Wunderliche Heilige/Hänschen Apfelkern und das Siebenttägerkloster in der Wildniß am Cocalico

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Titel: Hänschen Apfelkern und das Siebenttägerkloster in der Wildniß am Cocalico
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 775–777
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Wunderliche Heilige.
2. Hänschen Apfelkern und das Siebenttägerkloster in der Wildniß von Cocalico.

Auch der Hinterwald hat seine Romantik, und nur, was bei uns in der alten Welt ein Hauptzug der Romantik ist, Spuk und Gespenstergeschichten fehlen ihm gänzlich. Sonst giebt’s Ueberfluß an blutigen Stellen, an wilden Lebensläufen, an abenteuerlichen Fahrten. Erinnerungen an finstere Helden der Grenzkriege, an Indianerjäger, wie die schrecklichen Brüder Wetzel, an Renegaten, wie Simon Girty, an Strompiraten, wie Mike Fink, schweben um diesen und jenen Ort. Endlich mangelt es auch nicht an Sonderlingen der verschiedensten Art, namentlich nicht an wunderlichen Heiligen, und von zwei Exemplaren der letzteren Art soll im Folgenden berichtet werden. Beide sind Pennsylvanier, der eine ein Angloamerikaner, der andere ein Deutscher.

Von dem ersten erzählte man mir in dem Buckey-Städtchen Findlay am Rande des Schwarzen Sumpfes in Nord-Ohio, wo man ihn zuletzt gesehen, als die Shawanoes noch in dieser Gegend hausten. Sein Name war Jonathan Chapman, bekannter aber war er unter dem Spitznamen Johnny Appleseed, d. h. Hänschen Apfelkern. Er war ein Sonderling von der liebenswürdigen Sorte. Unter dem rauhen gewaltthätigen Volk, das damals hier, an der Grenze der Civilisation, den Wald rodete und den rothen Mann wie den Hirsch jagte, folgte er dem milden Beruf eines Gärtners in der Wüste, indem er ohne Anspruch auf Dank und Lohn die unwirthbare Waldregion durchwanderte, um aus ihr einen Obstgarten zu machen. Von Pennsylvanien mit der weiterrückenden Kultur nach Ohio gekommen, hielt er sich stets auf der Linie zwischen den äußersten Vorposten der Weißen und den letzten Nachzüglern der abziehenden Indianerstämme auf. Hier klärte er auf dem fetten Lehmboden der Flußränder das Unterholz hinweg und pflanzte dann seine Apfelkerne, worauf er den Ort verließ, um wiederzukehren, wenn die Keime zu Bäumchen geworden waren. Kamen dann Ansiedler in die Gegend, so war Johnny mit seinen Schößlingen für sie bereit, die er in der Regel verschenkte oder gegen ein Mittagsessen oder ein altes Kleidungsstück vertauschte. In dieser segensvollen Wirksamkeit fuhr er lange Jahre fort, bis das Land voll von den Früchten seiner Arbeit war und er, gleich jenen grimmen Neuntödterseelen, die den Indianer vertilgten, und gleich jenen rüstigen Rodewalden, die mit Beil und Brand den Urforst niederwarfen, neuen Spielraum für seinen Trieb im fernen Westen suchen mußte, wo er dann verschollen ist.

Johnny war ein kleiner verwachsener Mann mit langem dunklem Bart und schwarzen blitzenden Augen, hastig und ruhelos in Rede und Geberde. Seine Kleidung war meist abgerissen und schmutzig. Zu einer Zeit ging er sogar in einem Kaffeesack von braunem Bast einher, in dessen Boden er Löcher geschnitten, um Kopf und Arme hindurchstecken zu können. In der Regel erschien er barfuß. Seine Kopfbedeckung war ein Blechnapf, der ihm zugleich als Kochgeschirr und Schüssel diente.

Als Waffe und Werkzeug führte das originelle Männlein, das in seiner Erscheinung viel Ähnlichkeit mit den Waldzwergen unserer Märchen gehabt haben muß, eine Sichel bei sich. In Sachen des Glaubens war er ein Anhänger Swedenborg’s, dessen Schriften er zugleich mit seinen Apfelbäumen verbreitete, wobei es zuweilen geschah, daß er ein Buch, von dem er nicht genug Vorrath hatte, in zwei Theile zerriß und die beiden Hälften an verschiedene Personen vertheilte.

Durch Strapazen und Entbehrungen aller Art abgehärtet, schlief Hänschen Apfelkern oft während der rauhesten Jahreszeit unter freiem Himmel, und nicht selten soll’s gewesen sein, daß er meilenweit mit bloßen Füßen durch beschneite Gegenden wanderte.

Hieran knüpft sich eine Anekdote von ihm, die recht bezeichnend für sein naives Wesen ist. Einst hielt ein methodistischer Reiseprediger auf dem Markte eines Städtchens am Maumee – wenn ich mich recht erinnere, war’s in Defiance – eine Ansprache an das Volk, in deren Verlauf er ausrief: „Wo ist der in Demuth barfuß einherwandelnde Christ, der auf der Fahrt zum Himmelreich begriffen ist?“ Da sah man plötzlich unseren Johnny, der dem Sermon, auf einen Holzhaufen gelagert, anfmerksam zugehört hatte und die Frage wörtlich nahm, seine nackten Füße emporstrecken, und mit lauter Stimme schrie er: „Hier, mein guter Mann, hier ist er.“

Während manche der damaligen Hinterwäldler, wenn sie einen Indianer niederschössen, nicht mehr Blutscheu anwandelte, als wenn sie eine Fliege todtschlugen, hielt Johnny es sogar für schwere Sünde, ein Thier des Lebens zu berauben, und mehrmals gab er Proben dieser Gesinnung. Einmal begab sich’s, daß er auf dem Gange über eine Prairie von einer Klapperschlange gebissen wurde. Einige Zeit nachher fragle ihn ein Bekannter nach dem Vorfall. Johnny that einen tiefen Seufzer und erwiderte, indem seine Augen sich mit Thränen füllten: „Das arme Ding! Kaum hatte es mich angerührt, als ich, übermannt von gottloser Unduldsamkeit, ihm mit meiner Sichel den Kopf abschlug. Das arme, schuldlose Thierchen!“ Ein ander Mal hatte er sich draußen im Walde ein Feuer angemacht, um sich gegen die Kälte der Herbstnacht zu schützen, die er dort zuzubringen gedachte. Da bemerkte er, daß die Muskitos in die Flammen flogen und verbrannten. Sogleich erhob er sich, füllte jenes Blechgeschirr, welches er als Mütze und Kochtopf zu benutzen pflegte, mit Wasser ans dem benachbarten Flusse und goß das Lagerfeuer aus, indem er sagte: „Verhüte Gott, daß ich rein um meiner Bequemlichkeit willen Ursache werden sollte zum Tode eines meiner Mitgeschöpfe!“

Unser zweiter wunderlicher Heiliger, der eine Anzahl anderer wunderlicher Heiliger um sich versammelte, gehörte anfangs in den Kreis, den der Aufsatz über die Tunker vergl. Nr. 43, S. 679) geschildert hat. In der Gemeinde dieser Wiedertäufer, die sich am Mühlbach in der pennsylvanischen Grafschaft Lancaster gebildet hatte, befand sich ein gewisser Conrad Beißel, ein Deutscher, welcher nach eifrigem Forschen im Wort Gottes gefunden hatte, daß die Tunker sich einem Irrthum hingaben, in dem sie den ersten Tag der Woche feierten, während doch der große Jehova den siebenten heilig zu halten geboten und dieses Gebot niemals aufgehoben hatte. Er veröffentlichte um das Jahr 1725 eine Abhandlung, in welcher er diesen Punkt behandelte. Derselbe rief in der Tunkergemeinde am Mühlbach Aufregung und Streit hervor, und diese Wirren veranlaßten Beißel, sich in [776] der Wildniß am Flusse Cocalico in einer Zelle niederzulassen, die früher einem Einsiedler, Namens Elimelech, zur Wohnung gedient hatte. Lange Zeit blieb sein Zufluchtsort denen, die er verlassen hatte, verborgen. Als derselbe endlich entdeckt worden, sammelten sich um ihn alle die, welche sich am Mühlbach inzwischen von der Wahrheit überzeugt hatten, daß Gott nur mit dem Feiern des Sonnabends gedient sei, und bauten sich Hütten um seine Zelle. So entstand die Eremitengemeinde der Siebenttäger, die 1732 das Einsiedlerleben mit dem klösterlichen vertauschte. Es entstand eine förmliche Bruderschaft, die in einem geschlossenen Dorfe mit einem Hauptgebäude beisammen lebte, welchem die Gesellschaft den Namen Ephrata beilegte. Die Brüder, denen sich auch Schwestern beigesellten, nahmen das Ordenskleid der Capuziner an und Alle, die in das Kloster eintraten, vertauschten ihre weltlichen Namen mit geistlichen. Onesimus, der in der Welt Israel Eckerlin geheißen, wurde zum Prior erwählt. Später hatte Iaebez, früher Peter Müller genannt, diese Würde inne. Beißel, der den Klosternamen Friedsam Gottrecht führte, begnügte sich mit dem Titel „Geistlicher Vater“.

Im Jahre 1740 zählte das Kloster sechsunddreißig unverheirathete Brüder und fünfunddreißig Schwestern, und später hielten sich zu demselben fast dreihundert Personen, von denen indeß die Mehrzahl außer der Clausur lebte. Diese Gemeinschaft war eine Republik, in der alle Mitglieder gleich waren und nur nach ihrem freien Willen im Verbände blieben. Klösterliche Gelübde fanden nicht statt. Eine Regel oder ein Gesetzbuch hatte man ebensowenig. Das Neue Testament war ihr Glaubensbekenntniß, ihre Rechtsquelle, ihr Disciplinarcodex. Das Eigenthum, welches die Gemeinde durch Schenkungen und durch die Arbeit der einzelnen Brüder und Schwestern erwarb, gehörte der Gesammtheit; Niemand aber war gezwungen, sein Geld in den gemeinsamen Seckel zu werfen oder seinen Grundbesitz aufzugeben. Die Bedürfnisse der Gesellschaft wurden durch die mit dem Kloster verbundene Farm, durch eine Graupen-, eine Loh-, eine Oel- und eine Papiermühle beschafft, sowie durch Tischler- und Drechsler-, Weber- und Tuchmacherarbeit der Insassen.

In Betreff ihres Glaubens und ihrer religiösen Bräuche unterschieden sich die Leute von Ephrata nur durch die Sabbathfeier von den Tunkern. Sie richteten sich in allen Stücken nach dem Wortlaut der Bibel und nahmen diese buchstäblich wie die Tunker. Sie hielten es mit der Taufe wie diese, waren also Wiedertäufer. Sie feierten das Abendmahl bei Nacht und in der Weise eines gewöhnlichen Essens. Sie ließen ihm die Fußwaschung und die Communion folgen. Sie hatten die Ceremonie des heiligen Kusses und die der letzten Oelung. Die Ehe war ihnen nicht versagt, im Gegentheil, wenn ein Paar zu arm war, um sich zu heirathen, so half die Gemeinde mit ihren Mitteln aus. Aber allerdings galt Ehelosigkeit unter ihnen für einen höheren Zustand, da Paulus geschrieben: „die, so nach dem Fleische sind, sorgen für die Dinge des Fleisches, aber die, so nach dein Geiste sind, für die Dinge des Geistes.“ Wer ehelos blieb, hatte wenigstens auf einen bessern Platz in der Glorie des Himmelreichs zu hoffen.

Ehelosigkeit war infolge dessen ein Lieblingsthema für die Prediger der Siebenttäger, die sie unaufhörlich als eine erhabene Tugend mit den glänzendsten Farben darstellten, und ein häufig in ihren Hymnen gepriesener Gegenstand.

Die Sabbathfeier der Siebenttäger begann des Abends und wurde am Morgen fortgesetzt. Sie fing mit einem Liede an. Dann wurde knieend gebetet, und nach einem zweiten Liede forderte der Vorsteher irgend einen von den Brüdern auf, ein Capitel aus der Bibel vorzulesen, welches er sich nach Belieben auswählen konnte und dann auszulegen hatte.

Hierauf schärfte der „Ermahner“ der Versammlung die Pflichten ein, welche der Abschnitt dein Christen auferlegt, und hatte dann irgend ein Anwesender dieser Ansprache noch etwas hinzuzufügen, Auskunft zu wünschen oder die Sache weiter zu entwickeln, so besaß er nach der Sitte der Gemeinschaft volle Freiheit dazu. Gebet und Gesang, zuletzt die Vorlesung eines Psalms statt des Segens beschloß diesen einfachen Gottesdienst.

Es ist in Amerika Mancherlei über die wunderlichen Heiligen von Ephrata geschrieben worden, aber Vieles davon ist Unwahrheit, Anderes Verdrehung oder Uebertreibung. Man hat ihnen nachgesagt, sie lebten nur von vegetabilischer Nahrung, weil die Regel der Gesellschaft Fleischspeisen als zu bösen Gelüsten reizend verbiete. Man hat ferner behauptet, sie schliefen auf hölzernen Bänken ohne Betten und bedienten sich eines Klotzes als Kopfkissens blos um sich zu kasteien. Beide Thatsachen sind richtig, nicht so aber die Beweggründe. Wenn sie mehr Gemüse als Fleisch und oft lange Zeit gar kein Fleisch aßen, wenn sie auf groben Pritschen schliefen, so geschah es, weil die Noth sie dazu zwang. Sie waren ursprünglich sehr arm, und die Wildniß, in der sie sich ihr Kloster mit eigener Hand bauten wie die Mönche, die das heidnische Deutschland civilisirten, bot weder Braten noch Betten. Die äußerste Sparsamkeit war geboten. Wie Robinson mußte man sich mit Dem behelfen, was zur Hand war.

Es gab anfangs kaum ein Stück Eisen oder anderes Metall, einige Wertzeuge ausgenommen, in Ephrata, geschweige denn Glas oder Thongeschirr. Beim Abendmahl sogar bediente man sich hölzerner, Flaschen und Kelche für den Wein und aus Holz gedrechselter Patenen für das Brod, und wenn diese Gefäße bei den Resten der Siebenttäger noch heute im Gebrauch sind, obwohl sie mit gläsernen beschenkt worden sind, so ist das pietätvolle Erinnerung an die ersten bescheidenen Anfänge ihrer Gesellschaft. Selbst die Gabeln, mit denen sie aßen, und ihre Leuchter waren von Holz gemacht, und ihre Teller bestanden aus achteckigen dünnen Bretchen von Pappelholz.

Mit der Zeit wurden sie als fleißige und sparsame Leute wohlhabend, und jetzt verschmähten sie ein gutes Bett nicht mehr und ebensowenig den Genuß anderer Freuden, obwohl Mäßigkeit im Essen und Trinken stets beobachtet wurde.

Diese wunderlichen Heiligen hatten neben ihren komischen und naturwidrigen Lehren und Bräuchen etliche sehr ehrenwerthe Eigenschaften. Sie nahmen in der Revolution entschieden Partei für die Whigs, d. h. sie waren entschiedene Gegner der englischen Unterdrückung und eifrige Freunde der Freiheit, nur durften sie nicht für sie kämpfen, da sie wie die Tunker und die Mennoniten das Waffentragen für unchristlich hielten. Sie duldeten ferner lange Zeit mit ausdauernder Sanftmuth die Mißhandlung, Verspottung und Plünderung, die ihnen übelwollende Nachbarn zufügten, und vergalten deren Unfreundlichkeit im Kriege von 1756 damit, daß sie ihnen, die damals vor dem Tomahawk der mit Frankreich verbündeten Indianer flüchteten, in ihren festen Wohnungen eine Zuflucht boten, ja ihnen und ihren Familien zu diesem Zweck sogar ihre Kirche einräumten. Die Regierung wollte sie dafür belohnen, sie nahmen aber nur ein Paar gläserne Abendmahlskelche an. Schon früher hatte der Sohn, Penn’s, damals Gouverneur von Pennsylvanien, ihnen als Zeichen seiner Achtung eine Landschenkung von fünftausend Ackern zugedacht, aber sie hatten dieselbe als friedsame und bescheidene Leute abgelehnt, da sie Neid und Streit davon fürchteten. Nach der Schlacht bei Brandywine verwandelte sich die ganze Niederlassung freiwillig in ein großes Lazareth für die verwundeten Amerikaner, von denen anderthalbhundert hier starben und auf dem benachbarten Berg Zion ihre Grabstätte fanden. Auch sonst war Ephrata eine Stätte der Barmherzigkeit und der Gastfreundschaft in der Wildniß, weit und breit bekannt dafür wie die Hospize unserer Alpen.

Endlich aber genoß das Kloster der deutschen Wiedertäufer am Calico mehrere Jahrzehnte hindurch den Ruf einer guten Erziehungsanstalt; denn mehrere seiner Mönche waren Männer von Bildung, und es geschah, daß verschiedene vornehme Familien ihre Söhne hier unterrichten ließen. Die neben dieser Bildungsanstalt bestehende Sabbathschule freilich artete rasch aus. Die jungen Leute gaben sich religiösen Grübeleien hin, entzündeten ihre Phantasie mit mystischen und pietistischen Träumen und wurden schließlich so heiß und verwirrt davon, daß unter ihnen jene mit allerlei Krämpfen, Verzückungen, Aufschreien und tanzartigen Bewegungen verbundene religiöse Drehkrankheit ausbrach, die man im Jargon der amerikanischen Secten mit dein Namen Revival (Erweckung) bezeichnet, die aber mehr eine Art andächtiger Veitstanz ist, bei dem die bald himmelwärts aufjauchzende, bald über die schnöde Welt zum Tode betrübte, bald den gräulichen Höllenrachen vor sich gähnen sehende Seele vor Wonne und Angst zugleich an der Wand in die Höhe laufen und aus der Haut springen zu wollen scheint. Nachdem die armen Jungen es eine Weile recht schlimm getrieben mit diesem gottesfürchtigen Unfug, machte Beißel der Sache ein Ende. Er war, wie bemerkt, ein sehr wunderlicher Heiliger, aber kein Liebhaber von derartiger Ueberschwänglichkeit. [776] So blühte die „Blume der Wildniß“ fort in’ der Stille, nicht ohne Auswüchse, aber im Ganzen eine erfreuliche Erscheinung. Ueber fünfzig Jahre wuchs Ephrata, dann – bald nach dem Ableben Beißel’s, der 1768 starb – begann es allmählich zurückzugehen.

Es kamen andere Zeiten und andere Menschen. Die Ideen der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts verdrängten das, was das siebzehnte bewegt hatte. Die Politik trat an die Stelle der Religion. In der Revolution gegen den englischen Druck erzeugte sich rings um Ephrata ein neues Geschlecht. Die Wildniß ferner wurde mehr gelichtet. Auf allen Seiten klärte es sich auf, begann Weltluft zu wehen,, und jetzt waren die Tage der stillen Gemeinde gezählt, zumal der Krieg die Gegend wiederholt heimsuchte und die Verfolgung sich von Neuem regte.

Noch giebt es eine kleine Schaar, welche die Grundsätze der alten Siebenttäger festhält und sich regelmäßig am Sonnabend zum Gottesdienste versammelt. Aber sie haben, wie mir ein würdiger alter Herr von der Gemeinde schrieb, nur noch die Formen, nicht den Geist und den Eifer ihrer Vorgänger, und es gilt in keiner Weise mehr von ihnen, was der berühmte Morgan Edwards einst von den Leuten in Ephrata sagte: „Gott wird immer ein sichtbares Volk auf Erden haben, und diese Deutschen am Cocalico sind gegenwärtig sein Volk vor allen andern auf Erden.“ „Ephrata“ – so klagte jener alte Herr mit Pathos – „ist gefallen, von der Gluth der Liebe verlassen, über alle Begriffe entartet. Ichabod ist geschrieben auf die Mauern von Zion.“

Dagegen sind andere Siebenttägergemeinden etwas besser gediehen, und zwar giebt es deren jetzt noch drei. Die eine wurde 1758 am Bermudian Creek in York County, etwa fünfzehn englische Meilen von der Stadt York in Pennsylvanien, gegründet. Ich fand hier noch etwa dreißig Mitglieder, die aber seit vielen Jahren keinen Prediger hatten. Eine zweite, die 1763 in Bedford County entstand, war günstiger gestellt und zählte ungefähr hundert Köpfe, die sich einen reisenden Geistlichen hielten, da sie sehr zerstreut wohnten. Die wichtigste Zweiggemeinde der Beißelianer endlich befand sich im Jahre 1856 zu Snowhill in Franklin County, wo sie von zwei Aeltesten, Peter Lehmann und Andreas Snowberger, geleitet wurde und in Andreas Fahnestock einen Prediger hatte. Die Einrichtung war hier ähnlich wie in Ephrata. Man feierte wie dort den Sabbath. Die Taufe wurde nur an Erwachsenen vollzogen, und zwar in einem Bache durch dreimaliges Untertauchen des Täuflings, der dabei im Wasser kniete, nach vorn. Die Kinder wurden durch Handauflegung unter Segenssprüchen in die Gemeinde aufgenommen. Jedermann hatte Zutritt zu ihrer Abendmahlsfeier und durfte an der Communion theilnehmen, gleichviel ob er zu der Gesellschaft der Siebenttäger gehörte oder nicht. Die Beichte war bei ihnen unbekannt. Ihr Geistlicher erhielt keinen festen Gehalt, denn Paulus hatte das Evangelium umsonst gepredigt. Indeß war dadurch nicht ausgeschlossen, daß einzelne Mitglieder demselben Geschenke an Lebensmitteln, Waaren und selbst Geld machten, und bei Amtsreisen ersetzte ihm die Gemeinde aus öffentlichen Mitteln seine Auslagen.

Im Ganzen machten auch die Zweige der Stammkirche von Ephrata den Eindruck des Absterbens. Es ist eben auch für sie die Zeit nicht mehr günstig. Es gehört Urwaldsboden dazu, wenn religiöse Gemeinschaften gleich ihnen gedeihen sollen, und Pennsylvanien hat von solchem Boden nicht viel mehr auszuweisen. Auch ähnliche Seelen fristen diesseit des Mississippi nur noch kümmerlich ihre Existenz als solche. Nur unvollkommen erwehrt man sich der Aufklärung, die durch alle Ritzen dringt. Viele thun nur der Form nach noch mit. Viele sind reich geworden, und es ist schwer für die Reichen, in das Himmelreich zu gehen - wenigstens auf dem Wege, der über Stationen wie das Wiedertäuferkloster am Cocalico führt.