Wir im Museum

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Kurt Tucholsky
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Wir im Museum
Untertitel:
aus: Mit 5 PS Seite 89-95
Herausgeber:
Auflage: 10. – 14. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1928
Verlag: Ernst Rowohlt
Drucker: Herrosé & Ziemsen
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus:
STRASSE GESPERRT –: MILITÄR.
Erstdruck in: Weltbühne, 2. März 1926
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[89]
Wir im Museum

Wenn einem Lebenden ein Denkmal gesetzt wird, so pflegt man beide etwas spöttisch zu betrachten.

Aber nun ist einmal die Gelegenheit geboten, uns selbst im Glaskasten der Unsterblichkeit zu sehen, unsre Zeit, unsre Nöte, unser Elend. Da stehen wir: noch vom Alltäglichsten ist das Alltägliche abgestreift, wir sind parat für die Ewigkeit – fertig präpariert für die Urenkel, die gleichgültig-interessiert an dem vorbeigehen werden, was einmal unsre Epoche gewesen ist. Diese seltene Gelegenheit ist das französische Kriegsmuseum in Vincennes.

Das Museum ist vom Unterrichtsministerium eingerichtet worden und verrät an keiner Stelle eine nationalistische Stellungnahme. Daß es in seiner Gesamtheit nationalen Charakter hat, ist selbstverständlich. Da, wo es Deutschland betrifft, ist nirgends eine niedrige Beschimpfung des Gegners zu sehen.

Ungefähr die Hälfte aller ausgestellten Gegenstände sind Bilder. Ölgemälde, Aquarelle, Tuschzeichnungen, Bleistiftskizzen – es sind ein bißchen viel Bilder da. Photographien wären angebrachter – um so mehr, als die Mehrzahl der Werke nicht grade Meisterwerke sind, aber auch keine authentischen Dokumentationen. Einmal läßt mich ein Bild aufmerken: ein Militärfriedhof, Kreuz an Kreuz, die namenlose Quantität ist gut gesehen. Ich trete näher und suche die Signatur. Und finde sie: Felix Valloton. Das schreckliche ossuaire, die Knochenhalle des Forts Douaumont ist da – aber es ist in Wahrheit viel entsetzlicher anzusehen, dieses Warenhaus des Mordens. „Heldengebeine aus dem sechsten Sektor? Hier, bitte, gleich links!“

In großen beweglichen Wandständern die Anleiheplakate [90] aller Länder. Grotesk die gleichen Aufrufe, die gleichen Schlagworte, die gleichen Versprechungen! Da sind die Anreißereien zu allen deutschen Kriegsanleihen – mit welchen Gefühlen mag das heute der betrogene, getäuschte, „aufgewertete“ Zeichner ansehen, der damals seinem Staat vertraut hat …! Die deutschen Plakate sind künstlerisch höherstehend als die französischen, als Propaganda scheinen sie mir nicht so wirksam. Einen Schlager wie „On les aura!“ von Abel Favre, jenes famose Plakat der Franzosen, auf dem der poilu die eine Hand hochgestreckt hält, ist in seiner mitreißenden Wucht unter den deutschen nicht zu finden. Forains hängen da herum, jene Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die seinerzeit in der französischen Presse erschienen sind: gut hingehauen, von sehr unangenehmer Gesinnung … Die Kunst im Dienst des Kaufmanns.

Die meisten Zeichner haben sich vom Stoff überwältigen lassen, weil sie ihn nicht meistern; nur wenige Bilder ragen heraus. Da ist der bayrische Kriegsgefangene Linderer, gezeichnet am 6. Februar 1917 im Lager Souilly: ein graues, ausgehungertes Stück Elend, mit tiefliegenden Augen, der „Blutblase“ auf dem Kopf, ein Kleiderlumpen. Daneben, weitaus phantastischer und fast gespensterhaft: „Das Verhör.“ In einem blaugrauen Raum steht vor dem bläulichen Eisenofen, mit dem langen Rohr ein Ding, ehemals wahrscheinlich ein Mensch. Es ist lehmbraun, hat etwas um, was ein Brotbeutel sein kann, den Verhörenden sieht man nicht. An der Wand stehen in lässiger Haltung zwei Franzosen, bleu horizont mit den weichen, blauen, runden Mützen. Und das allerschrecklichste ist: das Menschending, das da verhört wird, hat die Hände artig an die Hosennaht gelegt – eine teuflische Ironie auf seine ganze sinnlose Epoche. Verreck – aber verreck stramm. Und so sind sie ja auch verreckt.

[91] Bilder aus den deutschen Kriegsgefangenenlagern fehlen nicht. In Würzburg haben sie Theater gespielt, Soldaten in Frauenrollen, in Frauenkleidern; ein Szenenbild aus dem „Schlafwagenkontrolleur“ ist da, in seiner szenischen Starre genau an die Boulevardtheater erinnernd, alle Mann vorn in einer Reihe am Souffleurkasten, wie es sich gehört. Die männlich-weiblichen Stars noch einmal als Großaufnahme … Kein Bild sagt, was hier an sexueller Not, an Verirrung steckt … Bilder aus dem Lager zu Wetzlar – Bilder aus andern Lagern: angebundene Franzosen, an Pfähle gebundene Menschen – sehr gut einmal davor die jämmerliche Gestalt eines deutschen Soldatenersatzes, verhungert, kläglich, mit jener Brille, bei der sogar die stählernen Bügel durch ein Tuchband ersetzt waren … der Sieger. Und wieder Franzosen am Pfahl, zu zweien, Rücken an Rücken; zwei deutsche Offiziere, Blüten der Nation, gehen vorüber und gucken gar nicht hin, die Ritter. Und wieder Bilder und Bilder; nur einmal sehe ich eine böse Roheit: ein deutscher Graben wird in die Luft gesprengt, man sieht Menschen und Glieder und Steine umherwirbeln, und darunter: „On fait danser des Boches.“ Aber da besinne ich mich, daß Gustav Noske, der Sozialdemokrat, als Kriegsberichterstatter eine herzerhebende Schilderung des gleichen Vorgangs gegeben hat, durchaus bejahend, fein heraus und begeistert – und da freue ich mich, daß es ihm gut geht, und daß ihm niemand etwas tut und seine Partei schon gar nicht. Englische Plakate: malerisch nicht sehr gut, textlich ganz ersten Ranges. Auf einem der berühmt gewordene Kitchener-Offizier, der dem Betrachter winkt: Komm! Komm! Man hat ihn ganz groß photographiert, halb mannsgroß, er ist wundervoll ausgestattet, hat die Reitgerte unterm Arm, alles an dem Kerl ist aus feinstem Tuch und Leder … Er grinst. So lächelt der Tod. Komm! Komm! [92] Und Bilder von dem sinnlosen Bombardement der Stadt Paris – zerstörte Friedhöfe, Kirchen, Straßenzüge … Tiefe Scham steigt auf.

Photographien aus französischen Gefangenenlagern fehlen. Namentlich solche aus den Kolonien und aus den ersten Tagen, der deutschen Gefangenen im Viehwagen wären sicherlich fesselnd gewesen.

Und nun kommen Ehrenmünzen, ganze Glaskästen voll – und nun: Zuckerkarten, und da wird die Geschichte schon ähnlicher. Da liegen die abgegriffenen grauen Dinger, das ist doch ein echtes Stück Geschichte, wie –? Ja, das ist es schon – aber irgend etwas fehlt daran. Es ist nicht das Richtige. So war es – und so war es doch nicht. Gehen wir so in die Nachwelt ein –? Dann gehen wir falsch ein. Es fehlt etwas. Es fehlt: das Grauen, der Jammer, die Niedergedrücktheit, die Hoffnungslosigkeit, die Sinnlosigkeit, der Stumpfsinn, die Atmosphäre von Kollektivwahnsinn … Nein, die Nachwelt wird uns nicht verstehn. Wie wir ja auch unsre Vorfahren niemals verstanden haben.

Folgen die Niederschläge des Krieges im Kunstgewerbe. Militärteller, Siegestöpfe, Begeisterungsschüsseln, Durchhaltekaffeekannen – auf einer voll Gold und Gemüt: Gott strafe England! Nehmen Sie auch noch ’n Täßchen …? Die Begeisterung und der Kaffee: echter Rübenersatz.

Ein ganzer Kasten ist diesem „ersatz allemand“ gewidmet, jenem tapfern und sinnlosen Versuch, das Letzte aus den Letzten zu pressen und den Ersten alles zu lassen. Da stehen Stiefel und Sohlen und Kinderkleidchen und Mützen – und alles aus Papier, alles aus Zeitungspapier.

Und wieder die fremden Nationen: die Engländer haben für ihre Propaganda sogar die ehrwürdige Mutter Whistlers bemüht; die feine alte Dame hat irgendeinen feurigen [93] Text daruntergedonnert bekommen, aber sie sitzt noch genau so still und gütig da wie ehedem und ist wohl für diese Schande nicht verantwortlich zu machen.

Und die armselige deutsche Propaganda ist vertreten: die Ultraschlauen haben hohle Schwimmer aus Blech von der Schweiz aus den Rhein herunter geschickt, in denen steckten Flugschriften, wohl aus demselben Material, und einer der lächerlichen Zettel – „Siegfried Balder“ gezeichnet –, zum Frieden ermahnend, ist in einer Sardinenbüchse untergebracht. Friede in Aspik.

Und da hängt er: Willy, der Ausgerissene, mit emporgezwirbeltem Schnurrbart, in scheußlichem Postkartenbuntdruck, ihm durchaus angemessen, ein Histrione aus der Provinz. „Durch Not und Tod zum Sieg!“ So siehst du aus. Wilhelm Pape hat ihn gemalt. Pape ist mir piepe – ich pfeife auf Pape. Die Desertion ist dem Friedensfürsten teuer zu stehen gekommen: fünfzigtausend Mark monatlich. Das arme Geschöpf.

Und nachdem ich nun alles gesehen habe, Stück für Stück ganz langsam und sorgfältig, schüttle ich den Kopf und vermisse etwas. Was?

Uns.

Das sind wir nicht. Da stehen wir lebensgroß im Museum und sind es nicht. Ich kann die Noten lesen, weil ich das Stück mitgespielt habe – wie soll das einer entziffern, der dem Konzert nicht beigewohnt hat? Hier fehlt etwas. Hier fehlen – unvorstellbar, unausstellbar – die Imponderabilien. Die Zwischentöne.

Und weil Kriege so auf die Nachwelt kommen: so unvollständig, so falsch, so skeletthaft, deshalb vererbt sich Erfahrung nicht. Eine alte, zu Staub zerfallene Patronentasche, ein Fetzen Papier, ein rotes Plakat … das war es? Nein, das war es nicht.

[94] Es war: Bereicherung der Fixen; Abschlachtung der Wehr- und Beziehungslosen; Dreck; Hunger; menschliche Niedertracht; der verkleidete Zigarrenhändler und Baurat als Napoleon der Zweite und Friedrich der Große, je nach Veranlagung; nationale Spezialitäten der Grausamkeit, selbstverständlich auf allen Seiten: mit der ethischen Idee der Repressalien, die nur vorgetäuscht war, durften sich der kaltschnäuzige Feldwebel, der tropenkollrige sous-off’, der Italiener und der österreichische Feschak ihren Herrschgelüsten überliefern, straflos, verantwortungslos, frei. Die Lagerkommandanten, die ihre Hunde auf die Geschlechtsteile der Gefangenen hetzten, waren Neros, aber kleine; eine ekelhaftes Spielart. Größenwahnsinnig gewordene Postsekretäre entschieden über das Schicksal von Menschen. Ärzte deckten die Verbrechen. So war es.

Und als es vorbei war, ale die Kaufleute und die dumm-schlauen Diplomaten Halali bliesen („Hirsch tot!“): da liefen sie alle auseinander, zwängten sich in den Zivilkragen – und nun ist es keiner gewesen. Jeder hat die Verantwortung getragen, jeder hat nur die Reglements befolgt, jeder hat nur die Reglements ausgearbeitet, die nötig waren – „Sie glauben nicht, wie nötig!“ –: keiner konnte dafür. „Es mögen Fehler vorgekommen sein …“

Aber muß man den ordensgeschmückten Rechnungsräten, die sich heute noch Generäle nennen, sagen, daß sie unumschränkter geherrscht haben, ale Gott es jemals getan. Der ist vor sich selbst verantwortlich – sie nicht einmal jenen kindlichen Untersuchungsausschüssen, die es in die Akten schreiben und es dabei bewenden lassen. Und jeder kleine Geometer, Rechtsanwalt, Kaufmann, Ingenieur: sie sind alle nur mitgelaufen, sie haben in der Notwehr gehandelt, sie konnten nicht anders – und sie bereuen nicht.

[95] Wir kommen falsch auf die Nachwelt.

Man stopfe ein paar dieser Generalfeldmarschälle aus, ein paar Journalisten, ein paar Staatssekretäre, ein paar Feldprediger, vielleicht als freundliche Attrappen, etwa als Schirmständer oder mit einer Visitenkartenschale im Maul, damit sie doch einmal zu etwas gut sind im Leben – man stelle diese Puppen in die Vitrinen und schreibe darunter:

AUS GROSSER ZEIT

Dann wird die Nachwelt staunend davorstehen, schaudernd betrachten und mitleidsvoll begreifen.