Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/August Friedrich Ferdinand von Kotzebue

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: August Friedrich Ferdinand von Kotzebue
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 221–222
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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August Friedrich Ferdinand von Kotzebue.
Geb. d. 3. Mai 1761, gest. d. 23. März 1819.


Dieser Dichter wandelte auf wechselvoller Bahn des Lebens, wie wenige vor und nach ihm; beliebt und mißliebig, gelobt und gescholten, anerkannt und verkannt, ein Märtyrer seiner Verirrungen; doch blieb Kotzebue als deutscher Theaterdichter so geschätzt, daß die kritischen Verlästerungen seiner Persönlichkeit nirgend rechten Boden haben finden können. Die Nachwelt wird ihn jedenfalls milder richten, als es später der politische Fanatismus that, der ihn meuchelmordete und unbedingt verdammte.

In Weimar, unter den günstigsten Sternen, wurde Kotzebue geboren und als Säugling schon vaterlos. Die wackere Mutter nahm sich eifrig seiner Erziehung an, förderte das jugendliche, früh bemerkbare poetische Talent des Knaben; das Gymnasium zu Weimar bildete ihn weiter aus, und er war fähig, schon mit dem 16. Jahre die Hochschule Jena zu beziehen. Diese Frühreife trägt selten die gehoffte Frucht; es müssen ganz besonders begabte Talente sein, die, allzufrüh zur Universität entsendet, den richtigen Weg finden sollen. Auch Kotzebue fand ihn nicht; er dichtete und schwärmte, statt zu studiren, und wurde Satyriker statt Anwalt, Schriftsteller statt Fachmann. Schon in früher Jugend hatte die Bühne vorzugsweise Kotzebue lebhaft angezogen, und er blieb der Neigung, für dieselbe thätig zu sein, durch ein von mannigfaltigen Schicksalen äußerst bewegtes Leben treu. Auf seine Ausbildung zum Schriftsteller übte der treffliche Musäus als Lehrer wie als Freund bedeutenden Einfluß; Wieland’s und Goethe’ große Beispiele spornten den Jüngling mächtig an, und es war nur zu beklagen, daß er beiden nicht mit mehr gediegenem Ernst nacheiferte.

Einige beißende Satyren Kotzebue’s machten in Weimar viel böses Blut, und er empfing den Rath, seine Geburtsstadt auf einige Zeit zu meiden. Empfehlungen brachten ihn in erwünschte Lebens- und Thätigkeitskreise nach Rußland, wo er sich verheiratete, Titularrath, Beisitzer des Oberappellationsgerichts zu Reval wurde, ja später sogar Präsident des Gouvernements-Magistrats für Esthland. Die höheren russischen dienstlichen Stellungen verleihen meist an sich den persönlichen Adel, und so erschien es als eine Satyre auf [Ξ] den Dichter des Don Ranudo de Cottberados, der humoristischsten Verspottung des Adels – daß ersterer sich nun bewogen fühlte, sich von Kotzebue zu schreiben und eine Schrift »über den Adel« erscheinen zu lassen.

Fortwährend thätig als Schriftsteller schrieb Kotzebue eine Menge Romane und Theaterstücke, von denen »Menschenhaß und Reue« und »die Indianer in England« ihm Ruf und Beliebtheit verschafften, die aller Orten aufgeführt, von hämischer Kritik aber dennoch hart mitgenommen und verketzert wurden, was dem sehr reizbaren Dichter zum Anlaß wurde, sich gegen die gesammte Kritik in eine Fechterstellung zu setzen, woran er sehr übel that, denn stets ist die beste Antikritik, zu schweigen, und zu suchen, durch ein besser gelungenes Werk das getadelte zu übertreffen.

Weit schlimmer als die Pfeile der Kritik es vermochten, verwundete sich Kotzebue selbst durch die anonyme Schrift: »Dr. Bahrdt mit der eisernen Stirne«, die für ihn bitter beschämende und mit Gram erfüllende Folgen hatte.

Den im November 1790 zu Weimar erfolgenden Tod seiner geliebten ersten Gattin, die ihm auf einer Badereise nach Deutschland gefolgt war, ertrug v. Kotzebue nicht mit der Würde, die dem Manne ziemt; er verließ sie, bevor sie verschieden war, drückte ihr nicht die gebrochenen Augen zu, sondern reiste, um sich zu zerstreuen, nach Paris, von da nach Mainz.

Im Jahre 1795 begab sich Kotzebue wieder nach Esthland, vermählte sich mit Fräulein Christiane von Krusenstern, die mit aller Liebe an ihm hing, und ihm ein glückliches Leben bereiten half. Reiche Mittel erlaubten, sich von amtlicher Thätigkeit zurückzuziehen, ein schönes, unabhängiges Dasein zu führen, und auf dem erworbenen kleinen Landsitz Friedenthal, acht Meilen von Narva, sich ausschließlich dem Dienst der Musen zu weihen. Aber Unruhe und eine Regsamkeit, die gebieterisch drängte, vor das Auge der Menge zu treten, bewogen Kotzebue, die Stelle eines Hoftheaterdichters in Wien anzunehmen, zu der er allerdings höchst berufen schien, die er aber kein Jahr aushielt, doch brachte sie ihm einen lebenslänglichen Ruhegehalt von 1000 Gulden.

Je mehr Kotzebue den Beifall der Menge durch seine Bühnenstücke sich gewann, um so mehr reizte und kränkte es ihn, sich von Goethe und dessen ruhmvollen Mitstrebenden keineswegs nach Wunsch anerkannt zu sehen, wozu noch die einseitige, albern vornehm thuende Kritik der sogenannten romantischen Schule kam, die überhaupt nur sich und ihre Günstlinge anerkannte. Statt auch hier der verweigerten Anerkennung, zu welcher doch niemand gezwungen werden kann, stolze Ruhe im Bewußtsein, nach Kräften das Gute und Schöne zu fördern, entgegenzusetzen, rächte sich die verletzte Eitelkeit durch die Satyre »der hyperboräische Esel« was nicht ohne auf ihn zurückfallenden Widerhall blieb. Dies verleidete Kotzebue Weimar abermals; er ging nach Rußland, versah es, die gefordert werdende persönliche Reiseerlaubniß vorn Kaiser Paul einzuholen, und mußte dafür und für einige spöttische Anzüglichkeiten über Paul nach Sibirien wandern. Ein Stück: »Der alte Leibkutscher Peter III.«, welches Lobsprüche auf den Kaiser enthielt, bewirkte die schnelle Rückberufung des Verbannten mir Courirpferden, brachte ihm den kaiserlichen Hofrathtitel, das Krongut Worrokoll in Liefland, und die Stelle des deutschen Hoftheaterdirektors in St. Petersburg mit einem Gehalt von 5000 Rubeln, neben Beneficien von seinen neuen Stücken. Das alles befriedigte abermals nicht auf die Dauer – v. Kotzebue nahm nach Kaiser Paul’s Tode den Abschied und kehrte, mit reichem Gnadengehalt entlassen, nach Deutschland zurück, wo wiederum Angriffe und Streitigkeiten ihm das Leben verbitterten.

Schon früher hatte sich Kotzebue mit Iffland befreundet – auch der letztere galt den romantischen Literaturtyrannen nichts – und zog jetzt nach Berlin. Iffland eröffnete das berliner Nationaltheater mit Kotzebue’s »Kreuzfahrer«, und dieser begründete die Zeitschrift: »Der Freimüthige«, um ein Organ für seine Fehden und Kämpfe zu haben. In Berlin wurde er Akademiemitglied, und empfing vom König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ein Lanonicat. Im Jahre 1803 starb ihm auch seine zweite Frau, und er ging abermals nach Paris, worauf er nach der Rückkehr und mehreren Reisen eine dritte Heirath mit einer nahen Verwandten seiner verstorbenen zweiten Gemahlin schloß.

Während v. Kotzebue seine schriftstellerische Thätigkeit mit Glück und Beifall auf dem Gebiete der dramatischen und erzählenden Muse fortsetzte, und auch nach dem Rufe des Historikers strebte, indem er in Wahrheit gründliche Studien zu einer älteren Geschichte Preußens machte – wozu er seinen Aufenthalt nach Königsberg verlegte, zogen sich die schweren Wetterwolken des Verhängnisses über Deutschland, über Preußen zusammen. Kotzebue hatte, einer der ersten unter den deutschen Schriftstellern, den Muth, offen gegen Napoleon zu schreiben, und dieß that er unermüdlich, verwischte aber leider später selbst das Andenken an seine deutschvaterländische Gesinnung, als er in dem von ihm begründeten »litterarischen Wochenblatt«, wie in dienstlichen Berichten an den Kaiser von Rußland, deutsche Männer verdächtigte, und den liberalen Zeit Ideen mit der Waffe des Hohnes und der Satyre entgegen trat. Alles, was damals die junge strebende Welt mit Hoffnungen erfüllte, mit schönen Zukunftträumen, der erwachte frische Geist deutschen Nationalbewußtseins, schien ihm eine Lächerlichkeit; vorzüglich focht er die Burschenschaft an, und aus deren Mitte fand sich der fanatische Rächer, der schwärmerische Student Karl Sand, der sich berufen fühlte, die politischen Irrthümer eines Schriftstellers mit dem Tode zu bestrafen. – Kotzebue wohnte mit seiner zahlreichen Familie jetzt in Mannheim, ein glücklicher Hausvater, gütig und liebevoll, wohlthätig, immer bemüht, erfreuendes neues zu schaffen, da traf ihn der Mordstahl – und es gab Menschen, hochgebildete sogar, deren politischer Wahnsinn diesen Mord heilig sprach. –