Zu rechter Zeit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Fritze
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Zu rechter Zeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34–35, S. 461–463, 473–479
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[461]
Zu rechter Zeit.
Novelle von Ernst Fritze.

Frau von Kurow war zu ihrer Zeit das reizendste Mädchen gewesen, und das konnte sie noch immer nicht vergessen, obgleich sie vierzig Jahre zählte, und eine zwanzigjährige Tochter hatte. Es war auch nicht zu leugnen, daß sie sich dreist in die Reihe jüngerer Frauen stellen konnte, ohne den Vergleich zu ihrem Nachtheile ausfallen zu sehen. Dabei war sie lebendigen Geistes, stets guter Laune, plauderlustig nach weltlichem Style, und verstand so vortrefflich Toilette zu machen, daß das leidige Enbonpoint der wohl conservirten Vierzigerin sich in angenehmer Form präsentirte.

Ihr Gemahl war seit zwei Jahren todt. Er hatte sie aber in guten Verhältnissen zurückgelassen, so daß sie mit einiger Vorsicht ein Haus machen konnte. Ihre Tochter Lucilie befand sich seit Jahresfrist bei einer alten Großtante, die sie beerben sollte. Mithin ereignete es sich, daß Frau von Kurow sehr selbständig und unbehindert eine ganze Welt voll Vergnügungen mitmachen und in der Wintersaison die Rolle einer annehmbaren Partie spielen konnte.

Der Winter machte jedoch dem Frühlinge Platz. Soirée, Ball und Concert hörte auf. Das Tageslicht verdrängte die Illusion des Gaslichtes.

Frau von Kurow fühlte sich nicht behaglich in dem Wechsel der Jahreszeit. Sie hatte eine Liaison angeknüpft, die von Resultaten zu sein schien, welche, bei näherm Nachdenken, mit ihren übrigen Verhältnissen nicht in Einklang zu bringen waren. Mit einem Worte: sie hatte ihre Tochter vergessen und an die Verbindung mit einem Manne gedacht, der nicht ganz so alt war, wie sie.

Zu Erklärungen war es noch nicht gekommen, und wenn Herr Clemens von Schlabern sich mit dem Erlöschen der Winterbeleuchtung in seine Schranken zurückgezogen hätte, so würde Frau von Kurow die kleine interessante Episode ihres Winterlebens als einen Nachtrag jugendlicher Triumphe betrachtet haben, und ruhigen Herzens in das weniger berauschende Sommerleben übergegangen sein.

Herr Clemens von Schlabern schien jedoch tieferes Interesse für die reizende Wittwe zu fühlen. Er setzte seine Besuche fort, und hatte sich schon gewisse Rechte dabei usurpirt, welche Frau von Kurow die Augen für die Folgen öffnen mußten. Sie dachte darüber nach. Ihre Stellung in der Welt hatte sie etwas blind für die Einwirkungen der Zeit gemacht, ihre Lebhaftigkeit und Regsamkeit war ein Hinderniß geworden, den Ernst der Jahre zur Geltung kommen zu lassen, und sie schlug leichtsinnig die paar Jahre, die Herr von Schlabern weniger zählte, nicht an, als sie an die Möglichkeit dachte, nochmals das Glück einer engen Verbindung für’s Leben zu versuchen. Endlich aber tauchte das Bild ihrer Tochter Lucilie in ihr auf. Ein Schrecken überlief ihre Seele!

„Sie muß kommen!“ sagte sie sogleich entschlossen, und da sie nicht gewohnt war, sich lange zu besinnen, so setzte sie sich hin, und forderte in einigen flüchtig hingeworfenen Worten Lucilie auf, zurückzukommen.

Mit der Hast und Lebhaftigkeit ihres Naturells siegelte sie, adressirte und schellte dann dem Kammermädchen.

„Dieser Brief muß sofort zur Post!“ befahl sie mit einer Eile und Wichtigkeit, als hinge das Leben daran.

Dann aber stellte sie sich vor den Trümeau, musterte selbstgefällig ihr Haar und ihren eleganten Anzug, nahm eine Stickerei und ließ sich wohlgeordnet in ihren rothen Plüschsessel nieder.

„Er bleibt lange –“ flüsterte sie nach einer Weile, aufschauend zur Uhr. Ein flüchtiges Lächeln folgte diesem Blicke. „Mein Herz fängt an, sich nach ihm zu sehnen, und findet die Zeit der Erwartung lang – es ist erst zwölf Uhr.“

Bald darauf ertönten Männerschritte im Vorsaal, die Thür öffnete sich, und ohne alle ceremoniöse Meldung erschien Herr von Schlabern auf der Schwelle.

Frau von Kurow erhob sich ein wenig und streckte ihm mit dem Ausdrucke liebevoller Hingebung die Hand entgegen, die er ergriff und mehrmals küßte.

Die Dame sah ihn fest und prüfend an. Nachdem sie einen Entschluß in Bezug auf ihn gefaßt hatte, fühlte sie sich ihm näher gerückt, und ihr Blick mochte etwas von dem warmen Wohlwollen verrathen, das in ihr lebte. Herr Clemens ahnete sein Schicksal nach diesem Blicke und er beeilte sich, die Minute des Glückes zu benutzen. Seine ersten Worte der Begrüßung athmeten einen Geist, der genug von seinen innerlichen Empfindungen enthielt, um Frau von Kurow über dieselben aufzuklären. Mit feinem Lächeln wehrte sie die Fortsetzung einer Conversation ab, die nach ihrer Meinung noch zu früh war.

„Ich habe eben meiner Tochter geschrieben,“ begann sie ohne Rücksicht auf die Aufregung des jungen Mannes, und lud ihn mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen. Herr von Schlabern wußte vom Hörensagen, daß sie eine Tochter erster Ehe habe, kannte aber weder ihr Alter, noch sonst etwas von ihren früheren Verhältnissen, da er erst seit einigen Monaten in dem Orte stationirt war, und zufällig ziemlich isolirt lebte.

„Lucilie wird in der nächsten Woche zurückkommen,“ fügte sie hastig hinzu, „ich bin begierig, wie sie Ihnen gefallen wird.“

Die Artigkeit allein schon verlangte auf diese Worte von Herrn [462] von Schlabern eine schmeichelhafte Bemerkung, aber der Zustand seines Herzens färbte dieselbe noch mit bedeutender Wärme. Frau von Kurow wendete das Gespräch auf andere Materien, und Herr Clemens blieb in vollständiger Ungewißheit über diese Tochter Lucilie, die allerdings geeignet war, ein Stein des Anstoßes für seine Huldigungen zu werden. Wenn er sich auch von der hinreißenden Aeußerlichkeit der Dame hatte blenden lassen, so ist doch zu begreifen, daß eine zwanzigjährige Tochter ein gar zu treuer Kalender für die weiblichen Stufenjahre ist, um nicht hinter die Blendlichter einer glänzenden Toilette zu kommen.

Herr von Schlabern kam täglich um zwölf Uhr, um seine huldigende Aufwartung zu machen, dann fand er seine Angebetete in einem Costüm, das der Erfindungsgabe einer Ninon de l’Enclos Ehre gemacht hätte, und Herr von Schlabern gehörte zu den seltenen Ausnahmen seines Geschlechtes: „er wußte nichts von Toilettenkünsten.“




Zwei Tage waren verflossen. Frau von Kurow saß vor ihrem Toilettentisch, und betrachtete mit Verdruß die Falte auf ihrer hohen weißen Stirn, die mit jedem Tage tiefer wurde. Das Kammermädchen flocht ihr reiches Haar in kunstvolle Flechten. Auch diese machte die Bemerkung, daß sich die einzelnen Silberfäden des heranrückenden Alters schon merklicher zeigten, als sonst, aber sie theilte diese Entdeckung ihrer gnädigen Frau nicht mit. In diesem Momente rollte ein Wagen die Straße hinab und hielt vor der Thür.

„Schon Besuch –“ flüsterte das Kammermädchen, eilig den Kopfputz endend.

„Ich bin nicht zu sprechen!“ befahl die Dame. Ehe sie sich jedoch besinnen konnte, flog die Thür auf, und ein junges Mädchen warf sich in fieberhafter Eile an ihre Brust.

„Lucilie – Kind – wo kommst Du denn her?“ rief Frau von Kurow freudig erstaunt.

„Gott – Dein Brief hat mir einen Todesschreck verursacht, Mama,“ entgegnete Lucilie, sich aufrichtend und mit herzlicher Freundlichkeit das Gesicht der Mutter betrachtend. „Du siehst aber gottlob sehr gesund aus!“

Frau von Kurow lachte und fragte verwundert: „Was habe ich denn nur geschrieben? Ich weiß nicht ein Wort mehr davon!“

„Es klang wie ein Hülferuf, Mama,“ erwiderte die Tochter, sich schmeichelnd an ihre Mutter lehnend. „Ich hatte keine Ruhe, ich dachte, Du seiest krank.“

„Mein gutes Kind,“ flüsterte die Mutter. „Es ist ganz schön, daß Du da bist, wenn ich auch nicht Deiner Pflege bedürftig bin. Ich erwartete Dich erst in der nächsten Woche.“

In diesem Augenblicke schlug die Uhr elf. Frau von Kurow erschrak. Ihr Anzug war noch lange nicht vollendet – und um zwölf Uhr kam Herr Clemens. Sie bat ihre Tochter, auf ihr Zimmer zu gehen, und eine Erfrischung zu nehmen, und begann dann mit Hülfe des Kammermädchens ihre Toilette.

Ihr Blick hatte mit dem Ausdrucke mütterlichen Wohlgefallens die schöne schlanke Gestalt Luciliens verfolgt, als diese das Zimmer verließ. Das Kammerzöfchen, eines jener schlauen und listigen Geschöpfchen, die vortrefflich nach dem Munde zu reden wissen und die Geheimnisse aus den Blicken ablesen, sagte schmeichelnd: „Das gnädige Fräulein sieht nicht halb so blühend aus, wie gnädige Frau!“

„Aber sie hat eine weit schönere Taille,“ warf die Dame lächelnd ein.

Dagegen ließ sich, der Wahrheit gemäß, nichts einwenden und die Zofe schwieg.

Kaum war die Toilette der Frau von Kurow beendet, kaum hatte sie mit der bekannten Grazie ihren Plüschsessel eingenommen und ihre Tochter nochmals mit Ruhe begrüßt, so trat Herr Clemens von Schlabern mit der gewohnten Freiheit ein, und wurde von ihr dem Fräulein als ein neugewonnener Freund von der Mutter vorgestellt.

Ein gegenseitiges Erstaunen brach aus beider Augen, als sie sich ceremoniös gegen einander verneigten. Herr von Schlabern erstaunte über die große und schöne Tochter – Lucilie verwunderte sich über einen Hausfreund, wovon noch nicht eine Sylbe zu ihr gedrungen war.

Das Fräulein faßte sich zuerst. Gewandt und lebhaft, wie ihre Mutter, von einer Geistesfrische, wie sie nur die Sicherheit einer tiefern Bildung verleiht, und mit der Schwungkraft der Beredsamkeit begabt, die von der Phantasie gehoben wird, wurde es ihr leicht, die Bahn zu einer Unterhaltung zu brechen, die alle drei gleich lebhaft zu fesseln vermochte.

Herr Clemens hingegen webte, wie in einem Traume. Hier die Tochter – dort die Mutter! Wollte er sie vergleichen, so mußte er der Mutter vielleicht etwas regelmäßigere und feiner geschnittene Züge zusprechen. Aber Lucilie hatte das unbezahlbare Glück der Jugend voraus. Ihr Auge schwamm in dem unverstandenen Feuer innerer Erregtheit, während der Blick der Mutter selbstbewußt eine Wärme annahm, die von übrig gebliebenen Jugendelementen sprach. Die Wagschale sank mit jeder Minute mehr zu Gunsten der Tochter und er pries das Geschick, welches ihn früh genug mit Klippen bekannt gemacht, woran sein Herzensfrieden auf ewig scheitern mußte.

Was er thun sollte, um mit Ehren aus einer Freundschaft sich zu retten, die ihren Charakter bis zu der Innigkeit der Liebe erhoben hatte, das wußte er noch nicht. Wollte er das ganze Verhältniß aufgeben, so half ihm eine schleunige Entfernung, eine Abreise auf unbestimmte Zeit. Allein dagegen sträubte sich rebellisch sein Herz, das an dieser liebenswürdigen Frau hing, und nur die jugendliche Leidenschaft von ihrer Persönlichkeit abgewendet hatte, um sie heißer und verlangender auf die Tochter zu übertragen, welche das geistige, aber veredelte Abbild ihrer Mutter war.

Frau von Kurow ahnete nichts von dem Wankelmuthe seines Herzens, der, von ihrem Standpunkte aus betrachtet, ein strafbarer war. Befriedigt von dem guten Eindrucke, den die beiden jungen Menschen augenscheinlich auf einander gemacht, überließ sie sich harmlos einer Heiterkeit, die wohlthuend auf die peinliche Gemüthsstimmung des Herrn von Schlabern wirkte. Er begann von der Möglichkeit zu träumen, zwischen diesen beiden Damen ein seltsames Glück zu finden, wenn er der Gatte der jüngeren und der bewährte Freund der älteren zu werden vermöchte.

Die Stunden flogen schnell dahin unter dem geistreichen Austausch von Gedanken, denen das Gefühl Leben und Glanz gab. Clemens blieb zu Tische, und schied erst gegen Abend mit der sichern Ueberzeugung, ein glücklicher Mann werden zu können.




Die beiden Damen blieben allein. Der Abend dämmerte. Nach aufregenden Gesprächen tritt oftmals eine Erschlaffung des Geistes ein, die nur durch Schweigen gehoben werden kann. Lucilie senkte ihren Kopf in die Hand, und blickte mit ihren glänzenden Augen ruhig in die Weite, ohne eigentlich etwas zu denken. Sie fühlte sich zufrieden und glücklich, wie noch niemals in ihrem ganzen Leben, aber woher diese Empfindung stammte, das wußte sie sich nicht recht klar zu machen. Sie würde erstaunt gewesen sein, hätte Jemand diese tränmerische Glückseligkeit dem Einflusse des Herrn von Schlabern zugeschrieben.

Frau von Kurow lehnte in ihrem Sessel, und dachte darüber nach, auf welche Weise sie ihre Tochter am besten von einem Verhältnisse in Kenntniß setzen könne, das nach dem heutigen Besuche sehr bald in den Bereich der Oeffentlichkeit zu treten befugt war. Sie athmete tief und beklommen, und ihre Wangen brannten in einem unnatürlichen Roth.

Es wollte sich kein Anknüpfungspunkt finden, der sie leicht zu der Offenbarung ihrer innerlichen Entschließungen führte, so viel sie auch sann und grübelte. Ihre Beklommenheit stieg und nahm den Charakter der Beängstigung an. Lucilie bemerkte es. Sie kannte die Eigenthümlichkeit ihrer Mutter zu genau, um nicht zu wissen, daß sie von irgend einem Gedanken unangenehm beschäftigt sei. Besorgt stand sie auf und näherte sich der Mutter, stützte sich leicht auf den Tisch, der neben ihr stand, und blickte liebreich in ihr stark geröthetes Gesicht.

„Willst Du nicht ein Glas Limonade trinken, Mama?“ fragte sie gütig.

Frau von Kurow bejahete. Lucilie schellte und bat um Wasser. Das Kammermädchen brachte es und ließ dabei ihre verschmitzten Blicke forschend rundum laufen. Ihr entging nicht das sorgengefaltete Gesicht der gnädigen Frau und nicht das glücklich stille Lächeln des Fräuleins. Lucilie mischte die Limonade selbst und reichte sie, noch im Beiseins des Kammermädchens, ihrer Mutter, die sie bis zum Grunde austrank.

„Du verstehst es doch meisterhaft, Limonade zu mischen –“ sprach Frau von Kurow, indem sie das Glas der Zofe überreichte. [463] „Aber, was ist das, Lucilie? sie hat ja einen sonderbaren Nachgeschmack –“

„Vielleicht ist die Citrone etwas bitter gewesen,“ meinte das Fräulein leicht.

„Ja, so schmeckt es!“

Das Kammermädchen entfernte sich mit dem Glase. Jetzt nahm Frau von Kurow ihren ganzen Muth zusammen, um eine Erklärung der vorwaltenden Verhältnisse rasch und sicher einzuleiten.

„Wie gefällt Dir Herr von Schlabern?“ fragtc sie, sich aus ihrer Stellung erhebend, um eine Promenade im Zimmer zu beginnen, die ihre Bewegung besser zu verbergen vermochte.

Zuerst zögerte Lucilie, sichtlich befangen, dann erklärte sie offen: „Sehr gut! Er ist ein Mann von gediegenem Wissen, ohne pedantisch zu sein –“

„Und von unbeschreiblich gutem Herzen,“ fiel von Frau von Kurow ein.

„Dabei seine liebenswürdige Fröhlichkeit –. Wie bist Du mit ihm bekannt geworden?“

Frau von Kurow fuhr mit der Hand über die Stirn, als müsse sie sich besinnen. Sie blieb plötzlich stehen und faßte die Lehne des Sessels, um sich zu halten.

„Dir ist unwohl, Mama,“ rief Lucilie und umfing sie mit ihren Armen.

„O nicht doch, Kind,“ beschwichtigte die Mutter sie. „Ich bin nur beunruhigt, heftig beunruhigt, sonst fühle ich mich ganz gesund.“

„Dein Gesicht ist heiß und roth –. Mama, laß Dich nieder in Deinen Sessel,“ bat das Fräulein. Frau von Kurow richtete sich schnell aus Luciliens Armen auf.

„Ich bin nichts weniger als krank, Lucilie,“ sprach sie hastig. „Aber ich befinde mich in einer seltsamen Lage, daher meine Aufregung. Antworte mir ehrlich! Was würdest Du sagen –“ Wieder fuhr die Dame mit der Hand an ihre Stirn und sah leeren Blickes vor sich hin.

Geängstigt heftete Lucilie ihr Auge auf die Mutter und prüfte ihre seltsam angespannten Mienen, die ihr in der natürlichen Röthe der Wangen etwas Verzerrtes anzunehmen schienen, Sie war jetzt geneigt, diesen Zustand mehr der Einwirkung einer geistigen Unruhe zuzuschreiben, und horchte gespannt auf das, was kommen sollte, ohne den Versuch zu machen, den Ideenkreis zu durchbrechen, der den Grund der Beunruhigung in sich faßte.

„Was würdest Du sagen, meine Lucilie,“ begann Frau von Kurow abermals, „wenn ich Dir den Herrn von Schlabern als –“

Sie vermochte nicht weiter zu sprechen – das Schicksal nahm ihr das Wort von den Lippen. Als ob sie von einem Dolchstoß tödtlich getroffen wäre, fuhr sie mit der Hand nach dem Herzen und senkte ihren Kopf – Lucilie schrie laut auf und rief um Hülfe, indem sie mit aller Kraft die Mutter unterstützte, welche machtlos in ihre Arme glitt. Die Dienerschaft eilte herbei. Man brachte die ohnmächtig zusammengesunkene Dame auf das Sopha und rief den ersten, besten Arzt herbei.

Noch athmete Frau von Kurow, noch war das Leben nicht ganz verschwunden, allein der Arzt zeigte eine bestürzte Miene und verlangte den Hausarzt. Als er hinaus ging, um den Bedienten zu beauftragen, denselben herbeizuholen, folgte ihm das Kammermädchen in’s Vorzimmer.

„Was ist hier geschehen?“ fragtc der Doctor, der zu denjenigen Aerzten gehörte, welche immer eine besondere Ursache zu einem Todt haben wollen.

„Ach Gott,“ jammerte die Zofe, „meine gnädige Frau wird doch nicht sterben?“

„Das wird sie ganz gewiß!“ erklärte der Doetor fest. „Ist irgend eine Veranlassung zu diesem Falle da? Hat die gnädige Frau Gemüthsbewegung gehabt? Hat sie etwas eingenommen?“

Der Zofe fuhr schnell ein Heer von Gedanken durch das Gehirn. Sie wußte sehr gut Bescheid in den Herzensbewegungen ihrer Gebieterin. Sie hatte schlau erspähet, daß Herr von Schlabern heute plötzlich dem Fräulein eine innigere Theilnahme gezollt, als ihrer Gebieterin, und sie war sehr neugierig darauf gewesen, was diese Geschichte für eine Wendung nehmen würde. Jetzt fügte sie alle ihre Betrachtungen zusammen und theilte sie dem Arzte in regelrechter Folge dergestalt mit, daß er ihre Vermuthungen als Thatsachen anzusehen berechtigt zu sein glaubte. In der Nacht starb Frau von Kurow, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Der Schmerz Luciliens grenzte an Verzweiflung. Sie konnte nicht begreifen, daß die blühende, gesunde Mutter in der Kraft und Fülle des Lebens geknickt und dem Tode zum Opfer verfallen sein könne.

„Was ist der Grund ihres Todes?“ fragte sie den Hausarzt im wilden Tone.

„Ein Herzübel, das vielleicht längst den Keim zu diesem schnellen Ende gelegt hat,“ meinte der Hausarzt achselzuckend, während der Doctor, der zuerst gerufen war, einen zweideutigen Blick auf das junge Fräulein warf.




Eine Nacht und ein Tag war über das traurige Ereigniß hinweggerauscht. Wir finden Lucilie von Freunden umgeben, die sie beklagten und trösteten. Im dunkelsten Winkel des Zimmers saß eine traurige Gestalt, wortlos den niederbeugendsten Gefühlen hingegeben. Es war Clemens von Schlabern. Sein todtenbleiches Gesicht und sein starres Auge drückten mehr Weh aus, als alle die Klagelieder, welche von den Lippen aller Anwesenden tönten. Er hatte am Lager der Todten den schweren Zoll des bittern Schmerzes in einer einzigen Thräne entrichtet und diese Thräne war auf der friedlich geglätteten Stirn derselben verronnen und getrocknet.

Die Freunde verließen endlich das Trauerhaus. Clemens blieb stumm und traurig sitzen, bis sie Alle fort waren. Dann erhob er sich und trat vor das Fräulein hin, das erschöpft in eine wohlthätige Lethargie zu versinken schien.

„Gestatten Sie mir eine Frage,“ flüsterte er, zu ihr niedergebeugt; „Sie sprachen von einer Gemüthsbewegung, die Ihre Frau Mutter peinlich gequält. – Hatte diese Gemüthsbewegung Bezug auf mich?“

Lucilie erröthete heiß und ihre von Thränen schweren Augen senkten sich. Sie war in den Irrthum verfallen, ihre Mutter habe sagen wollen: „Was meinst Du, wenn ich Dir den Herrn von Schlabern als Gatten vorschlüge –?“

„Ich beschwöre Sie, mein Fräulein,“ flehete Herr von Schlabern, „beantworten Sie unverholen meine Frage. O mein Gott,“ fügte er leidenschaftlich hinzu, als Lucilie noch immer zögerte, „wie soll ich leben mit dem entsetzlichen Gefühle, den Tod dieser Frau verschuldet zu haben –!“

„Ihre Befürchtungen führen Sie zu weit,“ entgegnete sie leise.

„Aber, leugnen Sie nicht, ich gab den Grund dieser todbringenden Gemüthsbewegung ab?“ forschte der junge Mann.

„Wenn ich auch das nicht in Abrede stellen kann, so wäre doch die Art der Aufregung, worin meine Mutter sich befand, nicht als „todbringend“ zu bezeichnen.“

„Sie wollen nicht aufrichtig sein!“ rief Clemens verzweiflungsvoll.

„Mein Gott, mein Verhältniß zu Ihnen ist so sonderbar,“ antwortete Lucilie geängstigt. „Ich befinde mich plötzlich in so naher Beziehung zu einem Manne, der mir vor achtundvierzig Stunden noch gänzlich fremd war –“

Der Eintritt des Kammermädchens unterbrach sie. „Der Criminalrath Buggenborg wünscht aufzuwarten,“ meldete sie mit einem Gesichte, auf welchem Neugier und Schrecken sich malte. Fräulein von Kurow erhob sich ein wenig aus ihrer hinfälligen Lage.

„Ich bin außer Stande, ihn zu empfangen. – Entschuldige mich, Nannette,“ sagte sie freundlich.

Das Mädchen ging bis zur Thür, wendete sich aber dort und sagte verlegen: „Ich habe schon versucht, Sie zu entschuldigen –.“

„Was kann der Herr weiter wollen, als eine Condolenzvisite machen,“ warf der Herr von Schlabern ungeduldig ein. „Seine Karte wird vollständig zu diesem Zwecke genügen.“

Das Kammermädchen richtete ihren naseweis klugen Blick auf den jungen Herrn, dessen vornehme Schroffheit ihr nie gefallen hatte.

„Der Herr Criminalrath sprach von Geschäften,“ sagte sie keck.

„Um so eher muß er abgewiesen werden,“ entschied Herr Clemens. Mamsell Nannette ging hinaus.

[473] Es gibt Criminalbeamte, die, gleich den gehetzten Hunden, den kleinsten Spuren nachwittern, wo seltsame Zufälle den Schein eines Verbrechens auftauchen lassen, und die ohne Rücksicht scharf dreinhauen, unbekümmert darüber, ob sie Disteln oder Blumen treffen.

Der Criminalrath Buggenborg gehörte zu dieser Sorte. Kaum war ihm ein dunkel auftauchendes Gerücht „von seltsamen Verhältnissen im Kurow’schen Hause und dem eigenthümlich schnellen Tode der schönen reichen Wittwe“ zu Ohr gekommen, so begab er sich zu seinem Director, der, alt und schwach, ihm mehr untergeordnet, als vorgesetzt war, und erbat sich die Befugniß, hier schnell eingreifen zu dürfen, da augenscheinlich ein entsetzliches Verbrechen und zwar das der Vergiftung vorläge. Der alte Director, erstarrt vor Schrecken von dieser Nachricht, stattete ihn mit allen Vollmachten aus und der Criminalrath verfügte sich schnurstracks in’s Sterbehaus, um den Thatbestand festzustellen und nach den Mördern zu suchen.

Er fand nur eine tief traurige Tochter. Das that aber seinem Eifer keinen Abbruch. Als das Kammerzöfchen die bestimmte Erklärung ihres gnädigen Fräuleins überbrachte und er damit abgewiesen war, stahl sich ein selbstzufriedenes Lächeln auf sein zusammengetrocknetes Actengesicht und er zog schlauen Blickes die Stirn zu hundert kleinen Fältchen auf.

„Natürlich, ganz natürlich,“ flüsterte er seinem Actuar zu, der mißtrauisch die ordnungsmäßige ruhige Trauer des Haushaltes beobachtet hatte und nicht eine Spur von wilden, wüsten Uebereilungen, wie verbrecherische Unternehmungen versteckt nachlassen, erkennen konnte.

„Freilich natürlich, Herr Criminalrath,“ entgegnete er ernst und besonnen. „Denn eine schmerzlich bewegte Tochter mag eben nicht aufgelegt sein, Herren zu empfangen, welche in gar keiner Beziehung zu ihrem Schmerze stehen.“

„Das wird sich zeigen bei der Obduction,“ flüsterte der Rath. „Wollen Sie mir einmal das Zimmer zeigen, woselbst Denata verblichen ist,“ wendete er sich zu dem Mädchen.

Nannette sah ihn dumm an. „Denata?“ wiederholte sie.

Der Actuar erläuterte lächelnd: „Wo die gnädige Frau gestorben ist, wollen wir wissen.“

Das Zöfchen öffnete eine Seitenthür. „Hier, meine Herren,“ sprach sie dienstfertig, machte aber ein Zeichen der Beschwichtigung, indem sie auf eine Flügelthür deutete, die nach dem Zimmer führte, wo Fräulein Lucilie sich befand. Die Argusaugen der beiden Beamten durchirrten schnell das wohlgeordnete große Gemach.

„Frau von Kurow hat Limonade getrunken, kurz vor ihrem Tode?“ examinirte der Rath flüsternd.

„Ja, mein Herr,“ antwortete Nannette unbefangen.

„Sie hat dabei über einen seltsamen Geschmack der Limonade geklagt?“

Mamsell Nannette sah den Inquirenten verwundert an. Woher wusste er das?

„Allerdings,“ meinte sie zögernd.

„Stellte sich Erbrechen nach dem Genuß der Limonade ein?“

„Nein. Aber die gnädige Frau wurde dunkelroth, als müsse sie ersticken, und darauf wieder leichenblaß –“

„Aha! Hatte die Limonade vielleicht einen feinen Geruch, wie von bittern Mandeln?“

„Das ist möglich, allein es ist mir nicht aufgefallen, weil unsere gnädige Frau auch häufig Mandellimonade trank –“

„Aha! Das Fräulein hatte die Limonade gemischt?“

„Ja. Es ärgerte mich, weil ich sie sonst zurecht machte –“

„Das Fräulein drängte sich also geflissentlich dazu?“

„Allerdings.“

„Das Fräulein war ganz unvermuthet am Morgen angekommen?“

„Ja. Ganz unvermuthet, und sie sprach gleich davon, daß ihre gnädige Mama krank sein müsse.“

„Aha! Frau von Kurow war aber nicht krank, gar nicht einmal unwohl?“

„Nicht ein Finger that ihr weh! Sie lachte über ihre Tochter, sagte jedoch: es sei ihr lieb, daß sie da sei.“

„Aha! Wußte das Fräulein um die Heirathsprojecte der Mutter?“

„Wenn sie es auch nicht ganz gewiß gewußt hat, so muß ihr das Benehmen der gnädigen Frau bei Tische die Augen darüber geöffnet haben.“

„Aha! Und die Damen kamen darüber in einen Wortwechsel?“

Das Kammermädchen stutzte und zögerte ein wenig. Sie wußte nicht, ob der Begriff „Wortwechsel“ mit „Zank“ gleich zu stellen sei und ein Zank war nicht entstanden, so viel sie wußte und an der Thür erhorcht hatte. Dazu war aber der gnädigen Frau auch gar nicht Zeit geblieben, nach ihrer Meinung.

„Nein,“ sagte sie plötzlich entschieden. „Meine Damen zankten nie mit einander. Wenn sie nicht einer Meinung waren, so schwiegen sie still und ließen die Sache auf sich beruhen. So schien es mir auch gestern. Das Fräulein sah zum Fenster hin und [474] Frau von Kurow blickte sehr ernsthaft vor sich nieder, als ich sie Beide verließ. Ich trat erst wieder in’s Zimmer, als das Fräulein Hülfe herbei rief.“

„Wie lange blieben die Damen allein?“

„Ungefähr zwanzig Minuten –“

Der Beamte sah sie etwas verwundert an.

„Nur zwanzig Minuten –? Und vorher war Frau von Kurow ganz gesund?“

„So gesund, wie ich jetzt vor Ihnen stehe.“

Der Actuar, ernst und gemessen in den Schranken bleibend, die seine Stellung ihm vorschrieb, sprach leise und beschwichtigend: „Ein Schlagfluß braucht weniger als zwanzig Minuten, um das blühendste Leben zu vernichten.“

„Glauben Sie denn bei diesen Indicien noch an Schlagfluß?“ fuhr der Rath auf. „Ich werde eine Obduction anordnen und zu diesem Behufe mit dem Hausarzte, dem Doctor Müllendorf, Rücksprache nehmen.“

Der Actuar zuckte die Achseln. Er mußte sich den Anordnungen fügen, die sein Vorgesetzter für gut fand.




Unmittelbar von der Behausung der Frau von Kurow begab sich der Rath, nachdem er seinen Actuar verabschiedet hatte, in die Wohnung des Doctor Müllendorf, den er glücklicherweise daheim fand.

Die Stirn des Arztes zeigte Wolken, welche gleichmäßig einer Sorge und einer unbehaglichen Ungeduld entsprungen zu sein schienen. Sein Wesen, sonst ruhig und vorherrschend freundlich, war zerstreut und hastig und er trat dem Criminalbeamten sogleich mit einer jener Bewillkommnungen entgegen, die eine unangenehme Ueberraschung verräth.

Der Rath machte ein schlaues Gesicht. Man sah ihm an, daß er sein beliebtes „Aha!“ dachte, wenn er es auch für diesen Augenblick nicht aussprach, als er dem Arzte schnell erwiderte:

„Was mich zu Ihnen führt? fragen Sie, Herr Doctor. Ich komme aus dem Hause der Frau von Kurow!“

Die Wichtigkeit seines Accentes, womit er diese Worte sprach, wurde vom Arzte nicht verstanden.

„Das ist ein trauriger Todesfall, lieber Herr,“ rief er bewegt aus. „Und um so trauriger, als wir dabei vor einem Probleme stehen bleiben werden, das unter der Grabesnacht seine Lösung verbirgt. Ich habe alle Ueberredung versucht, um das Fräulein zu einer Leichenöffnung zu bestimmen – sie widersetzt sich jedoch meinem Vorhaben mit einer seltsamen Hartnäckigkeit.“

„Aha!“ rief der Rath überrascht und rieb sich die Hände. „Sie werden sich aber hoffentlich nicht an Fräulein von Kurow kehren?“

Der Arzt zuckte die Achseln.

„Mir fehlt die Macht, hier zu bestimmen.“

„Da könnte ich helfen! Woran denken Sie bei diesem Tode? Welche Ursachen legen Sie ihm unter?“

Der Arzt bewegte unbehaglich seinen Kopf, und drückte damit schweigend seine Unwissenheit aus.

„Eine kerngesunde Frau,“ murmelte er. „Unerklärlich! Eine Constitution, um einem Jahrhunderte Trotz bieten zu können –! Es müssen wunderbare Einflüsse einem keimenden Fehler ihres Organismus nachgeholfen haben, um diese schnelle Zerstörung zu bewirken.“

„Nachgeholfen haben,“ wiederholte der Rath mit Betonung. „Sie drücken sich problematisch über dieses Problem aus. Wie finden Sie Fräulein Kurow’s Benehmen überhaupt?“

„Verzweiflungsvoll über jeden Begriff!“ rief der Arzt. „Ihre Fassung bricht bei dem geringsten Anlaß zusammen, und macht sie fast hülflos. Es ist ein trauriges Schauspiel! Dazu kommt nun noch, daß der Herr von Schlabern ebenfalls einer so tiefen und schmerzlichen Bewegung hingegeben ist. Ich bin heute von ihm zu dem Fräulein gefahren und von dem Fräulein wieder zu ihm, um nur einigermaßen das Gleichgewicht wieder herzustellen, das den furchtbar aufgeregten Nerven der beiden jungen Leute Haltung geben muß.“

„Aha – Beide!“ entgegnete der Rath gezogenen Tones. „Der junge Herr stimmt natürlich auch gegen die Section?“

„Im Gegentheile! Er beschwört das Fräulein, dem Grunde des jähen Todes nachforschen zu lassen. Seine Phantasie spiegelt ihm Möglichkeiten vor, die ihn auf Lebenszeit beunruhigen würden – er glaubt sich die Schuld an Frau von Kurow’s Tod beimessen zu müssen.“

„Aha –! Das heißt direct oder indirect?“

Der Arzt sah ihn stutzend an. „Direct? Wie verstehe ich das, Herr Rath? Halten Sie ihn für den Mörder der Dame?“

„Auf eine Weise gewiß,“ meinte der Rath bedenklich, aber dennoch zögernd.

Im Gesichte des Arztes prägte sich tiefer Abscheu aus.

„Solche Auslegung kann ich nur dem eingefleischten Criminalisten verzeihen!“ rief er empört. „Wo sollte der junge Mann wohl Mittel zu einer That erlangt haben, die in ihren Folgen –“

„Erlauben Sie,“ unterbrach ihn der Rath hastig, „mein Verdacht ruht weniger fest auf Herrn von Schlabern, als auf –“

„Sprechen Sie nicht aus,“ fiel der Arzt zornig ein.

„Warum nicht? Was wäre in der Jetztzeit wohl unmöglich?“ versetzte der Rath kaltblütig. „Ich habe erfahren, daß Mutter und Tochter eifrige Verehrerinnen des Dumas’schen „Monte Christo“, also vollkommen mit Giftgeschichten vertraut waren. Ich habe erfahren, daß die Mutter im Begriffe gewesen ist, ihr hübsches Vermögen an einen Mann zu verheiraten, der eher für die Tochter paßte, als für sie. Ich habe erfahren, daß die Tochter, welche sich seit mehreren Monaten bei einer reichen Großtante aufzuhalten von der Mutter gezwungen war, plötzlich wieder gekommen ist und gleich von einer Krankheit der Mutter geredet hat, obwohl diese ganz gesund gewesen ist. Ich habe erfahren, daß die Tochter Alles angewendet hat, um die Aufmerksamkeit des jungen Edelmannes von der Mutter abzuziehen und auf sich zu lenken. Ich habe erfahren, daß gleich nach der Entfernung des Herrn von Schlabern eine bedeutende Mißstimmung zwischen den beiden Damen eingetreten sei, daß sich danach Fräulein Lucilie geflissentlich dazu gedrängt habe, eine Limonade für ihre Mutter zu bereiten, daß Frau von Kurow diese Limonade „seltsam schmeckend“ gefunden, daß sich ein verrätherischer bitterer Geruch im Zimmer verbreitet und Frau von Kurow von Erstickungskrämpfen befallen worden sei. Was sagen Sie nun, mein hochgeehrter Herr Doctor?“

„Nichts weiter, als daß jetzt die Obduction der Frau von Kurow eine Nothwendigkeit wird,“ entgegnete der Arzt mit allen Zeichen großer Entrüstung. „Jeder Kampf gegen Ihre Meinungen würde nutzlos sein. Ich werde sogleich Maßregeln treffen, um, mit oder gegen des Fräuleins Willen, morgen in der frühsten Stunde eine Leichenöffnung anzuordnen, und ich ersuche um Ihre Gegenwart, jedoch ohne Actuar.“

„So glauben Sie nicht an strafbare Angriffe auf das Leben der Dame?“

„Ich glaube an ein Unglück, mein Herr,“ erklärte der Arzt mit Zuversicht.




Als der Arzt sich allein befand, überblickte er nochmals schaudernd die aufgestellten Verdachtsgründe, womit das menschliche Vorurtheil zwei junge Menschen belastet hatte. So zuversichtlich er zuerst dem Beamten gegenüber jede Möglichkeit in Abrede gestellt hatte, so schwankend wurde er bei der nähern Prüfung, und wenn sich auch sein Herz noch immer fest und entschieden dagegen auflehnen wollte, sein Verstand nahm nach und nach Zweifel in sich auf. Die zerstörende Gemüthsaufregung des Fräuleins – sprach sie nicht von Reue und Verzweiflung? Des jungen Edelmannes tiefsinnige, schmerzliche Klage – verrieth sie nicht Gewissensbisse?

„Mein Gott, wenn das Urtheil der Welt Recht hätte!“ rief der Arzt, schauerlich bewegt. Es trieb ihn auf und hin zu der Stätte, wo sein reges Mitgefühl vielleicht an Unwürdige verschwendet worden war.

Obwohl noch keine Stunde verflossen war, seit er Fräulein Lucilie verlassen hatte, so empfing ihn die junge Dame dennoch mit der Aufregung und Hast, womit man Langerwartete begrüßt. Der Arzt beobachtete sie scharf. Was ihm bis dahin als Nervenaffection erschienen war, erhielt jetzt für ihn einen anderen Charakter. Die Ruhelosigkeit ihres Wesens zeigte weniger die Leidenschaft eines innern Schmerzes, als die Angst um einen Gegenstand an, der noch irdischer Sorge bedürftig war. Der Druck, der auf ihrer Seele lag, erschien ihm außerhalb der Grenzen, die ihr Verlust umzog. Ihr Auge wies keine Thränenspuren mehr auf, sondern das flackernde Licht der Spannung. Ein Schauer überlief den wackern Doctor, der in diesen Gesellschaftskreisen noch niemals dem [475] Verbrechen begegnet war. Sein Herz wurde kalt unter diesen Wahrnehmungen, und sein Benehmen nahm eine herbe Schroffheit an.

„Ich habe vorhin, wider meine bessere Einsicht, Ihrem Willen nachgegeben,“ begann er gemessen und forschend, „aber es sind Umstände eingetreten, die es erheischen, daß ich Ihre Frau Mutter secire.“ – Lucilie fuhr erschrocken in die Höhe und starrte ihn verstört an.

„Wie –? Verstehe ich Sie recht?“ stammelte sie schaudernd, „Sie müssen, Sie wollen durchaus –?“

„Ja, ich muß, mein Fräulein,“ setzte er fest hinzu, von dem sichtlichen Entsetzen der Dame ungerührt, Lucilie sank zurück in ihren Sessel und verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen. Es entstand eine peinliche Pause, in welcher der Arzt mit sehr schmerzlichem Gefühle die furchtbare Möglichkeit einer Schuld näher in’s Auge faßte. Plötzlich richtete sich das Fräulein auf. Ihr Auge strahlte in dem Glanze verzweiflungsvoller Festigkeit und ihre Wangen rötheten sich unter der Heftigkeit, mit der sie ausrief:

„Und ich hätte nicht die Macht, dieser unheilvollen Section zu widerstreben, Herr Doctor? Wer kann mich zwingen, darein zu willigen, daß die theure Leiche zum Besten der Wissenschaft preisgegeben werde? Ich versage meine Einwilligung – ich will es nicht! Wagen Sie einmal, gegen meinen Befehl meine Mutter mit dem scheußlichen Messer zu berühren. Wagen Sie den Versuch. Nur über meine eigene Leiche geht der Weg zu dem leblosen Körper, der Ihre Wißbegierde reizt. Was nützt Euch armen kurzsichtigen Aerzten denn die Erfahrung, die Ihr durchaus sammeln wollt? Könnt Ihr den Organismus wieder beleben, wenn er nun seine Functionen eingestellt hat? Oder könnt Ihr vorbeugen, daß die Blutwellen nicht stillstehen, wenn sie einmal still stehen sollen? Ihr armen Sterblichen, Ihr vermögt kein Leben zu retten, das dem finstern Grabe verfallen ist! Euer Wissen wird bereichert von Tage zu Tage, aber Eure Geschicklichkeit bleibt dennoch auf der Grenze menschlicher Vollkommenheit. Ich werde nie, nie dulden, daß –“

„Sie werden sich der gerichtlichen Verfügung unterordnen müssen, mein Fräulein,“ unterbrach sie der Doctor kaltblütig.

Lucilie sah ihn groß an, ihr Blick verlor alles Leben und allen Glanz.

„Gerichtliche Verfügung?“ wiederholte sie tonlos. Der Arzt seufzte tief auf bei dieser furchtbaren Veränderung ihres Wesens. Sie war ihm ein Beweis für des Gerüchtes Wahrheit.

„Ja,“ erwiderte er hart. „Man hat Verdacht gefaßt, daß der Genuß irgend einer Speise oder eines Getränkes den Tod der Frau von Kurow veranlaßt hat.“

Lucilie legte mit sprechender Ergebung ihre Hände zusammen.

„Thun Sie also, was Sie nicht lassen können,“ flüsterte sie. „Mein Wort darauf, daß meine Mutter nur genossen hat, was ich sowohl, als unser Gast, Herr von Schlabern, gegessen hat –“

„Sie erlauben,“ fiel der Arzt voreilig ein, „haben Sie auch von der Limonade getrunken, die Ihrer Frau Mutter verabreicht worden ist?“

Das Fräulein blickte sinnend und träumerisch auf. Ihr bleiches Gesicht erschien einen Augenblick von Verwunderung belebt.

„So viel ich mich erinnere, hat meine Mutter gar keine Limonade getrunken.“

Der Doctor erhob sich entrüstet. Eine Gegenrede wäre nicht statthaft gewesen, deshalb ließ er das Gespräch fallen. Aber welche Wirkungen eine Ableugnung von Thatsachen, die nach seiner Meinung vom Criminalbeamten schon festgestellt waren, hervorbringen mußte, ist unnöthig, zu erörtern. Fräulein Lucilie schien die veränderte Stimmung ihres Arztes gar nicht zu bemerken. Als er Miene machte, aufzubrechen, rang sie sichtlich mit ihrer Schüchternheit, die sie verhindern zu wollen schien, eine Frage an ihn zu richten. Endlich nahm sie ihren Muth zusammen.

„Haben Sie Herrn von Schlabern gesprochen?“ flüsterte sie stockend.

Der Arzt sah sie fest an, als er entgegnete: „Ja. Sein Zustand ist bejammernswerth! Trägt dieser junge Mann eine Schuld in sich, so wird er sich niemals darüber beruhigen. Er ist von so hervorstechend sanguinischem Charakter, daß er sich zu den extravagantesten Schritten verleiten lassen könnte, um ein Unrecht zu sühnen. Ich möchte wohl die Gründe einer so überwältigenden Trauer, die an Unmännlichkeit grenzt, kennen,“ fügte er mit einem lauernden Blick auf Lucilie hinzu.

„Beurtheilen Sie ihn nicht falsch,“ bat diese mit sanftem Tone. „Freilich liegt nur eine eingebildete Schuld zu Grunde, allein die seltsame Fügung der Verhältnisse rechtfertigt seine Seelenstimmung. Die Pläne, die meine Mutter mit ihm vereint entworfen zu haben scheint, stürzten zu jähe darnieder, um nicht selbst eine männliche Fassung erschüttern zu können. Es wird gewiß noch Alles gut, wenn er sich nur vor übereilten Schritten hütet.“

„Für jetzt ist er aller Handlungsfähigkeit enthoben,“ entgegnete der Arzt. „Er liegt zu Bette, und wenn die Pein seines Zustandes nicht durch zufriedenstellende Nachrichten gemildert wird, so ist eine Nervenkrankheit zu fürchten.“

Lucilie, schon lange wieder auf der Stufe der Trauer stehend, wo Thränen unausbleiblich sind, brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, und preßte die Hände gefaltet, gegen ihre heiße Stirn, indem sie flüsterte: „Was soll ich thun? Was soll ich thun? O, meine Mutter, daß Du hast sterben müssen mit dem unerfüllten Wunsche im Herzen, der mein Glück bezweckte!“

Der Doctor, kühl geworden gegen die leidenschaftlichen Ausbrüche eines Schmerzes, welcher ihm jetzt erheuchelt vorkommen mußte, verbeugte sich schweigend und verließ sie. Seine Zweifel waren nicht geschwunden nach dieser Unterredung, sondern gewachsen. Die Kraft des Vorurtheils ist dämonisch, sie steigt, unter dem Einflusse einmal geweckten Mißtrauens, mit Riesengewalt und erdrückt jeden guten Gedanken.


Während der Doctor Müllendorf mit seinem finstern Schweigen das Emporwallen einer verdienten Verachtung zu bezeichnen für gut befunden hatte, saß Lucilie nach seiner Entfernung so tiefsinnig betrachtend und in sich versunken da, daß sie kaum ihr Alleinsein bemerkte. Ihre Seele war nur von einem Gedanken eingenommen, und in diesem concentrirte sich der Schmerz des erlittenen Verlustes und die Furcht, ein Glück zu verlieren, das ihr kaum geboten, aber in der flüchtig süßen Erwartung von unbeschreiblicher Einwirkung geworden war. Die Stunden des peinlichen Grames hatten das Gefühl ihres Verlassenseins geschärft und dadurch dem Bilde des Mannes, welchen sie mit gläubiger Zuversicht als den zu betrachten berechtigt zu sein glaubte, den ihre Mutter für sie bestimmt hatte, einen sichern Eingang in ihr unbewachtes Herz eröffnet.

Die Sonderbarkeit der Trauer, der sich Clemens von Schlabern hingab, schien dies Glück im Keime zerstören zu wollen: er betrachtete sich allen Ernstes als die Ursache einer tödtlich gewordenen Gemüthsbewegung und hatte in diesem Wahne Worte fallen lassen, die einen überspannten Entschluß und eine ewige Entsagung vollständig verriethen. Was Lucilie dabei empfand, trug so sichtlich den Charakter eines leidenschaftlichen Kummers, daß sie sich nicht unklar über die Empfindungen bleiben konnte, die Clemens gewaltsam in ihr erweckt hatte. Aber da er seinen schreckhaften Plänen keine ausgedehnteren Erklärungen hinzufügte, so mußte sie schweigend über ihr junges Glück das ergehen lassen, was dasselbe wieder in sein Nichts zurückwarf.

Sie verlor also mit ihrer Mutter zugleich einen Freund derselben, der nach ihrer Meinung unersetzlich war und der einen Werth für sie gewonnen hatte, welcher alle anderen Freunde in den Hintergrund drängte.

Wäre sie in ihrem sonst klar besonnenen und ungetrübten Seelenzustande gewesen, so würde sie von den unangemessenen Selbstanklagen des jungen Mannes betroffen geworden sein und ein ruhiges Nachdenken ihr Urtheil so weit erkräftigt haben, um ihr die Augen über die frühere Verbindung, die solche Selbstanklagen statthaft machte, zu öffnen, allein da ihr jetzt jeder leitende Fingerzeig fehlte und sie, von den Schrecknissen der Gegenwart umflort, keiner Reflexion fähig war, so legte sie die übernatürliche Zartsinnigkeit des Herrn von Schlabern, die ihn einer unmännlichen Verzweiflung überlieferte, auf echt weibliche Art entschuldigend aus und wünschte nur zu seiner Beruhigung beitragen zu können.

Dieser Wunsch steigerte sich nach der Berichterstattung des Arztes, der ihn, auf ihre Bitte, hatte besuchen müssen. Sie fühlte sich ergriffen, überwältigt und hingerissen zu einem Entschlusse, der freilich gewagt war, da sie seinen Herzenszustand in Bezug auf sich nicht feststellen, sondern nur ahnen konnte.

Daß ihre Mutter die Absicht gehabt haben könnte, etwas Anderes zum Schlusse ihrer begonnenen Eröffnung zu sagen, als: „Was würdest Du sagen, wenn ich Dir den Herrn von Schlabern [476] als Gatten verschlüge –?“ fiel ihr gar nicht ein. Eine zwanzigjährige Tochter glaubt niemals an die Möglichkeit einer Liebe, welche eine, selbst jugendlich denkende Mutter zu einem jüngeren Manne in sich pflegen könnte. Für die Tochter ist die Mutter in ein Stadium des Alters getreten, wo jede Anwartschaft auf solche Verhältnisse und jede Hoffnung auf Herzensglück den Schein der Lächerlichkeit gewinnt. Die Beziehung, in der sie von der zartesten Kindheit an zu ihr steht, schließt, mit der Achtung zugleich, jede Herzensbewegung für einen andern Mann, als für den, welchen sie Vater genannt, aus und stellt sie, über solche Schwächen erhaben, in die Regionen kühler Ueberlegung.

Daß also Frau von Kurow dergleichen Pläne und Entwürfe mit sich herumgetragen, fiel Fräulein Lucilie nicht im Traume ein und daß Herr Clemens, der junge liebenswürdige Cavalier, der sogleich das unversuchte Herz der Tochter im Sturme erobert hatte, jemals mit Wärme verrätherischer Art der Mutter gehuldigt haben sollte, der Gedanke würde sie empört haben.

Still und gedankenschwer saß sie, eine Stunde nach dem Abschiede des Doctors, vor ihrem Schreibtische – ein leeres Blatt vor sich, eine Feder in der Hand – mit dem besten Willen, das ihr zu Gebote stehende Mittel zur Beruhigung anzuwenden, und dennoch zögernd und zurückschreckend vor dem Worte. Es war ihr, als triebe eine innere Macht sie zum Schreiben, als flüstere der Mutter liebe gütige Stimme Muth in ihr verzagtes Herz, als richteten geängstigt ein paar Augen sich bittend und flehend auf sie. Die Stille der Nacht herrschte im Hause. Alles schlich leise, um nicht durch lauten Klang die traurige Ruhe zu stören.

Lucilie hielt krampfhaft die Feder zwischen den Fingern. „– Was soll ich thun –?“ flüsterte sie immer wieder und wieder. Traumhaft umwehete es sie. Die Feder senkte sich auf das Papier – sie schrieb.

Was sie geschrieben, wußte sie nicht. Ein Bedienter mußte den Brief noch zum Hause des Herrn von Schlabern befördern. Dann umfing seliger Frieden das arme junge Mädchen und sie sank in einen betäubenden Schlaf, der sie aller Schrecknisse der Erde entführte.




Der Zustand des Herrn von Schlabern war wirklich beklagenswerth und wenn der Doctor Müllendorf tiefer in dies zerrüttete Herz hätte sehen können, so würde er andere Recepte für ihn verschrieben haben. Die Erziehung des jungen Herrn war nach Mustern idealer Weltanschauung geleitet worden und hatte ihn auf eine Höhe von Anforderungen an Ehrgefühl hinaufgeschraubt, wo dies auf der Grenze zur männlichen Altjüngferlichkeit steht. In seinem Herzen nagte der Wurm, welchen das Gewissen hineingeschleudert hatte. Mit diesem Schmerze hätte er vielleicht doch noch einen Kampf gewagt, wenn ihm nicht die Ansprüche der Ehre jede Aussicht auf späteres Glück in der Verbindung mit Lucilie versperrt hätten. Einer energischen Auffassung der gegenwärtigen Verhältnisse war er nicht fähig, und noch weniger würde er einen Kampf mit dem Urtheile der Welt gewagt haben.

Der Tod der Frau, die während einiger Monate der offenbare Gegenstand seiner Huldigungen gewesen war, beraubte ihn also nach seiner festen Ueberzeugung des Glückes, Lucilien, die er leidenschaftlich bereitwillig an die Stelle ihrer Mutter gesetzt hatte, lieben zu dürfen. Dieser Gedanke, vereint mit der Furcht, daß seine sichtbargewordene Wankelmüthigkeit des Herzens der Frau von Kurow tödtliche Gemüthsaufregungen verursacht haben könne, brachte ihn in eine Seelenstimmung, dem Wahnsinne sehr nahe. Ihm erschien als der einzige Ausweg aus diesem Labyrinthe sein eigener Tod und er war nur allzubereit, die Bürde, die ihn peinigend drückte, damit abzuwerfen. Die Thorheit seines Beginnens, die jedem vernünftigen Menschen klar war, wurde von ihm mit dem Glanze aufgeputzt, den die falschen Begriffe von Ehre in Bezug auf die socialen Verhältnisse der Welt in ihm erzeugten.

Ein Freundeswort hätte gewiß den Nebel verscheucht, der seine sonst gesunden Sinne umflort hielt, aber ihm fehlte ein Freund. Er stand allein, fern von den Seinen, jeder Stütze beraubt, die ihm auf seiner idealen Höhe einen irdisch festen Halt geben konnte. Seine wilden unsinnigen Entschlüsse erstarkten an dem Glauben, mit dieser Handlung entsühnt vor der Welt und vor Lucilie, die ihn nach den Vorgängen mit ihrer Mutter zu verachten Ursache hatte, dazustehen.

Sein Kampf mit der Liebe zum Leben war jedech nicht leicht. Die schönen, friedlichen Bilder des Glückes, das vom Schicksale schon seiner Wiege bestimmt war, umschwebten ihn verlockend und mahnten ihn, fern von dieser Unglücksstätte erst eine Heilung seines schwer verwundeten Herzens zu suchen. Was wußte man dort in der Heimath von dem Makel, den er sich in der unmännlichen Untreue seines Herzens aufgeladen hatte?

Minutenlang schwankte er, aber immer nur um dann mit verstärkter Sehnsucht nach dem Hafen zu schauen, wo ihm ohne Kämpfe sogleich eine ewige Ruhe winkte, wo er mit seinem Blute den Flecken abgewaschen, der seine Ehre verunglimpfte. Der Einfluß dieser Selbstmordsgedanken ist sinnberaubend. Der Wahn hält die Thatkraft in seinen Banden. Das Licht der Wirklichkeit kann die Schleier der Einbildungen nicht durchbrechen. Mit dem Dunkel des Abends gewannen die bösen Gedanken neue Kräfte. Clemens schrieb an seine Mutter und suchte seine Pistolen hervor. Ruhelos durchschritt er sein Gemach. Sein Entschluß stand wohl fest, aber der Abschied vom Leben wurde ihm schwer.

Luciliens Bild drängte sich vor seine Seele, wenn er in dem tröstlichen Wiedersehen mit ihrer Mutter Kraft zu finden suchte; die beschwichtigenden Worte, die sie mit schüchterner, süßbewegter Stimme zu seinem Troste ihm zugeflüstert hatte, wollten mit Macht seinen Vorsatz ändern, allein er blieb fest und setzte die Minute an, in welcher er die tödtliche Waffe auf sich richten wollte.

Der Zeiger rückte langsam vor. Das Gesicht des jungen Mannes wurde bleicher, aber das Lächeln seines Mundes siegreicher und sein Auge strahlender. Er nahm die eine Pistole in die Hand – die zweite legte er zu seiner Rechten. Es fehlten noch hundertundzwanzig Secunden. Sein Auge hing ruhig an der Zahl, die der Schlußstein seines jungen Lebens war, sein Finger lag an dem Hahne der Mordwaffe – er war nur noch die leblose Maschine seines festen Willens, aber er fühlte sich dunkel von einem göttlichen Frieden durchdrungen. Noch fünfzig Secunden! Es klopfte! Wild auf schäumte sein Blut. „Drücke los!“ schrie eine Stimme in ihm. „Welche weltliche Macht kommt, deine Paradiesesseligkeit zu stören – drücke los!“ – Es klopfte abermals und eine Männerstimme sagte: „Ein Brief von Fräulein Lucilie, gnädiger Herr!“ –

Mechanisch legte er die Pistole nieder – mechanisch erhob er sich und schritt zur Thür – mechanisch nahm er dem Diener den Brief ab und schloß wortlos die Thür wieder. Wie im Traume öffnete er das Couvert. Zwei Briefe fielen heraus. Seine Hand faßte zufällig den ersten und er las:

„Dem Zetergeschrei der Prüderie zum Trotze wende ich das einzige Mittel an, das Sie beruhigen und von einem Wahne heilen kann, der Ihre Gesundheit bedrohet. Ihr krankhaft überreiztes Zartgefühl hat sich nach meinen Berichten über die Gemüthsbewegungen meiner theuren seligen Mutter gespenstische Einbildungen geschaffen, die vor der ruhigen Wahrheit verbleichen werden und ich will Ihnen die Schilderung der Wirklichkeit deshalb nicht länger vorenthalten. Mit eben dem Rechte, wie Sie sich die Schuld an dem Tode der geliebten Verblichenen aufbürden, würde ich die Pein und Qual dieses Gedankens auch tragen müssen, denn mit meinem Glücke beschäftigt wuchs die Bewegung ihres kranken Herzens und noch ehe sie die Frage liebevoll vollenden konnte: „was würdest Du sagen, wenn ich Dir den Herrn von Schlabern als Gatten vorschlüge?“ – entfloh ihr Geist. Lesen Sie den letzten Brief, den meine Mutter mir schrieb. Er athmet schon ein krankhaftes Wesen, das ihrer weltlich lebendigen Seele sonst ganz fremd gewesen ist. Wenn die Offenbarung der letzten, bis dahin fest verschwiegenen Worte meiner Mutter, ihren Einfluß bewährt hat, dann ist ihr Zweck erfüllt. Senden Sie mir morgen den Brief zurück – es ist die theuerste Reliquie der vernichteten Muttersorge.“

Jetzt erwachte Clemens zum Bewußtsein der tiefen Bedeutung, welche dieser Brief auf seinen mörderischen Vorsatz geübt hatte. Schaudernd irrte sein Blick von dem Papiere zu dem Tische hin, wo seine Pistolen in kampffertigem Zustande lagen. Zitternd vor Erwartung nahm er den zweiten Brief, der Luciliens Meinung von den Absichten ihrer Mutter unterstützen zu wollen verhieß: –

„Mein theures Kind! In fieberhafter Spannung fliegen meine Gedanken zu Dir! Komm zurück. In acht Tagen erwarte ich Dich. Du sollst sehen und prüfen. Dein Glück steht mir höher, als meine Wünsche! Der erste Eindruck entscheidet,

[477] deshalb sage ich Dir gar nichts. Aber meine Nerven beben in der Erwartung und ich würde mich für krank erklären, wenn ich nicht gesund wäre. Komm nur und höre und sieh selbst. Dein Urtheil hat hier größeres Gewicht und meine weitgreifenden Pläne hängen von Deinem Worte ab. O, mein theures Kind – ein kleines erbärmliches Wort nur – und dabei der Schlüssel zu einem unendlichen Glücke. Mich verlangt nach Dir!“

Dieser Brief und dann die Frage, die kaum vollendete Frage der Verstorbenen? Jauchzend erkannte das Herz des jungen Mannes die Wahrheit der Meinung an, die Lucilie sagte, und das Gewicht seiner Schuld sank von seiner bedrückten Brust herab. Er [478] las den Brief des jungen Mädchens zwanzig Mal hinter einander – er fand keinen verrätherischen Hauch eines wärmeren Gefühles darin, als allgemeine Menschenliebe, und doch, doch preßte er ihn an seine heißen Lippen, und doch war er ihm ein sicheres Document ihrer Liebe, dennoch eine süße Verheißung zukünftigen Glückes.

Dann richtete sich sein Geist auf die letztverflossenen Stunden. Da lagen die Waffen, die seinem Leben ein Ende bereiten sollten. Besonnen geworden fühlte er sich jetzt beschämt von dem knabenhaften Verzagen, das ihn zu so excentrischen Gedanken gebracht hatte. Eilig und behutsam brachte er die Pistolen in Sicherheit. Eine Stunde früher hatte seine empörte Ehre sich aufgesteift und eine Tugend aus seinem Lebensopfer gemacht, jetzt trat mahnend die Vernunft in ihm auf. Der Brief an seine Mutter wurde schnell der Flamme überantwortet. Als die verkohlten Ueberreste vor ihm lagen und vom Hauche seines Mundes emporstäubten und in ihrem vernichteten Dasein an irdische Vergänglichkeit erinnerten, da überschlich ein Grausen seine Seele. Hatte er ein Recht gehabt, sein Leben um einer einzigen Schwachheit willen feigherzig aus dem Strome der Zeit in den Hafen ewiger Ruhe zu senden? Sein Stolz beugte sich und sein Verstand trat siegreich in die Schranken. Er war gerettet, so wie er nur, aus dem Chaos wirrer und unklarer Begriffe von Männerehre erwachend, sein unheilvolles Beginnen zu erkennen fähig war. Er schauete nun mit neuer Geisteskraft vorwärts und die Nebelbilder, die hinter ihm lagen, verloren an Macht mit jeder Secunde, die über den Zeitpunkt hinausliefen, welchen er sich zum Endziele seines Daseins gesetzt hatte.

Nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war, überlegte er die Schritte, die ihm oblagen, um sein späteres Glück zu sichern. Unbedingtes Vertrauen gegen Lucilie war nothwendig, auch wenn sie damit den Zweifeln überantwortet und ihm abgeneigt werden sollte. Ihr schönes, edelmüthiges Schreiben, dem die feinste und wahrhafteste Sittsamkeit einen fesselnden Zauber verlieh, bahnte den Weg dazu an, allein die Gegenwart eignete sich nicht zu solchem Vertrauen. Er beschloß, seine Abreise nach dieser Wendung seines Schicksales zu beschleunigen und in einem Briefwechsel den Faden zu späterer Anknüpfung in die Hand zu nehmen.

Ein Mal, ein einziges Mal wollte er dies Mädchen, welches den erborgten Jugendglanz der Mutter in Wirklichkeit trug, noch sehen, einmal seinen Augen eine Bitte erlauben und dann fest und kräftig der Trennung auf ungewisse Zeit entgegen gehen.

Trost und Frieden senkte sich in sein Herz. Die Nacht hatte ihre Schrecknisse und ihre dämonischen Träume verloren und das Bild der Frau, das ihm bis dahin drohend, mit strengen Blicken vor der Seele geschwebt hatte, hüllte sich in die Schleier der Vergessenheit.


Mit ganz andern Empfindungen betraten die Aerzte am nächsten Morgen das Haus der Frau von Kurow. Was vom Mißtrauen gesäet war, hatte die Nacht mit ihren finstern Grübeleien zur glänzendsten Ernte reif gemacht. Der Zorn in des Menschen Brust, wenn er sich von Schlangenlist und Freundlichkeit überrumpelt glaubt, steigert sich gewöhnlich bis zum Grimme.

Der Doctor Müllendorf, seit Jahresfrist im Hause der Frau von Kurow als Arzl fungirend, hatte in den beiden Frauen dieses Hauses Ideale von Weiblichkeit verehrt. Die heitere, liebenswürdige Weltlichkeit der Mutter war ihm in dieser Manier eben so schätzenswerth erschienen, als die gediegene Charakterbildung der reizenden Tochter, und wenn er sich auch eingestehen mußte, daß Frau von Kurow in ihren Lebensansichten zu jugendlich verfuhr, daß sie weder ihr Alter, noch die Ansprüche ihrer Tochter berücksichtigte, daß sie zu wenig wittwenhaft nach dem Tode ihres vortrefflichen Gatten lebte und daß sie zu viel Prunk mit ihren verblühenden Reizen trieb, so zeigte die Dame doch eine so warme Offenherzigkeit in ihrem Thun und Treiben, daß man sich ganz unwillkürlich damit versöhnte. Luciliens ganzes Wesen war ihm stets edler erschienen. Ihre Züchtigkeit und Bescheidenheit in der Kleidung, ihre Zurückhaltung und Sinnigkeit bildete einen starken Contrast mit der leichten Koketterie der Mutter. Ihm war die Tochter viel, viel lieber gewesen, als die Mutter. Sein gereiftes Urtheil stellte Lucilie in die Reihen der vollkommensten Frauen, die mit gründlicher Bildung eine liebliche Weichheit und Schmiegsamkeit gepaart in sich zu tragen vermögen. Und er mußte jetzt, von verhängnißvollen Ereignissen getrieben, dies reine und edle Bild verunglimpft sehen, und er mußte, gedrängt von seltsamen Zufällen, zugestehen, daß alle die Eigenschaften, die er bewundernd anerkannt hatte, Maske eines schwarzen Herzens gewesen sein konnten.

Allerdings war es auffallend, daß Lucilie plötzlich von ihrer Reise zurückgekommen war, da nach den ausgesprochenen Plänen der Mutter die Rückkehr Luciliens von dem Tode der alten Großtante abhängig sein sollte. Von dem Briefe der Frau von Kurow wußte der Arzt nichts. Allerdings war es auffallend, daß die stadtbekannte Liaison der Frau von Kurow an diesem Tage eine besondere Weihe erhalten zu haben schien und mit einem so zähen, seltsam schnellen Tode endete. Allerdings war es auffallend, daß Lucilie schon von einer Krankheit gesprochen hatte, bevor nur das geringste Merkmal da war. Allerdings war es auffallend, daß das Fräulein nichts von einer Limonade wissen wollte, die sie selbst bereitet und verabreicht hatte.

Stumm und innerlich schmerzhaft traurig bewegt begann der wackere Doctor sein Amt, das ein Problem enträthseln sollte, wobei er ein gutes Theil Menschenliebe und Glauben und Vertrauen einzubüßen fürchten mußte – stumm und traurig, mit pochendem Herzen und ahnungsschwerer Seele förderte er den betrübenden Act, welcher der Wissenschaft eine Belehrung, dem Gemüthe aber eine tiefe Wunde beizubringen fähig war. Seine Hand zitterte leicht und sein Auge umflorte sich –. O, der kurzsichtigen Sterblichen, die weithin nach einer Ursache suchten und sie so nahe, so sehr nahe fanden. Gift, von einer liebevollen Tochter dargereicht, wollten sie finden – Gift suchten sie, und die irdische Gerechtigkeit hatte schon den Arm ausgestreckt, um die Mörderin zu fassen –! Und was war das Resultat ihrer ärztlichen Forschung? Frau von Kurow hatte die Kunst „sich jugendliche Anmuth und Grazie erhalten zu können“ mit dem Leben bezahlen müssen. Das gewaltsame Zusammenpressen hatte den Pulsschlag ihres Herzens gehemmt und der eingezwängte Blutstrom, in seiner gewohnten Circulation gestört, war aus seinen Fugen gewichen, wobei er auf alle Fälle und ohne die geringste Gemüthsbewegung todbringend sein mußte.

Die Gefühle der Männer, die bei dieser Erfahrung betheiligt waren, lassen wir unerörtert. Bei guten Menschen führt Beschämung zur Reue und weckt die Theilnahme für den, welchen man in Gedanken gekränkt hat, in erhöhtem Grade.

Der Doctor fühlte ein brennendes Verlangen, dem Fräulein mit treuherziger Wärme eine stumme Abbitte zu leisten, indem er sich mit Freundeseifer zu ihren Diensten stellte, allein bei näherer Beleuchtung fand er es angemessen, nicht unmittelbar nach dem von ihr mit Widerwillen betrachteten Acte der Section zu ihr zu gehen, sondern nur unverzüglich Herrn von Schlabern aufzusuchen, um diesen durch die Aufklärung des Sachverhältnisses zu beruhigen. Wie erstaunte er, als ihm der junge Mann ruhig, ganz genesen von seiner nervösen Aufregung, ganz curirt von der Fieberhitze der Angst und Beklemmung entgegen trat!

„Was ist hier geschehen?“ fragte er, ohne Zaudern seinem Erstaunen Worte gebend. „Ich fürchtete, Sie in Lebensgefahr zu finden – ?“

Herr Clemens befand sich in der weichen Stimmung eines Genesenden, worin das Vertrauen ganz unwillkürlich hervorbricht. „Es hätte sein können, daß Sie mich todt gefunden, Doctor,“ erwiderte er schnell.

Der Doctor schickte rasch seinen Blick rundum, als begriffe er, daß die Mordgewehre noch bereit lägen.

„Lucilie hat an mich geschrieben,“ ergänzte der junge Mann. „Der Brief kam noch zur rechten Zeit –“

„Das beste Recept wahrscheinlich zu späterer Glückseligkeit,“ bemerkte der Doctor trocken. „Ich bringe die Mittel zur Nachcur! Sie sind etwas bitter, werden aber Ihre Entschlüsse stärken und kräftigen.“

Er erzählte ohne Schonung das Gerede, welches Veranlassung zur Section gewesen und schloß mit den Resultaten derselben. Unter dieser Erzählung schwand die Weichheit und Ermattung, welche Clemens in Banden hielt, und ein schmerzhaftes Erstaunen bildete den schnellen Uebergang zu energischen Entschlüssen. Vom Einflusse der Zeit konnte nach seiner Meinung nun gar keine Rede mehr sein, sondern es galt ein ehrliches und festes Hervortreten aus dem Schleier, der dem Publicum Verbrechen zu umhüllen schien.

Er theilte dem Doctor offen das ganze Sachverhältniß mit und er gewann sich dadurch an ihm einen Beistand auf Tod und Leben.

[479] Daß Frau von Kurow nur die Gesellschaft des jungen Edelmannes gesucht habe, um denselben für ihre Tochter zu prüfen, daran zweifelte der alte Praktikus sehr stark, obwohl Clemens alle Gründe dafür erschöpfte, aber er behielt seine Zweifel für sich, weil er mehr Schaden als Nutzen daraus erwachsen sah, wenn Lucilie die Wahrheit erfuhr.

Das Geständniß des jungen Mannes „von der Liebenswürdigkeit der Dame hingerissen, zu warmen Empfindungen verleitet worden zu sein, die jedenfalls nach kurzer Zeit das Unglück seines Lebens ausgemacht haben würden,“ begleitete er mit vielsagendem Kopfnicken.

„Der Tod ist hier als Retter aus unabsehbaren Mißlichkeiten aufgetreten,“ sprach er, indem er Luciliens Briefe zu lesen sich anschickte. Ein freundliches Wohlwollen überflog sein Gesicht, als er hinzufügte: „Fräulein Lucilie ist ein prächtiges Mädchen, lieber Herr von Schlabern, aber sie ist fähig, einer Maxime wegen ein ganzes, langes Leben voller Entbehrung auf sich zu nehmen, und ich behaupte, daß sie bei dem mindesten Zweifel an Ihrem Charakter niemals Ihre Gattin wird. Also rathe ich Vorsicht! Es gibt Lagen des Lebens, wo Schweigen besser ist denn Reden – und rasches festes Handeln zweckmäßiger, als zaghafte Bescheidenheit! Lassen Sie die nächsten Tage hingehen, bevor Sie das Fräulein besuchen – ich werde ihr den Brief der Mutter, den sie zurückverlangt, übergeben und damit den Grund zu einem vertraulichen Verkehr legen. Im Publicum baue ich auch vor. Die sorgliche Mutterliebe der seligen Frau von Kurow soll dabei nicht schlecht wegkommen. Man weiß, daß ich der Dame stets das Wort geredet habe und ein Verehrer ihrer Vortrefflichkeit gewesen bin – mag nun die Auslegung des Verhältnisses zwischen ihr und Ihnen als ein Document meiner richtigen Beurtheilung gelten.“

Herr von Schlabern sah die Weisheit dieses Vorschlages wohl ein, indeß sein ehrenhafter Sinn sträubte sich gegen einen Rückhalt, welcher bei späterm Vertrauen gegen das Fräulein einen Schatten auf seinen Charakter werfen mußte. Der Doctor schüttelte herzhaft den Kopf zu dieser Einwendung.

„Braucht denn eine Frau Alles zu wissen?“ fragte er ruhig. „Die Seele des Mannes trägt fester und sicherer ein Geheimniß, das sein Eheglück beeinträchtigen kann, wenn er es ganz und gar verbirgt, Tritt ein Hauch davon über seine Lippen, so widersteht er den Forderungen unbedingter Aufklärungen nicht, die eine geliebte Gattin an ihn macht. Was haben Sie denn zu gestehen? Nichts als Vermuthungen! Selbst Ihre eigene Hinneigung zu der liebenswürdigen Dame, die ein Jahrzehnt mehr zählte, als Sie, ist nicht der Rede werth. Man bewundert ja wohl einmal eine Dame – man fühlt sich angesprochen – man wird auch momentan warm –! Lieber junger Freund, Ihr Idealismus wird erst erbleichen müssen, ehe Sie ein vernünftiger Ehemann werden. Sie haben nun meine Ansichten gehört. Jetzt will ich zum Fräulein und forschen, wie sie denkt. Bevor ich Sie aber verlasse, fordere ich Ihr Ehrenwort, daß Sie niemals im Leben wieder zu dem verwünschten Medicament greifen, welches Pulver und Blei heißt.“

Clemens faßte, gerührt und beschämt zugleich, die Hand des wackern Arztes, die er ihm darbot, als er ihn verließ. Er fühlte seine Zuversicht auf günstige Entwickelungen der Verhältnisse steigen, seitdem er in demselben einen Rathgeber gewonnen hatte, und mit welchen Empfindungen schauete er nun rückwärts auf die Entschlüsse seines exaltirten Herzens! Wie geneigt wurde er, sich mit seinen überspannten und romanhaften Begriffen von Ehre zu belächeln! Wie verschieden war das Licht, welche seine Handlungsweise heute beleuchtete! Die Gluth der Einbildungskraft, die ihm das Sterben so leicht gemacht, war erloschen und ein Zeitraum von vierundzwanzig Stunden hatte hingereicht, einen totalen Umschwung aller Ansichten hervorzubringen und seinem Geiste eine neue Spannkraft zu verleihen.

Unter der Obhut des allgemein geachteten Doctors ebnete sich dann auch bald der Weg zur Vereinigung zweier Menschen, deren Lebenssterne eine merkwürdige Constellation zeigten. Lucilie erfuhr nichts, was ihre heilig stille Seligkeit stören konnte. Sie wurde in dem festen Glauben des Geliebten Gattin, daß der Segen ihrer Mutter dies Band geknüpft habe.