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Zum Leben Hesiods

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Textdaten
Autor: Hans Flach
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Titel: Zum Leben Hesiods
Untertitel:
aus: Hermes. Zeitschrift für classische Philologie, Band 8, S. 457–467
Herausgeber: Emil Hübner
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Weidmannsche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: DigiZeitschriften, Kopie des Scans auf Commons
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[457]
ZUM LEBEN HESIODS.

In der griechischen Literaturgeschichte von Bergk S. 919 steht: „Hesiods Vater Dios stammt aus dem äolischen Kyme.“ Woher wissen wir, dass der Vater des Hesiod Dios hiess? In den Gedichten Hesiods ist die einzige, hier in Betracht kommende Stelle Opp. 299: ἐργάζευ, Πέρση, δῖον γένος, die so in einstimmiger Ueberlieferung vorliegt; denn das Scholion des Tzetzes in der Basiliensis, das an der zweiten Stelle ἐργάζευ, Διὸς γένος hat, kann nur auf einem Schreibfehler beruhen. Bei dieser Einstimmigkeit entsteht zunächst die Frage, ob das δῖον γένος (divinum genus in der Ausg. Birchmanns) einen Sinn giebt, und die verschiedenen homerischen Stellen, in denen γένος für Sprössling steht (Τ, 124 σὸν γένος; Ζ, 180 θεῖον γένος; δ, 63 ἀνδρῶν γένος; π, 401 γένος βασιλήιον), besonders aber die von Goettling citirte I 538 δῖον γένος, Ἰοχέαιρα bejahen diese Frage in unzweifelhafter Weise, zumal an einer andern Stelle Opp. 633 vom Vater rühmend gesagt wird: βίου κεχρημένος ἐσθλοῦ. Paleys Erklärung, das δῖον γένος bedeute „Sohn oder Nachkomme des Zeus“, ist zweifellos ebenso unrichtig, wie die Schoemanns, das δῖον γένος sei mit Ironie von einem gesagt, der weder durch seine hohe Geburt, noch durch die Vorzüglichkeit seines Lebenswandels darauf Anspruch machen konnte; denn gerade die versöhnliche Stimmung Hesiods an dieser Stelle schließt diese Erklärung aus. Die Scholien des Tzetzes und Moschopulos schwanken zwischen zwei Erklärungen, entweder Δίου γένος oder εὐγενὲς γένος und zwar dieses entweder im allgemeinen, oder speciell mit Beziehung auf die Abstammung von Orpheus und Kalliope (Schol. [458] 297 und 631). Dass Tzetzes dabei direct oder indirect aus dem Certamen Homeri et Hesiodi geschöpft hat, oder mit ihm eine gemeinsame Quelle hat, scheint ebenso zweifellos, wie er im γένος Ἡσιόδου im wesentlichen mit dem Certamen übereinstimmt (Nietsche Rh. Museum 1873 S. 236, Bergk S. 918 not. 1). Dieser Wettkampf aber geht vermuthlich auf den Rhetor Alkidamas zurück und ist ein pädagogisches Machwerk (Nietsche Rh. Museum 1870 S. 539), die Geschlechtstafeln Homers und Hesiods aber, von denen er eine enthält, die mit Apollo beginnt und den Hesiod einige Generationen vor Homer hat, frühestens auf die Logographen (Lobeck Aglaophamos I p. 323; Proklos z. Opp. 631; Sturz Hellanicus fr. 144). Wie kann man nun nach den Phantasien der Logographen den Namen Dios als einen historischen in die Literaturgeschichte einführen wollen? Zumal Lobeck I p. 326 doch gewiss Recht hat, dass die Erfindung des Vaters Dios durch das δῖον γένος entstanden ist, wie ja bekanntlich die ganze Sage vom Wettkampf nur aus dem unechten Zusatz Opp. 650–662 hergeleitet ist. Und worauf beruht die Conjectur Ruhnkens Δίου γένος? Auf Suidas und Proklos oder Velleius Paterculus I 7 (Gaisford Opp. 297 not.), und deshalb soll sie Bestand haben? Denn woraus schliesst Ruhnken zu Vellei. Paterc. I 7 not., dass Tzetzes in einigen Exemplaren Δίου γένος gefunden habe? Das geht aus keinem Wort der Scholien hervor. Und gesetzten Falls, Velleius hätte Opp. 299 Δίου γένος gelesen, würde das schon zu dem Satz berechtigen: patriamque et parentes testatus est? Also entweder Velleius las dies an einer Stelle der hesiodischen Gedichte, die uns verloren ist, was durchaus unwahrscheinlich ist, oder, was wahrscheinlicher, es ist ein Irrthum von ihm. Wir werden daher gut thun, den Vater Dios aus der Geschichte zu streichen, wie die Mutter Pykimede gestrichen worden ist.

Bergk fährt weiter fort: „Mittellos und wie es scheint von niederer Herkunft, erwarb er sich als Schiffer seinen Lebensunterhalt. Indess muss er doch auf seinen Fahrten einiges Vermögen gewonnen haben, denn er kehrte später nach Griechenland zurück und ließ sich in Askra, einer kleinen Ortschaft am Helikon im Gebiete der Thespier nieder.“ Die gewöhnliche Ueberlieferung sagt, der Vater habe aus Armuth Kyme verlassen (Proklos zu Opp. 631) oder mit einiger Uebertreibung, wegen der Menge der Gläubiger oder Schulden (Schol. Opp. 633. γένος Ἡσιόδου p. 14 Gaisf.); [459] vereinzelt steht Ephoros da mit der Notiz, er habe einen Verwandtenmord begangen, welche Notiz Bergk auf das richtige Motiv zurückgeführt hat. Bergk selbst scheint seine Darstellung dem hesiodischen Gedicht zu entlehnen. Doch was sagt Hesiod an jener Stelle? „Mein Vater erwarb sich in ehrlicher Weise seinen Lebensunterhalt als Schiffer, blieb aber dabei arm; er verließ deshalb seine Heimath und kam auf seiner Flucht nach Askra auch nach diesem Ort“ (nämlich wo Hesiod sich befindet, nachdem er selbst Askra verlassen). So ist die Stelle größtentheils von den Alten verstanden worden, die dennoch eine Schwierigkeit dabei Übersehen oder wenigstens zu gering geschätzt haben. Hesiod sagt: ὃς ποτε καὶ τῇδ’ ἦλθε πολὺν διὰ πόντον ἀνύσσας (v. 635), was Proklos erklärt durch ἐθέλων εἰπεῖν ὃτι ἦλθον εἰς Βιωτίαν. Indessen da der Dichter sich nothwendiger Weise wo anders befinden muss, als in Askra, weil er v. 639 diesen Ort dem τῄδε entgegenstellt, so ist diese Erklärung des Proklos unrichtig, und mit τῄδε muss ein zweiter Flecken gemeint sein. Goettling v. 635 not. dachte an Orchomenos, worauf er schon das αὖθι διακριώμεθα in v. 35 bezog, und ihm folgte Paley; und dass Orchomenos mit der Lebensgeschichte Hesiods in Zusammenhang steht, bezeugt Plutarch bei Proklos zu Opp. 631, und Conviv. 19, das Certamen p. 323 (Goettlings 2. Ausg.), und das γένος ρ. 19. Bergk dagegen schließt aus dem genannten Vers, dass zunächst auf einen an der Meeresküste liegenden Ort hingewiesen wird (S. 920 not. 6), der also Orchomenos nicht sein kann. Was berechtigt zu diesem Schluss? Dass der Dichter sagt, sein Vater sei nach seiner Seefahrt oder Ueberfahrt hierher gekommen? Man findet eine schöne, analoge Stelle im Certamen p. 322 τοῦ δὲ ἀνῶγος διαλυθέντος διέπλευσεν ὁ Ἡσίοδος εἰς Δελφούς, nämlich von Chalkis in Euboia aus, und der Prosaiker fürchtet nicht, dass er missverstanden werden könnte, und dass ein Leser schließen möchte, Delphi sei eine Hafenstadt, obgleich Hesiod doch sicherlich nur nach Aulis herübergefahren (was auch die unechte Stelle Opp. 651 deutlich zeigt) und dann den bei weitem größten Theil des Weges zu Fuß gemacht hat. Bergk geht aber noch einen Schritt weiter und vermuthet, dass der Dichter nach dem lokrischen Naupaktos ausgewandert sei, weil 1) die Sprache seiner Gedichte eine landschaftliche Färbung habe, d. h. vorzugsweise dorische Elemente besitze, 2) auch Naupaktos [460] wenigstens in dem Mythus von der Ermordung Hesiods eine Rolle spiele, 3) weil einzelne Gedicbte, wie der Aigimios und der Frauenkatolog speciell auf eine dorische Landschaft hinweisen. Dem unbefangenen Kritiker drängen sich bei dieser Deduction folgende Fragen auf: wie ist der Vater Hesiods nach Naupaktos gekommen, selbst wenn er, wie Bergk anzunehmen scheint, es nicht auf seiner Flucht nach Boiotien berührt hat, sondern in seinen Handelsgeschäften? Ist es denkbar, dass der armselige Schiffer des kleinasiatischen Kyme seine Unternehmungen ausgedehnt hat nach Hafenstädten des korinthischen Meerbusens? Hesiod sagt aber ausdrücklich, dass der Vater nach dieser Stadt gelangt sei, als er Kyme für immer verlassen hatte und nach dem boiotischen Askra ausgewandert sei. Und da hat der Vater den Weg eingeschlagen von Kyme über Naupaktos nach Askra, statt nach einem boiotischen Hafen, etwa nach Aulis, zu segeln, und von dort die Weiterreise zu unternehmen? Und wenn der Vater Hesiods zu einem der lokrischen Geschlechter Kymes gehört hat (S. 922), warum ist er nicht nach Lokris zu den Verwandten gezogen, sondern gerade nach dem unwirthlichen Askra am Helikon? Ferner: allerdings verlegt die Sage die Ermordung Hesiods in die Gegend von Naupaktos (schon Thukyd. III 96; Plutarch Conviv. c. 19; Pausan. IX 31, 6), aber sie bezeichnet deutlich genug, dass Hesiod diese Gegend nicht gekannt habe, denn wenn er einen Theil seines Lebens dort zugebracht hätte, sollte ihm unbekannt geblieben sein, dass nicht weit davon bei Oineon ein Heiligthum des nemeischen Zeus sich befand, vor dem ihn das delphische Orakel gewarnt hatte? Und ferner: was beweist ein Gedicht, wie der Aigimios, bei dem die Autorschaft Hesiods schon vielfach im Alterthum bezweifelt worden ist (Athen. XIII p. 503; Schol. Apoll. Rh. III 587, IV 816; Schol. Eurip. Phoen. 1116)? Und endlich: ist es wahrscheinlich, dass die dorischen Elemente in der hesiodischen Sprache von dem Aufenthalt in Lokris herrühren, zumal Bergk selbst die pseudoherod. vita Homeri c. 1 als Beweis anführt, dass das aiolische Kyme von Lokrern gegründet war und eine gemischte Bevölkerung hatte, und da die in Boiotien verfertigten Gedichte, wozu doch in erster Linie die Theogonie gerechnet werden muss, dieselben Dorismen enthalten? Ist nicht viel wahrscheinlicher, dass die dialektischen Eigenheiten gerade von Kyme oder wenigstens von den Eltern Hesiods herrühren? Wie dem [461] auch sein mag, Bergks Gründe für Naupaktos sind haltlos. Ist darum der andre Ort Orchomenos? Mit nichten; warum sollen wir etwas in der Literaturgeschichte sagen, was wir nicht wissen? Wenn aber das Wahrscheinlichere gegeben werden soll, so ist Orchomenos dem Naupaktos vorzuziehen, weil der Weg vom boiotischen Hafen, in dem Hesiods Vater gelandet war, nach Askra über Orchomenos mit Bequemlichkeit führen konnte, und weil Orchomenos selbst mit der Geschichte Hesiods viel enger verflochten ist, als die lokrische Landschaft, worunter in einem Theil der Ueberlieferung sogar das opuntische Lokris verstanden wird. Indessen, wir sollen nicht die Geschichte mit unnützen Combinationen anfüllen. – Auch das müssen wir im Gegensatz zu der Darstellung Bergks behaupten, dass der Wohlstand, den, nach dem Erbschaftsstreit der feindlichen Brüder zu urtheilen, der Vater Hesiods unzweifelhaft später erlangt haben muss, nicht von den Handelsfahrten herrühren kann, die er während seines Aufenthalts in Kyme unternommen hat, sondern nur von der landwirthschaftlichen Beschäftigung, welcher er in Askra oblag, und welcher vermuthlich der Mythus von dem Schafe weidenden Dichter zugeschrieben werden muss (Theog. 22–35; γένος p. 14).

Dann, wenn Bergk auch den Umstand für seine Hypothese ausbeutet, dass die Periegeten vom Helikon nur die Werke und Tage als echtes hesiodisches Gedicht gelten ließen (Pausan. IX 31, 3) und daraus den Schluss zieht, dass die andern Gedichte nach Lokris hinweisen, so ist schon berührt worden, dass die Theogonie unzweifelhaft das ältere Gedicht Hesiods ist, wie Plutarch und Proklos angenommen haben, wenn auch aus einem nichtigen Grunde (Proklos z. Opp. 11), und wie schon die Rhapsoden, welche das unechte Prooimion gedichtet, geglaubt haben (v. Schoemann Theog. S. 214 not.). Es liegt auf der Hand, dass die Notiz des Pausanias, welche gleichzeitig von der vermeintlichen Unechtheit des Prooimions zu den Werken und Tagen spricht, die auch Proklos, vermuthlich nach dem Commentar des Plutarch (Gaisford p. 32) angenommen hatte, erst durch die alexandrinische Kritik entstanden ist (Proklos Prolegom. p. 3). Völlig unverständlich aber ist es, wenn man als Beweis dafür, dass Hesiod die Theogonie an der Schwelle des Greisenalters gedichtet habe (S. 971), Theog. 22 anführt: αἳ νυ ποθ’ Ἡσίοδον καλὴν ἐδίδαξαν ἀοιδήν, da, wenn man bewiesen hat, dass Hesiod nach [462] seines Vaters Tode Askra und den Helikon verlassen hat, und wenn man das Prooimion oder, wenigstens den Theil v. 22–35 für echt hält (S. 979), welcher die Einleitung zur folgenden Theogonie bildet, man nothgedrungen gezwungen ist, die Theogonie nicht nur für das erste Gedicht Hesiods zu halten, sondern für eins, das ohne Zweifel in Boiotien und nicht in Naupaktos gedichtet ist. – Bergk polemisirt an verschiedenen Stellen gegen die skeptische Kritik der neueren Philologen; hat sein Verfahren aber in einer wissenschaftlichen Literaturgeschichte eine Berechtigung?

Ferner können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, dass unsres Wissens folgende Umstände bei der Biographie des Hesiod noch nicht benutzt sind. Der Name Aulis kommt in der Lebensgeschichte Hesiods zweimal vor, zuerst Opp. 651, in jenen unechten Versen, welche von einem Wettkampf in Chalkis berichten (v. 650–662), zweitens im Certamen p. 315 vom Wettkampf in Aulis, wo freilich Nietsche S. 234 verbessert hat ἐν Χαλκίδι τῆς Εὐβοίας für ἐν Αὐλίδι τῆς Βοιωτίας. Die Verse Opp. 650–662 sind entstanden vor der Zeit, in welcher der Mythus von dem Wettkampf mit Homer gebildet wurde, d. h. vor der Zeit des Rhetor Alkidamas, denn sonst hätten unzweifelhaft alle Exemplare v. 657 die Worte νικησάντ’ ἐν Χαλκίδι θεῖον Ὃμηρον zur Zeit der Alexandriner gehabt, die nur einige hatten (Proklos z. d. Vers); und wir werden nicht irren, wenn wir sie den boiotischen Rhapsoden zuschreiben. Wenn nun auch die von den Rhapsoden eingefügten Mythen keine Geschichte enthalten, so ist doch die Localität, in welcher ein derartiger Mythus von einer historischen Persönlichkeit sich festsetzt, in der Lebensgeschichte desselben von Bedeutung, und die Erinnerung an sie ist die Mutter der mannigfaltigen Mythen. Die Namen Askra, Helikon, die Gegend, von Naupaktos und Oineon, endlich in Betreff der Gebeine des Todten Orchomenos, sind aus der Geschichte Hesiods nicht zu entfernen; und deswegen wird die Sage vom Wettkampf in Chalkis im boiotischen Aulis entstanden sein, das seinerseits den Dichter gekannt und an ihm Interesse genommen haben muss. Was hindert uns aber anzunehmen, dass gerade Aulis die Hafenstadt gewesen sei, welche der Dichter Opp. 635 gemeint hat, wo sein Vater, als er von Kyme kam, landete, und er selbst, als er Askra verlassen, wohnte? Jetzt wird uns begreiflicher, wie auch eine Sage vom [463] Wettkampf in Aulis entstehen konnte, wenn jene Lesart im Certamen richtig ist, da man später eifersüchtig auf den Ruhm von Chalkis ward (wie auch eine ähnliche Sage im vielbesuchten Delos entstand, Schol. Pind. Nem. II 1), und wie vor allen Dingen es möglich war, dass die Sage, vom Tode des Dichters, die in der ältesten und richtigen Gestalt mit dem ozolischen Lokris verbunden war (Thuc. III 96), auch nach dem opuntischen Lokris übertragen wurde, welches dem Wohnort Hesiods, Aulis, benachbart war. Also auch dieser Mythus (ἀποκτείσαντες εἰς τὸ μεταξὶ τῆς Εὐβοίας καὶ τῆς Λοκρίδος πέλαγος κατεπόντισαν, Certamen p. 322) wird in Aulis entstanden sein, weil dessen Einwohner nicht begreifen konnten, wie Hesiod nach dem ozolischen Lokris gekommen sei, was andrerseits das Natürlichste war, wenn er von Delphi aus eine dem Peloponnes entgegengesetzte Richtung in seiner Wanderung einschlagen wollte. Dann ist wieder wahrscheinlich, dass, wie in der alten Localsage von Naupaktos auch das Vorgebirge Rhion (freilich gleich dem gewöhnlichen Antirrhion s. Nietsche S. 235) vorkam (Plutarch Conviv. 19), so auch das benachbarte Chalkis erwähnt wurde, und dass dieser Umstand die Verwechslung mit dem euboiischen Chalkis hervorgerufen und dadurch die Sage vom Wettkampf dort erzeugt hat, wie vielleicht der zuerst in der alten Sage vorkommende Name Ganyktor, zunächst als Vater der Mörder Hesiods bei Eratosthenes, dann als einer der Mörder, Sohn des Phegeus bei Alkidamas, endlich beim Entstehen der euboiischen Sage zum Sohn des Königs Amphidamas von Chalkis gemacht wurde (γένος p. 6 und p. 16 und Alkidamas im Certamen p. 315; s. Nietsche S. 230). Freilich sind dies Combinationen, aber nach unsrer Meinung ist es Pflicht, wenigstens Aulis in der Lebensgeschichte Hesiods zu restituiren. Indessen ob er sich längere oder kürzere Zeit dort aufgehalten, oder gar ob er bis zu seiner Orakelreise nach Delphi dort gelebt, das ist um so weniger zu behaupten, als gerade die Nachrichten von den letzten Lebensjahren entschieden auf eine Art Wanderleben hinweisen, wodurch eine jede derartige Vermuthung keine Wahrscheinlichkeit in Anspruch nehmen kann.

Ich bin mir bewusst bei dieser Darstellung in einigen Punkten von Nietsche wesentlich abzuweichen, werde aber versuchen, diese Abweichungen zu motiviren. Wie Certamen p. 315 von Nietsche verbessert ist Χαλκίδι τῆς Εὐβοίας für Αὐλίδι τῆς Βοιωτίας [464] ohne zwingenden Grund, wenn auch mit einiger Wahrscheinlichkeit, so möchte Nietsche in jenem Bericht des Alkidamas Certamen p. 323 für μεταξὺ τῆς Εὐβοίας καὶ τῆς Λοκρίδος verändern μεταξὺ Βοιωτίας καὶ τῆς Λοκρίδος zur Bezeichnung des Korinthischen Meerbusens, indem er auf eine dritte ähnliche Verderbung im Schol. Theog. 54 hinweist. In jenem Scholion haben beide Ueberarbeitungen, die in der Ausg. Trincavelli’s und die in der Basiliensis eine gemeinsame Quelle gehabt, oder vielmehr das Scholion Trine, ist ein Excerpt aus dem ausführlichen Schol. Bas., das an dieser Stelle den Schreibfehler hat ἀλλ’ ἡ μήτηρ τῶν (l. αὐτῶν) τῆς Εὐβοίας (l. ἐκ) ἧν für Βοιωτίας, was der Compilator ahnungslos abschreibt, jeder aufmerksame Leser aber nach den vorangehenden Worten sofort verbessert. Vergleichen wir unsere fragliche Stelle. Alkidamas im Certamen: ἀποκτείναντες εἰς τὸ μεταξὺ τῆς Εὐβοίας καὶ τῆς Λοκρίδος πέλαγος κατεπόντιααν, Tzetzes im γένος Ἡσιόδου p. 19 ἐξήχθη τὸ σῶμα μεταξὺ τῆς Εὐβοίας καὶ Λοκρίδος (vielleicht zu ergänzen καταποντισθέν Nietsche S. 233); und Tzetzes hat nicht das Certamen benutzt, sondern beide eine gemeinsame, ältere Quelle (Nietsche S. 236); also hatte diese ältere Quelle bereits als locale Bestimmung μεταξὺ Εὐβοίας καὶ Λοκρίδος. Gesetzt Εὐβοίας wäre, wie im Schol. Theog. 54 nur verschrieben, und wir verbessern mit Nietsche Βοιωτίας καὶ Λοκρίδας (denn Nietsche selbst scheint es jetzt unwahrscheinlich zu sein, dass, wie er früher geglaubt hat, beide Namen verschrieben sind, und etwa zu lesen wäre μεταξὺ Εὐπαλίας καὶ Μολυκρίας), was erhalten wir für einen Sinn? Wäre der Mord bei Kirrha geschehen, so könnten wir vermuthen, der kleine Meerbusen dort, dessen westliches Ufer lokrisch war, das östliche aber boiotisch, wäre genannt worden τὸ μεταξὺ Βοιωτίας και Λοκρίδος πέλαγος. Da aber in dem lokrischen Localmythus der Schauplatz der Ermordung viele Meilen westwärts verlegt war, und die Localität, wie wir aus Thukydides sehen, geographisch vollständig gesichert war, so dürfen wir einen solchen Irrthum nicht annehmen, wir müssten denn glauben, dass die Mörder den Leichnam bis nach Kirrha geschleppt haben. Andrerseits scheint es ganz unmöglich, dass der korinthische Meerbusen selbst mit τὸ μεταξὺ Βοιωτίας και Λοκρίδος πέλαγος bezeichnet ist. Was folgt daraus? Der Rhetor Alkidamas verlegte die Ermordung des Hesiod nicht nach dem ozolischen Lokris, [465] sondern nach dem opuntischen Lokris. Ob eine solche Verlegung aus Irrthum geschah, wie Rose und Bursian wollen, oder nach einem andern Localmythus, ist schwer zu entscheiden; ich möchte aber mit Rücksicht auf meine Darstellung eher glauben, dass der Rhetor dabei einen bestimmten Mythus von Aulis vor sich hatte, von wo auch, wie wir gesehen haben, mit großer Wahrscheinlichkeit der ganze Mythus vom Wettkampf in Chalkis ausgegangen war, und dass die detaillirte Benennung von Oinoe und dem Heiligthum des nemeischen Zeus entweder einer irrthümlichen Verwechslung mit der ozolischen Sage ihren Ursprung verdankt, oder wirklich einer Darstellung der Bewohner von Aulis oder dem opuntischen Lokris, dass auch dort ein Flecken Oinoe und ein solches Heiligthum gewesen sei, was an und für sich möglich wäre (Nietsche S. 235). Vielleicht wird dies dadurch bestätigt, dass in der aulidischen Sage der Name Οἰνόη (ebenso hieß eine Stadt in Argos, Paus. II 5, 2) feststeht, in der ozolischen, wie es scheint, Οἰνεών (Thuc. III 95, 98, 102; Bursian Geogr. I S. 148). Danach haben Alkidamas, die ihm entlehnte Version des Certamen, Tzetzes und die gemeinsame Quelle der letztgenannten die opuntische Sage vor Augen; Thukydides, Eratosthenes, Plutarch (der aus Eratosthenes schöpft, Nietsche S. 228) und Pausanias die ozolische. Wir erkennen sogar aus der Darstellung des Pausanias, dass ihm die opuntische Sage und mit ihr Hesiods Flucht zu Schiff ganz unbekannt geblieben ist, während er mit Molykria die Localität genauer feststellt, als Plutarch. Dass der mittelmäßige Verfasser des Certamen von der geographischen Verschiedenheit beider Mythen keine Ahnung hat, ist eine namentlich bei den Scholiasten so häufig vorkommende Ignoranz, dass sie nichts Auffallendes hat. Darin unterscheiden sich aber beide Sagen, dass die von Aulis ausdrücklich eine Flucht nach Kreta erwähnt und eine Bestrafung durch die Götter, oder wenigstens auf dem Meere, die ozolische dagegen eine Bestrafung durch die Landesbewohner (Eratosthenes im Certamen p. 323, Plutarch, Pausanias); vielleicht unterscheiden sie sich auch darin, dass die opuntische, in Aulis entstandene, ein Fest der Ariadne erwähnte (daher die Flucht nach Kreta), die ozolische ein Fest des Poseidon. Dass indessen die ozolische Sage die ältere und entschieden beglaubigtere sei, ist oben erwähnt worden, und die Autorität ist auf der Seite ihrer Gewährsmänner. [466]

Wir können nicht schließen, ohne noch ein Missverständniss Nietsches zu berühren. Certamen p. 323 lautet: Ἐρατοσθένης δέ φησιν ἐν Ἐνηπόδῳ (l. Ἡσιόδῳ) Κτίμενον καὶ Ἀντιφον τοὺς Γανύκτορος ἐπὶ τῇ προειημένη αἰτίᾳ ἀνελθόντας σφαγιασθῆναι θεσμοῖς (θεοῖς N.) ξενίοις ὑπὸ Εὐρθκλέους τοῦ μάντεως. τὴν μέντοι παρθένον, τὴν άδελφὴν τῶν προειρημένων, μετὰ τὴν φωρὰν (φθορὰν N.) ἑαυτὴν ἀναρτῆσαι. Die angeführten Verbesserungen Nietsches werden keinen Gegner finden; anders ist es, wenn er aus dem Flor. ἀνελόντας für ἀνελθόντας aufnehmen will, wozu freilich auch ein αὐτὸν gehören muss. Nietsche sagt S. 227: Man dürfte sich doch wohl fragen, was eigentlich heißen solle ἐπὶ τῇ προειημένη αἰτίᾳ ἀνελθόντας. Woher kehren die Mörder zurück? Und unter der vorher erwähnten Beschuldigung? Nämlich der, Hesiod umgebracht zu haben?“ Ich habe freilich bis jetzt die Stelle immer verstanden: die aus der oben erwähnten Veranlassung hinaufgegangen waren. Welche Veranlassung? Der Autor bezieht sich auf die Worte im Bericht des Alkidamas, dessen Localität für ihn mit der des Eratosthenes identisch ist, ἑορτῆς τινος ἐπιχωρίου παρ’ αὐτοῖς οὒσης Ἀριαδνείας (wo nach meiner Darstellung über diese Localität Nietsches Verbesserung Ῥίου ἁγνείας unmöglich ist; s. Rh. Museum 1870 S. 538), πάντες ἐπί τὸν αἰγιαλὸν ἒδραμον. Die Mörder hatten, wie in den Kranichen des Ibycus, die Frechheit die Festversammlung zu besuchen, und während dieses Festes trieb der Leichnam ans Land, und sie wurden gefasst. So ist auch die Darstellung bei Plutarch. Warum ἀνελθόντας? Weil sie den Leichnam ins Meer versenkt hatten, und das Fest etwas landeinwärts in Molykria auf der Höhe des Küstengebirges war (Bursian I S. 146). Lesen wir aber ἀνελόντας, so tritt die Schwierigkeit ein, auf die Nietsche selbst zuerst aufmerksam gemacht hat, dass nach der ersten Darstellung Hesiodos des Ehebruchs schuldig war, nach der des Eratosthenes aber unschuldig. Kann dann der Autor sagen, sie tödteten ihn ἐπὶ τῇ προειρημένη αἰτίᾳ? Da er doch in seiner ausführlichen Quelle, wie Plutarch es that, lesen konnte, dass der Dichter keine Schuld hatte, was er selbst im nächsten Satz hervorhebt? Offenbar aber giebt der Autor des Certamen zunächst die abweichende Darstellung in Betreff, des Schicksals der Mörder, und da musste er erwähnen, wie sie von einem Priester getödtet werden konnten (während [467] sie nach Alkidamas mit einem Nachen geflohen waren), eben weil sie die Festfeier besucht hatten und auf der Stelle ergriffen wurden.

Es ist erklärlich, dass nach meiner Auffassung von dem Charakter der beiden Localmythen der bei Plutarch Conviv. 19 erwähnte Fluss Daphnos nicht der heutige Mornopotamos ist, der bei Naupaktos mündet, wie Bursian I S. 193 not. 2 vermuthet, und danach Nietsche S. 235, sondern dass wiederum eine Verwechslung oder Uebertragung aus der opuntischen Sage und jenem Daphnos vorliegt, eine Uebertragung, die sowohl der geographischen Unwissenheit der Schriftsteller als auch der Unkunde von dem Vorhandensein zweier verschiedener Mythen ihren Ursprung verdankt und vermuthlich auf eine poetische, ausschmückende und ungenaue Quelle zurückzuführen ist.

Tübingen.
HANS FLACH.