Zur sozialen Selbsthülfe

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Textdaten
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Autor: Fritz Kalle
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Titel: Zur sozialen Selbsthülfe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 71
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zur socialen Selbsthülfe.


Ein halbes Jahr etwa ist es her, daß in der „Gartenlaube“ die Mahnung an die deutschen Arbeitgeber erging, durch positives, auf Hebung der Arbeiter gerichtetes Wirken das Ihrige zur Herbeiführung des socialen Friedens zu thun. Eine ähnliche Aufforderung richtete in der Reichstagssitzung vom 17. September 1878 der durch seine humanitäre Wirkthätigkeit bekannte Elsässer Industrielle Jean Dollfus an das Bürgerthum, und eine Reihe von Stimmen unterstützte in der Tagespresse jene Mahnrufe. Daß sie Anklang fanden, wer will es bezweifeln? Sprachen die von Einzelnen gesprochenen und geschriebenen Worte doch nur die Empfindungen von Tausenden aus!

Man würde sich aber täuschen, wollte man glauben, daß die bisherige Agitation viel mehr gethan habe, als das Interesse für die Arbeiterfrage zu festigen bei denjenigen, die schon vorher ein Herz dafür hatten, zu werben bei einem Theile derjenigen, welche bisher der Sache gleichgültig gegenüberstanden. Der gute Wille ist gewiß gefördert, der große Schritt vom Gedanken zur That aber ist es, worauf es ankommt, und die That darf, wenn der Zweck, um den es sich handelt, in einigermaßen befriedigender Weise erreicht werden soll, keine vereinzelte sein. Dasjenige, was bereits früher von einzelnen Arbeitgebern gethan worden ist, war ja gar nicht unbedeutend, der Erfolg aber war ungenügend, weil die Allgemeinheit fehlte und die Gemeinsamkeit, ohne welche ein großer Theil der in Angriff zu nehmenden Aufgaben gar nicht zu lösen ist; ich erinnere nur an Pensionscassen, Veranstaltungen zur Förderung der Erziehung der Handwerkslehrlinge und Aehnliches. Einen wirklich praktischen Erfolg kann die Bewegung also erst dann gewinnen, wenn die Masse des Bürgerthums und besonders der Arbeitgeber zu gleichzeitigem und, wo dies nöthig ist, zu gemeinsamem Vorgehen angeregt wird.

Ein bedeutsamer, viel versprechender Schritt in dieser Richtung ist nun soeben gethan worden. An die deutschen Arbeitgeber wie an alle Freunde des Arbeiterstandes ist ein Aufruf ergangen zum Beitritt zu einem Verein, der sich „die geistig-sittliche Hebung und die möglichste Sicherung der materiellen Existenz der Arbeiter“ zur Aufgabe macht. Neben einer Anzahl von Vereinen und Vereinsvorständen haben diesen Aufruf unterzeichnet hervorragende Politiker, welche Interesse und Verständniß für die sociale Frage haben, darunter der Feldmarschall Graf Moltke, durch Wohlfahrtseinrichtungen für ihre Arbeiter bekannte Industrielle und Landwirthe und einige sonstige bewährte Freunde des Arbeiterstandes. Alle Theile Deutschlands, alle kirchlichen, politischen und wirthschaftlichen Richtungen, die extremen ausgenommen, sind hier durch rühmlich bekannte Namen vertreten.

Zu dem diesem Aufrufe beigegebenen Statutenentwurfe für den Verein, der den Namen „Concordia, Verein zur Förderung des Wohls der Arbeiter“ tragen soll, heißt es in § 1: „Zweck des Vereins ist Beförderung aller auf Erhöhung des Wohles der Arbeiter gerichteten Bestrebungen.“ § 2 lautet: „Der Verein sucht diesen Zweck zu erreichen: 1) dadurch, daß er den Arbeitgebern Anregung und Anleitung zur Schaffung von Einrichtungen giebt, welche geeignet sind, die Arbeiter in geistig-sittlicher, wie in materieller Beziehung zu heben. Die Thätigkeit des Vereins hat sich daher im Speciellen auf Gründung, Hebung und Förderung von allgemeinen und fachlichen Fortbildungsschulen, Bildungsvereinen, [72] Bibliotheken und Lesezimmern, Kranken-, Invaliden-, Wittwen- und Waisencassen, Consumvereinen, Menagen, Sparcassen, sowie Baugenossenschaften etc. zu beziehen. 2) Dadurch, daß er die Bildung der zur Lösung der genannten Aufgabe erforderlichen Arbeitgeber-Verbände sowohl anregt, wie unterstützt und die nöthige Verbindung unter denselben herstellt. 3) Dadurch, daß er eigene Schöpfungen zum Wohle der Arbeiter von sich aus, soweit möglich und das Bedürfniß sich herausstellt, in’s Leben ruft. Der Verein wird u. a. eine eigene Zeitschrift herausgeben, welche auch dazu benutzt werden soll, eine gewisse Vermittelung auf dem Arbeitsmarkt eintreten zu lassen. 4) Dadurch, daß er die Interessen des Vereins den öffentlichen Behörden gegenüber vertritt.“

Der neue Verein soll nur in einzelnen Ausnahmefällen und nur dort, wo es sich um Maßregeln handelt, die von Einzelnen oder von kleinen Verbänden nicht ausgeführt werden können, den Arbeitern unmittelbar zu Gute kommende Einrichtungen schaffen; seine Hauptthätigkeit wird vielmehr darin bestehen, zu derartigen Einrichtungen die Arbeitgeber anzuregen, ihnen dabei mit gutem Rath zur Hand zu gehen und insbesondere die theilweis zur Lösung der hierher gehörenden Aufgaben nöthige Bildung von Verbänden zu befördern, z. B. von Gewerken oder Verbindungen der Arbeitgeber verschiedener Gewerbe innerhalb gewisser Bezirke. Er soll also, wie ähnlich die „Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung“ auf dem Gebiete der freiwilligen Bildungspflege, so auf demjenigen der freien Tätigkeit für das Arbeiterwohl ein Mittel- und Stützpunkt werden.

Wie jedes Neue, so wird auch der Verein „Concordia“ gewiß Gegner finden, nicht nur unter den Socialdemokraten, die ja naturgemäß jedem Unternehmen, welches den Zweck verfolgt, Arbeiter und Arbeitgeber einander zu nähern, ihnen also ihr wirksamstes Agitationsmittel, den Classenhaß, raubt, feindlich entgegentreten werden, sondern auch unter dem nichtsocialistischen Bürgerthume selbst. Gegen billige Einwände wie die, daß wir schon zu viel Vereine hätten, daß die Arbeitgeber so wie so das Mögliche thäten, und was sonst dergleichen meist von der Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit eingegebene Einwürfe sind, brauche ich wohl kein Wort der Abwehr hier vorzubringen, dagegen will ich doch nicht versäumen, zwei scheinbar stichhaltige Gründe, welche unzweifelhaft von der einen oder andern Seite gegen das Project werden vorgebracht werden, von vornherein zurückzuweisen. Man wird behaupten, die Agitation des Vereins werde dahin führen, daß bei den Arbeitern unrealisirbare Hoffnungen geweckt würden, wodurch statt der erhofften Aussöhnung der Classen umgekehrt eine verschärfte Spannung eintreten könnte, und man wird ferner hervorheben, daß bei der voraussichtlich noch lange nicht beendeten, schwer auf Landwirthschaft und Industrie lastenden Geschäftskrise die meisten Arbeitgeber gar nicht in der Lage seien, größere Geldopfer für Wohlfahrtseinrichtungen zu bringen, wie der Verein sie anregen will.

Die zuerst ausgesprochene Befürchtung könnte gerechtfertigt sein, wenn innerhalb des Vereins die Theoretiker einen herrschenden Einfluß gewinnen sollten; aber, wie der erste Anstoß von Männern der Praxis ausging – nämlich vom Mittelrheinischen Fabrikanten-Verein – so wird auch die spätere Leitung des Vereins unter die Aufsicht von Praktikern gestellt werden, sodaß die in Rede stehende Gefahr von Seiten etwa der Vereinsbeamten (Generalsecretär, Redacteur etc.) gar nicht eintreten kann. Gegenüber dem Einwande aber, daß man in einer Zeit, in der viele Arbeitgeber kaum das Nöthigste und manche nicht einmal dies verdienen, nicht auch noch den Geschäftsinhabern große Ausgaben zumuthen könne, mache ich darauf aufmerksam, daß mehrere der wichtigsten und wirksamsten Maßregeln, die der Verein anregen soll, den Arbeitgebern materielle Opfer von Belang gar nicht auflegen, so die Inslebenrufung freier Innungen, so die auf Heranbildung eines moralisch und technisch tüchtigeren Handwerkerstandes gerichtete Verbesserung der Lehrlingserziehung durch die Meister, so die Schaffung von Bildungs- und ähnlichen Vereinen, welche, indem sie die Arbeiter mit den Arbeitgebern und mit den anderen Classen überhaupt als Gleichberechtigte zu gemeinsamer Arbeit und wohl auch zu gemeinsamer Erholung zusammenführen, in vortrefflicher Weise geeignet sind, dem Classenhaß entgegen zu wirken, – und so noch manches Andere.

Selbst die momentan ungünstig gestellten Arbeitgeber finden demnach schon jetzt in mehrfacher Beziehung bei dem Verein „Concordia“ nützliche Anregung und Anleitung; bessern sich später ihre Verhältnisse – und das dürfen wir doch nicht nur hoffen, sondern mit Bestimmtheit erwarten – dann werden sie auch an die kostspieligeren Einrichtungen, welche die günstiger Situirten alsbald zu treffen vermögen, herantreten können.

Jeder für diese Zwecke ausgegebene Betrag wird, die zweckentsprechende Verwendung vorausgesetzt, dem Arbeitgeber reiche Zinsen tragen. Je tüchtiger in technischer Beziehung der Arbeiter wird, auf je höhere Stufen der Sittlichkeit und Bildung er steigt und je mehr das Gefühl des Classengegensatzes und Neides demjenigen der Gemeinsamkeit weicht, desto mehr wird die Leistung des Arbeiters für den Arbeitgeber an Werth gewinnen.

Zum Schlusse bemerke ich noch, daß der Mittelrheinische Fabrikantenverein, dessen Bureau in Mainz ist, bis zur definitiven Constituirung die Zeichnungen und Beiträge für den neuen Verein entgegen nimmt. Die von der Mitgliedschaft handelnden Paragraphen des Statuts lauten: „§ 3. Mitglied des Vereins kann jeder im Besitze der staatsbürgerlichen Rechte befindliche großjährige Deutsche, und jede, gesetzliche Zwecke verfolgende Körperschaft werden. „§ 4. Die Höhe des jährlichen Beitrag jedes Mitglieds beruht auf Selbsteinschätzung. Der geringste Satz beträgt jedoch fünf Mark. Mitglieder, welche einen Jahresbeitrag von mindestens fünfundzwanzig Mark zahlen, erhalten das Vereinsblatt kostenfrei zugesandt.“

Möge der neue Verein überall die Sympathie finden, die er verdient, möge er die sich sonst nur allzu oft im Interessenkampfe feindlich Gegenüberstehenden zusammen führen zu gemeinsamem humanitären Wirken! Wird dieses Ziel erreicht, so wird die sociale Frage, wenn auch nicht vollständig gelöst, so doch ihres staats- und gesellschaftsgefährlichen Charakters entkleidet werden.

Fritz Kalle.