der Höhe besuchen, wo Ihnen die Muse schon oft sich günstig erwiesen hat.“ Der Dichter nahm die Einladung an. Auf seinem Abendspaziergange suchte er sich auf mehrfache Weise den Gegenstand zurechtzulegen und war eben auf der Buchenhöhe angelangt, als die Glocken den morgigen Tag des Herrn einläuteten. Mit stillem Genusse betrachtete er die vom Glanze der Abendsonne verklärte Landschaft, über der die milden Abendglockentöne verschwebten. Da mit einem Male durchfuhr ihn ein glücklicher Gedanke. „Wie wär’s,“ sprach er, „wenn ich auch das Ereigniß auf den Vorabend eines Sonntages, eines Feiertages verlegte? Wenn ich unmittelbar vor der Katastrophe die Gedanken aller vier Personen auf den morgigen Tag gerichtet sein und alle vier diese Gedanken aussprechen ließe? Dadurch befreie ich mich ja von der Beschränkung, die mir das Local auslegt, und treibe die Schilderung der besondern Stellung, welche jede der vier Personen zum Leben hatte, mehr in’s Innere, in die Gemüthswelt hinein, wo ich sie dann in der Form des Selbstgesprächs bequemer, kürzer und prägnanter aussprechen kann. Ja, so will ich’s machen! Das Kind, obwohl augenblicklich in die enge Stube gepfercht, ist mit seinen Gedanken schon im grünen, blühenden Hag, wo es den Feiertag spielend verleben wird; die Mutter rüstet ihr Feierkleid, freut sich im Voraus des morgigen Festgelages und wünscht sich Glück, daß solche Tage die Mühen und Sorgen des Alltagslebens bisweilen unterbrechen; die beiden Großmütter werden durch das bevorstehende Fest nur noch stärker daran erinnert, daß für sie die Freuden des Lebens verklungen sind. Wahrlich, so geht’s! Und zugleich ergiebt sich mir durch die Einführung des Feiertages noch ein anderer Vortheil. Die Betrachtung, wie unversehens und urplötzlich das Schicksal oft in unser Leben herniederfährt und mit Einem Schlage jede Hoffnung, jede Aussicht, selbst die nächste und scheinbar sicherste, vernichtet, diese Betrachtung, die der gegebene einfache Stoff in einem ernst und sinnig gestimmten Gemüthe leicht anregen kann, von der ich aber wünschen muß, daß sie [409] durch meine Darstellung des Stoffes unausbleiblich angeregt wird, springt ja dann wie von selbst aus dem Contrast des Unglücks und des gehofften Glücks hervor. Das Kind, das morgen den blumenreichen Anger, Thal und Höhen zu durchschweifen hofft; die Mutter, welche sich in Gedanken schon im Festkleide in heiterer Gesellschaft, beim frohen Male sitzen sieht; die Großmutter, die dann noch das Mahl zu kochen, das Kleid zu spinnen gedenkt: sie werden morgen Alle neben der lebensmüden Urahne aus der Todtenbahre ausgestreckt liegen!“

Ganz erfüllt von diesem Gedanken, trat der Dichter den Rückweg an und begann im Wandern schon den Stoff einzutheilen, zu formen und zu gestalten.

Als er in’s Haus trat, rief ihm der Pfarrer entgegen: „Willkommen! Ihr Aussehen kündet Gutes; die Muse scheint Ihnen ein Schäferstündchen geschenkt zu haben.“

„Ich glaube, der Spaziergang war nicht unfruchtbar,“ versetzte der Dichter.

„O, so lassen Sie uns hören, Herr Professor!“ bat ungeduldig das Mädchen, „bitte, sagen Sie uns das Gedicht her!“

„Es thut mir leid, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können,“ erwiderte der Dichter; „die Hauptsache ist, glaube ich, abgethan, aber von den Versen ist noch kein einziger fertig. Doch morgen werde ich, so Gott will, das Gedicht zum Frühstück auftischen.“

Dem Mädchen kam es bedenklich vor, daß noch kein Vers fertig war und doch schon das Hauptgeschäft abgemacht sein sollte.

Aber der Dichter hielt Wort. In der ersten Morgenfrühe aufgestanden, schrieb er, im Garten auf- und abwandelnd, das Gedicht in sein Schreibtäfelchen nieder, und als man sich später in der Laube zum Morgenkaffee niedergelassen hatte, las er:

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt

5
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl –

Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: „Morgen ist’s Feiertag;
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Thal und Höh’n,

10
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;

Dem Anger, dem bin ich so hold!“ –
Hört Ihr’s, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: „Morgen ist’s Feiertag;
Da halten wir Alle fröhlich Gelag,

15
Ich selber ich rüste mein Feierkleid;

Das Leben hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!“ –
Hört Ihr’s, Wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: „Morgen ist’s Feiertag’,

20
Großmutter hat keinen Feiertag,

Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg’ und viel Arbeit;
Wohl dem, der that, was er sollt’!“ –
Hört Ihr’s, wie der Donner grollt?

25
Urahne spricht: „Morgen ist’s Feiertag,

Am liebsten morgen ich sterben mag!
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer;
Was thu’ ich noch auf der Welt?“ –

30
Seht Ihr, wie der Blitz dort fällt? .


Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammt die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind;

35
Vier Leben endet Ein Schlag –

Und morgen ist’s Feiertag.

Kein Bravo erklang, als er geendet; aber die tiefe Bewegung in den Zügen des Pfarrers und ein paar Thränen im Auge der Tochter spendeten ihm den beredtesten Beifall. „Das ist vortrefflich!“ sagte endlich der Pfarrer, „Sie haben den Stoff in der That ganz und gar durchgeistet und ihn von aller Erdschwere befreit. Und wie schlicht und einfach ist die Form und doch wie so vollkommen dem Gehalt entsprechend! Nirgend ein Ueberfluß des Stoffes über die Idee, und nirgend ein Mangel! Wie haben Sie den Stoff so schön zu gruppiren gewußt! Erst die Exposition, dann treten der Reihe nach das Kind, die Mutter, die Großmutter, die Urahne mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Aussichten auf morgen hervor, und schließlich die Katastrophe. Und wie harmonisch und gefügig schließt sich dieser ebenmäßigen Gruppirung des Stoffes die streng symmetrische Gliederung der metrischen Form an! Und wie bestimmt sondern sich die einzelnen Strophen durch die refrainartigen Schluß- und Anfangsverse der vier Mittelstrophen! Was mir aber besonders lobenswerth scheint, ist die schöne Anordnung, daß jedes Mal der Anfangsvers dieser Strophen auf den Feiertag, der Schlußvers auf das Gewitter hinweist. Dadurch bleibt der Gegenstand, dem die Gedanken und Wünsche der vier Personen zugekehrt sind, und das Schicksal, das ihnen allen droht, alle vier Strophen hindurch vor unserer Seele stehen, und eine hochtragische Empfindung muß sich nothwendig unser bemächtigen. Wahrlich, Freund, da ist Ihnen etwas gelungen, woran sich nach uns noch viele Tausende erfreuen werden!“

Der Pfarrer hat damals nicht zu viel gesagt. Die Nation betrachtet noch heute das Gedicht als ein Kleinod ihrer poetischen Literatur, und auch nach uns werden sich noch viele Tausende an der Schönheit desselben erquicken.

H. Epaulis.