Wiener Walzer

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Autor: Paul Bekker
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Titel: Wiener Walzer
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 139 (30.04.1934), S. 4
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Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Wiener Walzer


Zeit: das Jahr 4001.

Ort: Forschungsinstitut für Prähistorie, Abteilung 2. Jahrtausend n. Chr., Untergruppe Musik.

Ein älterer Herr sitzt kopfschüttelnd vor einem Notenband. Er wendet die einzelnen Blätter mit äusserster Vorsicht um, augenscheinlich aus Sorge, sie zu zerreissen. Sie hängen nur noch in den Fäden zusammen. Aber seine Unzufriedenheit lässt nicht nach.

Er drückt auf einen unsichtbaren Knopf. Ein Jüngerer erscheint.

– Habe hier etwas Kurioses gefunden. Wenn ich die Schrift richtig entziffere, nennt es sich Walzer. Was ist das?

– Soviel ich mich erinnere, ein Gesellschaftstanz gegen das Ende des 2. Jahrtausends.

– Was sagt das paläolithische Lexikon?

– Stimmt. Zentraleuropäischer Tanz. Dreivierteltakt, mit Drehen und Schleifen zu Paaren. Hauptvertreter Familie Strauss.

– Haben Sie so ein Ding schon einmal gehört?

– Richtig noch nicht. Für unsere elektrische Wellenmusik ist es nicht geeignet, und alle Versuche, das Hauptinstrument der Vorzeit: das Klavier, wiederherzustellen, sind bis jetzt gescheitert. Seitdem vor anderthalb Jahrtausenden Befehl ausgegeben wurde, zur Förderung musikalischer Kultur sämtliche Klaviere und Klavierfabriken zu zerstören, haben wir gar keinen Anhalt mehr für die Konstruktion dieses merkwürdigen Möbels, ausser ein paar Lexikon-Notizen. Es scheint völlig aus Draht bestanden zu haben.

– Also auf Draht hat sich diese Menschheit damals Musik vorgemacht. War auch danach. Aber gab es nicht noch ein anderes Instrument, das sich Orchester nannte?

– War kein Einzelinstrument, sondern eine Vielheit, bestehend aus Geigen, Flöten, Bassinstrumenten und noch allerlei anderen. Ein paar Exemplare davon stehen noch im Museum, aber niemand weiss damit umzugehen.

– Ich will trotzdem einen Walzer hören. Was ist da zu tun?

– Nur eine Möglichkeit. Aus der grossen europäischen Zerstörung sind einige Schallplatten übrig geblieben. Vielleicht, dass sich darunter ein Walzer findet.

– Schleunigst suchen.

– Hier Schallplatten, Abteilung Mitteleuropa, Prähistorie, 20. Jahrhundert. Wir haben Glück: gleich zwei Walzer auf einer Platte: Geschichten aus dem Wiener Wald und An der schönen blauen Donau, Walzer von Strauss, gespielt von den Wiener Philharmonikern unter Bruno Walter.

– Walter? War das nicht der Preussische Staatsrat?

– Mir nicht bekannt.

– Wir fanden doch neulich ein altes Bild aus einer Illustrierten Zeitung: Staatsrat Bruno Walter, in seiner Sommerresidenz Potsdam spazierenreitend.

– Das war nicht Walter, das war Furtwängler, der liess sich als Potsdamer Reitersmann veröffentlichen.

– Hat er auch zu Pferde dirigiert?

– Es wurde darüber verhandelt, aus Propagandagründen das ganze Berliner Orchester beritten zu machen. Aber schliesslich ging es nicht wegen der Kontrabässe. Also musste der Dirigent allein reiten.

– Warum hiess er denn Staatsrat?

– Es war damals üblich, den Leuten solche Titel zu geben, die in der Wirklichkeit keinen Sinn hatten. Die demokratische Republik machte die Musikdirigenten zu Generälen, der Staat, in dem es nichts zu raten gab, machte sie zu Staatsräten. Also eine Art karnevalistischer Volksbelustigung.

– Und warum war Walter kein Staatsrat?

– Weil er zur jüdischen Rasse gehörte.

– Was ist Rasse?

– Das hat man nicht genau ermitteln können. Die damals gegründeten Rasseämter sollen sich schliesslich selbst in die Luft gesprengt haben. Es scheint aber, dass es sich um einen Begriff aus der Kaninchenzucht handelt. Je länger die Ohren, umso edler die Rasse.

– Und die Juden waren das mitteleuropäische Volk mit dem Hakenkreuz?

– Im Gegenteil, diese nannten sich Arier.

– Was ist aus ihnen geworden?

– Wird nicht mehr festzustellen sein. Als das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufs-Menschentums in Kraft trat, waren die meisten Exemplare dieser Gattung durch Inzucht zugrunde gegangen. Die übriggebliebenen mussten wegen Gemeingefährlichkeit sterilisiert werden.

– Werde ich endlich meinen Walzer zu hören bekommen?

– Der Apparat ist jetzt gereinigt. Gleich beginnt es. Achtung: die Platte läuft.

– Merkwürdig diese Musik. Klingt so gemütlich alt, dabei so froh und leicht. Kann mir garnicht denken, was Sie mir über die dazugehörenden Menschen erzählt haben.

– Diese gehörten auch nicht dazu. Sie tanzten nicht, sie sangen nicht, sie hielten nur Reden im Rundfunk. Aber was ist Ihnen? Sie lächeln ja! Warum stehen Sie auf?

– Mir wird so sonderbar. Ich kann nicht sitzen bleiben, wenn ich das höre. Mir kommt es vor, als ob unser Laboratorium sich dreht. Drehen wir uns auch.

– Das Geheimnis der Platte.

– Leicht wird mir, ich muss hüpfen, alles singt um mich herum. Hören Sie die alten Geigen, wie das Horn ruft und wie die Bässe stampfen? Geben Sie mir ein Mädchen, ein Mädchen zum Tanzen.

– Ruhe, Ruhe, mein Herr, wir sind in einem ernsten Konzert.

– Was ist? Ich denke wir sind im Jahre 4001.

– Sie träumen. Sie sitzen in der Pariser Opéra. Sehen Sie nicht dort den Präsidenten der Republik in seiner Loge? Haben Sie nicht die Oberon-Ouvertüre gehört, die Mozart-Symphonie, den Brahms und vorher dieses grandiose Pandämonium von Wagners Venusberg? Haben Sie hier schon solche Beifallsstürme erlebt – als sei man nicht in Paris, sondern in Neapel? Eine ausgezeichnete Idee, gerade mit den Wiener Philharmonikern die beiden klassischen Walzer als Zugabe zu spielen.

– Aber, mein Herr, sind wir denn nicht im Forschungsinstitut für Prähistorie?

– Mir scheint, Sie stammen aus dem Berliner Propaganda-Ministerium. Aber Sie sehen, Walter reist ohne Reichs-Reklamespesen, und es geht nicht nur ebenfalls, es geht sogar besser. Diesmal hat er den Kollegen Staatsrat um mehrere Nasenlängen geschlagen.

– Und das Orchester?

– Gute Kräfte, gutes Ensemble findet sich mehrfach. Aber dieses Orchester hat etwas in sich, was ich sonst nirgends finde: es singt. Darum bleibt es eben doch das beste der Welt.

– Applaudieren wir?

– Tüchtig. Ich freue mich immer wieder, wenn bewiesen wird, wie irrsinnig das ist, was die Menschen den Ernst des Lebens nennen. So ein Walzer ist eine letzte Erkenntnis – uns leider verloren gegangen. Wenn nichts mehr übrig ist von Wien, und niemand mehr sagen kann, wo diese Stadt gestanden hat und wie sie eigentlich beschaffen war, so gibt es dies Eine, was sie aus der Vergangenheit hervorzaubert, schöner noch, als sie es in der besten Wirklichkeit war: Wiener Walzer.