Zur Wurzenhütte am Spitzingsee

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Autor: Unbekannt
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Titel: Zur Wurzenhütte am Spitzingsee
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12–13, S. 181–183;202–204
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[181]

Zur Wurzenhütte am Spitzingsee.

Am Wallberge – Die Heimath der Schnaderhüpfel – Ein Irrsinniger – Von zwei Gemsjägern – Die Ameiser und ihr Geschäft.

In der Morgensonne glühen die Gipfel der oberbaierischen Gebirge, an deren Fuße noch im Schatten versenkt und thaubeträuft das Thal des Rottachflüßchens sich hinzieht. Hinter dem mehr als 6000 Fuß hohen Rißerkogl an der Grenze Tyrols entspringend eilt die Rottach durch wilde Gräben und Schluchten, öfter über hohe Felsenmassen in majestätischem Falle hinabstürzend, dem breiten Thale zu, welches zwischen dem 6000 Fuß hohen Wallberg und der ebenso hohen zweisitzigen Bodenspitze, an den wald-, wiesen- und quellenreichen fünfthalbtausend Fuß hohen Baumgartrücken im West gelehnt, mit dem Thale der reißenden Weißach beim Dörfchen Egern am Ufer des Tegernsee’s sich vereinigt.

Hinten, wo das Thal im Südost zu einem Kessel zusammenläuft, aus welchem ein halsbrecherisches Sträßchen zur Kaiserklause (Falepp) und in’s Tyrol knapp zwischen den Bergen hindurchführt, liegt, fast den Fuß des Peißenberges (dessen Gipfel die Bodenspitze heißt) berührend, ein Bauernhof, genannt der Enterrottacher, in glücklicher Einsamkeit. Dieser Hof ist im echten Gebirgsstyl erbaut; Wohnhaus, Stallung und Stadel unter einem vorspringenden mit Steinen beschwerten Schindeldache, darinnen eine sehr große, zum Theil als Wohnstube benützte Küche mit dem patriarchalischen Heerde, um das Haus ein reicher Obstgarten, vor demselben ein niedliches Blumengärtchen und der Rollbrunnen mit dem tadellosen Quellwasser. Die von Honig duftenden Wiesen sind von herrlichen Ahornen, Linden und Buchen umgeben oder eingerahmt von dichtem Haselgebüsche. Im schattigen Obstgarten sind Tische und Bänke in dem Grasboden befestigt; denn nicht selten kommen hierher Städter, Leute aus allen Nationen der Welt, welche am Tegernsee oder in Kreuth Sommer und Herbst verleben, um den majestätischen Rottachfall zu beschauen, sich von dem Waldeshauch erquicken, von den reinen Berglüften stärken zu lassen. Dabei bietet die freundliche Bäuerin, was Küche und Vorrathskammer enthalten.

Die Gartenlaube (1861) b 181.jpg

In dem oberbaierischen Gebirgshofe

Vom Fuße des Wallberges, bekannt wegen seiner in großer Menge und seltener Größe und Farbenpracht dort blühenden Rhododendras und Alpenröslein, tönt das Rauschen der Rottach herüber durch die grüne Au; jenes Berges zerklüftete Wände starren zum Thale herab. Von dort herunter schimmert das schönste Grün, das üppigste Gras, die heilsamsten Kräuter wachsen zwischen den Spalten der Felsen, die Zwergföhre mit ihren breiten Aesten und den langen dichten Nadeln überdeckt große Strecken, wie von Thränen übergossen glänzen die Wände und glitzert das Gestein im Sonnenlichte. Aus zahllosen Adern träufeln die Wasser der Felsen zu den Gräben und Schluchten hinab, an welche ein Bergforst stößt mit seinen himmelanragenden Tannen und Fichten.

Selten wagt es ein kühner Kräutersammler, in dies Labyrinth zu klettern, wo die Gemse ihr Lager auf weichem Moose und in der bergenden Kluft hat, wo der Adler kreist und horstet in behaglicher Sicherheit. Wird der Hirsch in den tiefer gelegenen Forsten gejagt oder durch einen Schuß erschreckt, dann klettert auch er vorsichtig zum schützenden Gestein empor und verbirgt sich tagelang, die Aeßung zwischen den Felsenritzen mit Lebensgefahr suchend und die Tropfen Wassers vom Gesteine leckend.

Auch der Spielhahn streicht manchmal von Fels zu Fels, besonders zur Balzzeit. Aber der Jäger schießt ihn da nicht; was nützte es ihm auch, es zu thun? Der Schuß kracht, vom tödtenden Blei getroffen läßt das Thier die Schwingen sinken und stürzt tief hinab in eine Ritze, oder in eine Schlucht, wo es nimmer zu finden.

Nicht eben die hohe Lage macht jene Wallbergwände so unzugänglich, denn sie sind höchstens 2000 Fuß über der Thalsohle, sondern [182] ihre eigene Zerrissenheit. Ober ihnen aber in der schwindligen Höhe ist wieder die schönste freie Alpenweide und sind Almen, und muntere Dirnen zwischen den weidenden Kühen und Ziegen lassen ihren Juchheruf und ihr Gejodel ertönen, um das Echo wach zu rufen, das in wunderbarer Kraft den ihm zugerufenen Ton wohl zwölfmal wiedergiebt und ihn zuletzt zu den entferntesten Schluchten und Wänden fortträgt.

Hier im baierischen Gebirg ist, wie im Ziller-, Unterinn- und Pusterthale, die Heimath der durch ganz Deutschland verbreiteten Schnaderhüpfel oder Schnaderhaggen, jener meist vierzeiligen Strophen, in welchen die Volkspoesie das Suchen und Finden, das Meiden und Leiden der Liebe in den mannigfachsten Wendungen bald in neckischer und satirisch spottender, bald in tiefempfundener Weise darstellt, und die durchschnittlich mit einem fröhlichen, himmelaufjubelnden Jodler oder einem plötzlichen grellen Aufjauchzen endigen. Oft sehr zart, oft jedoch auch sehr unzart, aber stets treffend und witzig lassen sie sich zu Hunderten und Tausenden zählen, während ihre weichen, in getragenen Tönen sich fortbewegenden Melodien kaum nach Dutzenden gerechnet werden können. Sie entstehen im Volke unk Niemand kennt die Dichter, während ihre Gesänge von Mund zu Mund, von Thal zu Thal weitergetragen werden, wie einst die Gesänge Homers. Da klingt es wohl von den Bergen herab:

A Büchsel zum Schießen
Un an Stoßring zun Schlag’n
Un a Diendl zun Liebn
Muß a frischa Bue hab’n!

Oder in tiefelegischer Weise singt ein frischer, fröhlicher Gesell:

Schön blau ist der See
Und’s Herz thut mir weh,
Und wird nimmermehr g’sund,
Bis mein Diendl nit kumm’t.

Und Diendl, was thätst Du,
Wenn treffet’ mi’s Loos?
Du müßtest halt wandern
Auf’s Sterzinger Moos.[1]

Und wenn i amal g’storb’n bin,
Brauch i Weichbrunn koan’n;
Mein Grabl wird naß
Von mein Diendl sein Woan’n

Wie oft habe ich so gesehen in der einfachen Hütte, wo am hölzernen Tische die kräftigen Gestalten der Aelpler sitzen, wie sie uns hier die kunstgeübte Hand des Malers im Bilde dargestellt hat. Der kundige Spielmann unterhält die Gäste mit einem lustigen Liedchen, das er mit der beliebten Cither begleitet, während der eine der Genossen nach dem Takte der Musik die Füße hebt und im engen Gemach zu tanzen versucht. Das Maidele schenkt die Krüge voll, und bald steckt die freudige Lust auch die übrigen Anwesenden an. Oder der Aelteste und Erfahrenste erzählt eine abenteuerliche Geschichte aus seinem Jäger- und Wanderleben, durchwebt mit Spuk- und Geistermähren, und erntet dann den wohlverdienten Dank seiner Zuhörerschaft, die noch immer, wie alle Gebirgsbewohner, an Kobolde und Nixen, an Berggeister und fliegende Drachen, an Alraunen und Galgenmännchen glauben.

Ich bin mit einem Jäger, der zu den unermüdetsten Kletterern zählte, wiederholt hieher nach dem Wallberg gekommen und habe den alten Burschen kennen zu lernen genug Gelegenheit gehabt. In dem Wallberggewände hat sich einmal ein Mann versteckt gehalten, den der Irrsinn aus der Nähe der Menschen gebannt hat. Er war der Sohn eines wohlhabenden Bauers, und leider als Knabe schon in stetem widerspenstigem Streite gegen den Vater. Es war oft zu heftigen Scenen gekommen. Eines Tages waren Beide beim nahen Ziegelofen mit Ziegelbrennen beschäftigt, man hörte sie wieder einmal heftig streiten, dann war es plötzlich ruhig geworden. Der Bube kam gegen das Haus gelaufen und erzählte in großer Verwirruug, der Vater sei an der weiten Oeffnung des glühenden Ofens ausgerutscht und in der Gluth zu Grunde gegangen. Man hatte sich darüber allerlei Bedenkliches gesagt, aber die Sache beruhen lassen. Aus dem Buben wurde ein Mann; sein liebster Aufenthalt war in den Klüften des Gebirges, um der flinken Gemse und dem schlauen Murmentl (Murmelthier) nachzupirschen. Dort strich er, ein Jäger aus Liebhaberei, Tage und Wochen lange allein umher, wie Ahasverus nirgends Ruhe findend. Oefter wollte man Spuren von Irrsinn an ihm bemerken. Da kam einst die Nachricht, daß nach einem Vatermörder, der sich ins Gebirge geflüchtet, große Streife gehalten werden müsse: kaum hörte der Mann hiervon, als er unter den Anzeichen der höchsten Bestürzung in der mangelhaftesten Bekleidung sein Haus schnellstens verließ und unter dem Ausrufe: „Sie kriegen mich nicht! Es steigt mir Keiner nach!“ ins Gebirge entfloh. Von dem bekümmerten Eheweibe wurden viele Männer aufgeboten, den Entflohenen aufzusuchen.

Vergeblich durchstreifte man die Berge, als es einem verwegenen Wildschützen, welcher mit dem Flüchtigen in früheren Jahren öfters auf die Gemspirsche in die Wallbergwände gestiegen war, endlich beifiel, er könne sich etwa in jenen fast unzugänglichen Steinrevieren versteckt halten. Durch das Versprechen einer glänzenden Belohnung aufgemuntert, ließ der Wilderer sich bereit finden zu einem Versuch, jene Wände mit ihren Schluchten und Höhlen zu durchforschen; richtig gelang es ihm auch, den Gesuchten zu entdecken, dessen Kleider in Fetzen gerissen und dessen Füße blutrünstig waren. Trotzdem ergriff der Irre die Flucht und setzte in haarsträubender Hast von Klippe zu Klippe, ohne die freundlichen Zurufe des Suchenden zu beachten. Also aus den Wänden verscheucht, lief er den außerhalb harrenden Streifmännern gerade in die Hände. Von diesen gefangen genommen, begehrte er, ehe es zur Hinrichtung käme, einen Priester, um sein Gewissen vor ihm auszuschütten. Gegen alle Zureden, daß man ihn nicht hinrichten wolle, blieb er taub und starb als ein Opfer der Angst und Verzweiflung.

Vor nicht sehr langer Zeit besuchten zwei Gemsjäger jene Wände, und nach unsäglichen Mühseligkeiten war es ihnen auch gelungen, ein Gratthier zu erlegen, es der Tiefe, in die das erschossene Wild gerollt war, glücklich zu entreißen, und zu Thal zu steigen. Dort, wo die Rottach den berühmten Wasserfall am Fuß des Wallberges bildet, eine halbe Stunde vom Enterrottacher Hofe entfernt, fallen die Wände in das Flußbett jenes Gewässers herab. In dem Labyrinth derselben verbargen die Wildschützen ihre Büchsen und sich selbst bis zum Anbruch der Nacht, um hierauf mit der im Rucksacke untergebrachten Beute das Thal und den Heimweg zu gewinnen. Zur selben Zeit aber ging drunten eine baierische Grenzjägerstreifwache vorbei, und diese hörte das Herabkollern des Steingerölls und endlich das Geflüster der Wilderer, welche sich in vollkommener Sicherheit wähnten. Die drei Grenzjäger trafen rasch Vorbereitungen, um die vermeintlichen Schmuggler zu fangen; von der Finsterniß begünstigt vertheilten sie sich unbemerkt am Ufer. Die Wildschützen langten am Rottachufer an, durchwateten den Fluß und stiegen am rechten Felsenufer zum Sträßchen hinan. Nun erscholl vor und hinter ihnen drohender Haltruf; die Wilderer wähnten, den Förster und seine Gehülfen gegen sich zu haben, warfen die Jagdbeute weg und sprangen zurück in das Flußbett, um in dem jenseitigen Gewände sich zu bergen. Die Grenzjäger verfolgten sie durch das Flüßchen, aber die Wilderer waren flinker und hatten einen Vorsprung gewonnen. Somit sandten ihnen die Ersteren mehrere Schüsse aus ihren Karabinern nach. Die Kugeln schlugen an die Felsen nächst den Fliehenden, daß die Splitter wegflogen und der Donner schrecklich durch die Schluchten tönte. Dann aber war Alles ruhig wie zuvor, und endlich scholl von hoch oben her das Hohnlachen der Entronnenen. An einem der nächsten Tage aber kam zum Bader von Brandenberg in Tyrol ein Bursche aus Baiern, um sich einen Zteinsplitter, der schmerzhaft in der rechten Wange saß, aufschneiden zu lassen. Der Verwundete war längst im Verdachte als Wilderer, und über die Ursache der Verwundung konnte er sich nicht recht ausweisen. Die Grenzer waren aber nicht wenig überrascht, als sie, den weggeworfenen Sack untersuchend, statt der Seiden- oder sonstigen Schmuggelwaren eine Gemse fanden.

Außer den Gemsjägern sind es dann noch einige sogenannte „Ameiser“, d. h. Sammler von Ameiseneiern (Puppen-, frische, mit dem Gebirge und dem Nomadenleben in demselben wohl vertraute Männer, welche an diesen Wänden und unter den Latschen herumklettern, um Ameisenhäuser zu suchen, welche dort bis sechs Fuß hoch und vier bis fünf Fuß im Durchmesser gefunden werden. Es ist interessant, die Ameiser bei ihrem Geschäfte zu sehen. Kaum ist ein Haus gefunden, so reißt es Einer mittels einer Schaufel rasch auf, die Ameise aber stürzt sich schnell auf eine Puppe, um sie zu verbergen, und nach wenigen Minuten wäre der ganze Puppenstock von den zahllosen Arbeitsameisen verschleppt, wenn nicht eiligst zugegriffen würde. Ein Ameiser öffnet nun einen weiten, langen dichten Zwillichsack, und ein Anderer faßt [183] mit den bloßen, aber ziemlich rauhen und mit Oel eingeriebenen Händen Ameisen und Puppen haufenweise und wirft sie in den Sack; in manchem Ameisenhause sind 20 bis 40,000 Puppen. Von Klippe zu Klippe, von Schlucht zu Schlucht sucht nun der Ameiser, den festverbundenen Sack auf dem Rücken, andere Beute. Die Ameisen, rothe und schwarze, große und kleine, sammt den Puppen, kommen alle in den nämlichen Sack, bis er voll ist, worauf er irgendwo an geschütztem Orte untergebracht wird, bis die Ameiser nach 6-8 Tagen zu Thal steigen. Keine der emsigen Gefangenen vermag zu entrinnen, so sehr sie sich auch innerhalb der Umhüllung um die Freiheit abmühen; die rothe Ameise ist die heftigste und greift, nachdem sie die Unmöglichkeit der Flucht bemerkt, die sanfteren und schwächeren Schwestern an und tödtet sie mit ihren scharfen Zangen. Die Rothen sind durchweg schärfer als alle Anderen, und sie machen sich aus dem Schwestermorde nichts.

Haben die Ameiser einige Säcke voll gemischter Beute, so ziehen sie mit denselben zu Thal, um die Ameisen an abgelegenen waldigen Orten „auslaufen“ zu lassen, d. h. die Puppen und den Weihrauch von den bisherigen Besitzerinnen zu reinigen. Das Standquartier haben in dieser Gegend die Ameiser beim Euterrottacher Hofe. Im Schatten der Bäume, an den Säumen des Bergforstes strecken sie die müden Glieder, diese Ruhezeit zugleich zum „Auslaufenlassen“ benützend.

Dies geschieht nur bei hellem Sonnenscheine. Ein sehr langes und breites weißes Tuch wird auf der Erde ausgebreitet, dessen Ränder werden umgeschlagen, und innerhalb den eingebogenen Tuchränder legen sie frisches Laub in der Runde herum. Der Sack wird geöffnet und der Inhalt desselben in die Mitte des Tuchs geschüttet. Nun sollten Sie sehen, an welches Rennen es geht! Alle sind gierig, in’s Grüne zu entkommen, und rennen den Rändern des Tuches zu; aber ebenso schleunig kehren sie alle wieder um, der Instinct, die junge Brut zu retten, treibt sie zum Haufen zurück. Jede ergreift nun eine Puppe, jede diejenige, die ihr zunächst liegt; die große Ameise birgt die Puppe der kleinen und trägt sie eiligen Laufs unter das Laub, und die kleine zerrt und quält sich ab, um die Puppe der großen Schwester zu retten. Die rothe Ameise ist fast die emsigste und ohne Zaudern rettet sie nicht nur die Puppen der eigenen Art, sondern auch gleich eilfertig jene der schwarzen Schwester, welche sie während der Gefangenschaft im Sacke so grimmig angegriffen und verfolgt oder getödtet hat.

Der Ameiser aber sitzt, sein Pfeifchen schmauchend, in einiger Entfernung und füllt von den Häufchen, welche die Ameisen aufgeschichtet haben, einen Becher nach dem andern mit den weißen Puppen, sodaß er an günstigen Tagen dreißig und vierzig Maß Puppen gewinnt, welche er an die Besitzer von Singvögeln in den größern Städten verkauft. Ist endlich keine Puppe mehr auf dem Tuche, so laufen die Ameisen über dasselbe hinaus in’s Freie, wo sie sich, nachdem die erste Verwirrung vorüber, bald in Familien sammeln, von den Fichten-, Tannen-, Föhren-, Lärchen- und Wachholder-Nadeln neue Haufen errichten und nach ein paar Jahren dem Ameiser in der bequemeren Lage am Fuße der Berge neue Beute liefern. Bei Sichtung des auf dem Tuche liegenden Materials ergiebt sich dann noch eine Menge wohlriechenden starkduftenden Harzes, das als gemeiner Weihrauch ebenfalls verwerthet werden kann. Es möchte Jedem, der Brustleiden hat, anzurathen sein, nach Enterrottach zu gehen und zugegen zu sein, wenn die Ameiser die vollen Säcke ausschütten und „auslaufen“ lassen. Ein kräfter Harzduft dringt in alle Adern und erfüllt die Atmosphäre ringsum. Wessen Brust dies nicht stärkt, der hat für seine Brust wohl nichts mehr zu hoffen.


[202] Am Kühzaggl – Ein Asyl für Erdmolche – Der Spitzingsee und seine Vergiftung – Die Wurzenhütte und die Geschichte von der Burgl und dem Jörgl.

Vom Enterrottacherhofe nach Nordosten führt ein Steig zur Höhe des fünftehalbtausend Fuß hohen Kuhzaggls, welcher das Thal von Schliersee vom Rottachthale scheidet; ein reichbewaldeter Bergrücken, der die Baumgarten- und die Bodenspitze verbindet und im hohen Winter dem nach Aeßung zu Thal steigenden Gemswild häufig als Uebergangspunkt dient. Am Felsenbette eines Giesbaches, rechts das wild geklüftete nördliche Gewände der Bodenspitze, zieht der Weg bergan; unfern dem Rücken ist in verborgener Einsamkeit in Mitte saftiger Wiesen eine Alme. Auch in die wasserreichen Gräben und Klüfte der Umgebung treiben die Dirnen ihre Kühe, denn dort ist gutes Futter. Oben am Höhensaum kreuzen sich die Ziehwege zu mehreren in den nächsten Bergen gelegenen Almen. Hier hatte einmal ein von dem Kirchweihfeste zu Egern, wo er all sein Geld verspielt hatte, auf dem Heimwege ins Thal nach Bairischzell begriffener Bursche den Einfall, seinem Verdrusse durch Aufhängen an einem Baume Luft zu machen, nachdem er zuvor das Motiv hierzu durch Umkehren sämmtlicher leeren Taschen dem redlichen Finder zu erkennen gegeben hatte. Fremde, welche zufällig vorbeipassirten, fanden den verzweifelten Humoristen entseelt und starr an einem Aste baumelnd. An jenem Tage wüthete ein Sturmwind in den Bergen, und die Bewohner schrieben ihn hintennach dem Selbstmörder zu, dessen arme Seele eben zur Unterwelt geführt würde. Heute noch bewahren die Sennerinnen ihr Vieh vor der Weide jener verrufenen Unheilsstätte, weil dort giftiges Gras wachse, und wenn je sich Eine gezwungen sieht, zur Dämmerzeit noch dort vorbeizukommen, so schlägt sie, die sonst muthige, ein Kreuz, beschleunigt ihre Schritte und betet laut ein Vaterunser für die schlechteste Seele im Jenseits. Das allein bannt den Geist des lockeren Vogels, der manchmal Felsbrocken von den Wänden löst und sie tückisch nach den Kühen schleudert. Mit Erhängten ist kein Spaß zu treiben, und sie sind schlimme Gesellschaft.

im Winter, wenn viel Schnee gefallen, geht auf Handschlitten aus den Hochforsten des Kuhzaggls viel Holz zu Thal, denn es giebt noch reiche Wälder hier, obgleich sie seit zehn Jahren fortwährend unter der rastlosen Axt stehen. Hoffentlich hat in weiteren zehn Jahren die liebe Aufklärung schöne Erfolge dort erzielt, und die niedergefällten Wälder werden Oedungen sein!

Vom Enterrottacher gegen Osten geht es gleich hinter dem Gute hinan zum Wasserfall der Bodenalme und der Bodenspitze. Dieser Wasserfall, nur im Frühjahr beim Schneethauen und nach heftigen Regengüssen im Sommer einigermaßen mit Wasser versehen, imponirt mehr durch die Kühnheit der Felspartien, durch die und über welche hinab in’s Thal derselbe den Weg nimmt. Vom Wasserfall führt der Steig an der steilen Wand hinauf, und zwei Mal schreitet man, links eine Wand und rechts den Abgrund, über einen schon halbverfaulten, schwankenden Baum, um den festen Boden jenseits der jähe hinabfallenden Schluchten zu gewinnen. Schon mancher Fremde, der die Höhe von dieser Seite erreichen wollte, ist hier wieder umgekehrt. Da blüht kein Alpenröslein, kein Rhododendron, kein Vergißmeinnicht, – nur der Teufelsapfel stinkt, nur der giftigen Einbeere eckige Frucht, nur der blaue Eisenhut (Giftwurzel mit seinen giftathmenden schönen Blüthen, nur der Seidelbast mit seinen wie Hyacinthen riechenden schädlichen Blüthen oder der hochrothen Beere winkt, und außer verworrenem Geisblattgestrüppe, Schlehdorn- und Braunbeerhecken [203] steht nur vereinzelt ein Wachholderbüschlein, die gemeine Erle oder eine verkümmerte Tanne. Nur der Adler senkt hungrig sich hieher, um kriechendes Gewürm in seinen Horst zu tragen, selten daß ein Haselhuhn quiekt oder ein Wiedehopf schreit. Der Erdmolch haust hier in großer Zahl, dieser träge und zornmüthige Geselle, ungiftig zwar, wenn nicht gereizt, aber mit übelriechendem und Geschwüre erregendem Schaume sich überziehend, sobald der unachtsame Fuß des Kletterers auf ihn tritt. Hunderte dieser häßlichen Thiere trifft man da, denn sie sind fruchtbar wie der Sand am Meere. Den Bewohnern gilt der Molch für den verlässigsten Wetterpropheten; steigt er bergan, so wird es heiter, und wenn bergab, so regnet und stürmt es bald. Auch heißen sie ihn den Wegnarren, und auf mich hat er in der That immer den Eindruck eines vierfüßigen Narren gemacht, wenn er mit gespreizten Füßen, glotzenden Augen, aufgeblähtem Körper und aufgesperrtem Maule sich gegen den Wanderer kehrt, der ihn doch mit einem Fußtritt vernichten kann. Die Sennerinnen müssen das Vieh, wenn es manchmal in die Gräben weidend hinabsteigt, hüten, damit es nicht trinkt aus Pfützen, wo der Molch badet; denn leicht erkrankt das Thier von dem Genusse jenes Wassers.

In tausend Windungen und in ewigem Zickzack kommt der Steig endlich droben auf einer Wiesenfläche, etwa tausend Fuß unter dem Scheitel der Bodenspitze, an; es ist ein längliches viereckiges Plateau, etwa 600 Schritte lang und 200 Schritte breit. Am westlichen Rande desselben stehen vier Sennhütten, die triftige Weide zieht sich empor zu der links steil sich erhebenden Spitze des Berges, das ist die Bodenalme. Rings glockenläutende Kühe. Ein frischer Luftzug streicht von den Tyroler Schneebergen her, deren eisige Häupter herüber ragen. Schauen wir zurück in das verlassene Thal; da drunten liegt es wie ein grüner schöngestickter Teppich, die Rottach zieht sich durch dasselbe wie ein Silberstreifen. Eingerahmt von lieblichen Matten und grünen Wäldern ziert der südliche Theil des Tegernsee’s den Thalgrund. Auf der hier offenen südlichen Seite des kolossalen Wallberges zeigen sich lieblich grünende Abhänge, an denen Hütte an Hütte klebt und manches Stück Vieh behaglich weidet, dessen Schellengeläute durch die von keinem Laute gestörte feierliche Ruhe traulich herübertönt.

Stärken wir uns, indem wir in eine der Sennhütten treten und die freundlich gebotenen Gaben genießen. Die Dirne giebt uns, was sie hat, Milch, Butter und Käse, und uns mundet herrlich, was sie uns gab; denn wer nie im Thale den Hunger kennt, jenes freudige Begehren des Magens nach Speise, – sicher lernt er es nach Ersteigung der Bodenalme kennen, leider ist dieselbe wasserarm; die Sennerinnen müssen den nöthigen Wasserbedarf ziemlich weit von unten herauf in Schäffeln auf dem Kopfe herschleppen. Gehen wir weiter mitten durch die weidende, den seltenen Fremden anstaunende Heerde nach der Länge des Wiesenplateau’s gegen Ost einem Walde zu. Hundert Pfade, von den Kühen getreten und deshalb für Menschenfüße bedenklich und zur Vorsicht mahnend, führen durch den Wald um den Bergrücken herum. Nach einer Viertelstunde sind wir vor dem Gehölze angekommen, und wir stehen an dem mit Zwerggehölze besetzten Rande eines steilen, grünen Abhanges, im Kreise herum erheben Felskolosse ihre Häupter, links ragt die Brecherspitze himmelan, gerade vor uns drunten im grünen Thale ist eine Alme, die Fürstalme; ein weiter Steindamm soll die Hütten schützen gegen die Steinbrocken, welche von den Wänden abgelöst manchmal in die Tiefe poltern.

Und was ist denn das dort, was trübe schimmert zwischen den Bergen? Es zieht von der Fürstalm ein Bach hinunter das enge Thal entlang zwischen einem Spalier von Fichten, und dort verliert er sich. Das ist der Spitzingsee, nahe an 5000 Fuß über dem Meere; melancholisch blickt er zu uns herauf, und in seinem matten Glanze spiegeln sich die Berge, die ihn umgeben, in ihm beschaut sich das Rind, das von den zahlreichen Almen an seine Ufer niedersteigt, um dort zu tränken. Um von unserer Höhe gerade hinab zu gelangen, müssen wir vorsichtig steigen; denn der Abhang ist von Felstrümmern und Gerölle überschüttet, und diese sind wieder von langem, aus den Spalten reichlich wachsendem Grase überdeckt, so daß die Lücken verborgen sind und der Fuß nur mit Mühe vor Straucheln geschützt werden kann. Drunten angekommen eilen wir auf weichem Wiesenboden am brausenden Bache fort und stehen bald mitten im Sumpfe, der den Spitzingsee umgiebt.

Nur eine einsame Möve schwärmt über dem matten Wasserspiegel. Was sucht sie? Einen Frosch etwa, dessen Gequake aus der Pfütze tönt? Der See ist ja fischleer! Vor Zeiten war’s anders. In reicher Menge lebte der Karpfen im dunklen Gewässer, und selbst die Forelle rieb ihr schlüpfrig Gewand an den Binsen und am Röhricht des Ufers. Das Recht des Fischens gehörte den Fischern des Schliersee’s. Diese stiegen mit Netz und Reusen herauf, um für das Stift Tegernsee oder für die zahlreichen Sommerfrischgäste in der Gegend einen Fang zu thun. Einst trafen sie mehrere Tyroler, die aus der nahen Heimath über das Gebirge gestiegen waren, um sich im Spitzingsee wohlfeilen Fischbraten zu holen, weil nach ihrer Ansicht die Fische Eigenthum Aller sind. Es kam zu Streitigkeiten und zu Schlägereien, und von nun an kamen die unberechtigten Fischer öfter als früher. Endlich schritten die Behörden ein, und die Freifischer erlitten harte Bußen. Jetzt kam zwar kein Tyroler mehr zum Fischen, aber eines Tags erzählten zu Thal gekommene Leute, sie seien am Spitzingsee vorbeigegangen und hätten an seinen Ufern Tausende von Fischen und Krebsen todt gesehen, ja, das ganze Spitzingthal stinke von Fischaas. Sogleich eilten die Fischer hinauf und fanden die Hiobsmähre wahr. Man vermuthete, es sei Gift in den See geworfen worden: von wem aber, hat Niemand sagen können. Seitdem sieht man keinen Fisch im Spitzingsee, selbst der Wurzenjörgl sieht keinen mehr und seine Burgl auch nicht, von denen ich drunten mehr sagen will.

Der von Nord nach Süd und in einem Kessel nach Nordwest sich ausdehnende Spitzingsee mag eine Meile im Umfange haben; seinem westlichen Ufer entlang zieht sich ein Sträßchen, das von der Kaiserclause am Valeppflüßchen und von Brandenberg und Rattenberg her führt und durch das Hochthal des Spitzing nach Schliers und in das Flachland Baierns hinausgeht. Am nördlichen Ufer des Sees ist die Spitzingalm, und um hundert Schritte weiter gegen Norden eröffnet sich eine herrliche Rundschau ins Land hinaus, in die umliegenden Tiefthäler und aus die majestätischen Kolosse, welche sie umgürten, als König der kühn über alle hinausragende Wendelstein. Zu Füßen tief drunten der Schliersee mit seinen lieblichen Ufergeländen, den freundlichen spitzthürmigen Kirchen in Nord und Süd, mit seiner grünenden Insel, der schattigen bergigen Halbinsel im Osten und der Burgruine in Mitte schwarzer Waldungen im Westen. Drüber hinaus aber schweift der Blick in der offenen Runde über tausend Orte, über Wälder und Flüsse bis hinunter zur Trausnitz, deren Herren die Gegend einst unterthan gewesen.

Auf dem Sträßchen von Nord nach Süd, am westlichen Gestade fortgehend, gelangt man zur sogenannten „Wurzenhütte“. Hier haust seit vielen Decennien der alte Jörgl mit der getreuen Burgl. In ihrer Jugend war die Burgl eine rothwangige frische Sennerin, der Jörg ein stämmiger Holzknecht. In den Bergen hatte der Zufall sie einst zusammengeführt, und die Liebe ließ sie einen Bund knüpfen. Doch waren Beide zu arm, um sich nach den Gesetzen und in Ehren ihren Heerd zu begründen; und dennoch mochten sie nimmer von einander lassen. Da faßten sie vor fünfzig Jahren einen originellen Entschluß. Jörg verstand Etwas vom Schnapsbrennen und er erhielt die Erlaubniß, am Ausfluß des Spitzingsees ein Blockhaus zu bauen und dort aus der ungemein heilkräftigen Schwarzwurzel (Enzian) Branntwein zu brennen, den die Gebirgsleute als Lebens-Elixir schätzen. Jörg dehnte die Fabrikation auch auf die Brunnenkresse, Wachholderbeere, Kalmus und dergleichen aus, und schließlich suchte er den freien Besitz der Burgl damit zu verbinden. Man ließ ihn aber nicht heirathen, weil der Hausstand nicht gesichert sei. Die Burgl trat nunmehr als gebirgs- und wurzelkundige Dirne zu Jörgl in Dienst als Wurzensammlerin. Als die Burgl die Jugendblüthe abgestreift hatte und in’s canonische Alter getreten war, wagte es Jörgl, sie als Häuserin in das Blockhaus aufzunehmen; die nächsten Jahre aber brachten eine Reihe von polizeilichen Verfolgungen wegen verbotenen Zusammenlebens, heirathen aber durften sie doch nicht. „Was die Lieb’ zusammengefügt,“ sagte mir die Burgl hierüber, „konnte der Pfleger nit trennen!“ – So oft ein Gensd’arm oder ein Scherge von Amts wegen kam, um nachzuschauen wie es mit der Lieb’ Jörgl’s zur Burgl stehe, mußt’ die Häuserin in ein großes leeres Branntweinfaß kriechen und da drinnen bleiben, bis die Kerle wieder gingen, was oft verzweifelt lange anstund, da ihnen der Enzian oder der Kalmus trefflich schmeckte. „Später,“ sagte Jörgl [204] mir hierüber, „gab ich den Burschen schlechten Fusel zu trinken, Und da blieben sie nie mehr lange in der Wurzenhütten. Einmal war wieder Einer gekommen, und die Burgl hatte nur mit genauer Noth in’s Faß wischen können. Drinnen aber fing die dumme Dirne zu lachen an, weil ich kurz zuvor was Spaßiges gesagt hatte, und der Scherge merkte nun den Braten und fand die Burgl bald, denn das Faß stand dort, wo es heut’ noch ist, neben dem Heerde. Die Burgl sollte mit aufs Pflegamt folgen, aber sie war stark, stieß den Schergen von der Straße in den See und entlief in die Berge. Da kam denn der Pfleger bald selbst hernach, um mir das Geschäft zu sperren und die Hütte anzuzünden. Ich bat und bat, Alles umsonst; schon legten die mitgekommenen Schergen Hand an, um des Pflegers Willen zu thun, als dieser von heftigem Leibschmerz befallen wurde, welcher ihm schier den Leib zerriß. In diesem Elend verhieß ich den Pfleger zu heilen, wenn er mir die Hütte und die Burgl überlasse. Noth bricht Eisen, er willigte ein, und ich gab dem kranken Pfleger ein Glas vom echten schärfsten Enzian. So überfiel ihn starker Schweiß, und ich rieth ihm, diesen durch starke Bewegung zu fördern, und er befolgte den Rath und ging heim, wo er darnach gesünder war als heute. Seitdem ist kein Polizeimann mehr, nach der Burgl zu suchen, gekommen! O, was so ein Leibschmerz zur rechten Zeit vermag!“

Vielleicht hätten die schon im vorgerückten Alter stehenden Liebenden nunmehr auch heirathen dürfen; aber es schien ihnen nimmer nöthig zu sein. Jetzt zählen sie mitsammen etwa 160 Lebensjahre, ein Muster deutscher Treue und Anhänglichkeit; aber heute noch klettern sie zwischen den Klippen umher, nach Wurzeln und Kräutern suchend. Sowohl die Lage der kleinen im dichten Laubschatten am Abflusse des Sees befindlichen Hütte, die großartige Natur ringsum, als auch die beiden Alten selbst, an deren Liebe heute kein Mensch mehr sich ärgert, locken im Sommer gar viele Fremde hierher, und gewiß erinnert sich Jeder zeitlebens mit Vergnügen an den Gang zur Wurzenhütte. Im Hinblicke auf die durchlittene Liebezeit scheinen Jörgl und Burgl heute noch, nicht ferne vom Rande des Grabes, Mitleid und Nachsicht mit den Liebenden der Umgegend zu üben; nicht selten trifft man im Blockhause oder in der Laube vor demselben Sennerinnen von den zahlreichen Almen, welche an der Seite ihres Galans, eines gebräunten Holzknechtes, sich in Liebesgeflüster ein Branntweinräuschlein anduseln. Ob Dulcinea Burgl den Ritter Jörgl heute noch so zärtlich liebt wie vor etlichen Jahrzehnten, vermag ich nicht zu sagen. Als ich das jüngste Mal in der Wurzenhütte einkehrte, sprach die bekümmerte Burgl in etwas zornigem Tone: „Ja, ja, der alte Lump macht guten Schnaps und trinkt ihn selber! Schaut nur da hinaus in die Holzschupfe!“ – Und wirklich lag zur hellen Mittagszeit der eisgraue Jörgl auf Hobelspänen in den Armen des Schlafes.



  1. Das Loos bezieht sich auf die Soldaten-Conscription; auf das Sterzinger Moos gehören nach dem Sprüchwort die alten Jungfern.