Wunderliche Heilige/Deutsche Wiedertäufer im Hinterwalde

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Deutsche Wiedertäufer im Hinterwalde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 679–682
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[679]

Wunderliche Heilige.

I. Deutsche Wiedertäufer im Hinterwalde.

Unter den verschiedenen auffallenden Gestalten, die dem Neuling im Hinterwalde des amerikanischen Westens Fragen auf die Lippen drängen, wird ihm in Maryland und Pennsylvanien, in Ohio und Indiana und bis zum Mississippi namentlich die eines Bauern wundersam vorkommen, der in seiner Tracht ein Gemisch aus Vater Abraham, Goethe, wie er vor dein Schauspielhaus in Weimar in Erz steht, und einem beliebigen transatlantischen Pflanzer ist. Ein schwarzer Filzhut mit ungewöhnlich breiter, völlig flacher Krempe bedeckt den Kopf. Der Körper steckt in einem Frack mit Stehkragen, biberschwanzförmigen Schößen und nur einer Knopfreihe, wie Urgroßvater ihn trug, als er Urgroßmüttern zur Frau nahm. Ueber die Brust fließt ein Patriarchenbart herab, und auch das Haupthaar scheint nur den Kamm, nicht die Scheere zu kennen. Im Winter hüllt sich die sonderbare Erscheinung in einen ebenfalls alterthümlich geschnittenen Weißen Mantel.

Treten wir in die Wohnungen der eigenthümlich gekleideten Männer, so lernen wir in ihnen und den Ihrigen ein biederes, gastfreies Geschlecht kennen, das meist in guten Verhältnissen, bisweilen in der Fülle des Reichthums, ein harmloses Leben lebt. Der Hausvater wird uns, sobald die Rede auf Religion kommt, entweder auf Englisch oder in jenem Gemisch von Pfälzerisch und Englisch, welches man Pennsylvanier-Deutsch nennt, zu überzeugen suchen, daß wir zum Urchristenthum zurückkehren müssen, daß mann dabei den Weg nicht verfehlen kann, wenn man die Bibel in allen [680] Stücken wörtlich nimmt, und daß man dann namentlich entdecken wird, wie nur die Taufe Erwachsener wahre Kraft hat.

Die Abrahamsbärte im Goethefrack sind also deutsche Wiedertäufer, und fragen wir in der Welt, die nicht zu ihnen gehört, weiter nach, so erfahren wir, daß ihre Gemeinschaft einen ziemlich großen Theil der Farmer in den Wäldern und auf den Prairien des Mississippithales umfaßt, und daß man ihnen, weil ihre Secte die Taufe statt durch Besprengen durch Untertauchen vollzieht, den Namen der Tunker, englisch Dunkards, gegeben hat. Sie selbst aber nennen sich „Bruder“, englisch Brethren, weil Jesus gesagt hat: „Einer ist euer Herr, Christus, ihr alle aber seid Brüder.“ Von unduldsamen Witzbolden haben sie sich auch den Spitznamen „Tumblers“ gefallen lassen müssen, weil sie den im Wasser knieenden Täufling mit dem Kopfe drei Mal nach vorn, nicht wie bei den Baptisten nach rückwärts, untertauchen, eine Procedur, die einige Ähnlichkeit mit den Bewegungen der Tummler oder Schweinfische hat.

Als Bauersleute wissen die meisten nichts von der Geschichte ihrer Secte oder sagen wir lieber, da Secte in Amerika einen üblen Klang hat und diese Blätter möglicherweise auch „Brüdern“ in die Hände kommen werden, ihrer Gemeinschaft. Wußte doch einer ihrer Bischöfe, als ich ihn danach fragte, nicht einmal, was Geschichte sei. Auch außerhalb des Kreises dieser deutschen Täuferbrüderschaft im amerikanischen Hinterwalde ist, meines Wissens, so gut wie nichts über ihren Ursprung und ebensowenig über ihren Glauben bekannt, und so wird es nicht unverdienstlich sein, bevor ich ein Zusammentreffen mit ihnen schildere, in der Kürze mitzutheilen, was ich aus allerhand Quellen über sie in Erfahrung brachte.

Die Tunker oder Brüder erscheinen in Amerika zuerst im Herbst 1719, wo etwa zwanzig Familien in Philadelphia landeten und sich bald darauf zerstreuten. Einige gingen nach Germantown, andere nach Shippack, noch andere ließen sich bei Oley und bei Conestoga nieder. Bei dieser Zerstreuung kam es zu keinem gemeinsamen Gottesdienste, und die vereinzelten Familien begannen lau im Glauben zu werden. Eine Reise, die im Jahre 1722 von den Gebrüdern Trautz und mehreren Anderen, namentlich Peter Becker von Germantown, zu denselben unternommen wurde, um ihnen in’s Gewissen zu reden, hatte Erfolg. Ein großes Revival, d. h. eine Wiederbelebung des religiösen Sinnes und Eifers, fand statt, und überall verbanden sich Gruppen von Familien zu regelmäßiger Feier des Gottesdienstes, den sie mitgebracht. Nach einiger Zeit aber hörte auch das wieder auf, da die Schwierigkeit des Verkehrs damals in der Wildniß zu groß war, und die Tunker würden sich allmählich in der übrigen pennsylvanischen Bevölkerung verloren haben, wenn nicht im Herbst 1729 eine zweite Gesellschaft der Ihrigen eingetroffen wäre. Diese, einige dreißig Familien stark, verstärkte ihre Zahl und brachte neues Leben unter sie, so daß die Genossenschaft sich erholte und fortan erhalten blieb. Bei dem Segen „seid fruchtbar und mehret euch“, der im Hinterwalde über Alles, Menschen wie Maiskolben, ausgegossen ist, wurde dann im Laufe von etwa anderthalbhundert Jahren aus diesen ersten Einwanderern eine zahlreiche Gemeinde, die an fünfzigtausend Köpfe zählen soll (Genaues weiß man darüber nicht, da die Tunker über ein weites Gebiet vertheilt sind und es überdies nach dem übeln Ausgang der Zählung Israels durch David für sündhaft halten, Zählungen anzustellen) und in der wenigstens ein loser Zusammenhang unter den Brüdern bewahrt wurde.

Jene beiden Einwanderergesellschaften aber kamen aus Deutschland und waren Glieder einer Genossenschaft frommer, grübelnder Bauersleute, die, durch Spener’s Schriften angeregt, vom Jahre 1708 an sich zu Schwarzenau bei Schriesheim (Baden) zusammengethan hatte, um „sorgfältig und ohne Vorurtheil die Lehren des Neuen Testaments zu prüfen und sich klar zu werden, welche Pflichten es dem Bekenner des Christenthums auferlege“. Der Stifter der Genossenschaft war Alexander Mack, sonst gehörten zu ihr anfänglich nur dessen Frau, Johann Köppen und dessen Frau, Georg Gräfe, Andreas Bohne, Lukas Vetter und Johanne Nettigheim. Das Ergebniß ihrer Forschungen, bei denen sie den Grundsatz verfolgten, von allen Lehren und Bräuchen der bestehenden Kirche abzusehen und die Bibel so wörtlich als irgend möglich verstanden zur alleinigen Richtschnur zu nehmen, war, daß sie aus der protestantischen Kirche austraten und eine Gemeinde für sich gründeten. Nach ihrer Meinung that ihnen nun vor Allem Noth, daß sie mit der „Taufe der Gläubigen“, d. h. der Zurechnungsfähigen oder Erwachsenen, getauft wurden. Aber da ergab sich eine Schwierigkeit. Mack, als Vorsteher ersucht, die heilige Handlung an den anderen Separatisten zu vollziehen, weigerte sich als gewissenhafter und logisch denkender Mann. Er war nach seiner Auffassung wie jene ungetauft, weil nicht auf die von der Bibel vorgeschriebene Weise getauft, und deshalb nicht berechtigt, als Täufer zu fungiren. Zuletzt indeß half man sich damit aus der Verlegenheit, daß man unter Gebet das Loos entscheiden ließ, wer von den acht wunderlichen Heiligen der Nothhelfer sein sollte. Der Name desselben ist sorgfältig geheim gehalten worden. Wir wissen nur, daß die Taufe der Leute im Flüßchen Eder bei Schwarzenau stattgefunden hat, und daß Mack dann zum Geistlichen der neuen Gemeinde gewählt wurde.

Diese Wiedertäufergenossenschaft wuchs nun rasch durch Hinzutritt von Nachbarn, und bald gab es Tochtergemeinden in Marienborn, wo ein gewisser Johann Naaß, und in Epstein, wo Christian Levy die Leitung übernahm. Aber die alte Kirche verstand damals keinen Scherz. Die harmlosen Brüder erlitten Verfolgung, und da sie von ihrer Ueberzeugung nicht lassen wollten, so waren sie genöthigt, sich eine andere Heimath zu suchen. Einige flüchteten nach Holland, wo die verwandten Mennoniten geduldet waren, andere nach Crefeld im damaligen Herzogthum Cleve. Die Mutterkirche zog von Schwarzenau nach Serustervin in Friesland, von wo die zu derselben Gehörigen nach Pennsylvanien auswanderten. Die beiden andern Gemeinden folgten ihr zehn Jahre später dahin.

Damit hört die Geschichte der Tunker für uns auf. Wir wissen nur noch, daß ihre Genossenschaft sich in den ersten Jahren nach 1729 auch durch Hinzutritt anderer deutscher Einwanderer vom Wissahikon und aus Lancaster County verstärkte, daß in letzterer Grafschaft eine starke Gemeinde am Mühlbach oder Mill Creek entstand, und daß aus dieser sich auf Anregung eines gewissen Conrad Beissel, der die Entdeckung gemacht, nicht der Sonntag, sondern der Sonnabend sei von dem wahren Christen als heiliger Tag zu feiern, eine neue Gemeinde absonderte, die den Namen Siebendtäger erhielt, und über deren Versuch, in der Wildniß am Flusse Cocalico ein protestantisches Kloster in der Weise der Kapuziner zu gründen, ich in einem anderen Abschnitte ausführlich berichten will.

Die sonstigen Thaten und Leiden der Anhänger Mack’s verbergen sich im Schatten des Urwalds, wie andere Geschicke der Deutschen, die in der Zeit vor dem Unabhängigkeitskriege in die dunkle Einöde des Innern von dem damaligen Pennsylvanien, „Penn’s Waldland“, auswanderten. Mack selbst scheint schon in Friesland oder doch bald nach seiner Ankunft auf amerikanischem Boden gestorben zu sein.

Fragt man die Brüder nach ihren Bekenntnißschriften, so erhält man in der Regel die Antwort, daß es deren keine gebe, und daß die einzige Quelle ihres Glaubens und ihrer Einrichtung die Bibel sei. Dies ist indeß nicht richtig. Es existirt ein Buch jener Art von ihrem Stifter, es giebt ferner ein zweites, welches von dem Tunkerbischof Winchester verfaßt ist, und ich selbst besitze ein drittes, welches mir von seinem Autor, dem früheren Gerber und jetzigen Farmer und Bischof Peter Nead bei Dayton in Ohio, verehrt wurde. Das letztere, mit Holzschnitten ausgestattet, welche die Tunker bei verschiedenen religiösen Handlungen, Taufe, Abendmahl, heiligem Kuß etc. darstellen, führt in deutscher Übersetzung den Titel „Theologische Schriften über verschiedene Gegenstände; oder Vertheidigung des ursprünglichen Christenthums, wie es im Worte Gottes aufgezeichnet ist“ und ist 1850 zu Dayton erschienen. Endlich aber halten sie alle Jahre um Pfingsten eine Art Concil, welches von den Bischöfen und Lehrern der einzelnen Gemeinden sowie Abgeordneten der letzteren besucht wird, und wo man unter Vorsitz der fünf ältesten Bischöfe unter andern Fragen von allgemeiner Bedeutung auch etwaige Glaubensstreitigkeiten entscheidet, Entscheidungen, die dann deutsch und englisch gedruckt den Vorständen der Einzelgemeinden zur Verlesung übersandt werden.

Aus diesen Schriften geht hervor, daß die Tunker Evangelische sind, welche sich eigentlich von anderen Evangelischen nur dadurch unterscheiden, daß sie alle Anordnungen Jesu und der Apostel buchstäblich nehmen und befolgen. Daher vollziehen sie die Taufe, [681] wie angedeutet, und daher feiern sie das Abendmahl bei Nacht und als wirkliches Essen, dem indeß noch die Communion in der Weise der Reformirten folgt, nachdem eine allgemeine Fußwaschung stattgefunden hat. Begegnen sie sich bei kirchlichen Gelegenheiten, so begrüßen sie sich mit dem „heiligen Kuß“ oder dein „Kuß der Liebe“, von dem in den Paulinischen Briefen zuweilen gesprochen wird, und über den, um falschen Schlüssen vorzubeugen, gleich hier bemerkt werden mag, daß er sich nicht über die Grenze des Geschlechts entfernt, also nur von Mann zu Mann und von Frau zu Frau geht. Ferner haben sie aus der Bibel herausgelesen, daß Sterbende mit geweihtem Oel gesalbt werden müssen, daß Waffen zu tragen, Processe zu führen und Eide zu leisten unchristlich ist. Früher war unter ihnen sogar verboten, von Geldern, die sie verliehen, Zinsen zu nehmen, und noch jetzt verlangen die frömmeren unter ihnen von Nichttunkern nur sehr geringe und von armen Gemeindegliedern gar keine Interessen für das vorgestreckte Capital.

Jeder zur Gemeinschaft der Brüder Gehörige, der sich während des Gottesdienstes bewogen findet, einen Vortrag zu halten, hat Erlaubniß dies zu thun. Zeichnet sich einer dabei durch Bibelkenntniß und Beredsamkeit aus, so wählt ihn die Gemeinde zu ihrem Prediger, und er wird durch Handauflegung und unter Fasten und Gebet vom Bischof geweiht. Diese Prediger bleiben Farmer oder Handwerker: denn nach dein Bibelworte: „Geben ist seliger denn Nehmen“ beanspruchen sie keinen Gehalt, und man belohnt sie nur gelegentlich durch ein Geschenk. Sie haben auch Diakonen und Diakonissinnen, welche letzteren, aus den älteren Frauen genommen, beim Abendmahl die Küche und die Fußwaschung für die „Schwestern“ besorgen, während die ersteren mit der Armen und Krankenpflege und mit der Schlichtung von etwa vorkommenden Streitigkeiten in ihrem Sprengel betraut sind. Manche Gemeinden sind mehrere hundert Mitglieder stark, und von diesen gehen alljährlich zu den zerstreut wohnenden Brüdern Reiseprediger aus, die gewöhnlich paarweise auftreten, wo dann der eine deutsch, der andere englisch predigt. Endlich haben die Tunker auch Bischöfe, welche aus ihren Predigern gewählt werden und denen die Beaufsichtigung der verschiedenen Sprengel, die Leitung ihrer Abendmahlsfeiern und Liebesfeste, die Weihung der Prediger und die Mitwirkung bei Excommunicationen obliegt.

Kirchen besitzen die Tunker nicht. Wo die Gemeinde klein ist, hält man den Gottesdienst in dem geräumigsten Farmhause oder der größten Blockhütte derselben ab. Wo sie viele Mitglieder zählt, hat man in der Regel ein besonderes, nur zu kirchlichem Zweck bestimmtes Versammlungslocal, aber dasselbe unterscheidet sich, ohne Thurm und Glocken, äußerlich durch nichts von den gewöhnlichen ländlichen Privathäusern und hat im Inneren weder Chor oder Emporkirche, noch Orgel oder Kanzel. Wie es aber in einem solchen Meetinghouse aussieht und bei einem Tunkergottesdienste zugeht, wollen wir jetzt sehen.

Besonders zahlreich angesiedelt sind die Tunker, die sich auf gutes Land verstehen, in dem Gebiete zwischen den beiden Miamis und dem Mad River, und hier haben sie auf einer Waldblöße an der Straße von Dayton nach Salem, etwa drei Stunden Weges von erstgenannter Stadt, eines jener Meetinghouses, zu dem die Leser mir jetzt folgen mögen, um einem Gottesdienste unserer wunderlichen Heiligen beizuwohnen.

Es ist etwa neun Uhr Morgens, wie wir durch den Wald von Eichen und Ahornbäumen, der die Straße mit Ausnahme einiger Klärungen begleitet, einen mit dem landesüblichen im Zickzack laufenden Zaun, der sogenannten Wormfence, eingefaßten offenen Raum vor uns erblicken, in dessen Mitte sich ein langgestrecktes, mit Schindeln gedecktes Ziegelhaus befindet. Es ist unser Ziel. Innerhalb der Umzäunung, an deren Riegel zahlreiche Pferde angebunden sind, und vor der ein Marketender sich mit Flaschen und Gläsern neben einem flackernden Kochfeuer niedergelassen hat, tummelt sich allerlei Volk, langbärtige Tunker, zum Theil in weißen Wollenmänteln, zum Theil in braunen oder aschgrauen Fracks, die sich mit dem „heiligen Kuß“ und der „brüderlichen Rechten“ begrüßen, Tunkerfrauen in alterthümlichen Hauben und Brusttüchern und eine Menge profaner Zuschauer, unter denen Daytons Loafer nicht fehlen dürfen. Aus dem Schornstein des Meetinghouses steigt eine blaue Rauchsäule empor; denn schon rüsten die Diakonissinnen in der Küche dahinter die Speisen, die beim heutigen Liebesmahl verzehrt werden sollen.

Plötzlich Aufbruch von allen Seiten nach dem Hause, welches bald in allen seinen Theilen gefüllt ist. Die größere Hälfte desselben nimmt ein langer niedriger Saal ein, der einer großen Bauernstube gleicht. Die Bretterdecke desselben wird von vier grobzugehauenen Holzsäulen getragen. Vier Thüren, von denen sich eine nach der Küche öffnet, führen hinein, neun Fenster geben ihm Licht. Ein Altar ist nicht vorhanden, die Altarkerzen mag das Heerdfeuer ersetzen, welches durch die Küchenthür hereinflackert. Chor und Kanzel zugleich vertritt eine weißgedeckte Tafel, aus zwei Böcken und etlichen darüber gelegten Brettern construirt, um welche gegen zwanzig meist bejahrte Tunker, die Prediger und Bischöfe, sitzen. Die übrigen Theilnehmer an der Feier sowie die Zuschauer nehmen, etwa dreihundert an der Zahl, zu beiden Seiten des Tisches auf niedrigen Bänken ohne Lehne Platz, rechts, wie billig, da hier die Küche ist, die Schwestern, links, ihre Hüte auf den Knieen, die Brüder.

Und nun will ich im Perfectum weiter erzählen.

Nachdem sich das Gescharr und Gesumme der Eintretenden gelegt hatte, eröffnete man den Gottesdienst mit einem englischen Liede aus einer Art Gesangbuch, welches sich „das Harfenspiel der Kinder Zions“ nannte. Dann sprach einer der Prediger ein deutsches Gebet, welches ein ungeberdiger Tunkersäugling mit seinem Geschrei begleitete. Nach dem Amen erhob sich einer der Bischöfe, ein schöner alter Mann mit einem silberweißen Noahbarte, um aus der englischen Bibel ein Capitel aus dem Propheten Jeremias vorzulesen, woraus die Gemeinde wieder einige deutsche Verse sang, die ihr einer der Prediger zeilenweise vorsagte.

Hierauf begann das Predigen, meist weniger stark als breit, bald in deutscher, bald in englischer Sprache, bisweilen auf gut Pennsylvanisch, was die hier gebornen Bauern für das eigentliche Deutsch halten, wogegen sie unsre Schriftsprache als „deutschländisch“ bezeichnen. Ein alter Seelenhirt, der über das nach Luther’s Uebersetzung verlesene dritte Capitel der Apostelgeschichte in englischer Zunge sich vernehmen ließ, zog, als ihm von der Anstrengung warm wurde, ohne Weiteres den Rock aus, um ihn an die über seinem Kopfe von Säule zu Säule befestigte Leiste zu hängen, und brach bald nachher, indem er den Lahmen an der Pforte des Tempels zu Jerusalem, über den er die Brüder bis dahin, beiläufig nicht ungeschickt, verständigt halte, für einen Augenblick stehen ließ und sein Englisch vergaß, mit der Geberde des Schmerzes in die Worte aus: „Merk könnte noch viel schwätze über diesen Text, aber meine Lungs wolln’s net stände. Uff! meine Lungs.“ (Ständen heißt Aushalten, Lungs Lungen.) Ihm folgte, nachdem er trotz der erschöpften Lunge noch eine reichliche Viertelstunde, so ziemlich immer dasselbe wiederholend, gesprochen, ein Amtsbruder, der auf Deutsch ungefähr wieder dasselbe sagte, bis ihn ein blasser, schwarzbärtiger Prediger ablöste, der, wiederum englisch, ein neues Thema behandelte und offenbar das meiste Redetalent entwickelte, so daß ihm selbst der riesenhafte Diakon, der neben mir an der Thür bisher mehr Portiergeschäfte gegen zudringliche Loafer besorgt, als an sein Seelenheil gedacht hatte, seine Aufmerksamkeit schenkte und während seiner Rede bewahrte. Als nach ihm wieder deutsch gepredigt worden, folgte wieder Gebet, wobei die Versammlung auf die Kniee fiel, während der Vorbeter mit geschlossenen Augenlidern und den Kopf auf den einen Arm gestemmt, am Tische sitzen blieb.

Nun wieder Vorträge und Ermahnungen, bald englisch, bald deutsch, die meisten in Hemdärmeln; denn es war allmählich unerträglich heiß in dem Raume geworden, und der Schweiß rieselte von allen Stirnen. Endlich machte - es war ungefähr drei Uhr geworden, und es mochten fast ein Duldend Prediger geredet haben – der vorsitzende Bischof dieser Speisung der Seelen mit dem Bemerken ein Ende, daß es Zeit zum Mittagsessen sei, und bat, das Haus zu räumen, da der Saal dazu hergerichtet werden sollte. Erst würden die alten Leute und die Frauen sich zu Tisch setzen, dann die Uebrigen bei einer zweiten Anrichtung ihr Theil finden. Auch die Zuschauer seien als Gäste willkommen. Endlich sei auch für die Thiere Aller gesorgt, und würde der Diakon das Nöthige auf Wunsch verabfolgen. Während dieser Aufforderung und Erlaubniß Folge gegeben wurde, die, welche zu Pferde oder zu Wagen gekommen waren, sich Taschentücher voll Hafer und Arme voll Maiskolben holten, und drinnen die Kirche in einen Speisesaal verwandelt wurde, suchte ich mich ein wenig über die Geschichte und die Glaubensmeinungen der Leute zu belehren. Ich [682] sondirte das rohte gutmüthige Gesicht, welches während des Gottesdienstes neben mir geglänzt und mich in sein Gesangbuch hatte sehen lassen. Es wußte nicht, was ich meinte, und wies mich an einen Bekannten von der Bruderschaft, der „Bücher hatte“. Auch hier war nicht viel zu erfahren. Ich hörte nur Mack’s Namen, und daß man zuerst am Mill Creek gewohnt habe. Der Bischof da – hiermit zeigte er auf den ebenerwähnten stattlichen Vater Noah im Frack – würde mir mehr sagen.

Ich trug meine Bitte bei dieser dritten Instanz vor, und zwar deutsch. Er sah mich eine Weile fragend an.

„Geschichte unserer Denomination?“ fragte Noah mit leisem Schütteln der ehrwürdigen Silberlocken. „Geschichte – was ist Geschichte? Schwätze doch lieber deutsch. Ich verstehe das Deutschländische nicht gut.“

Ich entschuldigte mich, daß ich mit dem Deutschen nicht fertig werden könne, da ich noch nicht lauge im Lande sei, erklärte ihm den Begriff Geschichte kurzweg mit „Rise and Progress“ (Ursprung und Entwickelung) und erbot mich, englisch mit ihm weiter zu verhandeln. Vater Noah war damit zufrieden und erfuhr jetzt, was ich wollte, aber mein Begehren wurde auch von ihm nicht erfüllt. Nachdem er noch einmal die Silberlocken geschüttelt, sagte er würdevoll, mit Selbstgefühl und mit einem leichten Anfing von Geringschätzung, wie man sie vor Leuten empfindet, die unnütze Fragen an ihre Nebenmenschen richten: „Ursprung und Entwickelung? Unser Ursprung fängt mit den Aposteln an, und unsere Entwickelung ist die Historie der unsichtbaren Kirche Gottes.“

Da hatte ich’s und war so klug wie zuvor. Ein weiterer Versuch, mich mit dem alten Herrn zu verständigen, führte zu nichts, als einer ausführlicherer: Wiederholung seiner vorigen Antwort. Er hatte offenbar nicht die Fähigkeit, sich aus dem herkömmlichen Vorstellungskreise seiner Secte herauszuhelfen, und meine Wißbegier kam ihm augenscheinlich als Neugier vor und zwar als Neugier nach Dingen, die einen rechtschaffenen Menschen und guten Christen nicht im Mindesten interessiren konnten. So half er mir aus einer Verlegenheit, als er, dem Rufe zum Essen folgend, sich verabschiedete.

Die jüngeren Leute, die diesem Gespräch zugehört, waren weniger würdevoll, aber zugänglicher. Wir disputirten ein wenig, da hier wie fast überall, wo man zu wunderlichen Heiligen kommt, um sich über sie zu informiren, bei den Leuten die Ansicht zu herrschen schien, der Fremde sei gekommen, mit ihnen zu streiten und sie zu bekehren. Indeß ging Alles friedsam her, und wenn ich auf eine Frage, weshalb der in der Bibel angeordnete heilige Kuß von unseren Pastoren nicht zur Verabreichung empfohlen würde, nur mit den Achseln zucken konnte, so hatte ich dafür die Freude, die wackeren Leute darüber mit der ihnen neuen Benachrichtigung einigermaßen zu trösten, daß „im alten Lande“ Kaiser und Könige, ja selbst der heilige Vater der katholischen Christenheit zuweilen die Fußwaschung vollzögen. Zuletzt hatten wir Wohlgefallen aneinander gefunden, ich erfuhr das Eine und das Andere von Interesse und theilte Fragern, die sich immer zahlreicher einfanden, das Eine und das Andere mit; ja, als wir zum Essen gerufen wurden, hatte ich zu weiterer Unterhaltung in der Heimath der Wißbegierigen wohl ein halb Dutzend Einladungen erhalten, und Einer hatte es damit so eilig, daß er mich am liebsten noch diesen selben Abend mitgenommen hätte.

Nach dem Essen, bei dem sich die anwesenden Nichttunker, großenteils Loafer, sehr unanständig aufgeführt, die Tische förmlich gestürmt, die Schüsseln wie im Nu geleert und zu alledem grausam gelärmt und geflucht hatten, hob das Beten, Singen und Ermahnen von Neuem an und währte ununterbrochen fort, bis es dunkel wurde. In der That, es gehörte ein guter Magen dazu, so viel geistliche Speise, die überdies solche Bauernkost und in der Hauptsache immer dasselbe Gericht war, zu verdauen. Indeß schienen die Leute lange nichts davon gehabt zu haben. Es war wie ein Kirmeßessen, das auch selten, aber dafür um so reichlicher ist.

Endlich wurden in Blechleuchtern Talglichte auf den Tisch vor den Predigern gestellt, und die Scene änderte sich. Man stimmte zunächst einige Passionslieder an. Dann wurde die Leidensgeschichte Jesu aus dem Marcusevangelium vorgelesen, und hierauf brachten zwei Brüder ein Faß herein, in welchem sie, nachdem sie die Hemdärmel aufgestreift, allen männlichen Mitgliedern der Versammlung die Füße wuschen, die sie dann mit langen Handtüchern trockneten, welche sie um den Leib gewunden hatten. Aehnlich verfuhren auf der Seite der Schwestern zwei Diakonissinnen. Während dieser Ceremonie sprach einer der Bischöfe über die Bedeutung derselben. Der Waschende versinnbildete danach durch sein Niederbeugen die Pflicht des Christen zur Demuth, der zu Waschende durch Darreichung seiner Füße zur Reinigung die Willigkeit der Brüder, sich von den Genossen durch Ermahnung zum Guten und durch Vergebung von Uebertretungen geistig säubern zu lassen. Auf die Fußwaschung folgte das Abendmahl in der Gestalt, daß man nach einem Tischgebet aus Blechnäpfen Suppe und dann Rindfleisch, Brod und Butter aß, und dann schritt die Versammlung nach einer Rede, in welcher Bischof Nead auf die Bedeutung der Feier hinwies, zur Communion. Dieselbe sollte, wie jener gesagt, eine Gelegenheit sein zu recht innigem Empfinden der Gemeinschaft Aller in Glauben und Liebe, und deshalb solle Jedermann, der noch irgend welchen Groll gegen einen Bruder oder eine Schwester hege, denselben von sich thun oder von der Ceremonie fernbleiben.

Erst nach dieser Rede ging unter den Brüdern auf der einen, den Schwestern auf der anderen Seite von Mund zu Mund der heilige Kuß. Hierauf stand ein anderer Bischof auf, um über das inzwischen auf den Tisch in der Mitte gestellte Brod, welches in dünnen Kuchen, ähnlich den Judemnazzen, bestand ein Gebet zu sprechen, zu dem die ganze Versammlung das Amen sagte. Nun brach der Ausspender des Sacraments von dem Kuchen einen langen Streifen ab, wendete sich zu dem Nachbar zur Rechten und sprach zu ihm: „Lieber Bruder, das Brod, welches wir brechen, ist die Gemeinschaft des Leibes Christi,“ worauf er ein Stück von dem Streifen abbrach und es dem Angeredeten übergab, der es vor sich hinlegte, dann aber auch den Streifen erhielt, mit dem er, seinem Nachbar auf der rechten Seite zugekehrt, ebenso verfuhr, wie der erste Vertheiler. Als auf diese Art Alle ihr Stück Kuchen erhalten, forderte der Vorsitzende Bischof die Versammlung auf, das Brod nun zu essen, sich dabei aber „des gebrochenen und verwundeten Leibes unseres theuren Heilandes“ zu erinnern.

Nach Ausspendung des Brodes wurde über dem Wein gebetet, der in grünen Bocksbeutelflaschen hereingebracht worden war, und von dem Vorsitzenden in Zinnbecher eingeschenkt wurde. Es war Rothwein, und die Becher gingen in derselben Weise, wie vorher die Kuchenstreifen, an den Tischen herum, während man sich dabei deutsch oder englisch zurief: „Lieber Bruder, der Wein, den wir trinken, ist die Gemeinschaft des Blutes Jesu Christi.“

Die ganze Feier schloß mit einem Gebete, worauf Bischof Nead die von fernher erschienenen Brüder zu einem Frühstück im Meetinghouse einlud. Dann zerstreute sich die Versammlung, und auch ich machte mich auf den Heimweg. Noch oft aber stieg in der Erinnerung das Bild auf von dieser nächtlichen Abendmahlsfeier der Tunkerbrüder im Hinterwalde.