Zur Tractätchenliteratur

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Autor: unbekannt
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Titel: Zur Tractätchenliteratur
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 832
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[832] Zur Tractätchenliteratur. Die Gefährlichkeit des Mysticismus, namentlich für geistig beschränkte Personen, ist längst von verständigen und echtes Christenthum hochschätzenden Menschen anerkannt. Dennoch wird zu wenig gethan um dem Treiben der Dunkelmänner, denen man Zähigkeit und Ausdauer in ihren verderblichen Bestrebungen nicht absprechen kann, entgegen zu arbeiten.

Wir wollen deshalb uns hier mit einem Gegenstande beschäftigen, der, obgleich bekannt und weit verbreitet, noch immer nicht die Beachtung gefunden, die er verdient, und der doch so unendlich viel Schaden anrichtet. Wir meinen die sogenannten Tractätchen, die, gratis zu Tausenden ausgetheilt, Ansichten und Begriffe im Volke verbreiten, welche ganz geeignet sind, alles Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes zu ersticken. Denn während Christus uns den Schöpfer als den liebevollsten Vater darstellt, lehren Jene, daß Gott ein Gott des Zornes, der Rache und ein Tyrann sei, der schlimmer wüthet und quält, als je ein Mensch auf Erden es gethan.

Zum Beweise, daß dies keine Uebertreibung ist, mögen einige Stellen aus einer dieser sogenannten Erbauungsschriften buchstäblich folgen. In Nr. 140 der von der „Niedersächsischen Gesellschaft zur Verbreitung christlicher Erbauungsschriften“ herausgegebenen Tractätchen heißt es in dem Aufsatze: „Die Natur der Bekehrung und Anleitung zu derselben“ Seite 9 wörtlich:

„Beschuldige Dein Herz; führe seine Sünden demselben vor, und Du wirst nicht mehr gut von Dir denken. Betrachte, was Deine Sünde verdient hat; sie schreiet zum Himmel um Rache gegen Dich; ihr Verdienst ist Tod und Verdammung; sie bringt den Fluch Gottes auf Deine Seele und auf Deinen Leib. Das kleinste sündliche Wort, ja der kleinste sündliche Gedanke legt Dich unter des Allmächtigen Zorn. O, was für eine Ladung des Zorns, welches Gewicht des Fluches, welche schreckliche Rache haben Deine Millionen von Sünden verdient!“

Auf derselben Seite und Seite 10 heißt es ferner:

„Bestrebe Dich, ein tiefes Gefühl Deines gegenwärtigen Elendes in Dir lebendig zu machen. Bedenke, wenn Du Dich niederlegest, daß Du nicht gewiß bist, ob Du nicht aufwachest in den Flammen und in der Marter; und bedenke, wenn Du aufstehest, daß vielleicht, ehe die nächste Nacht kömmt, Du in der Hölle gebettet bist. Bist Du noch zufrieden, in diesem furchtbaren Zustande zu bleiben? zitternd über dem Abgrunde höllischer Qualen zu stehen, nicht wissend, wie bald ein Zufall oder eine Krankheit Deine arme, sündliche, verdammte Seele in den ewigen Brand hinabstürzt?“

Ferner Seite 11:

„Bedenke, was es ist, in ewiger Qual, wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht, mit dem Teufel und seinen Engeln in ewiger Verzweiflung zu leben.“

Kaum sollte man es für möglich halten, daß solche Blasphemien gedruckt und verbreitet werden dürften, wenn nicht die Thatsache Schwarz auf Weiß vorläge.